Offenbarende Formen physischen und verbalen Karmas

Andere Sprache

Kurzer historischer Hintergrund der Systeme Tsongkhapas und anderer Traditionen, die nicht der Gelug-Schule angehören 

Nun werden wir beginnen, uns Tsongkhapas Darstellung des Karmas des Prasangika-Systems innerhalb der Madhyamika-Schule anzusehen. Die Gelugpa-Schule, die von Tsongkhapa stammt, hat ihre eigene und besondere Weise, die Prasangika-Behauptungen geltend zu machen. Jemand hat gefragt, ob diese Darstellung von Tsongkhapa auch von anderen tibetischen Traditionen mit ihrem Verständnis und ihren Behauptungen in Bezug auf das Madhyamika-System anerkannt wurde. Ich habe erklärt, dass dort, soweit ich weiß, Asangas System mit einigen Änderungen auf der Grundlage des Verständnisses der Madhyamika-Schule akzeptiert wird, aber ich habe mich mit den Behauptungen der anderen Schulen in Bezug auf das Karma nicht wirklich tiefgreifend auseinandergesetzt. Tsongkhapa erkennt Vasubandhus System mit seinen Änderungen beruhend auf seinem Verständnis der Madhyamika-Schule an. Hier ist es hilfreich, den historischen Hintergrund zu verstehen. 

Sowohl Chandrakshita, als auch Kamalashila kamen, um das grundlegende philosophische System zu lehren und luden dann Guru Rinpoche, Padmasambhava, ein. Beiden stammten vom so genannten Yogachara-Zweig der Svatantrika-Madhyamika-Schule ab. Gemäß dieser Sichtweise akzeptierten sie (ähnlich wie beim Chittamatra), dass Objekt, Bewusstsein und Geistesfaktoren alle aus der gleichen Ursprungsquelle und vom gleichen karmischen Samen mit Nichtdualität hervorgehen. Da sie jedoch der Madhyamika-Schule angehörten, modifizierten sie das Chittamatra-Verständnis der Leerheit oder der Wirklichkeit in Bezug darauf, wie die Dinge existieren. Sie erkannten diesen nicht-dualen Aspekt an und hatten ein komplexeres Verständnis der Nichtdualität als im Chittamatra-System. 

Ob man es nun als Maha-Madhyamika, Selbstleerheit und Andersleerheit, oder als eine der vielen anderen Arten bezeichnet: die Betonung liegt innerhalb der Traditionen des tibetischen Buddhismus, die nicht der Gelugpa-Schule angehören, auf dieser Nichtdualität von Objekt und so genanntem Subjekt, dem Bewusstsein. Diese Sichtweise stammt aus dem Yogachara-System und hier passt das System von Asanga ziemlich gut, nachdem es auf gewisse Weise modifiziert wurde. Aber im Grunde war es für sie möglich, Asangas System zu modifizieren, wohingegen Tsongkhapa Schwierigkeiten damit hatte und daher auf das System von Vasubadhu zurückgriff. 

Ich finde es immer sehr lehrreich zu verstehen, warum es da diese Unterschiede gibt und woher sie kommen. Es hilft uns, keine sektiererische Sichtweise über diese Dinge zu entwickeln. 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Asangas und Tsongkhapas Systemen 

In Tsongkhapas System ist die Rede von geistigem Karma und in Asangas Darstellung ist das im Wesentlichen genauso. Da gibt es den zwingenden Drang, der uns auf den Pfad des geistigen Karmas führt, auf dem wir beispielsweise darüber nachdenken, wie wir etwas bekommen, wie wir jemanden verletzen oder eine andere Sichtweise widerlegen können. Das sind die drei Arten der destruktiven geistigen Aktivität. Sich zu überlegen, wie man etwas bekommen kann, ist ein Beispiel des Begehrens. Diese Aktivitäten gehen Hand in Hand mit den drei so genannten „giftigen Emotionen“: sehnsüchtiges Verlangen und Gier, Wut und Feindseligkeit, sowie Naivität. 

In Tsongkhapas System umfasst das geistige Karma den Drang, der uns nicht nur auf einen Pfad des geistigen Verhaltens, sondern auch auf einen des physischen oder verbalen Verhaltens führt. In Asangas System werden diese Dinge voneinander getrennt. Geistiges Karma bezieht sich hier nur auf geistiges Verhalten und physisches und verbales Karma auf den Drang nach physischem oder verbalem Verhalten. Tsongkhapa stimmt dem zu, aber bezeichnet nun alle drei als „geistiges Karma“. Hier haben wir eine unterschiedliche Benennung in einem anderen begrifflichen System, aber nach wie vor geht es um die gleiche Sache. Bei einigen physischen und verbalen Handlungen wird vorher etwas durchdacht und bei anderen nicht. Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Man kann über etwas nachdenken, bevor man es ausspricht oder man kann ganz spontan etwas sagen, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben. Hier wird also eine Unterscheidung gemacht. Es ist jedoch nicht notwendig, hier in weitere Einzelheiten zu gehen. 

Was aber eine physische oder verbale Handlung betrifft, kann man eine Motivation haben, wenn man beginnt darüber nachzudenken und eine andere, wenn man die Handlung tatsächlich ausführt. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung stammt aus der Zeit, als ich in Indien in einer sehr einfachen Hütte aus Lehm und Stein lebte, die irgendwann von Bettwanzen befallen war, die sich in den Wänden, der Einrichtung und einfach überall eingenistet hatten. Sie trieben mich in den Wahnsinn und ich konnte kaum noch meiner Arbeit nachgehen. In Bezug darauf, was für meine Arbeit am besten wäre, und mit dem Wunsch nach einer besseren Wiedergeburt für die Bettwanzen, entschied ich mich, sie mit einem chemischen Mittel zu vertreiben, um sie endlich loszuwerden. Denn sonst hätte ich das Haus den Bettwanzen überlassen und umziehen müssen, aber ich befand mich nicht auf der Ebene des Buddhas, der in einem früheren Leben, seinen Körper den hungrigen Tigern dargebracht hatte. Ich wollte mich einfach nicht den Bettwanzen überlassen. 

Meine Motivation war recht positiv, obwohl ich durch das Töten jemandem das Leben nehmen würde. Allerdings war ich dann schockiert über meinen Geisteszustand, als ich mit der Vernichtung begann, denn plötzlich hieß es: „Stirb, du Bastard“. Ich wollte die Wanzen wirklich töten, während sie versuchten zu entkommen und diese Aggression entwickelte sich während der eigentlichen Ausführung der Handlung und war etwas ganz anderes, als die so genannte „ursächliche Motivation“. Man bezeichnet sie auch als „gleichzeitig stattfindende Motivation“ und bezieht sich auf das, was uns während der Handlung tatsächlich dazu bringt, es sie zu begehen und was die Handlung aufrechterhält. Es könnte also etwas völlig anderes sein.

Das kann man an vielen Beispielen erkennen. Vielleicht haben wir eine Meinungsverschiedenheit mit jemandem und weil wir Frieden stiften wollen, versuchen wir mit der Person zu reden, werden aber im Laufe des Gespräches wütend. So etwas passiert. Der Punkt ist, dass der ethische Status des Verhaltens von der gleichzeitig stattfindenden und nicht von der ursächlichen Motivation bestimmt wird. Unsere guten Absichten, die wir am Anfang hegten, zählen nicht wirklich. Wenn wir während eines Gespräches mit der Person wütend und aggressiv werden, handelt es sich, trotz unserer guten Absichten, Frieden zu stiften, um eine destruktive Art des verbalen Verhaltens, weil unsere Rede im Grunde voller Wut ist. 

Die Analyse eines Pfades des Karmas ist eine weitere Gemeinsamkeit in beiden Systemen, natürlich mit dem Madhyamika-Verständnis bezüglich der Existenzweise. In beiden Systemen gibt es diesen ganzen Komplex einer Basis, eines motivierenden Bezugssystems, einer Anwendung oder Handlung und eines Endziels oder einem Erreichen des beabsichtigten Ergebnisses. Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: in dem motivierenden Bezugssystem gab es die Unterscheidung, die Absicht und die begleitende Emotion, die entweder positiv oder negativ war. Im Fall des geistigen Verhaltens sind der motivierende Drang oder das Karma und der Pfad des Karmas, zwei begrifflich isolierte Dinge. Sie sind nicht das Gleiche. Das stimmt mit Asangas Sichtweise in Bezug auf das geistige Karma überein. Um das klarzustellen: geistiges Verhalten bezieht sich auf das Nachdenken oder Überlegen, wie ich beispielsweise diese Bettwanzen töten werde. Ich denke darüber nach, was ich tun werde; ich ziehe in Betracht, das Gift zu kaufen und dieses oder jenes zu unternehmen. Es geht darum, dass wir das Karma und den Pfad des Karmas begrifflich isolieren und sie voneinander getrennt besprechen können, obwohl sie nicht wie Schachfiguren existieren. 

Das Einstufen physischen und verbalen Karmas als Formen physischer Phänomene in Tsongkhapas System 

Was jedoch die physischen und verbalen Handlungen betrifft, gibt es einen großen Unterschied zwischen den Betrachtungsweisen von Tsongkhapa und Asanga. In Tsongkhapas System ist der zwingende Drang, der uns zum physischen und verbalen Verhalten führt, das geistige Karma. Es befindet sich nach wie vor in der Kategorie des geistigen Karmas und ist daher eine geistige Sache, nicht wahr? Aber das physische oder verbale Karma ist nicht mehr eine Weise, sich etwas gewahr zu sein, wie ein Drang oder ein Geistesfaktor. Es ist die Form eines physischen Phänomens. Hier wird es kompliziert. Anstatt es als einen zwingenden Drang zu bezeichnen, denke ich, dass wir es vielleicht besser mit dem Wort Impuls verstehen könnten, da der Begriff „Drang“ immer noch recht geistig klingt. Ich weiß nicht, ob es im Deutschen ein anderes Wort dafür gibt, aber im Englischen ist ein Impuls eher physisch. Es handelt sich also um einen erzwungenen Impuls, der durch einen erzwungenen Drang hervorgerufen wird.

Offenbarende und nichtoffenbarende Formen 

In Bezug auf diesen Impuls gibt es zwei Aspekte des physischen und verbalen Karmas: die offenbarende Form (tib. rnam-par rig-byed-kyi gzugs) und die nichtoffenbarende Form (tib. rnam-par rig-byed ma-yin-pa'i gzugs). Sehen wir uns die Sanskrit-Begriffe dazu an und untersuchen die Grammatik, können wir verstehen, was sie bedeuten. Das, was ich mit „offenbarend“ übersetze, bezieht sich im Sanskrit (vijnapti) wörtlich auf etwas, das uns dazu bringt, eine Sache zu kennen. Es handelt sich um ein Substantiv, das aus der kausativen Form eines Verbs entstanden ist. Hier ist es wirklich hilfreich, wenn man Sanskrit-Grammatik studiert hat. Sie ist einer der Themenbereiche der fünf grundlegenden buddhistischen Wissenschaften, die man studiert und sie ist ausgesprochen nützlich. Was erfahren wir hieraus? Wir erfahren, dass der Handlung eine Motivation zugrunde liegt und daher bezeichne ich sie als „offenbarend“. Durch sie wird offenbart, dass ihr eine Motivation zugrunde liegt. Vielleicht weiß man nicht, welche Motivation es ist, aber es gibt eine Motivation, die ihr zugrunde liegt.

Die nichtoffenbarende Form (Skt. avijnapti) ist so subtil, dass durch sie nichts offenbart wird. Man kann aus ihr nicht erkennen, ob es eine Motivation gibt, oder wenn es eine gibt, welche es ist. Aus der offenbarenden Form kann man erkennen, dass ihr eine Motivation zugrunde liegt und man kann wahrscheinlich ahnen, welche es ist. Vielleicht liegt man damit jedoch falsch und kann sich nie wirklich sicher sein, solange man kein Buddha ist. Eine nichtoffenbarende Form ist jedoch sehr subtil und man kann aus der Form nicht ersehen, welche Motivation dahintersteckt. Eine offenbarende Form ist also etwas, das man sehen oder hören kann. Die nichtoffenbarende Form ist hingegen etwas, das man nur im Geist erkennen kann.

Denkt daran, dass es bei der Motivation um dieses motivierende Bezugssystem geht. Es gibt die drei Faktoren des Unterscheidens, der Absicht und der Emotion. Betrachten wir beispielsweise einen Ball oder einen Stein, der einen Berg hinunterrollt. Da gibt es etwas, das wir sehen können. Ist das eine offenbarende Form oder nicht? In so einer Diskussion wie dieser, über eine offenbarende Form und eine nichtoffenbarende Form, geht es nicht um eine Dichotomie, in der alle sichtbaren Dinge lediglich in diese zwei Bereiche unterteilt werden könnten. So ist das nicht, denn es gibt auch Dinge, die keins von beiden sind. Was ist der Unterschied zwischen mir, der den Berg hinunterläuft und dem Stein, der den Berg hinunterrollt? Hat der Stein entschieden, hierhin und nicht dorthin zu rollen? Hat er das getan? Nein. Hat sich der Stein im Voraus dazu entschlossen, den Berg hinunterzurollen und ist dann losgerollt? Nein, das hat er nicht. Ist der Stein in Besitz von Emotionen und ist ihm vielleicht langweilig dort oben? Will er den Berg hinabrollen, weil es dort womöglich interessanter ist? Das glaube ich nicht.

Wenn ich jedoch den Berg hinablaufe, offenbart diese Gestalt und die Form der Bewegung, dass ich mich entschieden habe, dorthin zu gehen. Es ist nicht willkürlich geschehen. Meine Absicht war es, dorthin zu gelangen und ich hatte einen Grund dafür. Ich war nicht zufrieden mit dem Ort, an dem ich mich befand und wollte etwas an diesem anderen Ort. Hinsichtlich des sichtbaren Verhaltens oder der Bewegung, sind einige davon offenbarend, wohingegen es sich bei anderen lediglich um die Bewegung von leblosen Objekten handelt. Reden wir von einer offenbarenden Form, geht es hier um etwas Lebendiges. Wir beziehen uns auf das, was ein fühlendes Wesen, etwas mit einem Geist, tut. Könnt ihr dem folgen, um was es hier geht?

Die zwanghafte Form von Handlungen und verbalem Karma 

Was nun körperliche Handlungen betrifft, bezieht sich die offenbarende Form auf die zwanghafte Form unserer Handlungen und die Gestalt, die unsere Taten annehmen. Wir müssen wirklich untersuchen, wovon hier die Rede ist. Es wird das Wort „Gestalt“ oder „Form“ benutzt, was, wie bereits angesprochen, ein bisschen schwierig ins Deutsche zu übersetzen ist. Es geht darum, was lebendige Objekte tun. Hier sollten wir darauf achten, uns nicht in der Gestalttheorie zu verlieren und alles zu verfälschen, wenn wir im Deutschen das Wort „Gestalt“ für den englischen Begriff „shape“ benutzen. Es geht vielmehr um die zwanghafte Form, die ein Aspekt des physischen Karmas ist und es handelt sich nicht nur um die zwanghafte Form des Verhaltens, sondern umfasst einen größeren Bereich.

Sehen wir uns das tibetische Wort „dbyibs“ für „Form“ oder „Gestalt“ an und geben es in unsere innere Suchmaschine ein, um zu sehen, wo das Wort in den buddhistischen Lehren sonst noch auftaucht, können wir es in Chandrakirtis Sieben-Punkte-Analyse des Wagens finden. Dort kommt das Wort vor. Ich werde jetzt nicht die gesamte Sieben-Punkte-Analyse des Wagens erklären, denn das ist eine komplexe Thematik. Jedoch können wir hier eine Definition des Wortes „Gestalt“ finden und es wird von Tsongkhapa sehr schön erklärt. Eine der sieben Alternativen oder Möglichkeiten ist die, dass der Wagen aus allen einzelnen Teilen besteht. Wenn wir den Wagen auseinandernehmen und alle Teile, wie das Rad, die Achse, den Sitz und all diese Dinge auf den Boden legen, kann man das dann als Wagen bezeichnen? Nein, das kann man nicht. Wir können als Beispiel auch unser Auto nehmen, denn heutzutage gibt es nicht mehr allzu viele Wagen. Die Form ist da, wenn alle Teile zusammengefügt und funktionsfähig sind. Das ist jedoch immer noch nicht der Wagen. Wenn keines der Teile der Wagen ist, wie kann das Ganze dann, wenn es zusammengesetzt und funktionsfähig ist, der Wagen sein? Ist keines der Teile der Wagen, woher kommt das ganze Ding dann? Es kommt aus dem, was ich vorher bereits erklärt habe. In der Sichtweise, die nicht zur Prasangika-Schule gehört, ist jedes der Teile eine selbst-begründete Entität und das Ganze ist ebenfalls eine selbst-begründete Entität. Somit wird der Wagen dem Ganzen zugeschrieben.

In Tsongkhapas Prasangika-System geht man hingegen davon aus, dass nichts in Bezug auf die Teile, das Ganze oder eine Grundlage, denen der Wagen zugeschrieben werden könnte, selbst-begründet ist. Ich versuche es mit nur wenigen Worten auszudrücken, aber leider es ist wirklich äußerst schwer zu verstehen und ausgesprochen tiefgründig.

Wenn die Figuren des Schachspiels nicht in Plastik eingekapselt sind, wie könnte dann das Spiel, das wir als „das Schachspiel“ bezeichnen, in Plastik eingekapselt sein? So etwas gibt es nicht. Leben wir eine Aufstellung davon an, dass es im Schach diese Figur und diesen Spielzug, sowie jene Figur und jenen Spielzug gibt, dass es immer nur einen Spielzug geben kann usw. und notieren wir all das auf einem Blatt Papier, ist das nicht das Schachspiel. Keiner der Spielzüge ist das ganze Schachspiel und wenn keiner der Züge das Schachspiel ist, wie kann dann das Ganze, zusammengefügt und funktionsfähig, das Schachspiel sein? Man könnte einen Film davon abspielen und behaupten, es würde sich um das Spiel handeln, aber es wird durch nichts auf Seiten der Figuren oder irgendeiner der Spielzüge begründet. Außerdem findet die Sache als Ganzes nicht einmal in einem Moment statt, oder tut sie das? Wie können wir also von einem Ganzen reden?

In diesem Zusammenhang wenden wir die Analyse des Wagens auf die Gestalt des Spiels an. Ich weiß, man kann das Wort „Gestalt“ in der deutschen Sprache nicht für ein unbelebtes Objekt benutzen, aber seien wir im Gebrauch der Sprache beim Übersetzen etwas flexibler und bezeichnen es als Gestalt des Spieles. Fügen wir nun alle Spielzüge und alle Figuren zusammen, würde das Spiel eine bestimmte Gestalt annehmen und wir könnten es sehen. Wir könnten ihm zusehen und wenden wir das auf die Analyse des Karmas an, sprechen wir von der Gestalt des Pfades des physischen Karmas. 

Vielleicht erinnert ihr euch: es war die Rede vom Pfad des physischen Karmas, der ein Komplex dieser vier Teile ist, die miteinander agieren. Da gibt es die Basis, das motivierende Bezugssystem, die Anwendung und ein Endziel nach einer zeitlichen Abfolge. Das ist der Pfad und er hat eine Gestalt, wenn all diese Teile zusammenkommen und fungieren. Als Ganzes betrachtet, kann man von einer Gestalt sprechen. Man kann sagen, es ist eine zwanghafte Gestalt und diese Gestalt offenbart, dass ein motivierendes Bezugssystem als Teil davon wirksam war. 

Der Nutzen, unser Verständnis des Karmas zu erweitern 

Erweitern und dehnen wir unser Verständnis des Karmas als Zwanghaftigkeit darüber hinaus aus, es lediglich als einen Teil in diesem Schachspiel zu sehen, den wir als Drang bezeichnen und der zu dem Verhalten führt, erkennen wir, dass es sowohl die Zwanghaftigkeit des Dranges gibt, der zu dem Verhalten führt, als auch eine zwanghafte Gestalt, die unser Verhalten annimmt. Beispiele von einer zwanghaften Gestalt sind zwanghaft zu viel zu reden, zwanghaft zu argumentieren oder zwanghaft zu rennen. Das Verhalten nimmt eine bestimmte Gestalt an und offenbart sie. Es wird von einem lebendigen Objekt ausgeführt und daher kann man ihm auch geistig eine Person zuschreiben. Die gesamte Abfolge ist hier zwanghaft: der Drang, der es hervorbringt und auch das Verhalten selbst. 

Wir erweitern also unser Verständnis darüber, was es bedeutet, Karma als Zwanghaftigkeit zu betrachten. Wir sind dazu in der Lage, weil wir uns in dem philosophischen System sicher fühlen und all die beteiligten Elemente nicht als Schachfiguren betrachten. Es ist ein offenes System und dies ist lediglich unser begriffliches Bezugssystem, mit dem wir verstehen können, was vor sich geht. Die Zwanghaftigkeit bezieht sich auf das Ganze, nicht nur auf den Drang als ein Teil in dem Schachspiel. Versteht ihr die Bedeutung dahinter? 

Arbeiten wir nun daran zu versuchen, uns von Karma zu befreien, versuchen wir nicht nur, eine Figur vom Schachfeld zu entfernen. Vielmehr geht es darum zu versuchen, das gesamte komplexe Syndrom all der Dinge zu beseitigen, die damit verbunden sind. Das ist eine ganz andere Strategie, wenn es darum geht zu verstehen, wie wir uns von Samsara befreien können, denn all die Elemente, die daran beteiligt sind, entstehen in Abhängigkeit, wenn wir mit dem begrifflichen Bezugssystem analysieren und verstehen wollen, was vor sich geht. Versteht ihr das? Bei dem begrifflichen Bezugssystem handelt es sich hier um das Bezugssystem des gesamten karmischen Vorgangs und nicht um ein paar isolierte Komponenten. Wollen wir uns folglich vom Karma befreien, müssen wir uns mit dem gesamten begrifflichen Bezugssystem des Ganzen befassen und nicht nur mit einem Teil dessen, was wir tun. Das ist hinsichtlich unserer Strategie, der wir folgen, recht tiefgreifend. 

Es ist keine sinnvolle Lösung, einfach das begriffliche Bezugssystem zu ändern oder gar kein begriffliches Bezugssystem zu nutzen und einfach zu versuchen, es unbegrifflich zu betrachten. Das wird uns nicht vom Leid befreien. Karma wird weiterhin am Werke sein, ob wir es nun durch ein begriffliches Bezugssystem verstehen oder nicht. Haben wir jedoch dieses begriffliche Bezugssystem, sind wir in der Lage, den Feind zu verstehen und wenn wir ihn verstehen, wissen wir, wie wir ihn bekämpfen können. 

Im Buddhismus nutzt man gern diese Art von militärischen Ausdrücken. Buddha stammte aus einer kämpferischen Kaste und daher kommt das wohl. Shantideva nutzt diese Ausdrücke überall; beispielsweise sagt er: „Der wahre Feind sind die störenden Emotionen in unserem Geist.“ Lasst euch nicht von den militärischen Ausdrücken stören. Wir wollen diese inneren Feinde, die uns solch große Probleme bereiten, nicht mit Aggression und Hass bekämpfen, sonder mit Mitgefühl. Wir üben uns nicht wegen der Wut, sondern für die Anderen in Mitgefühl, denn die Wut hält uns davon ab, anderen von Nutzen zu sein. Wir haben kein Mitgefühl gegenüber den störenden Emotionen. Shantideva sagt ganz klar, dass sie nicht das Objekt des Mitgefühls sind. Wir denken nicht: „Du arme Wut, ich werde nett zu dir sein.“ Laut ihm kommen diese Emotionen wieder zurück und werden uns noch mehr schaden. 

Die offenbarende Form des verbalen Karmas ist der Klang 

Ein letzter Punkt ist Folgender: Wenn wir über die offenbarende Form von verbalen Handlungen sprechen, geht es um Klang. Da gibt es diesen ganzen Komplex des Pfades, des verbalen Karmas, und wir können ihn hören. Befinden wir uns beispielsweise in einem Streit, dann ist dieser Klang – dieser Pfad als Ganzes, dieser gesamte Komplex, mit der Motivation, der Absicht usw. – die offenbarende Form des verbalen Karmas. Wenn wir einmal darüber nachdenken, ergibt das einen Sinn. Tue ich etwas mit Nachdruck, kann man sehen, dass dieser Handlung Aggression zugrunde liegt und sie ein Teil davon ist. Spreche ich auf eine bestimmte Weise, kann man aus dem Klang die Aggression in meiner Stimme erkennen, so, wie man auch die Aggression in einer bestimmten Bewegungsweise meines Körpers ausmachen kann. 

Kurze Zusammenfassung 

Fassen wir noch einmal zusammen:

  • Beim verbalen oder physischen Karma ist das physische oder verbale Karma der gesamte Pfad des physischen und verbalen Karmas. 
  • Beim geistigen Karma sind der Drang und der Pfad des Karmas zwei verschiedene Dinge, wohingegen sie beim physischen und verbalen Karma eins sind. 
  • Beim physischen und verbalen Karma ist der Pfad des Karmas ein Aspekt des Karmas, aber physiches und verbales Karma sind mehr als nur der Pfad des Karmas. Da gibt es noch etwas anderes – die nichtoffenbarende Form – und darüber werden wir nach dem Mittag reden.

Betrachten wir Karma als Zwanghaftigkeit, bezieht sich die Zwanghaftigkeit nicht nur auf den Drang, sondern im Falle physischen und verbalen Verhaltens, auch auf den Pfad. Die Zwanghaftigkeit bezieht sich auf alles: zunächst auf den Drang, mit dem wir die Handlung beginnen und dann auf das, was wir tun. Das umfasst den gesamten Pfad mit der Motivation, der Absicht und all den Dingen. Der Zwang bezieht sich auf das Ganze. Die Grundlage der Benennung des Karmas dehnt sich also viel weiter aus, als in dem System von Asanga. 

Top