Was ist Karma?

Mit Karma meinen wir die Gesamtheit unserer geistigen Impulse, die uns zum Handeln, Sprechen, Denken bringen.

Diese Impulse ergeben sich aus unseren Gewohnheiten. Im Laufe der Zeit eignen wir sie uns an; wir trainieren sozusagen unser Verhalten, unsere Reaktionen auf bestimmte Situationen. Man könnte sagen, unsere Gewohnheiten prägen die neuronalen Verbindungen im Gehirn. Wir reagieren im Rahmen unseres (neu­ronalen) Horizonts. Im gegenwärtigen Moment nehmen wir das als das jeweilige Gefühl wahr, das uns treibt: Es lässt uns impulsiv han­deln.

Oft wird Karma als Schicksal oder Bestimmung verstanden. Hat jemand etwa einen Unfall oder erleidet einen Verlust, heißt es, die Person habe Pech gehabt, dies sei nun mal ihr Karma. Diese Sichtweise verneint unsere persönliche Entscheidungsfreiheit und entspricht eher der Vorstellung von einem allmächtigen, göttlichen Willen – als etwas, das wir weder verstehen noch beeinflussen können. Das buddhisti­sche Verständnis von Karma ist anders. Karma beschreibt die geistigen Impulse, die unser Verhalten beeinflussen – und impliziert Wahlmöglichkeiten. Ganz konkret: Bin ich zum Bei­spiel wütend, kann ich meiner Wut freien Lauf lassen und mein Gegenüber anbrüllen. Ich kann mich aber auch zurückhalten und das Problem später ansprechen, wenn ich mich beruhigt habe.

So bestimmen karmische Impulse tatsächlich unser Leben: Verstauchen wir uns ständig die Knöchel oder sind wir achtsam beim Treppensteigen? Ein weiteres Beispiel, an dem sich das Prinzip von Karma gut veranschaulichen lässt: das Rauchen. Jede Zigarette führt zur nächsten. Je mehr wir rauchen, desto stärker wird unser Verlangen, am Rauchen festzuhalten. Bis wir uns schließlich zwanghaft – unserem karmischen Impuls folgend – eine Zigarette nach der anderen anstecken.

Karma erklärt also, woher unsere geistigen Impulse kommen: von unseren nach und nach antrainierten Verhaltensmustern. Zudem sagt es uns viel darüber, wie unser gegenwärtiges Ver­halten in Zukunft wirken wird. Um das Beispiel noch einmal aufzugreifen: Wer raucht, macht sich nicht nur jetzt abhängig von der zwanghaften Handlung des Rauchens, sondern beein­trächtigt seine körperliche Konstitution auch zukünftig. Langfristig erhöhen Raucher für sich das Risiko, an Krebs zu erkranken. Sowohl der aktuelle Impuls, immer wieder zur Ziga­rette zu greifen als auch die mögliche Folge einer Erkrankung sind Ausdruck unseres gewohnheitsmäßigen Handelns.

Wir nennen dies „das Reifen von Karma“.

Karmische Muster verändern

Die gute Nachricht ist: Wir haben Einfluss auf unser Karma. Mit Karma können wir uns bewusst werden, warum wir uns in einem Moment leicht und glücklich und dann wieder so unglück­lich fühlen. Unsere unmittelbare Wahrnehmung, all unsere Eindrücke und Gefühle sind letztlich Resultate unseres Verhaltens. Das bedeutet aber auch, dass alles, was wir tun und was uns geschieht keinesfalls von außen auferlegt worden ist. Weder dem Schicksal noch einer Vorherbestimmung sind wir hilflos ausgeliefert.

Der Begriff „Karma“ bezeichnet eine aktive Kraft und zeigt an, dass zukünftige Ereignisse in unserer Hand liegen. – Dalai Lama

Auch wenn es sich so anfühlt, als seien wir Spielball unserer Gefühle und Gewohnheiten, sagt uns der Buddhismus: Wir können Gewohnheiten überwinden. Die Entscheidung, uns zu verändern und auch völlig neue Wege einzuschlagen, liegt zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens ganz bei uns. Wir erinnern uns: Es sind letztendlich neuronale Impulse, und die lassen sich verändern – durch unser Verhalten.

Denn zwischen dem Moment, in dem wir ein Gefühl wahrnehmen und dem Moment, in dem uns der karmische Impuls dazu drängt, diesem Gefühl impulsiv nachzugeben, liegt ein kurzer, kostbarer Zeitraum. Diesen Raum können wir nutzen. Wir müssen nicht immer unmittelbar ausführen, was uns durch den Kopf geht. Das lernen wir schon als Kind (zum Beispiel, ganz elementar, für eine Zeit innezuhalten, bis wir zur Toilette gehen können). Genauso können wir heute üben, nicht immer impulsiv zu reagieren. Wir müssen nicht sofort etwas Verletzendes erwidern, wenn wir wütend sind oder uns beleidigt fühlen. Die Worte mögen uns schon auf der Zunge liegen, aber noch sind sie nicht gesprochen: Wir haben die Wahl! („Soll ich das wirklich aussprechen oder lasse ich es lieber?“) Die wunderbare Fähigkeit, zwischen destruktiven und konstrukti­ven Handlungsweisen zu unterscheiden, gehört zum Menschsein. Darin liegt unser großer, menschlicher Vorteil.

Natürlich ist es nicht leicht, von jetzt auf gleich de­struktive Handlungen abzulegen. Schließlich sind sie Teil unserer Gewohnheiten. Zunächst müssen wir Raum schaffen, geistigen Raum, der uns erlaubt, achtsam gegenüber Gefühlen zu sein. Deshalb sehen wir uns in der buddhistischen Praxis dazu aufgefordert, unseren Geist zu beruhigen und uns in Achtsamkeit zu üben.

Für gewöhnlich geht uns eine Fülle von Gedanken und Gefühlen durch den Kopf; wir sind nahezu überwältigt davon und reagieren einfach wie gewohnt. Wir reflektieren nicht. Wir sind so unachtsam, dass wir uns fortlaufend Schwierigkeiten einhandeln …

Beruhigen wir hingegen unseren Geist, wird es uns immer leichter fallen, achtsam gegenüber unseren Gedanken zu sein, achtsamer zu werden für das, was wir sagen und tun. Wir beginnen, genau zu beobachten. („Ich bin wütend auf Dich und möchte Dich das spüren lassen. Aber es wird Dich verletzen und das wird zu weiteren Schwierigkeiten zwischen uns führen. Es ist also besser, ich behalte es zunächst für mich.“) So lernen wir, bewusst zwischen konstruktivem und destruktivem Handeln zu unterscheiden.

Bestimme deine Zukunft selbst

Ein Verständnis für Karma zu entwickeln hilft uns schon heute, in die Zukunft zu blicken. Dazu brauchen wir keine hellseherischen Fähigkeiten. Wir beobachten und deuten einfach unser vergangenes und gegenwärtiges Verhalten: Konstruktive Handlungen sind solche, die auch langfristig zufriedenstellende, positive Folgen für uns und andere haben, destruktives Verhalten dagegen zieht unerwünschte Konsequenzen nach sich.

Wie genau eine karmische Handlung reift, hängt allerdings von vielen Faktoren ab. Wenn wir einen Ball in die Luft werfen, gehen wir davon aus, dass er dem Gesetz der Schwerkraft folgt und zu Boden fällt. Wir können in das Geschehen eingreifen und es dadurch verändern: den Ball auffangen, zum Bespiel. So verhält es sich auch mit Karma.

Karma ist nicht in Stein gemeißelt

Gegebenheiten, Handlungen und persönliche Neigungen beeinflussen das Reifen von Karma zu jeder Zeit. Karma ist nicht determiniert und in Stein gemeißelt – wir können eingreifen. Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn ich mich sehr ungesund ernähre, muss ich damit rechnen, mich auf Dauer unwohl zu fühlen und womöglich gesundheitliche Probleme zu bekommen. Verändere ich meine Essgewohnheiten positiv, verbessere ich mein Wohlgefühl – sehr wahrscheinlich auch für die Zukunft (weil ich weniger leicht krank werde).

Stoßen wir uns den Knöchel an der Bettkante, empfinden wir Schmerz, ganz unmittelbar, auch ohne an Karma oder an Ursache und Wirkung zu glauben. Einfach so, ohne gedanklichen Überbau, können wir uns über konstruktive Handlungen freuen oder Leid als Folge destruktiver Verhaltensweisen erleben.

Wenn wir unsere Gewohnheiten bewusst steuern und sie gegebenfalls verändern, wenn wir uns in heilsamem Verhalten üben, erleben wir Schönes und Positives – ganz unabhängig davon, woran wir glauben.