Buddhismus in der heutigen Welt

Der Theravada-Buddhismus in Süd- und Südost-Asien

Indien

Im 7. Jahrhundert begann der Buddhismus in Indien an Einfluss zu verlieren und nach dem Fall des Pala-Reichs im 12. Jahrhundert verschwand er außer in den weit nördlich gelegenen Himalaja-Regionen nahezu ganz. Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Wiederbelebung des Buddhismus in Indien, als Anagarika Dharmapala, eine führende buddhistische Persönlichkeit aus Sri Lanka, gemeinsam mit britischen Wissenschaftlern die Mahabodhi-Gesellschaft gründete. Ihre Hauptzielsetzung bestand darin, die buddhistischen Pilgerstätten in Indien wieder in Stand zu setzen, und es gelang, an allen buddhistischen Stätten Tempel zu errichten, in denen Mönche lebten.

In den 1950er Jahren begann mit dem Inder Ambedkar eine neo-buddhistische Bewegung, die vor allem in der Kaste der Unberührbaren Zulauf hatte, von denen Hunderttausende zum Buddhismus konvertierten, um der Diskriminierung zu entgehen, die mit der Zugehörigkeit zu ihrer Kaste verbunden war. In den vergangenen zehn Jahren zeigen auch die Angehörigen der städtischen Mittelklasse zunehmend Interesse am Buddhismus. Gegenwärtig beträgt der Anteil der Buddhisten etwa 2 % der indischen Bevölkerung.

Sri Lanka

Sri Lanka war Zentrum buddhistische Studien, seit der Buddhismus im 3. Jahrhundert v.Chr. von Mahendra, dem Sohn des indischen Herrschers Ashoka, dort eingeführt worden war. In Sri Lanka konnte der Buddhismus am längsten ununterbrochen fortbestehen. Auch dort gab es lange Perioden des Niedergangs in Kriegszeiten und seit dem 16. Jahrhundert, als die Insel kolonialisiert wurde, auch aufgrund von Bekehrungen durch christliche Missionare.

Im 19. Jahrhundert erlebte der Buddhismus mithilfe britischer Wissenschaftler und Theosophen eine starke Wiederbelebung, und aufgrund dessen ist der Buddhismus Sri Lankas manchmal als „protestantischer Buddhismus“ bezeichnet worden, da viel Gewicht auf Studien, pastorale Aktivitäten der Mönche für die Laiengemeinde und Meditationsübungen für Laien gelegt wurde. 1948 erlangte das Land Unabhängigkeit, und seitdem ist das Interesse an der Wiederbelebung buddhistischer Religion und Kultur stark gestiegen.

Heute sind 70 % der Einwohner Sri Lankas Buddhisten, und die Mehrheit davon folgt der Theravada-Tradition. Nach einem 30-jährigen Bürgerkrieg ist in Sri Lanka ein Ansteigen von nationalistischen buddhistischen Strömungen zu verzeichnen; einige Organisationen wie zum Beispiel die Bodu Bala Sena (buddhistische Streitmacht) rufen zu anti-muslimischen Aufständen und Angriffen auf gemäßigte buddhistische Persönlichkeiten auf.

Myanmar (Burma)

Historische Forschungen belegen, dass der Buddhismus in Burma auf eine Geschichte von mehr als 2000 Jahren zurückblicken kann, und gegenwärtig gehören 85 % der Bevölkerung dem Buddhismus an. Es gibt eine lange Tradition, in der das Hauptgewicht in der Gemeinschaft der Ordinierten auf eine ausgewogene Kombination von Meditation und Studium gelegt wird und die Laienanhänger einen starken Glauben bewahren. Einer der berühmtesten burmesischen Buddhisten unserer Zeit war S.N. Goenka, der als nicht monastischer Lehrer die Methoden der Vipassana-Meditation lehrte.

Seit Burma 1948 die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte, wurde der Theravada-Buddhismus sowohl von der Zivilregierung als auch von der Militärregierung unterstützt. Unter dem Militärregime gab es strenge Kontrollen des Buddhismus, und Klöster, die Dissidenten beherbergten, wurden für gewöhnlich zerstört. Oft standen Mönche in vorderster Reihe politischer Demonstrationen gegen die Militärregierung, so zum Beispiel während des Volksaufstands „8888 Uprising“ und der Safran-Revolution 2007.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind verschiedene nationalistische Gruppen entstanden, die versuchen, den Buddhismus zu erneuern und dem Islam entgegenzutreten. Ashin Wirathu, der leitende Mönch der „Gruppe 969“ hat sich selbst als „burmesischer Bin Laden“ bezeichnet und zum Boykott von Geschäften mit muslimischen Besitzern aufgerufen. Unter dem Vorwand, „den Buddhismus zu schützen“ gab es Ausbrüche von Gewalt gegen Moscheen und Häuser von Muslimen, und Gegenangriffe von Muslimen fachten die Flammen der Animositäten weiter an.

Bangladesch

Bis zum 11. Jahrhundert war der Buddhismus die vorherrschende Religion in Bangladesch. Heute sind weniger als 1 % der Bevölkerung Buddhisten; diese leben hauptsächlich in den Chittagong Hill Tracts nahe der burmesischen Grenze.

In der Hauptstadt Dhaka gibt es vier buddhistische Tempel, und zahlreiche weitere Tempel befinden sich in den Dörfern im östlichen Landesteil. Doch abgeschnitten von Burma ist das Ausmaß buddhistischer Praxis und das Verständnis des Buddhismus ziemlich gering.

Thailand

Seit Beginn des 5. Jahrhunderts n.Chr. wurde der Buddhismus in den südostasiatischen Reichen eingeführt. Man folgt der Theravada-Tradition, wobei jedoch starke Einflüsse von Volksreligion und Hinduismus sowie auch von Mahayana-Buddhismus zu beobachten sind. Anders als in Sri Lanka und Burma gab es hier allerdings nie eine Überlieferung der Ordination von Frauen. Fast 95 % der Landesbevölkerung sind Buddhisten.

Die klösterliche Gemeinschaft ist in Thailand nach der Struktur der thailändischen Monarchie gestaltet. Sie wird von einem höchsten Patriarchen und einem Ältestenrat geleitet, die beide dafür verantwortlich sind, die Reinheit der Tradition zu bewahren. Es gibt klösterliche Gemeinschaften, die in den Wäldern leben, und solche, die in Dörfern leben. Beide genießen großes Ansehen und Unterstützung seitens der Laien-Gemeinden.

Die Bettelmönche in den Traditionen der Waldklöster leben in abgelegenen Dschungelgebieten, widmen sich intensiver Meditation und halten sich strikt an die monastischen Regeln. Die Mönche in den Dörfern sind hauptsächlich damit befasst, sich Texte einzuprägen und Zeremonien für die Menschen der Region durchzuführen. In Übereinstimmung mit dem kulturspezifischen thailändischen Glauben an Geister stellen sie auch Schutz-Amulette für die Laienbevölkerung her. Es gibt eine buddhistische Universität für Mönche, in der die Ordinierten hauptsächlich darin ausgebildet werden, buddhistische Schriften aus dem klassischen Pali in die heutige thailändische Sprache zu übersetzen.

Laos

Der Buddhismus gelangte erstmals im 7. Jahrhundert n.Chr. nach Laos, und heute bekennen sich 90 % der Bevölkerung zum Buddhismus, wobei dieser mit animistische Elementen vermischt ist. Während der kommunistischen Regierungszeit unterdrückten die Machthaber die Religion zunächst nicht ganz und gar, sondern benutzten den buddhistischen Sangha, um ihre politischen Ziele zu fördern. Mit der Zeit wurde jedoch der Buddhismus massiver Unterdrückung unterworfen. Seit den 1990er Jahren ist ein Wiederaufleben des Buddhismus zu beobachten. Die meisten Laoten sind sehr fromm und die meisten Männer leben zumindest für kurze Zeit in einem Kloster und Tempel. Die Familien bringen den Mönchen Speisen dar und besuchen an Vollmondtagen den Tempel.

Kambodscha

Der Theravada-Buddhismus ist seit dem 13. Jahrhundert Staatsreligion in Kambodscha, und noch heute sind 95 % der Bevölkerung Buddhisten. In den 1970er Jahren gelang es dem Regime der Roten Khmer fast, den Buddhismus zu vernichten; bis 1979 hatten sie nahezu alle Mönche ermordet oder ins Exil getrieben und sämtliche Tempel und Bibliotheken waren zerstört.

Nach der Wiedereinsetzung von Prinz Sihanouk als König wurden die Restriktionen nach und nach aufgehoben und das Interesse am Buddhismus nahm wieder zu. Die Kambodschaner glauben auch stark an Wahrsagen, Astrologie und eine Geisterwelt. Mönche sind oft auch Heiler. Buddhistische Mönche führen ein umfassendes Spektrum von Zeremonien durch, von der Namensgebung für Kinder bis hin zu Hochzeiten und Feuerbestattungen.

Vietnam

Der Buddhismus gelangte vor 2000 Jahren nach Vietnam, zuerst aus Indien, dann aber vor allem aus China. Im 15. Jahrhundert fiel er jedoch bei den herrschenden Klassen in Ungnade. Eine Wiederbelebung erfolgte erst im frühen 20. Jahrhundert, doch in der republikanischen Zeit wandten sich Strömungen, die den Katholizismus befürworten, gegen Buddhisten. Heute bekennen sich nur 16 % der Bevölkerung zum Buddhismus, der jedoch immer noch die größte Religion des Landes ist. Mittlerweile hat sich das Verhältnis der Regierung zum Buddhismus etwas gelockert, aber weiterhin dürfen Tempel nicht unabhängig vom Staat aktiv sein.

Indonesien und Malaysia

In diese Länder gelangte der Buddhismus etwa im 2. Jahrhundert n.Chr. über Handelsrouten aus Indien. Im Verlauf seiner Geschichte wurde der Buddhismus hier die meiste Zeit über Seite an Seite mit dem Hinduismus praktiziert, bis im 15. Jahrhundert das letzte hinduistisch-buddhistische Reich, Majapahit, fiel. Anfang des 17. Jahrhunderts war bereits der Islam vollständig an die Stelle der früheren Religionen getreten.

Gemäß dem „Panchasila“-Grundsatz der indonesischen Regierung müssen die offiziell anerkannten Religionen Glauben an Gott bekunden. Im Buddhismus wird kein Gott im Sinne eines individuellen Wesens angenommen, aber dennoch wird der Buddhismus anerkannt aufgrund seiner Aussagen über einen „Adibuddha“, einen „ersten Buddha“, wie er z.B. im Kalachakra-Tantra beschrieben ist, das 1000 Jahre zuvor in Indien weit verbreitet war. Der Adibuddha ist der allwissende Schöpfer aller Erscheinungen; er ist jenseits von Zeit und anderen Begrenzungen, und obwohl er als symbolische Gestalt dargestellt wird, handelt es sich im Grunde nicht um ein Wesen. Adibuddha befindet sich als die Natur des klaren Lichts des Geistes in allen Wesen. Beruhend auf diesen Aussagen wurde der Buddhismus neben dem Islam, Hinduismus, Konfuzianismus, Katholizismus und Protestantismus als offizielle Religion anerkannt.

Mönche aus Sri Lanka hatten versucht, auf Bali und in anderen Teilen Indonesiens den Theravada-Buddhismus wiederzubeleben, jedoch nur in begrenztem Rahmen. Diejenigen, die auf Bali Interesse daran zeigen, sind Anhänger der traditionellen balinesischen Mischung von Hinduismus, Buddhismus und einheimischem Geisterglauben. In anderen Teilen Indonesiens gehören die Buddhisten, die etwa 1 % der Bevölkerung ausmachen, den Gemeinden der Auslandschinesen an. Zudem gibt es einige sehr kleine Religionsgemeinschaften indonesischer Buddhisten, die Aspekte des Theravada-, chinesischen und tibetischen Buddhismus miteinander kombinieren.

In Malaysia gehören 20 % der Bevölkerung dem Buddhismus an, und auch dabei handelt es sich hauptsächlich um Auslandschinesen. Vor etwa 50 Jahren nahm das Interesse am Buddhismus ab, und 1961 wurde die „Buddhist Missionary Society“ gegründet, mit dem Ziel, den Buddhismus zu verbreiten. In den letzten zehn Jahren ist auch unter jungen Leuten eine rege Zunahme buddhistischer Praxis zu beobachten. Mittlerweile gibt es zahlreiche Theravada-, Mahayana- und Vajrayana- Zentren in Malaysia, die gut finanziert und unterstützt werden.

Der Mahayana-Buddhismus in Ostasien

Volksrepublik China

In den vergangenen 2000 Jahren chinesischer Geschichte kam dem Buddhismus eine vorherrschende Bedeutung zu, und der chinesische Buddhismus hat wiederum eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Buddhismus in Ostasien gespielt. In der frühen Tang-Dynasty (618-907 n.Chr.) herrschte eine Blütezeit des Buddhismus, in der Kunst und Literatur florierten.

Während der Kulturrevolution in den 1960er und 70er Jahren wurde die Mehrzahl der buddhistischen Klöster in China zerstört und die meisten der gut ausgebildeten Mönche, Nonnen und Lehrer wurden hingerichtet oder inhaftiert. In Tibet und der Inneren Mongolei wurde die Unterdrückung des Buddhismus in noch schlimmerem Ausmaß betrieben. Als in China Reformen zugelassen wurden und eine gewisse Öffnung stattfand, wuchs das Interesse an traditionellen Religionen wieder. Neue Tempel wurden gebaut und alte restauriert. Die meisten der Menschen, die sich einem Kloster anschlossen, stammten aus armen und ungebildeten Familien auf dem Land, und der Ausbildungsgrad blieb gering. Viele Tempel fungieren lediglich als Sehenswürdigkeiten für Touristen und die Ordensmitglieder als Eintrittskarten-Verkäufer und Tempelwärter.

Heute zeigt eine große Anzahl von Chinesen Interesse am Buddhismus und die Zuwendung zum tibetischen Buddhismus nimmt merklich zu. Momentan wird der Anteil der Buddhisten an der Bevölkerung auf 20 % geschätzt, und überall in China herrscht in den Tempeln während der Öffnungszeiten reges Treiben. Seit die Menschen wohlhabender geworden sind und ein geschäftigeres Leben führen, versuchen viele, dem Stress zu entkommen indem sie sich mit chinesischen und tibetischen Buddhismus befassen. Viele Han- Chinesen haben besonderes Interesse am Buddhismus; dem kommt entgegen, dass eine zunehmende Anzahl tibetischer Lamas auf Chinesisch lehrt.

Taiwan, Hongkong und Regionen mit Auslandschinesen

Die ostasiatischen Traditionen des Mahayana-Buddhismus, die in China ihren Ursprung haben, sind in Taiwan und Hongkong am stärksten. Taiwan besitzt eine starke klösterliche Gemeinschaft von Mönchen und Nonnen, die von den Gemeinden der Laien großzügig unterstützt werden. Es gibt buddhistische Universitäten und buddhistische Wohlfahrtsorganisationen. Auch Hongkong hat eine florierende monastische Gemeinschaft. Das Hauptgewicht in den Gemeinden der Auslandschinesen in Malaysia, Singapur, Indonesien, Thailand und auf den Philippinen liegt auf Zeremonien zum Wohle der Ahnen sowie für den Erfolg und Wohlstand der Lebenden. Es gibt zahlreiche Medien, die sich in Trance zu versetzen, damit buddhistische Orakel durch sie sprechen, und die Angehörigen der Laien-Gemeinden konsultieren sie vor allem, um gesundheitliche und psychologische Probleme zu lösen. Chinesische Geschäftsleute, die die wesentliche Antriebskraft hinter den rasch anwachsenden Wirtschaftssystemen dieser Länder, den so genannten „asiatischen Tigern“, ausmachen, geben oft großzügige Spendenbeträge, damit Mönche Rituale für ihren finanziellen Erfolg durchführen. Auch in Taiwan, Hongkong, Singapur und Malaysia gibt es eine steigende Anzahl tibetischer Buddhisten.

Südkorea

Von China aus erreichte der Buddhismus im 3. Jahrhundert n.Chr. die koreanische Halbinsel. In Südkorea ist der Buddhismus immer noch relativ stark vertreten, obwohl Angriffe von Seiten fundamentalistischer christlicher Organisationen zunehmen. In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche buddhistische Tempel von solchen Gruppen zerstört oder durch Brandstiftung beschädigt. 23 % der Bevölkerung sind Buddhisten.

Japan

Von Korea aus gelangte der Buddhismus im fünften Jahrhundert nach Japan und nahm fortan eine vorherrschende Rolle in der japanischen Gesellschaft und Kultur ein. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es eine Tradition verheirateter Tempelpriester, für die kein Verbot alkoholischer Getränke gilt. Diese Priester traten nach und nach an die Stelle der traditionellen zölibatären Mönche. Im Laufe der Geschichte waren einige der buddhistischen Traditionen extrem nationalistisch eingestellt und betrachteten Japan als eine Art exklusives buddhistisches Paradies. In neuerer Zeit bezeichnen sich auch einige fanatische Verkünder des Weltuntergangs als Buddhisten, aber ihre Vorstellungen haben kaum etwas mit den Lehren Buddhas zu tun.

Etwa 40 % der Bevölkerung sind Buddhisten, wobei die meisten Japaner den buddhistischen Glauben mit der ursprünglichen japanischen Religion, dem Shintoismus, vermischen. Geburten und Eheschließungen werden gemäß den Shinto-Bräuchen gefeiert, buddhistische Priester leiten die Feuerbestattungen.

Japanische Tempel sind sowohl für Besucher als auch für Touristen ästhetisch ansprechend gestaltet; viele davon sind allerdings auch stark kommerzialisiert. Wirkliches Studium und Praxis sind größtenteils von untergeordneter Bedeutung. Eine der größten buddhistischen Organisationen der Welt, Sokka Gakai, hat ihren Ursprung in Japan.

Der Mahayana-Buddhismus in Zentralasien

Tibet

Bereits im 7. Jahrhundert n.Chr. gelangte der Buddhismus nach Tibet. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Buddhismus unter königlicher Schirmherrschaft und mit Unterstützung der Aristokratie tief in fast allen Bereichen tibetischen Lebens verwurzelt.

Nach der Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China wurde der Buddhismus in Tibet strengstens unterdrückt. Von 6500 Klöstern blieben nur 150 übrig, alle anderen wurden zerstört, und die weitaus überwiegende Mehrzahl ausgebildeter Ordensmitglieder wurde entweder hingerichtet oder starb in Konzentrationslagern. Nach der Kulturrevolution wurde der Wiederaufbau von Klöstern hauptsächlich von früheren Mönchen, der einheimischen Bevölkerung und Exil-Tibetern eingeleitet, wohingegen die Regierung sich lediglich am Aufbau von zwei oder drei Klöstern beteiligte.

Die kommunistische Regierung Chinas ist atheistisch, gestattet aber fünf „anerkannte Religionen“; eine davon ist der Buddhismus. Zwar behauptet die Regierung, sich nicht in religiöse Angelegenheiten einzumischen, aber als der Dalai Lama einen tibetischen Jungen als Reinkarnation des Panchen Lama anerkannte, dauerte es nicht lange, bis dieser mitsamt seiner Familie verschwand. Kurz darauf arrangierte die chinesische Regierung eine eigene Suche, die zum Auffinden eines Jungen führte, der halb chinesischer, halb tibetischer Herkunft ist. Der Junge, den der Dalai Lama ausgewählt hatte, wurde seither nicht mehr gesehen.

Heute gibt es in jedem Kloster und jedem Tempel ein von der Regierung gesandtes Arbeitsteam. Es besteht aus Polizisten in Zivil sowie auch Frauen, die bei verschiedenen Aufgaben „behilflich sind“. D.h. im Wesentlichen, dass sie die monastische Gemeinschaft überwachen und darüber Bericht erstatten. In manchen Fällen sind diese Arbeitsgruppen zahlenmäßig genauso groß wie die Anzahl der im Klosters Lebenden selbst. Abgesehen von der Einmischung der Regierung ist eines der wesentlichen Probleme, denen Buddhisten in Tibet gegenüberstehen, der Mangel an qualifizierten Lehrern. Mönche, Nonnen und Laien sind allesamt sehr lernbegierig, aber die meisten Lehrer besitzen nur eine sehr begrenzte Ausbildung. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat die Regierung eine buddhistische „Universität“ in der Nähe von Lhasa errichtet. Sie dient als Ausbildungsstätte für junge Tulkus, die dort Tibetisch, Kalligraphie, Medizin und Akupunktur sowie ein wenig buddhistische Philosophie lernen. Das digitale Zeitalter hat viele junge Tibeter dem Buddhismus nähergebracht. Viele von ihnen sind Mitglieder von „Wechat“- und „Weibo“-Gruppen (chinesischen Chat-Groups und Blogs), in denen buddhistische Lehren und Geschichten weitergegeben werden. Mehr über Buddhismus zu erfahren gilt inzwischen als eine Möglichkeit, seine Identität als „echter Tibeter“ zu stärken.

Ostturkestan

Die meisten Klöster der in Ostturkestan (Xinjiang) ansässigen kalmückischen Mongolen wurden während der Kulturrevolution zerstört. Einige sind inzwischen wieder aufgebaut worden, aber hier herrscht noch schlimmerer Mangel an Lehrern als in Tibet. Neu ordinierte junge Mönche sind sehr entmutigt angesichts der fehlenden Studienmöglichkeiten, und viele haben das Gebiet verlassen.

Innere Mongolei

Die schlimmste Situation für tibetische Buddhisten unter den Machthabern der Volksrepublik China bestand jedoch in der Inneren Mongolei. Die meisten Klöster in der westlichen Hälfte der Region wurden während der Kulturrevolution zerstört. In der östlichen Hälfte, die früher zur Mandschurei gehörte, waren viele Klöster bereits Ende des Zweiten Weltkriegs von Stalins Truppen vernichtet worden, als die Russen halfen, Nordchina von der japanischen Besatzung zu befreien. Von 700 Klöstern blieben nur 27 übrig.

Seit den 1980er Jahren werden Anstrengungen unternommen, Tempel neu zu errichten und Klöster wieder aufzubauen. Nicht nur Mongolen, sondern auch Han-Chinesen besuchen die Klöster und Tempel.

Mongolei

In der Mongolei gab es einst Tausende von Klöstern, die 1937 jedoch alle auf Befehl von Stalin entweder teilweise zerstört oder völlig vernichtet wurden. 1946 wurde in Ulan Bator als Vorzeige-Institution ein Kloster wiedereröffnet und in den 1970er Jahren eine fünfjährige Ausbildung für Mönche angeboten. Der Lehrplan war stark gekürzt und legte großes Gewicht auf marxistische Studien; den Mönchen wurde außerdem gestattet, für die Öffentlichkeit eine begrenzte Anzahl von Ritualen durchzuführen. Nach dem Sturz des Kommunismus im Jahr 1990 fand mit Hilfe von Exil-Tibetern eine starke Wiederbelebung des Buddhismus statt. Viele neue Mönche werden zur Ausbildung nach Indien entsandt, und mehr als 200 Klöster sind in bescheidenem Rahmen wiederaufgebaut worden.

Eines der schwerwiegendsten Probleme, denen sich die Buddhisten in der Mongolei gegenübersehen, ist die Ankunft aggressiv tätiger mormonischer und baptistischer christlicher Missionare, die unter dem Vorwand in die Mongolei gekommen waren, hier Englisch unterrichten zu wollen. Sie bieten den Menschen Geld und Unterstützung dafür an, ihre Kinder in Amerika studieren zu lassen, wenn sie zum mormonischen bzw. baptistischen Glauben übertreten, und verteilen kostenlose, schön gestaltete und in mongolischer Umgangssprache geschriebene Broschüren über Jesus. Die meisten buddhistischen Tempel können damit einfach deshalb nicht Schritt halten, weil sie finanziell nicht dazu in der Lage sind. Da auf diese Weise immer mehr junge Leute zum Christentum hingezogen werden, haben buddhistische Organisationen begonnen, Informationen über Buddhismus in Form von gedruckte Materialien in der Umgangssprache sowie in Fernseh- und Radiosendungen zur Verfügung zu stellen. Zurzeit sind 55 % der Bevölkerung Buddhisten.

Exil-Tibeter

Die stärkste der tibetischen Traditionen Zentralasiens befindet sich in der tibetischen Flüchtlingssiedlung in der Nähe Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, der seit dem Volksaufstand gegen die chinesische Militärbesetzung Tibets im Jahr 1959 im Exil in Indien lebt. Dort wurden die wichtigsten Klöster und auch einige der Nonnenklöster Tibets neu errichtet; diese bieten die vollständige traditionelle Ausbildung für Mönche und Gelehrte, Meister der Meditation und Lehrer. Sie beinhalten Bildungseinrichtungen, Möglichkeiten zu wissenschaftlichen Forschungen und Veröffentlichungen, sodass sämtliche Aspekte aller Schulen der tibetisch-buddhistischen Tradition bewahrt bleiben.

Die Exil-Tibeter haben dazu beigetragen, den Buddhismus in den Himalaya-Regionen von Indien, Nepal und Bhutan, einschließlich Ladakh und Sikkim, neu zu beleben, indem sie Lehrer entsandten und Überlieferungslinien wieder neu übertrugen. Viele Mönche und Nonnen dieser Regionen erhalten ihre Ausbildung in den Klöstern der tibetischen Exilsiedlungen.

Nepal

Die Mehrheit der nepalesischen Bevölkerung ist hinduistisch, doch es gibt im Geburtsland Buddhas noch immer starke Einflüsse buddhistischer Kultur. Volksgruppen wie die Newari, Gurung und Tamang praktizieren die traditionelle Form des nepalesischen Buddhismus. Die Buddhisten machen 9 % der Bevölkerung aus

Da man hier einer Mischung aus Buddhismus und Hinduismus folgt, findet sich in Nepal die einzige buddhistische Gesellschaftsform, die in den Klöstern die Kastenunterschiede beibehält. In den letzten 500 Jahren hat es auch verheiratete Mönche mit erblicher Kastenzugehörigkeit gegeben, die Tempelhüter und Ritualleiter wurden.

Russland

Burjatien, Tuwa und Kalmückien sind drei traditionell tibetisch-buddhistische Gebiete in Russland. Alle Klöster in diesen Regionen wurden in den späten 1930er Jahren auf Befehl Stalins völlig zerstört; lediglich drei in Burjatien wurden nur beschädigt. In den 1940er Jahren ließ Stalin in Burjatien zwei Vorzeige-Klöster wieder eröffnen; sie unterstanden strikter Überwachung durch den KGB, und ehemalige Mönche, die den Mönchsstatus aufgeben mussten, trugen tagsüber Roben als Dienstkleidung, um Rituale durchzuführen. Nach dem Sturz des Kommunismus fand eine umfassende Wiederbelebung des Buddhismus in allen drei Regionen statt. Die Exil-Tibeter schickten Lehrer, und neue junge Mönche werden zur Ausbildung in die tibetischen Klöster nach Indien gesandt. Über 20 Klöster wurden in Burjatien, Tuva und Kalmückien wieder errichtet.

Nicht-buddhistische Länder

Im Zuge der europäischen Kolonialisierung buddhistischer Länder und durch Aktivitäten christlicher Missionare und Gelehrte gelangte im 19. Jahrhundert detailliertes Wissen über den Buddhismus nach Europa. Etwa zur gleichen Zeit errichteten chinesische und japanische Einwanderer in Nordamerika buddhistische Tempel.

Überall auf der Welt finden sich heute alle Formen des Buddhismus auch in Ländern, die nicht traditionell buddhistisch sind. Dafür sorgten im Wesentlichen zwei Gruppen: asiatische Einwanderer und nicht-asiatische Praktizierende. Asiatische Einwanderer haben insbesondere in den USA und Australien sowie in gewissem Ausmaß auch in Europa zahlreiche Tempel ihrer jeweiligen Tradition aufgebaut. Der Schwerpunkt der Aktivitäten dieser Tempel liegt darauf, devotionale Praktiken zu fördern und ein Gemeinschaftszentrum zu schaffen, das den Einwanderern hilft, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Heute gibt es mehr als vier Millionen Buddhisten in Amerika und über zwei Millionen Buddhisten in Europa.

Mittlerweile finden sich weltweit in über hundert Ländern tausende buddhistische „Dharma-Zentren“ aller Traditionen, die über alle Kontinente verteilt sind. Die meisten dieser tibetischen, Zen- und Theravada-Zentren werden von Menschen frequentiert, die nicht asiatischer Herkunft sind, und das Hauptgewicht liegt auf Meditation, Studium und rituellen Praktiken. Zu den Lehrern gehören sowohl westliche Menschen als auch ethnische Buddhisten aus Asien. Die größte Anzahl von Zentren befindet sich in den USA, Frankreich und Deutschland. Zahlreiche ernsthafte Studenten reisen nach Asien, um ihre Schulungen zu vertiefen. Zudem gibt es an vielen Universitäten überall auf der Welt buddhistische Studienprogramme sowie einen stetig wachsenden Dialog und Austausch zwischen Vertretern buddhistischer und anderer Religionen und Wissenschaften einschließlich Psychologie und Medizin. In diesem Zusammenhang hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama eine überaus bedeutende Rolle gespielt.