Was ist Dzogchen?

Dzogchen hat vielleicht den Ruf, mühelos zu sein, aber um es überhaupt richtig praktizieren zu können, muss man erst einmal enorme Anstrengung aufbringen, um zu begreifen, was die äußeren und inneren vorbereitenden Übungen sind. In Verbindung mit Beharrlichkeit und Weisheit wird Dzogchen zu einer ungemein tiefgründigen und effektiven Methode, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erreichen.

Dzogchen ist ein äußerst weit fortgeschrittenes System der Meditation über die tiefsten, subtilen, grundlegenden Ebenen des Geistes. Das Wort „Geist“ bezieht sich auf die ununterbrochene geistige Aktivität kognitiver Befassung mit Objekten, die unter einem anderen Gesichtspunkt auch als geistige Aktivität des Hervorbringens von Erscheinungen (geistigen Hologrammen) beschrieben werden kann.

Das Wort „Dzogchen“ bedeutet „große Vollendung“ und bezieht sich auf die Tatsache, dass alle Qualitäten der Buddhaschaft auf der Ebene von Rigpa (reinem Gewahrsein), der zutiefst grundlegenden Ebene all dieser Qualitäten, vollkommen sind. Dem anfangs- und endlosen „grundlegenden Rigpa“ braucht nichts hinzugefügt zu werden, aber diese Qualitäten sind zurzeit nicht in vollem Ausmaß in Funktion. Der Grund dafür ist, dass gleichzeitig damit ein verschleiernder Faktor von Benommenheit (Verblendung) auftritt, der ebenfalls ohne Anfang ist.

„Benommenheit“ ist ein automatisch auftretendes mangelndes Gewahrsein der leeren Natur aller Phänomene – der völligen Abwesenheit unmöglicher Arten zu existieren. Es verdunkelt das sogenannte „reflexive Gewahrsein“ seiner eigenen reinen Natur, das Rigpa innewohnt. Diese reine Natur ist von dreifacher Qualität:

  • Ursprüngliche Reinheit – sie ist leer von allen gröberen Ebenen der Wahrnehmung (von begrenztem Gewahrsein, tib. sem), auf denen begriffliche Wahrnehmung, störende Emotionen und auch gewöhnliche Sinneswahrnehmungen auftreten. Sie ist außerdem rein bzw. frei von allen unmöglichen Arten zu existieren.
  • Müheloses Hervorbringen – sie bringt alle Erscheinungen (geistige Hologramme) hervor.
  • Reaktionsfähigkeit – sie strahlt nach außen in Reaktion auf Ursachen, Umstände und die Bedürfnisse anderer. In gewisser Weise „kommuniziert“ sie mitfühlend mit diesen Bedürfnissen.

Diese dreifache Natur bildet – in dieser Reihenfolge - die Voraussetzung für unsere Fähigkeiten von Körper, Sprache und Geist.

Wenn das grundlegende Rigpa mit dem vorübergehenden Faktor Benommenheit einhergeht, fungiert es als „Alaya für Gewohnheiten“ - grundlegendes Gewahrsein, dem Folgendes zugeschrieben wird:

  • Erinnerungen
  • karmische Potenziale und Tendenzen
  • Tendenzen für störende Emotionen und nominell störende Emotionen
  • Gewohnheiten, sich an unmögliche Arten der Existenz zu klammern.

Ziel der Dzogchen-Meditation ist, die wahre Beendigung der Benommenheit und damit die wahre Beendigung des Alaya für Gewohnheiten und infolgedessen die vollständige Funktionsfähigkeit all der zu Rigpa gehörigen guten Qualitäten zu erlangen, um allen Wesen auf vollkommene Weise von Nutzen zu sein.

Dzogchen wird in Tibet in der Nyingma- und in der Bön-Tradition gelehrt; es wurde später auch in die verschiedenen Kagyü-Schulen mit aufgenommen. Im Klassifizierungssystem der Nyingma-Tradition, das neun geistige Fahrzeuge aufzählt, ist Dzogchen das höchste der sechs Tantra-Fahrzeuge: Atiyoga. Heute wird Meditation im Stil des Dzogchen jedoch häufig auch außerhalb des Kontextes von Sutra und Tantra gelehrt, zum Beispiel als Methode, um den Geist zur Ruhe zu bringen und die vollkommene Konzentration von Shamata (stillgewordener und zur Ruhe gekommener Geisteszustand) zu erreichen. Dafür kann sie sehr effektiv sein. Doch um Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, wird Dzogchen-Praxis erst auf der Grundlage ausführlicher Studien und Übungen durchgeführt, nämlich nach ausgiebiger Beschäftigung mit

  • den äußeren Vorbereitungen - dem kostbaren menschlichen Leben, Unbeständigkeit, den Leiden von Samsara, karmischen Ursachen und Wirkungen (Ethik), den Vorteilen von Befreiung (Entsagung) und einer gesunden Beziehung zu einem qualifizierten spirituellen Lehrer
  • den inneren Vorbereitungen – Zuflucht (sichere Richtung) in Verbindung mit Niederwerfungen, Bodhichitta basierend auf Liebe und Mitgefühl, Vajrasattva-Reinigungsmeditationen, Darbringen von Mandalas, Chöd-Praxis mit Darbringung des eigenen Körpers und Guru-Yoga.

Nachdem man all das vollständig ausgeführt hat, ist es erforderlich, eine tantrische Initiation zu erhalten und alle Gelübde, die in Verbindung damit abgelegt werden, genau einzuhalten. Beruhend darauf sind überdies erforderlich:

  • die Praxis von Mahayoga-Tantra – Gottheiten-Yoga mit Buddha-Gestalten und Mantras
  • die Praxis von Anuyoga-Tantra – die Arbeit mit den subtilen Energiewänden, Kanälen und Energie-Tropfen.

Ohne durch all diese Praktiken sowie die Inspiration und genaue Anleitung durch einen qualifizierten Meister starke positive Kraft (Verdienst) und tiefes Gewahrsein entwickelt zu haben, kann die Dzogchen-Praxis nicht gelingen. Dazu ist sie viel zu subtil und schwierig.

Man beginnt mit der Dzogchen-Meditation, indem man ohne vorgefasste Vorstellungen, Erwartungen oder Besorgnis die geistige Aktivität so weit zur Ruhe bringt, dass zwischen begrifflichen Gedanken im Sinne von „dies“ und „das“ ein Raum entsteht. Entstehen, Verweilen und Vergehen eines jeden Moments und jeder verbalen Silbe solchen Denkens sind gleichzeitig. Dies können wir nur dann richtig erkennen, wenn wir zuvor die Madhyamaka-Darstellung der Leerheit von Entstehen, Verweilen und Aufhören eingehend studiert und darüber meditiert haben und uns über die völlige Abwesenheit eines auffindbaren „Ich“, das diesen Prozess kontrolliert oder beobachtet, im Klaren sind. Indem man sich das gleichzeitige Entstehen, Verweilen und Vergehen fortlaufend vergegenwärtigt, ist keine bewusste Anstrengung erforderlich: Verbales begriffliches Denken „befreit sich“ automatisch selbst - d.h., es verschwindet von selbst – und wir kommen im Raum zwischen den Gedanken zur Ruhe.

Als nächstes gilt es das gleichzeitige Entstehen, Verweilen, und Aufhören der Mikrosekunden unserer unbegrifflichen Sinneswahrnehmungen zu erkennen. Während dieser Mikrosekunden – die unglaublich schwer zu unterscheiden sind – nehmen wir lediglich die Sinnesinformation nur jeweils eines Sinnes war (beispielsweise nur farbige Formen), bevor sie begrifflich mit der Information anderer Sinne und mit Informationen weiterer Mikrosekunden in Verbindung gebracht und diese geistige Synthese dann als „dieses“ oder „jenes“ konventionelle Objekt bezeichnet wird. Wenn wir imstande sind, uns auf der Ebene geistiger Aktivität zwischen diesen Mikrosekunden aufzuhalten, sind wir zum Alaya für Gewohnheiten gelangt. Allerdings ist das immer noch eine Art von begrenztem Gewahrsein, weil es immer noch mit dem Faktor Benommenheit verbunden ist.

Wir müssen noch tiefer gehen und zu subtileren Ebenen gelangen, damit wir den kognitiven Zwischenraum erfahren und erkennen, in dem tiefes Gewahrsein seiner eigenen dreifachen Natur (ursprüngliche Reinheit, spontanes Hervorbringen und Reaktionsfähigkeit) vorhanden ist. So tief vorzudringen gelingt mit Hilfe unseres Dzogchen-Meisters, der spezielle Methoden anwendet, um uns in die Lage zu versetzen die Natur des Geistes zu erkennen. Da wir zuvor die Bahnen unserer Energie-Kanäle durch die Übung von Anuyoga „geölt“ haben, lösen sich alle gröberen Ebenen geistiger Aktivität automatisch auf, ohne dass man sich bewusst anstrengen muss, dies zu veranlassen.

Mit dem Aufhören der Benommenheit wird unser Alaya für Gewohnheiten zu „strahlendem Rigpa“. Das ist Rigpa in dem Aspekt, dass es kognitive Erscheinungen (geistige Hologramme) aktiv hervorbringt und auch erkennt, wobei Ersteres mehr im Vordergrund steht. Aber wir müssen noch tiefer gehen. Während wir auf das gleichzeitige Entstehen, Verweilen und Aufhören der Mikrosekunden der reinen Erscheinungen des strahlenden Rigpa ausgerichtet bleiben, müssen wir das „essenzielle Rigpa“ erkennen. Das ist Rigpa in dem Aspekt, dass es „offener Raum“ bzw. die „Sphäre der Erkenntnis“ ist, die es überhaupt ermöglicht, dass Erscheinungen entstehen und erkannt werden, wobei nun Letzteres im Vordergrund steht. Wenn wir diese Erkenntnis erreichen und darauf konzentriert bleiben, erreichen wir einen „Durchbruch“ - den geistigen Pfad des Sehens, den dritten der fünf geistigen Pfade auf dem Weg zur Erleuchtung.

Die Meditationspraxis mit Buddha-Gestalten im Mahayoga führt dazu, dass das strahlende Rigpa einen „Regenbogenkörper“ entstehen lässt und sich selbst als solchen erkennt, statt sich mit gewöhnlichen Aggregaten zu sehen. Auf der Stufe des „Vorwärtssprungs“ – die dem geistigen Pfad des Sich-Gewöhnens entspricht – tritt so das strahlende Rigpa in vier Schritten weiter in den Vordergrund, während gleichzeitig das essenzielle Rigpa weiterhin im Vordergrund bleibt. Wenn das strahlende und essenzielle Rigpa gleichermaßen vorherrschend sind, erreichen wir Erleuchtung, und als Ergebnis von intensiver Liebe, Mitgefühl und Bodhichitta-Motivation, die während der gesamten Praxis durchgehend aufrechterhalten wird, werden wir fähig, allen Wesen im größtmöglichen Ausmaß zu nützen.

Zusammenfassung

Dzogchen steht in dem Ruf, ein direkter, müheloser Pfad zu sein, durch den man den Geist einfach in seinem natürlichen Zustand zur Ruhe kommen lässt. Zwar stimmt es, dass begriffliche Gedanken und alle anderen Ebenen begrenzten Gewahrseins aufhören, indem man die Geschehnisse in unserem kognitiven Erleben einfach erkennt und der Geist unsere reine Erscheinung mitsamt den vollständigen Fähigkeiten eines Buddha entstehen lassen kann, aber nichts davon kann gelingen, wenn wir nicht in diesem und früheren Leben enorme Anstrengungen darauf verwendet haben, all die Voraussetzungen dafür im Sinne des Sutra und Tantra zu schaffen. Es führt zu nichts, wenn wir naiv sind und die Schwierigkeit der Dzogchen-Praxis unterschätzen. Mit ausreichender Vorbereitung ist Dzogchen jedoch eine der tiefgründigsten Methoden, Erleuchtung zum Wohle aller zu erreichen.