Mitgefühl, Zuflucht und Dharma-Schützer in der Tantra Praxis

Ich denke es ist wichtig, nicht zu viel auf einmal durchzugehen, sondern sich wirklich mit dem auseinanderzusetzen, was besprochen wurde und Fragen zu klären, die ihr vielleicht zu dem Thema habt.

Sich selbst ohne Bodhichitta als eine Buddha-Gestalt visualisieren 

Sie haben darüber gesprochen, dass man als ein Geist wiedergeboren werden kann, wenn man eine Yidam-Praxis nicht korrekt ausführt. Was wäre die Ursache dafür? Es wird ja empfohlen, nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen als Yidam zu visualisieren und das würde doch Stolz oder Anhaftung mindern. Ich dachte, so etwas könnte vielleicht passieren, wenn wir die Auflösungsphasen nicht richtig durchgehen. Können Sie mir sagen, was so ein Resultat verhindern kann, vor dem Sie uns gewarnt haben?

Was dies verhindert, ist Bodhichitta und eine angemessene Widmung. Wir müssen die positive Kraft der Praxis widmen, um Erleuchtung zu erlangen. Im „Geistestraining in sieben Punkten“ wird es immer wieder betont: am Anfang fassen wir die Absicht, diese Praxis auszuführen, um Erleuchtung zu erlangen, damit wir allen Wesen von Nutzen sein können, und am Ende widmen wir die positive Kraft, die für dieses Ziel aufgebaut wurde. Wenn wir es wirklich ernst meinen, wird dadurch verhindert, dass durch die positive Kraft automatisch positives Karma aufgebaut wird, um unsere samsarische Situation als Geist in der Form der Buddha-Gestalt zu verbessern. Bodhichitta ist hier der ausschlaggebende Faktor. 

Tantra bekräftigt, was zunächst mit Sutra praktiziert wurde 

Wie ist es, wenn wir die Chenrezig-Praxis ausführen, die ja selbst Bodhichitta oder zumindest Mitgefühl entwickeln sollte?

Das ist ein interessanter Punkt. Zielt die Chenrezig-Praxis darauf ab, uns zu helfen, vom Nullpunkt, auf dem wir kein Mitgefühl haben, bis hin zum Entwickeln von Bodhichitta zu gelangen, oder handelt es sich um eine Praxis, die Mitgefühl und Bodhichitta vermehrt und vertieft, woran wir mit den Sutra-Methoden gearbeitet haben? Als Übersetzer befasse ich mich ziemlich viel mit der Sprache. Betrachten wir die Zeitform des Verbs, welches normalerweise als „hervorbringen“ wie in „Bodhichitta hervorbringen“ übersetzt wird, bezieht es sich nicht darauf, etwas aus dem Nichts zu erschaffen; das wäre eine andere Zeitform. Es ist jedoch der Kausativ und bedeutet „zu stärken“, „zu bekräftigen“ und „zu steigern“, also etwas erneut hervorzubringen, damit es weiter anwachsen kann. 

Dasselbe gilt für die vorbereitenden Übungen, das Ngöndro. Gehen wir mit Bedacht an die Sache, beginnen wir nicht mit den Niederwerfungen, der Zuflucht und all diesen Dingen, wenn wir keine Basis haben, auf der die Zuflucht tatsächlich etwas für uns bedeutet. Diese vorbereitenden Übungen sind dafür da, unsere Zuflucht und all diese Dinge zu stärken und nicht, um sie erstmalig hervorzubringen. In ähnlicher Weise sollten wir bereits ziemlich vertraut mit unserem Sadhana sein, wenn wir ein Retreat zu diesem Sadhana machen. Das Retreat ist nicht dazu da, um damit vertraut zu werden. Das tun wir vorher. Das Retreat ist die Zeit, die Praxis zu stärken. Daher ist die Chenrezig-Praxis dazu da, unser Mitgefühl zu stärken, und nicht, um es erstmalig hervorzubringen. 

Wie erzeugen wir Mitgefühl in einer Praxis, in der wir es stärken wollen? Denken wir nur: „Jetzt bin ich mitfühlend?“ Schönen Dank, aber das hat emotional gesehen keine große Bedeutung, wenn wir nicht schon weit fortgeschritten sind. Es ist ziemlich schwer, von Herzen kommendes Mitgefühl einfach so und unmittelbar hervorzubringen. Haben wir uns mit dem Meditieren über Mitgefühl vertraut gemacht, könnten wir uns daran erinnern, dass, genau wie wir, auch alle anderen einen starken Antrieb haben, das eigene Unglücklichsein und Leiden zu überwinden. Solche Gedanken führen zu einem Gefühl der Entsagung, der Entschlossenheit, frei von unserem Leiden zu sein. Mit dieser starken Entschlossenheit, frei von Leiden zu sein, lenken wir den Fokus von uns selbst, die wir frei von Leiden sein wollen, auf alle anderen. Das ist Mitgefühl.

Entsagung 

Eine weitere Sache, die für Tantra so entscheidend ist, besteht darin, dass wir, zusätzlich zum Bodhichitta und der korrekten Sicht der Leerheit, Entsagung benötigen. Entsagung, als die Entschlossenheit, frei zu sein, bedeutet, dass wir entschlossen sind, unsere gewöhnliche Erscheinung, unser gewöhnliches Selbstbild, sowie die gewöhnlichen Dinge aufzugeben, mit denen wir zu tun haben und unseren Fokus auf etwas Reineres, auf dieses Buddhabild und all diese Dinge zu verlagern. Das ist es, was unser Fokus sein wird. Es wird nicht darum gehen, immer mehr Geld, Macht, Unterhaltung und so weiter zu bekommen. Was tun wir denn, wenn wir nicht diese Art der Entsagung haben? Dann ist es nur eine Reise in ein buddhistisches Disneyland, wie ich es nenne. Wir erkennen nicht wirklich, dass es möglich ist, den Zustand eines Buddhas zu erreichen und sich in dieser Form zu manifestieren, um anderen zu helfen.  Es ist kein Disneyland. Was bedeutet es denn, in einer der Formen dieser Buddha-Gestalt zu erscheinen? Warum? Ist es verrückt? Was ist es? Ist es das, was ich sein möchte, jemand mit vierundzwanzig Armen und vier Gesichtern? Warum? Darauf werden wir weiter eingehen.

Entsagung, Bodhichitta und ein korrektes Verständnis der Leerheit – diese drei Pfade des Geistes – sind zusätzlich zur Zuflucht wesentlich. Natürlich brauchen wir auch Konzentration, Disziplin und all die Paramitas. Wir benötigen all das. Tantra-Praxis ist dafür da, diese Dinge, die wir bereits entwickelt haben, zu stärken und sie weiterzuführen, nicht, um sie erstmalig hervorzubringen.

Vielen Dank. Ich habe über die Dharma-light-Version des Praktizierens des Vajrayana nachgedacht. Für mich ist es nicht so sehr der Mangel an Vertrauen in Bezug darauf, ob es die Wiedergeburt gibt, denn für mich ist sie logischer als alles andere. Was ein größeres Hindernis zu sein scheint, ist, wie Sie sagen, das Fehlen dieser Dinge, wie Konzentration, Verständnis der Leerheit, Entsagung usw.

Ja, natürlich.

Damit will ich sagen, dass die Dharma-light-Version der Vajrayana-Praxis in all diesen Fällen angemessen sein könnte, unabhängig von der Sicht auf die Wiedergeburt.

Dem stimme ich zu. Wir könnten mit einer Dharma-light-Version beginnen, was die meisten von uns ja auch tun. Ob wir Dharma-light oder den echten Dharma praktizieren, wir brauchen Entsagung, das Verständnis der Leerheit und Bodhichitta, zumindest eine bestimmte Ebene davon, damit es einen Sinn ergibt. Wollen wir jedoch ganz konkret die höchste Tantra-Klasse praktizieren, wo es all diese Übungen gibt, um den Tod, Bardo und die Wiedergeburt zu transformieren, also den Kern der Anuttarayoga-Praxis, ergibt es keinen Sinn, wenn wir denken, so etwas wie die Wiedergeburt würde es nicht geben. Dort wird es wirklich essenziell; wir verstehen, was mit dem Geist des klaren Lichts passiert und wie wir diesen ganzen Kreislauf unterbrechen wollen. 

Vom alten Serkong Rinpoche wurde es mit diesem wunderbaren Bild beschrieben: Stellt euch vor, es gäbe zwei Zimmer, von denen Treppen ins Untergeschoss führen. Das eine Zimmer, in dem wir beginnen, ist das Zimmer von Samsara und das andere ist das Zimmer der Erleuchtung. Das Untergeschoss repräsentiert die Ebene des klaren Lichts des Geistes. In unserer Praxis gehen wir die Treppe vom Samsara-Zimmer nach unten und anstatt die gleiche Treppe wieder hochzukommen, wollen wir das Licht im Samsara-Zimmer ausschalten, die Sicherung sozusagen mit unserem Verständnis der Leerheit wechseln, das Licht im Erleuchtungszimmer anmachen und die Treppe zur Buddhaschaft hochsteigen.  

Dieses Bild ist vergleichbar mit dem, was im Tod, im Bardo und in der Wiedergeburt passiert. Wir gehen die Samsara-Treppe eines Lebens hinunter und kommen immer wieder die gleiche Treppe in ein neues Leben zurück. Um die Treppen geschickt zu meistern, benötigen wir ein gutes Verständnis darüber, wie die Wiedergeburt funktioniert und nicht nur eine vereinfachte Beschreibung, wie der grobe Geist sich von den groben Elementen des Körpers, als dessen Grundlage, zurückzieht. Das ist eine Ebene der Beschreibung, was im Todesprozess geschieht. Zusätzlich benötigen wir auch ein Verständnis der zwölf Glieder des anhängigen Entstehens, welche den Vorgang der Wiedergeburt von einer Sutra-Sichtweise beschreiben und sollten begreifen, wie wir samsarische Wiedergeburt umkehren können, indem wir uns von Unwissenheit befreien. 

Indem wir diese zwei Beschreibungen mit fortgeschrittenen Tantra-Praktiken verbinden, können wir dann diesen ganzen Prozess von Tod, Bardo und Wiedergeburt in diesem Leben transformieren. Wir müssen nicht sterben, um es zu erfahren. Allerdings können wir ohne jeden Zweifel auf der Dharma-light-Ebene beginnen und ich glaube, für die meisten von uns ist das auch angebracht.

Zuflucht und Dharma-Schützer 

Ich mache eine Ngöndro-Praxis in der Kagyü-Tradition und stütze mich auf ein Buch oder eine Broschüre, die vom 17. Karmapa verfasst wurde. Ich denke, sie ist eine gute Quelle, und hat den Namen „Ngöndro für unsere gegenwärtige Zeit“, wenn ich mich recht erinnere. Sie ist für Westler verfasst worden und enthält einige Abkürzungen. Sie wurde für uns verfasst, damit wir diese Übungen ausführen können, während wir gleichzeitig auch einem Beruf nachgehen. Er schreibt auch, dass es nicht für Tibeter gedacht ist. Einige der Zufluchtsgebete sind zum Beispiel kürzer und er schreibt, dass diese Praxis für Menschen im Westen vorgesehen ist. Ich nehme an, sie sind auch mit dem Kagyü-Zufluchtsbaum vertraut, auf dem es verschiedene Gottheiten gibt, mit Vajrasattva in der Mitte , umgeben von den Linienlehrern in der Mahamudra-Tradition, den Yidams, Buddha-Gestalten und Chenrezig. Etwas weiter unten befinden sich die Dharmapalas. Seine Heiligkeit der Karmapa schreibt, dass es nicht notwendig sei, sich auf sie auszurichten; das sei den Yogis vorbehalten. Ich finde, das ist ein interessanter Punkt, dass es sogar in der Ngöndro-Praxis eine Dharma-light-Version und etwas für fortgeschrittene Praktizierende gibt. 

Zunächst wird gesagt, dass Buddha, wenn wir nur Buddha Shakyamuni als unser Objekt der Zuflucht nehmen, alle Objekte der Zuflucht in einem vereint. Wir brauchen keinen ausführlichen Baum versammelter Gurus oder einen Zufluchtsbaum, denn es kann überwältigend sein, zu versuchen, all diese verschiedenen Figuren auf dem Baum zu visualisieren. Auf diese Weise können wir leicht den Fokus der Zuflucht verlieren, wenn wir uns nur damit befassen, wie wir all diese kleinen Figuren erscheinen lassen können 

Was die Dharma-Schützer betrifft, möchte ich mich auf Serkong Rinpoches Beschreibung beziehen. Mit einem Dharma-Schützer ist es so, als hätten wir einen großen Hund am Tor unseres Mandala-Palastes, in dem wir die zentrale Figur sind. Im Grunde sind wir all die Figuren in dem Mandala, doch für diesen Punkt nehmen wir einmal an, wir wären nur die Zentralfigur. Als diese Figur, als der Boss, können wir die Diebe von unserem Tor verjagen. Wir sind vollkommen dazu in der Lage, dies zu tun, doch warum sollten wir es tun, wenn wir einen großen Hund dort am Tor haben und er die Diebe verjagen kann. Das Bild ist eine riesige tibetische Dogge oder vielleicht ein Pitbull, als eine westliche Entsprechung, und dieser Hund ist ziemlich grimmig. 

Wir müssen wirklich stark sein, als Meister, um den Hund, diesen Dharma-Schützer, unter Kontrolle zu bringen, denn wenn wir es nicht sind, kann er uns Schaden zufügen. Um den Hund unter Kontrolle zu behalten, müssen wir uns verpflichten ihn zu füttern und in ähnlicher Weise haben wir eine Verpflichtung, dem Dharma-Schützer Opfergaben darzubringen. Es gibt ein ausführliches Ritual dafür und sind wir, als der Yidam, nicht mächtig genug, um den Dharma-Schützer zu kontrollieren, ist der beste Schutz die Zuflucht. Es gibt nichts besseres für unseren Schutz als die Zuflucht. Daher sollten wir es dabei belassen und die Übungen mit den Dharmapalas den Yogis überlassen. Das ist ein weiser Rat Seiner Heiligkeit des Karmapa.

Nur um es nochmal klarzustellen, in meinem Ngöndro-Text machte ich die Zuflucht einschließlich der Dharma-Schützer. Kann ich damit weitermachen?

Es ist kein Problem, die Dharma-Schützer als Teil der Zufluchtspraxis zu integrieren. Die Frage ist, ob wir tatsächlich selbst eine Schutzherren-Praxis machen und wie wir sie ausführen wollen. Auf welcher Ebene müssen wir uns befinden, um so ein Praxis zu machen? In den Klöstern gibt es einen traditionellen Schutzherren des Klosters und einen Schutzherren-Raum im Tempel. Spezielle Mönche werden ernannt, die jeden Tag, ohne Ausnahme, all die ausführlichen Rituale für den Schutzherren ausführen.

Dann stellt sich die Frage, ob wir einen Schutzherren brauchen, wenn wir ein Dharma-Zentrum haben. Sind wir ein Kloster und wollen dem Vorbild des Klosters folgen? Werden wir von einem tibetischen Lama angeleitet, der qualifiziert ist, all diese Praktiken ausführen zu können, ist das wunderbar, wenn er sie anleitet und wir im Grunde die Beobachter sind. Wir machen die Schutzherren-Praxis nicht wirklich selbst, sind nicht der Yidam und befehligen den Schutzherren. Das ist in Ordnung. 

Was bedeutet es dann, wenn wir Zuflucht in die Gurus als Yidams, Dakinis und Dharma-Schützer nehmen, während wir den Zufluchtsbaum visualisieren? Es bedeutet, dass die Buddhas und Gurus sie alle mit einschließen. All das ist in Ordnung, ob wir all diese Figuren visualisieren oder nicht. Mir ging es darum, ob wir tatsächlich bereit dafür sind, selbst persönlich eine Schutzherren-Praxis zu machen. Das ist etwas, mit dem wir wirklich vorsichtig sein sollten. Es ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Das ist der maßgebliche Rat, den ich von meinen Lehrern bekommen habe. Wir sollten vorsichtig sein.

Ich mache gerade Ngöndro und versuche, mich auf die vier Gedanken zu konzentrieren, die den Geist dem Dharma zuwenden, sowie auf die Zuflucht. Aber wie ich es jetzt verstehe, sollte ich es langsam angehen lassen und dann wird es allmählich wachsen. Habe ich es richtig verstanden, dass ich die Zuflucht weiter wie bisher ausführen kann?

Du nimmst Zuflucht in Buddha, Dharma und Sangha. Die Sangha kann die Dharma-Schützer umfassen. Es gibt viele verschiedene Arten von Dharma-Schützern auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Es gibt jene, die Manifestationen eines Buddhas sind, jene auf einer Arya-Ebene, auf der sie eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit hatten, oder jene, die auch weltliche Beschützer sind. Sie werden nie auf dem Dharma-Baum platziert, sondern darunter. 

Im Kangyur und Tengyur werden nur einige wenige Dharma-Schützer erwähnt. Mahakala ist der wichtigste, den wir finden. Als der Buddhismus nach Tibet kam, wurden mehr Beschützer hinzugefügt, die von Guru Rinpoche gezähmt wurden und nicht im Kangyur und Tengyur erwähnt werden. Als sich der Buddhismus von Tibet in die Mongolei weiterverbreitete, kamen sogar noch mehr hinzu. Handelt es sich um Manifestationen des Buddhas, sind sie Teil der Buddha-Zuflucht. Sind sie Aryas, gehören sie zur Sangha-Zuflucht und handelt es sich um weltliche Schützer, können wir vorläufig Zuflucht in sie nehmen, jedoch keine tiefste oder letztendliche Zuflucht. 

Wir sollten die Funktion der Beschützer verstehen. Es gibt viele verschiedene Stellen im Sadhana, wo sie erscheinen. Es gibt die fünfzehn Beschützer der Richtungen, die im Wesentlichen Hindugötter sind, die dann gezähmt und in den Hauptyidam des Sadhana transformiert und angewiesen werden, uns zu beschützen und nicht zu stören. Wir bringen ihn einige Opfergaben dar und dann gehen sie wieder. Die Vorstellung hier ist, dass diese lokalen Gottheiten alle ebenfalls die Buddha-Natur haben, ob es nun Hindugötter, Berggeister, wie in Tibet, oder Dämonen, die wir hier im Westen haben, sind. Wir transformieren sie auf der Basis ihrer Buddha-Natur in diese Buddha-Gestalten und bitten sie, uns in unserer Praxis nicht hinderlich zu sein und keinen Aberglauben oder Verwirrung mit anderen religiösen oder philosophischen Sichtweisen hervorzurufen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sie Hindernisse für uns schaffen könnten und wir transformieren sie, um diese Gefahren abzuwenden.

Es gibt auch Beschützer in der Schutzrad-Praxis. Das sind kraftvolle Figuren, die unsere Praxis vor Hindernissen in allen Richtungen schützen. Wir können das auf einer äußeren Ebene sehen, aber es gibt auch eine innere Ebene. Das Schutzrad repräsentiert das Herz-Chakra und die Schützer bewachen die Energiewinde, die wir im Herz-Chakra aufgelöst haben, damit sie nicht wieder austreten. Man kann es auf vielen verschiedenen Ebenen betrachten. 

Dann gibt es verschiedene Schützer, wie Mahakala, Yamaraja oder Palden Lhamo, die wir in das Mandala einladen und sie um Schutz und Hilfe bitten. So, wie wir Unterstützung von der Arya-Sangha bekommen, können wir von den Beschützern, die Teil der Arya-Sangha sind, Unterstützung bekommen. 

Ob wir nun über Dakinis oder Dharma-Schützer reden, alle erfüllen ihre bestimmte Funktion, die uns auf dem Pfad helfen kann. Die Dakinis helfen mit dem Hervorbringen eines glückseligen Geisteszustandes, nicht unserer gewöhnlichen Glückseligkeit, sondern eines glückseligen Geisteszustandes, der den Geist immer subtiler werden lässt, bis er die subtilste Ebene klaren Lichts erreicht. Diese subtile Ebene ist von Natur aus nichtkonzeptuell und ist am förderlichsten, um Leerheit wahrzunehmen. Dakinis helfen uns, das zu erreichen. Dharma-Schützer helfen uns, Hindernisse zu vermeiden, die auf so vielen verschiedenen Ebenen auftreten können. 

Wenn wir Zuflucht in Dakinis und Dharma-Schützer nehmen, ist es wirklich wichtig, uns ihnen nicht zuzuwenden und sie anzuflehen: „Bitte beschützt mich; ihr seid meine Retter.“ Das ist kein Buddhismus. Zuflucht zu nehmen ist nicht passiv und es geht auch nicht darum, uns ihrer Gnade zu überlassen. So wie uns die Hindugötter nicht im Weg stehen sollten, wollen wir auch nicht, dass uns unsere eigenen ursprünglichen Glaubensvorstellungen im Weg stehen.

Als unsere anleitende Rinpoche das letzte Mal hier war, gab sie uns den Rat, darüber nachzudenken, eine Schutzherren-Praxis zu beginnen; aber Sie verglichen es damit, einen großen Hund zu haben, den man füttern muss. Ich vermute, das bezieht sich darauf, eine regelmäßige tägliche Praxis ausführen zu müssen.

Das ist korrekt. Man muss die Opfergaben für den Schutzherren machen.

Das heißt, einige Leute müssten jeden Tag zusammenkommen und diese Praxis ausführen. Wenn dann aber unser Lehrer für ein oder zwei Monate nach Indien geht, müssen wir diese Praxis weiterführen. Ich glaube, man muss wirklich entschlossen sein, bevor man beginnt, so eine Praxis für ein Zentrum zu starten.

Das stimmt. Es ist eine Verantwortung. Man macht ein dam-tshig, eine Verbindung mit einem Schützer. Stellen wir diese Verbindung her, ist es so, als würde man sich einen Hund anschaffen. Man muss ihn füttern. So einfach ist das. Auch wenn wir keine großen tantrischen Praktizierenden sind, ist zumindest eine Ebene von Opfergaben notwendig, wie Wasserschalen, eine Kerze oder etwas in der Art. Das braucht man. 

Um wieder auf meine Quelle, Serkong Rinpoche zurückzukommen, so sind die eigentlichen Worte, die wir rezitieren, wenn wir die Opfergaben darbringen, nicht so wichtig. Werfen wir einen Blick auf die tibetisch buddhistische Literatur, dann gibt es so viele Möglichkeiten, dass man nicht sagen kann, es muss dieser Vers oder jener Text sein, den wir rezitieren. Wir können die Opferungen sogar in unserer eigenen Sprache machen, wie: „Ich bringe dies den Dharma-Schützer dar. Bitte genießt es. Damit komme ich für alle Diskrepanzen, Schwächen oder Fehler auf, die in meiner Beziehung zu euch entstanden sind.“ Das ist die Quintessenz der eigentlichen Schutzherren-Praxis, kangso, unsere Verpflichtung zu erfüllen und Fehler, die wir gemacht haben, wiedergutzumachen. Das wird im Tibetischen als Schutzherren-Praxis bezeichnet. Welche Worte wir auch benutzen, das wirklich Wichtige ist allerdings der Geisteszustand. „Bitte, ich bringe euch dies dar. Wenn ich irgendetwas falsch gemacht habe, bereue ich das. Bitte beschützt uns weiterhin.“ Das ist genug, wenn wir nicht so versiert sind, was das gesamte Ritual betrifft und es etwas anmaßend erscheint, es selbst auszuführen.

Ähnlich verhält es sich, wenn wir eine Verpflichtung haben, zweimal im Monat, am 10. und 25. für Vajrayogini, Vajra Palmo, Tsog zu opfern. Jemand fragte einmal Serkong Rinpoche was passiert, wenn wir keinen tibetischen Kalender haben und nicht wissen, wann der 10. und der 25. des lunaren Monats ist. Er erwiderte darauf mit der Frage: Hat der westliche Kalender keine 10. und 25. Tag? Mit anderen Worten, sollte man nicht zu abergläubisch deswegen sein. Der entscheidende Punkt ist, die Verpflichtung einzuhalten und regelmäßig etwas zu tun.

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