Der Mechanismus von Karma

Erklärungen von Karma

Wenn wir darauf hinarbeiten, Karma zu überwinden, also uns von dieser Zwanghaftigkeit in unserem Verhalten zu befreien, müssen wir wissen, wie Karma funktioniert. In der buddhistischen Literatur finden wir etliche detaillierte Erklärungen dazu. Allgemein kann man sagen, dass es eine Erklärung aus der Pali-Überlieferung gibt und ein aus denjenigen Traditionen, die auf Sanskrit überliefert sind. Pali und Sanskrit waren die beiden wichtigsten Sprachen des klassischen Indiens. Die Theravada-Tradition folgt der Pali-Überlieferung. Was ich hier erklären werde, stammt aus der Sanskrit-Überlieferung, die ihrerseits wiederum zwei Versionen enthält. Ich werde versuchen, in meiner Erklärung die Unterschiede zwischen letzteren beiden zu erwähnen, ohne sie jedoch allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten, die von beiden akzeptiert werden.

Doch bevor wir näher darauf eingehen, möchte ich einen nützlichen Ratschlag voranstellen. Wenn wir im Buddhismus auf verschiedene Erklärungen von etwas stoßen, wie es beispielsweise beim Thema Karma der Fall ist, ist es wichtig, nicht mit derjenigen Einstellung an die Erklärungen heranzugehen, die wir möglicherweise aus der biblischen Denkweise in Bezug auf den einen Gott und die eine Wahrheit übernommen haben, nämlich: „Es gibt nur eins, was richtig ist, und alles andere ist falsch“. Vielmehr ist es so, dass all die Erklärungen Karma aus einem unterschiedlichen Blickwinkel betrachten und uns dazu verhelfen, es mittels der unterschiedlichen Erklärungen, die dazu gegeben werden, tiefer gehend zu verstehen. Sie alle tragen dazu bei, dass wir Leiden überwinden können, und das ist der Sinn des Ganzen.

„Wenn einem danach ist, etwa zu tun oder zu sagen“ – der erste Schritt der Wirkungsweise von Karma

Im Sanskrit lautet der Name für die Art von Literatur, in der Karma erörtert wird, „Abhidharma“. Gemäß der Abhidharma-Tradition beginnen wir im Hinblick auf die Erklärung, was wir erleben, mit der Beschreibung einer „Empfindung“. Das ist ein sehr problematisches Wort, weil es in den westlichen Sprachen so viele Bedeutungen hat. Hier verwende ich das Wort nicht im Sinne einer Empfindung von Glücklich- und Unglücklichsein oder einer Emotion oder Intuition. Ich verwende es in dem Sinne, dass einem danach ist, in einer Situation etwas Bestimmtes zu tun oder zu denken. Im Tibetischen beinhaltet das Wort dafür die Bedeutung: ein Wunsch, etwas zu tun, bzw. einfach „Lust, etwas zu tun“.

Warum ist uns im Alltagsleben danach, etwas Bestimmtes zu tun, zu sagen oder zu denken? Es kann mit den jeweiligen Umständen zu tun haben, z.B. mit dem Wetter, den Leuten um uns herum oder der Tageszeit. Es ist auch davon beeinflusst, ob wir gerade glücklich oder unglücklich sind. „Ich fühle mich unwohl und deshalb möchte ich jetzt etwas anderes machen.“ Es kann auch mit früheren Neigungen zu tun haben, auf bestimmte Art zu handeln, zu reden oder zu denken. Auch Emotionen, die uns dazu drängen, haben Anteil daran. „Mir ist danach, jemanden anzuschreien, weil ich wütend bin.“ Vielleicht hat jemand etwas Garstiges zu mir gesagt und das verstärkt ein Gefühl, das ich habe. Ich neige dazu, jemanden anzuschreien, wenn man etwas Hässliches zu mir sagt, und diese Neigung unterstützt das Gefühl, dass mir in entsprechenden Situationen danach ist. Und außerdem besteht ein Greifen nach einem festen „Ich“. Ich, ich, ich. „Du hast etwas Abscheuliches zu mir gesagt“ bzw. „Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen?“ Wenn uns danach ist, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken, vernetzen sich all diese Faktoren und wirken zusammen. Die Denkweise in Bezug auf diese Situation kann zum Beispiel darin bestehen, darauf zu sinnen: „Was kann ich jetzt sagen, das diesen Kerl wirklich verletzt?“ – also solch eine Denkweise zu hegen.

Geistiges Karma

Auf der Grundlage einer solchen Empfindung taucht Karma auf, nämlich eine Art Zwang. In dem obigen Fall ist es ein geistiger Drang, der uns dazu treibt, uns in Gedanken damit zu befassen, das auszuagieren, wonach uns gerade war. Er treibt uns zur Aktivität des Denkens, die dann dazu führt, entsprechend zu handeln, oder auch nicht. Dieser mentale Drang, daran zu denken, etwas zu tun oder zu sagen, wird begleitet von einer Emotion, die Antriebskraft liefert, und einer Absicht sowie vom Greifen nach „Ich“.

Das alles läuft normalerweise sehr schnell ab, aber wenn wir in der Meditation diesen Ablauf verlangsamen, sodass wir feinfühlig genug werden, zu erkennen, was in unserem Geist vor sich geht, können wir die einzelnen Schritte unterscheiden. Zum Beispiel: Mir ist danach, jemanden anzuschreien, weil ich wütend bin. Ein zwanghafter Drang treibt mich zu dem Gedanken daran, und schließlich werde ich entscheiden, ob ich tatsächlich etwas sage oder nicht. Wenn ich den Entschluss zum Anschreien fasse, folgen die nächsten Schritte.

Die einfachere Erklärung von körperlichem und sprachlichem Karma

Als nächstes folgt körperliches oder sprachliches Karma, und dazu liefern die beiden Traditionen der Sanskrit-Überlieferung zwei unterschiedliche Erklärungen. Lassen Sie uns mit der einfacheren anfangen. Gemäß dieser Erklärung bestehen körperliches und sprachliches Karma, so wie geistiges Karma auch, aus einem geistigen Drang, dem zwanghaften Drang, der uns dazu treibt, eine Handlung zu beginnen, fortzusetzen und schließlich zu beenden. Der geistige Drang, daran zu denken, etwas zu tun oder zu sagen, wird „motivierender Drang“ genannt, und der geistige Drang, der uns dazu treibt, tatsächlich etwas zu tun oder zu sagen, wird „ursächlicher Drang“ genannt. Bitte beachten Sie, dass wir, wenn wir daran denken, etwas zu tun oder zu sagen, es tun können oder auch nicht, und wenn wir etwas tun oder sagen, kann es sein, dass wir zuvor bewusst daran gedacht haben oder auch nicht. Alle vier Fälle sind möglich.

Die Emotionen, die mit jedem Schritt einer Handlung einhergehen, können sich verändern und dabei recht unterschiedlich sein. Stellen wir uns z.B. vor, mein Baby würde schlafen, und im Zimmer sind eine Menge Moskitos. Wenn ich mich in einem Malariagebiet befinde, mache ich mir Sorgen, dass das Baby gestochen werden und an Malaria erkranken könnte. Die „motivierende Emotion“, die mit dem motivierenden Drang einhergeht, welcher mich zu dem Gedanken veranlasst, die Moskitos zu erschlagen, kann z.B. Mitgefühl für mein Baby sein. Wenn ich dann tatsächlich entschließe, die Moskitos zu erschlagen, wird sich die Emotion höchstwahrscheinlich ändern. Die nun auftretende „ursächliche Emotion“, die den ursächlichen Drang begleitet, welcher mich dazu treibt, die Moskitos tatsächlich zu erschlagen, besteht jetzt aus Feindseligkeit und Ärger. Ich muss den Moskitos gegenüber feindlich gesinnt sein, sonst würde ich nicht versuchen, sie tatsächlich zu töten. Ich will ihnen nicht nur Angst machen oder sie verjagen, ich will fest genug zuschlagen, um sie zu töten. Meine Emotion hat sich verändert.

Es ist wirklich interessant, diese Prozesse zu verlangsamen, um zu sehen, wie sich unser emotionaler Zustand verändern kann. Wenn ich eine Kakerlake sehe, mag der Gedanke im ersten Moment, von Mitgefühl mit dem Baby bestimmt ein: „Oh, ich möchte nicht, dass die ihm über das Gesicht läuft.“ Dann, ärgerlich: „Die will ich vernichten, drauftreten, dass sie tot ist.“ Und wenn ich drauftrete und das Geräusch höre, wie ihr Körper unter meinem Fuß zerquetscht wird, wird das Gefühl zu Abscheu. Wenn dann der Drang auftritt, die Aktion zu beenden, und ich den Fuß wieder hochhebe und die schmierige Masse sehe, die nun darunter klebt, empfinde ich totalen Ekel. Die Emotion verändert sich also im Laufe des gesamten Prozesses erheblich, und all das beeinflusst die Stärke der Zwanghaftigkeit, mit der man handelt, und die Resultate, die daraus folgen.

Das ist die einfachere Erklärung von Karma: Alle Karmas sind geistige Faktoren, sei es geistiges, sprachliches oder körperliches Karma. Sie alle sind Arten von geistigem Drang; es handelt sich nur um unterschiedliche Arten davon, je nachdem, zu welcher Art von Aktivität er uns treibt – zu einer körperlichen, sprachlichen oder geistigen Aktivität.

Es ist sehr wichtig, Karma (die Zwanghaftigkeit) nicht mit der positiven oder negativen Emotion zu verwechseln, die damit einhergeht. Das ist nicht dasselbe. Ein karmischer Drang und eine Emotion können nicht ein und derselbe Faktor sein. Karma ist wie ein Magnet, der uns dazu hinzieht, an ein bestimmtes Handeln zu denken, sowie dazu, zu handeln, die Handlung fortzusetzen und schließlich zu beenden. Und solange wir nichts unternehmen, um seiner zwingenden Kraft zu entkommen, liegt das außerhalb unserer Kontrolle.

Die komplexere Erklärung von körperlichem und sprachlichem Karma

Gemäß der zweiten Erklärung treibt uns zwar geistiges Karma - zwanghafter geistiger Drang - zu allen drei Arten von Aktivitäten: etwas zu denken, zu sagen oder zu tun. Aber körperliches und sprachliches Karma sind laut dieser Erklärung keine geistigen Faktoren, sondern Formen physischer Phänomenen. Beides, körperliches und sprachliches Karma, kann zwei Formen haben, nämlich eine offenbarende und eine nicht offenbarende, je nachdem, ob sie die Motivation offenbart oder nicht. Jedenfalls ist auch hier das Karma nicht gleichzusetzen mit der Handlung selbst. Es ist keineswegs so, dass wir aufhören müssten, überhaupt noch irgendetwas zu sagen oder zu tun, um uns von körperlichem oder sprachlichem Karma zu befreien.

Die offenbarende Form

  • Im Falle von physischem Karma ist die offenbarende Form die zwanghafte Gestalt, die unsere Handlungen annehmen. Es ist gewissermaßen die Zwanghaftigkeit, die die körperliche Handlung gestaltet und somit die Form gestaltet, die unser Körper annimmt, während er die Handlung durchführt. Die zwanghafte Gestalt offenbart die Motivation, die hinter der Handlung liegt, d.h. sowohl die Absicht als auch die Emotion, die damit einhergehen. Wenn uns z.B. danach ist, jemandem auf die Schulter zu tippen, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken, kann es sein, dass wir das quasi zwanghaft mit einem ziemlich heftigen Schlag oder aber mit einer sanften Berührung tun. Das körperliche Karma ist die Zwanghaftigkeit dieser Form, die unsere Handlungen annimmt. Sie offenbart die Absicht - jemandes Aufmerksamkeit erwecken - und die dahinter liegende Emotion – Verdruss oder Zuneigung.
  • Im Falle von sprachlichem Karma ist die offenbarende Form der Klang, den unsere Stimme zwanghaft annimmt, wenn wir etwas sagen, und zwar sowohl in Hinsicht auf die Worte, die wir wählen, und auch auf den Tonfall, in dem wir sie sagen. Auch das offenbart die zugrunde liegende Motivation, sowohl die Absicht als auch die Emotion. Wenn man z.B. jemandes Namen ruft, um auf sich aufmerksam zu machen, kann es sein, dass man den Namen zwanghaft in aggressivem Ton oder aber sanft und freundlich ausspricht. Das sprachliche Karma ist die Zwanghaftigkeit des Klangs unserer Stimme. Sie offenbart die Absicht - jemandes Aufmerksamkeit erwecken - und die dahinter liegende Emotion – Verdruss oder Zuneigung.

Die nicht offenbarende Form

Die nicht offenbarende Form ist subtiler. Es handelt sich dabei nicht um etwas Sichtbares oder Hörbares, und sie offenbart nicht die zugrunde liegende Motivation. In unserer westlichen Art, etwas zu beschreiben, könnte man sie vielleicht am ehesten als „subtile Schwingung“ bezeichnen. Die offenbarende Form unserer körperlichen und sprachlichen Handlungen hört auf, wenn die Handlung endet; die nicht offenbarende Form hingegen tritt zwar ebenfalls auf, während wir etwas tun oder sagen, setzt sich aber als Teil unseres geistigen Kontinuums fort, nachdem die Handlung zu Ende gegangen ist. Sie hört erst dann auf, wenn wir ganz entschieden beschließen, die Handlung, die zu dieser nicht offenbarenden Form geführt hat, nicht mehr zu wiederholen – z.B. indem wir ein Gelübde ablegen oder aber ein Gelübde aufgeben.

Wenn wir davon sprechen, dass jemand zwanghaft gewaltsam handelt oder zwanghaft in aggressiven Ton spricht - mit anderen Worten: so, dass die charakteristische, gewohnheitsmäßige Art, wie er spricht oder handelt, eine zwanghafte Qualität hat -, dann bezieht sich das auf die nicht offenbarende Form seines körperlichen oder sprachliche Karmas. Selbst wenn er nichts tut oder spricht, kann man sagen dass er weiterhin ein zwanghaft aggressiver Mensch ist.

Wichtig anzumerken ist, dass zwanghaft (kompulsiv) sein nicht dasselbe ist wie impulsiv sein. „Impulsiv“ sein bedeutet, dass man tut, was einem in den Sinn kommt, ohne Vorbedacht. Zwanghaft sein bedeutet, dass man keine Kontrolle darüber hat, was man tut oder sagt oder wie man es tut oder sagt. Man folgt unweigerlich immer wieder bestimmten Verhaltensmustern, etwa mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln oder ohne jede Wärme in Tonfall aggressiv zu reden.

Eindrücke im geistigen Kontinuum: Potenziale und Tendenzen

Gemäß beiden Erklärungen von Karma hinterlässt eine Aktivität - sei sie körperlich, sprachlich oder geistig -, nachdem sie beendet ist, ein bestimmtes Vermächtnis in unserem geistigen Kontinuum. Dabei handelt es sich weder um Formen physischer Phänomene (also nicht um so etwas wie die nicht offenbarende Form) noch um Gewahrseinsarten. Diese Hinterlassenschaften sind abstrakter und sind unserem geistigen Kontinuum zugeschrieben, so wie z.B. unser Alter. Die karmische Hinterlassenschaft beinhaltet karmische Potenziale und karmische Tendenzen.

Karmische Potenziale

Karmische Potenziale, die man in gewisser Hinsicht auch als „karmische Kräfte“ bezeichnen könnte, sind entweder konstruktiv oder destruktiv. Viele Übersetzer bezeichnen die konstruktiven Potenziale als „Verdienst“ und die destruktiven als „Sünden“, aber ich finde beide Ausdrücke, die aus dem Kontext biblischer Religionen stammen, unangemessen und irreführend. Ich bevorzuge es, diese Begriffe als „negative karmische Potenziale“ oder „negative karmische Kräfte“ bzw. „positive karmische Potenziale“ und „positive karmische Kräfte“ wiederzugeben. Lassen Sie sie uns hier einfach „positive Potenziale“ und „negative Potenziale“ nennen.

Das Ganze ist ein bisschen kompliziert, weil destruktive und konstruktive Handlungen - Handlungen, die durch destruktives oder konstruktives Karma herbeigeführt wurden oder solches zur Folge haben – zugleich auch negative oder positive Potenziale sein können. Es gibt also karmische Potenziale, die die Handlung selbst sind, und karmische Potenziale, die sich auf eine unserem geistigen Kontinuum zugeschriebene Weise fortsetzen.

Die karmischen Potenziale wirken als „reifende Ursachen“. So wie Früchte auf einem Baum allmählich wachsen und, wenn sie reif sind, vom Baum fallen und zum Verzehr geeignet sind, bauen sich karmische Potenziale miteinander auf – sie sind miteinander vernetzt -, und wenn sie hinreichend entwickelt sind, reifen sie zu ihrem karmischen Resultat. Insgesamt gelten die Resultate als ethisch neutral; Buddha hat sie weder als konstruktiv noch als destruktiv spezifiziert, da sie mit jeder Art von Handlung einhergehen können, sei sie konstruktiv, destruktiv oder neutral. Negative Potenziale reifen beispielsweise zu Unglücklichsein, positive Potenziale reifen zu Glück. Es kann sein, dass wir glücklich sind, während wir jemandem helfen, oder während wir eine Mücke töten oder während wir das Geschirr abwaschen. Bei jeder dieser Handlungen könnten wir auch unglücklich sein.

Karmische Tendenzen

Karmische Tendenzen treten ausschließlich als Hinterlassenschaft von karmischem Verhalten auf. Wenn eine Handlung neutral war, z.B. Geschirr abwaschen, dann ist auch die daraus hervorgehende karmische Tendenz neutral. Wenn die Handlung konstruktiv oder destruktiv war, dann nimmt ihr positives oder negatives Potenzial die Natur karmischer Tendenzen an. Mit anderen Worten: Es wirkt als karmische Tendenz, bleibt aber konstruktiv oder destruktiv. Weil karmische Tendenzen, im weiteren Sinne des Wortes, positiv, negativ oder neutral sein können, werden sie in ihrer Gesamtheit oft als neutral bezeichnet.

Karmische Tendenzen, wörtlich „karmische Samen“, wirken als herbeiführende Ursachen für ihre Resultate. Mit anderen Worten: Sie sind das, woraus das Resultat entsteht, ähnlich wie ein Same, aus dem ein Keimling entsteht. Das Resultat kann zum Beispiel sein, dass man eine frühere Art von Handlung wiederholt.

Überlegungen zu karmischen Potenzialen und Tendenzen

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten karmischer Hinterlassenschaft, einschließlich der nicht offenbarenden Formen, sind sehr subtil und komplex. Wenn wir zum ersten Mal etwas über Karma erfahren, kommt es nicht so sehr darauf an, all diese Unterscheide im Einzelnen zu verstehen. Wichtig ist vielmehr, eine allgemeine Vorstellung von karmischen Hinterlassenschaften zu bekommen und zu verstehen, was damit gemeint ist.

Nehmen wir beispielsweise noch einmal an, wir würden jemanden anschreien. Die Handlung des Anschreiens selbst signalisiert bereits das Potenzial, in Zukunft wieder jemanden anzuschreien. Wir können sagen: Nachdem dieser Vorfall von Anschreien zu Ende ist, setzt sich das Potenzial, wieder jemanden anzuschreien, in unserem geistigen Kontinuum fort, und wir können das so beschreiben, dass wir eine Tendenz haben, Leute anzuschreien.

Lassen Sie uns einen Moment damit verbringen, darüber nachzudenken, indem wir eine für uns typische Verhaltensweise auswählen und betrachten. Versuchen Sie Folgendes zu erkennen: Mein Verhalten weist ein bestimmtes Muster auf, denn ich neige dazu, immer wieder die gleiche Verhaltensweise zu wiederholen. Aufgrund dieses Musters habe ich eindeutig das Potenzial, dieses Verhalten nochmals zu wiederholen. Das ist so, weil ich eine Tendenz habe, auf diese Weise zu handeln. Mein Verhalten ist insofern zwanghaft, als ich immer wieder so handle, ohne Kontrolle darüber zu haben. Je öfter ich so handele, umso stärker wird mein Potenzial, es nochmals zu wiederholen. Und je stärker das Potenzial ist, umso rascher werde ich es tatsächlich wieder tun, z.B. jemanden anschreien.

Wenn man diesen Mechanismus vom physischen Gesichtspunkt aus beschreiben will, könnte man sagen, dass durch wiederholtes Verhalten neuronale Bahnen gebildet werden, und aufgrund dieser Bahnen haben wir dann ein starkes Potenzial, dieses Verhalten zu wiederholen.

Lassen Sie uns unser Verhalten noch genauer betrachten. Es kann z.B. sein, dass ich leicht außer Fassung gerate und jemanden anschreie. Das ist mit einer Zwanghaftigkeit verbunden, die fast wie eine Art Schwingung ist, die andere Menschen, wenn sie sehr feinfühlig sind, wahrnehmen können. Sie denken dann: „Mit dieser Person muss ich vorsichtig sein, denn es kann gut sein, dass sie die Beherrschung verliert.“ Sie werden mich als jemanden beschreiben, der eine ständige Tendenz hat, die Beherrschung zu verlieren und loszuschreien. Das Potenzial, dass ich tatsächlich jemanden anschreie, ist immer da, und wenn ich es tue, hat meine Stimme einen zwanghaften Aspekt an sich, der barsch und gemein klingt. Wenn Sie irgendetwas Heikles zu mir sagen, werde ich zweifellos dazu neigen, etwas Garstiges zu erwidern, und die Zwanghaftigkeit meines Karmas wird mich dazu treiben, tatsächlich zu schreien. Ich habe die Kontrolle darüber verloren.

Bitte versuchen Sie, solche nach innen gerichteten Beobachtungen zu machen und entsprechende Überlegungen dazu anzustellen. Wenn wir unsere karmischen Tendenzen und Potenziale identifizieren können, können wir anfangen, darauf hinzuarbeiten, uns davon zu befreien. Fragen Sie sich also: Welches sind meine Tendenzen? Welches sind die Muster, denen ich zwanghaft folge? Und denken Sie daran, dass solche zwanghaften Muster negativ, aber auch positiv sein können, wie in dem Beispiel mit dem Anschreien oder dem Perfektionisten ersichtlich wurde.

Karmische Resultate

Wenn die Umstände dafür vollständig sind, führen die verschiedenen karmischen Potenziale und Tendenzen dazu, dass wir einen oder mehrere Aspekte von Folgendem erleben: Glück, Unglücklichsein, Wiederholung von Verhalten, oder uns geschieht etwas Ähnliches wie das, was wir anderen angetan haben, usw. Auch diese Zusammenhänge sind sehr kompliziert. Doch wichtig ist, zu verstehen, dass nicht davon die Rede ist, die karmischen Potenziale und Tendenzen würden das erschaffen, was wir erleben. Sie bringen unser Erleben dessen hervor. Wenn ich z.B. von einem Auto angefahren werde, haben meine karmischen Potenziale und Tendenzen nicht das Auto erschaffen, und sie haben den Fahrer nicht veranlasst, mich anzufahren. Dass der Fahrer mich angefahren hat, ist ein Resultat seiner karmischen Hinterlassenschaft. Meine karmische Hinterlassenschaft war nur verantwortlich dafür, dass ich es erlebt habe, angefahren zu werden.

Verstehen Sie den Unterschied? Es geht um das, was man erlebt. Ich erlebe z.B. das Wetter, aber meine karmischen Potenziale erzeugen nicht das Wetter. Meine karmischen Potenziale bewirken, dass ich nass werde, wenn ich ohne Schirm im Regen unterwegs bin, aber sie erzeugen nicht den Regen. Natürlich ist es das Regenwasser, was mich durchnässt, aber das ist nicht Karma. Die Tatsache, dass ich, wenn immer ich bei drohenden Regen nach draußen gehe, stets vergesse, einen Regenschirm mitzunehmen – die wird durch karmische Tendenzen und Potenzial bewirkt. Aufgrund dieser Tendenz erlebe ich deren Resultat, nämlich dass ich nass werde.

Verschiedene Arten karmischer Resultate

Entsprechend den Umständen erleben wir Vieles. Hier haben wir gerade den Umstand erwähnt, dass es regnete. Was erleben wir?

  • Wir erleben ein Gefühl von Glücklich- oder Unglücklichsein. Das ist ein interessanter Punkt, denn es kann sein, dass um uns herum alle möglichen angenehmen Anlässe vorhanden sind und wir uns dennoch unglücklich fühlen. Oder wir können zwei Mal dieselbe Aktivität durchführen, und das eine Mal sind wir glücklich dabei, das andere Mal unglücklich. Das geschieht als Resultat karmischen Potenziale.
  • Wir erleben bestimmte Situationen, die für unsere Erfahrung typisch sind – etwa etwas Bestimmtes zu sehen oder zu hören. Warum wird z.B. jemand häufig Zeuge gewaltsamer Szenen mit Menschen, die miteinander kämpfen? Natürlich hat dessen Karma diese Kämpfe nicht geschaffen, doch er scheint so etwas immer wieder mit ansehen zu müssen, ohne dass er eine Wahl hätte. Dass jemand so etwas erlebt, ist ebenfalls Resultat von karmischen Potenzialen und Tendenzen.
  • In verschiedenen Situationen haben wir die Anwandlung, frühere Handlungen zu wiederholen. Mir kann z.B. danach sein, jemanden anzuschreien oder ihn zu umarmen. Wonach uns ist oder was wir tun möchten, stammt aus einer karmischen Hinterlassenschaft, die darauf zurückzuführen ist, dass wir schon zuvor so gehandelt haben. Hervorzuheben ist, dass Karma nicht aus Karma reift. Die karmische Hinterlassenschaft reift nicht zu der Zwanghaftigkeit, die uns dazu treibt eine Handlung zu wiederholen; vielmehr reift sie zu dem Wunsch bzw. der Anwandlung, das zu tun. Das einem danach ist, etwas zu tun, kann zu der Zwanghaftigkeit führen, mit der wir die Handlung ausführen, oder auch nicht.
  • In anderen Situationen erleben wir es, dass uns etwas widerfährt, das dem ähnelt, was wir zuvor anderen angetan haben. Die Tendenz, Leute anzuschreien, kann dazu führen, dass wir erleben, dass andere uns anschreien. Ähnlich gilt: Wenn wir andere betrügen, erleben wir, dass andere uns betrügen.

Die Zusammenhänge sind nicht immer so leicht zu verstehen, da der Gesamtprozess normalerweise frühere Leben beinhaltet. Doch es ist sehr interessant, bestimmte Muster in uns genauer zu untersuchen. Betrachten wir zum Beispiel die karmische Handlung der so genannten entzweienden Rede, d.h. wenn ich anderen üble Dinge über jemanden erzählt, etwa dessen Freunden, um sie zu veranlassen, ihre Freundschaft mit dieser Person aufzugeben. Als karmisches Resultat der Hinterlassenschaft solchen Verhaltens erlebt ich, dass meine eigenen Freunde mich verlassen. Meine Freundschaften oder Partnerbeziehungen halten nicht lange, Menschen verlassen mein Leben. Ich habe dazu angestiftet, dass andere sich trennen, und nun erlebe ich, dass meine eigenen Beziehungen nicht lange halten.

Diesen Zusammenhang kann man nicht nur in karmische Hinsicht verstehen, sondern auch in psychologischer Hinsicht. Wenn ich Ihnen als meinem Freund dauernd üble Dinge über andere Menschen erzählte, insbesondere wenn es sich um andere Freunde von Ihnen handelt, was würden Sie dann denken? Sie würden denken: „Was der wohl hinter meinem Rücken über mich erzählt?“ Und natürlich würden wir erleben, dass diese Freundschaft nicht anhält.

Wenn wir tiefer gehend über die ursächlichen karmischen Zusammenhänge nachdenken, beginnen wir einen Sinn darin zu entdecken. Wir erleben, dass uns Dinge widerfahren, die Ähnlichkeiten damit aufweisen, wie wir uns anderen gegenüber verhalten haben. Denken Sie daran, dass es hier darum geht, was wir erleben, nicht darum, was die anderen uns gegenüber tun. Sie haben ihre eigenen karmischen Ursachen, die sie zu ihrem Verhalten veranlasst haben.

Noch eine weitere Art von Resultat karmischer Hinterlassenschaft ist zu beobachten, wenn man etwas gemeinsam mit anderen erlebt, die dies ebenfalls erleben, z.B. eine bestimmte Umwelt oder Gesellschaft und die Art und Weise, wie es allen darin ergeht, etwa, wenn man in einer Region geboren ist oder lebt, wo es ein großes Ausmaß an Umweltverschmutzung gibt, oder aber in einer Region mit relativ sauberer Umwelt. Oder in einer Gesellschaft, wo viel Korruption herrscht, oder aber in einer Gesellschaft, wo die meisten Menschen ehrlich sind. Das sind Dinge, die man zusammen mit anderen erlebt, die in derselben Situation bzw. Gesellschaft leben.

Überlegungen dazu, wie Karma wirkt

Das sind die verschiedenen Arten von Vorkommnissen, die wir als Resultat karmischer Hinterlassenschaft erleben. Wir erleben Gefühle von Glücklich- oder Unglücklichsein, wir sehen und hören verschiedene Dinge, etwas widerfährt uns - und all das zusammen wirkt als die Umstände, in denen uns wiederum danach ist, frühere Verhaltensmuster zu wiederholen. Wenn wir danach handeln, zeigt sich eine Zwanghaftigkeit, die uns dazu treibt, diese Anwandlung auszuagieren. Oft fühlt sich das so an, als hätten wir gar keine Wahl. Sobald mir danach ist, jemanden anzuschreien, schreie ich wie unter Zwang los und wiederhole dieses Verhaltensmuster. Man könnte zwar die Entscheidung treffen, die Anwandlung nicht auszuagieren, aber der Vorgang läuft so schnell ab, dass wir zwanghaft handeln. Wir wiederholen das Muster und verstärken das Potenzial, immer wieder jemanden an zu schreien, denn die Tendenz dazu ist vorhanden, und es herrscht eine gewisse Zwanghaftigkeit in Bezug darauf, wie wir sprechen und wie wir handeln. Das ist die Art und Weise, wie Karma wirkt.

Nehmen Sie sich eine Weile Zeit, um über all das nachzudenken und es ins Bewusstsein sinken zu lassen.