Die zweite und dritte Stufe ethischer Selbstdisziplin

Rückblick

Auf der anfänglichen Stufe spiritueller Entwicklung üben wir ethische Selbstdisziplin, um uns von destruktivem Verhalten zurückzuhalten. Unser Ziel ist, zu verhindern, dass sich unsere Situation nicht nur in diesem Leben, sondern auch in zukünftigen Leben nicht verschlechtert. Wir zielen auf bessere Wiedergeburten ab und auf die gewöhnlichen Arten von Glück, die wir in solchen Leben erfahren können. Was uns dazu bewegt, dieses Ziel zu erreichen, ist unser Zurückschrecken davor, immer noch mehr Leiden und Unglücklichsein zu erleben. Wir verstehen, dass es eine Möglichkeit gibt, das zu verhindern, indem wir Selbstbeherrschung üben und von destruktivem Handeln Abstand nehmen. Wenn uns aufgrund von störenden Emotionen wie Ärger oder Gier danach ist, etwas Destruktives zu sagen oder zu denken, achten wir auf dieses Gefühl und handeln nicht danach. Wir müssen uns ziemlich bremsen, um den Augenblick zwischen diesem Impuls, etwas zu tun, und dem entsprechenden zwanghaften Handeln zu erwischen. Anfangs ist das natürlich schwierig, aber wir können uns darin üben, ein Gespür dafür zu entwickeln.

Stellen Sie sich die Situation vor, dass sie an einer Arbeit sitzen und sich allmählich gelangweilt fühlen. Es stellt sich das Gefühl ein, dass man ja mal wieder nach den Facebook-Mitteilungen schauen könnte oder das Mobiltelefon checken, ob eine SMS eingegangen ist oder einem Freund eine Kurzmitteilung senden. In dieser Phase der Entwicklung merken wir dann, wann solch ein Gefühl auftaucht und treffen die klare Entscheidung: „Wenn ich dem jetzt nachgebe, werde ich mit der Arbeit nicht fertig, und das wird Probleme schaffen. Also egal, wonach mir jetzt ist, ich werde es nicht tun.“

Die zweite Stufe: Darauf hinarbeiten, Wiedergeburt ganz und gar zu überwinden

Die mittlere Stufe der Motivation des Lam-rim besteht darin, darauf hinzuarbeiten, jegliche überhaupt zwanghaft auftretende Wiedergeburt zu überwinden. Rufen Sie sich ins Gedächtnis, dass das die Bedeutung von „Samsara“ ist: Wiedergeburt, die auftritt, ohne dass wir Macht darüber haben, geht mit einem Leben voller Probleme einher, die ebenfalls auftreten, ohne dass wir Macht darüber haben, und wir können sie nicht zum Aufhören bringen. Dazu gehören nicht nur die Probleme des Unglücklichseins, sondern auch die beiden anderen Aspekte von wahrem Leiden, die Buddha aufzeigte: das Leiden der Veränderung und das alles umfassende Leiden.

Gewöhnliches Glück

Das Leiden der Veränderung bezieht sich auf unser gewöhnliches Glück: Leider sind mit diesem Glück eine Menge Probleme verbunden. Zunächst einmal ist anzuführen, dass es nicht dauert – deswegen wird es als „Leiden der Veränderung“ bezeichnet - und es stellt nie ganz zufrieden, weil wir immer noch mehr wollen. Wenn wir von etwas zu viel und zu lange haben, werden wir dessen überdrüssig oder es verwandelt sich in Leiden. Beispielsweise ist es eine Zeitlang durchaus angenehm, draußen in der Sonne zu sitzen, aber wir würden nicht für immer in der heißen Sonne sitzen bleiben wollen. Nach einer Weile wird es uns zu viel und wir müssen uns in den Schatten setzen. Oder nehmen wir an, ein geliebter Mensch würde unsere Hand streicheln. Wenn er damit drei Stunden lang ununterbrochen weitermachen würde, würde die Haut wund! Auf ähnliche Weise tauchen bei gewöhnlichem Glück immer Probleme auf.

Unser gewöhnliches Glück ist das Resultat von konstruktiven, positiven Handlungen, die jedoch immer noch mit Verwirrung verbunden sind, ähnlich wie in dem Beispiel von dem neurotischen Perfektionisten, der zwanghaft das Haus putzt und ständig dafür sorgt, dass alles seine Ordnung hat. Wenn er fertig ist mit Saubermachen, ist er eine kurze Zeit lang froh, aber dann stellt sich Unzufriedenheit ein und ihm fällt ein: „Diese Stelle habe ich vergessen, sie ist noch nicht sauber genug. Ich muss da nochmal putzen.“ Jedes Glück, dass man so erlebt, ist nur von kurzer Dauer. Der Betreffende hat immer das Gefühl, das Haus könnte noch sauberer sein.

Das alles umfassende Problem

Die dritte Art von Leiden wird als das „alles umfassende Problem“ bezeichnet. Sie bezieht sich auf die zwanghaft auftretenden Wiedergeburten, die wir annehmen. Es handelt sich um die Tatsache, dass wir in jedem Leben eine Art von Körper und Geist haben, die automatisch Probleme und Schwierigkeiten erzeugen. Denken Sie darüber nach. Mit der Art von Körper, die wir jetzt haben, kann man keinen Schritt weit gehen, ohne auf irgendetwas zu treten und dabei dauernd irgendetwas zu töten. Es ist unmöglich, irgendetwas zu essen, ohne dass im Verlauf der Nahrungserzeugung Insekten oder irgendwelche anderen Tiere getötet wurden, selbst wenn man Vegetarier ist. Unser Körper wird krank und sowohl unser Körper als auch unser Geist wird müde. Wir müssen ruhen, wir müssen essen, wir müssen unseren Lebensunterhalt verdienen. Es ist nicht einfach, nicht wahr?

Und im nächsten Leben, wenn wir Glück haben, werden wir wieder als Mensch geboren und sind dann wieder ein Baby. Ach du liebe Güte - wir können uns nicht verständlich machen außer durch Schreien; wir können nichts selber machen und müssen alles wieder von Neuem lernen – wie mühselig! Und das Schlimme ist, dass wir das in zahllosen Leben immer wieder durchmachen müssen. Stellen Sie sich vor: immer wieder zur Schule gehen! Haben Sie Lust, noch weitere Millionen Male zur Schule zu gehen und endlose Hausaufgaben zu erledigen und zahllose Prüfungen abzulegen?

Derartige Mühsal und Plage ist das alles umfassende Problem, dass wir als Resultat zwanghaft auftretender Wiedergeburt haben. Selbst wenn wir in einem der besseren Leben wiedergeboren werden, haben wir immer noch dieses alles umfassende Problem. Das ist das, wovon wir uns befreien wollen, und um das zu bewerkstelligen, müssen wir alle Arten von zwanghaftem Karma überwinden, nicht nur die negative Art, sondern auch die positive.

Das Glück, das aus der Befreiung entsteht

Betrachten wir noch einmal unser gewöhnliches Glück. Der Fachausdruck dafür lautet „beflecktes Glück“, denn es ist mit Verwirrung verbunden bzw. befleckt davon, und zwar in dem Sinne, dass es aus Verwirrung entsteht, davon begleitet wird und, solange wir nicht unsere Einstellung demgegenüber ändern, immer noch mehr Verwirrung erzeugt. Was wir hingegen wollen, ist eine Art von Glück erreichen, die nicht mit Verwirrung vermischt ist. Das ist die Art von Glück, die anhält und zufriedenstellt. Es ist eine Art von Glück, die sich völlig von der gewöhnlichen Art unterscheidet, ein Glück, das daraus herrührt, das man von allen störenden Emotionen frei ist. Es ist nichts Verwirrendes daran.

Ein kleines Beispiel, das ein bisschen so ähnlich ist wie dieses Glück, kann das vielleicht veranschaulichen, auch wenn es natürlich keineswegs dasselbe ist: Nehmen wir an, Sie tragen den ganzen Tag über enge Schuhe. Am Abend ziehen Sie sie aus und ein Gefühl von Erleichterung stellt sich ein: „Aah – endlich bin ich von dieser Einengung befreit und die Füße schmerzen nicht mehr!“ Das ist eine andere Art von Glück als dasjenige, das beim Essen von etwas Schmackhaftem aufkommt, nicht wahr? Im größeren Zusammenhang geht es um ein Gefühl, das fast einer Erleichterung gleichkommt - frei von neurotischen Gedanken, von Sorge, von Unsicherheit und all so etwas zu sein. Wäre es nicht großartig, nie mehr emotional unausgeglichen, unsicher oder besorgt zu sein? Was für eine Erleichterung!

Das mag uns eine Vorstellung davon verschaffen, wovon die Rede ist, wenn es um Befreiung von zwanghaft auftretender Wiedergeburt geht - Befreiung von all den wahren Leiden, zu denen auch die derartige Wiedergeburt selbst gehört. Um diese Befreiung zu erlangen, müssen wir die Zwanghaftigkeit aller Arten von Karma überwinden, nicht nur die destruktive Art. Wir müssen sogar die Zwanghaftigkeit, positiv zu handeln, loswerden. Es ist nichts daran auszusetzen, etwas sauber zu halten oder etwas gut machen zu wollen. Problematisch wird es, wenn es sich um ein zwanghaftes, neurotisches Syndrom handelt, das unseren inneren Frieden stört und aus dem Ruder läuft - das ist das, wovon es sich zu befreien gilt.

Unterscheidung zwischen positiven Emotionen und einer störenden Geisteshaltung

Wenn wir auf positive Weise handeln, gehen damit positive Emotionen einher, z.B.:

  • Loslösung - nicht an etwas hängen; das Gegenteil von Anhaftung
  • nicht schaden wollen
  • fehlende Naivität - man hat ein Gespür dafür, wie sich das eigene Verhalten auf einen selbst und andere auswirkt.

Es gibt noch weitere konstruktive Geistesfaktoren, die ebenfalls positives bzw. konstruktives Verhalten begleiten:

  • Achtung vor guten Eigenschaften und diejenigen, die sie besitzen
  • Selbstbeherrschung, sich von negativem Handeln zurückzuhalten
  • ein Gefühl für die eigene moralische Würde, sodass man sich selbst und die eigenen Gefühle achten kann
  • Rücksicht darauf, welches Licht unsere Handlungen auf andere werfen.

Keiner dieser Faktoren stiftet Probleme. Sie begleiten unser positives, konstruktives Verhalten, und diese Faktoren wollen wir nicht beseitigen. Ein Unruhestifter, der zwanghaftes positives Verhalten begleitet, ist jedoch eine störende Geisteshaltung. Einfach ausgedrückt handelt es sich dabei vor allem um das Greifen nach einem festen „Ich“. Aus Verwirrung in Bezug darauf, wie wir existieren, hegen wir z.B. die Vorstellung, wir würden als gegenständliche, feste Entität existieren, als ein „Ich“ mit einer beständigen, wahren Identität, beispielsweise als jemand, der ständig gut sein muss oder der perfekte zu sein hat. „Ich muss gut sein. Ich muss hilfreich sein. Ich muss von Nutzen sein.“

Ein häufiges Beispiel dafür sind Eltern mit erwachsenen Kindern. Die Eltern möchten immer noch gebraucht werden und von Nutzen sein, deshalb bieten sie ihren Rat und ihre Hilfe an, selbst wenn ihre Kinder das gar nicht wollen. Das ist zwanghaft, weil sie das Gefühl eines festen „Ich“ haben und meinen „Ich bin nur dann etwas wert und existiere nur, wenn meine Kinder mich noch brauchen.“ Sie halten daran als wahrer Identität eines gleichbleibenden „Ich“ fest, weil sie meinen, sie könnten das „Ich“ damit sichern. Es ist, als hätten sie das Gefühl: „Wenn ich meinen Kindern helfe, dann gibt es mich.“

Die Emotion, die hinter ihrem Angebot von Rat und Hilfe liegt, ist positiv. Sie bieten sie an, weil sie ihre Kinder lieben. Sie möchten nett und hilfreich sein. Das ist nicht verkehrt. Der Unruhestifter ist ihre Einstellung gegenüber sich selbst, in Bezug auf dieses „Ich“: „Ich bin nur dann jemand, der etwas wert ist, wenn meine Kinder mich noch brauchen.“ Das ist es, was den neurotischen, zwanghaften Aspekt daran ausmacht, Hilfe anzubieten, selbst wenn sie völlig unnötig und unangemessen ist.

Wir können spüren, wenn wir einen solchen neurotischen Aspekt erleben, denn „störende Emotion“ und „störende Geisteshaltung bzw. Einstellung“ beinhalten beide dasselbe Wort mit derselben Definition: „störend“. Sowohl die Geisteshaltung als auch die Emotion bewirken, dass wir unseren inneren Frieden und unsere Selbstbeherrschung verlieren. Als Elternteil, dessen Einstellung gegenüber sich selbst von der Geisteshaltung geprägt ist: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas für meine Kinder tun kann“ - was kann man da spüren als Hinweis darauf, dass es einem an innerem Frieden mangelt? Es ist ein Gefühl von Unsicherheit; man ist unsicher, und deshalb hat man immer das Gefühl, man müsse sich in die Angelegenheiten der Kinder einmischen, z.B. im Hinblick darauf, wie sie ihre eigenen Kinder erziehen. Man hat keinen inneren Frieden und natürlich keine Selbstbeherrschung, trotz der positiven Emotion von Liebe und Fürsorge, die ja vorhanden ist. Deshalb braucht man Selbstdisziplin, um daran zu arbeiten.

Wir brauchen also ethische Selbstdisziplin auch, um die Zwanghaftigkeit unseres konstruktiven, positiven Karmas zu überwinden, das lediglich zu gewöhnlichem Glück führt - dem kurzlebigen Glück, das sich bald in eine unangenehme Situation verwandeln wird. Wenn wir aus Unsicherheit und weil wir das Gefühl haben wollen, etwas wert zu sein, den Impuls haben, aus Liebe und Fürsorge unerwünschten Rat anzubieten, spüren wir, dass uns das zwar vielleicht momentan glücklich machen kann, sich dies aber bald wieder in ein Gefühl von Unglücklichsein verwandelt, wenn unsere Tochter ihren Unmut zum Ausdruck bringt und kundtut, dass sie verstimmt war über das, was wir gesagt haben. Deswegen üben wir Selbstdisziplin und halten uns zurück. Aber es ist ziemlich schwierig, den Mund zu halten!

Die zweite Stufe ethischer Selbstdisziplin in Verbindung mit der mittleren Motivation des Lam-rim

Obwohl Selbstbeherrschung hilfreich sein kann, um das Problem des Leidens der Veränderung, das oben beschrieben wurde, zu vermeiden, besteht weiterhin das alles umfassende Problem der zwanghaft auftretenden Wiedergeburt. Eine einfachere Version dieser Thematik ist, dass das Syndrom, unerwünscht Hilfe anzubieten, sich ständig wiederholt, ohne dass man es unter Kontrolle bringen kann. Wir können nicht aufhören, uns einzumischen – in bester Absicht, aus Liebe, aber aus einer Unsicherheit heraus.

Um das Leiden der Veränderung und das alles umfassende Problem wirklich zu überwinden , müssen wir die zweite Ebene ethischer Selbstdisziplin zur Anwendung bringen. Das bedeutet, Selbstdisziplin einzusetzen, um uns von der verwirrten störenden Geisteshaltung zu befreien, die im Greifen nach einem festen „Ich“ besteht. Es ist nicht so, dass wir aufhören wollen zu helfen oder unsere Kinder zu lieben, sondern was wir zum Aufhören bringen wollen, ist diese neurotische Unsicherheit und das Greifen nach einem feststehenden „Ich“, das unserem zwanghaften, sich wiederholenden Verhalten zugrunde liegt.

Lassen Sie anhand von etwas veranschaulichen, was wir weiter entwickeln wollen, z.B. Liebe. Die buddhistische Definition von Liebe beinhaltet den Wunsch, dass andere glücklich sein mögen und die Ursachen dafür haben mögen, ungeachtet dessen, wie sie sich gerade verhalten. Dieser Wunsch kann jedoch mit Verwirrung, Anhaftung und Unsicherheit vermischt sein. „Verlass mich nie!“ „Warum hast du mich nicht angerufen?“ „Du liebst mich nicht mehr.“ „Ich brauche dich.“ - „ich, ich, ich.“ Wir wollen immer noch, dass die andere Person glücklich ist, aber: „Verlass mich nicht“ und „Du musst jeden Tag anrufen.“ Die Liebe ist nicht das Problem. Das Problem ist die Anhaftung und das große „Ich“ hinter all dem. Auf dieser mittleren Stufe setzen wir ethische Selbstdisziplin ein, um diese kontraproduktive, störende Geisteshaltung, die ständig auf „ich, ich, ich“ bezogen ist, zu überwinden.

Überlegungen zur zweiten Stufe ethischer Selbstdisziplin

Bevor wir zur dritten Stufe fortschreiten, lassen Sie uns ein paar Minuten innehalten, um das alles zu verdauen. Versuchen Sie, das, worüber wir gesprochen haben, in Ihrem eigenen Leben wiederzufinden. Ein buddhistisches Sprichwort lautet: „Man richte den Spiegel des Dharma nicht nach außen, um die Probleme der anderen (z.B. der Eltern) zu reflektieren, sondern nach innen, so dass er auf einen selbst gerichtet ist.“ Versuchen Sie also im Zusammenhang mit Ihrer eigenen Erfahrung in Ihrem eigenen Leben zu entdecken, wie auch konstruktives Handeln Probleme schaffen kann, wenn es auf neurotische, selbstbezogene Weise geschieht. Versuchen Sie das große feste „Ich“ hinter dem Syndrom zu erkennen, in dem man das Gefühl hat: „Ich muss perfekt sein. Ich muss gut sein. Ich muss von großem Nutzen sein. Ich muss gebraucht werden und behilflich sein.“ Identifizieren Sie die Probleme, die daraus hervorgehen.

Versuchen Sie zu erkennen, dass es nichts gibt, was wir beweisen müssen. Wir müssen nicht beweisen, dass wir ein guter Mensch sind, indem wir dauernd unsere Hilfe anbieten, selbst wenn sie gar nicht erwünscht ist. Wir müssen nicht beweisen, dass wir ein ordentlicher Mensch sind oder dass wir perfekt sind. Meinen wir: „Ich bin sauber und ordentlich, also gibt es mich“ oder „Ich bin perfekt, also gibt es mich“ - etwa so wie in dem bekannten Ausspruch „Ich denke, also bin ich“? Das ist dadurch bedingt, dass wir uns unsicher fühlen in Bezug auf „ich, ich, ich“, dass wir das Gefühl haben, wir müssten beweisen, dass wir gut oder etwas wert sind.

Wir müssen nichts beweisen. Denken Sie darüber nach. Was versuchen wir dadurch zu beweisen, dass wir so perfekt sind, so sauber und ordentlich sind, so gut sind, so produktiv sind? Darin liegt das ganze Geheimnis: Es ist nichts da, dessen man sich unsicher fühlen müsste, und es gibt nichts, das man beweisen müsste. Gehen Sie einfach Ihren Aktivitäten nach und seien Sie anderen behilflich.

Natürlich ist es nicht so leicht, einfach ethische Selbstdisziplin einzusetzen und zu sagen: „Ich höre jetzt auf, mich unsicher zu fühlen.“ Dafür muss man verstehen, dass die Unsicherheit darauf beruht, dass wir verwirrt sind hinsichtlich der Art und Weise, wie wir existieren, und dass diese Verwirrung auf nichts beruht, was der Realität entspricht. Was ist es denn, dessen wir uns unsicher fühlen? Ein Mythos! Ein Mythos, der besagt: Wenn ich produktiv oder von Nutzen bin, gibt es mich. Wenn ich nicht produktiv bin - höre ich dann auf zu existieren? Das wäre doch seltsam, oder? Was versucht man zu beweisen, wenn man ein fanatischer Workaholic ist? Wenn Sie anderen helfen wollen - schön. Helfen Sie ihnen, aber seien Sie im Hinblick darauf nicht zwanghaft. Das ist nämlich das Problem. Das ist es, was es zum Aufhören zu bringen gilt. Das ist die mittlere Stufe ethischer Selbstdisziplin. Wir setzen Selbstdisziplin ein, um zu verstehen, dass es nichts zu beweisen gibt, und mit diesem Verständnis beseitigen wir die Unsicherheit, die zwanghaftem karmischen Verhalten zugrunde liegt.

Die dritte Stufe: Die Unwissenheit überwinden, das Karma der anderen nicht zu kennen

Auf der fortgeschrittenen Stufe der Motivation des Lam-rim arbeiten wir daran, die Unwissenheit zu überwinden, die darin besteht, dass wir das Karma der anderen nicht kennen. Wir möchten anderen helfen. Wenn wir Befreiung erlangt haben, sind wir frei von zwanghaft auftretender Wiedergeburt, wir stehen also nicht mehr unter Zwang, wir handeln nicht auf destruktive Weise, und wir haben nicht den neurotischen Drang, zwanghaft positiv handeln zu müssen, selbst wenn es nicht angebracht ist. Doch auch dann noch besteht ein Problem darin, dass wir, obwohl wir den starken Wunsch haben, anderen zu helfen, nicht wissen, welches die beste Art und Weise ist, das zu tun. Wir kennen die karmischen Gründe und die Vorgeschichte nicht, die bewirken, dass jemand so ist, wie er jetzt ist. Auch wissen wir nicht, wie sich etwas, das wir jemandem beibringen, auswirken wird - und nicht auf ihn, sondern auch auf alle anderen, mit denen er zu tun hat. Weil wir keine Ahnung haben, was ein Ratschlag, den wir jemandem geben, oder etwas, das wir jemanden lehren, für Folgen haben wird, sind wir sehr begrenzt in unseren Möglichkeiten, anderen zu helfen.

Zum Wohle anderer handeln

Wie kann Selbstdisziplin dazu beitragen, aus diesem Dilemma herauszukommen? Zunächst einmal müssen wir mit Selbstdisziplin daran arbeiten, nicht gleichgültig und selbstgefällig zu sein. „Jetzt, wo ich frei von Leiden bin, werde ich bloß noch dasitzen, meditieren und die ganze Zeit glückselig sein.“ Wir brauchen ethische Selbstdisziplin, um weiterhin etwas für andere zu tun. Wir können schon vor dieser Stufe ein Gefühl dafür bekommen, wenn wir eine gute Meditation erlebt haben. Man sitzt da, der Geist schweift nicht ab und ist auch nicht träge, und der Zustand ist ganz glückselig - nicht auf verstörte Weise, sondern man fühlt sich wirklich gut. Man ist sehr zufrieden damit, in diesem Zustand zu verbleiben. Wenn man wirklich fortgeschritten ist, kann man sehr lange Zeit in diesem Zustand verweilen, und wenn man befreit ist, könnte man für immer darin verweilen.

Was holt uns aus dieser Selbstzufriedenheit wieder heraus? Wenn man tatsächlich von zwanghaft auftretender Wiedergeburt befreit ist, hat man nicht einmal mehr diese Art von gewöhnlichem Körper, man wird also nicht hungrig oder so etwas. Was uns wachrüttelt, sind die Gedanken an andere. „Wie kann ich dasitzen und in Glückseligkeit schwelgen, wenn es allen anderen schlecht geht?“ Wir brauchen ethische Selbstdisziplin, um diesen Zustand zu überwinden, in dem uns nur an unserem eigenen Wohlergehen gelegen ist, und um auch an andere zu denken und etwas für sie zu tun.

Es ist sehr wichtig, dass dieser Schritt erfolgt, nachdem wir etwas für unser eigenes Wohlergehen getan haben. Wenn wir versuchen, anderen zu helfen, während es uns selbst noch schlecht geht und wir noch voller neurotischer Tendenzen sind, wird das Probleme schaffen. Wir werden verstimmt und sind verärgert, wenn andere unseren Rat nicht annehmen und nicht schnell genug Fortschritte machen. Oder wir hängen an ihnen und werden eifersüchtig, wenn sie sich anderen Ratgebern zuwenden. Oder vielleicht noch schlimmer, wir empfinden eine sexuelle Anziehung ihnen gegenüber, und das macht es enorm schwierig, jemandem wirklich zu helfen. Wir müssen zuerst an uns selbst arbeiten. Aber es ist nicht so, dass wir erst völlig befreit sein müssen, bevor wir versuchen können, anderen zu helfen - das würde sehr lange dauern. Entscheidend ist, dass wir im Verlauf unserer Versuche, anderen zu helfen, nicht vernachlässigen, an uns selbst zu arbeiten.

Wenn wir an uns arbeiten, müssen wir uns weiterhin darauf konzentrieren, unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen und die Zwanghaftigkeit des Karma zu überwinden. Wir brauchen weiterhin Disziplin, um unsere Selbstbezogenheit zu überwinden, aber auf dieser Stufe brauchen wir Disziplin auch, um die Begrenzungen unseres Geistes zu überwinden, die uns daran hindern, ausnahmslos alles zu erkennen. Weil wir nicht allwissend sind, sehen wir nicht das Gesamtbild; wir sehen nicht, wie alles miteinander zusammenhängt. Alles, was geschieht, ist das Resultat einer Kombination von vielen, vielen Ursachen und Umständen, und all diese Ursachen und Umstände gehen wiederum auf ihre eigenen Ursachen und Umstände zurück.

In unserem jetzigen Zustand ist unser Geist begrenzt; wir können nicht alles sehen, was an dem beteiligt ist, was mit jemandem vor sich geht. Schlimmer noch, wir meinen, nur eine Ursache würde die Wirkung hervorbringen, vor allem, wenn wir denken, wir selbst wären die Ursache. Wenn z.B. jemand, mit dem wir zu tun haben, deprimiert ist, stellen wir uns vor, dass das unser Fehler ist, bloß weil wir irgendetwas Bestimmtes gesagt oder getan haben. Das entspricht nicht der Realität. Alles, was jemandem geschieht, ist das Resultat zahlreicher Ursachen, nicht bloß dessen, was wir getan haben. Was wir getan haben, mag dazu beigetragen haben - das streiten wir nicht ab -, aber es ist nicht so, dass das Ganze nur aus einer Ursache herrührt. Oder vielleicht versuchen wir, jemandem zu helfen, und sagen: „Der Grund für deine Lage ist, dass du keine gute Ausbildung bekommen hast.“ Wir reduzieren das, was geschieht, darauf, dass es vermeintlich Resultat nur einer Ursache ist. Oder wir sagen: „Deine Probleme kommen alle daher, dass deine Eltern in deiner Kindheit dies oder jenes getan haben.“ Wir sehen nicht das Gesamtbild. Es ist erheblich größer als das, was wir sehen.

Unser Denken entspricht nicht der Realität

Wir brauchen ein wesentlich umfassenderes Verständnis als das, was wir jetzt haben. Das Problem ist, dass unser Geist auf alles Kategorien projiziert; wir denken wie in Schubladen und ordnen alles in diese Schubladen ein. Wir isolieren Dinge voneinander, als würden sie in getrennten Schachteln existieren, unabhängig von allen anderen, und wir meinen, das würde der Realität entsprechen. Wir sehen nicht, wie alles miteinander zusammenhängt und voneinander abhängig ist. „Das ist die eine Ursache. Dies ist schlecht, jenes ist gut.“ Wir kategorisieren.

Aber so existieren die Dinge nicht. Die Dinge existieren nicht isoliert von allem anderen. Wir brauchen Disziplin, um zu verstehen, dass wir zwar das Gefühl haben, es sei so, dass das aber nicht der Realität entspricht. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Nehmen wir an, Sie sind den ganzen Tag mit den Kindern zuhause. Ihr Partner kommt von der Arbeit und spricht nicht mit ihnen. Er geht einfach ins Schlafzimmer, macht die Tür hinter sich zu und legt sich hin. Im Geist stecken Sie ihn in die Schublade: „Leute, die mich nicht lieben“. Vielleicht werfen Sie ihn sogar in die Schublade „unfreundliche Personen“ oder „schreckliche Menschen“. Dahinter steckt die Geisteshaltung, die sich um das große, feste „Ich“ dreht. Jemand kommt in die Schublade „schreckliche Menschen“, weil „ich“ – ich, ich, ich - jetzt mit ihm reden will. Ich will, ich will, ich will. Ich will etwas von ihm. Weil wir ihn in eine Schublade gesteckt haben, sehen wir nicht, wie alles Mögliche, was er erlebt hat, bevor er nach Hause kam, damit zusammenhängt, wie er sich verhielt, als er hereinkam. Vielleicht hatte er einen schwierigen Tag bei der Arbeit, und irgendetwas kann auf dem Weg nach Hause passiert sein usw. usw.

Wie oft kommt es vor, dass die Dinge uns so erscheinen? Jemand kommt herein und es ist, als würde er aus dem Nichts auftauchen – als wenn es nichts gäbe, was er erlebt hat, bevor er hereinkam, und alles erst in dem Moment anfinge, in dem er zur Tür hereinkommt. Schauen wir uns das Ganze aus dem umgekehrten Blickwinkel heraus an. Wenn die andere Person zu Hause bei den Kindern war und man von der Arbeit nach Hause kommt – wie sieht das für ihn aus? Da steht der Partner, frisch und munter, als ob den ganzen Tag lang nichts passiert wäre, bevor man selbst hereinkam.

Wenn wir darüber nachdenken, wird klar: Natürlich ist es so nicht! Doch es geht hier darum, wie unser Geist die Dinge erscheinen lässt. Er lässt sie so erscheinen, als würde die Interaktion mit unserem Partner jetzt in diesem Moment beginnen, wenn er oder ich zur Tür hereinkommen, und als wäre vorher beim anderen nicht alles Mögliche abgelaufen. Alles erscheint in den Schubladen, in die wir die Dinge einordnen. Diese tief verwurzelte Gewohnheit, Menschen, Dinge und Situationen in Schubladen einzuordnen, ist nicht leicht zu überwinden. Das ist es, wofür wir Disziplin brauchen. Wir müssen erkennen, dass diese aufgesplitterte Sichtweise der Welt nicht der Realität entspricht.

Um sicher zu gehen, dass dieser Punkt klar wird, lassen Sie uns noch ein anderes Beispiel anschauen. Wir stecken jemanden in die Schublade „mein Partner“. Wir verlieren die Tatsache aus dem Blickfeld, dass diese Person auch mit vielen anderen Menschen außer uns Verbindung hat und noch andere Freunde hat. Wenn wir sie in diese mentale Schublade stecken, meinen wir: „Er oder sie gehört zu mir. Er oder sie sollte immer Zeit für mich haben, wenn mir danach ist, denn es ist ja ‚mein Partner‘. Alles andere in seinem Leben zählt nicht.“ Wir denken nicht daran, dass er auch Verpflichtungen gegenüber seinen Eltern hat, auch andere Freunde hat und anderen Aktivitäten nachgeht. Er befindet sich nur in dieser Schublade. Das Schlimme ist, dass wir das Gefühl haben, das wäre wahr, und glauben, das entspräche der Realität. Und natürlich hängen wir deshalb an ihm und ärgern uns, wenn er sich mit jemand anderem trifft.

Die dritte Stufe ethischer Selbstdisziplin in Verbindung mit der fortgeschrittenen Motivation des Lam-rim

Auf der fortgeschrittenen Stufe der Motivation des Lam-rim arbeiten wir darauf hin, den allwissenden Zustand eines vollkommen erleuchteten Buddha zu erreichen, um anderen auf bestmögliche Weise helfen zu können. Um auf bestmögliche Weise helfen zu können, müssen wir das Karma eines jeden voll und ganz verstehen. Wir müssen um das frühere zwanghafte Verhalten der betreffenden Person wissen und um alle Variablen der Ursachen und Umstände, die das beeinflusst und dazu geführt haben, wie sie jetzt ist, und wir müssen die Folgen kennen, die sich aus allem ergeben, was wir ihnen beibringen. Um die vollständige wechselseitige Verbundenheit der Ursachen und Wirkungen zu erkennen, insbesondere die kausalen Zusammenhänge in Verbindung mit Karma, müssen wir aufhören, alles voneinander zu isolieren und in mentale Schubladen mit Kategorien zu stecken und zu glauben, dass etwas wirklich so existieren würde.

Wir brauchen also ethische Selbstdisziplin nicht nur, um aufzuhören, uns nur um uns selbst zu kümmern, und stattdessen aufrichtiges Interesse an anderen zu entwickeln. Wir brauchen Selbstdisziplin auch, um zu erkennen, dass die Art und Weise, wie unser Geist die Dinge erscheinen lässt - nämlich als würden sie in bestimmten Kategorien oder Schubladen existieren -, nicht der Realität entspricht. Wir müssen versuchen, den größeren Zusammenhang, das Gesamtbild, zu sehen.

Überlegungen zur dritten Stufe ethischer Selbstdisziplin

Gemäß der Struktur des Lam-rim, des stufenweisen Pfades, gibt es also drei Ebenen ethischer Selbstdisziplin in Verbindung mit Karma:

  • die Disziplin, von zwanghaftem destruktivem Verhalten Abstand zu nehmen
  • die Disziplin, störende Emotionen und Geisteshaltung zu überwinden, die hinter unserem zwanghaften Verhalten - sei es negativ oder positiv - liegen
  • die Disziplin, die Begrenzungen der täuschenden Art und Weise zu überwinden, wie unser Geist die Dinge erscheinen lässt - aufzuhören, partiell zu denken, indem man die Dinge in mentale Schubladen steckt - und die Disziplin, nicht gleichgültig und selbstzufrieden mit der eigenen Situation zu verharren, damit wir schließlich das Karma der anderen Wesen verstehen und ihnen helfen können, es zu überwinden.

Lassen Sie uns mit klar erkennender Meditation versuchen zu durchschauen, wie unser Geist die Dinge in Schubladen, isoliert von allem anderen, erscheinen lässt. Denken Sie an die Menschen in diesem Zimmer, oder, wenn Sie dies zu Hause lesen, denken Sie an die Menschen, die Sie im Bus oder in der U-Bahn sehen. Man sieht sie und es ist, als kämen sie nirgendwo her. Sie sind hier einfach aufgetaucht, und was heute Morgen bei ihnen zuhause los war, erscheint uns nicht - ob sie Kinder haben oder nicht, ob es schwierig war, hierher zu kommen, all das erscheint uns nicht. Deshalb wissen wir nicht, in welcher Stimmung sie sind, und wir wissen nicht, welche Wirkung es haben wird, wenn wir etwas zu ihnen sagen. Vielleicht sind sie erschöpft oder verstimmt oder aufgeregt von irgendetwas, was heute Morgen passiert ist, oder vielleicht haben sie nicht genug geschlafen. Wie sollen wir das wissen? Wenn es so aussieht, als würden die Menschen einfach so, ohne Vorgeschichte, aus dem Nichts auftauchen – wie soll es da möglich sein zu wissen, wie man ihnen am besten helfen kann?

Wir müssen irgendwie aufhören, an diese Erscheinung zu glauben und unseren Geist allmählich dazu bringen, dass er aufhört, die Dinge so erscheinen zu lassen. Dann können wir, selbst auf dieser Stufe, auch wenn wir nicht wissen, was jemand heute Morgen erlebt hat, zumindest die Tatsache anerkennen, dass irgendetwas bei ihm abgelaufen ist, bevor wir ihn sehen. Wenn wir wirklich Interesse daran haben, können wir nachfragen. Aber ich meine nicht die Art von Interesse, als würden wir eine Umfrage veranstalten, sondern es geht um wirkliche Anteilnahme, die mit Liebe und Mitgefühl verbunden ist: „Ich möchte, dass Sie glücklich sind und dass Sie nicht unglücklich sind.“

Versuchen Sie deshalb zu erkennen, wie unser Geist diese täuschenden Erscheinungen hervorbringt. Versuchen Sie zu sehen, wie einschränkend sie sind, wenn wir glauben, sie würden der Realität entsprechen, und wie das zu Problemen führt.