Die erste Stufe ethischer Selbstdisziplin

Einführung

Das Thema Karma ist von wesentlicher Bedeutung in den buddhistischen Lehren und steht in enger Verbindung mit ethischer Selbstdisziplin. Wir brauchen ethische Selbstdisziplin, um Karma zu überwinden und uns davon zu befreien. Das fügt sich gut in den Kontext dessen ein, was als „die vier edlen Wahrheiten“, Buddhas grundlegendste Lehre, bekannt ist:

  • Wir alle erfahren eine Menge Leiden und Probleme im Leben.
  • Unser Leiden geht aus Ursachen hervor.
  • Es gibt einen Zustand, in dem alles Leiden und dessen Ursachen für immer vorbei sein können.
  • Dieser Zustand kann auf einem Weg erreicht werden, der korrektes Verständnis der Realität, Ethik usw. beinhaltet.

Dieses Schema bildet eine Struktur, die man allgemein in der indischen Philosophie und Religion findet. Buddha erklärte jedoch, dass andere vor ihm diese Inhalte nicht tief genug ergründet hatten, und deswegen bezeichnete er das, was er erkannt hatte, als wahre Leiden, ihre wahren Ursachen, ihre wahre Beendigung und die wahren Pfade, die zu dieser Beendigung führen. Obwohl andere dem möglicherweise nicht zustimmen, werden diese Punkte von den Aryas - d.h. Wesen mit hohem spirituellen Erkenntnisstand, die die Realität ohne begriffliche Vorstellungen sehen – als wahr erkannt.

Interessant ist, dass der Buddha den Begriff „Arya“ verwendete. Das ist eine Bezeichnung für die Eroberer, die etwa 500 Jahre vor der Zeit Buddhas nach Indien vordrangen und die Vedas dorthin mitgebracht hatten. Mit den Aryas, von denen der Buddha sprach, sind jedoch nicht diese Eroberer gemeint. Vielmehr handelt es sich um Menschen, die nicht nur erkannt haben, was die wahren Leiden und die Ursachen dafür sind, sondern diese auch überwunden haben, und insofern werden sie als Sieger bezeichnet. Das ist ein Begriff, der überall in der buddhistischen Terminologie vorkommt.

Verstehen, was „Karma“ bedeutet

Karma ist eine der wahren Ursachen von wahrem Leiden, aber was genau ist eigentlich Karma? Das Sanskritwort geht auf die Wurzel „kr“ zurück, die „tun“ bedeutet. Wenn man ihr die Endung „ma“ hinzufügt, bedeutet das Wort: „das, was handelt“ oder „das, was zum Handeln treibt“. Auf ähnliche Weise ist das Wort „Dharma“ auf die Wurzel „dhr“ zurückzuführen, die „schützen“ bedeutet. Mit der Endung „ma“ wird die Wortbedeutung zu: „das, was schützt“, wie zum Beispiel in dem Zusammenhang: „das, was uns vor Leiden schützt“. Karma ist also das, was uns zum Handeln treibt und Leiden hervorbringt, und Dharma ist das, was uns vor Leiden schützt.

Die Bedeutung von „Karma“ bezieht sich also nicht auf die Handlung selbst. Aber weil Karma mit einem Wort ins Tibetische übersetzt wurde, das in der Umgangssprache „Handlungen“ (tib. las) bedeutet, setzen die meisten tibetischen Lehrer, wenn sie englisch sprechen, Karma zu dem Wort „Handlungen“ (actions) in Entsprechung. Das ist sehr verwirrend, denn wenn Handlungen die wahre Ursache von Leiden wären, dann bräuchten wir ja nur aufzuhören zu handeln und wären dann frei! Das ist jedoch unsinnig.

Der Begriff Karma bezieht sich eigentlich auf eine Art Zwang - einen Zwang, der uns dazu treibt, auf eine Art und Weise zu handeln, zu sprechen und zu denken, die mit Verwirrung verbunden ist, und zwar mit einer verwirrten Auffassung in Bezug darauf, wie wir existieren, wie andere existieren und in Bezug auf die Realität. Weil wir verwirrt sind in Bezug darauf, wer wir sind und was in der Welt abläuft, handeln wir auf sehr zwanghafte Weise. Diese kann darin bestehen, dass wir zwanghaft negativ handeln, etwa dauernd jemanden anschreien oder uns anderen gegenüber unmenschlich verhalten, oder auch darin, dass wir zwanghaft positiv handeln, z.B. als Perfektionist.

Betrachten wir den letzteren Fall genauer. Man kann neurotisch bzw. zwanghaft im Hinblick darauf sein, dass man meint, man müsse perfekt sein, immer denkt: „Ich muss unbedingt gut sein“ oder „Alles muss sauber und ordentlich sein“. Solch zwanghaftes Denken schafft eine Menge Leiden, obwohl gut zu sein oder die Dinge sauber und in Ordnung zu halten eigentlich etwas Positives sind. Es geht jedoch darum, die neurotische Zwanghaftigkeit loszuwerden, die hinter unserem Verhalten steckt, weil dies die Ursache von Leiden ist. Hinter unserem Perfektionismus steckt Verwirrung in Bezug darauf, wie wir existieren. Wir meinen, dass wir ein festes „Ich, Ich, Ich“ sind, und dass dieses Ich perfekt und gut sein muss. Warum? Damit Mama und Papa mir über den Kopf streicheln und sagen, dass „ich“ ein gutes Mädchen oder ein guter Junge bin? Einer meiner Lehrer sagte: „Und was machen wir dann? Mit dem Schwanz wedeln wie ein Hund?“

Karma im Kontext der Übung auf dem stufenweisen Pfad des Lam-rim

Wenn wir darauf hinarbeiten, uns von Karma, von der Zwanghaftigkeit, die eine der wahren Ursachen des Leidens ist, zu befreien, gehen wir stufenweise vor und zwar entsprechend der Darstellung des Lam-rim, der aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades zur Erleuchtung. Der „stufenweise Pfad“ ist jedoch nicht etwas, worauf man laufen kann, sondern bezieht sich vielmehr auf bestimmte Geisteszustände, auf bestimmte Ebenen von Verständnis und eine innere Entwicklung, die wie ein Pfad Schritt für Schritt zu aufeinander folgenden Zielen führt. Mit jedem Schritt erweitern wir das Ausmaß unserer Motivation, unser Ziel und das, was wir anstreben, und jeder Schritt bringt ein tiefer greifendes Überwinden von Karma durch ethische Selbstdisziplin mit sich.

Ganz kurz gesagt gibt es drei Ebenen von Motivation. Die klassische Darstellung des Lam-rim geht davon aus, dass es Wiedergeburt gibt und setzt den Glauben daran voraus, und so geht es bei jeder Ebene der Motivation um diesen Punkt. Doch auch wenn wir Wiedergeburt nicht akzeptieren und nur anstreben, dieses Leben zu verbessern, können wir entsprechend dieser stufenweisen Struktur daran arbeiten, Karma zu überwinden. Lassen Sie uns jedoch einen Blick darauf werfen, wie Karma in den Rahmen dessen eingebunden ist, was ich „die echte Dharma-Version“ nenne.

  • Mit der Motivation der anfänglichen Stufe arbeiten wir darauf hin, schlimmere Wiedergeburten zu vermeiden, um weiterhin bessere zukünftige Leben zu erlangen. Und zwar wollen wir nicht nur einfach bessere Wiedergeburten erlangen, sondern insbesondere Wiedergeburten in einem kostbaren menschlichen Leben, damit wir weiterhin die besten Umstände zur Verfügung haben, um uns in Richtung höherer Ziele weiterzuentwickeln. Weil zwanghaftes destruktives Verhalten zu schlimmeren Wiedergeburten führt, streben wir auf dieser anfänglichen Stufe an, uns von dieser Zwanghaftigkeit des Karma zu befreien.
  • Mit der Motivation der mittleren Stufe wollen wir Wiedergeburt überhaupt überwinden. Sie haben vielleicht schon den Begriff „Samsara“ gehört; er bezieht sich auf unfreiwillig auftretende Wiedergeburt, die, ganz gleich um was für eine Wiedergeburt es sich handelt, wiederum voller weiterer Leiden und Probleme sein wird. Die Zwanghaftigkeit von Karma, sei es destruktiv oder konstruktiv, ist eine der Hauptantriebskräfte für samsarische Wiedergeburt. Auf dieser mittleren Stufe streben wir daher Befreiung davon an.
  • Mit der fortgeschrittenen Motivation wollen wir einen Zustand erreichen, in dem wir allen anderen auf bestmögliche Weise helfen können, sich von Samsara zu befreien. Das heißt, wir arbeiten daran, ein Buddha zu werden, ein Wesen mit allumfassender Erkenntnis, so dass wir das Karma eines jeden erkennen und dadurch wissen, wie man ihm am besten helfen kann. – Karma spielt also auf allen drei Ebenen des Lam-rim eine Rolle.

Die Motivation der anfänglichen Stufe: Darauf hinarbeiten, schlimmere Wiedergeburten zu vermeiden

Buddha sprach von den wahren Leiden bzw. wahren Problemen im Leben. Auf der anfänglichen Stufe arbeiten wir daran, die elementaren Probleme und Schwierigkeiten zu überwinden, mit denen wir konfrontiert sind: körperliche und geistige Leiden, also Unglücklichssein, Schmerz, schreckliche Geschehnisse, die uns zustoßen, usw.

Schlimmere Wiedergeburten werden voller wirklich schrecklicher Leiden sein. Es ist keine sehr angenehme Aussicht, z.B. als Fisch zur Welt zu kommen, der im Meer herumschwimmt, bis dann plötzlich ein größerer Fisch auftaucht und einen auffrisst, oder als kleines Insekt, und dann von einem größeren Insekt oder einem Vogel gefressen zu werden. So etwas möchten wir nicht erleben. Stellen Sie sich die Angst und die ständige Furcht vor Verfolgung vor, die Tiere erleben, und wie sie ständig aufpassen müssen, dass kein größeres Tier naht und ihnen ihr Futter wegnimmt. Denken Sie an die Hühner in den Behausungen, die Seine Heiligkeit der Dalai Lama „Hühnergefängnis“ nennt. Sie sind so eingezwängt, dass sie sich kaum bewegen können und werden aufgezogen, um dann schließlich bei McDonalds verzehrt zu werden, wobei meist ihr halber Körper im Müll landet.

In den buddhistischen Darstellungen werden Situationen beschrieben, die noch viel schlimmer sind als das, aber darauf müssen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. Worum es geht, ist, dass wir all das unbedingt vermeiden wollen, und was wir erreichen wollen, ist Glück. Jeder möchte glücklich sein; niemand möchte unglücklich sein. Das ist ein grundlegendes Axiom im Buddhismus. Wovon hier auf dieser Stufe die Rede ist, ist nur unser gewöhnliches Glück, und das werden wir uns genauer anschauen, wenn wir zur zweiten Stufe bzw. Ebene der Motivation kommen.

Die buddhistische Vorstellung von Ethik

Was ist die wahre Ursache von Unglücklichssein und dem offenkundigen Leiden in den schlimmeren Wiedergeburtszuständen? Die wesentliche Ursache ist negatives Karma. Das ist ein Zwang, destruktiv zu handeln, hervorgerufen und begleitet von störenden Emotionen. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen. Wenn hier von destruktivem bzw. negativem Verhalten die Rede ist, so handelt es sich nicht um ein ethisches System, das auf Gesetzen göttlichen Ursprungs oder bürgerlichen Gesetzen beruht, die von einer Regierung erlassen werden. In solchen ethischen Systemen heißt eine ethische Person zu sein, dass man den Gesetzen folgt, sei es als ein guter Bürger, als gläubiger Anhänger einer Religion oder beides. In Verbindung mit derartigen Gesetzen gibt es überdies Urteile hinsichtlich Schuld oder Unschuld. Das entspricht ganz und gar nicht der buddhistischen Vorstellung von Ethik.

Im Buddhismus wird vielmehr ein ethisches System gelehrt, dass auf korrektem Verständnis sowie auf der Unterscheidung beruht, was hilfreich und was schädlich ist. Wenn wir auf schädliche Weise handeln, so geschieht das nicht deshalb, weil wir ungehorsam oder schlechte Menschen sind, sondern vielmehr deshalb, weil wir verwirrt in Bezug auf die Realität sind. Wenn man z.B. die Hand auf einen heißen Ofen legt, dann ist es nicht so, dass man ein Gesetz übertritt, das bestimmt: „Es ist verboten, die Hand auf heiße Öfen zu legen.“ Man war verwirrt; man wusste nicht, dass man sich verbrennen würde, wenn man die Hand dorthin legt. Man war sich des ursächlichen Zusammenhangs nicht gewahr.

Ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, ich habe unabsichtlich etwas gesagt, dass Ihre Gefühle verletzt hat. Es ist nicht so, dass ich ein böser Mensch war, weil ich es gesagt habe. Ich wusste wirklich nicht, dass es Sie verletzen würde. Ich wusste nicht, welche Wirkung meine Worte haben würden. Ich war mir nicht im Klaren darüber.

Störende Emotionen und destruktives Verhalten

Wenn wir destruktiv handeln, wird dies von irgendeiner störenden Emotion herbeigeführt und begleitet.

Was ist eine störende Emotion? Es ist eine Emotion, die, wenn sie auftritt, bewirkt, dass wir unseren inneren Frieden und unsere Selbstbeherrschung verlieren.

Diese Definition ist sehr nützlich. Normalerweise spüren wir, wenn wir nervös werden, unruhig werden und zwanghaft handeln. Das zeigt uns, dass eine störende Emotion hinter dem steckt, was wir spüren.

Was sind die hauptsächlichen störenden Emotionen? Erstens gibt es die Gruppe von sehnsüchtigem Verlangen, Anhaftung und Gier. Mit allen dreien übertreiben wir die positiven Eigenschaften von etwas und ignorieren oder leugnen jegliche negativen Aspekte. Als störende Geisteszustände hindern sie uns daran, etwas zu genießen:

  • sehnsüchtiges Verlangen - die Sehnsucht, etwas zu bekommen, was man nicht hat
  • Anhaftung - etwas nicht loslassen wollen, was man hat
  • Gier - nicht zufrieden sein mit dem, was man hat, und immer mehr wollen.

Des Weiteren gibt es den Ärger, der viele Nuancen haben kann: Groll, Feindseligkeit, Böswilligkeit, Hass, Missgunst, Gehässigkeit, Rachsucht usw. All diese Geistesfaktoren übertreiben die negativen Eigenschaften von etwas oder jemandem und sind blind gegenüber seinen positiven Aspekten. Auf dieser Grundlage entwickeln wir Abneigung: Wir wollen loswerden oder sogar vernichten, was wir nicht mögen.

Eine weitere wichtige störende Emotion ist Naivität, zum Beispiel hinsichtlich der Wirkung unseres Verhaltens auf uns selbst und andere. Ein Beispiel dafür ist der Workaholic, der sich selbst überfordert. Er ist naiv in Bezug darauf, dass das sowohl seiner Gesundheit als auch seiner Familie schadet, also selbstzerstörerisch ist. Oder jemand, der immer zu spät kommt und Verabredungen mit anderen nicht einhält - es ist naiv zu meinen, das würde die Gefühle der anderen nicht verletzen und nicht bewirken, dass sie sich schlecht fühlen; auch das ist destruktives Verhalten.

  • Das sind die häufigsten störenden Emotionen, die bewirken, dass wir unseren inneren Frieden und unsere Selbstbeherrschung verlieren. Sie gehen mit einem Zwang einher, sich zerstörerisch zu verhalten. Es gibt noch ein paar weitere störende Geisteshaltungen, die uns ebenfalls veranlassen, uns zwanghaft negativ zu verhalten:
  • Mangel an Achtung für gute Eigenschaften und diejenigen, die sie besitzen
  • Mangel an Selbstbeherrschung, sich von negativem Handeln zurückzuhalten
  • Mangel an Selbstachtung. Selbstachtung ist sehr wichtig. Wenn wir z.B. genügend Selbstachtung haben, werden wir nicht jemandem hinterherrennen und ihn anflehen, uns nur ja niemals zu verlassen. Wir haben ein Gefühl für die eigene Würde. Wenn wir negativ handeln, mangelt es uns an diesem Gespür.
  • Fehlende Rücksichtnahme darauf, welches Licht unsere Handlungen auf andere werfen –wenn man z.B. als Deutscher im Urlaub ist und sich rüpelhaft benimmt, sich dauernd betrinkt, herumschreit und das Hotelzimmer voller Müll hinterlässt, schädigt das den Ruf deutscher Touristen. Mit der destruktiven Einstellung, die solchem Verhalten zu Grunde liegt, ist es einem völlig egal, welches Licht das auf die eigenen Landsleute wirft.

Das ist die Gruppe von Emotionen und Geisteshaltung, die mit zwanghaftem destruktivem Verhalten einhergehen und zu den Leiden des Unglücklichseins und schrecklichen Vorkommnissen führen, die uns widerfahren. Das ist nicht nur in diesem Leben der Fall. Aber auf der anfänglichen Stufe des Lam-rim erkennen wir das, nämlich dass sie zu weiteren Probleme und Unglücklichsein in schlimmeren, zukünftigen Leben führen; und das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.

Die erste Stufe ethischer Selbstdisziplin in Verbindung mit der anfänglichen Motivation des Lam-rim

Um schlimmere Wiedergeburten sowie auch schlimmeren Situationen in diesem Leben zu verhindern, brauchen wir ethischer Selbstdisziplin, um uns von negativen Handlungen zurückzuhalten. Wir entwickeln diese ethischer Selbstdisziplin, indem wir unsere Verwirrung hinsichtlich der Ursache und Wirkung von Verhalten beseitigen. Wir verstehen: Wenn wir uns von unseren störenden Emotionen beherrschen lassen, stehen wir quasi unter einem Zwang und handeln auf destruktive Weise, die Unglück und Probleme für uns selbst und andere bewirkt.

Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass wir hier von der ersten Stufe ethischen Verhaltens reden, die schlicht und einfach darin besteht, Selbstbeherrschung zu üben. Die Selbstbeherrschung beruht jedoch nicht darauf, dass wir ein guter, folgsamer Bürger oder ein guter Anhänger einer Religion oder einfach nur ein guter Junge oder ein gutes Mädchen sein wollen. Vielmehr üben wir Selbstbeherrschung, weil wir verstehen: Wenn wir zwanghaft und völlig ungezügelt handeln, wird das eine Menge Probleme und Unglück zur Folge haben. Dieser Zusammenhang muss in unserem Verständnis des Buddhismus immer wieder hervorgehoben werden. Man weiß aus Erfahrung: Wenn Ethik auf Gehorsam beruht, rebellieren viele dagegen, sich den Regeln und Gesetzen zu fügen; insbesondere junge Leute neigen dazu. Kriminelle denken auch, sie könnten die Gesetze irgendwie umgehen, oder, wie man sagt, mit illegalen Machenschaften „davonkommen“, also nicht gefasst werden. Doch hier in unserem Fall beruht Ethik einfach auf Verständnis, und dagegen zu rebellieren ist deshalb eigentlich kein Thema.

Natürlich ist es nicht ganz einfach, den Zusammenhang zwischen destruktivem Verhalten und Unglücklichsein und Leiden zu verstehen. Es kann sein, dass man nicht daran glaubt und meint: „Das mit der Ethik ist doch lächerlich.“ Wenn man jedoch etwas Lebenserfahrung hat, merkt man, dass man nicht besonders glücklich ist, wenn man sich dauernd negativ verhält. Andere Menschen mögen so jemanden nicht und scheuen davor zurück, mit ihm zusammenzutreffen, weil sie befürchten, dass er wütend wird usw. Wir können also aus eigener Erfahrung auf einer ganz grundlegenden und offensichtlichen Ebene allein schon im Rahmen dieses Lebens nachvollziehen, dass negatives und destruktives Handeln dazu führt, dass man unglücklich ist.

Das ist ein interessanter Punkt, denn man kann ja auch destruktiv handeln und ganz froh darüber sein. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass eine Mücke um ihr Gesicht herumschwirrt, während Sie einschlafen wollen. Sie erschlagen sie und denken: „Ha! Die hab ich erwischt“ und freuen sich richtig darüber. Aber wenn man das genauer untersucht, merkt man, dass man weiterhin auf der Hut ist und sich unbehaglich fühlt. Aufgrund der Gewohnheit, mit etwas, das uns lästig ist, so zu umzugehen, dass wir es vernichten, warten wir geradezu darauf, dass die nächste Mücke auftaucht. Wir kommen gar nicht auf die Idee, eine friedlichere Lösung zu suchen. Wenn wir uns an einem Ort befinden, wo es viele Mücken gibt, wäre ein Moskitonetz oder ein Mückenschutzgitter am Fenster eine friedlichere Lösung.

Die Definition für störende Emotionen und Geisteshaltungen, die mit destruktivem Verhalten einhergehen, ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich. Es geht eben genau um die Bedeutung des Wortes „störend“ - wir verlieren unseren inneren Frieden und unsere Selbstbeherrschung. Das ist kein glücklicher Geisteszustand, nicht wahr? „Diese Mücken verfolgen mich und ich befürchte, dass noch eine kommt und mich beim Einschlafen stört!“ Man hat keinen Frieden und auch nicht die Selbstbeherrschung, sich entspannen und einschlafen zu können, weil diese Befürchtungen einen irgendwie aufregen. So verhält man sich neurotisch und zwanghaft - bereit, jeden Augenblick aufzuspringen und auf Mückenjagd zu gehen; wie auf Safari, ähnlich den Briten in Afrika mit ihrem Tropenhelm schleichen wir durch das Zimmer auf der Jagd nach einem weiteren Moskito.

Auf der ersten Stufe der ethischen Selbstdisziplin arbeitet man darauf hin, schlimmere Wiedergeburten zu vermeiden. Wir üben ethische Selbstdisziplin, um uns, wenn wir drauf und dran sind, negativ zu handeln, davon zurückzuhalten.

Abschließende Meditation

Lassen Sie uns einen Moment damit verbringen, zu verdauen, was wir gelernt haben, indem wir in Verbindung mit unseren eigenen Erfahrungen darüber nachdenken, und zwar in Form einer so genannten „analytischen Meditation“. Ich bevorzuge dafür den Ausdruck „klar erkennende Meditation.“ „Klar erkennen“ heißt hier, zu versuchen, einen bestimmten Punkt aus den Lehren in unserem Leben wiederzuerkennen. Hier versuchen wir zu erkennen, dass, wenn wir uns auf die ein oder andere Weise destruktiv verhalten haben, dies irgendwie zwanghaft war. Vielleicht spielte viel Anhaftung oder eine Menge Ärger dabei eine Rolle. Und was war das Ergebnis? Wir fühlten uns ziemlich elend. Wir bekräftigen diesen Punkt, indem wir ihn in unserer eigenen Erfahrung wiedererkennen und dadurch zunehmend die Überzeugung gewinnen, dass er tatsächlich der Wahrheit entspricht. Nur auf der Grundlage dieser Überzeugung, dass „dies eine Tatsache im Leben ist“, werden wir wirklich anfangen, unser Verhalten zu ändern.