Zuflucht: Eine sinnvolle und sichere Richtung im Leben

Zuflucht nehmen ist die Grundlage für alle buddhistischen Lehren und Übungen. Man nennt die Zuflucht auch „das Eingangstor zum buddhistischen Weg“. Wenn wir verstehen, dass Zuflucht nehmen bedeutet, an uns selbst zu arbeiten, dann sehen wir, dass dies der aktive Prozess ist, unserem Leben eine sinnvolle und sicherer Richtung zu geben. Wir versuchen uns weiterzuentwickeln, indem wir die Methoden anwenden, die Buddha lehrte, damit wir uns von Verwirrung, störenden Emotionen und zwanghaftem Verhalten befreien können und alle guten Qualitäten entfalten können. Das ist es, was alle Buddhas getan haben, was spirituelle Meister noch heute tun und was auch wir zu tun versuchen, indem wir in ihre Fußstapfen treten.

Verwirrung beseitigen hinsichtlich des Zwecks buddhistischer Übungen in unserem Leben

Ich bin gebeten worden, über die Relevanz von Zuflucht und Karma im täglichen Leben zu sprechen. In diesem Zusammenhang fiel mir das Beispiel von Atisha ein, dem berühmten indischen Meister, der Ende des 10. Jahrhunderts nach Tibet reiste. Er war einer der großen Meister, die dazu beitrugen, den Buddhismus in Tibet wiederzubeleben, nachdem er dort seit seiner ursprünglichen Einführung aus Indien im Niedergang begriffen war. Zu jener Zeit gab es in Tibet insbesondere hinsichtlich des Tantra und einigen der fortgeschritteneren Lehren erhebliche Missverständnisse. Es gab keine wirklich qualifizierten Lehrer mehr; es waren tatsächlich keine Lehrer mehr zugegen, die die Zusammenhänge klar und deutlich darlegen konnten. Es gab zwar eine Anzahl von übersetzten Texten, aber nicht viele Leute konnten lesen. Und selbst wenn sie lesen konnten, war es sehr schwierig für sie, irgendwelche Erklärungen zu dem zu bekommen, was sie lasen.

Um der Situation abzuhelfen, schickte einer der Könige im Westen Tibets einige sehr mutige Schüler zu Fuß auf den Weg nach Indien, wo sie erst die Sprache erlernen und mit dem Klima zurechtkommen mussten, und beauftragte sie, einen großen Meister aus Indien einzuladen, um die Situation in Tibet verbessern zu helfen. Viele von ihnen starben auf der Reise oder nachdem sie in Indien angekommen waren, aber es gelang nichtsdestotrotz, diesen großen Meister Atisha aus Indien nach Tibet einzuladen. Was er in den vielen Jahren, die er in Tibet verbrachte, lehrte, war hauptsächlich Zuflucht und Karma. Es war deshalb sogar unter dem Beinamen „der Zufluchts- und Karma-Lehrer“ bekannt. Das war der Name, den die Tibeter ihm gaben.

Atishas Beispiel hat auch angesichts der heutigen Zeit Relevanz. Auch heutzutage herrscht eine Menge Verwirrung hinsichtlich des Buddhismus und darüber, welche Bedeutung buddhistischen Praktiken im täglichen Leben zukommt. Eine Menge Verwirrung gibt es auch im Hinblick auf Tantra und andere fortgeschrittene Lehren. Viele Menschen stürzen sich in solche Praktiken, ohne überhaupt eine Ausgangsbasis in den grundlegenden buddhistischen Lehren zu haben oder ausreichende Kenntnisse darüber zu besitzen. Sie meinen, ein irgendwie magisch anmutendes Ritual durchzuführen würde bedeuten, Buddhismus zu praktizieren. Indem sie die Bedeutung und Tragweite der Zuflucht sowie den Unterschied, den sie in unserem täglichen Leben ausmacht, unterschätzen, verfehlen sie den Sinn des Ganzen.

Ganz gleich, in welcher Situation wir uns befinden, der Sinn der buddhistischen Praxis besteht darin, an uns selbst zu arbeiten, uns weiterzuentwickeln, um ein besserer Mensch zu werden. Und das ist nicht etwas, das wir nebenbei für etwa eine halbe Stunde am Tag oder nur einmal in der Woche für eine kurze Zeit nach der Arbeit einschieben, wenn wir erschöpft sind. Vielmehr ist es eine praktische Angelegenheit, die wir die ganze Zeit über berücksichtigen, indem wir ständig an uns arbeiten, d.h. unsere Unzulänglichkeiten und unsere guten Qualitäten erkennen und dann Methoden lernen, um die Macht unserer Unzulänglichkeiten zu verringern und unsere guten Qualitäten zu stärken. Das Ziel ist, unsere Unzulänglichkeiten allmählich ganz zu beseitigen und all unsere Qualitäten vollständig zu verwirklichen. Und zwar nicht nur zu unserem eigenen Nutzen, obwohl es natürlich auch uns selbst guttut und unser Leben dadurch glücklicher wird. Doch es dient auch dazu, anderen wirksamer helfen zu können, und kommt somit auch anderen zugute. Das ist es, worum es im Grunde in der buddhistischen Praxis geht. Was sie speziell zu einer buddhistischen Praxis macht, sind die Methoden, die eingesetzt werden, um diese Ziele erreichen zu können; und Zuflucht bedeutet, sich diesen Methoden zuzuwenden und sie in unserem Leben anzuwenden.

Zuflucht nehmen ist nichts Passives

Der Zuflucht zu den „drei kostbaren Juwelen“ –Buddhas, Dharma und Sangha - kommt in den buddhistischen Lehren eine zentrale Bedeutung zu. Zufluchtnahme wird sogar als Kriterium dafür hervorgehoben, ob jemand Buddhist ist oder nicht. Kurz gesagt, beinhaltet Dharma die Methoden, mittels derer wir an uns arbeiten, sowie auch das Ziel, das wir alle erreichen können. Buddhas sind diejenigen, die diese Methoden gelehrt haben und diese Ziel vollständig erreicht haben; und Sangha sind diejenigen, die es teilweise erreicht haben. Das Wort „Dharma“ bedeutet eigentlich „vorbeugende Maßnahmen“ – Schritte, die wir unternehmen, um zu vermeiden, dass wir uns und möglicherweise auch anderen Probleme schaffen. Es sind Schritte, die wir unternehmen, um uns zu schützen.

Der ursprüngliche Sanskrit-Begriff, „sharana“, der normalerweise als „Zuflucht“ übersetzt wird, bedeutet „Schutz“ und kann sogar in der Bedeutung „Unterschlupf“ verwendet werden, und es ist wichtig, dass wir ihn richtig verstehen. Der Bedeutungsinhalt, der damit verbunden wird, entspricht der Bedeutung von Dharma. Es ist allerdings nicht so, dass wir uns bloß passiv irgendeiner äußeren Quelle überlassen müssen, die uns Schutz gewähren wird. Im buddhistischen Zusammenhang ist „Zuflucht nehmen“ ein sehr aktiver Vorgang: Wir müssen etwas tun, um uns selbst zu schützen.

Betrachten wir folgendes Beispiel, das meine Lehrer oft anführten: Stellen Sie sich vor, es regnet und in der Nähe befindet sich eine Höhle. Wenn wir nur sagen: „Ich nehme Zuflucht zu dieser Höhle. Ich werde dort Schutz suchen“, und dabei draußen im Regen stehenbleiben und ständig diesen Satz wiederholen, wird das nicht viel nützen. Wir müssen tatsächlich die Höhle aufsuchen und uns hineinbegeben. Ebenso wenig ist es ausreichend, wenn wir bloß sagen: „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha und suche Schutz bei ihnen“. Es kommt darauf an, das in die Tat umzusetzen, wofür sie stehen, sodass wir uns selbst vor Problemen schützen. Deswegen verwende ich dafür den Ausdruck „sichere Richtung“ und „unserem Leben eine sichere Richtung geben“.

Um weiterhin bei dem Beispiel der Höhle zu bleiben: Es reicht auch nicht, nur die Höhle aufzusuchen und dann einfach dazustehen und zu hoffen, dass uns das irgendwie vor all unseren Problemen im Leben retten wird und nicht nur davor bewahren wird, nass zu werden. Worum es eigentlich geht, ist, ständig an sich zu arbeiten und zu versuchen, sich dem zu nähern, wofür Buddha, Dharma und Sangha stehen. Wenn wir denken, es sei genug, uns einfach unter den Schutz von Buddha, Dharma und Sangha zu begeben, kann es leicht passieren, dass wir dies mit der christlichen Vorstellung von einem personifizierten Retter verwechseln, und meinen, dass Buddha uns irgendwie erlösen wird. In dem Fall wird Buddha zu einer Art Gott stilisiert und Sangha zu Heiligen. Schließlich beherrschen in den meisten westlichen Gesellschaften zumindest unterschwellig weiterhin christliche Einflüsse unsere Denkweise. Mit solch einer Denkweise beten wir dann dafür, dass irgendeine jenseitige Macht uns auf wundertätige Weise irgendwie erlösen wird. Um es in buddhistischen Begriffen auszudrücken: dass sie uns durch Wundertaten von all unseren Problemen und Leiden befreien würde.

Wenn das der Fall wäre, dann wäre alles, was wir zu tun hätten, einen buddhistischen Namen in tibetischer Sprache anzunehmen ein rotes Bändchen zu tragen und ein paar magische Mantra-Worte zu rezitieren, inständig Gebete zu sprechen, und dann würden wir gerettet. Insbesondere, wenn wir die Gebete und Praxistexte auf Tibetisch rezitieren, in einer Sprache, von der wir kein Wort verstehen, denken viele, das habe dann noch größere mystische Kraft. Kürzlich war Dzongsar Khyentse Rinpoche, ein großartiger Meister, in Berlin, der Stadt, wo ich lebe. Er sagte etwas wirklich Tiefsinniges; er sagte: „Wenn Tibeter all ihre Praxistexte in deutscher Sprache rezitieren müssten, die in tibetische Buchstaben umgeschrieben wäre, ohne dabei die geringste Ahnung zu haben, was sie da sagen - ich frage mich, wie viele Tibeter dann überhaupt Dharma praktizieren würden.“ Natürlich lachten alle. Aber wenn wir es einmal genauer überlegen, ist das ziemlich bedeutungsvoll, stimmt's? Es ist sehr wichtig, etwaige Tendenzen zu überwinden, die wir vielleicht haben, die Zuflucht so zu betrachten, dass sie uns eine Art magische, mystische Lösung all unserer Probleme bieten würde, und dass alles, was wir dafür tun müssen, wäre, uns gewissermaßen einer höheren Macht hinzugeben.

Das eigentliche Thema, um das es dabei geht, ist: „Was mache ich mit meinem Leben?“ „Führt mein Leben zu irgendetwas?“ Viele von uns haben erkannt: Wenn unser Leben nirgendwohin führt, ist es, als würden wir bloß im Kreis herumlaufen. Dabei muss gar nicht mal von einem tiefgründigen Kreis im Sinne von Wiedergeburt und all dem die Rede sein, sondern einfach davon, dass unser Alltagsleben nirgendwohin zu führen scheint, irgendwie sinn- und zwecklos zu sein scheint. Wofür leben wir überhaupt? Sich so zu fühlen ist ein ziemlich trauriger Zustand, nicht wahr? Es ist kein sehr glücklicher Zustand. Wir brauchen also eine sinnvolle Richtung in unserem Leben, eine Art Sinn oder ein Ziel. Und das ist etwas, das wir unserem Leben selbst geben müssen. Mit einem sinnvollen Ziel im Leben wissen wir in gewisser Weise, was wir tun. Es bewirkt, dass wir uns ein bisschen sicherer fühlen, nicht wahr?

Ein sinnvolles Ziel im Leben haben

Was für ein Ziel können wir unserem Leben geben? Normalerweise bestimmen wir dieses Ziel im Zusammenhang damit, wie die unbefriedigende Situation beschaffen ist, in der wir uns gegenwärtig befinden und aus der wir herauskommen möchten, wenn wir uns dieses Ziel setzen. Auf der grundlegendsten Ebene können wir sagen, dass jeder glücklich sein möchte und niemand unglücklich sein möchte. Das ist im Buddhismus eine Art Axiom, und es beinhaltet eine gewisse biologische Gegebenheit. Wir wollen Schmerz vermeiden. Wir wollen Leiden vermeiden. Wir wollen Schwierigkeiten vermeiden. Das gilt selbst für Insekten und Würmer, nicht wahr? Das ist unser Ziel.

Die Frage ist nun, welches Ausmaß von Leiden oder Unzufriedenheit wir dabei im Blickfeld haben, und: Wird das Ziel, das wir anstreben, dieses Problem beseitigen, und nicht nur das, sondern auch all die anderen Problemen, die wir ebenfalls haben? Mein Problem könnte z.B. darin bestehen, dass ich arm bin, in finanziellen Schwierigkeiten stecke, und das Ziel wäre dementsprechend, eine gute Arbeit zu bekommen und viel Geld zu verdienen; und wenn ich keine gute Arbeit bekommen kann, kann ich vielleicht ein guter Krimineller werden und viel Geld verdienen – jedenfalls irgendwie viel Geld verdienen. Wenn wir uns aber Menschen anschauen, die viel Geld haben, und sie aufrichtig mit uns über ihr Leben reden, stellt sich heraus, dass diese Menschen keineswegs glücklich sind. Sie haben nie genug Geld. Egal, wie viele Millionen sie besitzen, sie wollen immer noch mehr. Sie sind nie zufrieden.

Ich finde das ausgesprochen interessant. Es gibt Menschen, die haben, sagen wir, eine Milliarde Dollar. Dann entwickelt sich die wirtschaftliche Lage zum Schlechteren, sodass sie nur noch eine halbe Milliarde Dollar haben. Und sie geben keine Spenden oder unterstützen irgendeine Arbeit, die den Menschen nützt, weil sie nur eine halbe Milliarde haben, sich unsicher fühlen und sparen müssen, so dass sie erst wieder zu einer ganzen Milliarde kommen müssen, bevor sie ihren Reichtum mit irgendjemandem teilen können. Sie behalten stets die Börsenberichte im Auge und sind jeden Tag besorgt, dass sie vielleicht einen kleinen Teil des Geldes, das sie besitzen, verlieren könnten. Sie müssen vielleicht Leibwächter einstellen und dergleichen, weil sie Angst haben, dass jemand etwas aus ihrem Haus stiehlt oder ihre Kinder entführt, falls sie z.B. in Südamerika leben usw. Sie sind immer misstrauisch, dass jemand, der freundlich zu ihnen ist, nur hinter ihrem Geld her ist. Es ist offenbar so, dass man auch dann, wenn man nicht das Problem hat, arm zu sein, alle möglichen anderen Probleme hat, die damit einhergehen, dass man eine Menge Geld hat.

Weltliche Ziele beruhen nicht auf einer stabilen Basis

Es gibt, außer viel Geld zu haben, noch zahlreiche andere so genannte „weltliche Ziele“, die im Buddhismus erwähnt werden. Das Wort „weltlich“ hat allerdings im Englischen einen negativen Anklang und klingt fast verurteilend. Aber darum geht es nicht. Die beiden Silben des tibetischen Wortes – „jig-ten“ - , das als „weltlich“ übersetzt wird, machen die eigentliche Bedeutung erkennbar. Mein Lehrer, Serkong Rinpoche, erklärte, dass damit etwas bezeichnet wird, dessen Grundlage (ten) auseinanderfallen wird (jig). Wenn wir etwas anstreben, dass zerbröckeln wird, kann uns das natürlich kein dauerhaftes Glück verschaffen. Es wird nur weitere Probleme mit sich bringen, weil es auf etwas Unstabilem beruht.

Nehmen wir zum Beispiel an, unser Ziel im Leben sei es, eine wundervolle Familie zu haben, eine Menge Kinder großzuziehen, die sich um uns kümmern werden, wenn wir alt sind, und so werden wir überaus glücklich und sicher sein. Das stellt sich nicht immer als ganz so ideal heraus, oder? Ein anderes Beispiel wäre, nach Ruhm zu streben. Je berühmter wir sind, umso mehr behelligen uns die Leute und versuchen, uns Zeit zu stehlen. Sehen Sie sich die berühmten Schauspieler an – sie können nicht einmal ihr Haus verlassen, ohne eine Art Verkleidung zu tragen, weil die Leute sie sonst belästigen, versuchen, ein Stück von ihren Kleidern zu ergattern und dergleichen mehr. Es kann geradezu die Hölle sein, wenn man eine Berühmtheit ist.

Wenn wir unser Leben aufrichtig betrachten, dann stellt sich heraus: Nur eine materiell angenehme Lage oder ein emotional angenehmes Arrangement mit den Menschen in unserem Umfeld ist offensichtlich nicht tiefgreifend genug, um all unsere Probleme im Leben zu beseitigen. Denn wenn wir immer noch ärgerlich werden, immer noch voller Anhaftung, begierig, eifersüchtig, arrogant, naiv und all das sind, dann werden wir weiterhin Probleme haben, ganz egal, wie erfolgreich wir in „weltlicher“ Hinsicht sind.

Störende Emotionen

Im Buddhismus ist von zukünftigen Leben die Rede und es werden all die Leiden und schrecklichen Dinge beschrieben, die uns in zukünftigen Leben geschehen können, wenn wir so genannte „störende Emotionen“ haben, zwanghaft dementsprechend handeln und negatives Potenzial aufbauen. Die buddhistische Darstellung schildert sehr klar, dass das furchtbar ist und vermieden werden kann, wenn wir wissen, was gut für uns ist, denn negatives Potenzial führt zu Problemen und Unglück.

Aber da die meisten Menschen im Wesen nicht an zukünftige Leben glauben oder nicht überzeugt davon sind, können wir ähnliche Überlegungen auch im Zusammenhang mit nur diesem Lebens anstellen. Wenn wir unser jetziges Leben unter die Lupe nehmen, ist festzustellen, dass die eigentliche Quelle unserer emotionalen Probleme in unserem Inneren liegt. Äußere Faktoren sind nur die Umstände, durch die sie ausgelöst werden. Im Grunde sind es unsere störenden Emotionen – unser Ärger, unsere Anhaftung, unsere Gier usw. -, die uns den inneren Frieden rauben und Glück unmöglich machen. Sie verhindern, dass wir etwaige gute Qualitäten, die wir haben, nützlich einsetzen. Es mag sein, dass wir versuchen jemandem zu helfen, und das ist eine gute Eigenschaft, aber dann werden wir ärgerlich auf sie. Wir versuchen, ihm einen guten Rat zu geben, und er nimmt ihn nicht an oder erhebt Einwände dagegen, und schon verlieren wir die Geduld. Diese störenden Emotionen hindern uns daran, jemandem wirklich zu helfen.

Besonders schwierig wird es, wenn so etwas mit unseren Kindern passiert und wir die Geduld verlieren und ärgerlich werden, sobald sie nicht tun, was wir ihnen sagen und was unserer Meinung nach das Beste für sie ist. Das erschwert die Beziehung zu unseren Kindern ungemein, nicht wahr? Der wesentliche Punkt ist, zu erkennen, dass es immer schlimmer wird, wenn wir nichts dagegen tun. Vielleicht werden wir etwas milder, wenn wir älter werden, weil wir nicht mehr so viel Energie haben, aber das heißt nicht, dass unser Ärger und all das von selbst verschwindet. Das hört nicht von allein auf.

Der Begriff, der im Buddhismus für das verwendet wird, was es angesichts dieser Aussichten zu entwickeln gilt, ist „Furcht“. Aber „Furcht“ ist in den meisten unserer Sprachen ein problematischer Begriff. Er genießt kein gutes Ansehen. Manchmal bevorzuge ich das Wort „Zurückschrecken“, das jedoch nicht leicht in andere Sprachen zu übersetzen ist. „Zurückschrecken“ beinhaltet eher die Konnotation: „Ich will nicht, dass das stattfindet“. Zum Beispiel wenn wir beruflich zu einer entsetzlich langweiligen Tagung müssen - es ist nicht so, dass wir Furcht oder Angst davor haben, aber uns graut davor, hinzugehen. Wir möchten da wirklich nicht hin.

Aber ich denke, um genauer zu sein, müssen wir zwei Arten von Furcht unterscheiden – sei es Furcht vor schrecklichen künftigen Wiedergeburten, vor Elend im Alter oder vor sonst irgendwas. Bei der einen Art handelt es sich um eine Furcht, bei der wir keinen Ausweg sehen, sodass wir uns hilflos und hoffnungslos fühlen, die uns also ziemlich lähmt, stimmt`s? Das ist meines Erachtens eine ungesunde Art von Furcht, auch wenn wir sie häufig erleben. Doch die Art von Furcht, die hier im Zusammenhang mit Zuflucht erläutert wird, ist eine ganz andere Sorte Furcht, denn hier sehen wir, dass es eine Möglichkeit gibt, die Probleme zu vermeiden, und wir sind keineswegs hilflos. Aber, wie ich bereits erwähnt habe, es ist nicht so, dass eine jenseitige Macht oder irgendein Wesen auftauchen wird, das mich aus meiner furchtbaren Lage erretten wird, und dass ich nur inständig genug darum beten muss und dann von meiner Furcht befreit und erlöst werde.

Der Punkt ist, dass wir uns quasi selbst schützen können. Und was ist es, das uns befähigen wird, all die Probleme, mit denen wir im Leben konfrontiert sind, zu lösen? Was ermöglicht das? Im umfassendsten Sinne betrachtet, ist es die Tatsache, dass all die störenden Emotionen, die Probleme bewirken - Ärger, Gier usw. – auf Verwirrung hinsichtlich der Realität zurückzuführen sind. All diese störenden Emotionen sind kein innewohnendes Merkmal des Geistes. Sie können für immer beseitigt werden, sodass sie nie wieder auftreten. Das Dharma-Juwel zeigt auf, dass sie „wahrhaft beendet“ werden können.

Der Geist bzw. die geistige Aktivität

Wenn im Buddhismus vom Geist die Rede ist, geht es – ohne hier in die Einzelheiten zu gehen - um geistige Aktivität. Es handelt sich um individuelle, Augenblick für Augenblick stattfindende geistige Aktivität, die sich auch dann fortsetzt, wenn wir schlafen. „Geist“ bezieht sich auf den subjektiven, erfahrungsmäßigen Aspekt dieser geistigen Aktivität, während die Hirnforschung die physiologische Grundlage dafür beschreibt. Jedenfalls ist die Natur dieser geistigen Aktivität nicht etwas, das notwendigerweise mit Verwirrung – oder Ärger oder irgendetwas dergleichen – verbunden ist. Was im Grunde in jedem Moment vor sich geht, ist, dass sozusagen eine Art geistiges Hologramm auftaucht. Vom physischen Blickwinkel aus betrachtet treffen z.B. Photonen auf das Auge, werden in eine Art elektrischen Impuls umgewandelt, der über Neurotransmitter ins Gehirn weitergeleitet wird, und das Gehirn macht ein inneres Hologramm daraus. Das nennt man dann „etwas sehen“, nicht wahr? Das wird natürlich sehr unterschiedlich sein, wenn es mittels der Zellen eines menschlichen Auges übermittelt wird, beispielsweise im Gegensatz zu dem, was von den Zellen des Auges einer Spinne oder einer Fliege übermittelt wird. Und durch einen ähnlichen Prozess in Verbindung mit den Schwingungen, die wir „Schallwellen“ nennen, „hören“ wir. Geistige Hologramme können durch jedes der Sinnesorgane und sogar auch nur durch Denken entstehen.

Beim Sehen z.B. ist der Prozess nicht derselbe als wenn Lichtimpulse auf die Linse einer Kamera treffen, in bestimmte elektrische Impulse übersetzt werden und dann ein Bild daraus entsteht. Das ist nicht dasselbe, weil das Entstehen eines geistigen Hologramms auch eine Art „kognitives Erfassen“ davon ist. Es kann bewusst oder unbewusst sein, sei es, dass wir dessen gewahr sind oder nicht, aber jedenfalls ist eine kognitive Besonderheit vorhanden.

Geistige Aktivität ist auch nicht dasselbe wie das, was bei einem Computer abläuft. Beim Computer drückt man kleine Tasten, ein elektrischer Impuls gelangt in den Apparat und der Apparat verarbeitet diese Information und übersetzt sie in ein Bild, das auf einem Bildschirm erscheint oder in einen Klang, der aus dem Lautsprecher ertönt. Es besteht, so könnte man in gewisser Weise sagen, ein kognitives Erfassen des Geschehens, denn die Information wird mittels einer Art künstlicher Intelligenz verarbeitet. Doch ein Computer ist nicht das gleiche wie ein Lebewesen. Was uns von einem Computer unterscheidet, ist, dass wir in Verbindung mit unserer geistigen Aktivität zudem ein gewisses Ausmaß an Glück oder Unglücklichsein erleben. Das ist bei einem Computer nicht der Fall. Ein Computer ist nicht glücklich oder unglücklich über irgendetwas. Er denkt nicht: „Ach du liebe Güte, jetzt ist ein interner Fehler aufgetreten, und beim Neustart habe ich die Datei gelöscht, an der gerade gearbeitet wurde“ und ist dann unglücklich darüber. Das ist nicht der Fall, oder? Wir hingegen könnten sehr unglücklich sein, wenn so etwas passiert.

Diese Augenblick für Augenblick stattfindende geistige Aktivität ist das, was in jedem Moment unseres Lebens vor sich geht: Ein Auftauchen eines geistigen Hologramme, eine geistige Teilnahme daran und das Gefühl eines gewissen Ausmaßes an Glück oder Unglücklichsein. Selbst wenn wir schlafen: Das Hologramm kann auch eines sein, das Dunkelheit darstellt. Die Beteiligung ist dergestalt, dass wir unbewusst sind. Aber ein klein wenig Gewahrsein ist weiterhin vorhanden, andernfalls würden wir nie den Wecker hören. Es ist also nicht vollständig ausgeschaltet. Und es ist eine Art Gefühl vorhanden, selbst wenn es ein neutrales Gefühl ist – weder glücklich noch unglücklich, wenn man nicht träumt. Wenn man träumt, kann natürlich ein glückliches oder unglückliches Gefühl vorhanden sein, zusammen mit Ärger, Begierde und all so etwas. Aber diese aufwühlenden Emotionen sind nicht notwendigerweise Teil des Prozesses, der Augenblick für Augenblick stattfindet.

Es gibt natürlich viele sehr komplizierte Überlegungen, die wir durchgehen können, um mehr und mehr Überzeugung von der grundlegenden Reinheit unserer geistigen Aktivität zu gewinnen. Hier ist nicht die passende Gelegenheit, das ausführlich darzulegen. Aber je mehr wir darüber nachdenken, umso mehr werden wir zu der Überzeugung gelangen, dass es möglich ist, all die störenden Bestandteile unserer geistigen Aktivität loszuwerden.

Die Definition einer störenden Emotion ist schließlich, dass sie, wenn sie auftritt, bewirkt, dass wir unseren inneren Frieden verlieren und im Grunde keine Selbstkontrolle mehr haben. Dann handeln wir, beruhend auf Ärger oder Gier usw., auf alle möglichen verstörenden Arten, und das schafft eben eine Menge Probleme. Man verliert z.B. die Fassung und schreit jemanden an, man sagt unbedachte Dinge, und später tut es einem wirklich leid, was man gesagt hat. Trotzdem wird dadurch ein so genanntes „negatives Potenzial“ aufgebaut, welches bewirkt, dass man später unglücklich wird.

Wenn wir also künftige Probleme wirklich auf tieferer Ebene vermeiden wollen, müssen wir all diese störenden Emotionen und die Verwirrung beseitigen. Es ist tatsächlich möglich, sie zu beseitigen, weil sie nicht Teil der eigentlichen Natur des Geistes sind. Und überdies, wenn wir mehr über diese Art von geistiger Aktivität nachdenken, die in jedem Moment in uns vorgeht, wird deutlich, dass eine ihrer wirklich fantastischen Eigenschaften die Fähigkeit ist, dass sie Dinge verstehen kann. Wir können etwas verstehen. Und wir haben positive Qualitäten, z.B. Liebe, Mitgefühl usw. Diese positiven Qualitäten können immer weiter entwickelt werden.

Was ist nun der Unterschied? Die störenden Aspekte beruhen auf Verwirrung. Positive Aspekte - Verständnis usw. – beruhen darauf, was Realität ist. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Verwirrung könnte die Einstellung sein: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums. Ich bin das Wichtigste. Ich sollte immer meinen Willen kriegen. Ich sollte immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen“ usw. Wenn ich nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe und nicht bekomme, was ich will, werde ich ärgerlich. Wie ein Hund, der Leute anbellt, belle oder knurre ich dann jemanden an. Ich bin wütend. „Du hast es nicht so gemacht, wie ich es will.“ Das ist Verwirrung. Die Realität ist, dass wir alle hier sind und alle gleich sind. Jeder möchte Aufmerksamkeit und möchte, dass es nach seinem Willen geht, aber das ist nicht möglich. Die Realität ist also, dass wir irgendwie lernen müssen, mit all den anderen zu leben.

Wahre Beendigungen

Je mehr wir nachforschen, umso mehr sehen wir, dass unsere Verwirrung nicht standhält. Sie beinhaltet etwas Falsches. Korrektes Verständnis hingegen ist etwas, das verifiziert werden kann. Es ist wahr. Deswegen ist das Verständnis stärker und kann die Verwirrung überwiegen. Wenn wir, mithilfe von Konzentration und Disziplin, ein korrektes Verständnis der Realität die ganze Zeit über haben, dann hätte Verwirrung gar keine Gelegenheit, wieder aufzutreten. Sie würde aufhören.

Das ist der zentrale Punkt der Zuflucht. Welche Richtung geben wir unserem Leben? Welche Bedeutung? Was für ein Ziel setzen wir uns? Das Ziel ist, eine „wahre Beendigung“ all dieser Verwirrung zu erreichen, sie vollkommen loszuwerden, sodass sie nie wieder auftreten kann. Denn sie ist die wirkliche Ursache unserer Probleme, seien es nun diejenigen in diesem Leben oder jene in zukünftigen Leben. Es ist möglich, die Verwirrung für immer vollständig zu beseitigen, weil sie kein innewohnendes Merkmal unserer geistigen Aktivität ist. Ohne Verwirrung haben wir keine störenden Emotionen mehr und schaffen uns keine Probleme und Leiden mehr.

Es geht also hier um zwei Aspekte. Der eine ist, dass wir die gesamte störende Seite für immer loswerden können, und der andere ist, dass wir die positive Seite entwickeln und wachsen lassen können. Die positive Seite ist das korrekte Verständnis. Wir können das in Zusammenhang damit bringen, was meistens als „die vier edlen Wahrheiten“ übersetzt wird – das hauptsächliche Thema bzw. die Struktur dessen, was Buddha lehrte. Die erste Wahrheit ist, dass wir wahres Leiden haben; das bezieht sich auf all die vielen verschiedenen Probleme, die wir erleben. Die nächste Wahrheit ist, dass es wahre Ursachen dafür gibt, nämlich unsere Verwirrung. Die dritte Wahrheit ist, dass es möglich ist, eine wahre Beendigung all dessen zu erreichen, sodass es nie wieder auftritt. Und schließlich: Wir erreichen diese wahre Beendigung durch etwas, das „wahrer Pfad“ genannt wird. Aber wenn hier das Wort „Pfad“ verwendet wird, müssen wir darunter „eine Art von Verständnis, das als Pfad fungiert,“ verstehen. Es ist das Verständnis, das zu der wahren Beendigung führt, und auch das Verständnis, welches daraus resultiert, dass wir all jene störenden Faktoren beseitigt haben.

Das ist die Richtung, die wir in unserem Leben einschlagen wollen – die Richtung, wahre Beendigungen und Geisteszustände, die wahre Pfade sind, zu erreichen. Das ist die Zuflucht zum Dharma. Wenn wir sagen, wir arbeiten an uns, wenn wir diesen Ausdruck verwenden, so bezieht sich das darauf.

Wir versuchen, mehr und mehr von der störenden Seite loszuwerden und unsere Potenziale für die positive Seite mehr und mehr zu verwirklichen. Wir tun das, weil wir – auf gesunde Weise – fürchten, dass wir, wenn wir so weitermachen wie bisher, und selbst wenn wir eine Menge Geld verdienen, viele Freunde haben und zu Ruhm gelangen, immer noch Probleme haben werden. Weil wir immer noch gierig sein werden, unsicher sein werden, weil wir immer noch wütend werden usw. Davor haben wir Furcht, sehen aber, dass es eine Möglichkeit gibt, das zu vermeiden. Es ist so ähnlich wie wenn man befürchtet, sich an einem Feuer zu verbrennen, aber weißt, dass man es vermeiden kann, wenn man sich vorsieht. Es ist eine Furcht vorhanden, aber es ist eine gesunde Furcht. Es geht hier nicht um Paranoia.

Wir erkennen: Wenn wir weiterhin wütend werden und Leute anschreien, sogar unsere Verwandten, usw. – was wird dann passieren, wenn wir alt werden? Wir werden ein einsamer alter Mann oder eine einsame alte Frau sein, die niemand besuchen will und um die sich niemand kümmern möchte, weil wir solche Nervensägen sind. Wir werden uns bloß noch beklagen und Leute anknurren – wer wird dann noch etwas mit uns zu tun haben wollen? Niemand. Die Lösung besteht nicht darin, viele Kinder zu haben, die sich verpflichtet fühlen, sich um uns zu kümmern, oder genug Geld auf dem Konto zu haben, damit wir uns ein bequemes Pflegeheim leisten können, denn wir werden uns trotzdem elend fühlen. Um es ganz einfach auszudrücken: Was wirklich vonnöten ist, ist, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten.

Jeder ist imstande, sich zu ändern

Wie oft denken wir, dass unsere Persönlichkeit festgelegt ist und dass wir nun einmal so sind. „ Ich bin eben launisch und es ist besser, ihr lernt, damit umzugehen.“ Das funktioniert nicht, oder? Es ist möglich, diese ganze störende Seite abzulegen und unsere guten Qualitäten zu verwirklichen. Aus einem gesunden Gefühl der Furcht heraus, was passieren würde, wenn wir nicht an uns arbeiten, kombiniert mit der Zuversicht, dass es möglich ist, diese störenden Faktoren loszuwerden, dass es möglich ist, die positiven Faktoren zu stärken und auszuweiten, geben wir unserem Leben eine Richtung.

Wenn wir das auf die Art des so genannten Mahayana – des „großen Fahrzeugs" - tun wollen, würden wir noch Mitgefühl hinzufügen. Der Mahayana-Gesichtspunkt ist im Grunde: Wie können wir denn anderen von Nutzen sein, wenn wir wütend auf sie werden? Wir wollen anderen wirklich helfen, und wir befürchten, dass wir das völlig vermasseln, wenn wir ärgerlich auf sie sind, an ihnen hängen oder eifersüchtig sind und all das. Es ist notwendig, diese störenden Emotionen und die Verwirrung loszuwerden, damit wir anderen auf bestmögliche Weise helfen können. Es geht um dieses Gefühl, dass wir wirklich imstande sein möchten, anderen zu helfen, aber befürchten, dass wir das nicht recht bewerkstelligen können. Wir haben nicht genug Geduld oder wir haben nicht genug Verständnis. Wir habend Angst, dass wir mehr Schaden anrichten als nutzen. Vielleicht haben wir Angst, dass wir sogar bei der Erziehung der eigenen Kinder versagen. Das wäre ziemlich schlimm, nicht wahr? Diese Furcht ist es, die uns dazu bewegt, in unserem Leben die sichere und angemessene Richtung einzuschlagen, an uns selbst zu arbeiten.

Die Beschäftigung mit dem Dharma in diesem Sinne ist also durchaus relevant für unser tägliches Leben. Was die Zuflucht betrifft, so bedeutet das, dass wir uns über unsere Situation und unsere Probleme nichts vormachen. Die haben wir alle. Wir alle haben störende Emotionen. Das ist nichts Besonderes. Manche sind stärker als andere; es gibt vielerlei Variationen, aber wir alle haben diese emotionalen Schwierigkeiten. Wir sprechen hier nicht von jemandem, der psychisch hochgradig gestört ist. Wir sprechen über etwas, was die meisten Menschen als normal betrachten. Aber genau das ist die Gefahr: dass wir es für normal halten, ärgerlich zu werden, dann wieder gierig und selbstsüchtig zu werden, eifersüchtig zu werden usw. – dass wir meinen, das wäre normal und in Ordnung so. Es ist nicht in Ordnung, weil es Probleme schafft, sowohl für uns selbst als auch für diejenigen, denen wir eigentlich helfen wollen.

Unser Ziel ist nicht, einfach nur zu lernen, damit zu leben oder es unter Kontrolle zu halten, während es innerlich weiterhin in uns brodelt. Unser Ziel ist nicht, das nur abzuschwächen, sondern all dieses störende Zeug vollkommen loszuwerden. Wir wollen nicht nur ab und zu ein bisschen Verständnis entwickeln, sondern vollständiges Verständnis der Realität, wissen, auf welche Weise wir existieren, jeder existiert, auf welche Weise die Welt existiert – und diese Verständnis die ganze Zeit beibehalten. Das ist durchaus möglich, denn die Natur der geistigen Aktivität ist im Grunde rein, und sie besitzt alle Potenziale für gute Qualitäten.

Die guten Qualitäten auf der Erscheinungsebene eines Buddha

Wenn davon die Rede ist, was die sichere Richtung aufzeigt, so spricht man von Buddha, Dharma und Sangha. Es gibt mehrere Ebenen des Verständnisses dieser drei so genannten Zufluchtsinhalte: Für jeden davon gibt es eine Erscheinungsebene, eine tiefste Ebene und etwas, wodurch er repräsentiert wird. Lassen Sie uns zuerst die guten Qualitäten der Erscheinungsebene eines jeden davon betrachten.

Der Körper eines Buddha weist außergewöhnliche physische Qualitäten und spezielle Besonderheiten auf. Buddhas können sich beispielsweise blitzschnell überall hinbegeben; ihre Körper in zahllose Formen vervielfältigen, überall zur gleichen Zeit sein und vieles mehr. Das sind fantastische Fähigkeiten; es fällt nicht leicht, sie zu glauben. Dazu kommt: Wenn ein Buddha spricht, versteht ihn jeder in seiner jeweiligen eigenen Sprache, und ganz gleich, wie weit er entfernt ist, kann man trotzdem klar und deutlich hören, was er sagt. Überdies ist ein Buddha ein allwissendes Wesen, dessen Liebe sich auf alle gleichermaßen erstreckt und das alles gleichzeitig versteht und weiß.

Auch das klingt ziemlich fantastisch und ist schwer zu glauben. Und wenn wir einfach nur bei dieser Ebene bleiben und auf derartige Weise an Buddhas denken, besteht die Gefahr, dass man eine falsche Vorstellung bekommt. Es klingt so, als würde das in Richtung der Vorstellung gehen, dass sie fantastische jenseitige Wesen sind, fast wie eine Art Gott, nicht wahr? Doch wenn es z.B. heißt, er sei allwissend, geht es nicht darum, dass er jedermanns Telefonnummer kennt, sondern dass er weiß, was die Ursachen für die Situation eines jeden sind, bis weithin zurück alle Faktoren kennt, die jemanden beeinflussen. Wenn ein Buddha dann einen bestimmten Menschen dies oder jenes lehrt, ist er sich dessen gewahr, was für Folgen das haben wird, und zwar nicht nur für die betreffende Person selbst, sondern auch für alle anderen, mit denen sie zu tun hat. Folglich weiß ein Buddha genau, welches die beste Methode für jeden ist, um ihn etwas zu lehren. Das eine ziemlich nützliche Fähigkeit, nicht wahr? Es wäre schön, wenn man das könnte.

Es ist also angemessen, ein gewisses Vertrauen zu haben, dass ein Buddha einen versteht und imstande sein kann zu wissen, was uns am besten helfen kann. Jeder kann ihn in seiner Sprache verstehen und er kann allen augenblicklich erscheinen, wenn sie ihn brauchen. Falls unser Denken in die Richtung ginge, Buddha für eine Art Gott zu halten, wird das dann zu einer persönlichen Angelegenheit: „Er kann mir persönlich helfen. Er wird mich verstehen. Niemand versteht mich, aber Buddha wir mich verstehen.“ Aber wir wissen auch, dass einBuddha alle gleichermaßen liebt. „Prima. Es wäre mir zwar lieber, wenn er mich etwas mehr lieben würde als alle anderen. Aber es ist schon o.k. so.“ Der Vorteil davon, dass Buddha alle gleichermaßen liebt, ist, dass es keine Rolle spielt, was wir tun. Wir müssen nicht zu ihm beten oder ihm Gaben darbringen. Er wird sowieso helfen. Das ist günstig; wir müssen nichts zahlen. Was für ein günstiges Angebot! Außerdem wird ein Buddha, weil er soviel Geduld hat, nie eifersüchtig, wenn ich zu einem anderen Lehrer einer anderen Tradition gehe; er wird nie zornig werden und mich mit einem Blitz erschlagen oder so etwas. Eine ziemlich sichere Sache also.

Es ist ein häufiger Fehler, Buddha, bewusst oder unbewusst, als einen Gottes-Ersatz anzusehen, der günstiger und sicherer ist. In den Lehren heißt es, dass ein Buddha einen nicht enttäuschen wird und lauter solche Sachen. Das klingt großartig. Doch dann lesen wir, dass ein Buddha uns unser Leiden nicht einfach so nehmen kann, als würde man einen Dorn aus dem Fuß ziehen. Buddhas sind nicht allmächtig. Aber das nehmen wir nicht sonderlich ernst. - Das ist also die Beschreibung der Erscheinungsebene eines Buddha, die gewöhnliche Art, ihn sich vorzustellen. Aber es ohne tieferes Verständnis dabei zu belassen, birgt die Gefahr, Buddha als Ersatz für einen persönlichen Gott anzusehen, der uns erlösen wird.

Buddhas werden durch Statuen und Bilder repräsentiert. Sie sind wirklich schön, aber verwechseln wir sie mit christlichen Ikonen? Oder was hat es damit auf sich? Verfallen wir der Götzenverehrung, wie Muslime uns vielleicht vorwerfen könnten? Oder was geht hier eigentlich vor? Müssen wir uns wirklich vor einer Statue verbeugen? Ich denke, hier werden Probleme auftreten, wenn wir unser Verständnis von einem Buddha nur auf jener Ebene belassen. Es gibt Anlässe für Missverständnisse. Für einige Menschen kann es natürlich sehr hilfreich sein, auf diese Art an einen Buddha zu denken, aber das ist nicht das tiefste Verständnis. Auf dieser Ebene kann es so aussehen, als gäbe es eine fast gottgleiche Gestalt, die durch Statuen und Bildnisse repräsentiert wird, und die verehren wir dann.

Die guten Qualitäten auf der Erscheinungsebene des Dharma

Die erscheinende Ebene des Dharma sind sämtliche Lehren. Dabei handelt es um das, was der Buddha erkannt und in sich selbst verwirklicht hat, und was er lehrte. Eine weit verbreitete Art, dies zu verstehen, wäre in dem Sinne, dass wir also nun unseren persönlichen Gott – Buddha - haben und entsprechende Schriften. Anstelle der Bibel oder des Korans haben wir die buddhistischen Schriften. Sie sind dann für uns so etwas wie eine Art buddhistische Bibel, und wir halten jedes Wort darin für heilig. - Tatsächlich ist es wichtig, sie zu achten, aber Buddha selbst sagte: „Glaubt nichts von dem, was ich gesagt habe, nur weil ich es sagte und aus Respekt davor, sondern überprüft es selbst, so, als würdet ihr Gold kaufen wollen.“ Buddha ermutigte seine Anhänger stets, kritisch gegenüber dem zu sein, was er lehrte. Aber wenn wir zu faul sind, haben wir keine Lust, Untersuchungen anzustellen und alles zu überprüfen. Und die Bedeutung für das tägliche Leben besteht auf dieser Ebene darin, dass Buddha uns liebt, uns versteht, und in dem Buch sind all die Regeln aufgeschrieben, denen folgen wir dann einfach. Dem könnten wir in unserem Leben schon einen Platz einräumen, aber das ist eigentlich nicht Buddhismus. Natürlich könnte es für manche Menschen einen gewissen Nutzen haben, aber es war eigentlich nicht Sinn der Sache, Buddhismus zu einer weiteren Variante des Christentums zu machen.

Die guten Qualitäten auf der Erscheinungsebene des Dharma

Wie steht es nun mit dem Sangha? In den westlichen Ländern ist es leider zur Gewohnheit geworden, alle Mitglieder des Dharma-Zentrums, das wir aufsuchen, als Sangha zu bezeichnen. Das war ganz gewiss nicht der Sinn dieses Wortes im Sanskrit oder im Tibetischen. Viele Leute verstehen unter „Sangha“ einfach die Mitglieder ihrer Kirche, nämlich ihrer buddhistischen Kirche. Und wenn nun viele dieser Mitglieder ziemlich gestörte Menschen sind – nehme ich dann wirklich zu ihnen Zuflucht? Ich möchte nicht die Bedeutung herabmindern, die eine spirituelle Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen für uns hat, die das gleiche Ziel anstreben und uns darin unterstützen können, uns Rückmeldung geben usw. Das ist ungemein wichtig, aber das ist nicht das Zufluchtsobjekt.

Auf einer anderen Ebene können wir Sangha als die monastische Gemeinschaft verstehen, also die Mönche und Nonnen. Aber auch unter den Mönchen und Nonnen finden wir nicht immer perfekte Beispiele dafür, nicht wahr? Es gibt auch einige ziemlich gestörte Menschen, die Roben tragen. Dennoch ist es sehr wichtig, sich ihnen gegenüber unterstützend zu verhalten und sie zu respektieren, wenn sie wirklich aufrichtig versuchen, an sich zu arbeiten, indem sie Mönch oder Nonne werden. Aber einige Mönche und Nonnen haben diese Lebensweise nur gewählt, um Schwierigkeiten im Leben auszuweichen und, wie ein Freund von mir sagt, um kostenloses Mittagessen zu bekommen.

Es gibt jedoch noch eine andere Ebene von Sangha. Möglicherweise hören wir von den tantrischen Meistern, dass der Sangha eigentlich aus jenen so genannten Gottheiten besteht, von denen im Tantra die Rede ist: Chenrezig, Tara, Manjushri usw. Und dann beginnen wir vielleicht, zur Heiligen Mutter zu beten, zur Heiligen Tara, damit sie uns errettet. Natürlich sind diese Buddha-Gestalten, wie ich sie nenne – die so genannten tantrischen Gottheiten – keineswegs Heilige, die eine Art Vermittlerfunktion haben und uns helfen, dem Gott Buddha näherzukommen.

Die tiefste Bedeutung von Buddha, Dharma und Sangha

Wenn wir uns mit der tiefsten Bedeutung von Buddha, Dharma und Sangha befassen, entdecken wir, dass die tiefste Bedeutung von Dharma die wahre Beendigung all der Verwirrung ist sowie die wahren Erkenntnisse – die so genannten Pfade oder Bahnen des Geistes in einem geistigen Kontinuum. Dies ist es, was uns vor Leiden schützen wird, wenn wir es in unserem eigenen geistigen Kontinuum entwickeln. Wenn wir diesen Zustand erreichen können, in dem all die Verwirrung, verstörenden Emotionen, Geisteshaltungen und Probleme verschwunden sind und alle Erkenntnisse vollständig vorhanden und verwirklicht sind. Die Buddhas sind diejenigen, die dies in vollem Ausmaß erreicht haben und lehrten, wie wir das selbst bewerkstelligen können. Und Sangha bezieht sich eigentlich auf den so genannten Arya-Sangha, nämlich sehr weit fortgeschrittene Praktizierende, die einige, jedoch noch nicht alle wahren Beendigungen und wahren Erkenntnisse erreicht haben. Es gibt nämlich viele Schichten und Ausmaße von Verwirrung, die es zu beseitigen gilt, und viele zunehmend stärkere Ebenen von Erkenntnis, die diesen entgegenwirken. Der Arya-Sangha besteht aus Praktizierenden, die es noch nicht erreicht haben, sämtliche Ebenen von Verwirrung zu beseitigen, aber einige davon, und die auf dem Weg sind, mehr zu erreichen.

In unserem täglichen Leben sind die Buddhas und der Arya-Sangha – die großen indischen und tibetischen Meister der Vergangenheit und auch einige der Gegenwart – eine Quelle von großer Inspiration und sie erfüllen uns mit großer Zuversicht. Man sieht oder trifft jemanden wie Seine Heiligkeit den Dalai Lama –wie ist er so geworden, wie er ist? Durch den Dharma. Ob er nun ein Buddha ist oder nicht, ist irrelevant. Wenn ich so werden könnte wie er, dann wäre das ziemlich gut. Und ich spreche hier nicht nur von seiner Fähigkeit, fast alle Inhalte im Bereich des Dharma zu lehren, oder davon, dass er der gelehrteste, fachkundigste Lehrer von allen ist und die tiefgründigsten Lehren vermittelt, oder von dem Zeitplan, den er einhält, und seinen ständigen Reisen rund um die Welt, auf denen er unaufhörlich versucht zu lehren und anderen von Nutzen zu sein, und all dem. Zudem ist er das öffentliche Feindbild Nummer eins in China. Können Sie sich vorstellen, wie es sein muss, wenn mehr als eine Milliarde Menschen einen als Teufel betrachten, unserem Volk unsägliche Dinge antun, und man dann immer noch Liebe und Mitgefühl für sie empfindet? Er wird nicht wütend darüber, und er ist imstande, alles, was er tut, mit einem freudigen, friedvollen Geisteszustand zu tun. Das ist unglaublich, nicht wahr? Wie könnte man dazu fähig sein, wenn man nicht all jene störenden Emotionen beseitigt und allerlei Erkenntnisse gewonnen hätte? Es wäre nicht möglich. Es ist irrelevant, ob er schon den ganzen Weg zur Buddhaschaft zurückgelegt hat oder nicht.

Es mag sein, dass wir keine Beziehung herstellen können zu den Qualitäten des Buddha selbst, aber zumindest können wir die Qualitäten von jemandem wie Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama sehen. Das ist überaus inspirierend. Wenn es für jemanden wie ihn möglich ist, solche Errungenschaften zu erlangen, dann gibt es - in Anbetracht der Tatsache, dass die Natur des Geistes rein ist und all diese Potenziale hat - keinen Grund, warum das nicht uns möglich sein sollte. Es gibt keinen Grund, warum das nicht jeder können würde. Es wird natürlich eine enorme Menge an Arbeit erfordern, aber es ist möglich, und es ist durchaus der Mühe wert, in diese Richtung zu gehen. Wenn wir den Dalai Lama in Analogie zu einem Buddha sehen, könnte man sagen, dass viele der großen Meister, die heutzutage lehren, vielleicht nicht all seine Qualitäten besitzen, aber – entsprechend dem Sangha – doch einige davon. Auch das ist sehr inspirierend.

Was haben der Dalai Lama und diese anderen großen Meister gemeinsam? Sie haben, in unterschiedlichem Maße, Ärger, Gier, Hass und all diese Dinge beseitigt, und sie haben enorme gute Qualitäten entwickelt: Verständnis, Mitgefühl, Geduld usw. Wir sehen die unterschiedlichen Abstufungen dessen, was erreicht werden kann, an diesen verschiedenen Meistern. So etwas ist, wie gesagt, ein viel lebendigeres Beispiel (wenn wir mit ihnen in Kontakt kommen), als nur an Buddha, Milarepa und andere historische Vorbilder zu denken, zu denen es uns vielleicht schwerfällt, Verbindung herzustellen. Wir mögen zwar finden, dass das schöne Geschichten sind, aber glauben wir wirklich, dass es so jemanden gegeben hat? Wir lesen, dass Guru Rinpoche aus einem Lotus geboren wurde – können wir das wirklich glauben? Es ist schwer, sich damit zu identifizieren. Stattdessen können wir unsere Aufmerksamkeit auf die Abwesenheit jener negativen Eigenschaften und das Vorhandensein der positiven Eigenschaften richten, wie dies durch den Dalai Lama und die großen Meister veranschaulicht wird, die man hier und jetzt analog zu Buddha und Sangha betrachten kann. Wir erkennen, dass wir fähig sind, das auch zu erreichen – es geht hier um den Dharma -, dass diese wahren Beendigungen und wahren Geisteszustände, die wie Pfade sind, erreichbare Ziele sind. Es ist uns möglich, so etwas zu erreichen, und gibt uns eine stabile, sinnvolle und sichere Richtung an, die wir in unserem Leben einschlagen können.

Zuflucht bzw. sichere Richtung in unserem Alltag

Was bedeutet das in praktischer Hinsicht, in unserem Leben diese Richtung von Buddha, Dharma und Sangha einzuschlagen? Es bedeutet, dass wir stets an uns arbeiten. Dadurch werden wir uns, wenn wir beispielsweise ärgerlich werden oder uns selbstsüchtig verhalten, dessen immer mehr bewusst. Wir merken es. Es ist nicht so, dass wir uns das dann sehr übelnehmen und uns dafür geißeln: „Ich bin schlecht, ich bin so schrecklich: Ich werde immer noch ärgerlich.“ Das sicher nicht, und ebenso wenig fallen wir in das andere Extrem und denken, so etwas gehöre einfach dazu, wenn man ein normaler Mensch ist: „Na und? Ich werde eben so bleiben.“ Das ist auch nicht die angemessene Einstellung. Aber schon sich der störenden Emotionen einfach bewusst zu sein und sie als etwas zur Kenntnis zu nehmen, das wir loswerden wollen, schwächt ihre Kraft.

Doch das Wesentliche ist: Wenn diese störenden Emotionen, diese negativen Zustände in unserem Alltag aufkommen und wir sie bemerken, dann ist das Beste, was wir tun können, ein paar Methoden zu lernen, wie man damit umgehen und sie überwinden kann. Es geht darum zu erkennen, dass wir, wenn wir ärgerlich sind, mehr Geduld entwickeln müssen. Wenn jemand sich mir gegenüber abscheulich verhält, zeigt das, dass er sehr unglücklich ist. Etwas belastet ihn oder hat ihn verstört. Statt ärgerlich auf ihn zu werden – haben wir doch ein wenig Mitgefühl mit ihm.

Um noch etwas klarzustellen: Wichtig ist dabei auch, dass wir uns einerseits nicht über uns selbst ärgern, weil wir ärgerlich geworden sind, andererseits aber auch nicht mit uns umgehen wie mit einem Baby und sagen: „Ja ja, ist ja gut, ist doch nicht so schlimm.“ Sondern wir versuchen unser Bestes, solche Zustände zu überwinden, weil wir erkennen, dass das möglich ist. Vielleicht können wir sie nicht so schnell loswerden – mit Sicherheit nicht -, aber das ist die Richtung, in die wir uns das ganze Leben über entwickeln wollen. Wir werden es versuchen, weil wir wissen, dass es tatsächlich möglich ist, sich von all diesen Zuständen zu befreien. Es ist kein aussichtsloser Versuch, einer idealistischen Vorstellung nachzujagen, wenn wir diese Richtung einschlagen.

Wenn wir mit einer schwierigen Situation konfrontiert sind und ein bisschen Geduld aufbringen, etwas Verständnis zeigen oder ein klein wenig wohlwollendes Gefühl entwickeln, ist es wichtig zu erkennen, dass dies stärker werden und zunehmen kann. Wir können es immer weiter verstärken. Das ist durchaus möglich. Anderen ist es gelungen und wir können es auch. Es ist nichts Besonderes an den anderen, und es ist nichts Besonderes an uns. Das ist unsere Zuflucht, unsere sichere Richtung im Leben, denn je mehr wir in diese Richtung gehen, umso mehr ersparen wir uns Probleme und Schwierigkeiten.

Zusammenfassung

Es kommt darauf an zu verstehen, was mit Zuflucht gemeint ist, nämlich diese sichere Richtung, und was die Gründe dafür sind, sie in unser Leben einzubringen. Dies wird als der wichtigste und grundlegendste Bestandteil buddhistischer Praxis betrachtet. Viele Menschen neigen dazu, das zu bagatellisieren, was wirklich sehr bedauerlich ist. Ob wir unserem Leben diese Richtung geben oder nicht, macht einen entscheidenden Unterschied in unserem Leben aus und gilt als bedeutsame Veränderung. Wenn wir meinen, Zuflucht würde nur bedeuten, dass wir an einer Zeremonie teilgenommen haben, eine Haarsträhne abgeschnitten bekamen, einen tibetischen Namen erhalten haben, nun ein rotes Bändchen um den Hals tragen und einem Verein beigetreten sind, dann banalisieren wir die ganze Angelegenheit und machen daraus etwas ziemlich Belangloses.

Die Frage, die es sich zu stellen gilt, ist: „Wenn ich mich selbst als jemanden einschätze, der Zuflucht genommen hat und Buddhist ist – gebe ich meinem Leben wirklich diese Richtung? Hat das irgendeine andere Bedeutung in meinem Leben als bloß einer Art Verein beigetreten zu sein?“ Wenn Zuflucht zu nehmen keinen bedeutenden Unterschied in unserem Leben ausgemacht hat, dann ist das wirklich etwas, woran wir arbeiten müssen. Sich ohne diese Grundlage irgendwelchen fortgeschritten Praktiken zu widmen wird kaum zum Erfolg führen.