Die buddhistische Sichtweise bezüglich anderer Religionen

Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus gesehen ist eine große Auswahl von Weltreligionen notwendig, um den verschiedenen Veranlagungen unterschiedlicher Menschen gerecht zu werden. Doch allen Religionen gemeinsam ist das Ziel, zum Wohle der Menschheit zu wirken. Auf dieser gemeinsamen Grundlage haben Buddhisten und Christen Austauschprogramme entwickelt, um in beiderseitiger Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt voneinander zu lernen.

Weil nicht jeder die gleichen Veranlagungen und Interessen hat, lehrte Buddha für verschiedene Menschen unterschiedliche Methoden. Auf dieses Beispiel Bezug nehmend, sagt Seine Heiligkeit der Dalai Lama, es sei wunderbar, dass es so viele Religionen auf der Welt gibt. Genauso wie ein einziges Nahrungsmittel nicht jedem bekommen wird, wird auch eine einzige Religion oder ein einziges Glaubenssystem nicht jedermanns Bedürfnisse erfüllen. Deswegen ist es von großem Vorteil, dass eine Vielzahl verschiedener Religionen zur Verfügung steht, unter denen man wählen kann. Er begrüßt das und freut sich darüber.

Interreligiöser Dialog

Heute gibt es in zunehmendem Maße Dialoge zwischen buddhistischen Meistern und leitenden Persönlichkeiten anderer Religionen, die auf gegenseitigem Respekt beruhen. Der Dalai Lama zum Beispiel trifft sich des Öfteren mit dem Papst. Der Papst lud im Oktober 1986 die Oberhäupter aller Weltreligionen nach Assisi in Italien zu einem umfassenden Treffen ein. Über 150 Repräsentanten der Religionen nahmen daran teil. Der Dalai Lama saß neben dem Papst, und hatte die Ehre, die Eröffnungsansprache zu halten. Während der Konferenz sprachen die spirituellen Leiter über Themen, die allen Religionen gemeinsam sind, zum Beispiel Ethik, Liebe und Mitgefühl. Die Menschen fanden die Zusammenarbeit, die Harmonie und den gegenseitigen Respekt, den die unterschiedlichen religiösen Führungspersönlichkeiten füreinander empfanden, sehr ermutigend.

Wenn wir über Metaphysik und Theologie diskutieren, gibt es natürlich Unterschiede. Es ist unmöglich, sich darüber hinwegzutäuschen. Aber das heißt nicht, dass wir darüber streiten müssten, wie Kinder es tun: „Mein Papa ist stärker als deiner.“ Das wäre töricht. Sinnvoller ist es, die Inhalte zu betrachten, in denen Gemeinsamkeiten bestehen. Alle Weltreligionen sind bestrebt, die Situation der Menschheit zu verbessern und das Leben besser zu gestalten, indem sie die Menschen lehren, ethischen Verhaltensweisen zu folgen. Sie alle lehren die Menschen, sich nicht völlig in der materiellen Seite des Lebens zu verfangen, sondern zumindest ein Gleichgewicht zwischen dem Streben nach materiellem und spirituellem Fortschritt herzustellen.

Es ist von großem Vorteil, wenn alle Religionen zusammenarbeiten, um die Weltsituation zu verbessern. Wir brauchen nicht nur materielle, sondern auch spirituelle Weiterentwicklung. Wenn wir nur die materielle Seite des Lebens betonen, kann die Herstellung einer effektiveren Bombe zu einem wünschenswerten Ziel werden. Wenn wir hingegen eine humanistische oder spirituelle Denkweise pflegen, sind wir uns der Gefahr und der vielschichtigen Probleme bewusst, die mit weiterer Aufrüstung und Massenvernichtungsmitteln einhergehen. Doch wenn wir uns nur spirituell entwickeln und nicht um die materiellen Aspekte kümmern, werden Menschen hungern, und das ist auch nicht erstrebenswert. Wir brauchen ein ausgewogenes Gleichgewicht.

Voneinander lernen

Ein Aspekt der Zusammenarbeit zwischen den Weltreligionen besteht darin, dass sie Austausch über einige ihrer Besonderheiten pflegen. Betrachten wir zum Beispiel den Austausch zwischen Buddhisten und Christen. Viele christliche Anhänger der Kontemplation interessieren sich dafür, vom Buddhismus Methoden für Konzentration und Meditation zu lernen. Viele katholische Priester, Ärzte, Mönche und Nonnen sind nach Dharamsala in Indien gereist, um diese Fähigkeiten zu erlernen und sie dann in ihre eigene Tradition mit einzubringen. Ab und zu halten Buddhisten in katholischen Seminaren Lehrvorträge. Auch ich wurde gelegentlich eingeladen, dort zu unterrichten, wie man meditiert und Konzentration entwickelt, und Methoden zu lehren, wie man Liebe entwickelt. Im Christentum wird gelehrt, alle zu lieben, aber es gibt kaum Erklärungen, wie man das im Einzelnen zuwege bringt. Auf höchster Ebene ist die christliche Religion offen dafür, vom Buddhismus solche Methoden zu lernen. Das bedeutet nicht, dass die Christen alle Buddhisten werden – niemand konvertiert irgendwen. Diese Methoden können ihrer eigenen Religion angepasst werden und dazu beitragen, dass sie zu besseren Christen werden.

Umgekehrt sind viele Buddhisten daran interessiert, vom Christentum soziale Aktivitäten zu lernen. In vielen christlichen Traditionen wird großer Wert darauf gelegt, dass die Mönche und Nonnen als Lehrer tätig sind, in Krankenhäusern arbeiten, sich um alte Menschen oder Waisenkinder kümmern usw. Zwar haben einige buddhistische Länder solche sozialen Dienste eingerichtet, aber durchaus nicht alle, was auf verschiedene soziale und geographische Gründe zurückgeht. Buddhisten können von Christen etwas über Sozialdienste lernen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist sehr aufgeschlossen dafür. Das bedeutet nicht, dass die Buddhisten nun Christen werden. Vielmehr gibt es in der christlichen Erfahrung bestimmte Aspekte, von denen Buddhisten lernen können, und auch in der buddhistischen Erfahrung gibt es manches, von dem Christen lernen können. Auf diese Weise existiert ein offenes Forum unter den Weltreligionen, das auf gegenseitigem Respekt basiert.

Zusammenfassung

Der Austausch unter den Religionen wird oft auf höchster Ebene gepflegt, wo die Menschen aufgeschlossen füreinander sind und keine Vorurteile haben. Unsicherheit besteht eher auf unterer Ebene, wo die Menschen misstrauisch sind und eine Art Fußballteam-Mentalität entwickeln, etwa in der Art: „Dies ist meine Fußballmannschaft und die anderen Religionen sind gegnerische Mannschaften.“ Mit solch einer Einstellung wird dann konkurriert und gekämpft. Das ist sehr traurig, ganz gleich ob es zwischen Religionen oder zwischen unterschiedlichen buddhistischen Traditionen stattfindet. Buddha lehrte vielerlei verschiedene Methoden, und sie alle wirken harmonisch zusammen, um einem breiten Spektrum verschiedener Arten von Menschen zu nützen. Es ist also von großer Wichtigkeit, alle Traditionen zu respektieren, sowohl innerhalb des Buddhismus als auch unter den Weltreligionen.