Meine Geschichte

Das wissenschaftliche Studium des Buddhismus und die tatsächliche Anwendung buddhistischer Lehren im täglichen Leben sind zwei verschiedene Welten. Oft wird darauf hingewiesen, dass das intellektuelle Studium des Buddhismus dem eigenen Leben nicht wirklich nützt. Dr. Alexander Berzin, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Buddhist ist, spricht von der Erfahrung, mit einem Fuß in beiden Welten zu stehen, der akademischen und der spirituellen.

Die Sputnik-Generation

Ich wurde 1944 in Amerika in einer ganz gewöhnlichen Familie geboren. Meine Familie hatte nicht viel Geld, die Familienmitglieder waren einfache Arbeiter, und sie waren auch nicht sehr gebildet. Aber ich hatte von frühester Jugend an instinktiv ein starkes Interesse an allem, was mit Asien zu tun hatte. Meine Familie ermunterte mich nicht dazu, hielt mich aber auch nicht davon ab, und zu jener Zeit gab es sowieso nicht viel Information über asiatische Dinge. Als ich 13 war, begann ich zusammen mit einem Freund Yoga zu üben, und ich las alles über Buddhismus, indisches und chinesisches Gedankengut, was ich in die Finger kriegen konnte.

Ich gehörte zu der Generation, die in Amerika die „Sputnik-Generation“ genannt wird. Als der russische Satellit Sputnik in den Raum geschossen wurde, sorgte das für helle Aufregung in Amerika, weil wir das Gefühl bekamen, wir würden weit hinter Russland hinterherhinken. Die Kinder in der Schule, so auch ich, wurden dazu angehalten, Naturwissenschaften zu studieren, sodass Amerika den Vorsprung Russlands aufholen könnte. Also schrieb ich mich mit 16 an der Rutgers-Universität ein, um Chemie zu studieren. Die Rutgers-Universität liegt in New Jersey, wo ich aufgewachsen bin, und obwohl Geshe Wangyal, ein buddhistischer Meister aus Kalmückien in der Mongolei, nur 50 km entfernt wohnte, hatte ich keine Ahnung von seiner Existenz.

Während meines Studiums belegte ich einen zusätzlichen Kurs für asiatische Studien, in dem es darum ging, wie der Buddhismus von einer Zivilisation zur anderen übertragen wurde, und wie jede Zivilisation ein anderes Verständnis davon entwickelte. Obwohl ich erst 17 war, beeindruckte mich dieses Thema so stark, dass ich sagte: „Das ist es, womit ich mich befassen will – mit diesem ganzen Prozess, wie der Buddhismus von einer Zivilisation in eine andere gelangte.“ Und das ist es, womit ich mich den Rest meines Lebens beschäftigt habe, ohne dass sich mein Interesse daran geändert oder ich es je aus dem Sinn verloren hätte.

Princeton: Von der Chemie zur chinesischen Sprache und zum Gedankengut und der Philosophie Chinas

An der Universität Princeton wurde zu jener Zeit ein neues Studienprogramm eingeführt, um mehr Studenten für den Fachbereich asiatische Studien zu gewinnen. Damals gab es in diesem Fachbereich nur sehr wenige Studenten; es war die Anfangszeit des Vietnamkriegs, und nur ganz wenige Amerikaner sprachen irgendeine asiatische Sprache. Ich war ganz aufgeregt, denn hier bot sich endlich eine Gelegenheit, Chinesisch zu studieren. Ich bewarb mich also und wurde angenommen. Mit 18 begann ich in Princeton Sinologie zu studieren und beendete dort die letzten beiden Jahre mit der Matura.

Es hatte mich schon immer interessiert, welchen Einfluss die chinesische Philosophie auf das Verständnis des Buddhismus hatte, als dieser nach China gelangte und wie dann anschließend der Buddhismus die chinesische Philosophie beeinflusste. Ich studierte daher das chinesische Gedankengut, die Philosophie, die Geschichte, Buddhismus usw. Die Sommer über wurde ich zu intensiven Sprachkursen gesandt, um klassisches Chinesisch zu lernen: in einem Jahr nach Harvard, in einem anderen Jahr nach Stanford, und nachdem ich meinen Abschluss erlangt hatte, einen Sommer lang nach Taiwan. Für die Promotion kehrte ich wieder nach Harvard zurück. Schon im Rahmen meines Sinologie-Studiums hatte ich angefangen, auch Japanisch zu studieren, und zur Zeit meines Magister-Abschlusses im Fachbereich Fernöstliche Sprachen hatte ich bereits umfassende Sinologie-Studien durchgeführt.

Chinesisch, Sanskrit und Tibetisch: Vergleichende Studien

Ich wollte aber auch die indische Seite so gut kennenlernen wie die chinesische Seite, um festzustellen, wie die Entwicklung des Buddhismus beeinflusst worden war, und deshalb begann ich, Sanskrit zu studieren. Schließlich erhielt ich den doppelten Doktorgrad im Fachbereich Sanskrit und Indologie und im Fachbereich Fernöstliche Sprachen. Das Studium von Sanskrit und Indologie führte mich zum Tibetischen, und mein Schwerpunkt lag auf der Philosophie und Geschichte des Buddhismus.

Sie merken schon: ich hatte einen starken Wissensdurst; und so belegte ich zusätzliche Kurse in Philosophie und Psychologie, und während all dessen blieb auch mein Interesse an Naturwissenschaften bestehen. So vollendete ich meine Studien und lernte allgemeine oder logische Methoden zum Vergleich von Übersetzungen. Wir lasen buddhistische Texte auf Sanskrit, untersuchten dann, wie sie ins Chinesische und Tibetische übersetzt worden waren, und studierten die Ideengeschichte und wie sie mit der allgemeinen Geschichte in Verbindung stand. Diese Ausbildung hat sich im Laufe meines ganzen Lebens als sehr nützlich erwiesen.

Von Harvard zur lebendigen Tradition

Die ganze Zeit über hat es mich immer interessiert, wie es wohl wäre, tatsächlich die Denkweise all dieser asiatischen Philosophien und Religionen anzunehmen, die ich studierte – die unterschiedlichen Formen von buddhistischem und hinduistischem, taoistischem und konfuzianischem Gedankengut. Aber es ergab sich keine rechte Gelegenheit, in Berührung mit der lebendigen Tradition zu kommen; es war, als würde ich die vergangenen Religionen des alten Ägypten studieren. Aber mein Interesse war sehr groß.

Als ich 1967 anfing, Tibetisch zu lernen, kam Robert Thurman nach Harvard zurück, und wir waren Klassenkameraden. Thurman war ein enger Schüler von Geshe Wangyal und hatte mehrere Jahre bei ihm gelebt. Er war sogar für etwa ein Jahr Mönch gewesen und nach Indien gegangen, um in Dharamsala zu studieren. Er war es, der mir von Geshe Wangyal erzählte und von der Möglichkeit, in Dharamsala zu studieren, wo die Tibeter und Seine Heiligkeit der Dalai Lama lebten. Ich begann, Geshe Wangyal in einem Kloster in New Jersey zu besuchen, wann immer ich in den Semesterferien nach Hause fuhr, und fing an zu verstehen, was Buddhismus als gelebte Tradition bedeutet. Doch obwohl ich Geshe Wangyal viele Male besuchte, hatte ich nie die Möglichkeit, in seiner Nähe zu leben und bei ihm zu studieren. Aber er inspirierte mich wirklich, nach Indien zu fahren und meine Studien dort fortzusetzen. Deshalb bewarb ich mich für das Fulbright-Stipendium, um die Forschungsarbeit für meine Dissertation in Indien bei den Tibetern durchzuführen.

1969 kam ich in Indien an; ich war damals 24 Jahre alt. Ich begegnete Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und tauchte ganz in das Leben in der tibetischen Gesellschaft ein. Es fühlte sich an, als sei mein ganzes Leben bis dahin wie eine Art Förderband gewesen, das mich dort hingeführt hätte - aus einer gewöhnlichen Familie in New Jersey zu einem vollen Stipendium in Princeton und an der Harvard-Universität, und nun zum Dalai Lama und den großen tibetischen Meistern in seiner Umgebung. Ich stellte fest, dass hier alles, was ich in meinem Studium über tibetischen Buddhismus gelernt hatte, sehr lebendig war, und dass es hier Menschen gab, die genau wussten, was all das aus den buddhistischen Lehren tatsächlich bedeutete. Hier war die allerbeste Möglichkeit, von ihnen zu lernen.

Tibetisch lernen in Dalhousie

Als ich nach Indien kam, hatte ich noch kein gesprochenes Tibetisch gelernt. Mein Professor in Harvard, Professor Nagatomi, wusste nicht, wie man die Sprache überhaupt ausspricht. Er war Japaner, und wir lernten bei ihm Tibetisch im Rahmen der Struktur japanischer Grammatik, denn das einzige damals erhältliche Lehrbuch enthielt nur Erklärungen der tibetischen Grammatik im Vergleich zur lateinischen! Latein und Tibetisch haben überhaupt nichts miteinander gemeinsam, wohingegen japanische Grammatik im Grunde dem Tibetischen recht nahe kommt.

Ich musste die gesprochene Sprache lernen, aber es gab keinerlei Lehrbücher oder sonstige Materialien dazu. Dank meiner Verbindung mit Geshe Wangyal konnte ich Kontakt zu zwei jungen Tulkus (reinkarnierten Lamas), Sharpa und Khamlung Rinpoche, aufnehmen, die einige Jahre in seinem Kloster gewohnt hatten und sehr gut Englisch sprachen. Sie lebten in Dalhousie, wo sich viele tibetische Flüchtlinge niedergelassen hatten. Dort verschafften sie mir freundlicherweise die Möglichkeit, in einem kleinen Haus am Berghang bei einem tibetischen Mönch, Sönam Norbu, zu wohnen. Er konnte kein Englisch und ich kein Tibetisch, aber da wir zusammenwohnten, mussten wir uns irgendwie verständigen. Nun kam mir meine buddhologische und übrige Ausbildung zunutze. Ich fühlte mich so ähnlich wie ein Anthropologe in Borneo oder Afrika, der versuchte, eine andere Sprache zu enträtseln.

Die verschiedenen asiatischen Sprachen, die ich studiert hatte, halfen mir viel dabei, die Töne der tibetischen Sprache herauszuhören und einige Fortschritte zu machen. Wenn ich mit Sönam reden wollte, schrieb ich etwas auf (denn wie man Tibetisch schrieb, wusste ich ja), und er sagte mir, wie man es ausspricht. Auf diese Weise arbeiteten wir zusammen, und zusätzlich nahm ich noch Sprachunterricht bei jemand anderem. Schließlich schlugen die beiden jungen Rinpoches vor, dass ich bei ihrem Lehrer, Geshe Ngawang Dhargye, studieren solle.

Lam-rim-Studium im Kuhstall

Ich war nach Indien gekommen, um meine Doktorarbeit zu schreiben, und ursprünglich hatte ich vorgehabt, das sehr umfassende Thema des Guhysamaja-Tantra zu erforschen, aber Serkong Rinpoche, einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, an den ich mich um Rat gewandt hatte, überzeugte mich, dass das völlig absurd war und dass mir die Voraussetzungen dafür gänzlich fehlten. Trijang Rinpoche, der Junior-Tutor Seiner Heiligkeit, schlug vor, dass ich stattdessen zunächst den Lam-rim, die aufeinander aufbauenden Stufen des Pfades, studieren könne. Zu jener Zeit war noch nichts davon übersetzt worden, und daher war es mir völlig neu. Die einzigen Bücher, die es damals über tibetischen Buddhismus gab, waren die von Alexandra David-Neel, Evans-Wentz, Lama Govinda und wenigen anderen. Ich studierte also die mündliche Tradition des Lam-rim bei Geshe Ngawang Dhargye und machte das zur Grundlage meiner Dissertation.

Ich lebte in Dalhousie sehr anspruchslos, ohne fließendes Wasser und ohne Toilette im Haus. Geshe Dhargye lebte jedoch noch viel anspruchsloser, in einer Hütte, die zuvor als Kuhstall gedient hatte. Darin war gerade genug Raum für sein Bett und etwas Platz daneben, wo seine Schüler - die drei jungen Rinpoches - und ich auf dem Lehmboden sitzen konnten, während er lehrte. Neben Sharpa Rinpoche, Khamlung Rinpoche und mir nahm inzwischen auch Jhado Rinpoche am Unterricht teil; er wurde später Abt des Klosters Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, des Klosters Namgyal. Dieser ehemalige Kuhstall, in dem zahllose Fliegen und anderen Insekten hausten, war unser Studienzimmer.

Es war eine ungemein aufregende Zeit, in der sehr viel Neues seinen Anfang nahm. Seine Heiligkeit der Dalai Lama interessierte sich dafür, was wir taten, für unsere Studien, und gab uns dann ein paar kurze Texte, damit wir sie für ihn übersetzten. Als seine Heiligkeit in Dharamsala die Library of Tibetan Works and Archives errichtete, bat er Geshe Dhargye, in der Bibliothek die Rolle eines Lehrers für Menschen aus dem Westen zu übernehmen, und er bat Sharpa und Khamlung Rinpoche, die mir so viel weitergeholfen hatten, als Übersetzer zu fungieren. Ich fragte, ob ich mich auch nützlich machen könne, und er stimmte zu, empfahl aber, dass ich zuerst zurück nach Harvard gehen, dort meine Dissertation einreichen, den Doktorgrad entgegennehmen und dann wiederkommen solle.

Einfügen in die tibetische Gemeinschaft: Übersetzer werden

In dieser ersten Zeit in Indien versuchte ich, mich in die tibetische Gemeinschaft einzufügen, indem ich eine traditionelle Rolle übernahm, mit der sie etwas anfangen konnten; daher wurde ich Übersetzer. Ich war sehr darauf bedacht, selbst mit buddhistischen Übungen zu beginnen, und so wurde ich 1970 formell Buddhist und fing an, Meditation zu üben. Seitdem habe ich kontinuierlich jeden Tag meditiert.

Als Übersetzer braucht man nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern auch ein sehr tiefgreifendes Verständnis des Buddhismus, und das heißt, zu meditieren und die Lehren im realen Leben anzuwenden. Es ist unmöglich Fachbegriffe zu übersetzen, die bestimmte Geisteszustände oder verschiedene Meditationserfahrungen beschreiben, ohne sie tatsächlich selbst erlebt haben. Die Übersetzungsbegriffe, die bis dahin verwendet worden waren, waren hauptsächlich von Missionaren geprägt, die in erster Linie daran interessiert waren, die Bibel ins Tibetische zu übersetzen, und hatten wenig mit der eigentlichen Bedeutung zu tun, die diese Wörter im Buddhismus haben. Schon seit dieser frühen Zeit verband ich also meine buddhistische Praxis mit meiner buddhologischen Ausbildung.

Ende 1971 kehrte ich nach Harvard zurück, reichte dort einige Monate später meine Dissertation ein und erhielt im Frühjahr 1972 den Doktortitel. Mein Professor hatte mir eine gute Lehrtätigkeit an einer anderen renommierten Universität vermittelt, da ich eigentlich vorgehabt hatte, Universitätsprofessor zu werden, aber ich lehnte ab. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens mit Menschen verbringen, die nur Mutmaßungen darüber anstellten, was Buddhismus bedeutete. Ich wollte vielmehr bei denjenigen sein, die genau wussten, was er bedeutete, von der authentischen Tradition lernen und dabei die objektive Perspektive beibehalten, die ich in meiner buddhologischen Ausbildung gelernt hatte. Mein Professor hielt mich natürlich für verrückt, aber ich fuhr wieder nach Indien. Man konnte dort sehr billig leben, also war es erschwinglich.

Mein neues Leben in Indien

Ich zog nach Dharamsala und begann mit Geshe Ngawang Dhargye sowie Sharpa und Khamlung Rinpoche zusammenzuarbeiten, die bereits an der Bibliothek tätig waren. Ich wohnte in einer noch kleineren Behausung als in Dalhousie, immer noch ohne fließendes Wasser oder Toilette im Haus; nicht einmal Glasscheiben gab es in dem einzigen Fenster. Sönam Norbu, der tibetische Mönch, bei dem ich früher gewohnt hatte, kam nach und wohnte wieder mit mir zusammen. Diese einfache Hütte war in Indien insgesamt 29 Jahre lang mein Zuhause.

Zu jener Zeit half ich dabei, für Seine Heiligkeit das Übersetzungsbüro an der Bibliothek auf die Beine zu stellen und verfolgte weiterhin meine Studien. Ich merkte, dass mein buddhologischer Hintergrund mir das Handwerkszeug verschafft hatte, die buddhistischen Lehren wirklich tiefer gehend zu studieren. Ich kannte die Geschichte und die Namen der verschiedenen Texte, ich hatte nun Kontakt zu Menschen, die mich deren wahren Inhalt lehrten, und so fiel es mir ziemlich leicht, das alles zusammenzufügen. Ich studierte zwar hauptsächlich die Gelugpa-Tradition, aber Seine Heiligkeit der Dalai Lama ermutigte mich, bei Lehrern aller vier tibetischen Traditionen zu studieren, damit ich den größeren Zusammenhang in der Gesamtheit des tibetischen Buddhismus erkennen konnte. Es war eine faszinierende Zeit, weil die Menschen im Westen damals noch keine Ahnung von dem Ausmaß all dessen hatten, was überhaupt in den Lehren des tibetischen Buddhismus enthalten war.

Erinnerungen und Übung in Bescheidenheit bei Serkong Rinpoche

1974 begann ich bei einem der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu studieren, nämlich bei Serkong Rinpoche, den ich bereits 1969 schon einmal kurz getroffen hatte. Gleich zu Anfang unserer Begegnung in Dharamsala erkannte er, dass ich die karmische Verbindung hatte, als Übersetzer für ihn und schließlich auch für seine Heiligkeit den Dalai Lama tätig zu sein, und deshalb schulte er mich dafür. Ich hatte zwar bereits etwas Übung im Übersetzen von Texten, aber hier ging es um die Schulung in mündlicher Übersetzung sowie zum Lehren. Er wies mich an, neben ihm zu sitzen und zu beobachten, wie er mit verschiedenen Menschen umging. Er schulte auch mein Gedächtnis: Wenn ich mit ihm zusammen war, hielt er ab und zu plötzlich inne und sagte: „Wiederhole Wort für Wort, was ich gerade gesagt habe“ oder „Wiederhole das, was du gerade gesagt hast, Wort für Wort noch einmal.“

Im darauffolgenden Jahr begann ich zu übersetzen, während er andere Menschen aus dem Westen unterrichtete. Er hat mich nie irgendetwas nur für mich alleine gelehrt; ich lernte immer dadurch, dass ich für jemand anderen übersetzte – außer beim Thema Kalachakra. Im Kalachakra bekam ich Privatunterricht; er sah, dass sich eine tiefe Verbindung damit hatte. Während des Unterrichts durfte ich nie irgendwelche Notizen machen, sondern musste mir alles merken und konnte es erst anschließend niederschreiben. Nach einer Weile gestattete er mir nicht einmal mehr, nach dem Unterricht Notizen zu machen. Er gab mir einfach etwas anderes zu tun, und dann konnte ich erst am späten Abend alles aufschreiben.

So, wie Geshe Wangyal es mit seinen engen Schülern hielt, schalt auch Serkong Rinpoche mich ständig. Ich weiß noch, dass ich ihn einmal, als ich für ihn übersetzte, nach der Bedeutung eines Wortes fragte, das er gerade erwähnt hatte und das ich nicht verstanden hatte. Er schaute mich stirnrunzelnd an und sagte: „Dieses Wort habe ich dir doch schon vor sieben Jahren erklärt. Warum erinnerst du dich nicht daran? Ich erinnere mich doch auch!“

Seine bevorzugte Bezeichnung für mich war „Dummkopf“, und er ließ keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, wenn ich mich wie einer benahm, insbesondere in Gegenwart anderer Leute. Das war eine hervorragende Schulung. Einmal, als ich vor etwa 10.000 Zuhörern für Seine Heiligkeit den Dalai Lama übersetzte, fiel Seine Heiligkeit mir lachend ins Wort und sagte, an alle gewandt: „Er hat gerade einen Fehler gemacht.“ Weil ich es schon gewohnt war, dauernd als Dummkopf bezeichnet zu werden, war ich imstande, weiter zu übersetzen und mich nicht einfach unterm Tisch zu verkriechen. Übersetzen erfordert ungeheure Aufmerksamkeit und ein enormes Gedächtnis, und ich hatte großes Glück, dass ich nicht nur die traditionelle Ausbildung in Buddhologie erhalten habe, sondern auch traditionelle tibetische Schulung.

Neun Jahre lang übte ich sehr intensiv unter der Anleitung von Serkong Rinpoche. Ich übersetzte für ihn, half ihm bei seinem Schriftverkehr, stand ihm auf seinen Reisen zur Seite, und während der ganzen Zeit hat er nur zweimal „danke“ zu mir gesagt. Auch dieses Verhalten war sehr hilfreich für mich, denn, wie er zu sagen pflegte, was erwartete ich denn? Dass er mir den Kopf tätscheln und ich dann wie ein Hund mit dem Schwanz wedeln würde? Die Motivation zu übersetzen muss darin bestehen, anderen zu nutzen, nicht, mit einem „Dankeschön“ belohnt zu werden. Natürlich war meine buddhistische Meditation und Praxis unerlässlich dafür, dass ich diesen Prozess traditioneller Schulung durchlaufen konnte, ohne wütend zu werden oder gar aufzugeben.

Eine Brücke zwischen den Kulturen bauen helfen

1983 verstarb Serkong Rinpoche. Danach erhielt ich Einladungen, rund um die Welt zu reisen und Lehrvorträge zu halten, denn an vielen der betreffenden Orte war ich bereits als Rinpoches Übersetzer gewesen. Zu der Zeit übersetzte ich schon manchmal für den Dalai Lama. Aber beim Übersetzen geht es nicht nur um Worte, sondern auch darum, die damit verbundene Begriffsvorstellung zu erklären und zu übermitteln. Bei den ersten Treffen Seiner Heiligkeit mit westlichen Psychologen, Naturwissenschaftlern und leitenden Vertretern anderer Religionen bestand meine Aufgabe im Grunde darin, deren Vorstellungen zu erklären, nicht ihre Worte (weil es die meisten dieser Worte im Tibetischen gar nicht gab), und auf diese Weise kulturelle Überbrückungen herzustellen. Und genau das war es, was mich immer am meisten interessiert hatte, schon seit frühester Jugend, nämlich, wie such in Hinsicht auf die buddhistischen Lehren eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen herstellen lässt. Um solch eine Brücke zu schaffen, muss man beide Kulturen wirklich gut kennen, man muss wissen, wie die Menschen denken und wie ihr Leben aussieht. Und ich hatte das große und seltene Privileg, sehr lange mit Tibetern zusammenleben zu können und dadurch tiefe Vertrautheit mit ihrer Denkweise, mit ihrer Lebensweise usw. zu gewinnen. Das erwies sich als absolut wesentlich für die Übermittlung buddhistischer Inhalte.

Ich leitete etliche internationale Projekte für Seine Heiligkeit den Dalai Lama in die Wege und wurde gebeten, einige davon weiter zu betreuen. Eine der wichtigsten Aufgaben bestand darin, Seiner Heiligkeit und den Tibetern den Weg in die Welt zu ebnen. Sie hatten keine Pässe, nur Flüchtlingspapiere, und daher konnten sie kein Visum für andere Länder bekommen, außer wenn sie eingeladen wurden. Doch sie hatten nur zu wenigen Orten Kontakt. Nun erwies sich mein Doktortitel aus Harvard als nützlich, denn ich konnte nun überall auf der Welt eingeladen werden, um Gastvorträge an Universitäten zu halten. Auf diese Weise baute ich Kontakte auf, die später dazu führten, Tibeter und schließlich auch Seine Heiligkeit nach Übersee einzuladen, und zur Folge hatten, dass die Behörden in verschiedenen Ländern für Seine Heiligkeit aufgeschlossener wurden. 1985 begann ich, in all die früheren kommunistischen Länder zu reisen sowie in fast alle lateinamerikanischen Länder und viele Gebiete Afrikas. Dann weitete ich meine Reisen in den Mittleren Osten aus, um einen Dialog zwischen Buddhisten und Muslimen in die Wege zu leiten.

Während all dessen verwandte ich große Sorgfalt darauf, Berichte an Seine Heiligkeit zu senden, sodass er ein wenig über die Kultur und Geschichte eines jeden Landes, das ich besuchte, Bescheid wusste. Auch hier ermöglichte mir mein akademischer Hintergrund von Harvard, mich mit verschiedenen leitenden Persönlichkeiten der Religionen dieser Länder zu treffen und mehr über ihre Religion von ihnen zu erfahren, sodass Seine Heiligkeit, als er diese Länder besuchte, eine recht gute Vorstellung von ihren Glaubensvorstellungen hatte. All die buddhologische und wissenschaftliche Ausbildung, die ich durchlaufen hatte, half mir zu erkennen, worauf es ankam, es zu organisieren und auf eine Weise zu präsentieren, dass es von Nutzen war.

Ich war mit ungemein vielen Projekten befasst. Eines der interessantesten war ein Projekt, in dem tibetische Medizin eingesetzt wurde, um Opfern von Verstrahlungen in Tschernobyl zu helfen, und das vom sowjetischen Gesundheitsministerium organisiert worden war. Die tibetische Medizin erwies sich als äußerst wirksam, aber als die Sowjetunion auseinanderbrach, verweigerten Russland, Weißrussland und die Ukraine die Zusammenarbeit an dem Projekt und bestanden darauf, drei völlig getrennte Projekte auf die Beine zu stellen, was jedoch physisch und materiell nicht möglich war. Bedauerlicherweise bedeutete das das Ende des Projekts.

Ein weiteres spannendes Projekt bestand darin, die Übersetzung der Bücher von Bakula Rinpoche in das heutige Mongolisch sowie ihre Veröffentlichung zu organisieren, um zur Wiederbelebung des dortigen Buddhismus beizutragen. Bakula Rinpoche war zu jener Zeit der indische Botschafter in der Mongolei.

Rückkehr in den Westen

Insgesamt bin ich weltweit in über 70 Länder gereist und habe dort gelehrt. Die ganze Zeit über habe ich meine tägliche Meditationspraxis aufrechterhalten, und das war sehr hilfreich, um meine Aktivitäten fortzusetzen. Im Laufe der Zeit wurde ich an immer mehr Orte eingeladen um dort zu lehren und Vorträge zu halten. Die Vortragsreisen wurden immer länger; die längste dauerte 15 Monate – jede Woche zwei oder drei verschiedene Städte, immer unterwegs. Angesichts all dieser Reisen war es die buddhistische Meditationspraxis, die mir die Stabilität gab, all das zu bewältigen, insbesondere da ich stets allein reiste.

Im Laufe der Jahre habe ich mehrere Bücher geschrieben, und ich kam dabei an einen Punkt, an dem ich merkte, dass es nicht gerade einfach war, von meinem Wohnsitz in Indien aus mit meinem Verleger, Snow Lion, gedeihlich zusammenzuarbeiten. Außerdem wollte ich meine Arbeit mehr in Richtung Internet ausdehnen, und auch das war in Indien schwierig. Deshalb zog ich 1998 von Indien in den Westen. Nachdem ich ein Jahr lang verschiedene Orte, an die ich eingeladen worden war, in Erwägung gezogen hatte, entschloss ich mich, mich in Deutschland in Berlin niederzulassen. Deutsch konnte ich schon, das war also kein Problem, und dort ließ man mir am meisten Unabhängigkeit. Das war mir sehr wichtig; ich wollte nicht an irgendeine Organisation gebunden sein. Berlin ist außerdem geographisch günstig gelegen, um weiterhin gut in die osteuropäischen Länder, nach Russland und in die früheren Sowjet-Staaten reisen zu können, wo ich schon häufig gelehrt habe und denen ich mich besonders verbunden fühle.

Ich kam mit mehr als 30.000 Seiten unveröffentlichter Manuskripte zurück in den Westen – etlichen noch nicht vollständig fertiggestellte Büchern, Lektüre-Aufzeichnungen dafür, Übersetzungen von Texten, die ich studiert hatte, Transkripte einiger meiner eigenen Vorträge und der Vorträge meiner Lehrer, die ich übersetzt hatte. Überdies gab es bergeweise Notizen, die ich von Unterweisungen Seiner Heiligkeit, seiner drei hauptsächlichen Lehrer und von Geshe Dhargye gemacht hatte. Es lag mir sehr daran, dass all das nicht im Abfall landen würde, wenn ich sterben würde.

Das Berzin-Archiv

Ich hatte das ungeheure und ziemlich einzigartige Privileg, sehr lange Zeit bei den höchsten Lamas der letzten Generation zu studieren. Was ich gelernt und aufgezeichnet hatte, war zu kostbar und sollte der Welt wirklich zugänglich gemacht werden. Bücher sind schön anzusehen und es ist schön, sie in der Hand zu halten, aber wenn man nicht gerade Bestseller schreibt – und keines meiner Bücher war einer -, erreichen sie keinen großen Leserkreis. Die Herstellung von Büchern ist kostspielig; man muss sie zu einem relativ hohen Preis kaufen; es dauert enorm lange, sie herzustellen, und man kann sie bis zur nächsten Ausgabe nicht mehr korrigieren. Ich habe zwar eine große Vorliebe für das Studium der Geschichte, aber auch für Aussichten auf die Zukunft, und das Medium der Zukunft ist das Internet - im Grunde auch schon das der Gegenwart. Mit diesen Überlegungen entschloss ich mich, meine gesamte Arbeit auf eine Webseite zu stellen, und so entstand im November 2001 die Webseite berzinarchives.com.

Der wesentliche Grundsatz, dem ich immer treu geblieben bin, ist, dass alles auf der Webseite kostenlos zur Verfügung steht, ohne dass für irgendetwas geworben oder etwas verkauft wird. Die Materialien der Webseite umfassen die verschiedenen Aspekte des gesamten tibetischen Buddhismus und beziehen alle vier tibetischen Traditionen mit ein, doch die meisten davon stammen aus der Gelug-Tradition. Zudem gibt es eine Menge vergleichender Materialien, Informationen über tibetische Medizin, Astronomie, die Geschichte des Buddhismus, asiatische Geschichte und Vieles über die Beziehung zwischen Buddhismus und Islam. Ich bin auch ein starker Befürworter des Unterfangens, Inhalte in möglichst viele andere Sprachen übersetzen zu lassen.

Ich finde die Arbeit am muslimischen Teil der Webseite enorm wichtig, und Seine Heiligkeit der Dalai Lama ermutigt mich sehr stark dazu. Durch meine Reisen in die islamische Welt und die Vorträge an den dortigen Universitäten ist mir klar geworden, dass die Menschen dort sehr wissenshungrig sind und sehr daran interessiert, mehr über die Welt zu erfahren. Es ist von entscheidender Bedeutung für die Eintracht auf der Welt, sie nicht auszuschließen, sondern auch ihnen die Lehren aus Tibet zugänglich zu machen, ohne auch nur im Geringsten zu versuchen, sie zum Buddhismus zu bekehren.

Nachwort

Im Jahr 2015 war die Webseite des Berzin-Archivs in 21 Sprachen verfügbar und wurde von etwa zwei Millionen Besuchern im Jahr genutzt. Dies war das Ergebnis harter Arbeit von über 100 bezahlten Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern. In den letzten Jahren hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama immer wieder die Notwendigkeit betont, einen Buddhismus des 21. Jahrhunderts hervorzubringen. Davon angeregt habe ich mich entschlossen, etliche Vertreter der jungen Generation einzustellen, um mir zu helfen, die Webseite auf eine Weise neu zu gestalten, dass sie künftig eine größere Leserschaft anspricht. So entstand die Idee zu der Website studybuddhism.com.

Die neue Webseite ist vollkommen bedarfsorientiert gestaltet und wird sowohl auf Computerbildschirmen als auch auf den handlicheren kleinen Geräten gut dargestellt. Beruhend auf der Analyse von Nutzerverhalten haben wir eine Website geschaffen, die den Bedürfnissen der Nutzer entspricht. Wir haben auch unsere Präsenz in den sozialen Medien erheblich erweitert, und reichhaltiges Audio- und Video-Material hinzugefügt. Das Ziel besteht darin, eine Art Drehscheibe für Menschen zu schaffen, die am tibetischen Buddhismus interessiert sind, indem wir verständliches, leicht verdauliches Material anbieten, angefangen von Informationen für Anfänger bis hin zu fortgeschrittenen Ebenen. Wir möchten eine Gemeinschaft von Nutzern schaffen, die gemeinsam lernen können, und eine offene Plattform für die besten Lehren, die man finden kann, zur Verfügung stellen.

Zurzeit beginnen wir mit einer kleinen Anzahl von Sprachen und einem begrenzten Umfang der früheren Inhalte. Viele Artikel wurden neu hinzugefügt, die sich insbesondere auch an Anfänger wenden. Die alte Website wird über die neue Website weiterhin verfügbar sein, bis wir alle Materialien von dort vollständig in die aktualisierte Fassung übertragen haben.

Abschließende Zusammenfassung

Das war also eine kleine Skizze meines Werdegangs. Die ganze Zeit über habe ich eine intensive buddhistische Praxis beibehalten. In den meisten dieser Jahre habe ich zum Beispiel jeden Tag zwei Stunden meditiert. Ich habe auch viele lange Meditationsklausuren gemacht. Mittlerweile habe ich meine Meditationszeit verkürzt, aber ich meditiere immer noch mindestens eine halbe Stunde täglich. Und der starken Betonung, die in den Lehren auf Mitgefühl, richtige Motivation, Überwindung von Egoismus usw. gelegt wird, entsprechen auch die wesentlichen Aspekte, die ich immer wieder hervorhebe. Mithilfe der Inspiration durch meine Lehrer, angefangen mit Geshe Wangyal, der mich zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama führte, und von da aus weiter bis hin zu den Lehrern Seiner Heiligkeit, konnte ich ein sinnvolles Leben führen, von dem ich hoffe, dass es auch für andere von Nutzen und förderlich ist, und in dem ich buddhistische Praxis und Buddhologie miteinander verbunden habe, um sowohl die erfahrungsbezogenen als auch die objektiven Aspekte des Buddhismus mit einzubeziehen. Vielleicht kann meine Geschichte einige von Ihnen dazu anregen, das auch zu tun.