Die Vollkommenheit der Großzügigkeit: Danaparamita

Als Kind hat man uns oft aufgefordert, unser Spielzeug oder Süßigkeiten mit anderen zu teilen, aber selbst für Erwachsene ist Großzügigkeit nicht etwas, das immer natürlich aufkommt oder leichtfällt. Häufig haben wir das Gefühl, dass nicht genug für uns übrig bleibt, wenn wir hergeben, was uns kostbar ist. Buddha lehrte jedoch, dass Großzügigkeit eine unfassbar wirksame Übung ist, die nicht nur anderen von unmittelbarem Nutzen ist, sondern uns große Freude und Befriedigung bringen kann. In diesem Artikel befassen wir uns mit Großzügigkeit als der ersten von sechs weitreichenden Geisteshaltungen bzw. Vollkommenheiten.

Einführung

Die sechs weitreichenden Geisteshaltungen - oft die „sechs Vollkommenheiten“ oder „sechs Paramitas“ genannt – sind Geisteszustände, die uns befähigen, uns weiterzuentwickeln und anderen auf bestmögliche Weise zu helfen. Diese Geisteshaltungen wirken erheblichen Hindernissen, die Fortschritten im Wege stehen, z.B. Trägheit oder Ärger, direkt entgegen; insofern sind sie für jeden von Nutzen. Wir nennen sie „weitreichend“, denn im buddhistischen Kontext heißt es: Wenn wir sie vollständig entwickeln, ermöglichen sie uns, die andere Seite des Ozeans der Beschränkungen und Probleme zu erreichen. Wenn wir von Entsagung – der Entschlossenheit, von allem Leiden frei zu sein – motiviert sind, führen sie zur Befreiung. Motiviert von Bodhichitta – dem Wunsch, ein Buddha zu werden, um allen von größtmöglichem Nutzen zu sein – bringen sie uns zur vollen Erleuchtung.

Die sechs weitreichenden Geisteshaltungen sind:

  • Großzügigkeit
  • ethische Selbstdisziplin
  • Geduld
  • Ausdauer
  • geistige Stabilität (Konzentration)
  • unterscheidendes Gewahrsein (Weisheit).

Wir üben uns in allen sechs, sowohl in der Meditation als auch in unseren täglichen Aktivitäten. Es ist wie beim Aufbau von Muskeln: Je mehr wir diese Geisteszustände in allem, was wir tun, trainieren, umso stärker werden sie. Allmählich werden sie so in unser Leben integriert, dass sie zu einem natürlichen Teil dessen werden, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.

Großzügigkeit

Großzügigkeit ist eine Geisteshaltung, mit der wir bereit sind zu geben, was andere benötigen. Das heißt nicht unbedingt, dass wir absolut alles weggeben und selbst bettelarm werden, so als wäre Armut von sich aus eine Tugend, wie es in vielen Religionen vertreten wird. Hier bedeutet Großzügigkeit, dass wir ungehindert bereit sind, ohne zu zögern etwas zu geben, wenn es angemessen ist – und das erfordert den Einsatz unseres Unterscheidungsvermögens. Wir geben jemandem, der darauf aus ist zu töten, kein Gewehr, indem wir etwa denken: „Ich bin ja so großzügig! Hier haben Sie Geld für ihr Gewehr!“ Ein anderes Beispiel für unangemessene Großzügigkeit wäre, jemandem Geld zu geben, damit er sich Drogen besorgen kann.

Großzügigkeit zu üben bedeutet nicht, dass wir dafür reich sein müssen. Selbst wenn wir ganz arm sind und nichts anzubieten haben, können wir dennoch die Bereitschaft zum Geben haben. Wie sollten arme Menschen sonst Großzügigkeit entwickeln können? Wenn wir einen schönen Sonnenuntergang sehen, können wir z.B. großzügig sein, indem wir wünschen, dass jeder diesen Anblick genießen könne. Dasselbe können wir mit schönen Landschaften, gutem Wetter, köstlichem Essen usw. tun. Das alles zählt zur Großzügigkeit! Wir können nicht nur mit Dingen großzügig sein, die wir besitzen, sondern auch mit allem, was niemandem gehört. In der Meditation können wir uns vorstellen, anderen alle möglichen wundervollen Sachen zukommen zu lassen; aber wenn wir etwas besitzen, das für jemanden hilfreich sein kann und das er braucht, stellen wir uns nicht nur vor, es ihm zu geben. Wir geben es ihm tatsächlich.

Großzügigkeit ist das Gegenteil von Geiz, nämlich mangelnder Bereitschaft etwas mit jemandem zu teilen oder herzugeben. Geiz geht normalerweise mit dem Gefühl einher, dass nichts für uns selbst übrig bleiben wird, wenn wir anderen etwas geben.

Wenn ich alles für mich behalte, was bleibt dann, um es anderen zu geben? – Tibetisches Sprichwort

Wir sollten jedoch achtgeben, in unserer Übung nicht fanatisch zu werden. Auch wenn wir daran arbeiten, anderen zu helfen, ist es unerlässlich, dass wir selbst essen und schlafen. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir uns auch um uns selbst kümmern. Im Zusammenhang mit Großzügigkeit geht es also eher darum, mit anderen zu teilen, was wir haben. Überaus fortgeschrittene Bodhisattvas sind imstande, ihr Leben zu geben, um anderen zu helfen, aber auf unserer Stufe ist das unrealistisch. Wir können und sollen noch nicht so viel weggeben, dass wir selbst verhungern. Wir sollten aber willens sein, unseren Körper einzusetzen, um anderen zu helfen, z.B. indem wir helfen, schwierige oder mühsame Aufgaben zu erledigen oder auch körperliche Arbeit zu tun. Wir brauchen keine Angst zu haben, uns die Hände schmutzig zu machen!

Zur Großzügigkeit gehört auch, unsere so genannten „Wurzeln der Tugend“ mit anderen zu teilen, nämlich die förderlichen Potenziale jeglicher positiven Kraft, die wir entwickelt haben. Ich kann Ihnen ein Beispiel aus meinem eigenen Leben geben: Als Resultat von positivem Potenzial, das durch konstruktive Handlungen in früheren Leben aufgebaut wurde, war es mir möglich, einigen der größten buddhistischen Meister in Indien zu begegnen und bei ihnen zu studieren, an Orte überall auf der Welt eingeladen zu werden und mit vielen erstaunlichen Menschen in Verbindung zu treten. Das hat noch mehr positives Potenzial aufgebaut, und es ist Teil meiner Praxis, diese „Wurzeln der Tugend“ mit anderen zu teilen und nicht bloß für mich selbst zu behalten, was daraus reifen kann. Wenn es angebracht ist, setze ich meine Verbindungen ein und stelle andere Menschen diesen Meistern und weiteren erfahrenen, hilfreichen Menschen vor, die ich überall auf der Welt kenne. Ich versuche, mit anderen zu teilen, was ich in durch Universitätsausbildung und in den Jahrzehnten des Studiums und Meditation in Indien gelernt habe. Das ist es, worum es beim Teilen unserer Wurzeln der Tugend geht: anderen Türen zu öffnen.

Allgemein spricht man von vier Arten von Großzügigkeit:

  1. Materielle Unterstützung geben
  2. Lehren und Rat geben
  3. Schutz vor Befürchtungen gewähren
  4. Liebe geben.

Großzügigkeit, indem man materielle Unterstützung gibt

Die Großzügigkeit, die darin besteht, materielle Unterstützung zu geben, bezieht sich auf unsere Besitztümer, Nahrung, Kleidung, Geld und alles andere, das wir vielleicht besitzen. Dazu gehört ein Gespür dafür, wann es angebracht ist, etwas zu geben, und eine respektvolle Art zu geben, nicht etwa so, wie man einem Hund einen Knochen hinwirft. Wir müssen nicht reich sein und viel besitzen, um uns darin zu üben, materielle Unterstützung zu geben, denn wir können auch etwas geben, das wir nicht besitzen. Das soll natürlich nicht heißen, dass wir uns wie ein moderner Robin Hood auf den Weg machen und stehlen sollen! Vielmehr geht es um öffentliche Angelegenheiten, etwa die Umgebung aufräumen und sauber halten, sodass andere Menschen sich darin wohlfühlen können. Das ist ein wundervolles Geschenk, das wir anderen machen können. Wir können auch eine glückliche Erfahrung oder ein Erlebnis teilen, etwa, indem wir denken: „Mögen alle dieses schöne Wetter genießen können“ oder Ähnliches.

Wir sollten dabei nicht nur an physische Gegenstände denken. Wir können unseren Körper einsetzen, indem wir jemandem unsere Zeit oder Arbeit zur Verfügung stellen, ihm unser Interesse und unsere Energie schenken oder ihm Ermutigung geben usw. All das sind Arten, auf geschickte Weise großzügig mit materiellen Dingen zu sein.

Unangemessen ist es natürlich, jemandem Gift, Waffen oder sonst irgendetwas zu geben, das er verwenden könnte, um sich oder anderen zu schaden.

Großzügigkeit, indem man Lehren und Rat gibt

Im buddhistischen Kontext geht es bei dieser Art von Großzügigkeit darum, Dharma - buddhistische Lehren – zugänglich zu machen, aber wir können das auch auf andere Bereiche übertragen, die nicht unbedingt mit Buddhismus zu tun haben müssen. Diese Art von Großzügigkeit besteht nicht nur darin, zu lehren, zu übersetzen, zu transkribieren, Texte zu veröffentlichen, Zentren zu schaffen, die Bildung vermitteln, oder in solchen Institutionen zu arbeiten, sondern dazu gehört auch, Menschen ihre Fragen zu beantworten, ihnen Ratschläge zu geben und Informationen zukommen zu lassen usw., wenn wir dazu in der Lage sind.

In der Sakya-Tradition ist auch vom „Darbringen von Samadhi (Konzentration)“ die Rede – damit ist gemeint, anderen bestimmte Aspekte unserer Dharma-Praxis zukommen zu lassen. Wir stellen anderen alles, was wir durch Lesen und Studieren gelernt haben, zur Verfügung und verwenden es, um ihnen zu nutzen. Dasselbe gilt für all unser Wissen, unsere Überzeugungen, Disziplin, Erkenntnisse und die Konzentration, die wir erlangt haben, sowie Erklärungen der Lehren. Das alles zählt zur Kategorie der Großzügigkeit des Gebens von Dharma, und das können wir natürlich auch darauf ausweiten, dass wir alles Nützliche, das wir wissen, mit anderen teilen.

Großzügigkeit, indem man Schutz vor Befürchtungen gewährt

Diese Art von Großzügigkeit besteht darin, dass man anderen hilft, wenn sie sich in einem schlimmen Zustand befinden. Sie beinhaltet auch, Tiere zu retten, die geschlachtet werden sollen, und solchen, die in engen Käfigen eingesperrt sind, Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Ertrinkende Fliegen aus dem Wasser zu retten, Menschen und Tiere vor extremer Hitze und Kälte zu schützen – all das ist Schutz gewähren. Wenn sich ein Käfer in unsere Wohnung verirrt hat, werfen wir ihn nicht einfach aus dem Fenster und rechtfertigen das damit, dass es ihm schon nicht schaden wird, wenn er fünf Stockwerke tiefer aufschlägt. Großzügigkeit im Gewähren von Schutz wäre, ihn vorsichtig hinauszubringen. Und niemals würden wir ihn die Toilette hinunterspülen und ihm einfach viel Glück auf dem Weg wünschen!

Wir können hier auch einschließen, andere, z.B. Kinder, zu trösten, wenn sie Angst haben, oder ein gejagtes Tier zu beschützen und zu beruhigen. Wenn z.B. eine Katze eine Maus quält, versuchen wir, die Maus zu schützen, indem wir sie fortbringen.

Im Tantra hat die Großzügigkeit des Gewährens von Schutz noch eine weitere Bedeutung, nämlich dass wir anderen unseren Gleichmut – d.h. eine ausgewogene Einstellung – zukommen lassen. Das bedeutet, dass andere absolut nichts von uns zu befürchten haben, weil wir uns weder voller Anhaftung an sie klammern noch sie aus Ärger oder Feindseligkeit zurückstoßen noch sie aufgrund von Naivität ignorieren werden. Wir sind für jeden gleichermaßen aufgeschlossen; auch das ist ein wertvolles Geschenk, das man jemandem zukommen lassen kann.

Großzügigkeit, in dem man Liebe gibt

Im Tantra ist auch von einer vierten Art Großzügigkeit die Rede, die „das Geben von Liebe“ genannt wird. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun losgehen und jeden umarmen, sondern es bezieht sich auf den tief empfundenen Wunsch, dass jeder glücklich sein möge. Das ist die buddhistische Definition von Liebe – der Wunsch, dass jemand glücklich sein und die Ursachen dafür haben möge.

Wie man etwas auf richtige Weise gibt

Bei der Übung einer jeden weitreichenden Geisteshaltung versuchen wir, auch jede der anderen fünf mit einzubeziehen. Bei der Übung von Großzügigkeit heißt das:

  • In Verbindung mit ethischer Disziplin befreien wir uns von allen verkehrten und unangemessenen Motiven.
  • In Verbindung mit Geduld macht es uns nichts aus, etwaige dabei auftretende Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen.
  • In Verbindung mit Ausdauer macht es uns Freude, etwas zu geben, ohne dass wir es aus Pflichtgefühl täten oder weil wir meinen, jemandem etwas schuldig zu sein.
  • In Verbindung mit geistiger Stabilität ist unsere Konzentration darauf gerichtet, die positive Kraft zu widmen, die durch das Geben entstanden ist.
  • In Verbindung mit unterscheidendem Gewahrsein erkennen wir, dass der Gebende (wir selbst), der Empfangende und das Objekt, das gegeben wird, nicht allein von sich aus existent sind. Sie sind voneinander abhängig. Es gibt keinen Gebenden ohne jemanden, der etwas empfängt.

Großzügigkeit und unangemessene Motivation

Es gibt eine Vielzahl von Situationen, die davon gekennzeichnet sind, dass wir etwas auf unangemessene Weise geben, und diese gilt es zu verhindern. Es kann sein, dass wir etwas geben in der Hoffnung, andere zu beeindrucken, oder dass wir meinen, wir seien besonders fromm und bewundernswert, wenn wir etwas geben. Häufig kommt es auch vor, dass man etwas gibt und erwartet, dafür etwas zurückzuerhalten, und sei es nur ein Dankeschön. Doch wenn wir etwas geben, ist es unangebracht, etwas im Gegenzug dafür zu erwarten, nicht einmal Dank, geschweige denn großen Erfolg im Hinblick darauf, dass es die Situation von jemandem tatsächlich wesentlich verbessert. Das hängt hauptsächlich von seinem Karma ab. Wir können Hilfe anbieten, aber nicht erwarten, dass sie Erfolg zeigt oder Dankbarkeit zur Folge hat.

Ich kann mich erinnern, dass einmal in der Regenzeit in Dharamsala eine Maus in einer Abzugsrinne am Ertrinken war. Ich holte sie heraus und legte sie auf den Boden, damit sie trocknen konnte, und während sie da lag, stieß ein Raubvogel herab und schnappte sie sich. Alles hängt vom Karma des jeweiligen Individuums ab, auch wenn wir jemandem zu helfen versuchen. Wir können jemandem alle Möglichkeiten und allen Beistand zur Verfügung stellen, die zum Erfolg führen könnten, und trotzdem kann er oder sie scheitern.

Im Übrigen, falls sich ein gutes Resultat einstellt, sollten wir uns gegenüber der anderen Person nicht damit brüsten oder sie daran erinnern, was wir alles für sie getan haben. Es ist nicht der Sinn der Sache, andere klein zu machen oder herabzusetzen, wenn wir ihnen helfen, und darauf herumzureiten, was für einen großen Gefallen wir ihnen getan haben. Im Grunde tun sie uns einen Gefallen, indem sie unsere Gabe annehmen und uns die Möglichkeit geben, positives Potenzial aufzubauen, das uns zur Erleuchtung bringen wird und uns in die Lage versetzt, anderen so viel wie möglich zu helfen.

Großzügigkeit und angemessene Motivation

Beim Üben von Großzügigkeit geht es darum, dass die alleinige Absicht darauf gerichtet ist, dem Empfänger zu nützen, und zwar sowohl in vorläufiger als auch in letztendlich Hinsicht. Es geht nicht an, dass wir nur die abstrakte Vorstellung haben - „Sicher, ich will allen Lebewesen helfen“ -, es uns aber nicht der Mühe wert ist, beim Abwasch zu helfen!

Natürlich kann Großzügigkeit in beiden Richtungen stattfinden. Wenn andere uns helfen und großzügig sein möchten, brauchen wir nicht stolz zu sein und Einladungen oder Geschenke abzulehnen. Dazu neigen viele Menschen, wenn jemand versucht, etwas für sie zu bezahlen, und sei es nur ein Abendessen. Wenn wir uns so verhalten, nehmen wir ihnen die Gelegenheit, positives Potenzial aufzubauen. Es gehört sogar zu den Bodhisattva-Gelübden, dass man Einladungen und Hilfsangebote von anderen annehmen soll, es sei denn, es würde ihnen schaden.

Als ich einmal mit Serkong Rinpoche in Italien unterwegs war, kam jemand und stellte ihm einige Fragen. Als er fortging, legte er einen Umschlag mit einer Spende auf einen kleinen Tisch an der Tür. Serkong Rinpoche hob das mir gegenüber hervor und sagte: „Das ist die richtige Art zu geben. Nicht so wie die Leute, die hereinkommen und eine große Schau daraus machen, etwas dem Lama persönlich zu geben, damit der Lama auch weiß, von wem das kommt und sie hochschätzt und einen guten Eindruck von ihnen bekommt.“ Es ist immer besser, etwas still und anonym zu geben, ohne eine große Sache daraus zu machen. Etwas auf solche angenehme und respektvolle Weise zu geben, ist die beste Art zu geben.

Lassen Sie andere nicht auf etwas warten, was Sie ihnen angeboten haben, und vermeiden Sie, Hilfe anzubieten, sie aber dann zu verschieben. Auch dafür gilt Ähnliches wie beim Erweisen von Ehrerbietungen. Serkong Rinpoche war einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und zahlreiche Menschen suchten ihn auf. Er bemerkte mir gegenüber, dass er es rücksichtslos und etwas lächerlich fand, wenn die Menschen warteten, bis sie direkt vor ihm standen, um dann ausgiebige Niederwerfungen zu machen. Er sagte: „Das vergeudet nur meine Zeit. Ich brauche ihnen nicht dabei zuzusehen, wie sie sich niederwerfen. Sie machen diese Niederwerfungen nicht zu meinem Nutzen. Besser wäre es, sie würden sie machen, bevor sie hereinkommen, und mir dann direkt sagen, was sie sagen wollen.“ Unter Tibetern besteht der Brauch, Lamas „Katas“ – festliche Schals – zu übergeben, aber man sollte das nicht tun, um sie zu beeindrucken. Auch Niederwerfungen macht man in erster Linie zum eigenen Nutzen, nicht zum Nutzen des Lehrers.

Etwas persönlich geben

Was immer wir geben möchten, wichtig ist, dass wir es selbst, persönlich, geben. Atisha hatte einen Assistenten, der für ihn alle Darbringungen übernehmen wollte, z.B. die Wasserschalen füllen wollte usw. Atisha sagte: „Es ist wichtig, dass ich das selbst mache. Willst du vielleicht auch noch an meiner Stelle essen?“ Wann immer es möglich ist, sollten wir solche Darbringungen selbst machen.

Wenn wir uns entschlossen haben, etwas zu geben, ist es nicht ratsam, unsere Meinung zu ändern oder es später zu bereuen oder zurückzunehmen. Und nachdem wir etwas weggegeben haben, sollten wir nicht darauf bestehen, dass es so verwendet wird, wie wir es uns vorstellen. Das gilt insbesondere, wenn wir jemandem Geld gegeben haben und darauf beharren, wofür es verwendet wird. Das ist so ähnlich, als würden wir jemandem ein Bild schenken und uns dann verletzt fühlen, wenn wir ihn besuchen und es nicht an der Wand hängt. Sobald wir etwas weggegeben haben, ist es nicht mehr unseres.

In Dharamsala gab es ein Kloster, in dem es keine hochwertige Nahrung gab und es den Mönchen deshalb nicht besonders gut ging. Wir Westler sammelten etwas Geld und gaben es ihnen, damit sie sich besseres Essen kaufen konnten. Sie benutzten es aber, um Ziegel zu kaufen und den Bau eines größeren, besseren Tempels fortzusetzen. Viele der Westler waren darüber sehr verärgert und machten eine große Szene, weil die Mönche das Geld nicht zum Kauf von Lebensmitteln verwendet hatten. Die Lösung war: Wenn wir wollten, dass sie besseres Essen bekommen, mussten wir ihnen eben tatsächlich Lebensmittel kaufen. Dann mussten sie sie essen! Wir mussten also ein bisschen schlauer vorgehen. Außerdem mussten wir ihnen etwas kaufen, was sie gerne aßen, und für die meisten Tibeter ist das Fleisch, auch wenn einige der Westler das nicht guthießen. Aber ihnen Tofu oder irgendetwas anderes zu kaufen, dass sie dann sowieso nicht essen würden, war auch nicht von Nutzen.

Obwohl ich Serkong Rinpoche fast jeden Tag sah, brachte ich ihm immer eine Kleinigkeit mit. Nach einer Weile schimpfte er mit mir und sagte: „Warum bringst du mir all diese Katas und Räucherstäbchen? Ich brauche den Krempel nicht!“ Er nannte das einfach „Krempel“! „Was soll ich mit 1000 Katas?“, fragte er. „Wenn du mir wirklich unbedingt etwas mitbringen willst, dann bring mir etwas, das ich mag und gebrauchen kann.“ Ich wusste, dass er gern Bananen aß, also brachte ich ihm das nächste Mal eine Banane. Wenn wir anderen etwas geben möchten, ist es gut, das mit Bedacht zu tun und ihnen etwas zu geben, was sie mögen. Glauben Sie mir, die Lamas haben genug Räucherstäbchen!

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, etwas von guter Qualität zu schenken, nicht bloß Zeug, das uns selbst nicht gefällt oder das wir nicht gebrauchen können. Es gibt allerdings Menschen, die nie etwas annehmen wollen – in dem Fall können wir sagen: „Das hat mir jemand geschenkt und ich werde es nie benutzen. Bitte nimm du es. Ich möchte es nicht wegwerfen.“ Doch es gibt auch Dinge, bei keine angemessenen Gaben sind, z.B. ein Hamburger als Geschenk für einen Vegetarier. Wenn jemand eine bestimmte Diät einhält, richten wir uns danach. Wir bringen nicht jemandem, der gerade eine strenge Diät macht, Kuchen mit!

Geben von Dharma

Im Hinblick auf das Geben von Dharma gilt: Wenn jemand mit uns aus einer Motivation von Ärger, Anhaftung, Stolz oder bloß müßiger Neugier heraus debattieren will, sollten wir uns nicht darauf einlassen oder ihnen buddhistische Texte aushändigen. Wir lehren und diskutieren über Dharma einzig und allein mit Menschen, die dafür empfänglich sind. Wenn jemand nicht dafür empfänglich ist, ist es unangemessen, ihm Lehren zukommen zu lassen oder mit ihm zu diskutieren. Das ist Zeitverschwendung und trägt nur zu seinem negativen Geisteszustand und seiner Feindseligkeit bei. Wir lehren diejenigen, die aufgeschlossen sind und etwas lernen wollen.

Wenn wir lehren, berücksichtigen wir dabei die Verständnisebene der anderen Person. Wir schütten nicht das ganzen Meer unseres Wissens über ihnen aus, um zu zeigen wie klug wir sind. Wir erteilen auch keine allzu fortgeschrittenen Lehren, außer vielleicht zu dem Zweck, jemandem einen kleinen Eindruck davon zu verschaffen. Manchmal kann eine fortgeschrittene Lehre Menschen inspirieren, sich anzustrengen zu versuchen, sie zu verstehen. Auch kann es hilfreich sein, jemanden mit sehr anspruchsvollen Lehren zu konfrontieren, wenn er ziemlich arrogant ist. Seine Heiligkeit der Lama hält manchmal sehr komplizierte Vorträge vor Universitätsprofessoren usw., um ihnen einen Eindruck davon zu geben, wie differenziert und intellektuell ausgefeilt buddhistische Lehren sind. Das trägt dazu bei, die Vorstellung auszuräumen, dass Buddhismus simpel oder rückständig sei.

Als Serkong Rinpoche einmal in einem westlichen Dharma-Zentrum zu Besuch war, hatte man ihn gebeten, das Kapitel über Leerheit (Leere) aus Shantidevas Text in nur zwei Tagen zu unterrichten. Das ist eine absolute Anmaßung! Für diesen Teil des Textes braucht man normalerweise etwa ein Jahr, wenn man ihn gründlich durchgehen möchte. Rinpoche begann die ersten Worte des Kapitels auf höchst fortgeschrittene und anspruchsvolle Weise zu unterrichten, um in Bezug auf jedes Wort zu zeigen, wie kompliziert die Zusammenhänge sind. Niemand verstand so recht, worum es da ging, und das zeigte wiederum, wie arrogant es war anzunehmen, so etwas könne an einem zweitägigen Kurs gelehrt oder verstanden werden. Dann schraubte er den Vortrag auf die Ebene der Zuhörer hinunter und erklärte die allgemeine Bedeutung eines kleinen Abschnitts aus diesem Text.

Wenn Seine Heiligkeit der Dalai Lama Vorträge vor einer großen Zuhörermenge hält, lehrt er für jede Ebene der Anwesenden etwas. Den Großteil der Zeit über lehrt er auf sehr fortgeschrittener Ebene und richtet sich damit an die anwesenden gelehrten Lamas, Geshes und Khenpos, sodass diese es dann auf jeweils passende Weise ihren Schülern erklären können. Bei solchen Gelegenheiten beschränkt man sich mit dem Lehren nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, denn darum können sich andere kümmern. Man lehrt auf der höchsten Ebene, sodass die Lehren dann sozusagen in angemessenen Portionen nach unten weitergegeben werden können.

Zu guter Letzt ist es wichtig, nur denjenigen etwas zu geben, die es brauchen können. Wenn jemand etwas nicht braucht und nur aus Gier oder Anhaftung haben will – wie Kinder, die dauernd Schokolade wollen –, ist es nicht angebracht zu geben. Wir müssen unser unterscheidendes Gewahrsein benutzen, um festzustellen, was, wann und wem etwas zu geben angemessen oder nicht angemessen ist. Trungpa Rinpoche hat den schönen Ausdruck „idiotisches Mitgefühl“ geprägt; wir helfen nicht jedem bei allem, was er will, denn das könnte ziemlich dumm sein! Unsere Großzügigkeit muss im Einklang mit unserer Weisheit stehen.

Zusammenfassung

Um Großzügigkeit zu üben, ist es nicht nötig, reich zu sein und eine Menge Besitz zu haben. Ganz gleich, wo wir sind und was wir gerade tun, können wir beginnen, einen großzügigen Geisteszustand zu entwickeln, indem wir innerlich teilen, was wir genießen – die frische Luft, die wir atmen, die fantastischen Sonnenuntergänge, die wir betrachten, die köstlichen Mahlzeiten, die wir essen. Zu wünschen, dass andere ebenfalls in den Genuss all dessen kommen mögen, was wir genießen, ist die Grundlage für den nächsten Schritt, mit dem wir dann anderen tatsächlich geben, was sie brauchen.

Wenn es uns möglich ist, ist es eine feine Sache, materielle Unterstützung zu geben, aber wir können auch mit unserer Zeit und Energie großzügig sein. Wenn wir freudig und mit einer reinen Motivation etwas geben, wird Großzügigkeit zu einer starken Kraft, die unser eigenes Glück und Wohlergehen sowie das anderer Menschen gewährleistet.







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