Verdienst: Muss man sich Glück verdienen?

Die buddhistische Vorstellung von „Verdienst“ ist eng mit den Lehren über Karma verknüpft. Die Bedeutung von Verdienst bezieht sich auf das konstruktive Verhalten und dessen konstruktive Hinterlassenschaft, die sich in unserem Geisteskontinuum dadurch aufbaut. Es handelt sich um ein positives Potenzial, welches dazu heranreifen wird, dass wir uns später in verschiedenen Lebenslagen glücklich fühlen. Dieses Glück ist nicht etwas, das wir uns als Belohnung dafür verdient haben, dass wir gut waren, und niemand kann es uns geben. Glück folgt naturgemäß als Resultat davon, dass man auf konstruktive Weise ohne Ärger, Anhaftung, Gier oder Naivität handelt, spricht und denkt.
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Das buddhistische Verständnis von Verdienst

Im Buddhismus ist oft die Rede davon, wie wichtig es ist, Verdienst (engl. „merit“) anzusammeln. Die Übersetzung dieses Begriffes ist allerdings ziemlich verwirrend. Im Englischen hat es eine bestimmte Bedeutung, während die deutsche Übersetzung, „Verdienst“, einen etwas anderen Beiklang hat. Und die Bedeutung des ursprünglichen Sanskrit-Wortes, „Punya“, und dessen tibetischer Entsprechung, „Sönam“ unterscheidet sich von beiden. Deshalb besteht in Bezug darauf allerlei Verwirrung, denn wenn wir den Begriff hören, verbinden wir damit die Bedeutung, die er in unserer eigenen Sprache hat.

Ich möchte heute Abend nicht einfach unterrichten und Informationen weitergeben. Das kann sowohl für Sie als auch für mich recht ermüdend sein. Stattdessen möchte ich dieses Wochenende eher so gestalten, dass wir uns an Fragestellungen orientieren und gemeinsam darüber nachdenken, welche Themen in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Lassen Sie mich zuerst ein paar Begriffsdefinitionen anführen.

Gemäß dem Oxford Dictionary bedeutet das englische Wort „merit“ als Substantiv, „die Qualität, besonders gut oder etwas wert zu sein, insbesondere im Hinblick darauf, dass auf diese Weise Lob oder eine Belohnung verdient wird.“ Als Verb, „to merit“, bedeutet es „etwas wert sein oder verdienen, insbesondere Belohnung, Strafe oder Aufmerksamkeit“, wie z.B. in der Aussage: „Ihre harte Arbeit an dem Projekt verdient prämiert zu werden.“ In alltäglicheren Zusammenhängen scheint das Wort „merit“ nahezulegen, dass man quasi Punkte sammelt, wenn man etwas Gutes tut. Und wenn man genügend Punkte erzielt hat – sagen wir 100 Punkte – gewinnt man eine Art Medaille. Dies ist eine recht kindliche Vorstellung, etwa so wie die Rangabzeichen bei den Pfadfindern. Und das ist gewiss nicht das, was im Buddhismus unter dem Begriff „Punya“ verstanden wird. Das deutsche Wort „Verdienst“ und dessen Verbform, „verdienen“ schaffen noch mehr Verwirrung, weil sie im Zusammenhang mit dem Einkommen verwendet werden, das jemandem gezahlt wird.

Ich ziehe es vor, das damit verbundene Verständnis aus dem Sanskrit bzw. dem Tibetischen als „positive Potenziale“ oder „positive Kraft“ zu übersetzen, da es sich um etwas handelt, das als Resultat von konstruktivem Handeln entsteht und dann zu Glück heranreift. Natürlich werden wir diese Bedeutung noch etwas eingehender untersuchen, denn es gibt drei Fachbegriffe, die in diesem Zusammenhang spezielle Bedeutung haben.

  • Was bedeutet „konstruktiv handeln“?
  • Was verstehen wir unter „Glück“?
  • Was beinhaltet jener Prozess des „Reifens“?
  • Welche Verbindung besteht zwischen konstruktivem Handeln und glücklich sein? Es kann zum Beispiel sein, dass ich versuche, etwas Gutes zu tun, aber das Ergebnis davon ist, dass ich nicht sehr glücklich bin - was geht da vor sich?

Ich denke, zuerst einmal müssen wir die Vorstellung untersuchen, die wir mit dem Wort „Verdienst“ verbinden. Was bedeutet sie im Zusammenhang mit Glück? Bedeutet sie, dass wir uns Glück erwerben müssen bzw. Glück „verdienen“? „Verdienen“ bedeutet, dass man eine Arbeit tut und dafür bezahlt wird; somit hat man etwas verdient. Ist es so, dass wir auf ähnliche Weise daran arbeiten, gut zu sein, und dadurch unser Glück verdienen – ist es das, was damit gemeint ist? Oder heißt es, dass wir es sowieso verdienen, glücklich zu sein? „ Ich habe ein Anrecht darauf, glücklich zu sein. Ich habe dafür bezahlt und nun steht es mir zu, ein gutes Erzeugnis zu bekommen. Wenn nicht, bin ich betrogen worden.“ Das sind ernst zu nehmende Fragen bezüglich der Übersetzungsbegriffe, da das betreffende Wort offenbar die Bedeutung beinhalten kann, dass man sich quasi Punkte verdient und damit eine Art Wettkampf gewinnt. Lassen Sie uns einen Blick auf einige grundlegende Fragen werfen. Ich bitte Sie, darüber nachzudenken, und dann können wir darüber reden.

Haben wir ein Recht darauf, glücklich zu sein?

Hat jeder ein Anrecht darauf, im Leben einen gerechten Anteil zu erhalten, wie es z. B. die sozialistische Wertevorstellung besagt: Jedem steht eine Arbeit, ein gutes Zuhause, Nahrung usw. zu? Haben wir einfach aufgrund unserer Buddha-Natur ein Anrecht darauf oder müssen wir uns das verdienen? Müssen wir etwas dafür tun, um es zu bekommen? Was meinen Sie? Haben wir das Anrecht darauf, glücklich zu sein? Stehen uns eine gute Behausung und das Recht auf Glück zu? Haben wir Anspruch auf Glück? In psychologischer Hinsicht haben manche Menschen das Gefühl, sie hätten kein Recht, glücklich zu sein, und erlauben es sich nicht, glücklich zu sein. Weshalb?

[Pause zum Nachdenken]

Man könnte sagen, dass wir alle das Recht dazu haben, glücklich zu sein, eine Wohnstätte zu haben usw., aber bei dieser Ausdrucksweise stoßen wir wiederum auf die Assoziation, die das deutsche Wort „verdienen“ nahelegt. Es vermittelt den Eindruck, dass jemand uns dieses Recht zugestanden hat. Hat uns jemand das Recht, glücklich zu sein, gegeben, oder haben wir dieses Recht naturgemäß? Warum haben wir ein Recht auf ein glückliches Leben und warum haben wir das Recht auf ein gutes Zuhause? Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Rechten?

[Pause zum Nachdenken]

Das führt uns zu der Frage, ob wir für unser Handeln verantwortlich sind. In den früheren kommunistischen Gesellschaften Osteuropas und der Sowjetunion hatte zum Beispiel jeder das Recht auf Bezahlung, ungeachtet dessen, ob er gute Arbeit leistete oder nicht. Folglich arbeitete man auch nicht unbedingt gut, weil es niemanden kümmerte. Ist es das, worum es auch in unserem Zusammenhang geht? Dass es jedem zusteht, bezahlt zu werden und ein schönes Zuhause zu haben, ob er nun arbeitet oder nicht? Wenn es uns zusteht, glücklich zu sein, dann müssen wir nichts dafür tun. Das würde bedeuten, dass auch ein Mörder ein Recht darauf hat, glücklich zu sein. Jemand, der raubt und stiehlt, hätte das Recht dazu, denn er möchte ja nur glücklich sein. Hat er wirklich das Recht dazu?

[Pause zum Nachdenken]

Man mag einwenden, dass sich die Aussagen „das Recht glücklich zu sein“ oder „das Recht auf ein schönes Leben“ anhören, als hätte uns jemand dieses Recht eingeräumt, und das scheint nicht zu stimmen. Vielleicht ist es stimmiger zu sagen, dass jeder die Möglichkeit, die Chance, die Gelegenheit hat, glücklich zu sein, aber das würde immer noch bedeuten, dass wir etwas dafür tun müssen, um auch in den Genuss dieses Glücks zu kommen. Der englische Ausdruck „entitled“, „berechtigt“, passt hier sehr gut. Es ist weniger ein Recht. Ich habe es im Wörterbuch nachgeschlagen, und der Begriff „Recht“ im Deutschen impliziert, dass es einem von jemandem verschafft wurde. Der englische Ausdruck „entitled“ beinhaltet dies nicht. Er kann beispielsweise auch in Bezug auf die Umwelt verwendet werden. Die Berechtigung, respektiert und gut behandelt zu werden, gilt auch für die Umwelt. Steht es also jedem zu, im Leben auf seine Kosten zu kommen? Ist jeder berechtigt, glücklich zu sein?

[Pause zum Nachdenken]

Eine unserer Eigenschaften besteht darin, dass wir von Natur aus darauf programmiert sind, glücklich zu sein... Stellen Sie sich beispielsweise ein Baby im Kosovo vor. Hat das Baby im Kosovo einen Anspruch auf ein friedliches Zuhause und darauf, dass es in einer friedvollen Umgebung aufwachsen kann, einfach weil es ein Baby ist?

Warum sind wir dazu berechtigt? Wenn wir annehmen, dass eine äußere Macht uns dieses Recht verschafft, zum Beispiel Gott oder die Gesetze, die von dieser Gesellschaft beschlossen wurden, dann gibt es Komplikationen. Kann uns dieses Recht genommen werden? Wenn wir einfach von Natur aus dazu berechtigt sind, was folgt daraus? Ist ein Kriegsverbrecher auch noch dazu berechtigt, glücklich zu sein? Wie steht es mit der Umwelt?

[Pause zum Nachdenken]

Man sagt, dass alle Lebensformen berechtigt sind, glücklich zu sein und gut behandelt zu werden. Meine Frage: Was ist mit unbelebten Dingen wie etwa der Luft oder dem Ozean? Hat der Ozean ein Anrecht darauf, sauber gehalten zu werden? Hat die Luft ein Recht darauf, sauber gehalten zu werden? Woher stammt eine solche Berechtigung?

[Pause zum Nachdenken]

Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus ist Glück das Ergebnis unserer positiven Potenziale

Im Buddhismus wird dazu Folgendes gesagt: Wir alle haben als Bestandteil unserer Buddha-Natur ein gewisses positives Potenzial. Der klassische Ausdruck dafür ist, dass wir als Teil unserer Buddha-Natur eine „Ansammlung von Verdienst“ haben. Auch hier kommt mir die Terminologie seltsam vor. „Ansammlung“ ist meines Erachtens nicht das richtige Wort dafür. Ich bevorzuge den Ausdruck „Netzwerk“. Wir haben ein Netzwerk positiver Potenziale. Jeder hat irgendeine Art von Netzwerk bestimmter Potenziale.

Das ist sehr vielschichtig. Überlegen wir einmal: Man hat das Potenzial, etwas lernen zu können, eine Familie zu gründen und andere zu lieben. Wir haben alle möglichen Arten von positiven Potenzialen, Potenziale, Gutes zu tun. Jemand von Ihnen sagte vorhin, dass wir alle die Möglichkeit haben, glücklich zu sein. Darum geht es hier: Wir haben Möglichkeiten, Potenziale dafür. Da es wechselseitig miteinander verbundene Potenziale für so viele verschiedene Dinge gibt, bilden sie ein Netzwerk. Als Ergebnis dieses Netzwerks positiver Potenziale könnten wir glücklich sein. Ich habe das Potenzial, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, andere Menschen lieben zu können, eine Familie zu gründen usw., und daher habe ich das Potenzial, glücklich zu sein. Jeder hat solch ein grundlegendes Netzwerk. Aufgrund dessen können wir sagen, dass wir dazu berechtigt sind, dass wir unser Glück verdient haben. Aber die Vorstellung, die mit diesen Worten verbunden ist, passt eigentlich nicht zu der buddhistischen Vorstellung, nicht wahr?

Nehmen wir an, Sie wollen in den Urlaub fahren. Haben Ihre Pflanzen ein Recht darauf, gegossen zu werden, und hat Ihre Katze ein Recht darauf, gefüttert zu werden? Gibt es dazwischen einen Unterschied? Hat unser Haus ein Recht darauf, sauber gehalten zu werden?

Was ist mit den Wünschen der Katze?

Sehr gut. Nun kommen wir der buddhistischen Vorstellung näher, dass Glück etwas ist, das den Willen dazu erfordert. Man muss glücklich sein wollen, um glücklich werden zu können. Wenn man dem Buddhismus näherkommen möchte, ist es wichtig, über all das nachzudenken.

Verdient man Glück?

Wenn wir glücklich sein möchten, ist es dann ausreichend, einfach den Willen dazu zu haben, damit es dazu kommt, oder müssen wir etwas tun, um dieses Glück zu verdienen? Wenn wir es durch unser Verhalten verdienen müssen, kommt es dann auf das Ergebnis unseres Tuns an oder auf unsere Motivation? Nehmen wir an, ich habe Freunde zum Abendessen eingeladen. Ich wollte ihnen ein köstliches Essen zubereiten und sie damit erfreuen, aber das Essen ist angebrannt und es wurde ein Desaster. Ich hatte eine wunderbare Motivation, aber ich habe das Essen vermasselt und es schmeckte scheußlich, meinem Freund wurde schlecht oder er verschluckte sich an einem Knochen. Was ist hier von größerer Bedeutung: die Motivation oder das Ergebnis unserer Handlung?

[Pause zum Nachdenken]

Die Motivation allein genügt nicht. Wir müssen etwas tun. Und auch die Motivation mag nicht immer vorhanden sein … Angenommen, wir haben nicht die Absicht, jemandem eine Freude zu machen oder ihn zu treffen, sondern wir es passiert einfach zufällig, dass wir ihn treffen und das macht ihn glücklich. Ich glaube, es geht um eine Kombination aus beidem. Das Beispiel, das ich immer gerne anführe, ist folgendes: Ein Dieb stiehlt Ihr Auto, und Sie freuen sich, weil Sie nun die Versicherungssumme kassieren können. Es war ein furchtbares Auto und Sie haben es nicht gemocht.

Lassen Sie uns noch einen weiteren Gedanken untersuchen. Wir haben die Vorstellung, dass Verdienst im Buddhismus etwas ist, das man sich erarbeiten muss: wir müssen uns unser Glück verdienen. Nehmen wir an, wir haben das ganze Jahr über hart gearbeitet. Haben wir einen Urlaub verdient, haben wir eine Gehaltserhöhung verdient? Haben wir es verdient, bessere Arbeitsbedingungen zu bekommen? Ich schätze, im Sinne des Wortes „verdienen“ würden Sie sagen: „Ja, das haben wir verdient.“ Aber es kann sein, dass wir in Urlaub fahren und trotzdem nicht glücklich sind. Haben wir also das Glück verdient? Das Glücklichsein haben wir offensichtlich durch all das nicht verdient. Was verdienen wir dann?

[Pause zum Nachdenken]

Wie sieht es bei Eltern aus? Haben Eltern automatisch ein Anrecht darauf, von ihren Kindern respektiert zu werden, einfach weil sie sie in die Welt gesetzt haben, oder müssen sie sich diesen Respekt verdienen, indem sie gute Eltern sind? Ist es berechtigt, dass Eltern überhaupt erwarten, dass ihre Kindern ihnen Respekt erweisen? Ist das eine berechtigte Erwartung? Ist das die Art und Weise, wie Karma funktioniert? Zwei Menschen waren gute Eltern, und haben den Respekt ihrer Kinder verdient und dann bekommen sie ihn nicht? Haben Eltern das Recht zu verlangen, dass ihre Kinder Respekt vor ihnen haben? Das sind wichtige Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt, nicht nur, wenn wir selbst Kinder haben, sondern in Hinsicht darauf, ob wir unseren Eltern etwas schulden. Verdienen sie unseren Respekt?

[Pause zum Nachdenken]

Lassen Sie uns noch zwei weitere Gesichtspunkte des Wortes „berechtigt“ in Betracht ziehen. Denke wir an die Menschen im Kosovo, die verwundet wurden. Was haben sie verdient? Haben sie Mitgefühl verdient? Haben sie es verdient, in unserem Land aufgenommen und versorgt zu werden? Was taten sie, um das zu verdienen? Haben sie ein Anrecht darauf glücklich zu sein? Haben sie das Recht auf Vergeltung? Was ist mit den serbischen Soldaten, die so viele Menschen im Kosovo getötet haben? Verdienen sie unser Mitgefühl und Vergebung? Was haben sie getan, um es sich zu verdienen? Haben sie es verdient, bestraft oder getötet zu werden? Jetzt wird die Problematik erkennbar, die mit dem Wort „verdienen“ verbunden ist.

[Pause zum Nachdenken]

Der Punkt, den ich hier verdeutlichen möchte, ist, dass die ganze Vorstellung von „Verdienen“, nämlich etwas zu erarbeiten bzw. einen Anspruch auf etwas zu haben, und infolgedessen unser westliches Verständnis davon, sich sehr vom buddhistischen Verständnis des Karmas unterscheidet. Und um dieses buddhistische Verständnis geht es hier: um positives Potenzial. Das ist etwas ganz anderes.

Karma ist nicht dasselbe wie Gerechtigkeit oder ein Rechtssystem

Wenn wir unser westliches Verständnis von Rechten, vom Erwerben von etwas oder Verdienen von etwas untersuchen, stellt sich heraus, dass dahinter eine grundlegende, kulturell bedingte Vorstellung steht, die wir hier im Westen haben. Diese Vorstellung besagt, dass das Universum gerecht ist, dass es irgendeine Art von Gerechtigkeit im Universum gibt und dass es gerecht zugehen sollte. Diese Vorstellung ist sehr stark: „Es soll gerecht zugehen.“ Warum sollte das der Fall sein? „Weil das Universum gerecht ist.“ Das ist eine sehr westliche Vorstellung.

Wir können das auf verschiedene Weise betrachten. Unter gewissen Gesichtspunkten ist es angemessen, dass Menschen aus dem Kosovo in unserem Land aufgenommen werden. Unter anderen Gesichtspunkten könnte man sagen: „Es ist angemessen, das sie Vergeltung bekommen, und es ist gerecht, wenn wir Serbien bombardieren“. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet ist es angemessen, wenn wir den serbischen Soldaten vergeben. Doch andererseits mag es genauso angemessen sein, sie einzusperren. Wir haben also eine Vorstellung von Gerechtigkeit und es gibt eine Rechtsprechung. Das ist nicht auf den Westen beschränkt. Das gibt es auch im Denken der Chinesen. Im tibetischen Gedankengut gibt es das aber nicht.

In unserer westlichen, an der biblischen Perspektive orientierten Sichtweise gründet die Vorstellung von Gerechtigkeit oder Gesetz in Gott. Gott ist gerecht. Gott ist fair. Auch wenn es so aussieht, als wäre es nicht gerecht, dass mir Gott z. B. mein Kind genommen hat, werden wir dazu angehalten zu glauben, dass Gott in seiner Weisheit gerecht war. Ein in diesem Sinne religiöser Mensch muss also darauf vertrauen, dass Gott weiß, was er tut, wenn er jemandem sein Kind nimmt. Für die Menschen im Westen, die nicht religiös sind, nimmt die ganze Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit eher eine politische Prägung an. Deren Ursprung stammt eigentlich von den Griechen und besagt, dass zumindest die Gesellschaft gerecht sein sollte. Also versuchen wir durch ein Rechtssystem usw. eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Eine Gesellschaft wird gerecht durch Politik, Gesetze usw. Im Grunde genommen wird eine Gesellschaft nicht durch Gott gerecht, sondern durch die Menschen – die Gesetzgeber. Wir gestalten sie auf gerechte Weise, weil wir sie wählen. Interessanterweise übersetzen die Chinesen das Wort „Dharma“ (Skt.) als „Gesetz“. Allerdings sind entsprechend der traditionellen chinesischen Denkweise Gesetze ein Teil der natürlichen Ordnung des Universums. Sie sind weder von Gott noch von den Menschen gemacht.

Ob wir das nun auf persönliche Weise betrachten, wie es im Westen der Fall ist, oder auf unpersönliche Art wie innerhalb der chinesischen Kultur, es geht doch immer um Gehorsam. Gehorche den Gesetzen und die Dinge werden sich zum Guten wenden und du wirst glücklich sein. Wenn du den Gesetzen nicht gehorchst, wirst du auch nicht glücklich. Wenn wir uns den indischen und die tibetischen Traditionen des Buddhismus – jedoch nicht dem chinesischen Buddhismus – zuwenden, tendieren wir dazu, unsere westliche Auffassung mit einzubringen und das schafft Verwirrung, weil wir für „Punya“ das Wort „merit“ bzw. „Verdienst“ verwenden. Beide implizieren etwas, das man verdient hat. Das Universum sollte also gerecht sein. Wenn ich mich auf eine konstruktive Weise verhalte, sollte das Universum fair sein und ich sollte glücklich sein. Es sollte Gerechtigkeit geben. Wir sagen zwar: „Ich weiß, dass mir das nicht von Gott gegeben wurde oder so etwas“ - aber achten Sie einmal darauf, wie wir im Westen über Karma reden! Wir sprechen vom „Gesetz des Karma“. In dem ursprünglichen Ausdruck kommt das Wort „Gesetz“ nicht vor. Wir fügen es hinzu. Wir betrachten Karma als wäre es ein System von Gesetzen, das auf Gerechtigkeit basiert. Das hat nichts mit dem ursprünglichen Begriff zu tun. Also worum geht es eigentlich bei Karma?

Karma hat mit Resultaten konstruktiven bzw. destruktiven Verhaltens zu tun

Zuallererst: Bei Karma geht es darum, was Resultat konstruktiven Handelns und was Resultat destruktiven Handelns ist. Es geht um Ursache und Wirkung von Verhalten. Wir verwenden Ausdrücke wie z. B. „physikalische Gesetze“. Dabei geht es um physikalische Angelegenheiten: Dass Gegenstände physikalischen Gesetzen folgen, hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Selbst bei den Chinesen, nach deren Verständnis Gesetze einfach ein Teil des Universums sind, ist dennoch die Vorstellung von Gerechtigkeit noch vorhanden. Im indischen und tibetischen Buddhismus geht es jedoch um ein System, das einleuchtend ist, aber nicht auf Gerechtigkeit basiert. Es geht einfach um das, was ist.

„Konstruktiv“ bedeutet hier, sich auf eine Art und Weise zu verhalten, die, was die Motivation betrifft, frei von Anhaftung ist, wie sie z.B. in der Einstellung: „Ich möchte glücklich sein, und ich tue dies, um glücklich zu werden“ zum Ausdruck käme, und frei von Ärger, frei von Naivität usw. Wir haben die Motivation: „Ich möchte niemandem schaden“ oder Ähnliches im Sinn; die Absicht „Ich möchte anderen helfen“ könnte auch vorhanden sein. Aber dies ist nicht das wichtigste charakteristischste Merkmal dabei. Wenn man jemandem helfen möchte, ist das eine Zugabe, ein Bonus. Doch die grundlegende Motivation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie frei von Handeln aus Verlangen, Ärger oder Naivität ist. Denken Sie an die Mutter, die die Einstellung hat: „Ich werde meine Kinder gut behandeln, weil ich möchte, dass sie mich respektieren und lieben und sich um mich kümmern, wenn ich alt bin.“ In solch einem Fall mag sie versuchen, nett zu ihren Kindern zu sein, aber ihre Motivation ist Anhaftung. Aus dieser Geisteshaltung wird man wenig Glück gewinnen.

Wenn wir vom „Resultat konstruktiven Handelns“ reden, ist das genau genommen eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Die Motivation alleine ist nicht ausreichend dafür, wir brauchen eine Kombination aus Motivation, einer Handlung und deren unmittelbarem Ergebnis. Die Motivation mag positiv sein, aber wenn man z.B. eine gute Mahlzeit zubereitet und der Gast erstickt fast an einem Knochen oder bricht sich einen Zahn ab, ist das eine komplexes Geschehen. Allerdings spielt die Motivation schon die entscheidende Rolle.

Als Ergebnis von konstruktivem Handeln „sammeln wir Verdienst an“. Aber was bedeutet hier „ansammeln“ und was bedeutet „Verdienst“? Wir haben uns bereits damit befasst, was Verdienst bedeutet. Nun müssen wir untersuchen, was „ansammeln“, „anhäufen“ oder „aufbauen“ bedeutet.

Positives Potenzial, so genanntes „Verdienst“, ist das Potenzial, aus dem das Glück erwächst. „Ansammeln“ geht hier nicht so vor sich, als würden wir Punkte sammeln. Es ist auch nicht so, dass wir es aufbauen wie z. B. bei einer Beweisaufnahme in einem Prozess, sodass wir am Ende freigesprochen werden. So verhält es sich nicht. Eine hilfreichere Art, sich das vorzustellen, ist, dass wir dadurch das Netzwerk unserer positiven Potenziale verstärken. Da wir als Teil unserer Buddha-Natur über ein grundlegendes Netzwerk verfügen, verstärken wir es nun, damit es besser funktionieren kann. Ich betrachte es fast wie ein elektronisches System mit zahlreichen Leitungen usw., und man verstärkt es, sodass viel mehr Strom hindurchfließen kann.

Was bedeutet „zu Glück heranreifen“?

Der springende Punkt hier ist: Was ist damit gemeint, dass unsere konstruktiven Handlungen und das positive Potenzial, das daraus erwächst, zu Glück heranreifen? Es ist sehr wichtig, zu verstehen, was der Ausdruck „ heranreifen“ hier bedeutet.

Zunächst einmal: Hier geht es nicht darum, was andere aufgrund unseres Verhaltens erleben. Es geht darum, was wir aufgrund dessen erleben. Es kann sein, dass wir ein wunderbares Abendessen für unsere Freunde zubereiten, weil wir sie lieben und möchten, dass sie glücklich sind, und dann mögen sie das Essen nicht. Wir haben ihnen keine Freude bereitet. Unsere konstruktiven Handlungen führen also nicht notwendigerweise zu Glück für jemand anderen. Das ist auch nicht, was damit gemeint ist, wenn es heißt, dass konstruktive Handlungen zu Glück heranreifen.

Das Glück, von dem da die Rede ist, ist auch nicht etwas, das man notwendigerweise während der konstruktiven Handlung erlebt. Stellen Sie sich vor, Sie hätten gerne eine sexuelle Affäre mit jemandem, der oder die verheiratet ist, aber Sie nehmen davon Abstand, weil das Ehebruch wäre; Sie wissen, es wäre unangebracht. Es macht Sie sicher erst einmal nicht glücklich, sich zurückzuhalten. Davon reden wir hier nicht. Das Glück, um das es hier geht, ist nicht, was Sie erleben, während Sie sich konstruktiv verhalten.

Es handelt sich auch nicht um etwas, das Sie notwendigerweise gleich im Anschluss an die konstruktive Handlung empfinden. Ich habe etwas sehr Nettes für meinen Freund, der wegzieht, getan. Ich habe eine Abschiedsparty veranstaltet und viel dafür getan, um ihm eine Freude zu machen. Dann zog er in eine andere Stadt und ich weinte und fühlte mich tagelang niedergeschlagen. Doch es geht hier nicht darum, was man unmittelbar nach der konstruktiven Handlung fühlt. Das ist es nicht, was unter „heranreifen“ zu verstehen ist.

Wir haben ein geistiges Kontinuum. Es gibt eine Kontinuität unserer Erfahrung. Es ist nicht so, dass es etwas Beständiges gäbe, das weitergeht, aber es gibt eine Kontinuität unserer Erfahrung, die sich Augenblick für Augenblick fortsetzt, ein Strom von Erfahrungsmomenten, die unser Leben lang einer auf den anderen folgen und sich auch von einem Leben zum nächsten fortsetzen. In jedem Augenblick ist das gesamte Netzwerk unserer Potenziale vorhanden und kann beeinflussen, was im nächsten Moment passiert. Wir müssen auch im Sinn behalten, dass wir genauso wie ein Netzwerk positiver Potenziale auch ein Netzwerk negativer Potenziale haben. Aufgrund unserer Verwirrung hinsichtlich der Realität haben wir viele destruktive Verhaltensweisen. Wir haben also auch negative Potenziale: das negative Potenzial, sarkastisch zu sein, gemein zu sein, manchmal zu lügen und, noch stärker, negatives Potenzial dafür, unglücklich zu sein. Auch das alles ist wie ein Netzwerk von Potenzialen, die sich in vielerlei Kombinationen gegenseitig unterstützen.

Das Heranreifen ist ein nicht-linearer und chaotischer Prozess

Was das Heranreifen dieser Potenziale betrifft, kann man sagen, dass eine der Arten, wie sie reifen, unsere Vorlieben sind. „Ich bin gerne mit dieser Art von Menschen zusammen. Jene Art von Menschen mag ich nicht.“ Oder: „Ich bringe meine Gefühle gern stark zum Ausdruck.“ Die Kombination von all dem, was wir mögen und nicht mögen, nennen wir im Allgemeinen unsere „Persönlichkeit“. Auf der Grundlage von all dem ist das, was heranreift: unsere Persönlichkeit, unsere Vorlieben und Abneigungen. Und abhängig von den jeweiligen Umständen werden verschiedene Impulse auftreten. Ich gehe gern dunkle Straßen entlang. Der Impuls steigt auf; ich gehe durch dunkle Straßen – und das Resultat davon ist: Ich werde überfallen. Das ist eine Ebene dessen, was gemeint ist, wenn es heißt „Karma reift heran“.

Ein weiterer Aspekt des Heranreifens zeigt sich z.B. wenn wir sagen „Ich bin glücklich“, „Mir geht es gut“ oder „Mir geht es nicht gut“ – was eigentlich in jedweder Situation der Fall sein kann. Manche Menschen sind sehr wohlhabend, besitzen alle möglichen Dinge und sind trotzdem keineswegs glücklich. Andere besitzen kaum etwas und sind glücklich. Das rührt aus grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen her. Ich glaube, das können wir aus westlicher Perspektive leichter verstehen. „Mir gefällt es, ein einfaches Leben zu führen. Es macht mich glücklich.“ Oder „Ich mag ein geschäftiges, stimulierendes Leben. Das macht mich glücklich.“ So etwas hängt sehr stark mit unseren persönlichen Vorlieben zusammen, nicht wahr? „Ich bin gern mit dieser Art Menschen zusammen“, „Ich mag jene Art Menschen nicht.“ All diese Dinge zeigen, was es mit Glücklichsein auf sich hat. Allerdings sind wir nicht immer glücklich mit jemandem, den wir mögen. Worauf es hier ankommt, ist, zu verstehen, dass dieser ganze Vorgang des Heranreifens zu Glücklich- und Unglücklichsein, das ganze System von positiven und negativen Potenzialen kein lineares System ist.

Es ist nicht so, dass man, wenn man auf eine bestimmte Weise handelt, sogleich glücklich wird und stets dadurch glücklich werden wird und alles geradlinig verläuft. So funktioniert es nicht; es ist kein linearer Prozess. Es gleicht vielmehr dem, was man ein chaotisches Muster nennt. Es geht durcheinander. Manchmal sind wir in Gegenwart einer bestimmten Person nicht glücklich; manchmal sind wir mit genau derselben Person glücklich. Das läuft nicht geradlinig ab. In gewissem Sinne ist es chaotisch, aber das ist verständlich in Anbetracht der Komplexität dessen, was unser gesamtes Netzwerk positiver und negativer Potenziale ausmacht. Es ist sehr vielschichtig.

Zum Beispiel: Jemand ist verletzt. Denken wir an die Flüchtlinge aus dem Kosovo. Man könnte sagen, dass das Unglück, das sie erleben, ein Resultat negativen Potenzials ist. Das ist natürlich eine heikle Sache. Zunächst einmal: Warum sind sie dort geboren worden? Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Das ganze Konzept von positivem und negativem Potenzial ergibt nur im Zusammenhang damit einen Sinn, dass das Geisteskontinuum keinen Anfang hat und dass es Wiedergeburt gibt. Andernfalls ergibt es keinen Sinn. Man fragt sich, warum wurde dieses Baby im Kosovo getötet? Wenn man als Ursache nicht ein Potenzial dafür in seinem eigenen geistigen Kontinuum annimmt, dann muss Gott das entschieden haben. Oder es war einfach Pech, aber das ist keine sehr hilfreiche Antwort: „Tut mir leid, aber es war eben Pech, dass du als Kind im Kosovo geboren wurdest.“ Das ist keine sehr nette Reaktion. Man könnte auch sagen: „Es ist alles die Schuld der Serben.“ Aber trotzdem: Warum ich? Wir brauchen eine Antwort. Das ist keine einfache Lage. „Warum wurde mein Kind getötet?“

Im Buddhismus wird gesagt, dass es positive und negative Potenziale gibt, ohne dass dafür ein Anfang angegeben werden kann. Das ist eine andere Möglichkeit, die Frage zu beantworten, warum bestimmte Dinge passieren. Interessant ist: Wir reden hier darüber, ob diese Person Mitgefühl verdient hat und einen Flüchtlingsstatus in Deutschland erhalten soll oder ob diese Person ein Recht darauf hat, sich den Untergrund-Rebellen anzuschließen und Rache zu üben? Das Konzept des Karma bietet eine sehr interessante Antwort hinsichtlich der Vorstellung von negativen und positiven Potenzialen.

Offenbar war es ein Resultat von negativem Potenzial, dass diese Menschen ihre Heimat verloren haben und ihre Familienmitglieder getötet wurden. Aber wenn sie auch über viel positives Potenzial verfügen, dann werden sie automatisch Mitgefühl bekommen oder Asyl in Deutschland erhalten oder so etwas in der Art. Sie müssen es nicht einmal verlangen; und andererseits könnte es sein, dass sie es verlangen und nicht bekommen, wenn sie nicht das positive Potenzial dafür haben. Und selbst wenn sie ein gewisses positives Potenzial dafür haben, in Deutschland Flüchtlingsstatus zu erhalten, können andere negative Potenziale vorhanden sein, die bewirken, dass sie in Deutschland nicht glücklich werden.

Sie könnten auch noch viel mehr negatives Potenzial haben. Das negative Potenzial, das entsteht, wenn man jemanden tötet, könnte zu dem Resultat führen, dass man in eine Situation gerät, in der man selbst oder geliebte Menschen umkommen. Und wenn solches negative Potenzial dann immer noch vorhanden ist, dann wird es sich auf die Weise fortsetzen, dass man die Neigung hat, Rache zu üben. Der Impuls wird auftreten, aktiv zu werden und sich zu rächen, und so setzt sich das vorhandene negative Potenzial fort. Da dieser Prozess nicht linear verläuft, reift an einem Tag das eine heran und am nächsten Tag etwas anderes. Es gibt Kombinationen aus allen möglichen Potenzialen, denn während jemand Rache nimmt, kann es sein, dass er sehr glücklich ist, Vergeltung zu üben; es kann aber auch sein, dass er sehr wütend oder sehr bedrückt ist.

Das ist die allgemeine Vorstellung von positivem Potenzial im Buddhismus.

Verstärken und Aufbauen von positivem Potenzial

Wir versuchen so viel wie möglich, unser Netzwerk positiver Potenziale zu verstärken, ohne naiv zu sein und zu denken, dass alles, was wir dafür tun müssen, vielleicht 100 000 Niederwerfungen wären oder so etwas Ähnliches, und dass wir dann immer glücklich sein würden und nichts mehr schiefgehen kann. Es ist komplizierter und unsere Potenziale reifen auf chaotische Weise heran. Manchmal sind wir glücklich, und manchmal gibt es andere Potenziale, die uns unglücklich machen. Es mag sein, dass es mir im Allgemeinen gut geht, aber ich habe eine Vorliebe für fettige Pizza. Also gehe ich nach den 100 000 Niederwerfungen Pizza essen, weil ich die so mag und mir gerade danach ist. Allerdings bewahrt mich anschließend das positive Potenzial, das ich durch die Niederwerfungen aufgebaut habe, nicht davor, dass mir übel wird. Es ist wichtig, in dieser Hinsicht nicht naiv zu sein.

Der Leitgedanke, warum wir positives Potenzial aufbauen wollen, ist, förderliche Umstände dafür zu schaffen, dass man Einsichten bezüglich des Dharma erlangt. Als Resultat von positivem Potenzial werden wir dann dazu neigen, uns in entsprechende Situationen zu begeben. Als Resultat von positivem Potenzial möchte ich meditieren. Ich denke gern über tiefgreifende Themen des Dharma nach. Das ist das Resultat solcher Arten von Praxis. Und weil wir es gerne tun, kommt der Impuls, über die Leerheit zu meditieren, immer häufiger auf. Warum erinnern wir uns überhaupt an die Leerheit? Einfach deshalb, weil ein Impuls aufkommt und sie uns in den Sinn kommt. Als Resultat davon, dass solche Impulse aufkommen, und als Ergebnis der positiven Umstände hinsichtlich dessen, was wir mögen, werden wir zu immer tieferen Einsichten gelangen, die Unwissenheit und mangelndes Gewahrsein beseitigen. Und indem wir diese beseitigen, lösen wir die Ursache für unser Leiden auf. Dann sind wir wirklich glücklich. Aber all das verläuft auf chaotische, nicht-lineare Weise. Es ist nicht so, dass wir eine Einsicht erlangen und „Peng!“, die Glückseligkeit tritt ein und wir sind auf ewig glücklich. Der Prozess dauert sehr lange.

Das ist der Hauptgrund, weshalb wir positives Potenzial aufbauen wollen, und der wesentliche Zusammenhang, was es bedeutet, dies zu tun und wie es funktioniert. Ich glaube es ist sehr wichtig, von dem irreführenden Beiklang, den unsere westlichen Worte haben, wegzukommen – etwa, dass wir unser Glück verdienen usw., im Sinne von „Es steht uns zu, weil wir dafür bezahlt haben.“

Widmung

Lassen Sie uns mit einer Widmung schließen. Widmen passt sehr gut zu unserem Thema. Was tun wir bei unserer Widmung? Wir verleihen dem Gedanken Ausdruck: „Ich widme das positive Potenzial dafür, dass alle schnell zur Erleuchtung gelangen.“ Es hört sich an wie ein kindliches Gebet, das man in der Schule aufsagt. Für viele von uns sind es nur Worte. Aber was bedeuten sie tatsächlich?

Was wir damit aussagen, ist Folgendes: Möge jegliches Verständnis, dass wir heute Abend gewonnen haben, sich immer weiter vertiefen. Möge es sich in mein Netzwerk einfügen, sodass es die verschiedenen Aspekte meines Potenzials dafür stärkt, mit Verständnis und Mitgefühl zu handeln, geduldig und ausdauernd zu sein, wenn Schwierigkeiten auftreten oder ich andere Menschen leiden sehe, usw. Möge es die verschiedenen Aspekte des Netzwerkes stärken, sodass sie reifen und immer mehr Impulse in mir entstehen lassen, mit noch mehr Verständnis, noch mehr Mitgefühl usw. zu handeln. Mögen sie so reifen, dass ich es verstehen kann, wenn etwas passiert, und dass ich glücklich sein kann. Es wird mich nicht deprimieren, denn es wird zu Glück heranreifen. Darüber hinaus befähigt es mich, mich anderen gegenüber verständnisvoller und mitfühlender zu verhalten. Anstatt zu sagen: „Nun, das hast du verdient“, wenn jemand verletzt wird, widme ich das positive Potenzial dafür, dass es zu dem Verständnis reift, wie solche Dinge passieren - als Resultat positiver und negativer Potenziale.

Das bedeutet es, wenn wir sagen: „Ich füge das Verdienst, das ich heute Abend erlangt habe, meiner Ansammlung von Verdienst hinzu, sodass alle Lebewesen glücklich sein mögen.“ Und möge das Verstehen sich vertiefen, sodass es diese positiven Netzwerke, die wir haben, verstärkt. Möge es Glück bringen und so fort. Dies wird nicht geradlinig vonstatten gehen. Es wird auf eine nicht-lineare Weise geschehen. Wenn wir dies verstehen, werden wir nicht enttäuscht oder verbittert sein, wenn wir einmal nicht auf mitfühlende Weise reagieren, sobald uns etwas Missliches passiert. Der Prozess wird nicht gleichmäßig verlaufen. Aber mit der Zeit wird sich allmählich ein positiveres Muster herauskristallisieren. Auf diese Weise funktioniert es.

Mit der Widmung versuchen wir, die Erfahrung zu spüren und das Verständnis, das wir gewonnen haben, wirken zu lassen und in unser gesamtes inneres System zu integrieren. Und wir entwickeln den starken Wunsch, dass wir es wahrhaftig verarbeiten und in unser Leben integrieren können. Bitte konzentrieren Sie sich einige Minuten darauf.

Zusammenfassung

Um ein ethisches Leben in Übereinstimmung mit dem buddhistischen Lehren über Karma zu führen, ist es wichtig, korrekt zu verstehen, was der Sanskrit Begriff "punya" bedeutet. Sonst kann es passieren, dass wir unangemessene und irreführende Vorstellungen damit vermengen, die aus Assoziationen zu den üblichen Übersetzungsbegriffen dafür entspringen - etwa zu dem englischen Wort "merit" oder dem deutschen Wort "Verdienst". Anders als diese westlichen Wörter beinhalten die Originalbegriffe nicht, dass wir Glück erwerben oder verdienen als Belohnung dafür, dass wir gut sind. Wenn wir stattdessen den Ausdruck „positives Potenzial“ für diesen Begriff verwenden, können wir leichter erkennen, was damit gemeint ist: dass konstruktives Verhalten ein positives Potenzial dafür schafft, Glück zu erleben. Wenn wir das verstehen, umgehen wir es, nett zu anderen und ihnen gefällig sein zu wollen, um glücklich zu werden. Und wir vermeiden es, uns zu beklagen, wenn wir nicht als Belohnung für unser gutes Verhalten glücklich werden.