Unbeständigkeit als Mittel, um gesunde Beziehungen aufzubauen

Wenn wir zu jemandem in Beziehung treten, können wir unrealistische Erwartungen und Projektionen vermeiden, wenn wir all die verschiedenen Aspekte von Unbeständigkeit verstehen. Eine Beziehung kann am besten gelingen, wenn sie auf beiderseitigem Verständnis gründet, was möglich ist und was nicht - und zwar nicht nur auf intellektuellem, sondern auch auf gefühlsmäßigem Verständnis davon.

Der Buddhismus hat zum Thema Unbeständigkeit und wie das Verständnis davon hilft, gesunde Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, einiges zu bieten. Um uns diesem Thema anzunähern, müssen wir untersuchen, wie Phänomene im Buddhismus analysiert werden. Lassen Sie uns diese Untersuchung im Zusammenhang mit Beispielen darstellen, die relevant für unser Leben sind, nämlich im Zusammenhang mit Problemen, die wir vielleicht haben, und betrachten, wie sich diese Analyse darauf anwenden lässt.

Die buddhistische Untersuchung der Phänomene: Was existiert?

Was existiert? Im Buddhismus werden existierende Phänomene als etwas definiert, das gültig erkannt werden kann. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn es bedeutet: Wenn etwas existiert, kann es korrekt erkannt werden – wir können es entweder direkt oder indirekt erfahren oder durch korrekte Logik erschließen. Der Umkehrschluss dieser Definition ist, dass etwas, das nicht gültig erkannt werden kann, nicht existiert. Was hat das nun mit uns zu tun?

Lassen Sie uns als Beispiel eine enge persönliche Beziehung nehmen, eine Partnerschaft, da eine solche für die meisten von uns oftmals problematisch ist. Ein Beispiel für etwas nicht Existierendes ist der „Traumprinz“ (oder die Traumprinzessin), der (oder die) auf dem weißen Ross daherkommt“. Wir können natürlich die Worte zusammenfügen und daraus diesen Ausdruck bilden. Wir können einen Zeichentrickfilm machen, in dem der Traumprinz oder die –prinzessin vorkommt; und es gibt Märchen davon. Aber in Wirklichkeit gibt es diesen Traumprinzen nicht, denn wir können so etwas niemals finden; wir können ihn nie gültig wahrnehmen. Und umgekehrt gilt: Niemand hat je einen solchen Traumprinzen getroffen und niemand wird jemals einen treffen können, da es so etwas nicht gibt.

Und weshalb ist das so? Der „Traumprinz“ oder die „Traumprinzessin“ besteht aus einer Reihe von unmöglichen Vorstellungen und Erwartungen, die man auf eine Person projiziert. Wenn wir von einem Partner erwarten, dass er dieser „Traumprinz“ sein soll, ist das aussichtslos. Wir projizieren auf diese Person, dass sie unser „Traumprinz“ sein soll, und sind dann furchtbar enttäuscht, wenn er diesen Erwartungen nicht entspricht. Dann schauen wir uns nach einer anderen Person um, die dieser „Traumprinz“ sein möge.

Manche Sachen gibt es einfach nicht. Sie können niemals gültig erkannt werden, und dieses Beispiel nennt eines davon. Wenn noch nie jemand dem „Traumprinzen“ begegnet ist und es unlogisch ist, dass so etwas je existieren könnte, dann können wir daraus schließen, dass wir so eine Person nie treffen werden. Das ist eine ernüchternde Tatsache, aber eine, die es unweigerlich zu akzeptieren gilt.

Bestätigungen und Negierungen

Was existiert, kann gültig erkannt werden. Es kann in Form einer Bestätigung oder einer Negierung erkannt werden. Wir wissen zum Beispiel, dass hier auf dem Tisch ein Kassettenrekorder steht. Etwas ist vorhanden. Das ist eine affirmative Aussage. Wir wissen auch, dass hier im Raum kein Hund ist. Wir erkennen die Abwesenheit einer Sache und wissen, dass dieses Etwas nicht hier ist. Das ist eine negierende Aussage. Die Abwesenheit eines Hundes in diesem Raum ist gültig erkennbar. Die Abwesenheit von Dingen ist etwas, das existiert.

Ähnlich können wir z.B. wissen, dass wir eine Beziehung zu einer Person haben, etwa zu unserem Partner. Der Inhalt dieser Aussage ist ein so genanntes Bestätigungs-Phänomen. Wir können uns auch bewusst sein, dass diese Person nicht der „Traumprinz“ ist. Die Abwesenheit der Tatsache, dass dies der „Traumprinz“ ist, existiert ebenfalls. Das ist ein so genanntes Negations-Phänomen. Es gibt uns Anhaltspunkte dafür, wie wir mit ihr umgehen können. Wir wissen, was sie ist und was sie nicht ist – und beides ist wahr. Beides existiert. Beides kann gültig erkannt werden.

Damit eine Beziehung gesund sein kann, müssen wir wissen, was sie ist und was sie nicht ist. Ein Hund könnte hier sein, denn Hunde gibt es. Aber unser Partner als „Traumprinz“ könnte niemals hier sein, weil es so etwas nicht gibt. Wenn wir verstanden haben, dass unser Partner nie der perfekte „Traumprinz“ sein kann, der all unsere Wünsche erfüllt und uns das endgültige, ewig dauernde Lebensglück beschert – wenn wir wissen, dass diese Person ein menschliches Wesen ist, das schnarcht und auch Fehler hat, dann haben wir eine Grundlage für eine gesunde, realistische Beziehung.

Der Unterschied zwischen statischen und nicht-statischen Phänomenen

Im Bereich der Dinge, die existieren, können wir statische und nicht-statische Dingen unterscheiden. Diese Begriffe werden normalerweise mit „beständig“ und „ unbeständig“ übersetzt, aber so, wie diese Wörter in unserer Sprache verwendet werden, beziehen sie sich oft darauf, wie lange etwas existiert. Hier geht es jedoch nicht darum, wie lange etwas existiert, sondern ob sich eine Sache ändert, während sie existiert, unabhängig davon wie lange das sein mag. In diesem Sinne sind statische Phänomene „beständig“ und nicht-statische Phänomene sind „unbeständig“.

Statische Tatsachen

Zu den statischen Dingen – beständigen Phänomenen – gehören auch Tatsachen über etwas. Eine Tatsache ändert sich nicht. Eine Tatsache bleibt eine Tatsache; sie bleibt gültig. Das im Buddhismus am meisten diskutierte und wohl tiefgründigste Beispiel dafür ist die so genannte „Leerheit“.

„Leerheit“ ist ein sehr verwirrender Begriff. Es gibt eine Menge Missverständnisse in Bezug darauf. Im Grunde ist damit die Abwesenheit einer unrealistischen Art und Weise von Existenz gemeint. In unserem Beispiel wäre das die Abwesenheit der Tatsache, dass irgendjemand als „Traumprinz“ existiert.

An dieser Stelle müssen wir eine Unterscheidung vornehmen, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Tatsache, dass heute in diesem Raum um 21.00 Uhr kein Hund ist, ist eine statische Tatsache, die sich nicht ändern wird. Selbst wenn morgen ein Hund in diesen Raum gelaufen käme, würde das nichts an der Tatsache ändern, dass heute um 21.00 Uhr kein Hund da war. Es ist also möglich, dass sich irgendwann ein Hund in diesem Raum aufhält, aber es ist eine statische Tatsache, dass jetzt keiner da ist; diese Tatsache ändert sich nicht.

Wenn hingegen um die Abwesenheit von etwas geht, das es unmöglich geben kann, dann ist die Tatsache seiner Abwesenheit nicht nur jetzt wahr, sondern dessen Vorhandensein entsprach nie der Realität und könnte auch nie Realität werden. Die Abwesenheit eines Hundes in diesem Raum wie auch die Abwesenheit eines „Traumprinzen“ in diesem Raum sind also beides statische Phänomene, die sich nicht ändern können, aber es handelt um zwei unterschiedliche Arten von statischen Tatsachen. Die eine ist die Abwesenheit von etwas, das möglich wäre, und die andere die Abwesenheit von etwas Unmöglichem.

Darüber hinaus müssen wir noch eine weitere Unterscheidung treffen. Die Tatsache, dass der Hund keine Katze ist, ist nicht nur jetzt zutreffend; sie war nie zutreffend und wird es nie sein. Es ist auch nicht möglich, dass dieser Hund, obwohl er bei uns keine Katze ist, bei jemand anderem zu einer Katze würde. Das wäre absurd! Es ist möglich, dass ein anderes Tier eine Katze ist, denn es gibt ja Katzen. Aber was den „Traumprinzen“ betrifft, gilt das nicht – weil es so etwas nicht gibt. Und weil es so einen „Traumprinz“ nicht gibt, kann niemand je einer sein – weder jetzt, noch in der Vergangenheit oder Zukunft, weder für uns noch für jemand anderen.

Es ist also nicht so, dass jemand bei seinem früheren Partner der „Traumprinz“ war und bei uns nicht. Oder dass es jemand anderen geben könnte, der ein „Traumprinz“ sein wird. Es ist auch nicht so, dass mit uns etwas nicht stimmt und wenn wir das ändern, dann würde derjenige oder jemand anderes für uns der „Traumprinz“ werden. Das wird nie passieren. Aber so denken wir, nicht wahr? Es ist ganz unmöglich, dass jemand in der Vergangenheit, der Gegenwart noch in der Zukunft als „Traumprinz“ existiert. Das ist eine statische Tatsache, in Bezug auf etwas, das es überhaupt nicht gibt.

Wenn wir diese Punkte verstanden haben, dann können wir das vermeiden, was ich, in Anlehnung an den grammatischen Begriff, „Leben in einer Konjunktiv-Welt“ nenne: „Was wäre, wenn er oder sie dies oder jenes getan hätten? Was wäre, wenn er länger gelebt hätte? Was wäre, wenn sie nicht krank geworden wäre? Was wäre, wenn wir geheiratet hätten?“ Die „Konjunktiv-Welt“ besteht aus lauter solchen „was wäre, wenn“.

Eine der üblichen Fantasievorstellungen ist: Wenn der Partner länger gelebt hätte, dann wäre schließlich alles gut geworden. Wenn wir geheiratet hätten, wenn alles nur ein klein wenig anders gewesen wäre, hätte es vielleicht geklappt. Dann wäre er vielleicht der „Traumprinz“ oder sie die „Traumprinzessin“ gewesen. Weil es aber vollkommen unmöglich für eine Person ist, „Traumprinz“ oder „Traumprinzessin“ zu sein, und dies auch durch nichts geändert oder beeinflusst werden kann, gibt es auch nichts, was wir oder die andere Person hätten tun können, um das zu ändern. Dieses ganze Märchen ist unmöglich; so ist die Realität.

Tatsachen sind neutral, weder gut noch schlecht. Dass jemand kein „Traumprinz“ ist, ist einfach eine neutrale Tatsache. Und deshalb gibt es auch nichts, worüber man sich aufregen müsste. Ob wir diesen Umstand mögen oder nicht, ist eine andere Sache. Es ist jedoch etwas, das wir akzeptieren müssen. So ist es einfach. Es ist nichts Gutes oder Schlechtes daran.

Also: Tatsachen an sich können nichts bewirken, sie können keine Wirkung erzeugen. Allerdings kann das Wissen um eine Tatsache und ihre Akzeptanz etwas bewirken. Es kann uns beispielsweise helfen, Frust und Probleme in einer Beziehung zu vermeiden. Verwirrung und Leugnung von Tatsachen hingegen bewirken, dass wir uns Probleme schaffen. Ob wir eine Tatsache akzeptieren oder leugnen hat eine Wirkung auf uns. Die Tatsachen sind einfach Tatsachen. Es besteht kein Grund, sich darüber aufzuregen.

Solche metaphysisch-philosophischen Kategorien und ihre Schilderung mögen abschreckend erscheinen, wenn wir sie nur abstrakt und theoretisch studieren. Aber wenn wir sie tatsächlich auf unser eigenes Leben beziehen, ist leicht zu erkennen, wovon da eigentlich die Rede ist. Dann sind sie sehr hilfreich, um zu verstehen, was im Leben vorgeht und wie man damit umgehen kann. Diese Thematik muss keine graue Theorie sein, die keinen Bezug zu unserem Leben hat – in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall.

Nicht-statische Phänomene

Nicht-statische Phänomene sind etwas, das aus Ursachen und Umständen entsteht oder durch sie unterstützt wird. Sie verändern sich von Moment zu Moment und erzeugen Wirkungen. Es gibt vier verschiedene Arten von nicht-statischen Phänomenen und es kann sehr hilfreich sein, wenn man sie kennt und versteht:

  • Solche, die einen Anfang und ein Ende haben
  • Solche, die keinen Anfang und kein Ende haben
  • Solche, die keinen Anfang, aber ein Ende haben
  • Solche, die einen Anfang, aber kein Ende haben.

Was kann damit gemeint sein? Sehen wir uns für jedes einige Beispiele an. Da diese Unterscheidungen sehr hilfreich dafür sind, wie wir mit Beziehungen umgehen, betrachten wir sie in diesem Zusammenhang.

Ein Beispiel für etwas, das einen Anfang und ein Ende hat, ist eine Beziehung zu jemandem. Die jugendliche Schönheit von jemandem oder ein Ärgernis haben einen Anfang und ein Ende.

Ein Beispiel für etwas, das keinen Anfang und kein Ende hat und sich von Augenblick zu Augenblick verändert, ist das geistige Kontinuum eines Individuums. Stark vereinfacht heißt es, dass der Prozess fortgesetzter Wiedergeburten keinen Anfang und kein Ende hat, wenn er auf Verwirrung basiert.

Ein Beispiel für etwas, das keinen Anfang, aber ein Ende hat, ist die Unwissenheit oder Verwirrung, die mit unserem geistigen Kontinuum einhergeht. Unser anfangsloses geistiges Kontinuum war immer von Unwissenheit und Verwirrung begleitet. Diese Verwirrung endet jedoch, wenn wir befreit und erleuchtet sind.

Ein Beispiel für etwas, das einen Anfang, aber kein Ende hat, ist das Wirken unseres geistigen Kontinuums als allwissender Geist eines Buddhas. Ein einfacheres Beispiel wäre der Tod einer Person. Er hat einen Beginn, er wird andauern, und er hat Auswirkungen.

Sehen wir uns zuerst die Phänomene an, die einen Anfang und ein Ende haben, wie etwa Beziehungen. Und dabei lassen Sie uns nicht nur an Liebesbeziehungen, Ehen oder familiäre Bindungen denken, sondern auch an weitere Bereiche von Beziehungen, wie z.B. die zu Freunden, Klassenkameraden oder Arbeitskollegen. All diese Arten von Beziehungen unterliegen einer offensichtlichen und einer subtilen Unbeständigkeit - was zwei verschiedene Phänomene sind. Wenn wir uns im Buddhismus mit Unbeständigkeit befassen, beschäftigen wir uns normalerweise mit diesen beiden Aspekten. Doch diese sind nur ein kleiner Bestandteil der Erörterung von Unbeständigkeit. Ich möchte hier ein wesentlich umfassenderes Bild darstellen.

Offensichtliche Unbeständigkeit

Offensichtliche Unbeständigkeit zeigt sich im endgültigen Vergehen einer Sache. Eine Freundschaft mit jemandem zum Beispiel wird mit Sicherheit einmal ein Ende haben. Einer von uns könnte umziehen oder die Arbeitsstelle verlieren; wir könnten die Schule beenden oder unsere Interessen sich verändern; und schlussendlich wird einer vor dem anderen sterben, oder andere Lebensumstände werden zu einer Trennung führen. Das ist eine Tatsache.

Um auf die Definition eines unbeständigen Phänomens zurückzukommen: Eine Beziehung ist etwas, das durch Ursachen und Umstände entsteht und unterstützt wird. Das bedeutet, dass sie nur so lange hält, wie die Ursachen und Umstände, die sie unterstützen, zusammentreffen und fortbestehen. Die Ursachen und Umstände kommen zusammen, aber sie trafen nicht immer zusammen und werden auch fortan nicht immer zusammentreffen.

Es gibt so viele Ursachen und Umstände, die eine Beziehung unterstützen – etwa dass zwei Menschen ähnliche Interessen haben, die in derselben Stadt wohnen, im gleichen Büro arbeiten usw. Wenn es ausreichend andauernde Ursachen und Umstände gibt, dann wird die Beziehung andauern.

Weil sich aber diese Voraussetzungen und Umstände ständig verändern und sehr instabil sind, wird es irgendwann dazu kommen, dass nichts die Beziehung unterstützt und sie wird zu Ende gehen. Wenn man darüber nachdenkt, stellen sich diese Zusammenhänge als sehr tiefgreifend heraus. Wenn die Beziehung zweier Menschen beispielsweise nur auf körperlicher oder sexueller Anziehung basiert und sich die Umstände ändern, weil beide älter werden, wird die Beziehung wohl enden, nicht wahr?

Worauf läuft das hinaus? Da sich die unterstützenden Bedingungen im Laufe der Zeit verändern, bedeutet das: Wenn wir möchten, dass eine Beziehung fortdauert, dann können wir uns nicht einfach auf die Umstände verlassen, die diese Beziehung eingeleitet haben, wie zum Beispiel, dass wir damals attraktiver, jünger und stärker waren oder auf dieselbe Schule gingen oder zusammen gearbeitet haben. Diese Überlegungen geben uns Hinweise darauf, wie man eine Beziehung wachsen lässt. Wir müssen fortfahren, immer weitere Bedingungen zu finden, die uns zusammenhalten und unsere Beziehung unterstützen, denn unsere Interessen und Wege werden unweigerlich auseinanderlaufen.

Wir haben eine unterschiedliche Vergangenheit, Erziehung, verschiedene Kulturen, etc. und deshalb ist es nur natürlich, dass die entsprechenden Bedingungen nur kurz aufeinander treffen und uns erlauben, etwas zu teilen. Weil aber zwischen uns so viele Unterschiede bestehen, werden wir schließlich in unterschiedliche Richtungen gehen. Wir können eine Beziehung, die nur auf Erinnerungen basiert, nicht lange aufrechterhalten. Wenn wir nun an einer Beziehung festhalten, als ob sie ewig dauern würde, werden uns unsere Anhaftung und unsere Verwirrung großen Schmerz bereiten, wenn die Beziehung unweigerlich endet. Wenn wir aber die Tatsache der offenkundigen Unbeständigkeit akzeptieren – dass die Beziehung entstand, als bestimmte Umstände zusammentrafen, und dass sie enden wird, wenn diese Umstände zu Ende gehen –, dann können wir die Beziehung genießen, solange sie dauert, ohne uns selbst mit der Vorstellung zu täuschen, dass sie ewig dauern wird.

Dies gilt nicht nur für Beziehungen zu Arbeitskollegen, Freunden und Liebhabern von Bedeutung, sondern genauso für diejenigen zu Ehepartnern und sogar zu unseren Kindern. Es ist hilfreich einzusehen, dass unsere Kinder irgendwann das Nest verlassen werden. Sie sind immer nur eine gewisse Zeit bei uns. Wir können die Schönheit dieser Zeit genießen, aber es ist wichtig, nicht daran zu hängen, weil es nicht für immer andauern kann.

Das Problem der Veränderung

Das führt uns zu einem anderen Thema, dem Problem der Veränderung, oft auch „das Leiden der Veränderung“ genannt. Unsere gewöhnliche, allgemeine Erfahrung von Glück ist problematisch. Was ist das Problem? Das Problem ist, dass das Glück nie andauert. Wir fühlen uns dadurch zwar für eine kleine Weile besser, aber es heilt nicht alles. Das Tückische daran ist, dass es keine Sicherheit oder Verlässlichkeit bietet. Wir können uns in einem Moment sehr glücklich fühlen, aber es gibt keine Garantie, dass wir uns nicht fünf Minuten später elend fühlen. Wir wissen nie, was als nächstes passiert. Dieser Punkt ist wichtig im Hinblick auf die in jedem Augenblick stattfindenden Veränderungen in Beziehungen.

Wenn wir eine Beziehung eingehen, dann müssen wir nicht nur akzeptieren, dass sie irgendwann einmal zu Ende gehen wird; wir müssen auch eine realistische Einstellung gegenüber dem Glück haben, das wir in der Beziehung erfahren. Auch dieses wird enden, und wir werden zweifellos traurig sein, wenn wir uns wieder trennen. Wenn wir eine Beziehung eingehen, dann möchten wir natürlich all das Glück auskosten, das sich aus dem Zusammensein ergibt. Aber wir werden auch Trauer empfinden müssen, wenn es endet. Sind wir willens, den Mut aufzubringen, das zu akzeptieren und zu erfahren? Ist es das wert? Das ist keine paranoide Projektion, sondern Realität: Wenn die Beziehung endet – aus welchen Gründen auch immer – wird das traurig sein. Um diese Tatsache zu akzeptieren, müssen wir mutig genug sein, ohne dabei naiv zu sein.

Darüber hinaus wird das Glück, das wir in der Beziehung erfahren, nicht durchgängig bestehen bleiben, solange die Beziehung dauert. Es wird schwanken. Wir werden schöne Zeiten zusammen erleben und wir werden schwierige Zeiten haben. Es wird sich von Moment zu Moment verändern. Das ist das Wesen des Lebens. Im Buddhismus sagen wir, dass dies das Wesen von Samsara ist: es geht auf und ab. Sind wir willens, das zu akzeptieren?

Darüber hinaus kann es nicht der Schlüssel zum Glück sein, den „richtigen“ Partner zu finden, der dann vermeintlich all unsere Probleme löst. Den „richtigen“ Partner zu haben, lässt z. B. unsere Probleme bei der Arbeit nicht verschwinden, auch wenn wir uns vielleicht zeitweilig etwas besser fühlen, wenn wir nach Hause kommen. Aber das wird nicht jeden Tag so sein, nicht wahr? Oft haben wir die romantische Vorstellung, dass alles gut werden wird, wenn wir nur den „richtigen Partner“ finden. Diese Denkweise geht in die Richtung der Suche nach dem „Traumprinzen“.

Haben wir den Mut, die Tatsache anzuerkennen, dass – auch wenn wir uns jetzt glücklich fühlen – wir keine Ahnung haben, wie wir uns oder unser Partner sich in fünf Minuten fühlen werden? Alles läuft gut und plötzlich verändert sich bei einem die Stimmung und er ist verdrossen. Niemand ist der „Traumprinz“, der immer gute Laune hat. Wir selber können total glücklich sein in Gegenwart von jemandem, den wir lieben, und im nächsten Moment sind wir plötzlich niedergeschlagen. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht die Schuld der anderen Person ist, sondern einfach die Natur dessen, was wir „weltliche Gefühle“ nennen. Sie gehen auf und ab aus zahllosen vielschichtigen Gründen. Natürlich suchen wir uns die Partner aus und manche mögen umgänglicher sein als andere. Der springende Punkt ist, dass sie nie perfekt sein werden.

Das sind Faktoren, die – wenn wir uns ihrer bewusst sind und bereit, sie zu akzeptieren – zu reichhaltigen Ressourcen werden. Erinnern Sie sich an die offensichtliche Unbeständigkeit: Jede Beziehung wird irgendwann zu Ende sein.

Subtile Unbeständigkeit

Die subtile Unbeständigkeit ist mehr als bloß die Tatsache, dass etwas Nicht-Statisches sich von Augenblick zu Augenblick verändert. Sie ist mehr als nur die Tatsache, dass ein nicht-statisches Phänomen jeden Moment seinem Ende näher kommt – wie eine Zeitbombe. Das sind zwei Aspekte der subtilen Unbeständigkeit, aber sie hat noch einen dritten Aspekt, nämlich dass die Ursache für die endgültige Auflösung einer Beziehung bereits in ihrem Beginn, in ihrem Entstehen angelegt ist. Der Grund für ihr Enden ist ihr Anfang.

Werfen wir einen Blick auf diese drei Aspekte. Erstens: eine Beziehung verändert sich in jedem Moment. Es ist sehr wichtig, das zu erkennen. Das Ganze ist wie ein Film. Die gestrige Filmszene ist vorbei. Man muss der Person die Möglichkeit geben, in der heutigen Filmszene zu sein. Die heutige Szene ist eine Fortsetzung der Vergangenheit. Wir behaupten nicht, dass vergangene Szenen keinen Einfluss auf die heutige Szene haben; aber es ist wichtig, sich dem Fluss der sich ständig verändernden Gegebenheiten und Situationen in einer Beziehung anzupassen. Ein Beispiel: Manche Menschen brauchen von Zeit zu Zeit etwas Abstand. Sie brauchen Raum für sich. Wir werden nicht immer, sieben Tage in der Woche 24 Stunden am Tag, zusammen sein wollen. Es gibt Zeiten, in denen jeder für sich oder mit den eigenen Freunden zusammen sein möchte usw. Wir müssen damit im Fluss sein, sonst gibt es eine Katastrophe.

Zweitens: Mit jedem Moment nähert sich die Beziehung ihrem Ende. Das zu verstehen bedeutet, dass wir die Beziehung nicht für selbstverständlich halten. Wir müssen das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen, da diese Zeit sehr wertvoll und begrenzt ist. Die Zeitbombe tickt. Das bedeutet nicht, dass wir uns dem Untergang geweiht und deprimiert fühlen müssen, aber realistisch betrachtet muss man sagen, dass die gemeinsame Zeit kurz ist. Irgendwann wird sie zu Ende sein. Es gilt wirklich, das Beste daraus zu machen – allerdings ohne übermäßig angestrengt zu sein. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir jeden einzelnen Moment tief und bedeutungsvoll gestalten müssen, werden wir die Beziehung damit kaputt machen. Im Zen gibt es einen sehr schönen Koan: „Der Tod kann jeden Moment kommen – entspann dich!“

Der dritte und letzte Aspekt der subtilen Unbeständigkeit ist einer der tiefgründigsten Punkte: Die Ursache für das Ende von etwas ist dessen Anfang. Die Ursache dafür, dass wir aufhören, mit jemanden zusammenzuleben, geht darauf zurück, dass wir irgendwann überhaupt begonnen haben zusammenzuleben. Wenn wir nicht begonnen hätten, mit ihr oder ihm zusammenzuleben, gäbe es kein Aufhören unseres Zusammenlebens.

Was bedeutet das? Ein Streit mit jemandem, oder sogar sein Tod, sind lediglich die Umstände, die das Ende der Beziehung herbeiführen; aber sie sind nicht die am tiefsten liegende Ursache. Der eigentliche Grund für das Ende der Beziehung ist, dass wir sie eingegangen sind. Irgendetwas wird der Katalysator für das Ende sein, aber das ist nur die Rahmenbedingung.

Wenn wir diese Tatsache erkennen und akzeptieren, dann können wir die Entfaltung einer Beziehung genießen und nicht die Schuld für ihr Ende auf bloße Umstände schieben. Wenn es nicht diese Umstände gewesen wären, wären es andere gewesen. Und wenn wir eine Beziehung eingehen, werden wir uns auch nicht fragen müssen, was passieren wird. Wenn wir eine Beziehung eingehen, wird es in ihr auf und ab gehen, während sich die Beziehung immer weiter auf ihr Ende zu bewegt und schließlich endet. Wenn wir uns diese Tatsachen realistisch sehen und uns darüber im Klaren sind, dann können wir eine Beziehung voll und ganz erleben, ohne etwas zu erwarten, was unmöglich ist.

Sich dem Unbekannten in einer Beziehung nähern

Wie nähern wir uns dem Unbekannten? Da ist eine Person. Gehen wir mit ihr eine Beziehung ein ihr oder nicht? Das ist das große Unbekannte.

Im Allgemeinen ist uns Unbekanntes nicht geheuer. Wir möchten alles unter Kontrolle haben, dass alles in Ordnung ist. In einer Beziehung ist es aber nicht möglich, alles unter Kontrolle zu haben. Wir könnten Horoskope zu Rate ziehen, um herauszufinden, was geschehen wird. Das ist das eine Extrem: zu versuchen, die Kontrolle zu behalten, indem man versucht, im Voraus herauszufinden, was passieren wird, sodass man vorbereitet ist. Das andere Extrem ist, spontan zu sein und einfach ins kalte Wasser zu springen. Der Mittelweg würde darin bestehen, ein paar Informationen zu erhalten und dann zu springen. Eine Beziehung ist ein Abenteuer. Sie ist etwas, das wir erkunden müssen.

Auch wenn Informationen über die andere Person und uns selbst hilfreich sind – egal ob aus einem Horoskop, direkter Beobachtung, Introspektion oder etwas anderem, so bleiben doch die genauen Einzelheiten, was sich in der Beziehung abspielen wird, mit Sicherheit vorher unbekannt. Informationen über die grundlegenden Tatsachen des Lebens allerdings – was real ist, was es überhaupt nicht gibt usw. – ermöglichen uns, auf realistische Weise an dieses Unbekannte, das Abenteuer, heranzugehen. Sie ermöglichen uns, mit dem, was sich ergibt, wesentlich angemessener umzugehen. Lassen Sie uns einige spezielle Punkte, die uns weiterhelfen können, genauer betrachten:

Bitte erinnern Sie sich: Als Beispiel für ein nicht-statisches Phänomen ohne Anfang und ohne Ende erwähnte ich das geistige Kontinuum, die Kontinuität unserer Erfahrung von Augenblick zu Augenblick. Aus buddhistischer Perspektive spricht man von vergangenen und zukünftigen Leben, aber lassen Sie uns unsere Erörterung hier auf das gegenwärtige Leben beschränken. Eine Beziehung wird zu einer bestimmten Zeit in unserem Leben beginnen und zu einer bestimmten Zeit in unserem Leben enden, doch die allgemeine Kontinuität unseres geistigen Kontinuums – mit anderen Worten: die allgemeine Kontinuität unserer Erfahrung des Lebens – wird ohne Unterbrechung weitergehen, von dem Augenblick, in dem wir geboren werden, bis zu dem Moment, in dem wir sterben. Das Leben geht weiter. Es bedeutet nicht das Ende der Welt, wenn eine Beziehung endet, und es ist nicht so, dass wir nicht existiert hätten, bevor wir die andere Person getroffen haben.

Wieso ist das so? Was ist der Unterschied zwischen einer Beziehung und unserer Kontinuität während des Lebens? Beides verändert sich von Augenblick zu Augenblick und beides wird von Vielem beeinflusst. Aber es gibt einen großen Unterschied. Lassen Sie uns diesen untersuchen:

Mit jemandem zusammenzuleben hat einen Anfang. Warum? Weil die Ursachen und Umstände für das Entstehen nicht von Natur aus beisammen sind. Sie kommen in einem bestimmten Moment zusammen. Wenn sie alle zusammentreffen, ist das der Beginn unseres Zusammenlebens. Und weil die Umstände, die unsere Beziehung unterstützen, nicht von Natur aus beisammen waren, werden sie unweigerlich irgendwann wieder auseinanderfallen – wie Blätter im Wind. Das sind sehr tiefgründige Punkte, über die man im Hinblick auf Beziehungen nachdenken kann.

Mit der Kontinuität unseres individuellen, subjektiven Erlebens verhält es sich jedoch ganz anders. Natürlich beginnt unser Erleben von etwas Bestimmtem, z.B. eines besonderen Ereignisses in einer Beziehung, neu, wenn das Ereignis stattfindet. Aber dass wir – allgemein gesprochen – etwas erfahren, wird nicht in jedem Moment neu kreiert. Ein natürliches Charakteristikum des Lebens ist, dass wir immer irgendetwas erleben. Es ist nicht so, dass neue Umstände zusammentreffen müssen, um unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung von etwas zu bewirken. Und dass wir etwas wahrnehmen, ist nicht etwas, das sich abnutzt, verschwindet oder sich mit jedem Augenblick dem Ende nähert. Unsere Wahrnehmung geht einfach weiter. Der Inhalt dessen, was wir wahrnehmen, ändert sich, aber Wahrnehmung geht immer weiter.

Wenn wir wissen, dass wir diese wesentliche Grundlage haben, fortlaufend etwas zu erfahren, dann überschätzen wir die Wichtigkeit einer Beziehung nicht und brauchen uns vor dem Unbekannten nicht zu fürchten. Weil wir wissen, dass das Leben weitergeht, wenn die Beziehung endet, und wir fortfahren werden, weitere Erfahrungen zu machen.

Darüber hinaus ist die Beziehung nicht das Einzige, was sich in der Zeit, während die Beziehung andauert, in unserem Leben ereignet. Wir haben auch noch andere Beziehungen zu Menschen, und das wird weiterhin der Fall sein, auch nachdem diese Beziehung endet. Es ist wichtig, das nicht aus den Augen zu verlieren und uns auf die Bedeutung einer bestimmten Beziehung zu fixieren. sodass wir das Gefühl haben, es bleibe nichts mehr übrig, wenn diese Beziehung endet. Es gibt ja bereits auch andere Beziehungen. Es mögen vielleicht andere Arten von Beziehungen sein und sie spielen in unserem Leben eine andere Rolle, aber es ist nicht so, dass wir außer dieser einen nichts haben. Und deshalb brauchen wir nicht das Gefühl zu haben, wir müssten sie unbedingt durch eine neue ersetzen, sobald sie endet, weil wir sonst nichts hätten.

Zudem ist es unerlässlich zu begreifen, dass wenn wir mit jemand anderen eine Beziehung eingehen, sich diese von derjenigen, die zu Ende gegangen ist, unterscheiden wird. Wenn schon die Beziehung zu ein und derselben Person sich von einem Moment zum anderen verändert und Unterschiede aufweist, dann wird der Unterschied der Beziehung zu einer Person und der zu einer anderen noch größer sein. Wir müssen sehr aufpassen, nicht die Erwartung zu hegen, dass der neue Freund oder Partner sich genauso verhalten und reagieren wird wie der frühere.

Um ein Beispiel für ein nicht-statisches Phänomen zu nennen, das keinen Beginn, aber – im Gegensatz zu unserem allgemeinen Wahrnehmen und Erfahren von etwas - ein Ende hat bzw. ein Ende haben kann, sei unsere Verwirrung hinsichtlich Beziehungen angeführt. Verwirrung kann immer weitergehen, aber sie ist etwas, das offensichtlicher Unbeständigkeit unterworfen ist. Sie kann aufhören, wenn wir sie durch korrektes Verständnis der Realität ersetzen. Aber sie wird nicht naturgemäß von selbst aufhören wie z.B. eine Beziehung. Wenn wir Verwirrung nicht durch korrektes Verständnis ersetzen, wird sie andauern.

Korrektes Verständnis hingegen ist ein Beispiel für ein nicht-statisches Phänomen, das einen Beginn, aber kein Ende hat. Im Grunde ist der Geist wie ein Spiegel, der alles reflektieren und erkennbar aufzeigen kann. Wenn der Spiegel mit Schmutz überzogen ist, reflektiert er nicht. Der Spiegel beginnt zu funktionieren, wenn der Schmutz entfernt wird, aber das Entfernen des Schmutzes erschafft nicht die Fähigkeit des Spiegels, etwas zu reflektieren. Der Spiegel war schon die ganze Zeit über imstande zu reflektieren. Er war lediglich zugedeckt, verschleiert.

Und auf vergleichbare Weise ist es nicht etwa so, dass der Abbau der Verwirrung die Fähigkeit unseres Geistes zu korrektem Verständnis erschafft. Unser Geist ist durchaus imstande, die Realität von Beziehungen bestens zu verstehen. Wenn unsere Verwirrung beseitigt ist, werden wir ganz selbstverständlich in der Lage sein, die Realität zu sehen. Obwohl die Beseitigung der Verwirrung einen Anfang hat, wird sie für immer andauern. Und da korrektes Verständnis von der Realität unterstützt wird, kann es ebenfalls immer weitergehen – anders als die Verwirrung, die nicht auf etwas Wirklichem beruht. Korrektes Verständnis ist auch nicht wie eine Beziehung, die geschaffen werden und irgendwann wieder auseinanderfallen muss.

Wenn wir all diese Tatsachen und Möglichkeiten kennen, brauchen wir das so genannte „Unbekannte“ nicht zu fürchten, wenn wir eine Beziehung mit jemandem eingehen.

Fragen

Warum muss jede Beziehung notwendigerweise enden? Gibt es keine Beziehungen, die für immer währen? Es mag z. B. sein, dass wir jemandem begegnen und das Gefühl haben, wir kennen ihn aus einem früheren Leben. Während wir uns zusammen weiterentwickeln, gemeinsam alt werden usw., haben wir das Gefühl, dass selbst wenn der eine eher stirbt als der andere, die Beziehung sich in zukünftigen Leben mit all den Veränderungen, die das mit sich bringt, fortsetzen wird.

An dem, was Sie beschreiben, ist etwas Wahres dran. Ich hatte in meinen Ausführungen die Erörterung auf das jetzige Leben begrenzt. Aber wenn man einmal die Tür zu vergangenen und zukünftigen Leben öffnet, verhält es sich ein wenig anders. Es gibt sicherlich Beziehungen, die von einem Leben zum nächsten weitergehen, wenn auch auf leicht veränderte Weise in dem jeweiligen Leben. Aus der buddhistischen Perspektive, und auch meiner eigenen Erfahrung nach, ist das sicher so. Das heißt jedoch nicht, dass eine Beziehung mit jemandem ewig währen wird.

Wenn es anfangslose Leben, aber eine endliche Zahl von Wesen gibt, dann folgt daraus, dass wir mit jedem schon zu tun hatten. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass wir mit einer bestimmten Person ewig eine besondere Beziehung hatten und mit sonst niemandem. Es muss eine Zeit gegeben haben, zu der wir uns das erste Mal getroffen und diese besondere Beziehung hergestellt haben.

Nichtsdestotrotz bringt uns das zurück zu dem Punkt, dass die Beziehung mit jemandem nur so lange währt, wie auch die unterstützenden Umstände und Bedingungen vorhanden sind. Genauso, wie wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Bedingungen, die uns in diesem Leben zusammengeführt haben, für den Rest unserer Leben andauern, und so, wie wir weitere Bedingungen für die Beziehung schaffen und uns mit ihr entwickeln müssen, damit sie fortbesteht – genauso verhält es sich mit Beziehungen, die mehrere Leben umspannen.

Mein Lehrer, Tsenshab Serkong Rinpoche, war einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas. Er starb 1983 und wurde 1984 wiedergeboren. Ich hatte in seinem vorherigen Leben eine sehr enge Beziehung zu ihm, und ich habe auch in seinem jetzigen Leben eine sehr enge Beziehung zu ihm. Aber es sind unterschiedliche Beziehungen, und sie basieren auf unterschiedlichen Umständen und Bedingungen. Wenn ich mich nur darauf verlassen würde: „In Ihrem letzten Leben haben Sie dies getan und jenes getan“, hätte er kein Interesse daran, die Beziehung fortzusetzen.

Es ist schrecklich, Tulkus, inkarnierten Lamas, so etwas anzutun, nämlich sich ihnen gegenüber so zu verhalten, als wären sie exakt dieselbe Person wie ihr Vorgänger. Nur wenn wir so mit ihnen in Verbindung treten, wie sie in diesem Leben sind, kann die Beziehung fortbestehen. Das Wesentliche ist, dass wir an einer Beziehung arbeiten müssen. Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass eine Beziehung zu einer Person in jedem Leben die gleiche sein wird. Wenn wir das tun, werden die Umstände, die uns zusammengebracht haben, auf ganz natürliche Weise vergehen und es werden keine neuen Umstände da sein, um sie zu erhalten.

Das ist ein sehr tiefgreifender Punkt. Es mag z.B. sein, dass wir bei einer Begegnung ein Déjà-vu-Erlebnis haben: Irgendetwas klickt und wir spüren, dass wir eine tiefe Beziehung zu dieser Person haben. In einem vergangenen Leben hatte die Beziehung vielleicht die Form einer Ehe oder wir waren Geliebte. In diesem Leben mögen aber die Umstände, in denen wir uns befinden, aus irgendeinem Grund, dafür nicht förderlich sein: Geschlechtsunterschiede, großer Altersunterschied usw. Wir könnten Überreste einer sexuellen Beziehung zu dieser Person aus einem früheren Leben spüren, die in diesem Leben aber nicht angemessen sind. Wenn wir fortfahren, unsere Beziehung auf diesen vergangenen Faktoren aufbauen zu wollen, wird das nicht klappen. Wir müssen die Umstände der Beziehung in diesem Leben verändern.

Wie steht es mit Hingabe und Verantwortung anderen Menschen gegenüber?

Hingabe und Verantwortung in einer Beziehung sind im Grunde eine sehr starke Absicht: „Ich beabsichtige, mit dir den Rest meines Lebens zu verbringen.“ Im Buddhismus gibt es eine Aussage – eine sehr harte Aussage, aber ich glaube, sie hat sehr viel Wahrheitsgehalt: „Man kann sich nicht auf Wesen verlassen, die in Samsara gefangen sind, die voller Verwirrung sind. Sie werden einen unweigerlich enttäuschen.“ Andere werden uns unweigerlich enttäuschen, nicht weil sie dumm sind, sondern weil alle, wir eingeschlossen, seit jeher von Verwirrung beeinflusst sind.

Wenn wir in einer Beziehung sehr innig empfinden, möchten wir mit diesem Menschen eine Bindung eingehen. Das ist eine sehr schöne Absicht. Die Realität ist, dass wir eine Menge Verwirrung und Probleme haben, und der anderen Person geht es genauso. Es ist besser, sich nicht vorzumachen, dass wir vollkommen sein werden, denn das ist nicht der Fall. Wir werden uns gegenseitig unweigerlich enttäuschen, auch wenn wir es zu vermeiden versuchen. Wir willigen ein, dass wir daran arbeiten und versuchen werden, zu verzeihen, wenn sich die andere Person aus ihrer Verwirrung heraus rücksichtslos verhält, denn das wird zwangsläufig passieren. Aber wir können nicht garantieren, dass das immer klappen wird und dass unsere Geduld miteinander und unsere Bindung andauern werden. Keiner von uns beiden ist ein „Traumprinz“ oder eine „Traumprinzessin“.

Wie viel Sinn hat es – vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen – an einer Beziehung zu arbeiten, zu versuchen, sie stabil, dauerhaft usw. zu machen?

Das hat sehr viel Sinn. Beziehungen sind nämlich nicht nur eine Grundlage dafür, vielerlei positive Eigenschaften zu entwickeln. Sie sind auch das Versuchsgelände, auf dem wir sehen, wie weit wir uns schon entwickelt haben. Wir können auch versuchen, der anderen Person zu nutzen und auch ihr diese Grundlage zu bieten. So etwas ist daher sehr wertvoll.

Worauf es ankommt, ist, dass wir keine übersteigerten Vorstellungen von unserer Beziehung haben oder glauben, sie wäre die Antwort auf alles, und die Verantwortung aufgeben, mit unseren eigenen Problemen fertigzuwerden. Wir müssen an uns selbst arbeiten. Aber die Beziehung kann eine unterstützende emotionale Basis dafür sein, von der aus man an sich arbeiten kann, und das kann sehr förderlich sein. Eine Beziehung kann aber auch ein Hindernis sein, wenn man sich darin feindlich gegenübertritt oder sie aus starker Anhaftung besteht. Manchmal müssen wir alleine sein, um an uns arbeiten zu können.

Einen Punkt möchte ich in diesem Zusammenhang klarstellen. Ich bin immer skeptisch und glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn man eine Beziehung eingeht und sagt: „Ich bin total fertig und habe eine Menge emotionaler Probleme, und du bist auch am Ende und hast viele Probleme. Aber wir werden das zusammen hinkriegen.“ Das wird unweigerlich misslingen. Wenn man wirklich ernste Probleme hat, muss man mit professioneller Hilfe selbst daran arbeiten, auch wenn man emotionale Unterstützung hat, weil man eine Beziehung zu jemandem hat. Man sollte nicht so naiv sein zu denken, dass beide zusammen ihre Probleme in der Beziehung lösen. Meist übernehmen dann nur die neurotischen Muster die Vorherrschaft

Zusammenfassung

Kurz gesagt, es ist wichtig zu wissen, was eine Beziehung ist und was sie nicht ist, und was sie niemals sein kann. Es kommt darauf an, die feststehenden Tatsachen zu kennen, die dabei von Bedeutung sind, z.B. dass diese Person nie der Traumprinz sein wird. Wichtig ist auch, alle Tatsachen hinsichtlich der Unbeständigkeit einer Beziehung zu kennen:

  • Weil die Beziehung einen Anfang hat, ist es unweigerlich so, dass sie auch ein Ende hat.
  • Sie wird sich von Augenblick zu Augenblick ändern.
  • Es wird in der Beziehung auf und ab gehen.
  • Sie wird kein endgültiges Glück bringen.
  • Wir wissen nie, was als nächstes passiert.
  • Das Ende der Beziehung rückt mit jedem Moment näher.
  • Der Umstand, der ihr Ende herbeiführt, ist lediglich ein Umstand; die eigentliche Ursache für ihr Ende ist, dass sie begonnen hat.
  • Diese Beziehung ist nicht die einzige Beziehung, die wir in unserem Leben haben.
  • Unser Erfahren des Lebens wird weitergehen, auch wenn diese Beziehung endet.
  • Unsere Verwirrung hinsichtlich Beziehungen hat keinen Anfang, aber sie kann zu einem Ende kommen. Das wird jedoch nicht naturgemäß und von selbst passieren. Wir müssen etwas dafür tun.
  • Die Fähigkeit zu korrektem Verständnis ist grundsätzlich vorhanden. Wenn wir die Verwirrung beseitigen, wird sich die korrekte Wahrnehmung, die auf der Realität basiert, für den Rest des Lebens fortsetzen.

Dies sind einige praktische Hinweise, die man der recht anspruchsvollen buddhistischen Analyse der Phänomene – mit ihrer Unterscheidung existierender, nicht existierender, statischer, nicht-statischer Phänomene – entnehmen kann.