Wozu Buddhismus studieren?

Wenn im buddhistischen Kontext von Meditation die Rede ist, geht es um etwas, das recht genau spezifiziert ist. Man hört heutzutage das Wort „Meditation“ in vielerlei Zusammenhängen, da es einen ziemlich guten Beiklang hat, viele Menschen Meditation als Mittel zur Entspannung benutzen usw. Wenn es jedoch darum geht, tatsächlich Meditation zu üben, haben die meisten Menschen keine Ahnung, wie sie das machen sollen. Man hat die Vorstellung, dass man sich einfach hinsetzt und ruhig ist - aber was dann? Gibt es noch mehr, als sich einfach auf den Atem zu konzentrieren und freundliche Gedanken zu hegen?

Das Sanskrit-Wort für „Meditation“ beinhaltet die Bedeutung: etwas tatsächlich Realität werden lassen. Die Tibeter übersetzten das Wort mit einem Ausdruck, der bedeutet, eine bestimmte Gewohnheit zu entwickeln. Wenn wir eine Gewohnheit entwickeln, machen wir etwas zu einem Teil unserer selbst, und genau das versuchen wir in der Meditation. Wir wollen eine Veränderung in uns bewirken, die von Nutzen ist. Die Frage, die wir uns zuerst stellen müssen, ist: Warum wollen wir uns verändern? Normalerweise ist es deswegen, weil wir mit der Art, wie wir unser Leben führen, wie wir uns fühlen oder wie wir mit anderen Menschen umgehen, nicht ganz zufrieden sind. Es ließen sich noch weitere Gründe anführen, aber das Ziel der meisten von uns besteht darin, unser Leben zu verbessern.

Mit den Problemen umgehen, statt ihnen auszuweichen

Das ist ein sehr wichtiger Punkt: dass wir uns verändern und weiterentwickeln wollen. Es ist nicht so, dass wir durch unsere Meditation in irgendein Reich der Fantasie flüchten wollen; dafür gibt es zahlreiche andere Methoden, einschließlich Drogen und Alkohol. Wir könnten auch den ganzen Tag Musik hören, um an nichts weiter denken zu müssen. Wenn wir unter dem Einfluss derartiger Mittel stehen, scheinen unsere Probleme weniger schlimm oder weniger real. Aber sie kommen wieder, weil wir nicht tatsächlich gelernt haben, damit umzugehen. Viele Menschen benutzen Meditation wie eine Art Droge, aber das wird langfristig nicht viel nützen. Wir können Glocken läuten und Trommeln schlagen - das Ganze wirkt ein bisschen wie ein buddhistisches Disneyland -, aber es wird keine wirkliche Veränderung in uns zur Folge haben; es bleibt nur eine Flucht.

Wenn wir hingegen Meditation so üben, wie sie in der buddhistischen Tradition beabsichtigt ist, versuchen wir nicht, unseren Problemen auszuweichen, sondern vielmehr damit umzugehen und mit ihnen fertig zu werden. Das erfordert im Grunde viel Mut und allerhand Anstrengung, denn es ist nicht einfach. Wir müssen auch damit rechnen, dass es nicht immer ein Vergnügen sein wird. Wir können das mit einem körperlichen Training vergleichen, in dem es auch mühsam zugehen kann und uns die Muskeln schmerzen, aber wir sind trotzdem bereit, diese Schwierigkeiten auf uns zu nehmen, um stärker und gesünder zu werden.

Ganz ähnlich ist es, wenn wir meditieren, außer dass wir dabei nicht mit unserem Körper, sondern mit unserem Geist arbeiten. Es gibt einige Arten des Buddhismus, in denen eine Kombination aus Meditation und körperlichem Training geübt wird, beispielsweise in den Kampfkünsten, aber in der tibetischen Tradition ist das nicht der Fall. Es ist nichts dagegen einzuwenden, den Körper zu trainieren; das ist sogar sehr nützlich, aber der Schwerpunkt liegt auf dem Geist, und zwar nicht nur auf dem Intellekt, sondern auch auf den Emotionen und den Angelegenheiten des Herzens. Berühmte buddhistische Meister haben betont, dass es am Anfang der buddhistischen Praxis am wichtigsten ist, den Geist zu zähmen, denn die Art und Weise, wie wir uns verhalten und mit anderen kommunizieren, wird von unserem Geisteszustand bestimmt.

Sich selbst ehrlich betrachten

Wir sehen, dass wir Schwierigkeiten im Leben haben und wir erkennen, dass die Ursache dafür irgendetwas in unserem Geist ist, was nicht zufriedenstellend ist. Wenn wir uns selbst aufrichtig überprüfen, stellen wir fest, dass wir eine Menge störender Emotionen haben, die von Ärger bis zu Gier, Selbstsucht, Neid, Anhaftung, Arroganz und Naivität reichen – und die Liste ließe sich fortsetzen. Wenn wir noch tiefer nachforschen, entdecken wir eine gewisse Unsicherheit und Verwirrung in Bezug darauf, was es mit dem Leben eigentlich auf sich hat. Oft scheint es, dass die störenden Emotionen unseren Geisteszustand beherrschen und uns veranlassen, uns auf eine Art und Weise zu verhalten, mit anderen zu reden und mit ihnen umzugehen, die für uns und für sie zu Problemen führt. Selbst wenn wir allein sind, schafft unser Geist uns oft Unbehagen und alle möglichen verstörenden Gedanken jagen uns durch den Kopf. Einfach ausgedrückt: Wir sind nicht wirklich glücklich.

Der Sinn von Meditation besteht darin, uns dazu zu verhelfen, diese Situation zu ändern. Sie ist nicht in dem Sinne gemeint, wie man Drogen nimmt und dann an nichts mehr denkt. Das ist keine Lösung, auch wenn manche Menschen Meditation so betrachten. Viele denken, wenn man sich einfach nur hinsetzt, die Augen schließt und alles ausblendet, würden die Probleme irgendwie verschwinden. Doch das funktioniert nicht. Wir müssen uns aktiv mit unseren Problemen auseinandersetzen.

Den eigentlichen Feind finden

Oft wird in buddhistischen Texten eine sehr drastische Sprache verwendet, in der unsere störenden Emotionen als unsere eigentlichen Feinde beschrieben werden. Das macht sie nicht zu einer Art Ungeheuer, sodass wir uns fürchten oder verfolgt fühlen - wir erkennen vielmehr, dass es sich um etwas handelt, womit wir uns befassen müssen. Es gibt sehr schöne buddhistische Texte, in denen diese Unruhestifter direkt angesprochen werden, etwa mit den Worten: „Ich habe genug von euch und all den Problemen und Schwierigkeiten, die ihr mir schafft. Eure Zeit ist vorbei.“ Wir krempeln also die Ärmel hoch, setzen uns hin und versuchen, Veränderungen in unserem Geist herbeizuführen. Genau darum geht es in der Meditation.

Meditation ist, einfach ausgedrückt, eine Methode, durch die wir uns darin üben, förderliche Gewohnheiten zu entwickeln und achteilige zu ändern. Es geht um unsere gewohnheitsmäßige Art zu denken, zu fühlen und emotional auf etwas zu reagieren. Das zu ändern, erfordert Übung und wiederholtes Training - es handelt sich um eine systematische Vorgehensweise. Genau wie in dem Fall, wenn wir uns in einer Sportart üben, ein Musikinstrument erlernen oder tanzen lernen, fühlt es sich anfangs etwas künstlich an. Aber sobald wir damit vertraut sind, fühlen sich die Bewegungen ganz natürlich an. Das gleiche gilt für das, was wir mit unserem Geist, unseren Emotionen und unseren Empfindungen machen.

Ist Veränderung möglich?

Nun stellt sich die große Frage: Können wir uns wirklich verändern? Um darauf hinzuarbeiten, müssen wir zunächst einmal zu der Überzeugung kommen, dass das überhaupt möglich ist. Man trifft oft Menschen, die sagen: „So bin ich nun einmal und fertig; ich kann das nicht ändern, also muss ich eben einfach damit leben“ oder „Ich bin ein zorniger Mensch, ich bin jähzornig und so bin ich nun mal.“ Wenn wir uns so stark mit etwas identifizieren, ist es natürlich schwer, sich zu ändern.

Wir müssen uns selbst gegenüber ehrlich sein. Warum identifizieren wir uns mit bestimmten Dingen? Wenn wir wirklich ein zorniger Mensch sind, müssten wir dann nicht die ganze Zeit über zornig sein? Möglicherweise geben wir anderen die Schuld: „Ich bin zornig, weil meine Eltern dies oder jenes getan haben.“ Diese Denkweise ist nicht sonderlich hilfreich. Wenn wir die Angelegenheit eingehender betrachten, können wir versuchen zu entdecken, woher die Emotionen wirklich stammen. Selbst wenn wir uns jeden Tag sagen: „Sei nicht ärgerlich, sei nicht gierig, sei nicht selbstsüchtig“, ist es sehr schwer, tatsächlich damit aufzuhören, nicht wahr? Dafür brauchen wir eine Methode, die es uns ermöglicht, unsere emotionale Befindlichkeit zu ändern.

Unsere geistige Einstellung beeinflusst alles

Im Buddhismus heißt es, dass unserem emotionalen Zustand etwas zugrunde liegt, das wir unsere „geistige Einstellung“ nennen können. Das bezieht sich auf die Art und Weise, wie wir etwas betrachten. Nehmen wir einmal an, wir hätten unsere Arbeitsstelle verloren. Wir können das als eine Katastrophe betrachten, dann sind wir wütend und deprimiert. Warum? Weil wir dann meinen, das sei das Schlimmste, was auf der Welt passieren könnte.

Wir haben unsere Arbeitsstelle verloren - das ist eine Tatsache. Die können wir nicht ändern. Was wir ändern können, ist die Art und Weise, wie wir den Verlust des Arbeitsplatzes betrachten, und das ist mit der geistigen Einstellung gemeint. Wir können versuchen, das Geschehnis anders zu betrachten - wir können jetzt mehr Zeit mit unseren Kindern verbringen oder uns überlegen, ob wir vielleicht den Beruf wechseln wollen. Gut, in finanzieller Hinsicht mag das nicht unmittelbar von Nutzen sein, aber zumindest fühlen wir uns nicht mehr so elend. Das ist es also, was wir in der Meditation in den Blickpunkt rücken: wie wir die Dinge betrachten, denn das beeinflusst die Art und Weise, wie wir uns fühlen.

Mein bester Freund ist letzte Woche gestorben. Das ist traurig. Ich bin traurig darüber - das ist eine gesunde Reaktion, daran ist nichts verkehrt. Natürlich bin ich nicht froh darüber, dass er gestorben ist! Aber wie kann ich in dieser Situation meinen Geisteszustand beeinflussen? Eine Woche, bevor er starb, hatte ich das Gefühl, dass ich ihn anrufen sollte, aber ich kam nicht dazu. Es ging ihm gut; und eines Morgens ging er duschen, hatte einen Herzanfall und fiel unter der Dusche tot um. Es geschah ganz plötzlich und völlig unerwartet. Ich könnte nun natürlich enorme Reue verspüren, dass ich nicht mit ihm gesprochen habe, als es mir eine Woche zuvor einfiel, oder ich könnte mich über mich ärgern und an all das denken, was ich ihm noch hätte sagen wollen, wenn ich gewusst hätte, dass er bald sterben würde. So zu denken würde dazu führen, dass ich mich noch erheblich schlimmer fühlen würde.

Stattdessen rief ich mir all die glücklichen Zeiten in Erinnerung, die wir miteinander verbracht haben, und wie viele wundervolle Momente wir gemeinsam erlebt haben - wir waren seit 35 Jahren miteinander befreundet - und wie glücklich ich mich schätzen kann, diesen wunderbaren Menschen so gut gekannt zu haben. Er war wohl der aufrichtigste und glaubwürdigste Dharma-Praktizierende von allen Westlern, die ich je gekannt habe. Ich betrachte ihn als eine enorme Inspiration, die mich veranlasst, meine eigene Praxis noch intensiver fortzusetzen. Und in Anbetracht der Art und Weise, wie ihm das Wohl seiner Frau am Herzen lag, war mir klar, dass es ihm ein großer Trost sein würde, wenn er wüsste, dass ich mich um sie kümmern würde, und das tue ich nun.

Das ist das Resultat von Meditation. Man gewinnt keine übernatürlichen Kräfte oder irgendwelche exotischen Fähigkeiten. Was man gewinnt, ist, dass man angesichts einer schwierigen Situation, wenn man merkt, dass man in einen düsteren, unglücklichen Geisteszustand gerät, zunächst einmal genügend Verständnis hat, um zu wissen, dass man, wenn man so weitermacht, alles bloß noch verschlimmert. Wir gelangen zu dem Verständnis, dass es bessere Arten gibt, mit derartigen schwierigen Situationen umzugehen, und mit genügend Übung sind wir imstande, unsere Betrachtungsweise völlig zu verändern. Wir mögen immer noch traurig sein, so wie es mir erging, als ich meinen Freund verlor, aber wir sind in der Lage, Sichtweisen mit einzubeziehen, die eine gewisse glückliche Note hinzufügen, um die Traurigkeit zu lindern.

Video: Tsenshab Serkong Rinpoche II — „Warum Buddhismus studieren?“ 
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Überzeugung von unserem eigenen Potenzial gewinnen

Wenn wir uns also fragen, ob wir fähig sind, unsere Betrachtungsweise zu verändern, so lautet die Antwort Ja. Wenn wir daran denken, was wir als Kinder ungemein interessant und grandios fanden, stellen wir möglicherweise fest, dass dieselben Dinge uns nun ziemlich fad oder närrisch vorkommen. Unsere Einstellungen haben sich ziemlich verändert, während wir älter wurden. Wenn wir zu der Überzeugung kommen, dass es folglich auch möglich ist, sie weiterhin zu verändern, liegt es nahe, ein paar Methoden zu erlernen, das auch tatsächlich zu tun. Dabei geht man in drei Schritten vor:

  • Korrekte Informationen erlangen: Es ist notwendig, Kenntnisse darüber zu erlangen, welche Gewohnheiten förderlicher wären, und solche Kenntnisse erlangen wir, indem wir davon hören, darüber lesen oder etwas darüber erfahren. Dieser Schritt beinhaltet noch nicht notwendigerweise, dass wir es auch verstehen, aber wir können unterscheiden, ob es sich um eine buddhistische Methode handelt.
  • Über deren Bedeutung nachsinnen: Sodann müssen wir die erlangte Information erwägen, darüber nachdenken und sie von verschiedenen Blickwinkeln aus untersuchen, um sie verstehen zu können. Wichtig ist, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass sie der Wahrheit entspricht. Zudem müssen wir überzeugt sein, dass sie von Nutzen für uns ist und dass wir damit in unserem Leben etwas anfangen können.
  • Meditieren: Dann sind wir so weit, dass wir meditieren können, um das, wovon wir Kenntnis erlangt und was wir verstanden haben, zu einer förderlicheren Gewohnheit zu entwickeln.

Korrekte Information und Kontemplation

Korrekte Information zu erlangen ist nicht so einfach, wie wir vielleicht denken. Es gibt überaus viele Leute, die behaupten, authentische buddhistische Methoden zu lehren; aber bloß dass jemand ein Buch geschrieben und veröffentlicht hat, besagt noch lange nicht, dass der Inhalt des Buches korrekt ist. Bloß, dass ein Lehrer sehr populär oder charismatisch ist, muss nicht unbedingt bedeuten, dass das, was er lehrt, seine Richtigkeit hat. Hitler war auch charismatisch und populär, aber was er behauptete, war ganz offensichtlich nicht korrekt.

Im Buddhismus wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir unseren Verstand benutzen. Was unterscheidet uns von Tieren? Einem Tier kann man Vieles beibringen, aber was wir ihnen voraushaben, ist unser Verstand. Wir können unterscheiden, was förderlich ist und was nicht. Selbst wenn wir etwas nicht gleich verstehen, können wir unsere Intelligenz einsetzen, um etwas herauszufinden, und genau das ist es, was wir brauchen, wenn wir die Lehren hören oder lesen.

Alles, was Buddha lehrte, hatte den Zweck, anderen zu nutzen. Aber trotzdem können wir für uns selbst untersuchen, ob das, was er lehrte, für uns von Nutzen ist oder nicht. Dafür müssen wir auch die Langzeitwirkungen in Betracht ziehen, denn die kurzfristigen Erfahrungen sind vielleicht nicht immer nur angenehm. Wie bei bestimmten medizinischen Behandlungen, die nicht angenehm sind, während man sie durchläuft, z.B. Chemotherapie bei Krebs, ist dennoch ein langfristiger Nutzen zu verzeichnen.

Wenn wir die Lehren nicht untersucht und mit unserem eigenen Leben und unseren Erfahrungen in Verbindung gebracht haben, wie könnten wir dann darüber meditieren? Das wäre, als würde man etwas kaufen, ohne zu überlegen, ob man es überhaupt braucht oder will und ob es einem wirklich etwas nützt.

Formelle Meditation

Schon der Vorgang des Nachdenkens über die Lehren ist natürlich durchaus von Vorteil, und manche Menschen bezeichnen dies bereits als eine Art von Meditation. Was jedoch in einem formelleren Sinne „Meditation“ genannt wird, ist ein Prozess, in dem wir den förderlicheren Geisteszustand in unsere Lebensweise, in unser normales Leben, integrieren. Das wiederum beinhaltet zwei Schritte:              

  • Klar erkennende Meditation: Diese erste Phase wird oft als „analytische Meditation“ bezeichnet, und wir richten darin die Aufmerksamkeit mit einer verbesserten Geisteshaltung auf etwas, wobei wir alle Details und unterstützenden Faktoren im Einzelnen erkennen.
  • Stabilisierende Meditation: Die zweite Phase ist diejenige, in der wir uns nicht mehr aktiv mit all diesen Einzelheiten befassen, sondern uns mehr in verdichteter Weise auf unser Objekt konzentrieren, wobei nur noch die wesentliche Schlussfolgerung unserer Überlegungen in Form unserer Einstellung ihm gegenüber im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.

Viele Menschen lernen zu Beginn der Meditation, sich auf den Atem zu konzentrieren. Wir bringen damit unseren Geist zur Ruhe und konzentrieren uns darauf, wie der Atem ein- und ausgeht. Das klingt simpel, ist aber tatsächlich ausgesprochen schwierig. Was versuchen wir, wenn wir uns auf den Atem konzentrieren? Zunächst einmal versuchen wir, die Stimme in unserem Kopf zur Ruhe zu bringen, die alle möglichen störenden Emotionen und Empfindungen abspult. Es ist, als würde man versuchen, das Hintergrundrauschen zu beseitigen. Aber gleichzeitig können wir die Aufmerksamkeit mit einem bestimmten Verständnis auf den Atem lenken, nämlich mit einem Verständnis, das wir zuvor gehört, überlegt und verstanden haben. Hier kommen die klar erkennende und die stabilisierende Meditation mit ins Spiel. Wir können zum Beispiel den Atem als Veranschaulichung von Unbeständigkeit betrachten: Er verändert sich dauernd. Oder wir können die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass es kein vom Atem getrenntes „Ich“ gibt – denn wer ist es denn, der da atmet? Solche Überlegungen können allerdings die Sache für Anfänger etwas kompliziert machen.

Ein besserer Ausgangspunkt wäre möglicherweise, das Augenmerk wiederum auf uns selbst zu richten. Wir stehen immer unter allerlei Druck, sei es von Seiten unserer Arbeit, unserer Familie, der Gesellschaft im Allgemeinen - und in unserem Geist jagen sich daher ständig Sorgen und lästige Gedanken. Sich zu entspannen, ist nicht einfach! Es wäre für uns also sehr von Vorteil, wenn wir imstande wären, einfach entspannter zu sein und uns mehr verankert zu fühlen. Das löst zwar letztendlich nicht unsere Probleme, aber es ist ein erster Schritt, auf dem wir aufbauen können. Indem wir uns auf den Atem konzentrieren, kommen wir in Kontakt mit der Wirklichkeit unseres Körpers – „Ich bin lebendig!“ Der Atem ist ein gutes Indiz dafür, denn er geht ein und aus, bis wir sterben. Ganz gleich, wie schwierig das Leben sein mag - der Atem ist immer vorhanden. Wenn wir uns dessen mehr bewusst werden können, hilft uns das zu begreifen, dass das Leben weitergeht - was auch immer geschieht, das Leben geht weiter. Schon das ist hilfreich - auch für mich, als mein Freund starb, denn ich wusste dass, na ja, das Leben dennoch weitergeht.

Diese Informationen haben wir also, wir haben darüber nachgedacht, sie verstanden und die Überzeugung erlangt, dass sie sinnvoll sind. Ist es hilfreich, sehen zu können, dass das Leben weitergeht, mehr in Verbindung mit dem eigenen Körper zu sein und sich nicht völlig in seinen beängstigenden und deprimierenden Gedanken zu verlieren? Ja, das wäre hilfreich. Bin ich imstande, meine Aufmerksamkeit zu bündeln und mir meines Atems bewusst zu sein? Ja, selbst wenn ich für ein oder zwei Sekunden in irgendeiner anderen Aktivität innehalte, kann ich meinen Atem spüren: Er ist immer vorhanden. Wir brauchen also nicht einmal ein sehr tief gehendes oder ausgeprägtes Ausmaß an Verständnis. Natürlich ist es umso besser, je tiefer gehend es ist, aber für den Anfang reicht es aus.

Der Meditationsverlauf

Wir gewinnen das Verständnis der Ausrichtung auf den Atem, wenn wir zwei Geistesfaktoren haben, nämlich bestimmte Geisteszustände, die mit dieser Ausrichtung einhergehen:                   

  • Grobes Feststellen: etwas im Groben zur Kenntnis nehmen
  • Subtiles Unterscheidungsvermögen: etwas ganz im Einzelnen verstehen.

Das traditionelle Beispiel, mit dem der Unterschied zwischen diesen beiden geistigen Zuständen beschrieben wird, ist das Anschauen eines Gemäldes. Mit der groben Feststellung erkennen wir, dass es ein Gemälde ist, vielleicht das Bild einiger Menschen, die darauf zu sehen sind. Bei dieser Feststellung scheint der Geist nicht einmal eine verbale Aussage zu machen, er weiß es einfach durch Hinsehen. Das würden wir einfach „Wissen“ in einem sehr allgemeinen Sinne nennen. Mit subtilem Unterscheidungsvermögen betrachten wir das Gemälde mehr im Einzelnen und erkennen, dass es sich um das Bildnis dieser oder jener Person mit bestimmten Gesichtszügen handelt.

Dasselbe tun wir, während wir uns auf den Atem konzentrieren. Wir entdecken und erkennen, dass der Atem etwas ist, das die ganze Zeit über stattfindet, und wir unterscheiden im Einzelnen, dass er durch die Nase ein- und ausgeht. Ganz gleich, was geschieht, er wird weitergehen, solange ich lebe; in diesem Sinne ist er also stetig, sicher und verlässlich. Diese Feststellung wird „klar erkennende Meditation“ genannt, da es sich um etwas handelt, was wir aktiv zur Kenntnis nehmen. Wir untersuchen das nicht, sondern schauen es einfach an und verstehen es von einem bestimmten Blickpunkt aus auf bestimmte Weise.

Der zweite Schritt, die stabilisierende Meditation, ist dadurch gekennzeichnet, dass wir etwas nicht aktiv auf diese Weise erkennen müssen, sondern wir wissen es. Es ist ein ziemlich unterschiedlicher Geisteszustand, ob man etwas aktiv erkennt oder es einfach schon weiß. Wir meditieren, und das Ergebnis davon ist, dass wir erheblich besser verankert sind und uns wesentlich sicherer und stabiler fühlen. Das wird erreicht, wenn wir uns in dieser Meditation üben - immer wieder, am besten jeden Tag.

Das Geübte im täglichen Leben anwenden

Wir versuchen vor allem, uns an diese Praktiken zu erinnern, wenn wir uns besonders aufgeregt fühlen. Das ist natürlich schwierig - wir haben schon zuvor auf die Ähnlichkeiten mit körperlichem Training hingewiesen -, doch allmählich wird das Verständnis so tief in uns eingeprägt sein, dass wir dieses Wissen immerzu haben. Wir wissen stets, dass das Leben weitergeht und dass, was immer auch geschehen mag, auf einer sehr grundlegenden Ebene kein Problem besteht. Das wird zu einem so tiefen Wissen, dass es uns zu einer Gewohnheit wird und die Art und Weise verändert, wie wir das Leben betrachten. Das ist das Resultat von Meditation. Wenn wir es vergessen, können wir uns immer auf den Atem konzentrieren und uns dieses Wissen in Erinnerung rufen und auffrischen. Wir bringen damit eine wirkliche Veränderung in unseren Geisteszuständen zuwege, die sich darauf auswirkt, wie wir mit unserem Alltagsleben umgehen. Es handelt sich nicht um eine Flucht vor unseren Problemen, indem wir uns in ein Reich der Fantasie begeben, sondern vielmehr um einen aktiven Prozess, den wir durchlaufen, um unsere geistigen und emotionalen Zustände zu verbessern und letztlich auch die Situation, in der wir uns befinden.

Man kann das, was wir uns hier angeschaut haben, auch als ausgeklügelte psychologische Methode ansehen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wir sollten darauf achten, dass wir nicht denken, das wäre alles, was Buddhismus ausmacht - einfach eine weitere Art von Psychologie. Buddhismus ist sehr viel mehr als das. Im Buddhismus ist das Ziel viel weiter gesteckt – bis hin zur Erleuchtung, zur Fähigkeit, allen Wesen wirksam zu helfen -, aber es ist unerlässlich, diesen ganz wichtigen ersten Schritt zu unternehmen.

Zusammenfassung

Es ist allzu leicht, einfach zu versuchen, unseren Problemen auszuweichen. Solche Versuche reichen von ständigem Musikhören oder andauernder Geschäftigkeit bis hin zu Alkoholmissbrauch, um alles andere zu vergessen. Solche zeitweisen Maßnahmen helfen nie sonderlich viel, und die Probleme tauchen immer wieder auf. Indem wir wirklich über die Methoden des Dharma nachsinnen und dann darüber meditieren, sind wir imstande, die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere sehen, und die Erfahrungen, die wir durchleben, vollständig umzuwandeln. Das wird nicht all unsere Probleme augenblicklich zum Verschwinden bringen, aber es befähigt uns, ihnen entschieden mit dem Wissen gegenüberzutreten, dass wir genügend Kraft haben, damit umzugehen.

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