Buddhistische Wissenschaft, Psychologie und Religion

Ich wurde gebeten, heute Abend über das Thema: „Warum Buddhismus?“ zu sprechen, und dabei handelt es sich natürlich besonders im Westen, wo wir unsere eigenen Religionen haben, um eine berechtigte Frage. Wozu brauchen wir also Buddhismus?

Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig zu verstehen, dass es um viele verschiedene Aspekte geht, wenn wir über den Buddhismus reden. Es gibt die so genannte buddhistische Wissenschaft, die buddhistische Psychologie und die buddhistische Religion:

  • Wenn wir über buddhistische Wissenschaft reden, bezieht sich das auf Dinge wie Logik, wie wir etwas verstehen und im Wesentlichen auf die Sicht der Wirklichkeit – wie das Universum entstanden ist usw., diese Dinge – auf die Beziehung zwischen Geist und Materie. Bei all diesen Dingen geht es um wissenschaftliche Themen und der Buddhismus hat in diesen Gebieten sehr viel anzubieten.
  • Bei der buddhistischen Psychologie geht es um die verschiedenen emotionalen Zustände, insbesondere um störende Emotionen die uns sehr unglücklich machen (Ärger, Eifersucht, Gier usw.). Und im Buddhismus gibt es sehr viele Methoden, wie man mit Problemen umgehen kann, die durch diese störenden Emotionen hervorgerufen werden.
  • Die buddhistische Religion befasst sich auf der anderen Seite mit verschiedenen rituellen Aspekten und Gebeten und sie befasst sich mit Themen wie zum Beispiel der Wiedergeburt. Und das ist auch ein sehr umfangreiches Gebiet.

Wenn wir uns also die Frage stellen: „Warum Buddhismus? Worin besteht die Notwendigkeit für Buddhismus im Westen in der heutigen Welt?“ dann denke ich, dass wir besonders die buddhistische Wissenschaft und die buddhistische Psychologie betrachten sollten. Wenn Menschen an den eher religiöseren Aspekten des Buddhismus interessiert sind, ist das sehr gut; kein Problem. Aber im Allgemeinen ist es nicht so einfach, wenn man mit einer Religion aufgewachsen ist und dann in eine andere Religion wechselt. Bei den meisten Menschen führt es zu Konflikten mit sich selbst, zu Loyalitätskonflikten und es kann insbesondere zum Zeitpunkt des Todes zu Problemen führen – man ist sehr verwirrt und weiß nicht, woran man wirklich glauben soll.

Wir sollten also als Menschen, die im Westen mit westlichen Traditionen aufgewachsen sind und sich religiösen Aspekten des Buddhismus zuwenden, sehr vorsichtig sein, denn es gibt zusätzliche Probleme, die auftauchen können: zum Beispiel könnten wir abergläubisch werden und von buddhistischen Ritualen Wunder erwarten. Es ist also viel besser und wird zumindest am Anfang eher empfohlen, sich auf die buddhistische Wissenschaft und die buddhistische Psychologie zu konzentrieren. Das sind Gebiete, die sehr gut in unsere westlichen Traditionen integriert werden können, ohne dabei Konflikte hervorzurufen. Lassen Sie uns also einige Aspekte der buddhistischen Wissenschaft und Psychologie betrachten.

Buddhistische Wissenschaft

Logik

Logik ist ein sehr wichtiger Teil des buddhistischen Trainings und sie wird in Form des Debattierens erlernt. Worin besteht nun also der Zweck des Debattierens? Der Zweck des Debattierens besteht nicht darin, seinen Gegner zu besiegen und zu beweisen, dass der Gegner im Unrecht ist. Vielmehr besteht der ganze Sinn der Debatte darin, dass es einen Befürworter gibt, jemanden, der eine bestimmte Position oder ein bestimmtes Verständnis einer buddhistischen Lehre vertritt, und dass die andere Person sein Verständnis herausfordert und versucht, ihn zu testen, um zu sehen wie gefestigt er in seinem Verständnis ist. Wenn wir also an dieses und jenes glauben, dann gibt es logischerweise etwas, was daraus folgt. Und wenn das, was daraus folgt, Unsinn ist und keinen Sinn ergibt, dann stimmt etwas mit unserem Verständnis nicht. Das ist sehr wichtig, denn wenn wir versuchen, etwas in Bezug auf die grundlegenden Tatsachen der Realität, zum Beispiel so etwas wie Unbeständigkeit, tiefer zu verstehen, dann sollten wir darüber – in so genannter Meditation – tief nachdenken und es zu einem Teil unserer Weise machen, wie wir die Welt betrachten.

Alles ändert sich von einem Moment zum anderen und dies zu verstehen ist, in Bezug auf unseren generellen geistigen Frieden sehr wichtig. Sie kaufen sich zum Beispiel einen neuen Computer, dann geht er irgendwann kaputt und Sie regen sich deswegen auf: „Warum ist er bloß kaputt gegangen?“ usw. Wenn man jedoch logisch darüber nachdenkt, liegt der Grund, dass er kaputtgegangen ist, darin, dass er überhaupt erst einmal hergestellt wurde. Er wurde aus so vielen verschiedenen Teilen und verschiedenen miteinander verbundenen Dingen hergestellt, alles ist sehr instabil und natürlich wird er irgendwann kaputt gehen.

Sogar wenn wir jemanden kennen lernen und eine feste Freundschaft oder sogar Partnerschaft entwickeln, wird sie irgendwann enden. Warum ist sie zu Ende gegangen? Warum sind wir auseinander gegangen? Wir sind auseinander gegangen, weil wir uns irgendwann kennen gelernt haben. Nachdem wir uns kennen gelernt haben, haben sich die Verhältnisse und Bedingungen im Leben dieser Person und in meinem Leben in jeden Moment geändert. Die Umstände, welche unsere anfängliche Freundschaft begünstigt haben, gibt es nicht mehr und die Freundschaft hängt von all diesen Bedingungen ab und wenn sie endet – nun, natürlich wird sie enden, weil sich die dafür förderlichen Bedingungen geändert haben. Das letztendliche Ereignis, welches für uns anscheinend die Trennung verursacht hat – zum Beispiel ein Streit – ist also nur der Auslöser, durch den die Freundschaft beendet wurde. Wenn es nicht dieser Anlass gewesen wäre, hätte es einen anderen Anlass gegeben. Die eigentliche Ursache, dass diese Freundschaft zu Ende ging, lag aber darin, dass sie irgendwann begann.

Das gleiche trifft in Bezug auf unser Leben zu (das ist die buddhistische Einstellung gegenüber dem Tod): Worin liegt der Grund, dass wir gestorben sind? Der Grund liegt darin, dass wir irgendwann geboren wurden. Die eigentliche Krankheit oder der Unfall waren nur die Umstände des Todes. Wenn man geboren wurde, stirbt man. Ganz einfach. Das ist die Realität. Das sind die Ansichten der buddhistischen Wissenschaft und es ist logisch. In einer Debatte würde also die andere Person Ihr Verständnis dieser Sache testen und versuchen, Lücken in ihrer Argumentation zu finden:

  • Nun, man könnte sagen: „Wenn ich dies nicht gegessen hätte, oder nicht an diesen Ort gegangen wäre, wäre ich nicht gestorben.“
  • Worauf die andere Person sagen würde: „Ja, aber dann hätte es andere Umstände gegeben. Weil man geboren wurde, wird man sterben.“

Auf diese Weise kommt man durch Logik, durch das Debattieren, zu einem eindeutigen Verständnis, ohne irgendwelche Unschlüssigkeiten („Ist es so, oder vielleicht anders?“) Auf diese Weise entwickeln wir ein sehr fundiertes und solides Verständnis. Und ob wir danach nun meditieren oder etwas anderes machen, es wird viel effektiver sein. Diese Art der Diskussion, der Debatte, der Logik ist für jeden in allen Situationen sehr hilfreich. Unser Denken ist oft sehr unklar; wir denken nicht an die Konsequenzen unserer Handlungen oder an die Konsequenzen unserer Denkweise. Wenn wir also lernen können, logisch zu denken, werden wir viel weniger Schwierigkeiten in unserem Leben haben.

Das ist also ein Aspekt der buddhistischen Wissenschaft.

Die Realität

Was nun die Realität betrifft, haben wir schon einen Punkt in Bezug auf die Unbeständigkeit angesprochen. Alles ändert sich von einem Moment zum anderen und in jedem Moment nähert sich alles mehr dem Ende. Das ist die Realität. Das trifft auf unser Alter zu. Wir mögen denken: „Oh, ich werde jeden Tag älter“ und sagen: „Nicht so schlimm“, aber wie viele von uns denken jeden Tag: „Ich nähere mich meinem Tod. Das ist einfach die Realität“? Wenn wir uns aber bewusst darüber sind, dass wir jeden Tag unserem Tod näher kommen und dass der Tod jederzeit eintreten kann (was stimmt), dann vergeuden wir unsere Zeit nicht. Wir verschieben nichts auf morgen, sondern gestalten unser Leben so sinnvoll wie es uns möglich ist. Und am sinnvollsten ist es zu versuchen, anderen von Nutzen zu sein. Das ist also die Realität. Und es ist sehr hilfreich zu denken: „Wenn dies mein letzter Tag wäre, was würde ich an diesem letzten Tag tun wollen? Wie würde ich ihn auf sinnvolle Weise nutzen?“ Denn wir wissen nie, wann unser letzter Tag sein wird. Wir könnten von einem Auto angefahren werden, wenn wir diesen Raum verlassen. Das soll uns nicht depressiv machen; aber es soll uns dazu bringen, unsere Zeit viel sinnvoller zu nutzen.

Lassen Sie uns ein anderes Beispiel in Bezug auf die Realität betrachten. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich mit zehn anderen Menschen zusammen in einem Aufzug und der Aufzug bleibt stecken. Der Strom geht aus und Sie stecken einen ganzen Tag in diesem Aufzug mit diesen zehn Menschen. Wie würden Sie miteinander umgehen? Wenn Sie anfangen, sich zu streiten, wenn Sie anfangen zu argumentieren usw. wird es in diesem Aufzug wie in der Hölle sein. Die einzige Möglichkeit zu überleben besteht darin, dass alle hilfsbereit, freundlich und nett zueinander sind, denn Sie stecken alle zusammen in diesem Aufzug fest; Sie stecken alle in der gleichen Situation. Das ist logisch. Das ist einleuchtend, nicht wahr? Wenn wir das nun auf die ganze Erde ausweiten: Die ganze Erde ist wie ein großer Aufzug und wir stecken alle zusammen auf dieser Erde fest. Wenn wir miteinander argumentieren und streiten, wird es für jeden einfach nur fürchterlich sein. Die einzige Art wie wir überleben können, besteht also darin, dass alle freundlich, nett und hilfsbereit zueinander sind, denn wir sind alle gleichermaßen hier und wir befinden uns alle in der gleichen Situation. Wir atmen die gleiche Luft; wir teilen uns den gleichen Ozean, das gleiche Wasser und das gleiche Land. Wir befinden uns alle im gleichen Aufzug. Das ist es, was ich meine. Das ist Realität kombiniert mit Logik.

Außerdem haben wir auch viele Fantasien und Projektionen. Wir bilden uns ein, wir und andere und die Welt existieren auf unmögliche Weisen. Wir projizieren das und es scheint, als würden die Dinge so existieren, aber es hat nichts mit der Realität zu tun; es ist nur unsere Fantasie, unsere Projektion.

Zum Beispiel mag ich denken, ich könne auf bestimmte Weise handeln und es hätte keine Konsequenzen. „Ich kann es mir erlauben, keine gute Ausbildung zu haben, ich kann faul sein und irgendwie wird das keinen Einfluss auf mein Leben haben; ich werde trotzdem erfolgreich sein.“ Oder: „Ich kann zu spät kommen, ich kann gemeine Dinge zu anderen sagen und das wird keine Konsequenzen haben.“ Viele Menschen meinen, andere Menschen hätten keine wirklichen Gefühle. Sie denken nie darüber nach, dass das, was sie sagen, die andere Person verletzen könnte. Also das Beispiel: „Ich kann zu spät kommen und es ist egal.“ Nun, das entspricht nicht der Realität. Das ist eine Projektion der Fantasie in Bezug auf Ursache und Wirkung. In der Realität ist es so, dass jeder Gefühle hat, genau wie ich und was ich sage und wie ich mit dir umgehe, wird deine Gefühle beeinflussen, genau so, wie die Art und Weise, wie du mit mir umgehst und mit mir redest, meine Gefühle beeinflussen wirst. Das entspricht der Realität, nicht wahr? Und je mehr wir das verstehen und uns darüber bewusst sind, umso rücksichtsvoller gehen wir mit anderen um. Wir kümmern uns darum, wie wir auf andere wirken und ändern unser Verhalten entsprechend.

Oder vielleicht bilde ich mir ein, ich existiere unabhängig von allen anderen. Das entspricht auch nicht der Realität, oder? Wenn ich so denke, könnte ich meinen: „Es sollte immer nach meinen Vorstellungen laufen. Ich bin der/die Wichtigste. Deshalb sollte ich im Restaurant immer zuerst, vor allen anderen, bedient werden“ und wenn es nicht nach unserem Kopf geht, regen wir uns auf und werden ganz wütend. Das Problem besteht natürlich darin, dass alle anderen meinen, sie seien die wichtigsten Menschen und niemand wird damit überinstimmenn, dass wir die Allerwichtigsten sind. Das ist also unsere Projektion. Das ist unsere Fantasie. Das ist nicht die Realität. Niemand ist das Zentrum des Universums. Niemand ist der Allerwichtigste. Wir sind alle in dem Sinne gleich, dass jeder will, dass man ihn mag, niemand möchte, dass man ihn nicht mag. Jeder, der im Restaurant darauf wartet, bedient zu werden, möchte seine Mahlzeit haben, nicht nur ich. Jeder, der im Wartezimmer warten muss, möchte drankommen, nicht nur ich. Wir sind also alle gleich. Das ist auch wieder die Realität.

Buddhistische Wissenschaft und westliche Wissenschaft

Es ist Teil der buddhistischen Wissenschaft, die Realität zu verstehen und unser Verhalten entsprechend zu ändern. Es gibt natürlich andere Aspekte der Lehren über die Realität. Und es ist sehr interessant, wie westliche Wissenschaftler beginnen herauszufinden, dass viele Punkte der buddhistischen Wissenschaft korrekt sind, dass es andere Sichtweisen gibt, die sie vorher nicht in Betracht gezogen hatten.

Zum Beispiel gibt es in der westlichen Wissenschaft das Gesetz der Erhaltung von Materie und Energie: Materie und Energie können weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden. Wenn wir auf diese Weise denken, folgt daraus logischerweise, dass es weder Anfang noch Ende gibt. Wenn wir das in Bezug auf den Urknall betrachten, mögen wir denken, dass der Urknall aus nichts entstanden ist – dass er im Nichts begann – aber die buddhistische Sichtweise ist die, dass es vor dem Urknall etwas gab. Der Buddhismus hat kein Problem damit, dass der Urknall als Beginn dieses bestimmten Universums angesehen wird, aber es gab zahllose Universen davor und es wird zahllose Universen danach geben. Und in der westlichen Wissenschaft beginnt man langsam auch in diese Richtung zu denken. Und es ist auch logisch, von einem grundlegenden Standpunkt der westlichen Wissenschaft aus gesehen. Hier kommen wir also wieder zur Logik. Wenn man glaubt, dass Materie und Energie weder erschaffen noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden können, dann ist es logischerweise vollkommen widersprüchlich zu behaupten: „Es hat aber mit dem Urknall begonnen.“ Das ist ein deutliches Beispiel dafür, wie man buddhistische Logik auf Standpunkte, die wir in der westlichen Wissenschaft vertreten, anwenden und sie debattieren kann.

Eine der wichtigsten Aussagen in der buddhistischen Wissenschaft betrifft die Beziehung zwischen Geist und Materie. Geist und Materie sind miteinander verbunden. Man kann den Geist nicht nur auf das Gehirn oder einige chemische Vorgänge reduzieren. Das Problem wenn man das Wort Geist benutzt ist folgendes:, wir neigen dazu, „Geist“ als eine Art von Ding zu betrachten, aber das ist nicht das buddhistische Konzept. Im buddhistischen Konzept geht es um geistige Aktivität. Und geistige Aktivität – was bedeutet, Dinge wahrzunehmen oder zu erkennen – können wir mithilfe von chemischen oder elektrischen Vorgängen im Gehirn beschreiben, aber wir können sie auch von einer erfahrungsgemäßen Sichtweise beschreiben und es ist diese erfahrungsgemäße Sichtweise, über die wir reden, wenn wir über den Geist sprechen.

Und die Mediziner entdecken gerade, dass es stimmt, was im Buddhismus gesagt wird, dass unsere Geisteshaltung, die Qualität unserer Lebenserfahrung, unsere körperliche Gesundheit beeinflussen wird. Wenn wir also Geistesfrieden haben, innere Ruhe …Das bedeutet, frei davon zu sein, sich ständig Sorgen zu machen, zu lamentieren und auf sehr negative, pessimistische Weise zu denken. Wenn wir in dieser negativen Weise denken, ist das schädlich für die Gesundheit. Wenn wir aber optimistisch, gütig, freundlich und friedlich sind und an andere denken – das stärkt das Immunsystem und ist gesundheitsfördernd. Die medizinischen Wissenschaftler führen weltweit in verschiedenen Zentren Forschungen auf diesem Gebiet durch und sie sind der Meinung, dass es stimmt, was im Buddhismus gesagt wird: dass unser Geisteszustand den Körper, also die Materie beeinflusst. Und im Westen gibt es jetzt viele Programme, in denen die so genannte „Achtsamkeitsmeditation“ [1] zur Schmerzkontrolle genutzt wird, um den Menschen dabei zu helfen, mit Stress, Schmerzen und schwierigen Situationen umzugehen. Dabei geht es im Wesentlichen darum, sich auf den Atem zu konzentrieren und dadurch zur Ruhe zu kommen. In gewissem Sinn werden wir dadurch mit der Erde, einem physischen Element, verbunden so dass wir nicht mehr so aufgwühlt sind und denken: „Ich, ich, ich und meine Schmerzen und meine Sorgen“ und „Ich bin so beunruhigt.“ Es beruhigt uns und ist wirklich sehr hilfreich, um mit Schmerzen umgehen zu können. Wir müssen also auf keinen Fall einer buddhistischen Religion folgen, um von solchen Methoden profitieren zu können.

Das ist also buddhistische Wissenschaft.

Buddhistische Psychologie

Bei der buddhistischen Psychologie geht es nun darum, wie wir die Dinge erkennen, oder in anderen Worten um Kognitionswissenschaft (der Unterschied zwischen Psychologie und Wissenschaft ist nicht so strikt). Es gibt also die Analyse der Arten des Erkennens – wie erkennen wir Dinge? – und außerdem geht es auch darum, wie wir mit emotionalen Problemen umgehen. Das sind die zwei Bereiche der buddhistischen Psychologie.

Arten des Erkennens

Es ist sehr wichtig, den Unterschied zwischen gültigen Arten des Verstehens und ungültigen Arten des Verstehens oder des Erkennens sehen zu können. Der Buddhismus hat viel dazu zu sagen. Eine gültige Art etwas zu erkennen, wird als Art des Erkennens definiert, welche sowohl exakt als auch entscheidend (oder entschieden) ist. Exakt bedeutet, dass sie korrekt ist – sie entspricht der Realität; sie kann von anderen bestätigt werden. Und entscheidend bedeutet, dass wir uns sicher sind; es ist eindeutig. Es ist nicht die Geisteshaltung: „Nun, vielleicht ist es so, oder vielleicht ist es auch so, aber ich weiß es nicht.“

Was sind also die gültigen Arten, Dinge zu erkennen? Wir können so genannte bloße Wahrnehmung haben. Hierbei geht es um Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen einer körperlichen Sinnesempfindung (und wir können diese auch in Träumen erfahren und dann sind sie geistiger Natur). Wenn wir also jemanden sehen, sollte es gültig sein. Es ist nicht immer gültig: „Ich dachte, ich hätte dort drüben etwas gesehen, aber ich bin mir nicht wirklich sicher.“ „Ich dachte, ich hätte Sie in der Menschenmenge gesehen, aber ich bin mir nicht wirklich sicher. Ich dachte ich hätte Sie gesehen, aber tatsächlich war es jemand anderer.“ „Ich dachte, Sie hätten das gesagt, aber vielleicht habe ich mich geirrt und mich verhört.“ Das ist nicht gültig, oder? Das ist nicht exakt und entscheidend.

Und für eineTäuschung kann es eine Menge Ursachen geben. Wenn ich zum Beispiel meine Brille abnehme und vor mir alles nur noch verschwommen sehe. Aber es ist nicht so, dass Sie verschwommen existieren, nicht wahr? Etwas stimmt mit meinen Augen nicht und deshalb sieht es falsch aus. Wenn ich jemand anderen fragen würde: „Sehen Sie dort drüben etwas Verschwommenes?“ würden er es verneinen und so würde ich wissen, dass es falsch war.

Es gibt also bloße Wahrnehmung und hier reden wir über exakte, entscheidende Wahrnehmung.

Und auch schlussfolgerndes Verständnis ist gültig. Allerdings sollte das Verständnis ein gültiges sein und nicht fehlerhaft. Schlussfolgerung. Argumentation. „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ heißt es in dem klassischen Beispiel. Weit weg auf einem Berg sieht man Rauch aus einem Schornstein aufsteigen. Wir haben also eine gültige Wahrnehmung – wir sehen den Rauch – und wir schlussfolgern, dass es ein Feuer gibt (das eigentliche Feuer sehen wir nicht). Wo Rauch ist, muss auch ein Feuer sein. Das ist also gültig.

Aber es gibt einige Dinge, die man nicht einmal mithilfe der Logik wissen kann, wie zum Beispiel den Namen der Person, die in dem Haus lebt und dafür braucht man eine gültige Quelle von Informationen. Es ist auch eine Art der Schlussfolgerung, dass diese Person eine gültige Quelle von Informationen ist und deshalb das, was sie sagt, wahr ist. Das beste Beispiel hierfür ist die Frage: „Wann ist mein Geburtstag?“ Es ist nicht möglich unseren Geburtstag selbst zu wissen. Die einzige Möglichkeit herauszufinden, wann unser Geburtstag war, besteht darin, unsere Mutter zu fragen oder die Geburtsurkunde einzusehen, also eine gültige Quelle von Informationen heranzuziehen.

Es gibt viele Formen der Schlussfolgerung. Es gibt die Schlussfolgerung auf der Grundlage allgemeiner Konventionen: Man hört ein Geräusch. Woher weiß man, dass es sich dabei um ein Wort handelt? Und woher weiß man, was es bedeutet? Wenn man darüber nachdenkt, ist es ein ziemlich erstaunlicher Prozess. Im Grunde hören wir nur Geräusche, aber weil wir bestimmte Konventionen gelernt haben, können wir, wenn wir diesen Klang hören, schlussfolgern, dass es der Klang eines Wortes ist und wir können schlussfolgern, dass es eine bestimmte Bedeutung hat. Natürlich müssen wir das auch überprüfen, denn manchmal ist es so, dass eine Person etwas sagt und wir denken, dass sie damit etwas meint, aber eigentlich meint sie etwas ganz anderes damit.

Darüber reden wir also, wenn wir über diesen Aspekt der buddhistischen Psychologie, der Kognitionswissenschaft sprechen. Es ist wichtig, dass wir es überprüfen: „Von dem, was Sie gesagt haben schlussfolgere ich, dass Sie dies damit gemeint haben, aber ist das korrekt oder nicht?“ Sehr oft missverstehen wir, was die andere Person gemeint hat, nicht wahr? Jemand sagt: „Ich liebe dich“ und wir könnten denken, es bedeute, die Person sei sexuell an uns interessiert, obwohl es ganz und gar nicht das ist, was sie damit sagen wollte. Viele Missverständnisse können durch diese fehlerhafte Schlussfolgerung entstehen.

Wenn es sich also um eine gültige Schlussfolgerung handelt, ist sie exakt und entscheidend.

Vermutungen sind ungültig. „Ich vermute, dass Sie dies meinen, aber ich bin mir nicht sicher.“ Bei der Vermutung handelt es sich im Grunde um Raten. „Ich rate mal bzw. nehme an, dass Sie dies meinen.“ Es könnte richtig sein, es könnte falsch sein, aber es ist nicht entscheidend. „Ich vermute, dass es das ist, was Sie damit meinen.“ Das ist eine Vermutung. Aber wir sind uns nicht sicher.

Dann gibt es unentschlossenes Schwanken: „Meinen Sie dies, oder meinen Sie das?“ Wir schwanken hin und her.

Und dann gibt es die verzerrte Wahrnehmung, bei der wir etwas vollkommen Falsches annehmen. Dabei handelt es sich ganz und gar nicht um das, was die andere Person meinte.

Auf diese Weise funktioniert die Wahrnehmung und im Buddhismus geht es sehr viel darum. Unabhängig davon, was unsere Herkunft oder Situation ist, es wird uns wirklich sehr helfen, wenn wir dies verstehen: „Ist meine Art des Erkennens korrekt oder falsch?“ Wenn ich mir noch nicht sicher bin, sollte ich das erkennen und versuchen, es zu berichtigen und ich sollte wieder versuchen herauszufinden, was die Realität ist. Das ist für jeden hilfreich. Dafür braucht man keine buddhistische Religion und keine buddhistischen Rituale.

Störende Emotionen

Bei der anderen wichtigen Thematik in der buddhistischen Psychologie geht es um Emotionen. Wir haben sowohl positive als auch negative Emotionen. Die negativen Emotionen sind störende Emotionen; sie stören unseren Geistesfrieden. Dabei reden wir über Dinge wie Ärger. Die Definition lautet: es eine Geisteshaltung, bei der wir unseren Geistesfrieden verlieren, wenn sie auftritt – wir regen uns ein wenig auf, wir werden ein wenig nervös – und das führt dazu, dass wir die Selbstbeherrschung verlieren. Wenn wir uns ärgern ist unsere Energie gestört – das kann man fühlen. Und dann sagen und tun wir Dinge, die wir später vielleicht bereuen werden. Wir handeln einfach zwanghaft.

Im Buddhismus hören wir viel über Karma. Und beim Karma geht es um diesen zwanghaften Aspekt unseres Verhaltens auf der Grundlage vorangegangener Gewohnheiten. Wenn wir also große Anhaftung oder Verlangen oder Gier verspüren, dann verspüren wir wiederum keine innere Ruhe – wir sind aufgewühlt, weil wir etwas haben wollen – und wiederum haben wir keine Selbstbeherrschung, wie mit der Schokolade, die man einfach essen muss.

Das sind also störende Emotionen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch positive Emotionen. Der Buddhismus sagt nicht, dass man sich von allen Emotionen lösen muss. Es gibt Dinge wie Liebe, dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen und die Ursachen für Glück besitzen mögen, unabhängig davon was sie tun, unabhängig davon, wie sie mich oder meine Freunde behandeln. Und es gibt Mitgefühl, das ist der Wunsch, dass andere frei von Leiden und den Ursachen der Leiden sein mögen. Es gibt Geduld. Es gibt Respekt. Es gibt also auch viele positive Emotionen. Es ist wichtig, dass wir lernen, zwischen dem, was in unseren Emotionen und bei unserer Handlungsweise konstruktiv und dem, was destruktiv ist, unterscheiden zu können. Und im Buddhismus gibt es nicht nur viele Lehren über diese verschiedenen emotionalen Zustände und wie wir sie erkennen können, sondern auch viele Methoden, durch die wir uns von diesen verwirrenden Geisteszuständen lösen können.

Erinnern Sie sich, dass wir über falsche Wahnnehmungen, über Projektionen von Dingen, die einfach nicht real sind, gesprochen haben? Eine der größten Projektionen ist die Projektion in Bezug darauf, wie wir existieren. Wie schon gesagt ist es vereinfacht so: wir denken, dass wir die Wichtigsten sind, dass wir solide, für uns selbst existieren, dass es immer nach uns gehen sollte und dass jeder uns mögen sollte. Es ist jedoch sehr interessant, über Folgendes nachzudenken: „Nicht jeder mochte Buddha, warum sollte ich also erwarten, dass mich jeder mögen wird?“ Es ist sehr hilfreich, sich daran zu erinnern.

Bei uns ist es jedenfalls so, dass wir denken: „Ich bin dieses solide Ding, das in meinem Kopf sitzt, der Erzeuger der Stimme in meinem Kopf, die sich darüber Sorgen macht: Was soll ich tun?Was halten die Menschen von mir?“ Als ob es ein kleines ichin meinem Kopf gibt, welches all die eingehenden Informationen der Sinne auf einem Bildschirm betrachtet und über Lautsprecher hört und auf Knöpfe drückt, um den Körper zu bewegen oder die Stimme zu aktivieren: „Jetzt werde ich dies tun. Jetzt werde ich das sagen.“ Das ist eine störende falsche Vorstellung, welche wir über uns haben. Woher wissen wir, dass sie störend ist? Weil wir uns alle unsicher fühlen. Wenn wir so denken, haben wir diese Unsicherheit und Sorge in Bezug auf uns selbst: „Was halten die Menschen von mir?“ usw.

Was also geschieht ist, dass wir diese Projektionen nicht nur in Bezug auf uns selbst, sondern auch in Bezug auf alles um uns herum haben. Wir sehen verschiedene Objekte und überbewerten die guten Eigenschaften, die sie haben. Wir projizieren sogar gute Eigenschaften, die gar nicht da sind. Wenn wir uns zum Beispiel in jemanden verlieben, denken wir: „Sie ist die wunderbarste Person in der Welt.“ Wir ignorieren völlig irgendwelche Mängel, die sie haben mag. „Sie ist die schönste, begehrenswerteste Person, die ich jemals gesehen habe.“ Und wenn wir sie nicht besitzen, haben wir sehnsüchtiges Verlangen: „Ich muss sie als Partner, als Freund bzw. Freundin gewinnen.“ Und wenn sie unser Freund bzw. unsere Freundin ist, entsteht Anhaftung (wir wollen nicht loslassen) und Gier (wir wollen mehr und mehr von ihrer Zeit).

Das ist also ein störender Geisteszustand, nicht wahr? Wir müssen realistisch erkennen: jeder hat starke und schwache Seiten. Oft denken wir vollkommen unrealistisch: „Ich bin der/die Wichtigste. Ich bin der/die Einzige in deinem Leben. Du solltest mir all deine Zeit widmen“ und wir vergessen völlig, dass es andere Menschen im Leben des/der anderen gibt, dass es andere Dinge gibt, mit denen er/sie sich beschäftigt, nicht nur mit uns. Also werden wir wütend. Wir fühlen uns unsicher. Und wenn die andere Person uns nicht anruft, dann heben wir diese negative Eigenschaft hervor und wollen keine guten Eigenschaften in Zusammenhang mit ihr sehen. Und wir werden wütend; wir wollen es loswerden und schreien sie an: „Warum hast du mich nicht angerufen? Warum bist du nicht gekommen?“ Das alles basiert darauf, dass es ein kleines ichgibt, dass es immer nach meinem Kopf gehen sollte, dass ich der wichtigste Mensch sein sollte und es basiert auf der unrealistischen Tatsache, dass ich der einzige Mensch im Leben dieser Person bin.

Im Buddhismus gibt es eine sehr klare Analyse dafür, was aufwühlend, was fehlerhaft an dieser Denkweise und diesem Gefühl ist. Denn unser Geist lässt Dinge einfach so erscheinen und das Problem besteht darin, dass wir glauben, es entspräche der Wirklichkeit. Wir haben also all diese Methoden, um in gewisser Weise diesen Fantasie-Luftballon platzen zu lassen. Es mag sich so anfühlen, als wäre ich der einzige Mensch, der existiert, denn, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich niemanden mehr und da ist immer noch die Stimme in meinem Kopf. Aber das ist albern. Das ist nicht die Realität. Es entspricht nicht der Realität. Sie hören nicht auf zu existieren, wenn ich meine Augen schließe. Das also ist grundlegende buddhistische Psychologie.

Entwicklung von Liebe und Mitgefühl

Oder was Liebe und Mitgefühl betrifft: es gibt viele Methoden sie zu entwickeln, die im Buddhismus gelehrt werden und jeder kann von ihnen profitieren (auch ohne die religiösen Aspekte des Buddhismus zu befolgen). Liebe und Mitgefühl gründen darauf, dass alle gleich sind: jeder will glücklich sein; niemand will unglücklich sein. Jeder ist gerne glücklich. Niemand ist gerne unglücklich. Wir sind alle gleich.

Wir sind alle miteinander verbunden. Mein ganzes Leben hängt von der Güte und der Bemühung anderer ab. Denken wir nur an all die Menschen, die notwendig sind, um die Nahrung, die wir essen, anzubauen, sie zu transportieren, sie in unsere Geschäfte zu bringen. Dann gibt es Menschen, die Straßen bauen und Menschen, die Lastwagen bauen, um die Nahrung transportieren zu können. Und woher kam das Metal? Jemand musste das Metal abbauen, um die Lastwagen herstellen zu können. Was ist mit dem Gummi für die Reifen? Wo stammt das her? Es gibt so viele Menschen, die auch in diesem Bereich tätig sein. Und was ist mit dem Benzin und den Dinosauriern, deren Körper sich zersetzt haben und wodurch schließlich Benzin entstanden ist? Wenn wir auf diese Weise nachdenken, erkennen wir, dass wir vollkommen miteinander verbunden und von allen anderen abhängig sind. Und das wird sogar noch offensichtlicher in Bezug auf unsere Weltwirtschaft.

Auf der Grundlage, dass wir diese Gleichheit aller und unsere Wechselbeziehung mit allen verstehen, denken wir: „Welche Probleme es auch immer geben mag, sie müssen gelöst werden.“ Denn wie ein großer buddhistischer Meister aus Indien sagte: „Probleme und Leiden gehören niemandem, sie haben keinen Besitzer; Leiden müssen beseitigt werden, nicht weil es meine Leiden oder deine Leiden sind – sie müssen einfach deshalb beseitigt werden, weil sie wehtun.“ Zum Beispiel mag es ein Problem mit der Umwelt geben; dann ist es nicht nur mein Problem oder dein Problem; es ist das Problem aller. Es gibt keinen Besitzer des Problems. Es muss gelöst werden, weil es ein Problem ist, einfach weil es ein Problem ist und allen Schwierigkeiten bereitet.

Auf diese Weise entwickeln wir also Liebe und Mitgefühl mit einer Methode, die nichts mit Religion zu tun hat, sondern völlig auf Logik und Realität basiert.

Video: Mingyur Rinpoche — „Buddhistische und westliche Wissenschaft vom Geist“ 
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Buddhistische Religion

Wenn wir uns also die Frage stellen: „Warum Buddhismus?“ dann sind dies die Aspekte, die den Buddhismus für uns in der westlichen Welt relevant machen: die wissenschaftlichen Aspekte und die psychologischen Aspekte. Dann mögen einige von uns im Westen zusätzlich die religiösen Aspekte des Buddhismus nützlich finden – die Rituale, die Lehren über Wiedergeburt, die Gebete usw. Wie ich aber schon gesagt habe ist es wirklich wichtig, sehr sorgfältig zu prüfen, was unser Grund für diese Anziehung ist. Ist es einfach die Faszination für das Exotische? Suchen wir nach einer Art Wunder? Wollen wir uns damit gegen unsere Eltern oder gegen unsere Traditionen auflehnen? Tun wir es einfach nur deswegen, weil es dem momentanen Trend entspricht und es sozusagen „cool“ ist, sich mit dem Buddhismus zu befassen? Das sind keine triftigen Gründe, denn sie dauern nicht an; sie sind nicht beständig. Wenn wir uns angezogen fühlen und wenn wir die religiösen Aspekte als nützlich für uns empfinden (sie helfen mir, ein gütigerer, mitfühlenderer Mensch zu sein) und wenn sie die wissenschaftlichen und psychologischen Aspekte ergänzen – und das ist sehr wichtig, dass sie die Bereiche der Wissenschaft und Psychologie ergänzen und nicht ersetzen sollten – wenn die religiösen Aspekte diese Eigenschaften für uns haben, dann ist es in Ordnung.

Auf diese Weise unterscheiden wir buddhistische Wissenschaft, buddhistische Psychologie und buddhistische Religion.

Fragen zum Geist und zur Wiedergeburt

Wenn wir über Wiedergeburt reden, benutzen wir den Begriff eines Geistes. Inwieweit überschneidet sich das mit der Idee einer Seele?

Wenn wir über Wiedergeburt reden, reden wir über den Geist. Inwieweit überschneidet sich das mit der Seele? Es ist wichtig zu verstehen, was wir unter Geist und was wir unter Seele verstehen.

Bei der Wiedergeburt geht es um Kontinuität. So wie Materie und Energie weder erschaffen noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden können, kann unsere individuelle, subjektive geistige Aktivität in ähnlicher Weise weder erschaffen noch vernichtet werden. Es wäre unlogisch, wenn sie aus nichts entstanden wäre. Und wenn jeder Moment einen nächsten Moment in der Kontinuität erschafft, dann wäre es unlogisch, dass es zu einem Ende kommen und sich in Nichts verwandeln würde. Natürlich gibt es immer einen körperlichen Träger für diese geistige Aktivität, aber es kann sich um wirklich sehr subtile Energie handeln; es muss kein grobstofflicher Körper mit einem Gehirn sein. Das ist es, was von Leben zu Leben, sogar bis in die Buddhaschaft weitergetragen wird: die Kontinuität der individuellen, subjektiven geistigen Aktivität, die auf vielen verschiedenen Ebenen sehr subtil oder sehr grobstofflich sein kann, aber sie setzt sich von einem Moment zum nächsten fort, ohne eine Pause.

Wenn wir nun über die Seele reden, dann handelt es sich natürlich um einen westlichen Begriff. Und in verschiedenen Sprachen – auch in westlichen Sprachen – gibt es Begriffe für den Geist, es gibt Begriffe für Spirit (engl., Anmerkung der Lektorin: auf Deutsch je nach Zusammenhang mit Seele, Geist, geistiges Wesen, Animus etc. zu übersetzen) und es gibt Begriffe für die Seele. Sie korrespondieren nicht miteinander, nicht einmal in unseren westlichen Sprachen, und in verschiedenen Religionen wird die Seele in verschiedenen Sprachen unterschiedlich definiert. Und in den westlichen Religionen gibt es die Beziehung zwischen der Seele und Gott. Und in den indischen Religionen gibt es den Atman, und wiederum gibt es verschiedene Ideen über den Atman. Es ist also schwierig, etwas Allgemeines in Bezug auf den Begriff Seele zu sagen.

Es ist jedoch viel einfacher, über das Ich zu reden – nicht das Konzept eines Ich, sondern was ist dieses Ich? Das Ich oder das Selbst ist etwas, was wir alle haben, jedoch projizieren wir auf es Weisen, wie es existiert, die nicht der Realität entsprechen. Zum Beispiel meinen wir, es gäbe ein solides Ich, wie ein Gepäckstück auf einem Förderband, welches durch unser ganzes Leben und auch in unser nächstes Leben hinein befördert wird. Es ist sehr interessant: Man sieht sich ein Bild von sich selbst als Baby an und sagt: „Das bin ich“. Was bin ich in alledem? Jede Zelle des Körpers hat sich geändert. Die Denkweise, die Art und Weise, Dinge zu verstehen, ist völlig anders, als zu der Zeit, als wir ein Baby waren. Und trotzdem sagen wir: „Das bin ich“. Was ist also dieses IchIch ist ein Wort, mit dem wir all diese sich ändernden Umstände in unserem Leben bezeichnen. Und das Ich ist nicht eines dieser Bilder, sondern das Wort ich bezieht sich, basierend auf all diesen verschiedenen Momenten in meinem Leben, auf etwas, was sich von einem Moment zum anderen ändert.

Ich benutze als Beispiel immer einen Film, zum Beispiel den Film Krieg der Sterne. Was ist Krieg der Sterne? Wir sagen: „Ich habe Krieg der Sterne gesehen“, aber können wir den ganzen Film in einem Moment sehen? Nein. Irgendein Moment dieses Filmes, ist das Krieg der Sterne? Nun ja. Es ist ein Moment des Filmes Krieg der Sterne. Krieg der Sterne ist nicht das gleiche, wie jeder einzelne Moment des Filmes. Krieg der Sterne ist nicht einfach der Titel: „Krieg der Sterne“. Der Name „Krieg der Sterne“ bezieht sich auf einen Film – es gibt einen Film Krieg der Sterne, er existiert – aber man kann ihn in keinem Teil des Filmstreifens finden, man kann ihn in keiner Szene finden, aber er existiert in einer sich ändernden Form von einem Moment zum anderen.

Mit dem Ich oder dem Selbst ist es ähnlich. Es gibt das Wort ich.Es bezieht sich auf etwas – ich sitze hier; ich tue dies; ich rede mit Ihnen. Das ist jedoch nicht identisch mit meinem Geist oder meinem Körper oder irgendeinem Moment davon. Aber auf der Grundlage der Kontinuität des Körpers und des Geistes können wir es als ich bezeichnen. Es ist nicht du. Es ändert sich von einem Moment zu dem anderen und es ist nichts Solides. Wollen Sie es also Seele nennen? Wie wollen Sie es nennen?

Welchen Begriff hat Buddha Shakyamuni in Sanskrit oder Pali dafür benutzt?

Den Begriff, den Buddha benutzt hat, war anata in Pali oder anatman in Sanskrit, was „nicht der Atman“ bedeutet, welcher von den anderen Schulen der indischen Philosophie postuliert wird. Die anderen Schulen der indischen Philosophie behaupten, der Atman sei etwas Statisches (er verändere sich nie und wird nie durch irgendetwas beeinflusst), er sei teilelose (was bedeutet, dass er entweder so groß wie das Universum ist, dass der Atman das Gleiche wie Brahma ist, das gesamte Universum, oder dass der Atman wie ein winziger Lebensfunke ist) und er könne vollkommen getrennt von einem Körper und einem Geist in einem Zustand der Befreiung existieren.

Einige indische Philosophien behaupten, diese Form des Atman habe Bewusstsein. Das ist die Samkhya-Schule. Und die Nyaya-Schule meint, er habe kein Bewusstsein. Und diejenigen, die behaupten er habe Bewusstsein, sagen, er bewohne lediglich diesen Körper und benutze das Gehirn. Und diejenigen, die behaupten, er habe kein Bewusstsein, sagen, er gehe in den Körper ein und sie sagen, das Bewusstsein entstehe einfach auf der physischen Grundlage des Körpers.

Das sind also die Haltungen, die Buddha widerlegte, als er von „kein Atman“ sprach. Damit will er sagen: kein Atman in der Weise, wie es in diesen anderen Schulen definiert und behauptet wird. Es gibt jedoch einen Atman, es gibt ein Selbst, aber es existiert auf andere Weise – als so genanntes „konventionelles Selbst“, als „konventioneller Atman“.

Wenn jemand an Wiedergeburt glaubt und sie sagen, dass sie wiedergeboren werden, wie sicher können sie sein, dass all die Eigenschaften und all die Informationen, die in ihrem Bewusstsein gespeichert sind, in ihr nächstes Leben übertragen werden?

Zuerst einmal postuliert der Buddhismus, dass die Wiedergeburt anfangslos ist – ohne Anfang – was bedeutet, dass wir Gewohnheiten und Instinkte von unendlich vielen Leben in uns tragen. Und abhängig von sehr vielen verschiedenen Faktoren werden sich nur einige dieser Instinkte und Tendenzen in einem jeweiligen Leben manifestieren. Sogar wenn wir als Menschen in einer kostbaren menschlichen Wiedergeburt, die sehr selten ist, wiedergeboren werden ist es sicherlich nicht so, dass sich all die Instinkte und die Bildung des unmittelbar vorangegangenen Lebens im nächsten Leben wieder manifestieren werden. Es hängt viel davon ab, was wir gerade gedacht haben und wie unsere Geisteshaltung war, als wir gestorben sind. Und dann geht es auch um all die Umstände und Bedingungen unseres nächsten Lebens, die sich nicht nur auf die Bedingungen in unserer Familie beschränken. Zum Beispiel könnte es eine Hungersnot in dem Land geben, oder einen Krieg – es könnten so viele Dinge geschehen, die darauf Einfluss haben, was sich manifestiert.

Dann ist es sehr wichtig, zu versuchen, den Schwerpunkt in unserem Leben darauf auszurichten, positive Gedanken, keine negativen Gedanken oder negatives Verhalten zu haben, und mit einem ruhigen friedlichen Geist, positiven Gedanken und Absichten zu sterben, um den spirituellen Weg weiter gehen zu können.

Widmung

Vielleicht ist das ein guter Moment hier zu enden. Wir denken: Was immer wir an Verständnis und positiver Kraft hieraus gewonnen haben, mögen es tiefer und tiefer gehen.

Das mag sich nach buddhistischer Religion anhören, aber es ist auch ziemlich wissenschaftlich. Wenn man einen schönen Austausch mit jemanden hatte und eine bedeutungsvolle, positive Konversation geführt hat und sie durch ein klingelndes Telefon beendet wird, nimmt die Energie einfach ab und man vergisst völlig die positive Konversation, die man vorher geführt hat. Wenn wir ein Gespräch jedoch beenden, indem wir denken: „Möge dies einen guten Einfluss auf mich ausüben“, dann bleibt dieses positive Gefühl, dieses Verständnis bei uns und kann uns in unserem Leben helfen. So beenden wir also unsere Diskussion und das ist eine sehr hilfreiche Methode, jeglichen positiven Austausch mit wem auch immer zu beenden.

[1] (Anmerkung der Lektorin: Ein Beispiel hierfür ist „mindfulness based stress reduction“ (MBSR, Deutsch: Achtsamkeitsbasierte Stress-Reduktion, bei der außer Atemmeditationen noch ein sogenannter „Körperscan“ sowie Yogaübungen etc. durchgeführt werden)

Video: Dr. Alan Wallace — „Warum Buddhismus studieren?“ 
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