Allgemeine Prinzipien der Diagnose
Lasst uns nun über die Diagnose von Krankheiten in der tibetischen Medizin sprechen, die in einem dreistufigen Prozess erfolgt. Als erstes findet eine visuelle Untersuchung statt, bei der die Zunge und der Urin geprüft werden. Manchmal sieht man sich auch die Augen an und schaut nach Anzeichen von Begleiterscheinungen, wie etwa eine Gelbfärbung der Lederhaut als Hinweis auf eine Galle-Störung bei Gelbsucht. Ein eigenständiges Diagnosesystem anhand der Augen, vergleichbar mit der Irisdiagnostik, existiert in der tibetischen Medizin jedoch nicht. Der zweite Vorgang ist die Pulsanalyse und im dritten Vorgang wird der Patient zu seinen Symptomen befragt.
Zu den typischen Anzeichen einer allgemeinen Wind-Störung zählen häufiges Gähnen, Frösteln, Zittern, tiefes Seufzen und das Bedürfnis, die Glieder zu strecken. Hinzu kommen Hüft- und Gelenkschmerzen (besonders um die Schulterblätter), leeres Würgen, eine Dämpfung der Sinneswahrnehmungen sowie Depression, Paranoia, innere Unruhe und Schmerzen bei leerem Magen. Symptome einer Galle-Störung sind ein bitterer Geschmack im Mund, Kopfschmerzen, Fieber, ein brennendes Gefühl in den Augen, Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht und Sonnenlicht, Schmerzen im Oberkörper sowie Unwohlsein beim Essen. Einige der häufigsten Schleim-Symptome sind Appetitlosigkeit, ein Gefühl von Blähungen selbst bei leerem Magen, ständiges Aufstoßen, Schwere von Körper und Geist, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Geschmacksverlust beim Essen, ein Kältegefühl sowohl von außen als auch von innen, sowie Unwohlsein nach dem Essen. Natürlich hat man nicht unbedingt all diese Symptome, aber es ist gut sie zu kennen.
Während einer tibetisch-medizinischen Untersuchung ist die Befragung im Grunde nur minimal, denn alles kann man einfach anhand des Urins und der Pulsdiagnose herausfinden, wobei für fachkundige Ärzte die Untersuchung von Puls oder Urin ausreichend ist. Die Befragung zu den Symptomen wird oft nur am Ende hinzugefügt, um die Diagnose zu bestätigen. Es hat tibetische Ärzte gegeben, die in den Vereinigten Staaten und Europa in Krankenhäuser gegangen sind und einfach, ohne irgendwelche Fragen zu stellen oder irgendeine Hintergrundinformation zu bekommen, durch Untersuchen des Pulses der Patienten in der Lage waren, nicht nur ihre Krankheiten akkurat zu diagnostizieren, sondern auch ihren medizinischen Hergang zu erzählen, was die westlichen Ärzte in Erstaunen versetzt hat.
Man sollte auch beachten, dass eine tibetisch-medizinische Untersuchung viel kürzer ist als eine westliche. Westliche Patienten, die sich oftmals als äußerst wichtig betrachten, besonders wenn sie einen hohen Preis für eine Untersuchung bezahlen, fühlen sich betrogen, wenn der Arzt nicht mindestens eine halbe Stunde mit ihnen verbringt. Für sie sind Ärzte fast wie Psychiater und häufig erzählen sie ihnen ihre diversen persönlichen Probleme, was ihre Ehe betrifft und dergleichen. Tibetische Ärzte sind jedoch, genau wie spirituelle Lehrer oder Lamas, keine Psychiater im westlichen Sinne. Eine gründliche tibetisch-medizinische Untersuchung dauert für gewöhnlich nicht länger als fünf Minuten. Meist ist sie sogar kürzer und immer kostenlos. Darüber hinaus gibt ein tibetischer Arzt normalerweise keine spirituellen Ratschläge, auch nicht, wenn er ein Mönch ist. Dafür geht man zu einem erfahrenen buddhistischen Meister.
Ein wichtiger Aspekt, den man bei der Untersuchung von Patienten nicht vergessen sollte, ist deren grundlegende Verfassung. Meist lässt sich dies am sogenannten Konstitutionspuls ablesen. Unabhängig vom Geschlecht der Person ist ein männlicher Konstitutionspuls wie Wind, ein weiblicher wie Galle und der eines Bodhisattvas oder Neutralen wie Schleim, wobei der Begriff Bodhisattva in diesem Kontext keine spirituelle Bedeutung hat.
Diese drei Arten des Konstitutionspulses werden in den drei grundlegenden Körper- und Charakterarten widergespiegelt. Ein Wind-Typ hat eine schwache Konstitution, redet viel, sieht nervös, instabil und verspannt aus. Ein Galle-Typ ist gut gebaut, aktiv und aggressiv. Ein Schleim-Typ ist langsam, dick und hat eine helle Hautfarbe. Darüber hinaus existieren Mischformen aus jeweils zwei oder allen drei Grundtypen, woraus sich insgesamt sieben verschiedene Konstitutionstypen des Menschen ergeben. Ebenso lässt sich sagen, dass bei Wind-Typen das Element Wind dominiert, bei Galle-Typen das Element Feuer und bei Schleim-Typen die Elemente Erde und Wasser.
Tatsächlich wird es recht kompliziert, da es keineswegs immer so ist, dass jemand mit beispielsweise einem Bodhisattva-Puls ein Schleim-Typ ist. Er oder sie könnte zu jedem der sieben Arten gehören. All diese Faktoren zu den Patienten, wie ihre konstitutionellen und grundlegenden Körperarten, ihr Alter, ihre Umgebung, die Jahreszeit und so weiter, müssen in Betracht gezogen werden, wenn man eine Diagnose stellt, denn sonst kann es leicht zu Fehlern kommen.
Urinanalyse und Untersuchung der Zunge
Zunächst gibt es die Urinanalyse. Untersucht wird der erste Urin am Morgen und am besten ist es, wenn er unmittelbar vor dem Morgengrauen abgegeben wird. Hat man in der Nacht nicht uriniert, sollte man nur den letzten Teil des Strahls auffangen. Es gibt bestimmte unterschiedliche Merkmale, auf die man achten muss, während der frische Urin von heiß über lauwarm zu kalt abkühlt. Da es sich bei der Diagnoseprobe zwingend um den ersten Morgenurin nach dem Aufstehen handeln muss, ist es in der tibetischen Medizin unüblich, dass Patienten erst im Laufe des Tages in der Praxis eine Urinprobe abgeben. Daher wird der Urin meist nicht direkt nach dem Ausscheiden untersucht, sondern nachdem er bereits abgekühlt ist.
Normalerweise wird ein kleiner Teil des Urins in einem sauberen Behälter zur Arztpraxis gebracht und dann in eine weiße Porzellanschale gegeben, damit man die Farbe leicht erkennen kann. Da europäische Vitamine, insbesondere Vitamin B, sowie starker Tee und Alkohol einen Einfluss auf die Farbe des Urins haben, sollten diese Dinge am Abend davor nicht eingenommen werden. Auch sollte man in der Nacht zuvor sexuelle Aktivitäten meiden.
Es werden zahlreiche Variablen geprüft. Der Arzt beurteilt dabei Farbe, Dampf- und Dunstentwicklung, Geruch und Blasenbildung sowie Viskosität und Trübung – also ob der Urin klar oder getrübt erscheint. Zudem prüft er, ob Ölschlieren, Blut- oder Eiweißspuren vorliegen, ob sich Sediment absetzt und wie beziehungsweise in welcher Form sich die Farbe im Verlauf verändert. Obwohl manche dieser Faktoren, wie dessen Dampfentwicklung, nur bei heißem Urin sichtbar sind, oder die Veränderung der Farbe, wenn er gerade abkühlt, untersucht man dennoch alles, was erscheint. Daraufhin schlägt der Arzt den Urin mit einem Holzstäbchen und überprüft nochmals die Blasenbildung. Dabei beachtet man die Größe der Blasen, ob sie von der Größe gleich oder unterschiedlich sind, wie lange sie bestehen bleiben und so weiter.
Aus all diesen Variablen kann der Arzt eine Krankheit sehr genau und spezifisch bestimmen und herausfinden, welche Körpersäfte und Organe damit verbunden sind, ob es sich um eine Hitze- oder Kältestörung handelt und dergleichen. Im Allgemeinen ist der Urin von jemandem mit exzessivem Wind von blau-weißer Farbe, nicht sehr trüb, weist in heißem Zustand eine moderate Menge an Dampf auf und bildet beim Umrühren große blau-weiße Blasen, die einige Zeit bestehen bleiben. Bei Galle ist er dunkelgelb oder orangerot, ziemlich trüb, weist in heißem Zustand viel Dampf und einen stechenden Geruch auf und bildet beim Umrühren kleine, schnell verschwindende Blasen. Bei Schleim ist der Urin weißlich gefärbt, weist speichelähnliche Blasen mittlerer Größe auf und hat einen nicht so stechenden Geruch.
In der chinesischen Medizin wird der Urin nicht analysiert und im hinduistisch-ayurvedischen System gab es zwar so eine Analyse, aber sie ist mit der Zeit verloren gegangen. Sie hat sich allerdings weiterentwickelt und heutzutage findet man sie ausschließlich in der tibetisch-medizinischen Tradition. Doch sogar im tibetischen System scheint man sie derzeit bei den Burjaten nicht mehr zu praktizieren. In der Mongolei gibt es diese Praxis noch in gewissem Maße, aber die Tradition ist nicht sehr ausgeprägt. Ich weiß nicht, wie die Situation in der Inneren Mongolei ist.
In der Urinanalyse gibt es ein weiteres Merkmal, das erwähnt werden sollte. Der zu untersuchende Urin muss nicht einmal vom selben Tag stammen. Es gibt zahlreiche Faktoren, die in Betracht gezogen werden sollten, wenn man die Daten, die man vom Urin bekommt, analysiert. Grundsätzlich werden sowohl der Urin als auch der Puls vom Geschlecht und Alter des Patienten sowie von der Jahreszeit, dem Wetter und so weiter beeinflusst. Eine weitere Einflussvariable beim Urin ist jedoch das Alter der Probe. Dies war in den weiten Regionen Tibets oder der Mongolei nützlich, denn da Ärzte nicht überall greifbar waren, dauerte die Anreise per Karawane oft tagelang. Ein erfahrener Arzt konnte den Krankheitszustand selbst anhand von älterem Urin präzise diagnostizieren, sofern er das genaue Alter der Probe in seine Beurteilung einbezog. Diese Methode erlaubt es tibetischen Ärzten sogar, Patienten im Ausland aus der Ferne zu diagnostizieren, wenn diese ihre Urinproben per Post einsenden – eine äußerst praktische Lösung.
Bei der Untersuchung der Zunge prüft der Arzt deren Farbe und Textur. Bei Wind-Störungen ist die Zunge rötlich, trocken und weist am Rand kleine Bläschen auf. Bei Galle-Störungen hat sie einen gelblichen Belag und der Patient hat einen bitteren Geschmack im Mund. Bei Schleim-Störungen hat die Zunge einen leicht gräulichen, klebrigen Belag und ist glatt und feucht, was die Textur betrifft.
Diagnostische Informationen kann man auch von anderen Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen bekommen, wie dem Speichel, dem Nasenschleim, dem Samen, dem Menstruationsblut, der Milch, dem Schweiß und festen Ausscheidungen. Die Farbe und der Geruch werden bei all diesen Dingen überprüft, sowie das Vorhandensein von Blut oder anderen fremdartigen Dingen. Beim Speichel achtet man auf die Blasen und die Weise, wie die Person spuckt. Die Viskosität von Ausscheidungen und Schleim wird überprüft sowie die Stellen, an denen die Person schwitzt, und wie stark das Schwitzen ist. Man kann auch etwas aus dem Urinfluss ablesen, den man anhand der Spuren und Muster feststellt, die im Schnee zurückbleiben, wenn ein Patient dorthin uriniert. Im Tibet vor 1959, als es weniger Patienten und mehr Zeit für gründliche medizinische Untersuchungen gab, wurden diese verschiedenen sekundären Diagnosetechniken angewendet. Heutzutage werden sie im Exil in Indien nicht so häufig benutzt. Die Urin- und Pulsanalyse ist ausreichend.
Pulsanalyse: allgemeine Technik
Lasst uns nun über die Pulsanalyse sprechen. Da die Tageszeit den Puls direkt beeinflusst – nachts schlägt er langsamer und kühler, tagsüber hingegen schneller und wärmer –, lässt er sich am besten unmittelbar im Morgengrauen untersuchen. Da Nahrung und insbesondere Genussmittel wie starker Tee, Kaffee, Alkohol oder Tabak den Puls beeinflussen, ist es auch besser, ihn zu untersuchen, bevor der Patient solche Substanzen zu sich genommen hat, oder zumindest nicht unmittelbar danach. Der Patient sollte auch, nachdem er in der Arztpraxis angekommen ist, etwas mit der Untersuchung des Pulses warten, damit er sich von den störenden Einflüssen der Anreise beruhigen kann.
Die Pulsanalyse erfolgt mit dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger des Arztes, die auf die Pulsader (diejenige, die zum Daumen führt) an der Innenseite sowohl des rechten als auch des linken Handgelenks des Patienten gelegt werden. Der Arzt legt seine Hand so auf, dass sich sein Daumen neben dem Daumen des Patienten befindet. Mit seiner rechten Hand prüft der Arzt den Puls am linken Handgelenk des Patienten und mit der linken Hand an dessen rechtem Handgelenk. Bei männlichen Patienten wird zuerst das linke Handgelenk überprüft und bei weiblichen das rechte. Die Tibeter untersuchen normalerweise ein Handgelenk nach dem anderen und manchmal überprüfen sie danach beide gleichzeitig. Die Mongolen prüfen meistens beide Handgelenke gleichzeitig.
Der Druck, der von jedem der Finger des Arztes ausgeübt wird, ist unterschiedlich. Mit dem Zeigefinger übt er nur schwachen Druck aus und berührt praktisch nur leicht die Haut. Mit dem Mittelfinger drückt er stärker auf den Muskel. Der meiste Druck wird mit dem Ringfinger aufgebaut, der tief bis auf den Knochen hinabtastet.
Jeder Finger des Arztes prüft eine andere Kombination aus zwei Organen im Körper – ein Vitalorgan und ein Hohlorgan –, wobei die linke und die rechte Niere separat abgelesen werden. Der Arzt drückt jeden Finger zuerst mit der einen Seite und dann mit der anderen Seite auf die Arterie. Die dem Daumen zugewandte Seite der Finger des Arztes dient dem Ablesen der Vitalorgane, während die vom Daumen abgewandte Seite für die Hohlorgane steht. Die Organe, die von den Zeigefingern des Arztes geprüft werden, sind bei männlichen und weiblichen Patienten vertauscht. Was der Arzt also am rechten Handgelenk eines Mannes mit seinem linken Zeigefinger abliest, liest er am linken Handgelenk einer Frau mit seinem rechten Zeigefinger ab. Die Organe, die mit dem Mittel- und Ringfinger des Arztes geprüft werden, sind bei Mann und Frau dieselben.
Aus der Perspektive der westlichen Schulmedizin ist eine gewisse Skepsis völlig verständlich: Dass derart feine Nuancen im menschlichen Puls überhaupt existieren und sich ertasten lassen, klingt zunächst erstaunlich. Doch es werden wissenschaftliche Fakten zusammengetragen. In Ulan-Ude, in der Burjatischen Republik der Sowjetunion, hat man am Laboratorium für Radio-Biophysik des Instituts für Biologie des Burjatischen Instituts für Sozialwissenschaften der Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR ein Computerprogramm und einen Apparat mit Sonden entwickelt, um den Puls nach der tibetischen Methode aufzunehmen und zu analysieren. Obwohl sich dieses Programm noch in der Erprobung befindet und vergleichsweise einfach aufgebaut ist, belegt es bereits eindeutig die unterschiedlichen Messwerte: Drei Sensoren, die an den jeweiligen Punkten der beiden Pulsadern angesetzt werden und jeweils verschiedenen Druck ausüben, zeichnen klar voneinander abweichende Signale auf.
Vergleich der chinesischen und ayurvedischen Pulsanalyse
Das tibetische System der Pulsanalyse entscheidet sich deutlich von der, die man in der chinesischen Medizin findet. Die chinesischen Ärzte prüfen zwar den Puls an der Pulsader eines jedes Handgelenks mit den gleichen drei Fingern, doch im chinesischen System werden keine verschiedenen Organe mit den linken und rechten Seiten der Finger untersucht. Auch üben die Ärzte keinen unterschiedlichen Druck mit jedem Finger aus.
In der chinesischen Tradition testet man mit jedem Finger den oberflächlichen und tiefen Druck. Mit oberflächlichem oder leichten Druck liest der chinesische Arzt den sogenannten Yang-Puls, der für die Organe steht, die im tibetischen System den Hohlorganen entsprechen. Mit tiefem oder starken Druck lesen sie den Yin-Puls für die Organe, die den vitalen entsprechen. Da Yang als heiß und Yin als kalt gilt und die Vitalorgane im tibetischen System der Kälte, die Hohlorgane hingegen der Hitze zugeordnet werden, unterscheidet sich das chinesische System direkt: Dort sind die Entsprechungen von Hitze und Kälte zu den Vital- und Hohlorganen genau umgekehrt wie in der tibetischen Medizin.
Darüber hinaus gibt es im chinesischen System keinen Unterschied zwischen den Organen, die mit dem rechten und linken Zeigefinger am linken und rechten Handgelenk von männlichen und weiblichen Patienten gelesen werden. Die chinesischen Ärzte testen die Organe am linken und rechten Handgelenk mit ihrem Zeigefinger, wie es die tibetischen Ärzte für Männer tun. Andere Unterschiede bestehen darin, dass chinesische Ärzte nicht jede Niere getrennt voneinander mit jedem Ringfinger testen, sondern beide zusammen mit einem Ringfinger, während sie mit dem anderen die Körperhitze und den Herzschlag testen. Die Chinesen lesen auch den Leberpuls am linken Handgelenk mit ihrem Mittelfinger und den des Magens am rechten, während es bei den Tibetern umgekehrt ist. Als mir ein mongolischer Arzt in Ulan-Bator berichtete, dass er am linken statt am rechten Handgelenk des Patienten mehr Informationen über die Leber erhalte – obwohl er die Pulsanalyse auf tibetische Weise durchführte –, schien dies ein Hinweis auf den leichten chinesischen Einfluss zu sein, der in der mongolischen Tradition der tibetischen Medizin zu finden ist. Diesen Einfluss scheint es nicht so sehr in der Theorie zu geben, allerdings in bestimmten kleineren praktischen Anwendungen.
Im indischen medizinischen System des Ayurveda gibt es noch eine weitere Methode der Pulsanalyse. Vieles von diesem Wissen ist im Laufe der Zeit verloren gegangen und heute ist nur noch eine stark vereinfachte Form des einstigen Systems übrig. Es werden nicht beide Handgelenke des Patienten untersucht, sondern nur eines. Bei männlichen Patienten ist es das rechte und bei weiblichen das linke Handgelenk. Mit dem Zeigefinger testet der Arzt Wind-Störungen, mit dem Mittelfinger Galle-Störungen und mit dem Ringfinger Schleim-Störungen.
Hier besteht eine ungefähre Entsprechung, da man im Allgemeinen die von den Zeigefingern in der tibetischen Medizin untersuchten Organe – Lunge, Herz sowie Dick- und Dünndarm – dem Wind-Prinzip zuordnen kann; die vom Mittelfinger untersuchten Organe – Gallenblase, Leber, Milz und Magen – der Galle; und die vom Ringfinger untersuchten Organe – Harnblase, Nieren und Fortpflanzungsorgane – dem Schleim. Hier kann man Hinweise auf einen vereinfachten Prozess finden.
Spezifisches zur Pulsanalyse
Beim Analysieren des Pulses gibt es zunächst die allgemeinen Merkmale des Pulses bei einer Person mit einer Störung eines jeden der drei Körpersäfte. Ein Wind-Puls ist generell leer und weist unregelmäßige beziehungsweise aussetzende Schläge auf. Das heißt: Bei leichtem Druck federt der Puls elastisch zurück; drückt man jedoch tief hinein, verliert er sich und wird unspürbar. Ein Galle-Puls ist dünn und gewunden, während ein Schleim-Puls tief liegend und sehr schwach ist. Diese akuten Krankheitspulse dürfen nicht mit dem angeborenen Konstitutionspuls des Patienten verwechselt werden. Ob männlich, weiblich oder Bodhisattva – dieser Grundpuls ähnelt zwar den drei Säften oder deren Kombinationen, spiegelt aber die eigentliche Natur des Menschen wider.
Aus dem allgemeinen Puls, den der Arzt mit allen Fingern vorfindet, kann er eine allgemeine Diagnose über die Krankheit stellen. Der gesunde Pulsschlag eines Menschen beträgt fünf Schläge auf einen Atemzyklus des Arztes. Ein Atemzyklus besteht aus dem Einatmen, Ausatmen und einer kleinen Pause danach. Konstitutionelle Faktoren können den normalen Puls in jedem Menschen beeinflussen. Doch ein Puls, der schwächer ist, weist im Allgemeinen auf eine Kälte-Störung hin und ein schnellerer auf eine Hitze-Störung.
Dann werden für jedes Organ mehrere Parameter getestet. Der erste eines jeden Paares zeigt eine Hitze-Störung an, während der zweite eine Kälte-Störung anzeigt, wobei jeder Parameter unterschiedliche Variablen zur Krankheit anzeigt. Man prüft, ob der Puls stark oder schwach ist, überfließend oder tief liegend, rund und voll in seiner Form oder flach, schnell oder langsam, straff und gewunden wie verknotet oder locker, hart und aufgebläht oder leer – das heißt, ob er beim Drücken zurückfedert oder verschwindet – und so weiter. Natürlich ist es für den Arzt notwendig, ein gutes Feingefühl in den Fingern und eine hohe Konzentration zu haben.
Die Jahreszeit übt einen großen Einfluss auf den Puls aus und muss mit in Betracht gezogen werden. Hier wird das Jahr in vier Jahreszeiten mit jeweils 72 Tagen unterteilt, mit einer dazwischenliegenden Übergangszeit von jeweils achtzehn Tagen zwischen den vier. Dies entspricht der Tradition des chinesischen Kalendersystems. In jeder Jahreszeit dominiert eines der fünf chinesischen Elemente. Im Frühling ist es Holz, im Sommer Feuer, im Herbst Eisen, im Winter Wasser und in der Übergangszeit Erde.
Jedes der mit den Fingern des Arztes getesteten Organpaare ist mit einem dieser fünf Elemente verbunden. Das Vitalorgan eines jeden Paares besitzt einen charakteristischen Puls, und dieser tritt während der Jahreszeit des Elements dieses Organs unter allen Fingern des Arztes dominant hervor. Somit ist im Frühling zum Beispiel das Holzelement vorherrschend. Die Leber ist das Vitalorgan des Holz-Elementes und daher wird der Leber-Puls, der subtil und gespannt ist, während der gesamten Pulsauswertung aller Organe im Allgemeinen stark ausgeprägt sein. Somit hat er einen Einfluss auf die drei Arten des Konstitutionspulses in jedem Patienten.
Auch das Alter des Patienten beeinflusst den Puls. Wie zuvor erwähnt, dominiert in der Kindheit Schleim, bei den Erwachsenen Galle und im Alter Wind. Dies muss ebenfalls berücksichtigt werden; und wie bereits dargelegt wurde, beeinflussen auch die Tageszeit sowie das, was der Patient gegessen oder getrunken hat, den Puls. Darüber hinaus beeinflusst das Geschlecht des Patienten, welche Organe vom jeweiligen Zeigefinger des Arztes abgelesen werden.
Die Auswertung von Puls-, Urin- und Zungendiagnose erfordert daher hohes meisterliches Können und feines Gespür. Der Arzt muss die Fülle der erhobenen Befunde zusammenfügen, das Wesentliche herausfiltern und die Ergebnisse im Kontext zahlreicher Einflussfaktoren richtig gewichten. Dieser Vorgang gleicht der Arbeit eines tibetischen Astrologen, der unzählige Faktoren miteinander verknüpfen muss, um zu einer fundierten und tiefgründigen Deutung eines Horoskops zu gelangen. Bei Säuglingen und Kindern unter 8 Jahren prüfen tibetische Ärzte nicht den Puls, sondern stellen eine Diagnose anhand der Farbe und Form der drei Venen, die sich hinter jedem Ohr befinden.
Vergleich mit der tuwinisch-schamanistischen Medizin
Auch in der schamanisch geprägten Medizintradition Tuwas – einer sibirisch-türkischen, buddhistisch beeinflussten Region – existierten Puls- und Urindiagnosen. Es ist jedoch unklar, ob deren theoretisches Fundament auf dem Konzept der drei Säfte basierte. Am frühen Morgen wurde der Urin auf Geruch, Farbe und Art der Bläschenbildung geprüft, sowie mit einem Stöckchen geschlagen. Außerdem lies man ihn für einen Tag stehen und prüfte ihn dann erneut. Der Puls wurde nicht nur am linken und rechten Handgelenk abgelesen, sondern anschließend auch an den Lymphknoten an den Seiten des Halses und den Schläfen sowie am Nacken.
Es wurden auch weitere Techniken angewandt. Zur Diagnose untersuchte der Arzt die Augen des Patienten, legte seine Handfläche auf dessen rechte Schläfe, um die Bewegung beim Kauen zu beobachten, und tastete mit dem Finger den Bereich hinter den Ohren ab. Diagnosen wurden auch durch die Untersuchung des Speichels des Patienten und der Art und Weise, wie er spuckte, gestellt, sowie durch das Beobachten der Spuren im Schnee, wenn ein Patient dort urinierte, wie auch durch die Art und die Stellen, an denen der Patient schwitzte.
Behandelt wurde meist mit Heilkräutern, doch es wurde auch Moxibustion und Aderlass angewendet. Bärengalle galt als die Königin der Heilmittel, und bei schlechter Durchblutung wurden die Beine des Patienten mit der Galle von Wolf, Bär und Wildkatze massiert. Somit waren die meisten Techniken der Diagnose und Behandlung ähnlich oder stammten direkt aus ihr – auch wenn im Detail deutliche Abweichungen erkennbar sind.
Es hat den Anschein, als sei dieses traditionelle schamanische Medizinsystem Tuwas verloren gegangen. Die Patienten suchten wegen verschiedener Leiden entweder schamanische oder buddhistische Ärzte auf, jedoch mischte oder praktizierte ein Arzt niemals beide Systeme gleichzeitig. Zusätzlich existierte ein Mantik-System zur Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Hierfür analysierte man Gesichtsform, Teint, Falten- und Handlinien sowie die Form der Zähne.