Einzelheiten der tibetischen Heilkunde 2: Klassifizierung von Krankheiten

Kategorien von Krankheiten 

Um einen Überblick über das tibetische Medizinsystem zu bekommen, sollten wir zunächst untersuchen, wie Krankheiten in ihm klassifiziert und verstanden werden. Eine Methode besteht darin, Krankheiten in drei allgemeine Kategorien zu unterteilen:

  • Abhängig entstehende (tib. gzhan-dbang) Krankheiten – Krankheiten, die durch den Einfluss anderer Faktoren entstehen; zum Beispiel Störungen des inneren Gleichgewichts unseres Körpersystems, ungesunde Ernährung oder ungesundes Verhalten, äußere Bedingungen, Umweltfaktoren, Mikroorganismen und so weiter. Dies ist die größte Kategorie von Krankheiten und umfasst die gewöhnlichsten.
  • Vollkommen begründete (tib. yongs-grub) Krankheiten – vererbte, angeborene oder genetische Defekte. Solche Krankheiten sind sehr schwer zu heilen, wie die Bluterkrankheit, Asthma oder Allergien, die jemand seit der Kindheit hat.
  • „Konzeptionelle“ (tib. kun-btags) Krankheiten – psychosomatische Störungen. Man führt sie oft auf den Einfluss schädlicher Geisterwesen zurück. Meist werden sie durch Rituale behandelt, die hauptsächlich von Mönchen oder Nonnen ausgeführt werden, was in vielen Fällen wirksam zu sein scheint.

Auch ohne die metaphysischen Voraussetzungen ritueller Behandlungen bei psychosomatischen Leiden zu teilen, lässt sich ihre oft erstaunliche Wirksamkeit psychologisch erklären – analog zu vergleichbaren Heilmethoden in manchen afrikanischen Traditionen. Ist jemand in einem Volksstamm krank und kommt dann das ganze Dorf zusammen, um ihn die ganze Nacht über mit Tänzen und Gesängen zu begleiten, um seine Genesung zu erwirken, verleiht ihm dies tiefe emotionale Rückendeckung und das spürbare Gefühl, von der Gemeinschaft getragen zu werden  Das kann natürlich ausgesprochen hilfreich sein, besonders hinsichtlich psychosomatischer Probleme.

Betrachten wir es aus einer rein wissenschaftlichen Sicht, können wir eine ähnliche Funktionsweise im System des tibetischen Buddhismus beschreiben. Lässt man eine Gruppe von Mönchen oder Nonnen aufwendige Rituale für sich durchführen und vertraut voll und ganz auf deren spirituelle Kraft, schöpft man erheblichen Mut zur Genesung, was in vielen Fällen spürbar zur Besserung beiträgt. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass unsere psychologische Geisteshaltung das Immunsystem des Körpers beeinflusst. Betrachten wir uns selbst als Teil einer Gemeinschaft und fühlen uns geliebt, sind optimistisch und gut gelaunt, ruhig und entspannt, haben das Gefühl, die Situation irgendwie kontrollieren zu können, haben Hoffnung und dergleichen, stärkt dies unser Immunsystem. Unsere Chancen der Genesung sind dann viel größer, als wenn wir ängstlich, pessimistisch, schnell zornig, einsam, entfremdet und hilflos sind. Das hat sich bei einem breiten Spektrum von Krankheiten, wie Krebs, Herzkrankheiten und ähnlichem, als wahr erwiesen, nicht nur bei psychosomatischen Störungen.

In einem anderen Klassifizierungsschema ist die Unterteilung folgendermaßen:

  • Störungen in diesem Leben – sie beziehen sich auf abhängig entstehende Krankheiten. Sie entstehen in erster Linie durch den Einfluss von Bedingungen oder Handlungen dieses Lebens und manifestieren sich in diesem Leben.
  • Störungen aus früheren Leben – sie sind vergleichbar mit vollkommen begründeten Krankheiten. Sie entstehen hauptsächlich durch den Einfluss karmischer Handlungen vergangener Leben.
  • Störungen durch schädliche Geister – sie entsprechen konzeptionellen Krankheiten.

Hier wird eine vierte Kategorie hinzugefügt:

  • Oberflächliche Störungen – sie entstehen einfach durch falsche Ernährung oder falsches Verhalten und erfordern lediglich eine Änderung dieser zwei, um Heilung herbeizuführen.

Aus diesen vier Kategorien mit jeweils 101 Hauptleiden ergibt sich die in der tibetischen Heilkunde geläufige Gesamtzahl von 404 Krankheiten.

Betrachten wir etwas genauer diese erste Kategorie von Krankheiten, die durch den Einfluss anderer Faktoren entstehen, da hier der Schwerpunkt des tibetischen Medizinsystems liegt. Theoretisch gibt es jedoch in jeder dieser drei oder vier allgemeinen Kategorien von Krankheiten die gleichen Unterteilungen.

Klassifizierung hinsichtlich der Unausgeglichenheit der drei Körpersäfte 

Bevor wir weitermachen, gilt es einen wichtigen Punkt zu beachten: Die tibetische Medizin ist ein ganzheitliches System, in dem nicht einfach nur ein Aspekt für sich, sondern der Körper als Ganzes betrachtet wird. Somit treten Störungen des Gleichgewichts wegen innerer, äußerer oder einem Zusammenwirken von beiden Faktoren im Körper als ein Ganzes auf.

Das tibetische Medizinsystem erklärt diese Ungleichgewichte anhand der drei Körperenergien, die meist als die drei „Körpersäfte“ bezeichnet werden. Der tibetische Begriff (nyes-pa) und das Sanskritwort (doṣa) für „Körpersaft“ deuten auf etwas hin, was leicht gestört werden, Schaden nehmen oder aus den Fugen geraten kann. Diese drei können sich auf verschiedene biochemische, neuro-elektrische, physiologische oder Energie-Systeme innerhalb des Körpers beziehen, doch am besten ist es, wenn man versucht, die tibetische Sicht im eigenen Zusammenhang zu verstehen.

Die drei Körpersäfte werden meist mit „Wind“ (tib. rlung, Skt. vāta), „Galle“ (tib. mkhris-pa, Skt. pitta) und „Schleim“ (tib. bad-kan, Skt. kapha) übersetzt. Zuweilen wird ein vierter Körpersaft, das „Blut“ (tib. khrag) hinzugefügt. Sie können entweder zu stark oder zu schwach sein, und es kann verschiedene Grade in unterschiedlichen Kombinationen geben. Darüber hinaus gehören zu jedem der drei fünf Unterkategorien und es ist nicht immer leicht zu verstehen, warum jede dieser fünf zu einer Gruppe zusammengefasst werden.  

Die fünf Arten von Wind

Die fünf Arten von Wind sind:

  • Lebenserhaltender Wind (tib. srog-’dzin) – er erstreckt sich vom Scheitel über den Halsbereich bis in den Brustraum. Dabei handelt es sich um die Energie, die mit dem Einatmen, Ausatmen, Schlucken, Erbrechen, Spucken, Husten, Niesen, Schluckauf und Rülpsen zu tun hat. Er wirkt lebenserhaltend, indem er die physiologische Basis für geistige Konzentration und klare Sinneswahrnehmungen bildet.
  • Aufsteigender Wind (tib. gyen-rgyu) – hauptsächlich im Halsbereich. Er ist verantwortlich für die nach außen wirkenden Funktionen wie Sprache, Körperkraft, Gewebespannung, Gesichtsfarbe und Körperumfang. Außerdem kontrolliert er die Geisteskraft, wie beispielsweise das Gedächtnis und den Eifer.
  • Ausbreitender Wind (tib. khyab-byed) – hat seinen Sitz im Herzen und breitet sich von dort über den gesamten Körper aus. Diese Energie steuert die Muskeln und Bewegungsabläufe, wie zum Beispiel das Gehen, Heben, Strecken und Greifen oder das Öffnen und Schließen von Mund und Augenlidern.
  • Feuer-begleitender Wind (tib. me-mnyam) – er befindet sich im unteren Magenbereich und in den Organen und Kanälen des Körpers. Diese Energie steuert die Verwertung der aus der Nahrung gewonnenen Essenz, nachdem diese von den unverwertbaren Bestandteilen getrennt wurde. Sie steuert auch die Funktion der Organe des Körpers, die Zirkulation, das Nervensystem und den Metabolismus im Allgemeinen.
  • Abwärts-treibender Wind (tib. thur-sel) – zu verorten im unteren Bauchraum und in den Genitalien. Diese Energie regelt die Ausscheidung sowie das Zurückhalten von Urin, Stuhl, Samen, Menstruationsflüssigkeit und des Fötus.

Die Beschreibung und Verortung dieser fünf Winde in der tibetischen Medizin unterscheidet sich von der in den verschiedenen buddhistischen Tantras und keine von beiden gleicht dem ayurvedischen System.

Ganz allgemein äußern sich Wind-Störungen häufig in Symptomen wie hohen oder niedrigen Blutdruck, Herzerkrankungen, Blähungen, Nervosität sowie körperlicher und geistiger Anspannung. Zahlreiche psychische Leiden haben ihre Ursache in Wind-Störungen. Dazu zählen Paranoia, Depressionen, Schwermut, körperliche wie geistige Rastlosigkeit sowie das Phänomen eines „gebrochenen Herzens“, wie nach dem Verlust eines geliebten Menschen.

Die fünf Arten von Galle

Die fünf Arten von Galle sind:

  • Verdauende Galle (tib. ’ju-byed) – sie befindet sich im mittleren Teil des Magens und ist verantwortlich dafür, bestimmte Nährstoffe von der aufgenommenen Nahrung zu trennen, sobald sie aufgeschlossen wurde. Sie sorgt für Körperwärme und Kraft und unterstützt im Allgemeinen die ordnungsgemäße Funktion der anderen vier Gallen-Arten.
  • Verwirklichende Galle (tib. sgrub-byed) – sorgt im Herzen für Antrieb, Ehrgeiz, Bedürfnis, Entschlossenheit und Selbstvertrauen.
  • Farbregulierende Galle (tib. mdangs-sgyur) – ist in der Leber für die rote Färbung des Blutes und der Muskeln, also zum Beispiel für das Hämoglobin, verantwortlich, wie auch für die weiße Färbung der Knochen, der Samenflüssigkeit und so weiter.
  • Visuelle Galle (tib. mthong-byed) – ist in den Augen mit der Funktionsweise der Augen und der Sicht verbunden.
  • Ausstrahlungsklärende Galle (tib. mdog-byed) – ist in der Haut für die Hautfarbe verantwortlich, wie bei Gelbsucht oder Sonnenbrand.

Grundsätzlich ist es somit schwer zu sagen, ob diese Arten von Galle Energien oder biochemische Substanzen sind. Wir können hier jedoch einen Zusammenhang zwischen Problemen hinsichtlich der Leber und der Gallenblase erkennen, was die Verdauung und Gelbsucht betrifft, sowie die Augenbelastung, schlechte Laune und Fiebergefühle, denn dabei handelt es sich um typische Symptome bei allgemeinen Gallenproblemen.

Die fünf Arten von Schleim

Die fünf Arten von Schleim sind:

  • Stützender Schleim (tib. rten-byed) – im Brust- und Bauchraum. Mit Speichel und Schleim sorgt er im Körper für Feuchtigkeit, reguliert die Körperflüssigkeiten und unterstützt generell die Wirkungsweise der anderen vier Schleimarten.
  • Zersetzender Schleim (tib. myad-byed) – zersetzt feste Nahrung im oberen Magen in einen halb-flüssigen Zustand.
  • Erfahrender Schleim (tib. myong-byed) – ermöglicht auf der Zunge die Funktionsweise des Geschmacks.
  • Sättigender Schleim (tib. tshim-byed) – beendet im Gehirn unseren Appetit und gibt uns das Gefühl der Sättigung, nicht nur in Bezug auf das Essen sondern auf alle Sinne. Durch ihn können wir auch die verschiedenen Arten des Geschmacks, Geruchs, Klangs, Anblicks und der Tastempfindungen unterscheiden.
  • Verbindender Schleim (tib. ’byor-byed) – ermöglicht die Flexibilität in allen Gelenken.

Allgemein betrachtet regelt das Schleim-Prinzip somit die verschiedenen Körperflüssigkeiten, das Lymph- und Schleimhautsystem sowie die Schmierung der Gelenke. Zu den Schleim-Störungen zählen Erkrankungen wie Erkältungen, Allergien, eine laufende Nase, Schleim in den Lungen, bestimmte Formen von Asthma, häufiger Harndrang sowie Arthritis und Rheuma.

Klassifizierung von Krankheiten als heiß oder kalt 

Im tibetisch-buddhistischen System werden Krankheiten auch als heiß oder kalt klassifiziert:

  • Schleim-Störungen – schwer und kalt. Schleim senkt die Körpertemperatur und so sind alle Schleim-Störungen kalt.
  • Galle-Störungen – feurig. Alle Galle-Störungen sind heiß.
  • Wind-Störungen – sind heiß und kalt, je nachdem welches Element dominierend ist. Somit können Wind-Störungen entweder heiß oder kalt sein.

Werden vier Körpersäfte präsentiert, gelten Galle- und Blut-Störungen als heiß, während Schleim- und Wind-Störungen kalt sind. In der mongolischen Tradition der tibetischen Medizin wird diese Klassifizierung in heiß und kalt betont.

Klassifizierung der Krankheiten bezüglich der fünf Elemente 

Zuweilen werden Krankheiten im tibetisch-buddhistischen Medizinisystem auch auf ein Ungleichgewicht der fünf altindischen Elemente zurückgeführt. Bei diesen fünf handelt es sich um:

  • Erde;
  • Wasser;
  • Feuer;
  • Wind; und
  • Raum.

Die Zusammenhänge sind folgende:

  • ein Ungleichgewicht von Erde und Wasser entspricht Schleim-Störungen;
  • ein Ungleichgewicht von Feuer entspricht Galle-Störungen;
  • ein Ungleichgewicht von Wind entspricht Wind-Störungen; während
  • Raum all-durchdringend ist und man ein Ungleichgewicht des Raum-Elementes in allen Störungen finden kann.

Die alt-indischen Elemente können folgendermaßen verstanden werden.

  • Erde – beeinflusst die Bildung von Muskeln, Gewebe und Knochen. Somit bezieht sich dieses Element auf den festen Aspekt des Körpers.
  • Wasser – hat mit der Bildung von Blut und den anderen Körperflüssigkeiten zu tun und ist somit der flüssige Aspekt des Körpers.
  • Erde und Wasser – sind, genau wie Schleim, beide kühlend und senken somit die Körpertemperatur; Störungen der Knochen und Körperflüssigkeiten sind jedoch ebenfalls meist auf den Schleim zurückzuführen. 
  • Feuer – hat mit der Körpertemperatur und der Hautfarbe zu tun, die beide Funktionen der Galle und ebenfalls heiß sind. Die Temperatur und das so genannte „Verdauungsfeuer“, also die Magensäure und dergleichen, haben alle mit den Verdauungsvorgängen der Galle zu tun.
  • Wind – bezieht sich auf Atmung und Energie, die meist mit Wind-Störungen zu tun haben. Wind kann entweder die Hitze oder die Kälte fördern.
  • Raum – bezieht sich auf die körperlichen Hohlräume und Durchgänge, die Positionen der verschiedenen Organe innerhalb des Körpers und dergleichen, was einen Einfluss auf alle Krankheiten haben kann.

Die Klassifizierung der Krankheiten ist tatsächlich recht komplex, weil jede Krankheit meist eine komplizierte Verbindung des Ungleichgewichts nicht nur eines, sondern von zwei oder allen drei Körpersäften ist. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass jeder dieser drei Körpersäfte drei Unterkategorien hat.

Sieben Variablen, die das Klassifizieren von Krankheiten beeinflussen 

Darüber hinaus gibt es für eine Krankheit, wie Asthma oder Geschwüre, sieben Variablen, welche einen Einfluss auf ihre Einordnung im tibetisch-buddhistischen System haben.

  1. Die Ursache – also die konkreten Körpersäfte, deren Ungleichgewicht auf einer tiefen Ebene durch die jeweils zugehörigen störenden Emotionen entsteht, wie gleich noch erläutert wird. Eine Krankheit kann mehrere Varianten haben, welche auf ein Ungleichgewicht einer der drei Körpersäfte oder einer Kombination der Körpersäfte zurückzuführen ist.
  2. Die Bedingungen – also jene Auslöser, die das Ausbrechen der Erkrankung begünstigen, wie beispielsweise die Ernährungs- und Lebensweise, jahreszeitliche und wetterbedingte Einflüsse oder schädliche Einwirkungen durch Geister. Ein gallenbedingtes Asthma, das durch die Belastung in einer schadstoffreichen Fabrik entsteht, unterscheidet sich grundlegend von einem gallenbedingten Asthma, welches durch Wetterumschwünge oder den Kontakt mit einem Allergieauslöser hervorgerufen wird.
  3. Die Eintrittspforte – Krankheiten breiten sich im Körper in der Regel nach einer bestimmten Sequenz aus. Eine konkrete Erkrankung kann dabei an jeder beliebigen Stelle dieser Abfolge in die Körpersysteme gelangt sein.
  4. Der Ort des Auftretens – der genaue Sitz der Störung innerhalb des Körpers. Ein Zwölffingerdarmgeschwür ist etwas anderes als ein Magengeschwür.
  5. Die allgemeinen Merkmale der Krankheit – wie die Ernsthaftigkeit eines Problems oder wie ernsthaft es werden kann.
  6. Die spezifischen Details – ob es sich um eine Wind-, Gallen-, Schleim- oder die komplexe Störung eines Kindes, Erwachsenen oder alten Menschen handelt, der in diesem oder jenem Klima, auf dieser oder jener Höhe und in dieser oder jener Jahreszeit lebt.
  7. Die genaue Schlussfolgerung – wie also die ersten sechs Variablen zusammengenommen den Fortgang der Erkrankung bestimmen, bis hin zu einem eventuellen Endstadium.

Detail bezüglich der Klassifizierung von Krankheiten nach ihrem Ort innerhalb des Körpers 

Von den oben genannten sieben Variablen zur Klassifizierung von Krankheiten, beziehen sich die Orte einer Krankheit auf die Art des damit verbundenen Organs. Es gibt zwei Gruppen körperlicher Organe:

  • vitale oder feste Organe, die alle als heiß eingeordnet werden; und
  • Hohlorgane oder Reservoir-Organe, die alle als kalt eingeordnet werden.

Die fünf vitalen oder soliden Organe (tib. don-lnga) sind:

  • das Herz;
  • die Lunge;
  • die Leber;
  • die Milz; und
  • die Nieren.

Die sechs Hohlorgane oder Reservoir-Organe (tib. snod-drug) sind:

  • der Magen;
  • der Dünndarm;
  • der Dickdarm;
  • die Gallenblase;
  • die Harnblase; und
  • die Fortpflanzungsorgane, nämlich die Eierstöcke und die Samenblase.

Jede einzelne Krankheit weist daher je nach ihrem Ort im Körper eine Vielzahl von Varianten auf, weshalb sich die Behandlungen entsprechend unterscheiden. Da man in der tibetischen Medizin einem ganzheitlichen Ansatz folgt, gilt es für alle Patienten den grundsätzlichen und derzeitigen Gesundheitszustand in Betracht zu ziehen, sowie ihre körperliche Kraft und andere Probleme, welche die Einordnung und Behandlung der Krankheit beeinflussen können. Aus diesem Grund ist es so schwierig, im tibetischen System von einer generellen Krankheit, wie beispielsweise Krebs, zu sprechen. Dies ist nur auf einer recht oberflächlichen Weise möglich, da es einfach zu viele Varianten und Möglichkeiten gibt.

Ein Faktor, der jedoch keinen Einfluss auf die Krankheit oder die Behandlung hat – da dies einmal gefragt wurde –, ist die Rasse oder die ethnische Herkunft des Patienten. Menschen sind Menschen, egal woher sie stammen, und innerhalb einer Rasse kann man alle Möglichkeiten und Ausprägungen finden.

Klassifizierung von Krankheiten nach äußeren Bedingungen 

Die Jahreszeiten und das Wetter, wie auch die Ernährung und das Verhalten, können nicht nur ursächliche Faktoren dafür sein, eine Krankheit zu bekommen, sondern haben auch einen Einfluss auf dessen Behandlung und Verlauf. Dieselbe Erkrankung, die in verschiedenen Jahreszeiten auftritt, wird unterschiedlich bewertet und behandelt. Sehen wir uns das etwas genauer an.

Jahreszeitliche Faktoren

Generell können Störungen sämtlicher Körpersäfte auftreten, wenn die Jahreszeiten extremer als üblich – also zu heiß oder zu kalt – ausfallen und so der natürliche Biorhythmus des Körpers aus dem Takt gerät. Dies kann auch passieren, wenn wir uns nicht dem Wetter entsprechend kleiden und im Kalten zu wenig oder im Heißen zu viel tragen.

Im Laufe der verschiedenen Jahreszeiten reichern sich die Körpersäfte natürlicherweise an, treten offen zu Tage oder klingen wieder ab. Dies kann ebenso die Voraussetzung dafür bilden, dass eine Erkrankung entsteht, voll zum Ausbruch kommt oder schrittweise von alleine abklingt. Klimazonen und jahreszeitliche Merkmale unterscheiden sich weltweit, und was in den tibetischen Texten bezüglich des Klimas in Indien beschrieben wird, trifft möglicherweise nicht auf andere Regionen zu. Indem wir jedoch sehen was für Indien zutrifft, können wir uns einiger allgemeiner Prinzipien bewusst werden.

In den Bergregionen Nordindiens sind Winter und Frühling zwar wie in jedem gemäßigten Klima, doch der Sommer gliedert sich in zwei Phasen. Die erste ist sehr heiß, rau und trocken, während die zweite, der Monsun, regnerisch, schwül und kühler ist. Im Herbst ist es wieder recht warm und dann kommt der Winter.

  • Wind-Störungen bilden sich während des ersten Sommerabschnitts, wenn das Wetter leicht und rau ist, wie der Wind. Da die Natur des Windes jedoch kühl ist, hält die Hitze dieser Jahreszeit ihn in einem ruhenden Zustand. Kommt der Monsun-Regen und wird das Wetter kühl und windig, manifestieren sich die angesammelten Wind-Krankheiten. Nach dem Monsun lässt der Wind natürlicherweise nach, wenn es im Herbst wieder warm wird.
  • Während der feuchten Regensaison entwickelt sich ein Ungleichgewicht der Galle, aber weil das Wetter kühl ist und die Natur der Galle heiß, kann es sich nicht manifestieren, sondern erst, wenn der warme, sonnige Herbst kommt. Im Winter lässt die Galle wegen der Kälte natürlicherweise nach.
  • Schleim-Stören entwickeln sich, wenn es schwer und kalt ist. Der Schleim selbst ist von Natur aus kalt, doch durch die Winterkälte friert er sozusagen fast ein, wird unbeweglich und kann nicht zum Vorschein kommen. Im Frühling schmilzt der angesammelte Schleim und manifestiert sich. Die Sommerhitze verbrennt ihn dann und der Schleim lässt nach.

Darüber hinaus neigen Kinder eher zu Schleim-Störungen, Erwachsene zu Problemen mit Galle und Ältere zu Wind-Problemen. Deshalb ist in gewissen Jahreszeiten und Lebensphasen Vorsicht geboten: Eine unpassende Ernährung oder Lebensweise regt die Körpersäfte zusätzlich an und schafft so den optimalen Nährboden dafür, dass Krankheiten voll zum Ausbruch kommen.

Ernährungs- und verhaltensbedingte Faktoren

Unabhängig von Jahreszeit und Witterung kann die übermäßige Fixierung auf Sinnesobjekte – Anblick, Klang, Geruch, Geschmack oder körperliche Empfindung, die extrem angenehm oder unangenehm sind – zu einer Überstimulation führen und so ein inneres Ungleichgewicht auslösen. Hören Menschen beispielsweise zwanghaft den ganzen Tag laute Musik oder leben in Umständen mit ständigen Verkehrslärm, können sie ein Ungleichgewicht in ihrem Wind entwickeln. Auch ein Zuviel oder Zuwenig an körperlicher Bewegung, Gesprächsaktivität oder mentaler Anstrengung kann das Gleichgewicht der Körpersäfte empfindlich stören. Zudem kann es Krankheiten begünstigen, wenn man beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang stark presst oder diese natürlichen Körperfunktionen gewaltsam zurückhält.

Wind-Störungen

Wind-Störungen können durch ein Übermaß an Kaffee, starkem Tee, Gurken, Schweine- oder Ziegenfleisch entstehen. Insbesondere in großen Höhen wirkt sich Kaffee äußerst ungünstig auf Wind-Störungen aus. Kartoffeln, Erbsen und Bohnen, die nur einfach abgekocht und ohne das Wasser serviert werden, in dem sie gekocht wurden, reizen das Wind-Element im Körper ebenso wie strenges Fasten. Wind-Störungen entstehen ebenso durch ein exzessives Begehren nach Sexualität, Besitz oder Reichtum – sowie durch die tiefe Frustration und Niedergeschlagenheit, wenn diese Wünsche unerfüllt bleiben. Sie können auch bei übermäßigem Weinen entstehen, durch anstrengende Aktivitäten oder Sport auf nüchternen Magen, langes Hungern, Schlafmangel, Überarbeitung, exzessives Reden, dem Aufenthalt in kühlem, starkem Wind, das Sitzen vor einem Ventilator oder motorisierten Geräten sowie durch Blutungen, Erbrechen und Durchfall. Sehen wir uns diese Liste an, ist es kein Wunder, dass so viele Menschen in westlichen Ländern Wind-Störungen haben!

Sind wir anfällig für Wind-Störungen, können sie vermieden oder gemindert werden, indem wir Schaf- und Lammfleisch, abgehangenes Fleisch, gereifte Butter, Melasse, Zwiebeln, Knoblauch und heiße Milch zu uns nehmen. Ebenso wirksam sind der Aufenthalt an warmen, behaglichen Orten, der Ausblick in weiter Landschaft, das Beisammensein mit vertrauten Freunden, Lachen und Entspannung. Auch Massagen, besonders mit Sesamöl, sind recht hilfreich.

Galle-Störungen

Galle-Probleme können durch den übermäßigen Verzehr von Chilischoten, scharfen, gewürzten und fettigen, fetthaltigen Speisen, Ölen – insbesondere aus Getreide –, Erdnussbutter, Nüssen, Eiern, Schaf-, Lamm- und Yakfleisch, Butter, Melasse sowie Alkohol, besonders wenn er gealtert ist, entstehen und durch diese verschlimmert werden. Sie werden verschlimmert durch das Verweilen in der Sonne, anstrengende körperliche Arbeit, besonders in der Sonne, Schlafen nach dem Mittagessen, vor allem wenn es heiß ist, Gefühle von Wut, intensives Joggen oder Laufen, besonders unter ehrgeizigem Leistungsdruck, und dergleichen.

Wer zu Galle-Störungen neigt, kann diesen folgendermaßen vorbeugen oder sie lindern: Was die Ernährung betrifft, helfen Joghurt aus Kuh- oder Ziegenmilch, Hirsch- und Ziegenfleisch sowie Brei aus Gerste oder Löwenzahn. Zudem empfiehlt sich das Trinken von abgekochtem, kalten Wasser, der Aufenthalt an kühlen, windigen Orten oder am Meer, das Meiden der Sonne und eine ruhige, gelassene Geisteshaltung.

Schleim-Störungen

Schleim-Störungen entstehen oder verschlimmern sich vor allem durch zu viele Süßigkeiten, süßes oder unreifes Obst, Blumenkohl, Kohl, Möhren und Rohkost. Auch generell kalte Speisen und Getränke, angebrannte, roh belassene, zu lang oder zu kurz gekochte Nahrung sowie abgehangenes Fleisch und ein Übermaß an Weizen und Reis belasten das Schleim-Element. Sie werden verschlimmert durch das Schlafen an feuchten Orten, das Sitzen auf kaltem, feuchtem Boden, das Auskühlen nach einem kalten Bad oder einer kalten Dusche, das Schlafen am Tag, ein Mangel an Bewegung, völlig regungsloses Verharren nach den Mahlzeiten und dergleichen.

Neigen wir zu Schleim-Störungen, können wir sie vorbeugen oder lindern durch Schaf- beziehungsweise Hammelfleisch, Fisch, Honig, heißes abgekochtes Wasser und gereiften Wein. Ebenso wirksam sind regelmäßige körperliche Bewegung, ein Aufenthalt in der Sonne und ein konsequentes Warmhalten des Körpers.

Die psychologischen Quellen von Krankheiten 

Besonders interessant und einzigartig im tibetisch-buddhistischen System der Medizin ist die Behandlung der tiefsten Quelle des Ungleichgewichts der drei Körpersäfte. Ein Ungleichgewicht kann zwar durch äußere Umstände, wie den Aufenthalt im Kalten oder Regen, das Essen falscher Nahrung oder den Kontakt mit bestimmten Mikroorganismen entstehen, doch auf der tiefsten Ebene liegt die eigentliche Quelle der Krankheit in einem emotionalen Ungleichgewicht. Das ist ein ganz spezifisches Merkmal des buddhistischen Ansatzes der Medizin.

Betrachten wir diese grundlegenden Quellen etwas näher.

  • Sehnsüchtiges Verlangen, Anhaftung und Gier sind Wind-Störungen. Menschen, die sehr begierig sind viel Geld zu verdienen und in der Welt voranzukommen, sich selbst zu sehr antreiben und sich ständig sorgen, bekommen oft hohen Blutdruck, Schlafprobleme und nervöse Anspannungen. Dabei handelt es sich um Wind-Probleme. Hängen Menschen zu sehr an ihrem Ehepartner, Geliebten oder Freunden und werden dann von ihnen verlassen, erleben sie häufig ein gebrochenes Herz – begleitet von tiefer Depression und seelischem Schmerz. Das sind ebenfalls Störungen der Winde.
  • Wut und Feindseligkeit sind Galle-Störungen. Menschen, die schnell zu Zorn neigen, nachtragend sind oder Groll hegen, bringen die Galle-Energie in ihrem gesamten Körper förmlich zum Kochen. Ihr Gesicht wird rot vor Wut und infolgedessen können sie Probleme mit der Verdauung und Magengeschwüre bekommen.
  • Naivität, Engstirnigkeit und Sturheit sind Schleim-Störungen. Menschen, die dem Lernen gegenüber nicht aufgeschlossen und anderen gegenüber nicht empfänglich und unsensibel sind, reflektieren häufig auch diese verschlossene Haltung in ihrem Körper. Dann können ihre Nebenhöhlen oder die Nase durch eine Erkältung verstopft, ihre Lungen durch Asthma verengt oder ihre Gelenke durch Arthritis steif sein.

Dieser Aspekt ist einer der interessanteren Punkte im gesamten System der tibetischen Medizin. Er besagt, dass ganz gleich wie sehr wir versuchen unseren Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bereits die geringste Kleinigkeit ihn erneut aus der Harmonie bringen wird. Dies ist ein sich unkontrollierbar wiederholendes Syndrom, was im Buddhismus als „Samsara“ bezeichnet wird. Bemühen wir uns lediglich auf einer körperlichen Ebene, kämpfen wir ständig darum, alles in der Balance zu halten und erreichen niemals einen dauerhaften Sieg, weil die eigentliche Quelle für körperliche Gesundheit in geistigem und emotionalen Wohlbefinden liegt.

Das ist ein wirklich tiefgreifender und zum Nachdenken anregender Punkt, besonders wenn es darum geht, welche psychologischen Geisteszustände bestimmten Arten von Krankheiten entsprechen oder welche sie hervorrufen. Oft passiert es zum Beispiel, dass Menschen mit einer äußerst negativen Einstellung gegenüber sich selbst und dem Leben im Allgemeinen Krebs bekommen, wenn sie keinen Sinn mehr im Dasein sehen. Weil sie sich selbst hassen, zerstört sich der Körper praktisch selbst durch einen bösartigen Tumor. Dies sieht man oft bei älteren Menschen, deren Ehepartner gestorben ist und die kurz darauf Krebs bekommen und selbst sterben, weil sie das Gefühl haben, ihr eigenes Leben sei nicht länger relevant.

Ein weiteres Beispiel wären Menschen, die sich maßlos und ohne Zurückhaltung ungeschütztem Sex mit zahlreichen wechselnden Partnern hingeben oder an einer intravenösen Drogenabhängigkeit leiden und sich in der Folge mit AIDS anstecken. Weil sie nicht fähig sind, sich selbst zu beherrschen und von ungesunden Praktiken Abstand zu nehmen, lässt ihr Immunsystem nach und kann nicht mehr gegen Krankheiten angehen.

Diese Vorstellungen sind sehr anregend und geben viel zum Nachdenken. Die tiefste Ursache aller Krankheiten ist jedoch die Unwissenheit und Verwirrung hinsichtlich der Realität und unserer Identität, was dazu führt, all diese störenden Emotionen des sehnsüchtigen Verlangens, der Wut und der Naivität zu haben.

Wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf die Wirkungen unserer Einstellung auf das Immunsystem 

In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler im Westen damit begonnen, die Beziehung zwischen emotionalen Geisteszuständen und der Gesundheit zu untersuchen. Bis jetzt [1990] haben sie nur Menschen studiert, die zu Wut oder Depression neigen, sowie jene, die ihre Gefühle unterdrücken. Menschen mit Gier und Verlangen haben sie noch nicht weiter erforscht. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Menschen, die erfüllt sind von Zorn, Stress oder Angst, oder die ein geringes Selbstwertgefühl, ein Gefühl der Entfremdung, Depression oder Isoliertheit von Familie oder Gemeinschaft verspüren, beziehungsweise generell eine pessimistische, negative Lebenseinstellung haben oder ihre Gefühle unterdrücken, eine geringere Anzahl an T-Zellen, natürlichen Killerzellen und Ähnlichem in ihrem Immunsystem aufweisen. Sie neigen dazu, sich von Krankheiten nicht so gut zu erholen, haben eine niedrigere Überlebensrate, eine kürzere Lebenserwartung und werden häufiger krank als jene, die Freude am Leben haben, öfters lachen, ruhig und entspannt sind, sich geliebt und als Teil einer Gruppe empfinden, sowie eine optimistische und positive Lebenseinstellung haben. Wissenschaftler haben dies bei Patienten mit Krebs, hohem Blutdruck, Herzkrankheiten, AIDS und ähnlichem bemerkt. Allerdings haben sie noch nicht den Zusammenhang zwischen bestimmten emotionalen Zuständen und spezifischen Krankheiten erforscht.

Sie haben jedoch entdeckt, dass die Gehirntätigkeit der linken und rechten Stirnlappen bei zwei grundlegenden emotionalen Zuständen und Persönlichkeitsmerkmalen verschieden ist. Bei jenen, die lösungsorientiert sind, haben sie eine höhere Aktivität auf der linken Seite festgestellt, während diese bei denjenigen, die eher zum Rückzug neigen, auf der rechten Seite liegt. Im Rahmen dieser Studien steht das Annäherungsverhalten für das Bedürfnis nach Aktivität, Offenheit, Geselligkeit, Freude und einer optimistischen Grundhaltung, wohingegen man unter Rückzug eine Haltung versteht, die von Schüchternheit, Angst, Pessimismus und Niedergeschlagenheit oder aber von tiefem Zorn und Abscheu geprägt ist.

Diese entsprechen nicht wirklich den zwei störenden Emotionen des sehnsüchtigen Verlangens, der Gier und Anhaftung im Gegensatz zum Zorn und Hass, wie man sie im Buddhismus kennt. Wir können uns entweder annähern oder zurückziehen aufgrund eines konstruktiven oder destruktiven Geisteszustands, wie mit Freundlichkeit oder Verlangen auf der einen Seite und Feindseligkeit oder einem Gefühl von Anstand und Rücksichtnahme auf der anderen. Doch obwohl es in modernen Studien noch nicht diese feine Unterscheidung gibt, haben Forscher dennoch herausgefunden, dass eine erhöhte elektrisch-neurale Aktivität auf der linken Seite – sei es aufgrund des Grundtemperaments oder eines vorübergehenden emotionalen Zustands – mit einem schwächeren Immunsystem korrespondiert. Es sind noch viel mehr Forschungen nötig.

Vergleich mit den indisch-ayurvedischen, griechischen und chinesischen Ansätzen 

Das indisch-ayurvedische Medizinsystem

Was diesen Punkt des letztendlichen Ursprungs der Krankheit betrifft, unterscheidet sich die tibetisch-buddhistische Theorie der Medizin erheblich vom indisch-ayurvedischen Ansatz. Auch im ayurvedischen System gibt es die drei Körpersäfte Wind, Galle und Schleim, doch dort liegt die Ursache von Ungleichgewichten in einer Störung der drei materiellen Grundaspekte jeglicher Materie und nicht in einer emotionalen Dysbalance. Diese drei Aspekte werden im Sanskrit „guna“ oder „konstituierende Qualitäten“ genannt:

  • Sattva – die physische Qualität der Leichtigkeit, welche zu Wind-Störungen führt;
  • Rajas – der aktive Aspekt der Materie, welcher zu Galle-Problemen führt; und
  • Tamas – der dunkle Aspekt, der ein Ungleichgewicht von Schleim hervorruft.

Wie im tibetisch-buddhistischen Medizinsystem wird auch im ayurvedischen System zuweilen ein vierter Körpersaft, das „Blut“, hinzugefügt.

Auch philosophisch unterscheiden sie die ayurvedischen und buddhistischen Ansätze der Medizin deutlich. Analog zur unterschiedlichen Herangehensweise von Hinduismus und Buddhismus auf dem spirituellen Weg, wird im Ayurveda der Schwerpunkt auf körperliche Maßnahmen und Faktoren gelegt, wohingegen im Buddhismus die Transformation des Geistes im Fokus steht.

Das klassische griechische Medizinsystem

Im klassischen griechischen System der Medizin werden Krankheiten ebenfalls in Bezug auf vier Körpersäfte eingeteilt, die sich jedoch von den indischen unterscheiden. Die klassischen vier Körpersäfte im Griechischen sind:

  • Blut;
  • Schleim;
  • gelbe Galle; und
  • schwarze Galle.

Wind ist kein Körpersaft, sondern etwas, dass sich mit dem Blut bewegt und dem Körper Energie verleiht. Die Hauptquelle des Ungleichgewichts sind äußere Bedingungen, keine inneren wie in den buddhistischen oder hinduistischen Ansätzen, ob man diese innere Quelle nun als geistig oder physisch betrachtet.

Zudem waren die Griechen überzeugt, dass emotionale Probleme erst aus physischen Leiden entstehen – eine Betrachtungsweise, die der tibetisch-buddhistischen Sicht genau entgegengesetzt ist. Das griechische Wort für schwarze Galle ist beispielsweise „Melancholia“, aus dem das Wort Melancholie stammt.

Das traditionelle chinesische Medizinsystem

Im traditionellen chinesischen Medizinsystem geht es nicht um Körpersäfte. Hier wird eine Krankheit vielmehr als ein Ungleichgewicht von „Yin“ und „Yang“ betrachtet. Dieses Konzept von Yin und Yang findet man in keinem tibetischen System, weder im medizinischen, astrologischen oder philosophischen.

Die chinesische Klassifizierung der Organe ist das genaue Gegenteil von der im tibetisch-buddhistischen System. Setzt man „heiß“ mit Yang und „kalt“ mit Yin gleich, gelten in der chinesischen Medizin die vitalen Organe als Yin und kalt, wogegen die hohlen Organe dem Yang und der Hitze zugeordnet sind. Im makrobiotischen System der Medizin, welches im frühen 20. Jahrhundert in Japan von George Oshawa begründet wurde, sind die vitalen Organe Yang und die hohlen Yin, was dem tibetischen System entspricht.

Im chinesischen System werden Krankheiten auch als ein Ungleichgewicht der fünf Elemente oder aktiven Kräfte analysiert, welche physische Materie beeinflussen. Doch die chinesischen fünf Elemente unterscheiden sich deutlich von den alt-indischen, die man sowohl in den buddhistischen als auch den hinduistischen Systemen findet.

Die chinesischen fünf Elemente sind:

  • Erde;
  • Wasser;
  • Feuer;
  • Holz; und
  • Metall.
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