Ursprünge und Quellen der Textüberlieferung des Lam-rim
Die aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades (Lam-rim) umschreiben eine Reihe von Ebenen der Schulung, die zum Erlangen einer der besseren Wiedergeburtszustände, dann zur Befreiung von allen Leiden und Problemen und letztendlich zur vollen Erleuchtung, einem Zustand vollkommener geistiger Klarheit und völliger Entfaltung, führt, mit der Fähigkeit allen Wesen möglichst effektiv zu helfen.
Solch eine Abfolge wurde von Buddha Shakyamuni in den Prajnaparamita Sutras (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa’i mdo, Prajñāpāramitā Sūtra, Sutras der Vollkommenheit der Weisheit) präsentiert und von Maitreya (tib. rGyal-ba Byams-pa) in „Ein Filigranschmuck der Verwirklichungen“ (tib. mNgon-rtogs rgyan, Skt. Abhisamayālaṃkāra) näher erklärt.
Sie wurde zunächst in drei große aufeinander aufbauende Ebenen eingeteilt und Mitte des elften Jahrhunderts von Atisha (tib. Jo-bo rje dPal-ldan A-ti-sha) (982–1054) in „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ (tib. Byang-chub lam-gyi sgron-ma, Skt. Bodhipathapradīpa) mit dem Namen „Lam-rim“ bezeichnet. Diese Themen werden traditionell im Zusammenhang mit dem Prasangika-Madhyamaka-System erklärt. Atisha brachte diese Lehren von Indien nach Tibet und verfasste auch „Ein (eigener) Kommentar zu den schwierigen Punkten in ‚Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung‘“ (tib. Byang-chub lam-gyi sgron-me’i dka’-’grel, Skt. Bodhipathapradīpavṛtti).
Die aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades findet man nicht nur in der Kadam-Tradition, die auf ihn zurückgeht, sondern auch in all den anderen großen Traditionen des Buddhismus, die sich in Tibet entfaltet haben. Fast jeder große Meister hat einen Text ganz oder teilweise zu diesem Thema verfasst. Sie bilden die Grundlage und den Rahmen für all die Praktiken und vorbeugenden Maßnahmen, die gelehrt wurden. Die Tantras setzen alle eine gemeinsame vorbereitende Schulung mit diesen Pfaden des Geistes voraus.
In der Kagyü-Tradition ist der wichtigste Text zu diesem Thema „Der Juwelenschmuck der Befreiung“ (tib. Thar-pa rin-po-che’i rgyan) von Gampopa (sGam-po-pa bSod-nams rin-chen) (1079–1153). Gampopa verband die Lehren der Linie der Kadam-Tradition mit jenem des Mahamudra, die er von Milarepa (tib. rJe-btsun Mi-la Ras-pa bZhad-pa’i rdo-rje) (1040–1123) empfangen hatte. Sein Text, der Mitte des 12. Jahrhunderts verfasst wurde, baut auf der Grundlage einer anfänglichen Diskussion der Buddha-Natur, der Quelle der Erleuchtung in jedem Wesen, auf. Dies steht im Einklang mit der Tradition von Maitreyas „Weitest gehendem immerwährenden Kontinuum“ (tib. rGyud bla-ma, Skt. Uttaratantra).
Der indische Meister Virupa (tib. Bir-wa-pa) (7. Jahrhundert), ein Abt der Nalanda-Klosteruniversität, verfasste die „Vajra-Verse zu den Pfaden und ihren Resultaten“ (tib. Lam-’bras rdo-rje tshig-rkang, Skt. Mārgaphala Vajragāthā). Sie wurden zum Wurzeltext für die Ebenen, auf denen man die Sutra-Praxis mit der tantrischen Hevajra (tib. Kyai rdo-rje) -Praxis verbindet. Dort wird insbesondere die Sicht der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana (tib. ’khor-’das dbyer-med lta-ba) dargestellt.
Lam-rim-Texte, die von den tibetischen Meistern verfasst wurden
Nicht-Gelug-Texte
Es entstanden drei Linien der Pfade und ihrer Resultate (tib. lam-’bras, Skt. mārgaphala, lamdre), die Mitte des 12. Jahrunderts in Tibet von Sachen Kunga Nyingpo (tib. Sa-chen Kun-dga’ snying-po) (1092–1158) der Sakya-Tradition wieder vereint wurden. Dieser Meister schrieb „Sich von den vier Arten des Klammerns lösen“ (tib. Zhen-pa bzhi-bral), beruhend auf einer reinen Vision, die er von der Buddha-Gestalt Manjushri empfing. Die vier Arten des Klammerns sind das Klammern:
- an dieses Leben;
- an samsarische Wiedergeburt in einem der drei Bereiche;
- an die eigenen selbstischen Zwecke; sowie
- an wahre nicht-zugeschriebene Existenz.
In diesem Werk wird zu Beginn die Kraft betont, die Anweisungen zu hören, über sie nachzudenken und über sie zu meditieren.
Spätere Texte der Sakya-Tradition über die Stufenpfade beschreiben ausführlicher diese zwei Wurzeltexte von Virupa und Sachen Kunga Nyingpo, beispielsweise „Ein Schlüssel zu den essenziellen tiefgreifenden Punkten: Notizen zur Schulung der Geisteshaltungen ‚Sich von den vier Arten des Klammerns lösen‘“ (tib. Blo-sbyong zhen-pa bzhi-bral-gyi khrid-yig zab-mo gnad-kyi lde’u-mig), Ende des 15. Jahrhunderts von Gorampa (tib. Go-bo rab-’byams-pa bSod-nams seng-ge) (1429–1489), einem bedeutenden Schüler des gelehrten Ngorchen Kunga Zangpo (tib. Ngor-chen Kun-dga’ bzang-po) (1382–1456) verfasst.
Die Stufenpfade haben einen wichtigen Platz in den Werken der Meister der Nyingma-Tradition, wie in Longchenpas (tib. Klong-chen Rab-’byams-pa Dri-med ’od-zer) (1308–1363) „Drei Zyklen zum Vertreiben der Müdigkeit des Geistes“ (tib. Ngal-gso skor-gsum). In „Eine kostbare Girlande für die vier Themen (von Gampopa)“ (tib. Chos-bzhi rin-po-che’i phreng-ba) beschreibt Longchenpa ebenfalls die Stufen des Pfades im Sinne der neun Fahrzeuge des Geistes, doch dieses Mal angeordnet nach den vier Themen von Gampopa (tib. dvags-po chos-bzhi). Wie mit diesem ersteren Text, geschieht die Darstellung im Kontext der Tantra-Praxis, die im Dzogchen gipfelt. Die vier Themen von Gampopa sind:
- den Dharma als Dharma wirken lassen;
- den Dharma als ein Pfad des Geistes wirken lassen;
- die Pfade des Geistes die Verwirrung beseitigen lassen; sowie
- die Verwirrung als tiefes Gewahrsein erscheinen lassen.
Diese vier sind eine weitere Weise der Darlegung, wie man sich von den vier Arten des Klammerns lösen kann, wie in der Sakya-Tradition ausführlicher erklärt wird.
Der Haupttext in der Nyingma-Tradition zur Entsprechung des Lam-rim ist „Die Persönlichen Anleitungen meines vollkommen vortrefflichen Gurus“ (tib. Kun-bzang bla-ma’i zhal-lung, „Die Worte meines vollendeten Lehrers“) von Dza Patrul (tib. rDza dPal-sprul O-rgyan ’jigs-med chos-kyi dbang-po) (1808–1887). Dieser Text gilt als vorbereitende Übung für Longchenpas „Herzessenz-Lehren“ (tib. Klong-chen sNying-thig, Longchen Nyingtig) und umfasst in seiner Struktur die außergewöhnlichen vorbereitenden Übungen für die Tantra-Praxis, wie sie in Longchenpas Text dargestellt werden.
Frühere Gelug-Texte
In der Gelug-Tradition, in der die drei Linien von Atishas Kadam-Tradition wieder zusammengefügt wurden, gibt es acht große Lam-rim-Texte (tib. lam-rim khrid-chen brgyad). Drei wurden im späten 14. Jahrhundert von Tsongkhapa (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa) (1357–1419) verfasst, und zwar:
[1] „Eine große Darstellung des Stufenpfads“ (tib. Lam-rim chen-mo);
[2] „Eine kurze Darstellung des Stufenpfads“ (tib. Lam-rim chung-ngu, „Die mittellange Darstellung des Stufenpfads“)
[3] „Gekürzte Punkte des Stufenpfads“ (tib. Lam-rim bsdus-don).
Sie folgen der Tradition von Geshe Potowa (tib. dGe-bshes Po-to-ba Rin-chen-gsal) (1027–1105), indem sie den stufenweisen Weg im Kontext einer aus ganzem Herzen kommenden Verpflichtung zum spirituellen Mentor gliedern. Tsongkhapa betont auch die Wichtigkeit, das zu negierende Objekt beim Meditieren über die Leerheit (Leere) zu erkennen. In „Eine große Darstellung“ gibt es mehr schriftliche Referenzen, ausführliche Erklärungen und Einzelheiten als in „Eine kurze Darstellung“, während es in „Gekürzte Punkte“ nur eine Zusammenfassung in Versen der wichtigsten Punkte gibt.
[4] Der Dritte Dalai Lama (tib. rGyal-dbang bSod-nams rgya-mtsho) (1543–1588) verfasste „Geläutertes Gold“ (tib. Lam-rim gser zhun-ma) als kurzen Kommentar zu Tsongkhapas „Gekürzte Punkte“.
[5] Der Fünfte Dalai Lama (tib. rGyal-mchog lnga-pa chen-po Ngag-dbang blo-bzang rgya-mtsho) (1617–1682) verfasste „Persönliche Anweisungen von Manjushri“ (tib. Lam-rim ’jam-dpal zhal-lung). Dort werden praktische Möglichkeiten aufgezeigt, über die Stufen des Pfades nachzudenken, sowie Techniken der Meditation über sie und andere Mittel, wie Visualisierungen. In beiden dieser Texte wird der Lehrstoff ausschließlich im Sinne des Sutra besprochen.
[6] Der Erste Panchen Lama (Pan-chen Blo-bzang chos-kyi rgyal-mtshan) (1569–1662), der Tutor des Fünften Dalai Lama, verfasste „Ein glückseliger Pfad“ (tib. Lam-rim bde-lam). Obgleich es in diesem kurzen Werk eine Gliederung gibt, handelt es sich dabei im Grunde um einen Text zum Rezitieren während der Meditation über die Stufen des Pfades. Nach jedem Punkt werden Bitten für die Inspiration der spirituellen Meister gemacht, die Verwirklichung dieser Pfade zu erlangen. In dem Text wird nur wenig zitiert.
[7] In „Ein schneller Pfad“ (tib. Lam-rim myur-lam) fügt der Zweite Panchen Lama (tib. Pan-chen Blo-bzang ye-shes) (1663–1737) dem Text seines Vorgängers Zitate aus den Schriften und mehrere Anekdoten hinzu. Im Abschnitt über das Entwickeln vertiefter Konzentration (tib. ting-nge-’dzin, Skt. samādhi) und einem still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand (tib. zhi-gnas, Skt. śamatha, ruhiges Verweilen) wird auf die Techniken zurückgegriffen, die man in „Ein Wurzeltext für Mahamudra“ vom Ersten Panchen Lama (tib. Phyag-chen rtsa-ba) findet und in dem die Mahamudra-Methoden der Kagyü-Tradition mit dem Verständnis der Leerheit verbunden werden, wie es von Tsongkhapa und der Gelug-Tradition dargelegt wird. Beide Texte zum Lam-rim der ersten zwei Panchen Lamas bieten Visualisierungstechniken insbesondere für die Tantra-Praxis und im letzteren Text gibt es zahlreiche Zitate und Referenzen der Sutras zu diesen Themen.
[8] Der achte große Lam-rim-Text in der Gelug-Tradition ist „Die Essenz gut formulierter Ratschläge“ (tib. Lam-rim legs-gsung nying-khu) von Ngawang Dragpa aus Dagpo (tib. Dvags-po Ngag-dbang grags-pa), der irgendwann während des 18. oder 19. Jahrhunderts verfasst wurde.
Spätere Gelug-Texte
Danach folgt „Befreiung in unseren Händen“ (tib. rNam-grol lag-bcangs) von Pabongka Rinpoche (tib. Pha-bon-kha-pa Byams-pa bstan-’dzin ’phrin-las rgya-mtsho) (1878–1943). Dieses Werk wurde von seinem Schüler Kyabje Trijang Rinpoche (tib. Khri-byang Blo-bzang ye-shes bstan-’dzin rgya-mtsho) (1901–1981), dem verstorbenen Junior Tutor Seiner Heiligkeit des Vierzehnten Dalai Lama (tib. rGyal-dbang bsTan-’dzin rgya-mtsho) (geb. 1935) zusammengestellt. Dabei handelt es sich in erster Linie um einen Vortrag, der 1921 in einem Retreat in den Bergen von Chuzang über der Sera-Klosteruniversität in der Nähe von Lhasa in Tibet gegeben wurde.
- Dieser grundlegende Vortrag von Pabongka war eine Erörterung des Werkes „Der schnelle Pfad“ vom Zweiten Panchen Lama sowie der weitreichenden zentralen (tib. rgyas-pa dbus-brgyud) und gekürzten südlichen (tib. bsdus-pa’i lho-brgyud) Übertragungslinien der „Persönlichen Anweisungen von Manjushri“ des Fünften Dalai Lama.
- Die Erklärung der vorbereitenden Übungen steht im Einklang mit „Ein ritueller Text der vorbereitenden Übungen“ (tib. Byang-chub lam-gyi-rim-pa’i dmar-khrid myur-lam-gyi sngon-’gro’i ngag-’don-gyi rim-pa khyer bde-bklag chog bskal-bzang mgrin-rgyan, sByor-chos; Jorcho: Die Lam-rim Puja), ein Opferritual in Verbindung mit dem Text des Zweiten Panchen Lama, verfasst von Pabongkas Wurzelguru Dagpo Jampel Lhündrub (tib. Dvags-po Blo-bzang ’Jam-dpal lhun-grub) (19. Jahrhundert).
- Im Abschnitt über das Entwickeln von Bodhichitta wird eine Erklärung von Kadampa Geshe Chekawa’s (tib. dGe-bshes mChad-kha-ba) (1101–1175) „Schulung der Geisteshaltung in Sieben Punkten“ (tib. Blo-sbyong don-bdun-ma) hinzugefügt.
- Der Verbindung des Lam-rim mit diesen sieben Punkten gehen die Werke „Schulung der Geisteshaltung wie die Sonnenstrahlen“ (tib. Blo-sbyong nyi-ma’i ’od-zer) von Tsongkhapas Schüler Namkapel (tib. Hor-ston Nam-mkha’ dpal-bzang) (15. Jahrhundert) und der „Lama Chöpa“ (tib. Bla-ma mchod-pa, „Die Guru Puja“) vom Ersten Panchen Lama voran.
„Befreiung in unseren Händen“ und „Eine Sonne, die Lichtstrahlen positiver Güte aussendet“ (tib. Byang-chub bde-lam-gyi khrid-dmigs skyong-tshul shin-tu gsal-bar bkod-pa dge-legs ’od-snang ’gyed-pa’i nyin-byed, Zhwa-dmar lam-rim), ein Kommentar zu „Der schnelle Pfad“ vom Zweiten Panchen Lama, verfasst im Jahr 1889 von Zhamar aus Amdo (tib. A-mdo Zhwa-dmar dGe-’dun bstan-’dzin rgya-mtsho) (1852–1912), einem Lehrer des Dreizehnten Dalai Lama (tib. rGyal-dbang Thub-bstan rgya-mtsho) (1876–1933), haben vieles gemeinsam. Beide folgen im Wesentlichen der Gliederung des Textes vom Zweiten Panchen Lama und haben eine ähnliche Darstellung der Weise, einen Geisteszustand von außergewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit (tib. lhag-mthong, Skt. vipaśyanā) zu entwickeln. Im Gegensatz zur Tradition des Zweiten Panchen Lama bezieht sich Pabongka jedoch nicht auf Mahamudra-Methoden zum Erlangen eines still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustandes.
Als Pabongka seinen Vortrag hielt, machte sich Dongkong Rinpoche (tib. Rva-stod Brag-g.yab gDong-kong Rin-po-che) Notizen. Später wurde dann Kyabje Trijang Rinpoche von vielen ermutigt, sie als Grundlage für sein Werk „Befreiung in unseren Händen“ zu nutzen, das er 1957 fertigstellte. Er verglich diese Notizen mit jenen, die von anderen gemacht wurden, sowie mit weiteren Vorträgen, die Pabongka zu ähnlichen Themen gehalten hatte und wählte passende Passagen aus, die er einfügte, und rekonstruierte bestimmte Teile, wo es notwendig war. Kyabje Trijang Rinpoche legte seinen Entwurf anderen vor, wägte ihn lange ab und entfernte Dinge, die nicht im Einklang mit den Worten seines Meisters oder seiner Weise des Erklärens standen. Er fügte zahlreiche richtungsweisende Anleitungen von Pabongka hinzu, die nicht zu den ursprünglichen Notizen gehörten, sowie auch Zitate, die Pabongka von seinem eigenen Wurzelguru Dagpo Jampel Lhündrub angeführt hatte.
Ein Vorgänger für diese Art der Zusammenstellung ist „Einige Ratschläge“ (tib. dMar-khrid thams-cad mkhyen-par bgrod-pa’i myur-lam bzhin-khrid skyong-ba-la nye-bar mkho-ba’i zhal-shes ’ga’-zhig-gi brjed-thog) in dem Lozang Togme (tib. rGyal-rong Chos-mdzad Blo-bzang thogs-med) redigierte Notizen von Vorträgen seines spirituellen Mentors Purchog Ngawang Jampa zu dem Werk „Der schnelle Pfad“ vom Zweiten Panchen Lama präsentiert. Purchog (tib. Phur-cog Ngag-dbang byams-pa rgya-mtsho) (1682–1762) war ein Schüler des Zweiten Panchen Lama und zitiert häufig richtungsweisende Anleitungen seines eigenen Wurzelgurus Drubkhang Geleg Gyatso (tib. sGrub-khang dGe-legs rgya-mtsho) (1641–1713).
Es ist ein übliches Merkmal der meisten Texte zum Stufenpfad, in jeder der tibetischen Traditionen die Sutras und spätere indische Kommentatoren zu zitieren, um bestimmte Punkte zu untermauern. Präzedenzfälle dafür in Indien sind:
- Nagarjunas (tib. mGon-po Klu-sgrub) (ca. 150–250 u. Z.) „Anthologie der Sutras“ (tib. mDo kun-las btus-pa, Skt. Sūtrasamuccaya);
- Shantidevas (tib. Zhi-ba lha) (8. Jahrhundert) „Kompendium der Übungen“ (tib. bsLab-btus, Skt. Śikṣāsamuccaya); sowie
- Atishas „Ein (eigener) Kommentar der schwierigen Punkte in ‚Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung’“).
In „Juwelenschmuck der Befreiung“ zitiert Gampopa Atisha und andere indische Quellen, während Tsongkhapa in „Eine große Darstellung“ ebenfalls viele Aussagen der Kadampa-Geshes zitiert. Dazu greift er auf Quellen zurück, wie:
- Potowas „Lehren anhand von Beispielen“ (tib. Po-to-ba’i dpe-chos);
- „Verschiedene Aussagen der Kadam-Tradition“ (tib. bKa’-gdams gsung thor-bu), zusammengestellt von Tsunpa Chegom (bTsun-pa lce-sgom); sowie
- „Das Blaue Büchlein“ (tib. Be’u-bum sngon-po) von Potowas Schüler Geshe Dolpa (tib. dGe-bshes Dol-pa dMar zhur-pa Shes-rab rgya-mtsho) (1059–1131).
In „Eine große Darstellung“ führt Tsongkhapa auch Beispiele aus dem Leben früherer Meister an und führt kurz mehrere klassische Anekdoten an. Das findet man in gewissem Maße auch in „Der schnelle Pfad“ des Zweiten Panchen Lama und „Eine Sonne, die Lichtstrahlen aussendet“ von Zhamar. In Pabongkas „Befreiung in unseren Händen“ spielt dieses Merkmal jedoch eine prominente Rolle. Einen großen Teil der Zitate und Beispiele, die in diesem letzteren Text, insbesondere aus indischen Quellen und von den Kadampa-Geshes, angeführt werden, findet man auch in „Eine große Darstellung“, während andere ausschließlich in dem einen oder anderen zu finden sind. Es gibt eine Reihe von Standard-Zitaten und Anekdoten, die in unterschiedlichem Maße in den meisten Lam-rim-Texten wiederholt werden. In „Befreiung in unseren Händen“ werden jedoch auch andere tibetische Autoren und Werke zitiert, die nicht in den früheren großen Texten zu finden sind.
„Eine Anthologie gut formulierter Ratschläge“
„Eine Anthologie gut formulierter Ratschläge zum Stufenpfad“ (tib. Lam-rim legs-gsung kun-btus) wurde vom Herausgeber dieses Textes, Dr. Alexander Berzin, aus Lam-rim-Vorträgen zusammengestellt, die von Geshe Ngawang Dhargyey (tib. dGe-bshes Ngag-dbang dar-rgyas) (1925–1995), einem Schüler von Kyabje Trijang Rinpoche, gehalten wurden.
Es gibt vier Arten von Vorträgen (tib. khrid).
- In einem erklärenden Vortrag (tib. bshad-khrid) geht der Lehrer einen Text Wort für Wort durch.
- Einen offenbarenden Vortrag (tib. dmar-khrid) kann man mit dem Öffnen eines Körpers durch einen Chirurg vergleichen, der einer Gruppe von Medizinstudenten das Innere des Körpers zeigen will. In ähnlicher Weise nutzt der spirituelle Mentor richtungsweisende Anleitungen, um die Lehren offenzulegen und ihre Essenz zu offenbaren.
- Ein auf Erfahrungen beruhender Vortrag (tib. nyams-khrid) wird in Bezug auf die persönlichen Erkenntnisse des Lehrers gehalten.
- In einem Vortrag mit Rückmeldungen (tib. myong-khrid) erforscht der Schüler jeden Punkt für sich und gibt eine Rückmeldung, bevor der nächste gelehrt wird.
In diesem Text präsentiert Geshe Dhargyey in erster Linie einen auf Erfahrungen beruhenden Vortrag zu Pabongkas „Befreiung in unseren Händen“, fügt aber auch Punkte von Tsongkhapas „Großer Darstellung“ hinzu, die man nicht im ersteren Text finden kann. Viele richtungsweisenden Anleitungen werden von seinem Wurzelguru Kyabje Trijang Rinpoche gegeben.
Die Gliederung baut mit leichten Veränderungen auf jener in „Befreiung in unseren Händen“ auf. Die fundamentale Struktur steht im Einklang mit dem Vortragsstil von Vikramashila. Während dem ersten Millennium des gegenwärtigen Zeitalter hatten die großen indischen Klosteruniversitäten von Nalanda und Vikramashila ihre traditionellen Vortragsstile. Die Meister der Ersteren begannen mit dem Erklären der drei Reinheiten:
- die Reinheit der Rede des Lehrers;
- die Reinheit des Geisteskontinuums des Schülers; und
- die Reinheit des aufzuzeigenden Dharma.
Jene der Letzteren begannen mit den herausragenden Qualitäten der Übersetzer und der spezifischen Dharma-Lehre, die sie erteilen wollten, sowie der Weise, wie sie studiert und gelehrt werden sollte. Sowohl Tsongkhapa als auch Pabongka folgten dem Vikramashila-Stil, was die Anordnung ihrer Gliederung betraf, und diese Präsentation folgt diesem Beispiel.
Der Text von Geshe Dhargyey beginnt, wie „Befreiung in unseren Händen“, mit einem kurzen Überblick über den gesamten Kurs des Stufenpfades. Damit wird vor dem Beginn die Motivation festgelegt. Laut Dagpo Jampel Lhündrub ist dies eines der besonderen Merkmale der Gelug-Tradition, die von Tsongkhapa ausgeht. Ein Lehrer muss einen spirituellen Vortrag beginnen, indem er die Schüler durch die korrekten und vollständigen Stufen des Aufbauens ihrer Motivation führt. Es reicht nicht aus, lediglich mit einem Vers oder Gebet zu beginnen. Vielmehr ist es notwendig, kurz den gesamten Kurs durchzugehen. Das hinterlässt bei der Zuhörerschaft einen tieferen Eindruck, sodass sie während der Belehrung eine stärkere und korrektere Motivation haben und den größten Nutzen daraus ziehen werden.
Der Text wurde, wie Pabongkas „Befreiung in unseren Händen“, in einem gesprochenen, umgangssprachlichen Stil geschrieben. Im Gegensatz zum letzteren Text werden die vorbereitenden Übungen jedoch in einer viel vereinfachteren Form für Anfänger gegeben und es gibt keine Darstellung der Schulung der Geisteshaltung in Sieben Punkten. Ähnlich wie „Geläutertes Gold“ vom Dritten Dalai Lama, ist der gesamte Text von Tsongkhapas „Gekürzte Punkte des Stufenpfads“ enthalten, jeder Vers in seinem entsprechenden Abschnitt. Viele der angeführten Zitate findet man auch in den standardmäßigen Lam-rim-Texten, doch Geshe Dhargyey greift darüber hinaus auf ein viel breiteres Spektrum von Quellen zurück, als das, was für gewöhnlich zitiert wird.
Drei Runden der Übertragung des Dharma
Im Norden Indiens setzte Buddha Shakyamuni vor über zweieinhalbtausend Jahren drei Runden der Übertragung des Dharma (tib. chos-skor gsum, Skt. tridharmacakra) in Bewegung.
- Die erste Runde der Übertragung erteilte Buddha im Deer Park in Varanasi, dem heutigen Sarnath. Dort vermittelte er seinen ersten fünf Schülern das „Dharma-Rad Sutra“ (tib. Chos-kyi ’khor-lo’i mdo, Skt. Dharmacakra Sūtra), in dem er die vier edlen Wahrheiten oder die vier Tatsachen, die von den Aryas als wahr betrachtet werden, vorstellte.
- Die zweite Runde erteilte er am Geierberg, in der Nähe der königlichen Stadt Rajagriha, dem heutigen Rajgir, indem er seine „Sutras über weitreichendes unterscheidendes Gewahrsein“ (tib. Sher-phyin mdo, Skt. Prajñāpāramitā Sūtras) vermittelte.
- Die dritte Runde begann er in Vaishali mit dem siebenten Kapitel des „Sutra, das die Absicht enthüllt“ (tib. dGongs-pa nges-par ’grel-ba’i mdo, Skt. Saṃdhinirmocana Sūtra).
Diese drei Runden der Übertragung bilden nur ein Klassifizierungssystem für die Sutras, die später niedergeschrieben und in den „Drei Körben“ (tib. sDe-snod gsum, Skt. Tripiṭaka) kodifiziert wurden. Die Tantras sind nicht in ihnen enthalten und obgleich diese Ausführungen zur gleichen Zeit wie die zweite Runde der Übertragung übermittelt wurden, gehören sie nicht zu dieser Kategorie.
In „Die Essenz der vortrefflichen Erklärung über die interpretierbaren und letztendlichen Bedeutungen (tib. Drang-nges legs-bshad snying-po, Sarnath ed., 87) vertrat Tsongkhapa, dass die drei Runden der Übertragung zwar in einer gewissen zeitlichen Abfolge eingeleitet wurden, bestimmte Passagen von Buddhas Worten diesen dreien aber ausschließlich aufgrund ihrer inhaltlichen Kriterien zugeordnet werden müssen. Die direkten und indirekten Aussagen Buddhas, dass alle Phänomene wahrhaft begründet sind, bilden die erste Runde dessen, was übertragen wurde, jene, dass keine auf diese Weise existieren, bilden die zweite, und jene, dass manche so existieren und andere nicht, bilden die dritte. Somit präsentierte Buddha die Lehrsysteme des Vaibhashika und Sautrantika in seiner ersten Runde der Übertragung, das Madhyamaka in der zweiten und das Chittamatra-System in seiner dritten.
Mit diesen drei Runden der Übertragung des Dharma erklärte Buddha Shakyamuni 84.000 Maßnahmen, die ergriffen werden können, um alles Leiden zu verhindern und zu beseitigen, sowie die zwei erwünschten spirituellen Ziele zu bewirken. Solche Ziele sind entweder eine höhere Wiedergeburt als ein Mensch oder ein Götterwesen oder das endgültig Gute der Befreiung von unserem eigenen Leiden oder der vollen Erleuchtung zu erlangen, einem Zustand vollkommener und völlig klarer Entfaltung, durch den wir auch allen anderen helfen können, befreit zu werden.
Diese zwei überragenden Zustände umfassen drei gereinigte Zustände (tib. byang-chub gsum, Skt. tribodhi, drei Zustände der Vollkommeheit):
- ein Shravaka-Arhat zu werden, der innere Feinde überwunden und Nirvana, eine Loslösung von Schwierigkeiten, erlangt hat;
- ein Pratyekabuddha-Arhat zu werden, der dies ebenfalls überwunden und erlangt hat; sowie
- den höchsten Zustand zu erreichen und jemand zu werden, der alles überwunden und erlangt hat, also Buddhaschaft zu verwirklichen.
Die ersten zwei Ebenen werden durch die Maßnahmen des Hinayana erlangt, während letztere durch jene des Mahayana erlangt werden.
Die weitreichenden und tiefgründigen Übertragungslinien
Somit behandeln die 84.000 Lehren des Buddhas viele verschiedene Herangehensweisen und Methoden. Obgleich es zwischen ihnen keinen qualitativen Unterschied gibt, findet man die wirksamsten Methoden zum Erreichen des höchsten Ziels in der zweiten Runde der Übertragung. Dort hat der Buddha in den verschiedenen „Prajnaparamita Sutras“ direkt die tiefgründige Sicht der Leerheit erklärt und indirekt auf das weitreichende Verhalten mit Bodhichitta hingewiesen, einem Herzen, das sich völlig anderen und der höchsten Ebene gereinigten Wachstums verschrieben hat. Da das Gewahrsein der Realität die Erleuchtung hervorbringt, sind diese Sutras auch als „Mutter der Siegreichen“ (tib. rGyal ba’i yum) bekannt.
Die „Prajnaparamita Sutras“ gibt es in drei großen Ausgaben:
- einhunderttausend Verse (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa stong-phrag brgya-pa’i mdo, Skt. Śatasāhasrikā Prajñāpāramitā Sūtra);
- fünfundzwanzigtausend Verse (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa stong-phrag nyi-shu lnga-pa dum-bu dang-po, Skt. Pañcaviṃśatisāhasrikā Prajñāpāramitā Sūtra); und
- achttausend Verse (tib. ’Phags-pa brgyad stong-pa, Skt. Aṣṭasāhasrikā Prajñāpāramitā Sūtra).
Die mittlere Version umfasst in der tibetischen Übersetzung zwar 20.000 und im ursprünglichen Sanskrit 25.000 Verse, doch diese Abweichung hat lediglich etwas mit dem System des Zählens und nicht mit dem Inhalt zu tun.
Zwei Übertragungslinien, die weitreichende und die tiefgründige, wurden durch die wichtigsten spirituellen Söhne des Buddhas, die Bodhisattvas Maitreya und Manjushri, entfaltet und übertragen. Beide umfassten Maßnahmen bezüglich des weitreichenden Verhaltens und der tiefgründigen Sicht und unterschieden sich nur im Hinblick darauf, auf welchem der beiden die Betonung lag. Die weitreichende Linie wurde von Asanga (tib. ’Phags-pa Thogs-med) (4. oder 5. Jahrhundert) und die tiefgründige von Nagarjuna (tib. mGon-po Klu-sgrub) (ca. 150–250 u. Z.) erläutert und verbreitet, die beide als große Pioniere der Mahayana-Tradition bekannt waren (tib. shing-rta chen-po gnyis, Skt. mahāratha, zwei große Wagenlenker).
Nach vielen Generationen herausragender Lehrer wurden diese beiden Themen im frühen 11. Jahrhundert wieder vereint und durch Atisha nach Asien gebracht. Er empfing die weitreichende Linie Maitreyas und Asangas von Serlingpa (tib. gSer-gling-pa Chos-kyi blo-gros, Skt. Suvarṇadvīpa Dharmapāla), während er die tiefgründige Linie Manjushris und Nagarjunas von Avadhutipa (Rigs-pa’i khu-byug chung-ba, Sangs-rgyas dgongs-skyong, Vidyakokila der Jüngere) bekam.
Die weitreichende Linie ging von Buddha Shakyamuni zu Maitreya, und dann zu:
- Asanga;
- seinem Bruder Vasubandhu (tib. dByig-gnyen) (4. oder 5. Jahrhundert);
- Vimuktisena (tib. rNam-grol sde) (6. Jahrhundert);
- Vimuktisenagomin (tib. bTsun-pa rnam-grol sde);
- Paramasena (tib. mChog-sde);
- Vinitasena (tib. Dul-ba’i sde);
- Shantarakshita (tib. Zhi-ba ’tsho) (Mitte des 8. Jahrhunderts);
- Haribhadra (tib. Seng-ge bzang-po) (spätes 8. Jahrhundert);
- Kusali der Ältere (tib. Ku-sa-li che-ba, Rin-chen bzang-po, Ratnabhadra);
- Maitriyogi (tib. Byams-pa rnal-’byor, Ratnasena, Kusali der Jüngere);
- Serlingpa; und
- Atisha.
Die tiefgründige Linie ging von Buddha Shakyamuni zu Manjushri, und dann zu:
- Nagarjuna (tib. Klu-grub);
- Chandrakirti (tib. Zla-ba grags-pa) (6. Jahrhundert);
- Vidyakokila der Ältere (tib. Rig-pa’i khu-byug che-ba);
- Avadhutipa; und
- Atisha.
Atisha und die Kadam-Tradition
Atisha ordnete alle Lehren, die in diesen Linien zu finden waren, und stellte sie in einem kurzen Text mit dem Namen „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ zusammen, welcher der Prototyp für alle Texte zum Lam-rim, der aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades, war.
Die Kadam-Tradition entstand in Tibet durch Atisha und seinen Hauptschüler Dromtönpa (tib. ’Brom-ston rGyal-ba’i ’byung-gnas) (1004–1064). Sie hatte drei große Linien:
- die Linie der schriftlichen Erklärungen (tib. bKa’-gdams gzhung-pa-ba);
- die Linie der Quintessenz-Lehren (tib. bKa’-gdams man-ngag-pa); sowie
- die Linie des Lam-rim (tib. bKa’-gdams lam-rim-pa).
Es gab auch eine vierte Linie der mündlichen Lehren, die in dem „Buch des Kadam“ (tib. bKa’-gdams glegs-bam) aufgezeichnet wurden und aus den „Lehren des Vaters“ (tib. Pha-chos-kyi skor) und den „Lehren des Sohnes“ (tib. Bu-chos-ky skor) bestehen.
Diese wurden durch die drei Brüder der Kadam-Tradition (tib. bKa’-gdams sku-mched gsum) übertragen:
- Potowa (tib. dGe-bshes Po-to-ba Rin-chen gsal) (1031–1105) – die Linie der schriftlichen Erklärungen;
- Chengawa (tib. dGe-bshes sPyan-snga-ba Tshul-khrims ’bar) (1033–1103) – die Linie der Quintessenz-Lehren; und
- Phuchungwa (tib. dGe-bshes Phu-chung-ba gZhon-nu rgyal-mtshan) (1031–1106) – die Linie der mündlichen Lehren, die in dem „Buch des Kadam“ aufgezeichnet wurden.
Außerdem wurde die Linie des Lam-rim durch Gonpawa (tib. dGon-pa-ba dBang-phyug rgyal-mtshan) (1016–1082) übertragen.
Die sechs Texte, die von der Kadam-Tradition der schriftlichen Erklärungen studiert wurde, waren:
- die Shravaka (Hörer) -Ebenen des Geistes (tib. Nyan-sa, Skt. Śrāvakabhūmi) von Asanga;
- „Ein Filigranschmuck für die Mahayana-Sutras“ (tib. mDo-sde rgyan, Skt. Mahāyāna Sūtrālamkāra) von Maitreya;
- das „Kompendium der Übungen“ (tib. bsLab-btus, Skt. Śikṣā Samuccaya) von Shantideva;
- „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (tib. sPyod-’jug, Skt. Bodhicaryāvatāra) von Shantideva;
- „Ein Rosenkranz von Geschichten vergangener Leben“ (tib. sKyes-rabs ’phreng-ba, Skt. Jātakamālā) von Aryashura (sLob-dpon dPa’-bo) (2. Jahrhundert), sowie
- „Besondere Verse, nach Themen geordnet“ (tib. Ched-du brjod-pa’i tshoms, Skt. Udānavarga, der tibetische Dhammapada).
Tsongkhapa und seine Lam-rim-Lehren
Die drei Kadam-Linien wurden im späten 14. Jahrhundert von Tsongkhapa, der „Eine große Darstellung des Stufenpfades“ verfasste, wieder miteinander verbunden. Er hatte die ersten dieser drei von Chokyob Zangpo (tib. Grva-’khor mkhan-chen Chos-skyob bzang-po), einem bewanderten Lehrer der Kagyü-Tradition, und die letzten zwei von Namkha Gyeltsen (tib. lHo-brag Nam-mkha’ rgyal-mtshan) (1326–1401) der Nyingma-Tradition empfangen.
Potowa übertrug die Tradition der schriftlichen Erklärungen auf Sharawa (dGe-bshes Sha-ra-ba) (1070–1130), der sie weitergab an:
- Chekawa (tib. dGe-bshes mChad-kha-ba) (1101–1175);
- Chilbupa (tib. sPyil-bu-pa Chos-kyi rgyal-mtshan) (1121–1189);
- Lhalung Wangchug (tib. lHa-lung dbang-phyug) (1158–1232);
- Gonpo Rinpoche (tib. mGon-po Rin-po-che);
- Zangchenpa (tib. Zang-chen-pa);
- Tsonawa (tib. mTsho-sna-ba Shes-rab bzang-po) (13. Jahrhundert);
- Mondrapa (tib. Mon grva-pa);
- Chokyob Zangpo; und
- Tsongkhapa.
Die Tradition der Quintessenz-Lehren wurde von Chengawa an Jayulwa (tib. dGe-bshes Bya-yul-ba gZhon-nu ’od) (1075–1138) übertragen, und dann auf:
- Gyergampa (tib. dGe-bshes dGyer-sgam-pa gZhon-nu grags) (1090–1171);
- Sanggye Wonton (tib. Sangs-rgyas dbon-ston Rin-po-che) (1138–1210);
- Namkha Gyelpo (tib. mKhan-chen Nam-mkha’ rgyal-po);
- Sengge Zangpo (tib. mKhan-chen Seng-ge bzang-po);
- Togme Zangpo (tib. rGyal-sras Thogs-med bzang-po) (1245–1369);
- Namkha Gyeltsen; und
- Tsongkhapa.
Die Lam-rim-Tradition ging von Gonpawa an Neuzurpa (tib. dGe-bshes sNe’u zur-pa Ye-shes ’bar) (1062–1138);
- Thagmapa (tib. dGe-bshes Thag-ma-pa);
- Namkha Sengge (tib. lHo-brag Nam-mkha’ seng-ge); und
- Namkha Gyelpo, von dem sie, wiedervereint mit der Tradition der Quintessenz-Lehren, durch die gleiche oben genannte Linie an Tsongkhapa herabging.
Tsongkhapa erwies einigen dieser herausragenden Figuren in seinen „Gekürzten Punkten des Stufenpfads“ seine Ehrerbietungen:
(1) Meinen Kopf (beugend), verneige ich mich vor dir, Führender des Shakya (-Klans): dein Körper kam mit einer Schar herrlicher, konstruktiver und vortrefflicher (Zeichen) auf die Welt; deine Rede erfüllt die Wünsche der grenzenlosen wandernden Wesen; dein Geist sieht alles Erkennbare, wie es ist.
(2) Ich verneige mich vor euch, Maitreya und Manjushri, höchste spirituelle Söhne des unvergleichlichen Lehrers: ihr habt das Gewand angenommen, die gesamte Reihe der Taten der Siegreichen (umzusetzen) und entfaltet Ausstrahlungen in zahllosen Welten.
(3) Ich verneige ich vor den Füßen von Nagarjuna und Asanga, die in den drei Bereichen als (Juwelen) gefeiert werden, welche den südlichen Kontinent schmücken: ihr habt, im Einklang mit der bestimmungsgemäßen Bedeutung die „Mutter der Siegreichen“, (Prajnaparamita) kommentiert, die am schwierigsten zu ergründen ist.
Die „drei Bereiche“ beziehen sich entweder auf die Bereiche unter der Erde (tib. sa-’og), jene auf der Erdoberfläche (tib. sa-steng) und jene der Lüfte (tib. sa-bla) oder auf die drei Ebenen der Existenz (tib. khams-gsum, Skt. tridhātu, drei Bereiche), also die Ebene des Sinnesbegehrens (’dod-khams, Skt. kāmadhātu, Bereich der Begierde), jene der ätherischen Formen (tib. gzugs-khams, Skt. rūpadhātu, Bereich der Form) und die Ebene der formlosen Wesen (gzugs-med khams, Skt. arūpadhātu, formloser Bereich).
Der „südliche Kontinent“ bezieht sich auf Jambudvipa, die Rosenapfel-Insel, die wir für gewöhnlich als Welt der Menschen kennen. Der Name geht auf die Tatsache zurück, dass auf dieser Insel-Welt Rosenapfelbäume an der Seite eines großen Bergsees wachsen, dessen Früchte, wenn sie ins Wasser fallen, den Klang „jambu“ machen, was Rosenapfel bedeutet (Eugenia Jambolana, ein Baum, der ziemlich groß wird und kleine runde Früchte trägt, die rosiges Fruchtfleisch haben und einen Stein im Innern).
(4) Ich verneige mich vor dir, Dipamkara (Atisha), Bewahrer eines Reichtums an Anweisungen, welche vollständig und ohne Fehler die essenziellen Punkte des Pfades der tiefgreifenden Sicht und weitreichenden Eigenschaften enthalten, in vortrefflicher Übertragungslinie von diesen zwei herausragenden Pionieren.
(5) Respektvoll verneige ich mich vor euch, meine spirituellen Lehrer, Augen zum Erblicken all der grenzenlosen Schriften, unvergleichliche Furt der Glücklichen auf dem Weg zur Befreiung. Durch geschickte Mittel und mit liebevoller Fürsorge formuliert ihr (alles) auf klare Weise.
Diese ersten fünf Verse erscheinen auch als Bezeugungen der Ehrerbietung in Tsongkhapas „Großer Darstellung des Stufenpfades“.
(6) Die Stufen des Pfades zur Erleuchtung wurden von Nagarjuna und Asanga, den Kronjuwelen aller gelehrten Meister des südlichen Kontinents, und dessen Banner des Ruhms über den wandernden Massen weht, unversehrt an nachfolgende Generationen weitergereicht. Da (das Folgen der Stufen) ausnahmslos die erwünschten spirituellen Ziele der neun Arten der Wiedergeburt erfüllen kann, bilden sie eine kraftspendende Macht kostbarer Anweisungen. Da sie in sich die Ströme einer Vielzahl vortrefflicher Werke vereinen, umfassen sie auch einen Ozean rundum vollendeter, korrekter Erklärungen.
Die „neun Arten der Wiedergeburt“ sind auf die Tatsache zurückzuführen, dass Wesen von jeder der drei Ebenen der Existenz in jeder von ihnen wiedergeboren werden können. Jene der Ebene des Sinnesbegehrens mögen beispielsweise entweder auf der Ebene des Sinnesbegehrens, der Ebene der ätherischen Formen oder der Ebene der formlosen Wesen wiedergeboren werden.
Die „kraftspendende Macht“ ist ein Ausdruck für das wunscherfüllende Juwel, ein wundersames Juwel, das alle weltlichen Wünsche erfüllen kann.
Weitere Übertragung der Lehren Tsongkhapas
Seit Tsongkhapa hat sich die Linie dieser Dharma-Lehren durch die Meister der Gelug-Tradition, die von ihm ausgegangen ist, fortgesetzt. In letzter Zeit wurde sie von Dagpo Jampel Lhündrub an Pabongka Rinpoche übertragen, dessen Vorträge zu diesen aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades in dem Werk „Befreiung in unseren Händen“ von meinem eigenen unvergleichlichen Lehrer Kyabje Trijang Rinpoche, dem späten Junior Tutor Seiner Heiligkeit des Vierzehnten Dalai Lamas, zusammengestellt wurde.
Insbesondere übertrug Tsongkhapa die drei wiedervereinten Kadam-Traditionen auf Togden Jampel Gyatso (tib. rTogs-ldan ’Jam-dpal rgya-mtsho) (1356–1428). Die Linie ging dann weiter auf Khedrub Je (tib. mKhas-grub rJe dGe-legs dpal-bzang) (1385–1438),
- Baso Choje (tib. Ba-so Chos-rje Chos-kyi rgyal-msthan) (1402–1475),
- Dharmavajra (tib. Grub-chen Chos-kyi rdo-rje) (spätes 15. Jahrhundert),
- Ensapa (tib. rGyal-ba dBen-sa-pa Blo-bzang don-grub) (b. 1445),
- Sanggye Yeshe (tib. mKhas-grub Sangs-rgyas ye-shes) (1525–1591),
- den Ersten Panchen Lama (tib. Pan-chen Blo-bzang chos-kyi rgyal-mtshan) (1570–1662),
- Konchog Gyeltsen (tib. rDo-rje ’dzin-pa dKon-mchog rgyal-mtshan) (1612–1687),
- den Zweiten Panchen Lama (tib. Pan-chen Blo-bzang ye-shes) (1663–1737),
- Lozang Nyendrag (tib. Blo-bzang snyan-grags) (1718–1800),
- Gyatso Thaye (tib. rGya-mtsho mtha’-yas),
- den Zweiten Radreng Rinpoche (tib. Blo-bzang ye-shes bstan-pa rab-rgyas) (1759–1815),
- Lodrö Zangpo (tib. bLo-gros bzang-po),
- Lozang Jinpa (tib. Dvags-po Blo-bzang sbyin-pa),
- Kelzang Tendzin (tib. Dvags-po bsKal-bzang bstan-’dzin),
- Tendzin Khedrub (tib. Dvags-po bsTan-’dzin mkhas-grub),
- Dagpo Jampel Lhündrub,
- Pabongka, und
- Kyabje Trijang Rinpoche.
Die vollständigen Biografien dieser Meister kann man im Tibetischen in „Die erleuchtenden Biografien der Meister der Überlieferungslinie des Stufenpfades (tib. Byang-chub lam-gyi rim-pa’i bla ma brgyud-pa’i rnam-par thar-pa rgyal-bstan mdzes-pa’i rgyan-mchog phul-byung nor-bu’i phreng-ba) von Yeshey Gyeltsen (tib. Yongs-’dzin dKa’-chen Ye-shes rgyal-mtshan) (1713–1793), dem Tutor des Achten Dalai Lama, finden.