Wie ein spiritueller Mentor den Schülern die buddhistischen Lehren vermitteln sollte

Die spirituelle Ausbildung ist ein zweiseitiger Vorgang. Obgleich man viel durch das Lesen von Büchern lernen kann, ist ein Lehrer wesentlich, um das Ganze zu einem lebendigen Vorgang zu machen. Durch das Geben und Nehmen der Lernerfahrung werden wir uns immer sicher sein können, keine Fehler zu machen. Daher ist es nicht nur wertvoll zu verstehen, wie wir unsererseits zuhören, sondern auch wie sich die Lehrer ihrerseits verhalten sollten. Dadurch haben wir eine viel größere Wertschätzung dafür, was unsere spirituellen Mentoren tun, und es wird auch später hilfreich sein, wenn wir beginnen, selbst andere anzuleiten.

Betrachtung der Nutzen, den Dharma zu erklären

Ein Kurs des Studiums und der Praxis des Stufenpfades zur Erleuchtung sollte von vollkommen qualifizierten spirituellen Meistern gelehrt werden. Solche Lehrer werden nicht durch Geld, Ruhm oder Respekt motiviert, die sie vielleicht erlangen, und lehren auch nicht aus Pflichtgefühl, um lediglich die Verpflichtung einer Arbeit zu erfüllen, ohne sich zu kümmern, ob die Schüler etwas lernen oder nicht. Sie übernehmen die volle Verantwortung für jeden einzelnen ihrer Schüler und interessieren sich ernsthaft für ihre spirituelle Entwicklung. Wahre Meister lehren mit der Motivation eines reinen und außergewöhnlichen Entschlusses (tib. lhag-bsam rnam-dag, Skt. viśuddha adhyāśaya), um selbst in der Lage zu sein, alle begrenzten Wesen aus Samsara, ihren unkontrollierbar sich wiederholenden Problemen, zu befreien.

In „Ein Filigranschmuck für die Mahayana-Sutras“ (tib. mDo-sde rgyan, Skt. Mahāyāna Sūtrālamkāra), XVII.10, hat Maitreya zehn gute Eigenschaften aufgelistet, die solche Meister haben sollten:

  • ethische Selbstdisziplin; 
  • einen still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand; 
  • einen gründlich besänftigten Geist;
  • mehr Wissen (als die Schüler);
  • freudige Ausdauer;
  • einen Reichtum an Zitaten der Schriften; 
  • eine tiefe und stabile Verwirklichung der Realität; 
  • die Fähigkeit, sich selbst klar auszudrücken; 
  • eine Natur der liebevollen Güte (tib. brtse-ba, Skt. dayā); und 
  • sie sollten es aufgegeben haben, sich jemals (beim Lehren) gelangweilt zu fühlen. 

Die ersten zwei guten Eigenschaften sind das Resultat, die Schulungen in höherer ethischer Selbstdisziplin und höherer vertiefter Konzentration gemeistert zu haben. Die dritte Eigenschaft bezieht sich auf einen Geist, der jenseits aller Schleier – emotionale Schleier und kognitive Schleier – beruhigt wurde. Ersterer würden ihre Befreiung verhindern und Letzterer würde ein Hindernis für das Erlangen der Allwissenheit sein. Ihre Freiheit von solchen Schleiern ist auf ihre dritte Schulung, jener in höherem unterscheidenden Gewahrsein, zurückzuführen. 

Sie sollten mehr Wissen in dem Subjekt der Belehrung als ihre Schüler haben und sich wirklich daran erfreuen, es anderen zu erklären. Dies sollten sie deutlich, beruhend auf schriftlicher und eigener persönlicher Erfahrung und Erkenntnis ausdrücken können. Mit einer Natur der liebevollen Güte sollte es ihnen nur darum gehen, ihren Schülern zu helfen, von Leiden befreit zu werden, und sie sollten keine anderen Hintergedanken oder selbstsüchtigen Motive haben. Auch sollten sie niemals müde werden, etwas zu erklären, sondern bereit sein, Schüler aller Ebenen der Intelligenz und Leistungsfähigkeit zu unterrichten. Sie sollten nicht die Klügeren bevorzugen oder die Dümmeren benachteiligen.

Es mag ziemlich schwierig sein, einen Meister mit allen zehn dieser erhabenen Qualifikationen zu finden. Doch wie Sakya Pandita in „Ein kostbarer Schatz eleganter Worte“ (tib. Legs-bshad rin-po-che’i gter), VI.20, sagte:

So, wie es ziemlich selten ist, dass jemand alle guten Eigenschaften besitzt, ist es auch selten, dass jemand gar keine Fähigkeiten hat. Daher kultivieren die Weisen eine gesunde Beziehung zu jemanden, der in einer Mischung von Fehlern und Vorzügen meist gute Anlagen hat.

In Bezug darauf sagte Geshe Potowa (tib. dGe-bshes Po-to-ba Rin-chen-gsal) (1027–1105):

Mein spiritueller Mentor Zhangtsun aus Yerpa (tib. Yer-pai Zhang-btsun) hat nicht viele Lehren gehört, hat keine Geduld für Ermüdendes und bedankt sich niemals für die Güte der Menschen. Doch weil er diese ersten fünf (guten Eigenschaften) besitzt, nützt er allen, die zu ihm kommen. (Mein Lehrer) Nyenton (tib. bNyan-ston) ist ebenfalls kein begnadeter Redner und wenn er einem Förderer eine Rede der Widmung hält, muss ich mich fragen, ob jemand überhaupt einen Sinn in dem finden kann, was er sagt. Da jedoch auch er diese (ersten) fünf (guten Eigenschaften) besitzt, nützt er allen, die um ihn sind. 

Wenn solche qualifizierte Meister den Dharma mit einer richtigen Motivation erklären, gibt es zwanzig nützliche Auswirkungen, die, meist in zukünftigen Leben, daraus folgen. Diese beziehen sich auf spirituelle Fortschritte, die sich aus ihren positiven Handlungen im Einklang mit den Gesetzen verhaltensbedingter Ursache und Wirkung ergeben. Solche Personen trachten jedoch nicht auf selbstsüchtige Weise nach diesen Resultaten, sondern lehren einzig mit dem Wunsch, ihren Schülern zu nützen. 

In dem „Sutra, das zu außergewöhnlicher Entschlossenheit ansport“ (tib. Lhag-pa’i bsam-pa bskul-ba’i mdo, Skt. Adhyāśaya-saṃcodana Sūtra), wurde gesagt:

Oh Maitreya, es gibt 20 Vorzüge, die jemandem zuteil werden, der Lehren ohne den Wunsch nach materiellem Reichtum, Gewinn oder Respekt erteilt. Fragt man sich, welches diese zwanzig sind, so verhält es sich folgendermaßen. Er wird: (1) achtsam sein (tib. dran-pa, Skt. smti) gegenüber den Lehren und (2) intelligent (tib. blo-gros, Skt. mati) (, weil er sie bereits gehört hat); (3) er wird in ähnlicher Weise ein gesundes Unterscheidungsvermögen haben (tib. blo-dang ldan, Skt. buddhimān) (, weil er über deren Bedeutung nachgedacht hat); (4) Standhaftigkeit (tib. brtan-pa, Skt. ddha) (, weil er über sie meditiert hat), und (5) (weltliches) unterscheidendes Gewahrsein (tib. jig-rten-pai shes-rab, Skt. laukikī prajñā, weltliche Weisheit) (bezüglich dem Meistern aller zehn Wissensbereiche).

Die zehn Wissensbereiche werden in fünf große und fünf kleinere Themengebiete unterteilt. Die fünf Großen sind: 

  • Kunst und Handwerk;
  • Medizin;
  • Sprachen und Grammatik; 
  • Logik; sowie 
  • innere oder außergewöhnliche Selbstkenntnis. 

Jemand, der alle fünf gemeistert hat, erhält den Titel „Mahapandit“ (tib. pan-chen, großer gelehrter Meister).

Die fünf kleineren Themengebiete sind:

  • Dichtkunst; 
  • Rhetorik und Synonyme; 
  • Satzmelodie und Komposition; 
  • Drama und Tanz; sowie 
  • Astrologie und Mathematik. 

Hat man sie absolviert, wird einem der Titel „Pandit“ (tib. pan-chung, gelehrter Meister) verliehen. 

Im Sutra geht es weiter:

(6) (In ähnlicher Weise wird er) überweltliches unterscheidendes Gewahrsein und eine fortgesetzte Verwirklichung der Realität haben. Seine (7) Anhaftung, (8) Feindseligkeit und (9) Naivität werden sich verringern und (10) dämonische Kräfte werden keine Macht mehr über ihn haben. 

Dämonische Kräfte können äußerlich oder innerlich wirken. Erstere umfassen beispielsweise Mara selbst, der auf erfolglose Weise versucht hatte, Buddha Shakyamuni während seiner Versenkung unter dem Bodhi-Baum zu unterbrechen, als er seine Erleuchtung demonstrierte. Da solch ein begrenztes Wesen zu den Götterwesen des sechsten oder höchsten Götterbereichs auf der Ebene des Sinnesbegehrens gehört, kennt man diese Art der Störung auch als die dämonische Kraft, welche vom Göttlichen abstammt. Innere dämonische Kräfte beziehen sich andererseits auf die drei giftigen Geisteshaltungen der Anhaftung, Feindseligkeit und Engstirnigkeit, die man auch als die dämonischen Kräfte kennt, die störende Emotionen und Geisteshaltungen sind. Es gibt noch zwei andere dämonische Kräfte, was zusammen vier ergibt. Dabei handelt es sich um die dämonischen Kräfte, welche die Herren des Todes und die Aggregat-Faktoren unserer Erfahrung sind.

Im Sutra geht es weiter:

(11) Er wird (auch) von den Buddhas, den Bhagavans (den Alles Übertreffenden Siegreichen Meistern) beachtet, (12) von den so genannten Menschen beschützt, und (13) von den Götterwesen verehrt. (14) Feindselige Parteien werden ihn nicht ausnutzen können; (15) er wird niemals von seinen Freunden getrennt werden; (16) seine Worte werden Beachtung finden; und (17) er wird furchtlos werden (und niemals Angst davor haben, vor einer größeren Zuhörerschaft Belehrungen zu geben). (18) Sein glückseliges Gewahrsein wird im Überfluss vorhanden sein und (19) er wird von den Gelehrten gepriesen werden. (20) Schließlich wird er (Wiedergeburten erlangen), die geeignet sind (erneut) die Belehrungen zu erteilen und sie sich fortwährend zu vergegenwärtigen. Dies, Maitreya, sind die zwanzig Nutzen.

Dieses Zitat wird in Shantidevas „Kompendium der Übungen“ (tib. bsLab-btus, Skt. Śikṣāsamuccaya), XIX.26, angeführt. Die ersten sechs Nutzen sind die Arten von Resultaten, die ihrer Ursache ähneln (tib. rgyu-mthun-gyi ’bras-bu, Skt. niṣyanda phala). Wenn spirituelle Meister achtsam, vernünftig und so weiter unterrichten, werden sie auch in zukünftigen Leben weiter solche guten Eigenschaften besitzen. Die nächsten drei sind Resultate, die Zustände der Trennung (tib. bral-’bras, Skt. visaṃyoga phala) von Schleiern sind. Erklären sie den Dharma auf korrekte Weise, nehmen ihre eigenen giftigen Geisteshaltungen ab. Die neun nachfolgenden Nutzen sind dominierende Resultate (tib. bdag-’bras, Skt. adhipati phala), da sie einen Einfluss auf eine große Anzahl und ein breites Spektrum von Wesen, wie die Götterwesen und dergleichen, haben, sowie darauf, wie diese Wesen sie behandeln werden. Der letzte Nutzen ist ein gereiftes Resultat (tib. rnam-smin-gyi ’bras-bu, Skt. vipāka phala), nämlich die Aggregat-Faktoren (Körper, Geist und so weiter) ihrer Erfahrung in zukünftigen Leben.

All diese positiven Resultate ergeben sich nicht nur daraus, auf einem hohen Thron und vor einer großen Zuhörerschaft formelle Vorträge zu halten, sondern auch aus persönlichen Belehrungen in einfachen Umständen. Darüber hinaus können sie darauf zurückzuführen sein, Dharma-Texte leise zu lesen, während man sich vorstellt, von einer großen Ansammlung begieriger Schüler umgeben zu sein, die jedes Wort aufsaugen. Dies ist etwas, das wir auf unserer Ebene der Praxis tun können. Solche Nutzen mögen wir sogar erlangen, wenn wir unsere zwanglosen Unterhaltungen auf spirituelle Themen richten und dies geschickt und nicht auf arrogante oder herrische Weise tun. Daher sollten wir uns darüber bewusst sein, wie nützlich und vorteilhaft es für uns und andere ist, den Dharma zu erklären und zu besprechen, auch wenn wir nicht als ein spiritueller Meister betrachtet werden können.

Das Wohlwollen gegenüber dem Buddha und dem Dharma steigern

Als Buddha Shakyamuni seine „Sutras des weitreichenden unterscheidenden Gewahrseins (tib. Sher-phyin-gyi mdo, Skt. Prajñāpāramitā Sūtras) auf dem Geierberg übermittelte, baute er sich selbst einen Thron. Dies tat er nicht aus Stolz oder Eigeninteresse, sondern um die tiefgründigen Lehren, die er erteilen wollte, zu respektieren und ihnen zu dienen. In ähnlicher Weise sollten sich spirituelle Meister, bevor sie mit dem Reden beginnen, an die Güte und die Genialität des Buddhas erinnern, der die Quelle ihrer Erklärungen ist. Auf diese Weise gehen sie an ihren Vortrag in einem Zustand der Verehrung und Wertschätzung heran. Ihre Schriften haben sie ordnungsgemäß und respektvoll in Tücher gewickelt, ihre rituellen Instrumente auf makellose Weise angeordnet und sind sie Mönche oder Nonnen, tragen sie ihre Roben auf korrekte Weise, um gegenüber dem Buddha und dem Dharma ihren Respekt zu bekunden.

Die Gedanken und Taten, mit denen man lehren sollte

Ngawang Dragpa aus Dagpo sagte in seiner „Essenz gut formulierter Ratschläge“ (tib. Lam-rim legs-gsung nying-khu):

(Spirituelle Lehrer) sollten keine knausrige Einstellung (gegenüber dem Dharma) haben, nicht prahlen, niemals müde werden, etwas zu erklären, keine Fehler anderer bloßstellen, nichts aufschieben und nicht eifersüchtig sein. Sie sollten die Gewohnheit aufbauen, ihren Kreis (von Schülern) zu lieben, die fünf Erkenntnisse bewahren und sich bewusst werden, dass die positive Handlung des korrekten Lehrens der Kern des Glücks ist. 

Dieses Zitat ist eine Umschreibung in Versform von Tsongkhapas „Großer Darstellung“ (tib. Lam-rim chen-mo), 20.a6–21.a2, die aus dem „Lotos-Sutra“ (tib. Dam-pa’i chos padma dkar-po’i mdo, Skt. Saddharma Puṇḍarīka Sūtra) stammt.

Wahre Meister sind niemals geizig oder knausrig in Bezug auf den Dharma und stets gewillt, ihr Wissen und ihre Weisheit mit anderen zu teilen. Das heißt jedoch nicht, dass sie ihr Wissen zur Schau stellen, ihre Schüler mit einer Flut an Informationen verwirren, alles sagen, was sie wissen und weit über ihrer Ebene des Verstehens lehren. Ihre Lehren passen sie stets den Bedürfnissen und Fähigkeiten ihrer Zuhörerschaft an. 

Sie geben ihren Schülern niemals all die Antworten oder stellen alles für sie zusammen. Wie Mathelehrer präsentieren sie den Lehrstoff zum Schulen des Geistes, legen die Probleme klar dar und geben ihnen richtungsweisende Methoden, um sie zu lösen. Die Schüler müssen den Lehrstoff dann jedoch selbst durcharbeiten, um ihren Geist zu schulen. Wie können Schüler irgendeinen spirituellen Fortschritt machen und einen gereinigten Zustand erlangen, wenn ihnen nicht beigebracht wird, selbst zu denken? 

Spirituelle Meister erklären auch nicht alles klar oder in allen Einzelheiten, wenn sie das erste Mal eine Sache lehren. Sind die Schüler ernsthaft interessiert, werden sie wiederkommen, um Fragen zu stellen und um weitere Anweisungen bitten. Dies hilft ihnen, Ausdauer und Geduld zu entwickeln, da sie ihr Interesse und ihre Bemühungen für einen langen Zeitraum aufrecht erhalten müssen. Dadurch werden sie wiederum die Instruktionen schätzen und würdigen, sodass sie die aufgezeigten Maßnahmen viel ernster nehmen werden. Spirituelles Training ist kein Vorgang, bei dem Informationen lediglich von den Lehrern auf die Schüler übertragen werden. Sind die Schüler auf der anderen Seite nicht interessiert oder bereit, sich tiefer auf das Thema einzulassen, wäre es eine Verschwendung von Zeit und Energie, ihnen vorzeitig mehr zu erklären, als sie an diesem Punkt ihrer Ausbildung benötigen. Tatsächlich können zu viele Instruktionen auf einmal die Schüler von ihren spirituellen Bestrebungen entmutigen und abbringen.

Darüber hinaus loben wahre Meister sich nie selbst und sprechen nie über ihre eigenen guten Eigenschaften oder Fähigkeiten, noch kritisieren sie andere aus Anhaftung oder Feindseligkeit, indem sie deren Fehler aufzählen, um sie zu erniedrigen und sich selbst zu erheben. Schließlich stehen sie nicht mit anderen spirituellen Anführern im Wettbewerb. Sie werden nie müde, gelangweilt oder entmutigt beim Lehren, noch schieben sie ihre Lektionen aus Faulheit auf, weil sie gerade nicht in der Stimmung sind, Belehrungen zu geben. Außerdem sind sie niemals eifersüchtig, streuen bei ihren Zuhörern keine Zweifel über die guten Eigenschaften oder Fähigkeiten anderer und verlangen keine Bezahlung für ihre Lektionen. Sie mögen zwar freiwillige Opfergaben annehmen, doch sie tun es ohne Anhaftung.

Wie Geshe Potowa sagte:

Für all meine Lehren habe ich nie einen Dank erwartet, geschweige denn irgendwelche Geschenke oder dergleichen.

Sein Schüler Geshe Sharawa (tib. dGe-bshes Sha-ra-ba) (1070–1130), sagte in ähnlicher Weise:

Wahre spirituelle Mentoren erfreuen sich an der Praxis ihrer Schüler, nicht an ihren Opfergaben.

Kurzum sind die Gedanken wahrer Meister beim Belehren ausschließlich jene der Liebe und des Mitgefühls für ihre Schüler, während sie selbst die fünf Erkenntnisse besitzen, die im „Sutra der Fragen von Sagaramati“ (Blo-gros rgya-mtshos zhus-pa’i mdo, Skt. Sāgaramati Paripṛicchā Sūtra) angeführt werden:

  • sie betrachten sich selbst als einen Arzt;
  • ihre Schüler als kranke Patienten;
  • den Dharma als Medizin;
  • den Buddha als ein heiliges, nicht-trügerisches Wesen; und
  • die Methoden der Lehren als etwas, das hoffentlich lange anhält.

Diese ähneln den sechs Erkenntnissen, welche die Schüler, wie zuvor erwähnt, entwickeln sollten. Die einzige, die noch hinzukommt, ist das Gefühl, dass die sorgfältige Praxis des Dharma der Weg zur Heilung ist, da sich dies insbesondere auf die Seite der Schüler bezieht. Die ersten drei Erkenntnisse stammen aus dem „Sutra, das sich wie ein Baumstamm ausbreitet“ (tib. sDong-po bskod-pa’i mdo, Skt. Gaṇḍavyūha Sūtra) (LIII), während die letzten beiden aus dem „Sutra der Fragen von Sagaramati“ stammen.

Was die Handlungen der spirituellen Meister beim Lehren betrifft, so sollten sie vorher baden und saubere, frische Kleidung tragen. Sie sitzen auf einem erhobenen Sitz oder Thron, ebenfalls um Respekt zum Dharma hervorzurufen. Ihre Haltung ist strahlend, heiter und vergnügt, und sie erklären ihre Bedeutungen klar, indem sie Anekdoten und Analogien anführen, sich des Humors bedienen, die Schriften zitieren, logische Argumentationen darlegen und zuweilen sogar kraftvolle Ausdrücke benutzen, damit ihre Schüler Gewissheit in ihrem Verständnis erlangen. Sie verwechseln nie die Gliederung oder Reihenfolge der Lehren, wie ein bedrängte Krähe, die ein willkürliches Nest baut. Noch erklären sie nur die leichten Teile und überspringen die schwierigen, wie alte Männer, die weiche Kartoffeln essen und das Fleisch ausspucken, weil es schwer zu kauen ist. Darüber hinaus versuchen sie nie etwas zu erklären, was sie selbst nicht gründlich verstanden haben und dessen Bedeutung sie nur erahnen, wie ein alter Mann, der an einem Stock läuft. Sie sprechen überzeugt, aus eigener Erfahrung und Gelehrtheit, jedoch nie mit Stolz oder Vortäuschung.

Dagpo Jampel Lhündrub gab die folgenden Richtlinien zum Halten eines formellen Vortrags über den Dharma. Die Lehrer sollten ihre Motivation festigen, wenn sie von ihrem Haus zur Halle gehen. Betreten sie den Raum, stellen sie sich den spirituellen Meister im Geiste vor, von dem sie diese Lehren empfangen haben, auf einem Thron sitzend und umgeben von den vorangegangenen Meistern der Übertragungslinie, und erweisen ihm ihre Ehrerbietungen, indem sie sich dreimal verbeugen. Dann visualisieren sie die Meister der Überlieferungslinie, wie sie sich einer in den nächsten und schließlich in den eigenen Wurzellehrer auflösen.

Besteigen sie den Thron, sollten sie sich vorstellen, wie sich ihr eigener Wurzelguru in sie auflöst. Haben sie sich hingesetzt, rezitieren sie glücksverheißende Verse und schnippen mit den Fingern, um sich an das Nichtstatischsein von Situationen zu erinnern und setzen somit jeglichen Stolz außer Kraft, der durch das Sitzen auf einem hohen Thron und der Verehrung aufkommen mag. Andernfalls würden sie sich vielleicht etwas darauf einbilden, wie heilig und gelehrt sie sind. Um jegliche Störungen, wie Nervosität ihrerseits, oder Dumpfheit (tib. bying-ba, Skt. nirmagna, Herabsinken) bei den Zuhörern zu vertreiben, rezitieren sie ein geeignetes Mantra oder das Herzsutra (tib. bCom-ldan-’das-ma Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa’i snying-po, Skt. Bhagavatī Prajñāpāramitā Hṛdaya, „Das Herz des weitreichenden unterscheidenden Gewahrseins, die siegreiche, alles übertreffende Herrin“). Danach leiten sie die Schüler an, die Worte des rituellen Mandala-Opfers zu rezitieren, welches ausgeführt wird, um auf formelle Weise die Belehrungen zu erbitten.

Um den Lehren ihren Respekt zu erweisen, führen sie den Text, den sie erklären wollen, an ihren Kopf und danach rezitieren sie mehrere Verse, um die Motivation für sich und die Zuhörer festzulegen. Haben sie all das getan, beginnen sie mit den Belehrungen und stellen sich eine große Versammlung aller Wesen des Universums in einer Vielzahl von Lebensformen vor, die aufmerksam zuhören und einen großen Nutzen ziehen.

Diese Vorgehensweise stammt aus der Tradition von Drubkhang Geleg Gyatso (tib. Grub-khang dGe-legs rgya-mtsho) (1641–1713). Wann immer dieser angesehene Lehrer einen Vortrag hielt, verbrachte er bei jeder Sitzung viel Zeit mit solchen und anderen Vorbereitungen. Einige Schüler beschwerten sich, doch er sagte ihnen stets, dass dies der wichtigste Teil wäre, um stabile Verwirklichungen zu bekommen. Der Gelug-Meister Drubkhang Geleg Gyatso war der Wurzellehrer von Purchog Ngawang Jampa (Phur-lcog Ngag-dbang byams-pa) (1682–1762), dem der Zweite Panchen Lama die Linie des Lam-rim übertrug.

Der Unterschied zwischen jenen, die man belehren und jenen, die man nicht belehren sollte

Gunaprabha erklärte in seinem Sutra der Verhaltensregeln (tib. Dul-ba’i mdo, Skt. Vinaya Sūtra), dass spirituelle Meister den Dharma niemals lehren sollten, wenn sie nicht darum gebeten wurden. Somit ergreifen sie niemals selbst die Initiative, sich selbst anzubieten, da dies anmaßend sein könnte. Sogar wenn sie gebeten werden, geben sie die Belehrung nicht sofort. Vielmehr sollten sie, wie im „Sutra des Königs der vertieften Konzentration“ (tib. Ting-nge-’dzin rgyal-po’i mdo, Skt. Samādhirāja Sūtra) empfohlen wird, solche Dinge sagen, wie: „ich bin nicht wirklich bewandert in dieser Thematik“ oder „wie kann ich euch etwas erklären, die ihr so gelehrt und gebildet seid?“ Auf diese Weise schwächen die Lehrer jeglichen Stolz ab, den sie haben mögen und bleiben demütig. Demut ist eine der größten Tugenden, die spirituelle Meister haben können. Außerdem ergreifen sie die Gelegenheit, den Charakter ihrer potenziellen Schüler gründlich zu prüfen, um herauszufinden, ob sie bereit und tauglich für dieses Studium sind, und festzulegen, wie man sie am besten anleiten sollte.

Ein gelehrter Schüler ohne ein warmes, gütiges Herz ist so nutzlos, wie ein gefällter Baum, der in einen Fluss geworfen wurde: er gibt keine Früchte. Ist jemand jedoch einfach ein freundlicher Mensch, verhält es sich ganz anders. Bekommt er nur ein paar Belehrungen von einem Meister, wird er großen Nutzen daraus ziehen, wie wenn ein Bäumchen gegossen wird. 

Daher sagte Geshe Potowa:

Ist ein angehender Schüler nicht sehr klug, hat aber einen guten Charakter, ein warmes, gütiges Herz und eine sanfte Veranlagung, sollte man ihn auf jeden Fall als Schüler annehmen. Lernt er nichts, liegt das an dem eigenen Mangel des Geschicks als Lehrer. Kommt aber jemand, der recht clever und intelligent, jedoch unbarmherzig, gemein und ziemlich arrogant ist, sollte man ihn gehen lassen und keine Zeit mit ihm vergeuden.

Somit akzeptiert ein wahrer Meister nur jene, die geeignete Gefäße für spirituelles Training sind. In bestimmten Sonderfällen mag er sogar von sich aus eine Belehrung anbieten oder andeuten, dass er Belehrungen geben würde, wenn sie erbeten werden. Das würde sich allerdings nur auf besonders empfängliche Schüler beziehen, die reif für diese besondere Maßnahme sind.

Bei einem Vortrag oder einer persönlichen Lektion gibt es weitere Kriterien des Respekts und Anstands, denen man folgen sollte, wie Ashvaghosha II (tib. rTa-dbyangs) (10. Jahrhundert) in seinen „Fünfzig Versen zum Guru“ (tib. Bla-ma lnga-bcu-pa, Skt. Gurupañcāśikā) beschrieb. Ein Meister belehrt niemanden, der sich auf einem höheren oder besserem Sitz befindet, als seinem eigenen, oder steht, noch jemanden, der liegt oder seinen Kopf bedeckt hat, außer wenn die Person krank ist. Es ist auch unangemessen jene zu belehren, die Schuhe oder irgendwelche Waffen tragen. Haben sich jedoch alle geeigneten Schüler ordnungsgemäß zusammengefunden und erneut auf formelle Weise mit dem Opfern eines Mandalas um Belehrungen gebeten, lehrt der Meister gern den Dharma mit Liebe und Mitgefühl. Wie bereits erwähnt ist es auch wichtig, die Schüler zu Beginn beim Rezitieren von Versen anzuleiten, um die richtige Motivation für das Zuhören festzulegen. Mit anderen Worten beten alle zusammen, dass die gesamte positive karmische Kraft (tib. bsod-nams, Skt. puṇya, Verdienst), die aufgebaut wird, dem Nutzen aller begrenzten Wesen dienen möge.

Die Weise, wie die abschließende Stufe für Lehrer und Schüler ausgeführt werden sollte

Im Allgemeinen gibt es zwei Arten von Gebeten. Das erste ist ein Wunschgebet (tib. smon-lam), mit dem wir ein bestimmtes Ziel anstreben und das zweite ist eine Widmung (tib. bsngo-ba, Skt. pariṇāmanā), mit der wir ebenfalls ein Ziel anstreben, aber auch die karmische Kraft, die von solch konstruktiven Handlungen, wie den Dharma zu lernen, Opfergaben darzubringen und dergleichen, dem Erreichen dieses Ziels widmen. Ein Widmungsgebet ist somit auch ein Wunschgebet, aber ein Wunschgebet keine Widmung. Beides sind Methoden, um unsere Absicht auf das Erreichen eines Ziels auszurichten. Eine Widmung stützt sich jedoch auf ein materielles Objekt einer Opferung oder einer früheren Handlung als dessen Grundlage, während ein Wunschgebet keine solche Stütze hat.

Es gibt drei Hauptziele, die üblicherweise von beiden Arten der Gebete geteilt werden:

  • Das erste besteht darin, Erleuchtung zu erlangen, um selbst alle Wesen befreien zu können,
  • das zweite Ziel ist, in allen zukünftigen Leben von spirituellen Meistern umsorgt zu werden, und
  • das dritte ist, in der Lage zu sein, die Lehren des Buddhas zu bewahren, indem man sie im eigenen Geisteskontinuum und dem der anderen stetig anwachsen lässt.

Zum Abschluss eines Studiums des Stufenpfads bringen Lehrer und Schüler zusammen zum Dank erneut ein Mandala und dann Widmungsgebete dar. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf die karmische Kraft, die aus unseren konstruktiven Handlungen des Lernens und Studierens entstanden ist und widmen sie als eine Wurzel konstruktiver Kraft (tib. dge-ba’i rtsa-ba, Skt. kuśalamūla, Wurzel der Tugend), um das Erlangen der Erleuchtung von uns und anderen zu bewirken. Wir beten ernsthaft, dass sich diese Wurzel niemals erschöpft, bis unser Ziel vollständig erfüllt ist. Das ist die Bedeutung der bekannten Formulierung „wir widmen unsere Wurzeln positiver Kraft, damit alle Buddhaschaft erlangen“.

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