Einführung
Tsongkhapa sagte in seinen „Gekürzten Punkten des Stufenpfades“ (tib. Lam-rim bsdus-don):
(8) Obgleich sogar durch das einmalige Rezitieren oder Hören dieser Art (von Atishas Texten), die vollständig die essenziellen Punkte aller schriftlichen Aussagen umfassen, (positive Kraft anwächst), werde ich, da durch das tatsächliche Lehren oder Studieren des (darin enthaltenen) heiligen Dharma sogar noch größere Wellen mächtigen Nutzens geschaffen werden, folgende Punkte betrachten (um es ordnungsgemäß zu tun).
Um den Dharma zu studieren, ist es zunächst notwendig, über ihn zu hören oder zu lesen. Um den Wunsch oder das Interesse zu entwickeln, dies zu tun, ist es hilfreich zu wissen, welche Nutzen man daraus ziehen kann. Grundsätzlich ist es so, dass wir, wenn wir von den Vorteilen einer Vorgehensweise überzeugt sind, enthusiastisch und glücklich sein werden, mehr darüber zu erfahren. Insbesondere werden wir begierig sein, ihr ordnungsgemäß zu folgen, damit wir den höchstmöglichen Nutzen daraus ziehen können.
Abwägen der Nutzen, den Dharma zu hören
Buddha sagte in den „Besonderen Versen, nach Themen geordnet“ (tib. Ched-du brjod-pa’i tshoms, Skt. Udānavarga, „Der tibetische Dhammapada“), XXII.6:
Durch das Hören (des Dharmas) wirst du wissen, welche Maßnahmen (im Leben ergriffen werden sollten); durch das Hören wirst zu dich von negativen Handlungen abwenden. Durch das Hören wirst du dich von Unsinnigem befreien; durch das Hören wirst du Nirvana erlangen.
Der erste Nutzen besteht darin, dass wir all die essenziellen Punkte darüber lernen werden, welches Verhalten und welche Gedanken übernommen oder aufgegeben werden sollten, um das Glück von uns und anderen zu maximieren. Solch ein unterscheidendes Gewahrsein erlaubt es uns, die Maßnahmen zu kennen, die im Leben ergriffen werden sollten. Wenn wir etwas über den „Korb der Verhaltensregeln“ (tib. Dul-ba’i sde-snod, Skt. Vinayapiṭaka) lernen, werden wir uns durch die Schulung in höherer ethischer Selbstdisziplin von destruktiven Handlungen abwenden. Aus dem „Korb der Sutras“ (tib. mDo-sde’i sde-snod, Skt. Sūtrapiṭaka) werden wir die Schulung in höherer vertiefter Konzentration lernen, wodurch wir uns von solch sinnlosen Aktivitäten wie geistiges Abschweifen befreien. Darüber hinaus werden wir durch das Studium des „Korbes des Abhidharma“ (tib. mNgon-pa’i sde-snod, Skt. Abhidharmapiṭaka) Befreiung von allen Leiden erlangen, indem wir unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen sowie unser impulsives Verhalten durch die Schulung in höherem unterscheidenden Gewahrsein beseitigen.
Aryashura (tib. sLob-dpon dPa’-bo) (2. Jahrhundert) hat zusätzliche Nutzen in „Ein Rosenkranz von Geschichten vergangender Leben“ (tib. sKyes-rabs ’phreng-ba, Skt. Jātakamālā), XXX.32–33, aufgezählt:
(Den Dharma) zu hören ist die Lampe, um die Dunkelheit der Engstirnigkeit zu beseitigen. Er ist der beste Reichtum, der nicht von Dieben davongetragen werden kann. Er ist die Waffe, um den Feind, die völlige Verwirrung, zu besiegen. Er ist der beste Freund, da er dir die richtungsweisenden Methoden und Mittel zeigt. Er ist ein Verwandter, der nicht launisch ist, wenn du mittellos sein wirst. Er ist Medizin gegen Krankheiten und Schmerzen, jedoch eine, die dir nicht schaden wird. Er ist der beste Wirt, um die Horden großer Fehler zu bezwingen. Er ist sogar das Beste für Ruhm, Herrlichkeit und Reichtum. Er (macht dich) zum Angesehenen im Kreise der Kultivierten und zum Respektierten im Kreise der Weisen.
Äußere Dunkelheit kann durch die Sonne, eine Fackel und dergleichen entfernt werden, doch innere Dunkelheit wird nicht beseitigt, indem man mit einer Kerze in den Mund leuchtet. Den Dharma zu hören und zu studieren ist jedoch, als würde ein helles Licht im Innern aufleuchten, mit dem man erkennen kann, was richtig und was falsch ist.
Wie Dagpo Jampel Lhündrub sagte:
Lernt man eine Silbe einer Tatsache des Lebens, beseitigt man die Dunkelheit der Unwissenheit bezüglich dieser Sache und erlangt das Licht des Gewahrseins darüber, eine Situation zu bewältigen. Lernt man 30 Fakten des Lebens, beseitigt man die Dunkelheit von 30 Dingen und erlangt das Licht des Wissens, wie man 30 Situationen bewältigt.
Studieren wir jedoch niemals den Dharma, sind wir, wie Pabongka erklärt hat, wie ein Blinder in einem Raum voller nützlicher und gefährlicher Objekte, die wir nicht auseinanderhalten können. Wir sind nicht in der Lage zu finden, was wir brauchen.
Räuber können all unseren materiellen Reichtum stehlen, den wir zusammengetragen haben, doch niemand kann unsere Gelehrtheit und Weisheit stehlen, die wir uns angeeignet haben. Das trifft besonders dann zu, wenn wir nicht nur lauter trockene, intellektuelle Fakten gesammelt, sondern das Gehörte verinnerlicht und integriert haben. Dies tun wir, indem wir über dessen Bedeutung nachdenken, und wenn wir sie verstanden haben, über sie meditieren, um sie als Gewohnheit des Geistes aufzubauen. Sogar wenn wir mitten in der Nacht aus unserem Haus entführt und für den Rest unseres Lebens im Gefängnis in Einzelhaft landen, werden wir trotz allem unser Wissen bei uns haben, durch das wir immer tiefere Erkenntnisse erlangen werden. Begeben wir uns hingegen beispielsweise in ein Meditationsretreat, ohne zuvor das Themengebiet oder die zu ergreifenden Maßnahmen studiert zu haben, ist es, als würden wir mit leeren Händen im Gefängnis landen. Wir werden uns schnell langweilen, völlig frustriert sein und vielleicht verrückt werden.
Daher hat uns Milarepa laut der „Erleuchtenden Biografie von Jetsün Milarepa“ (tib. rNal-’byor-gyi dbang-phyug dam-pa rje-btsun Mi-la ras-pa’i rnam-thar thar-pa-dang thams-cad mkhyen-pa’i lam-ston) von Tsangnyon Heruka (gTsang-smyon He-ru-ka) (1452–1507) gewarnt (128.b3):
Hast du keine tiefgreifenden richtungsweisenden Anleitungen zum Meditieren und entsagst aller Aktivität (indem du dich auf einen Berg begibst, um dort im Retreat zu sitzen), quälst du dich damit nur selbst.
In ähnlicher Weise sagte auch Kyabje Trijang Rinpoche:
Wenn sich der beste Schüler einer Klasse für ein Jahr in ein Retreat begibt und ein mittelmäßiger zurückbleibt und studiert, werden sich ihre Positionen vertauscht haben, wenn der Erstere zurückkehrt.
Somit ist es wichtig, die Kontinuität unserer Studien nicht zu unterbrechen. Intensive Retreats sind wirksamer, wenn sie ausgeführt werden, nachdem wir unsere eigentliche Ausbildung beendet haben.
Wie Dza Patrul sagte:
In jungen Jahren ins Retreat zu gehen und im Alter zu studieren ist ein Witz!
Die Resultate solch einer Dummheit werden von Pabongka beschrieben:
Wir machen lange Retreats, aber entledigen uns nie unserer störenden Emotionen und Täuschungen. Das Einzige, was sich abnutzt, sind unsere Fingernägel und unsere Gebetsketten!
Wir sollten uns nie mit nur zwei oder drei Jahren des Studiums und der Ausbildung zufriedengeben. Bei den Tibetern studieren die gelehrten Meister mit fortgeschritten klösterlichen Titeln, wie jenen des Geshe, für 25 oder 30 Jahre und meinen trotz allem, dass sie nichts wissen. Wie Longchenpa warnte:
Jene mit wenig Wissen werden auf falsche Wege geraten.
Wenn sogar jene Arya-Bodhisattvas, welche einen Bhumi-Geist der dritten Ebene erlangt haben, nach wie vor die Kraft benötigen, weiter den Dharma zu hören, wie steht es dann um uns?
Die meisten menschlichen Wesen können ihre volle Kapazität wegen ihrer Engstirnigkeit und völligen Verwirrung nicht nutzen. Das Lernen und Studieren sind die besten Waffen, um diesen geistigen Sumpf zu durchtrennen und unseren Geist zu öffnen. Sie sind unsere besten Freunde und die verlässlichsten Verwandten, die wir in Notzeiten brauchen und die uns nicht im Stich lassen oder enttäuschen werden.
Yeshe Gyaltsen (tib. Yongs-’dzin dKa’-chen Ye-shes rgyal-mtshan) (1713–1793) war in jungen Jahren ziemlich arm, aber hatte den starken Wunsch, den Dharma zu studieren. Als er seine Verwandten bat, ihn in seinen Bemühungen zu unterstützen, beschimpften sie ihn und gaben ihm nichts. Er lies sich jedoch nicht entmutigen und wurde schließlich nur durch seine eigenen Bemühungen der Tutor des Achten Dalai Lama (tib. rGyal-dbang ’Jam-dpal rgya-mtsho) (1758–1804). Als er dann berühmt war, kamen viele Leute an seine Haustür und behaupteten, seine verloren geglaubten Tanten oder Onkel zu sein. Er wies sie nie ab, sondern akzeptierte sie mit den Worten: „Ja, ihr seid meine Verwandten“. Eines Tages lud er sie alle zum Essen in sein Haus und als sie alle da waren, bat er seinen Assistenten, einen Haufen Silber, eingewickelt in ein Tuch, hereinzubringen. Er baute ihn auf dem Tisch auf, verbeugte sich davor und sagte: „Ich verbeuge mich vor dir, der mir all diese Tanten und Onkel, die ich nie hatte, beschert hat.“
Ein Reichtum des Hörens über den Dharma ist wie eine starke Medizin, um alle giftigen Geisteshaltungen und Probleme zu verhindern und zu heilen, ohne nachteilige Nebenwirkungen hervorzurufen. Hätten wir Lepra, würden wir nicht erwarten, durch eine Dosis der Medizin geheilt zu werden. In ähnlicher Weise sollten wir uns nicht damit zufriedengeben, ein Thema oder Text nur einmal zu studieren.
Chandragomin (tib. bTsun-pa zla-ba) (7. Jahrhundert) sagte in „Preisungen an das offene Gestehen von Fehlern“ (tib. bShags-pa’i bstod-pa, Skt. Deśanāstava):
Unser Geist ist ständig verwirrt; lange Zeit sind wir krank gewesen. Was erreichen die Lepra-Kranken, die ihre Arme und Beine verloren haben und gelegentlich Medizin einnehmen?
Anhaftung, Feindseligkeit und Engstirnigkeit sind so tief in unserem Geist verwurzelt, dass wir jede Gelegenheit nutzen sollten, mehr über die Maßnahmen zu hören, die wir ergreifen müssen, um ihr wiederholtes Auftreten zu verhindern. Auch wenn wir den Stufenpfad viele Male studiert haben, können wir immer etwas Neues lernen oder ein Subjekt noch tiefer verstehen, indem wir eine weitere Erklärung hören. Wie Kyabje Trijang Rinpoche einmal sagte:
Ich habe „Eine große Darstellung des Stufenpfades“ über einhundert Mal gelesen und jedes Mal ist es, als würde ich einen anderen Text lesen.
Es kann besonders nützlich sein, die Ausführungen mehrerer verschiedener spiritueller Meister zu dem gleichen Thema oder Text zu hören. In solchen Fällen sollte es uns jedoch nicht darum gehen, diese Lehrer in dem Sinne zu testen oder einzustufen, was sie sagen oder nicht sagen, als würden wir etwas bewerten oder ein Pferd kaufen wollen. Vielmehr werden wir durch das Hören der Erklärungen aus etwas unterschiedlichen Sichtweisen das Ausmaß und Tiefe unseres Verständnisses erweitern, da wir erkennen, welchen Raum die Lehren für verschiedene Ebenen der Interpretation und Anwendung bieten. Somit ist das Hören oder Lernen die beste Kraft, uns zu helfen, unsere Fehler zu überwinden.
Sind wir gelehrt und haben viel über den Dharma gehört, ist dies die beste Grundlage dafür, unseren Ruhm und unser Ansehen zu festigen. Darüber hinaus sind unser Wissen und unsere Erfahrung die besten Geschenke, die wir anderen geben können. Sie machen uns zu einem kultivierten Menschen und erfreuen die Weisen. Sie erlauben es uns, in einem gebildeten Kreis zu sprechen, ohne uns lächerlich zu machen und befähigen uns auch, alle Fragen, die uns gestellt werden, auf intelligente und klare Weise zu beantworten. Ansonsten ist es, wie Dharmarakshita in „Das Rad scharfer Waffen“ (tib. Blo-sbyong mtshon-cha’i ’khor-lo), 84, beschrieben hat:
Da unser Hören (der Lehren) nebensächlich ist, müssen wir suchen und alles erraten. Da das Ausmaß unseres Kennens der Schriften winzig ist, haben wir verzerrte Sichtweisen hinsichtlich allem.
Sakya Pandita hat solch eine Person auch in „Ein kostbarer Schatz eleganter Worte“ (tib. Legs-bshad rin-po-che’i gter), III.11, beschrieben:
Jemand, der im Kreise Dummer gesellig ist und sich gern hervorhebt, aber in der Gemeinschaft Gelehrter verschlossen bleibt und sich zurückzieht, ist einfach ein Ochse mit Schneidezähnen, auch wenn ihm ein Buckel auf dem Rücken und ein Hautsack hinter dem Nacken fehlt.
Daher sollten wir enthusiastisch den Dharma studieren, wenn wir daran denken, welchen Nutzen es hat, ihn zu hören.
Kurzum ist es, wie Kyabje Trijang Rinpoche sagte:
Ein Tag des Studiums mit einem spirituellen Mentor ist hundertmal wertvoller, als ein ganzes Jahr Retreat mit dem Wiederholen von Mantras. Auch wenn wir uns vielleicht während diesem Jahr von vielen Negativitäten gereinigt und ein Netzwerk positiver Kraft aufgebaut haben, ist kein neues Wissen hinzugekommen. Bekommen wir jedoch einen Tag Dharma-Lehren, werden wir, auch wenn wir nicht alles verstanden haben, mit nur einer gelernten neuen vorbeugenden Maßnahme einen Teil unserer Unwissenheit in Bezug darauf beseitigen, wie wir mit früheren störenden Situationen im Leben fertig werden, und das wird einen unmittelbaren Nutzen haben und uns einen entscheidenden Schritt näher an die Buddhaschaft bringen.
Das Wohlwollen gegenüber dem Dharma und jenem steigern, der ihn uns vermittelt
Um den Dharma ordentlich zu studieren, sollten wir nicht nur enthusiastisch sein, sondern auch Respekt vor der Thematik und dem Lehrer haben, und gegenüber beiden wohlwollend gesinnt sein. Andernfalls werden wir ihren Wert nicht zu würdigen wissen. Wir werden sie als etwas Gewöhnliches betrachten und sie für selbstverständlich halten.
Im Kshitigarbha Sutra (tib. Sa’i snying-po mdo, Skt. Kṣitigarbha Sūtra) wurde gesagt:
Den Dharma sollten wir mit einzigartigem Glauben und Respekt hören, ohne ihn zu verhöhnen oder zu verspotten. Tatsächlich sollten wir jenen Opfergaben darbringen, die uns den Dharma vermitteln. Damit werden wir besser erkennen, dass sie genau wie der klar entfaltete Buddha sind.
Aus diesem Grund bereiten wir stets einen sauberen und ordentlichen Raum vor, um die Lehren zu empfangen und stellen schöne Blumen und einen erhöhten und bequemen Sitz für unseren spirituellen Mentor bereit. Wir treffen dieselben Vorbereitungen, als würden wir Buddha Shakyamuni selbst empfangen. Darüber hinaus sollten wir den Dharma nicht mit intellektuellem Stolz hören und das Gefühl haben, wir besäßen mehr weltliche oder wissenschaftliche Erkenntnisse als unser Lehrer. Vielmehr sollten wir stets demütig und respektvoll sein.
In diesem Zusammenhang gibt es sechs Richtlinien, denen man folgen sollte, wenn man bei einem spirituellen Meister lernt:
- Wir sollten auf die rechte Zeit achten. Wenn ein hoher Lehrer gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist, sollten wir ihn niemals rücksichtslos unterbrechen und auf arrogante Weise Belehrungen fordern. Einmal war Geshe Potowa gerade damit beschäftigt, die einzelnen losen Seiten mehrerer seiner Texte, die durcheinandergeraten waren, wieder zu ordnen. Ein angehender Schüler platzte in diese Szene hinein und forderte, gleich hier und jetzt belehrt zu werden, worauf der Meister von seinem Sitz aufsprang und ihn mit einem Stock hinausjagte.
- Wir bringen unseren Respekt dar, indem wir aufstehen, wenn der spirituelle Mentor den Raum betritt, und uns dreimal verbeugen, bevor er oder sie mit den Belehrungen beginnt. Wir verbeugen uns auch dreimal nach jedem Unterricht, außer dem letzten, nach dem wir uns längere Zeit nicht sehen werden. Verbeugungen vor einer Abreise zu machen, wird als ein unglücksverheißendes Omen betrachtet, dass wir und unser Mentor uns nicht wiedertreffen werden. Wenn wir es unterlassen, zeigen wir damit unseren starken Wunsch und unsere Hoffnung an, ihn so schnell wie möglich wieder zu treffen.
- Des Weiteren versuchen wir immer, unserem Mentor zu dienen, indem wir ihm bei seinen Belehrungen Trinkwasser oder Tee anbieten, einen Ventilator bei Hitze, einen Heizer bei Kälte und so weiter.
- Wir werden niemals wütend oder defensiv, wenn unser Lehrer unsere Fehler aufzeigt oder uns korrigiert.
- Wir nehmen uns alles zu Herzen und praktizieren, was er uns aufträgt.
- Wir argumentieren niemals auf streitsüchtige Weise mit unserem spirituellen Mentor, wenn er etwas sagt, das sich von unserer persönlichen Meinung unterscheidet. Ungeachtet dessen können wir mit ihm debattieren, um unsere Zweifel zu zerstreuen.
Außerdem hat Asanga in „Bodhisattva-Stufen des Geistes“ (tib. Byang-chub sems-dpa’i sa, Skt. Bodhisattvabhūmi) gesagt:
Du solltest zuhören, ohne völlig verblendet zu sein und ohne die fünf unangemessenen Betrachtungen zu haben.
Wenn wir Belehrungen empfangen , sollten wir nicht so verblendet sein, dass wir ständig das Gehörte oder den Sprecher herabsetzen und kritisieren. Wir sollten spirituelle Meister und ihre Methoden zwar mit unterscheidendem Gewahrsein prüfen, bevor wir uns ihnen rückhaltlos anvertrauen, aber haben wir uns einmal entschieden, ihren Anweisungen zu folgen, bleibt kein Raum mehr für hochmütige Urteile. Sie werden uns völlig ablenken und daran hindern, irgendetwas zu lernen.
Daher sollten wir stets höflich und zuvorkommend sein, und keine Fehler im Sinne der fünf unangemessenen Betrachtungen (tib. gnas-lngar yid-la mi-byed-pa) finden:
- trotz ihres äußeren Verhaltens niemals die ethische Selbstdisziplin der Lehrer als schwach zu verurteilen;
- ungeachtet ihrer Herkunft sie niemals einer niederen gesellschaftlichen Klasse zuzuordnen;
- wie sie auch aussehen, sie niemals als körperlich hässlich oder merkwürdig zu kritisieren;
- sich nicht aufzuregen, wenn sie derbe Sprüche benutzen und zu meinen, dass sie sich gewandter ausdrücken sollten; und
- niemals beleidigt zu sein, wenn sie direkt auf den Punkt kommen, und zu meinen, sie sollten sich gewählter ausdrücken und nur schöne Dinge sagen.
Somit sollten wir mit einem offenen Geist und einem freundlichen Gesichtsausdruck demütig und respektvoll dasitzen und den Dharma mit Wachsamkeit und Freude hören, als würden wir Nektar trinken, und nicht depressiv sein, als würden wir beim Zahnarzt sitzen.
Die eigentliche Weise des Studierens
Der wichtigste Faktor für den Erfolg beim Studieren ist, uns ihnen mit einer angemessenen Geisteshaltung zu nähern. Zusätzlich zu dem, was bereits besprochen wurde, gibt es mehrere spezifische Fehler, die es zu vermeiden, und Geisteshaltungen, die es zu kultivieren gilt.
Die drei Fehler mit dem Beispiel eines Gefäßes beseitigen, die als gegensätzliche Bedingungen wirken
Im Prajnaparamita Sutra in 25.000 Versen (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa stong-phrag nyi-shu lnga-pa dum-bu dang-po, Skt. Pañcaviṃśati-sāhasrikā Prajñāpāramitā Sūtra) werden drei Fehler erklärt:
- wie ein umgedrehtes Gefäß zu sein;
- wie ein schmutziges Gefäß zu sein; und
- wie ein Gefäß mit einem Loch im Boden zu sein.
Steht ein Gefäß auf dem Kopf, wird nichts hineingehen, wenn wir reinen Nektar darauf gießen. In ähnlicher Weise werden wir nichts hören, was unsere Lehrer sagen, wenn unser Körper zwar anwesend ist, doch unser Geist zum Marktplatz abschweift. Das ist, als würden wir gar nicht dort sitzen. Daher erlauben wir nicht einmal einen Teil unserer Aufmerksamkeit im Unterricht oder bei einem Vortrag abgelenkt zu sein. Vielmehr hören wir zu, wie ein von einer Flöte verzaubertes Reh, das sich keiner Gefahr bewusst ist.
Steht ein Gefäß zwar richtig herum, doch ist schmutzig, wird alles, was hineingegossen wird, verunreinigt werden. In ähnlicher Weise mag unser Geist, auch wenn wir aufmerksam sind, voller vorgefasster Meinungen, Vorurteile oder falscher Motivationen für das Studium des Dharma sein. So mögen wir beispielsweise nur aus intellektueller Neugier zuhören, mit dem Wunsch nach Macht, Geld, Ruhm oder aus anderen selbstsüchtige Gründen. In solchen Fällen entwickeln wir lediglich ein großes Durcheinander an verzerrten Vorstellungen.
Sind wir voller Aberglauben und vorgefassten Meinungen, können sie zu jeder Menge Störungen in unserer Praxis führen. Eines Tages saß Milarepa in einer Höhle und versuchte zu meditieren. Der Stein vor ihm hatte einen Sprung und er begann sich Sorgen zu machen, dass etwas Furchtbares herauskommen könnte. Plötzlich erschien vor ihm ein weiblicher Geist, der auf einem Reh saß. Dieser Geist ergriff Milarepa am Bein und sagte: „Warum hast du mich mit all deinen merkwürdigen Gedanken herbeigerufen? Ohne deinen Aberglauben hätte ich gar nicht kommen müssen.“ Milarepa sagte: „Das stimmt, aber jetzt lass mich bitte allein. Wegen deinen negativen Handlungen in der Vergangenheit bist du als ein Geist geboren und wenn du einem ernsthaften Praktizierenden schadest, wirst du in einen noch schlimmeren Wiedergeburtszustand fallen. Lass mich bitte in Ruhe und ich werde dir helfen, ein besseres zukünftiges Leben zu erlangen.“ Dann gab er ihm einige vorbeugende Maßnahmen, die er ergreifen sollte und er verschwand.
Nehmen wir nun an, das Gefäß steht richtig herum und ist sauber. Hat es jedoch ein Loch im Boden, wird nichts drin bleiben. In ähnlicher Weise sollte der Dharma, den wir hören, nicht unseren Geist verlassen, wenn wir aus dem Raum gehen. Wir sollten über alles, was wir gehört haben, nachdenken und versuchen, uns daran zu erinnern.
Wie Kyabje Trijang Rinpoche oft seine Schüler ermahnte:
Betrachtet die Lehren nicht wie rituelle Objekte, die nicht aus diesem Raum entfernt werden dürfen. Wenn ihr gut zuhört und behaltet, was ich euch sage, könnt ihr es überall, wo ihr seid, anwenden.
Somit riet uns Pabongka stets, dass wir nach unserem Unterricht den Lehrstoff wiederholen und mit unseren Studienkollegen durchgehen sollten.
Zusätzlich dazu gibt es drei Qualitäten, die wir als Schüler haben sollten, um ein echtes Gefäß zu sein, das durch einen spirituellen Meister mit dem Dharma gefüllt wird. Aryadeva (tib. ’Phags-pa lha) (3. Jahrhundert) sagte in „Abhandlung in Vierhundert Versen“ (tib. bZhi-brgya-pa, Skt. Catuḥśataka), XII.1:
Ein Zuhörer, der (1) aufrichtig und unvoreingenommen ist, (2) mit gesundem Menschenverstand (unterscheidet) und (3) ein reges Interesse hat, wird als ein geeignetes Gefäß beschrieben.
(1) Um ein geeigneter Schüler zu sein, sollten wir ehrlich und unvoreingenommen gegenüber Freunden und Feinden sowie dem sein, was wir mögen und was wir nicht mögen. Wir sollten keine Partei ergreifen oder starke Vorurteile haben. Vielmehr sollten wir aufgeschlossen gegenüber dem sein, was wir studieren. Vorgefasste Meinungen oder Urteile werden uns auf unserem Weg nur hinderlich sein.
Darüber hinaus sollten wir den Buddha-Dharma studieren, ohne ihn ständig mit anderen Denksystemen zu vergleichen. Solche intellektuellen Übungen sind ziemlich anmaßend, besonders wenn wir die zwei Dinge, die wir gegenüberstellen, nicht wirklich kennen. Vielmehr sollten wir versuchen, die Lehren im Sinne ihrer eigenen inneren Logik und ihrer eigenen vorgeschriebenen Reihenfolge zu verstehen.
Auch gegenüber unserem Umfeld sollten wir unvoreingenommen sein. Die Fehler anderer scheinen uns offensichtlich zu sein, doch sind wir oft blind, was unsere eigenen Mängel betrifft. Gegenüber anderen sollten wir weniger kritisch sein und unsere Aufmerksamkeit darauf richten, uns all unserer eigenen Fehler bewusst zu werden und sie zu korrigieren.
(2) Zweitens ist es wichtig, mit gesundem Menschenverstand zu unterscheiden, denn sonst werden wir immer Widersprüche in dem sehen, was gelehrt wird. Wird uns in einer Unterrichtsstunde gesagt, warme Kleidung zu tragen, und in einer anderen, dies nicht zu tun, werden wir mit gesundem Menschenverstand stets verstehen, dass wir uns warm anziehen sollten, wenn es kalt ist, und nicht, wenn es heiß ist. Genauso werden wir mit gesundem Menschenverstand in der Lage sein zu erkennen, wie all die Lehren zusammenpassen, um ein schlüssiges Ganzes zu bilden, das sich in unser tägliches Leben integrieren lässt.
Oft geben hohe Meister persönliche Maßnahmen, die nur von gewissen Schülern an einem bestimmten Punkt ihrer Ausbildung ergriffen werden sollten. So sagte zum Beispiel Milarepa einmal zu Rechungpa (tib. Ras chung-pa rDo-rje grags-pa) (1083–1161), dass er keine weiteren intellektuellen Studien bräuchte, sondern einfach über das Aufbauen nützlicher Gewohnheiten im Geist meditieren sollte. Es wäre ein großer Fehler, selbst diese Anweisung als etwas zu betrachten, das auf alle Menschen und Situationen anzuwenden ist.
(3) Sind wir schließlich nicht gewissenhaft und zeigen kein Interesse an dem, was wir lernen, wäre es so, als würde man der Zeichnung einer Person Belehrungen geben. Es wäre nicht möglich, dass wir aus dem Studium des Dharma einen Nutzen ziehen könnten.
Sich auf die sechs Erkenntnisse stützen, die förderliche Bedingungen bieten
Im „Sutra, das sich wie ein Baumstamm ausbreitet“ (tib. sDong-po bskod-pa’i mdo, Skt. Gaṇḍavyūha Sūtra) (LIII) [dargelegt in Shantidevas „Kompendium der Übungen“ (II.5) und Prajnakaramati’s (tib. Shes-rab ’byung-gnas blo-gros) (950–1030) „Kommentar zu den schwierigen Punkten in (Shantidevas) Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (tib. sPyod-’jug dka’-’grel, Skt. Bodhicaryāvatāra-pañjikā), V.103] sowie im „Sutra der Fragen von Sagaramati“ (tib. Blo-gros rgya-mtshos zhus-pa’i mdo, Skt. Sāgaramati Paripṛicchā Sūtra) [dargelegt in Shantidevas „Kompendium der Übungen, XIX.26] wurden sechs Erkenntnisse aufgezeigt, die wir haben sollten, wenn wir den Dharma hören:
- wir betrachten uns selbst als einen Kranken;
- wir betrachten denjenigen, der uns den Dharma vermittelt, als einen fachkundigen Arzt;
- wir betrachten den Dharma als die Medizin;
- wir betrachten dessen gewissenhafte Praxis als Weg der Heilung;
- wir betrachten den Buddha als ein heiliges Wesen, dessen heilende Lehren nicht trügerisch sind und mit voller Überzeugung befolgt werden können; und
- wir betrachten die Methoden, die mit diesen Lehren verbunden sind, als etwas, das hoffentlich für lange Zeit erhalten bleiben wird.
Solche Geisteshaltungen sind äußerst förderlich, um erfolgreich in unserem Studium und der Praxis zu sein.
Zunächst ist es wichtig zu erkennen und das Gefühl zu haben, wie jemand zu sein, der krank ist. Kamawa (tib. Zhang Ka-ma-ba Shes-rab ’od) (1057–1131) sagte, wie in Pabongkas „Befreiung in unseren Händen“ (tib. rNam-grol lag-bcangs), 55.b4, und Tsongkhapas „großer Darstellung“ (tib. Lam-rim chen-mo), 16.b3, dargelegt wurde, dass solch eine Erkenntnis sinnlos wäre, wenn es sich nicht tatsächlich so verhalten würde. Untersuchen wir uns jedoch ernsthaft, werden wir sehen, dass wir in Wahrheit Tag und Nacht an den chronischen Krankheiten des Verlangens, der Wut, der Unzufriedenheit und so weiter leiden.
Wie Shantideva in „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (II.54) sagte:
Schon wenn ich mich vor einer ganz gewöhnlichen Krankheit fürchte, muss ich in Übereinstimmung mit dem Ratschlag eines Arztes handeln, wie sehr gilt das erst, wenn ich fortwährend von Krankheiten gepeinigt werde, wie dem Verlangen, welches Hunderte von Verwundungen (hervorbringt).
Darüber hinaus leiden wir nicht nur für kurze Zeit an einer Krankheit, sondern haben die unzähligen Krankheiten all der störenden Emotionen, jede von ihnen seit anfangsloser Zeit.
Wir sollten unseren spirituellen Mentor als unseren Arzt betrachten und die vorbeugenden Maßnahmen, die er aufzeigt, als die Medizin. Ihre Praxis ist der Weg der Heilung. Nimmt ein Patient nie die Tabletten, die ihm verschrieben wurden, wird er nie Heilung erfahren, auch wenn er auf einem Bett aus Medizin liegt und von den besten Ärzten umgeben ist. Stirbt er auf diese Weise, liegt die Schuld ganz allein bei ihm, nicht bei den Ärzten oder der Medizin.
Ähnliche Aussagen werden im „Sutra des Königs der vertieften Konzentration“ (tib. Ting-nge-’dzin rgyal-po’i mdo, Skt. Samādhirāja Sūtra), IV.24, IX.45, gemacht. Auch Shantideva sagte in „Verhalten eines Bodhisattvas“ (IV.48):
Nachdem ich in dieser Weise entschlossen darüber nachgedacht habe, will ich danach streben, die Übungen so umzusetzen, wie sie erläutert worden sind. Wie kann ein Patient, der der Heilung bedarf, durch die Arznei des Arztes kuriert werden, wenn er den Anweisungen des Arztes nicht folgt?
So, wie ein Kranker auf seine Medikamente achten und sie in der richtigen Dosierung zur rechten Zeit einnehmen muss, sollten wir gewissenhaft in unserer Praxis sein und sie nicht vernachlässigen. Versäumen wir, unsere Medizin einzunehmen, ärgern wir uns, aber vergessen wir die Lehren, tut es uns nicht leid.
Kyabje Trijang Rinpoche rügte seine Schüler:
Verschüttet ihr einen Löffel einer teuren und seltenen Medizin, wollt ihr euch fast niederknien und sie auflecken. Doch wenn ihr die Teilnahme an einem Vortrag verpasst, oder sogar wenn ihr hingeht und für Stunden da sitzt ohne zuzuhören, bedeutet euch das nichts.
Des Weiteren sollten wir praktizieren, was unsere Lehrer uns sagen, mit der festen Überzeugung, dass ihre Anweisungen bezüglich des Dharma vertrauenswürdig sind und uns definitiv helfen werden. Daher sollten wir mit unserem Lernen nicht nur auf der intellektuellen Ebene des Ansammelns von Fakten bleiben, sondern sie tief in uns aufnehmen. Ansonsten werden wir wie ein Kranker sein, der nur die Dosierungsanleitungen und Etiketten auf den Verpackungen liest, aber niemals eine Tablette einnimmt. Wir sollten mit dem Dharma auch keine intellektuellen Spielchen betreiben und ihn lediglich als Thema für eine Konversation auf einer Cocktail-Party benutzen. Das wäre so, als würde jemand, der ernsthaft krank ist, versuchen, andere damit zu beeindrucken, all die modernen Heilmethoden für seine Krankheit aufzuzählen, aber nie selbst zum Arzt gehen. Auch wenn eine Frau mit Lepra, deren Nase bereits abgefallen ist, sich schminkt und schön anzieht, wird sie niemand für hübsch halten. In ähnlicher Weise wird niemand von unserem oberflächlichen Wissen des Dharma beeindruckt sein, wenn unsere Geist ungezügelt ist.
Je mehr wir lernen, desto weniger sollten wir Sinnloses reden. Wenn wir wissen wollen, wie Zuckerrohr schmeckt, schälen wir nicht nur die Schale ab und kauen auf ihr herum, sondern befassen uns mit dem Kern der Sache.
Im „Sutra, das zu außergewöhnlicher Entschlossenheit anspornt“ (tib. Lhag-pa’i bsam-pa bskul-ba’i mdo, Skt. Adhyāśaya-saṃcodana Sūtra) heißt es:
Die Schale eines Zuckerrohr-Stängels hat keinerlei Substanz; der genussvolle Geschmack befindet sich im Innern. Beim Essen der Schale kann man den köstlichen Geschmack der Melasse nicht finden.
So, wie mit der Schale, verhält es sich auch mit den Worten; der „Geschmack“ liegt in der Kontemplation der Bedeutung. Daher sollte man damit aufhören, sich nur an den Worten zu erfreuen, sondern immer gewissenhaft über die Bedeutung nachdenken.
Studieren wir die zu ergreifenden Maßnahmen für das Entwickeln der aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades, sollten wir sie in ähnlicher Weise stets auf unsere persönlichen Probleme und Täuschungen beziehen und sie mit unseren eigenen Geisteshaltungen und unserer Erfahrung vergleichen. Wie Geshe Langri Tangpa (tib. dGe-bshes Glang-ri thang-pa rDo-rje seng-ge) (1054–1123), der Autor der „Schulung der Geisteshaltung in Acht Versen“ einmal sagte:
Wann immer ich eine Mahayana-Schrift lese, habe ich die starke Verwirklichung, dass all die beschriebenen Fehler meine eigenen und all die guten Eigenschaften die der anderen sind.
Daher sollten wir die Warnung von Kyabje Trijang Rinpoche beherzigen:
Hören wir etwas über die gegen Geiz zu ergreifenden Maßnahmen, geben wir vor, sie würden sich nicht auf uns beziehen und werfen einen vorwurfsvollen Blick auf unseren Nachbarn, obgleich wir selbst vielleicht furchtbare Hamsterer sind. Das ist keinesfalls die richtige Weise, die Dharma-Lehren zu hören.
Es ist die Sache eines ernsthaften Praktizierenden, sich selbst zu prüfen, nicht die anderen. Wir sind jedoch professionelle Detektive und suchen stets nach den Fehlern der anderen. Anstatt mit der Fackel der Kritik auf unser Umfeld zu zeigen, sollten wir sie auf uns selbst richten und beginnen, unsere eigenen Fehler zu sehen. Ist unser Gesicht schmutzig und wir sehen im Spiegel einen schwarzen Fleck auf unserer Wange, werden wir ihn abwaschen. Sehen wir in ähnlicher Weise im Spiegel der Lehren unsere eigenen Fehler, sollten wir uns bemühen, uns selbst von ihnen zu reinigen.
Dromtönpa sagte:
Kannst du deine eigenen Fehler erkennen und suchst nicht nach den Fehlern in anderen, besitzt du etwas Weisheit, auch wenn du keine anderen guten Eigenschaften hast.
Daher sollten wir über die Bedeutung aller Lehren, die wir hören, in Bezug auf uns selbst nachdenken. Wir sollten nicht wie jemand mit einer gebogenen Nase und großen Ohren sein, der es nicht ertragen kann, sich selbst im Spiegel zu betrachten und nicht fotografiert werden will. Hören wir einem Meister zu und denken: „das hat er doch schon einmal erklärt, ich habe es schon tausendmal gehört“, werden wir gewiss keinen Nutzen ziehen. Dasselbe gilt, wenn wir meinen, die Anweisungen, Beispiele und dergleichen wären nur schöne Geschichten oder irgendwelche Märchen. Wir sollten versuchen, den gemachten Punkt zu erkennen und ihn auf unseren Geist anwenden. Und überprüfen wir ständig die Lehrer, ob sie die Zitate und Geschichten ganz korrekt, Wort für Wort, anführen, werden wir nie einen Fortschritt machen. Oftmals werden dieselben Anekdoten mit leichten Abweichungen erzählt, um verschiedene Punkte zu veranschaulichen.
Hören wir darüber hinaus Einwände und Argumente, die in einem Text mit den Worten „Manche Menschen denken...“ angeführt werden und ist unsere Reaktion darauf „ich denke aber nicht so, was für eine absurde Frage“, zeigt das ganz klar unsere völlige Selbstbezogenheit. Die Lehren über den Dharma sind dazu da, die Fragen von allen zu beantworten, nicht nur unsere eigenen. Auch sollten wir nicht einfach den angeführten Einwand abtun, sondern uns selbst ohne diese Abwehrhaltung untersuchen, um zu sehen, ob wir vielleicht wirklich auf subtile Weise unter dem Einfluss der fälschlichen Sicht stehen, um die es geht.
Haben wir irgendeine der oben genannten nachteiligen Geisteshaltungen, ist das Problem oft, dass wir von den Lehren übersättigt sind. Der Grund dafür ist, dass wir zu viele Vorträge gehört oder zu viele Texte über den Dharma gelesen haben, ohne jemals eine der behandelten nützlichen Gewohnheiten des Geistes aufzubauen, indem wir über sie meditieren. In diesem Fall wird alles Gehörte keinen Einfluss auf unseren Geist haben. Wie ein Stein im Wasser wird er niemals weich werden. Bei den Kadampa-Geshes gab es ein Sprichwort:
Der Dharma kann zwar einen unverbesserlichen Schurken weich machen, aber niemals jemanden, der von den Lehren übersättigt ist. Fettige Butter kann zwar ein hartes Stück Leder weich machen, doch niemals den Hautsack, in dem sie sich befindet.
Scheint uns der Lehrstoff zu überwältigen, ist dies ein Zeichen dafür, dass wir nicht genügend meditiert haben. Wenn wir, während wir die Lehren studieren, gleichzeitig versuchen, über sie zu meditieren, würden wir sie in uns aufnehmen und nach mehr dürsten. Ein weiteres Zeichen für unser mangelndes Verinnerlichen besteht darin, beim Teilnehmen an einem Unterricht oder Lesen eines Buches das Gefühl zu haben, dass wir wissen, was als nächstes gesagt wird. Wir sind so gelangweilt, dass wir meinen, wir könnten es selbst rezitieren. Haben wir jedoch durch das Gehörte gute Gewohnheiten aufgebaut, werden wir uns auf jeden neuen Vortrag und weitere Erkenntnisse freuen, die wir aus etwas anderen Formulierungen ziehen können. Wenn Seine Heiligkeit der Dalai Lama oder seine Lehrer einen Vortrag über den Stufenpfad halten, nehmen all die gelehrten Meister und ernsthaften Praktizierenden, die oft von weither kommen, mit Wissbegierde teil. Sie tun es nicht, weil sie nie zuvor Belehrungen über diese Thematik bekommen haben, sondern weil sie erkennen, wie mächtig es ist, sie immer wieder zu hören, ohne jemals übersättigt zu werden. Wir sollten versuchen, diesen schönen Beispielen nachzueifern.