Erläuterung von Mandalas: Ihr Gebrauch und ihre Bedeutung

Heute Abend werden wir über Mandalas sprechen. Der tibetische Begriff für Mandala, „kyilkor“ (dkyil-‘khor), bedeutet wörtlich: „etwas, das im Kreis um ein Zentrum verläuft“, also etwas, das ein Zentrum kreisförmig umgibt. „Zentrum“ ist hier im Sinne von „Bedeutung“ zu verstehen, und das, was im Kreis um sie herum angeordnet ist, ist ein Symbol oder eine Repräsentation dieser Bedeutung. Ein Mandala ist also im Grunde ein rundes Symbol oder eine Repräsentation einer tiefgründigen Bedeutung, für die es steht. Mandalas müssen nicht immer rund sein, doch so lautet eben der Ausdruck, der dafür verwendet wird. Nicht alle Mandalas sind kreisförmig.

Zwischen einem Symbol und einer Darstellung besteht ein Unterschied – einige Mandalas sind Symbole, andere sind Repräsentationen. Lassen Sie mich den Unterschied erklären. Ein Symbol ist etwas, dessen Bedeutung für jemanden, der es erblickt, offensichtlich ist. Eigentlich muss einem niemand erklären, was es bedeutet – ein runder weißer Kreis zum Beispiel ist ein Symbol für den Mond. Es ist ziemlich offensichtlich, wofür es steht. Das ist ein Symbol. Bei einer Repräsentation hingegen ist es nicht so offensichtlich, was sie bedeutet; sie muss uns erklärt werden. Ein Vajra z.B. ist eine Repräsentation der Methode und eine Glocke eine Repräsentation von Weisheit. Wenn man einfach nur einen Vajra und eine Glocke sieht, ist keineswegs offensichtlich, wofür sie stehen, nicht wahr? Sie sind Repräsentationen, nicht Symbole, d.h., man muss erst erklärt bekommen, was die Repräsentation bedeutet. In diesem Sinne sind einige Mandalas Symbole, andere sind Repräsentationen.

Es gibt zahlreiche verschiedene Arten von Mandalas, und sie dienen sowohl im Sutra als auch dem Tantra vielerlei verschiedenen Zwecken. Zuerst möchte ich einen kleinen Überblick über die gebräuchlichsten Arten von Mandalas geben, die im Buddhismus Verwendung finden, und dann werde ich, wenn noch genügend Zeit ist, auf einige davon etwas genauer eingehen.

Zunächst einmal gibt es äußere Mandalas. Ein äußeres Mandala ist eine Repräsentation eines Weltensystems, und es ist eine der Mandala-Arten, die als Darbringung von Gaben verwendet werden. Das ist eine der häufigsten Verwendungsarten von Mandalas. Ein Mandala – ein äußeres Mandala, ein Weltensystem – bringen wir z.B. einen spirituellen Lehrer dar, wenn wir ihn um Unterweisungen bitten oder wenn der Lehrer uns bestimmte Gelübde erteilt oder wenn wir um eine Ermächtigung ersuchen. In diesen Fällen wird vorher stets ein Mandala dargebracht, und am Ende der Veranstaltung wird zum Dank nochmals ein Mandala dargebracht. Das ist im Buddhismus die standardmäßige Vorgehensweise für solche Ereignisse.

In diesem Fall repräsentiert die Darbringung des Mandala, dass wir das ganze Universum darbringen, dass wir alles hergeben, sowohl das, was wir selbst besitzen und insbesondere auch alles auf der Welt, das keinen speziellen Besitzer hat – all das bringen wir dar, um die Unterweisung zu bekommen oder Gelübde abzulegen oder eine Ermächtigung zu erhalten.

Für gewöhnlich kann das Universum auf zweierlei Art repräsentiert werden. Zum einen kann dazu eine Art flacher Teller dienen, der mit der Unterseite nach oben gehalten wird und auf dem etliche Häufchen Reis, oder, falls man Edelsteine hat, auch Häufchen von Edelsteinen, platziert werden, welche dann mit einer Art Ring umgeben werden. Man errichtet drei Ebenen solcher Anhäufungen und als Oberstes fügt man wie eine Art Krone eine besonders vortreffliche Spitze hinzu. Das ist eine Art, das Universum zu repräsentieren. Es ist ganz und gar nicht offensichtlich, dass das ein Universum ist, nicht wahr? Es handelt sich also um eine Repräsentation.

Die andere Art, das Universum zu repräsentieren, besteht aus einer Hand-Mudra. Dabei werden die Finger auf bestimmte Weise gekreuzt und repräsentieren so das Universum. Das ist, genauer betrachtet, eine recht interessante Angelegenheit. Es ist nicht so, dass das, was wir tun, das Universum repräsentiert – in gewisser Weise tut es das zwar, aber wenn wir die Angelegenheit etwas fachspezifischer betrachten, handelt es sich dabei um eine Grundlage für die Zuschreibung eines Universums. Wir visualisieren nicht einfach so ein Universum, sondern um etwas zu visualisieren, muss eine Grundlage da sein. Will man etwas durch Vorstellung zuschreiben, so muss eine Grundlage vorhanden sein, der man es zuschreibt. Ein Teller mit Reis oder die Finger bilden in diesem Fall die Grundlage.

Wir bringen also dem Lehrer nicht bloß einen Teller Reis oder unsere Finger dar – was sollte er auch damit? Wir bringen ihm das Universum dar. Als Repräsentation sind diese Objekte eine geeignete Grundlage für die Zuschreibung des gesamten Universums, und wir stellen uns vor, dass es das ist, was wir darbringen. Wir stellen uns nicht bloß vor, dass wir unsere Finger oder Reis darbringen, sondern das gesamte Universum. Das ist ein wichtiger Punkt beim Darbringen solcher Gaben, nämlich zu visualisieren und sich vorzustellen, dass man tatsächlich das Universum darbringt, nicht nur die Basis für die Zuschreibung, also nicht nur die Repräsentation, die als Grundlage für die Zuschreibung des Universums fungiert.

Das Universum wird dabei so dargestellt, wie es im Abhidharma beschrieben ist, mit dem Berg Meru und den vier Kontinenten, die ihn umgeben. In der Hand-Mudra stellen die Finger diese Merkmale dar, wobei die zwei Finger in der Mitte für den Berg Meru stehen und die vier gekreuzten Fingerpaare für die umgebenden vier Kontinente. Das ist die eine Art, das Universum darzustellen.

In den Kalachakra-Lehren findet man eine leicht unterschiedliche Beschreibung des Berges Meru und der vier Kontinente. Im Zusammenhang mit dem Kalachakra bringen wir das Mandala dar, indem wir es uns entsprechend der Kalachakra-Beschreibung des Universums vorstellen. Da es im Buddhismus also zwei Beschreibungen des Universums gibt, das wir darbringen, sagt Seine Heiligkeit der Dalai Lama, dass wir auch visualisieren können, das Universum in der Form darzubringen, wie es in der Wissenschaft beschrieben wird, entweder die ganze Erde oder das Sonnensystem oder die Galaxie oder das gesamte Universum. Mit anderen Worten: Wir sollten das Universum in einer Form darbringen, die für uns sinnvoll ist, damit die Darbringung aufrichtig ist. Wenn wir es mit dem speziell geformten Berg Meru und den Kontinenten darbringen, erscheint das manchmal wie ein etwas einfältiges Spiel und ist nicht mit sonderlich viel Gefühl verbunden, sodass es keinen großen Nutzen bringt. Deshalb sagt Seine Heiligkeit: „Nur zu! Sonnensysteme mit kleinen kreisenden Planeten – bringen Sie dar, was immer Sie möchten.“

Die Darbringung eines äußeren Mandalas wird auch als Teil der besonderen vorbereitenden Übungen durchgeführt, mit denen wir ein enormes Ausmaß an positiver Kraft aufbauen, damit unsere Tantra-Praxis gelingt. In diesem Rahmen bringen wir mindestens 100.000mal ein Mandala dar – nicht nur, um die Vorgaben einer Klausur zu erfüllen, sondern allgemein, um erfolgreich Tantra praktizieren zu können. Allerdings stimmt es natürlich, dass wir auch im Falle einer dreijährigen Klausur all die vorbereitenden Übungen nochmals durchführen, selbst wenn wir sie zuvor schon gemacht haben. Wenn wir das Mandala im Rahmen der vorbereitenden Übungen darbringen, bringen wir es normalerweise einer visualisierten Versammlung von Buddhas, Bodhisattvas und Meistern der Überlieferung dar.

Es ist wichtig, es jemandem darzubringen – nochmals: Es ist nicht nur ein Spiel. Es geht darum, durch diese Darbringung eine Menge positive Kraft aufzubauen, und dafür hängt sehr viel von dem Geisteszustand ab, in dem wir diese Darbringung machen. Die drei wichtigsten Elemente, die dabei in unserem Geisteszustand erforderlich sind, sind eine angemessene Motivation, Konzentration und eine gewisse Tiefe unseres Verständnisses der Leerheit. Dabei geht es um die Leerheit unserer selbst, die wir diese Gabe darbringen, die Leerheit derjenigen, denen wir sie darbringen, und die Leerheit des Mandalas selbst – die Leerheit dessen, was wir darbringen – sowie die Leerheit der Handlung des Darbringens.

Wir machen keine große Sache daraus – „Oh wie großartig, das ich das darbringe!“ oder „Ach wie wundervoll Sie sind, sodass ich Ihnen das darbringe!“ oder „Wie schön doch dieses Mandala ist!“ usw. Wir verfestigen nichts davon. Wenn wir natürlich die Mandala-Darbringung 100.000mal in einer Art Egotrip darbringen, um unseren Stolz zu erhöhen: „Ich hab das echt 100.000mal gemacht!“, dann wird das nicht sehr viel dazu beitragen, eine positive Kraft aufzubauen, nicht wahr?

Wenn es richtig gemacht wird, kann es ein enormes Ausmaß an positiver Kraft aufbauen. Man sieht das an dem Beispiel aus dem Leben Tsongkhapas. Tsongkhapa strengte sich ungemein an, Verständnis der Leerheit zu erlangen. Er hatte schon viele Jahre in Klausur mit intensiver Meditation über die Leerheit verbracht, aber er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis – und Tsongkhapa war nicht dumm, er war hochintelligent, und er befand sein Verständnis der Leerheit für nicht ausreichend. Also begab er sich erneut in Klausur, brachte 18 Mal 100.000 Mandalas dar und machte 35 Mal 100.000 Niederwerfungen, um genügend Kraft aufzubauen, die Leerheit wirklich zu verstehen und ein unbegriffliches Verständnis davon zu erlangen. Bereits am Ausgangspunkt, an dem er damit anfing, war er uns so weit voraus, dass wir unmöglich erwarten können, diese Ebene mit unserem begrenzten Geist zu erreichen. Es ist wirklich sehr beeindruckend und inspirierend, dass er an diesem Punkt noch so viel mehr positive Kraft aufbauen musste, um weiterzukommen. Das Darbringen des gesamten Universums ist also offenbar von tiefer Bedeutung, und wenn wir noch genügend Zeit haben, werden wir darauf zurückkommen und ein wenig genauer betrachten, warum es so wirksam für den Aufbau von Unmengen positiver Kraft ist – wenn es richtig gemacht wird, natürlich.

Es gibt noch andere Ebenen der Darbringung von Mandalas, und zwar im Rahmen der höchsten Tantra-Klasse, Anuttarayoga-Tantra. Das ist die vierte Tantra-Klasse, und darin gibt es vier Ermächtigungen. Dementsprechend gibt es vier Arten von Darbringung der üblichen Gaben und vier Arten der Mandala-Darbringung. Dazu gehört die Darbringung des äußeren Mandalas und zudem die Darbringung des inneren Mandalas. Dabei bringen wir verschiedene Aspekte unseres Körpers dar – also nicht nur die äußere Welt, sondern die innere, nämlich unseren Körper. Auch der Körper kann z.B. als eine Repräsentation des Berges Meru und die vier Kontinente visualisiert werden: Die Wirbelsäule ist der Berg Meru, die vier Gliedmaßen sind die vier Kontinente, und man bringt den Körper, also innere Komponenten, auf diese Weise dar. Im Grunde bringen wir damit unseren ganzen Körper dar – die Aggregate, die Elemente, die Energiekanäle und das alles – , um das zu üben.

Des Weiteren gibt es die geheime bzw. verborgene Mandala-Darbringung. „Geheim“ oder „verborgen“ sind bloß zwei Übersetzungen desselben Worts. Diese Darbringung kann auf zweierlei Weise erklärt werden: entweder als Darbringung unseres glückseligen Gewahrseins allgemein, oder als Darbringung des glückseligen Gewahrseins der Leerheit im subtilsten Geisteszustand, dem Geist des Klaren Lichts. Im Grunde bringen wir dieses dar, um Erleuchtung zu erlangen. Auch das ist ein Mandala. Wir machen ein Mandala daraus, das wir darbringen, also eine Repräsentation. Das ist eine spezielle Art von Mandala, und sie wird nicht etwa durch einen besonderen Teller oder so etwas dargestellt, sondern könnte z.B. durch ein schönes Mädchen eine Dakini repräsentiert werden.

Die vierte Art ist das Mandala der eigentlichen Natur der Realität; das wird normalerweise übersetzt als „Mandala der Soheit“. „Soheit“ ist jedoch ein sehr unbeholfenes Wort; was es bedeutet, ist: Natur der Realität. Dabei kann es sich entweder um die Darbringung unseres Verständnisses der Leerheit handeln – das ist die eine Bedeutung – oder aber im Grunde die Darbringung der zwei Wahrheiten. In dem Fall ist das, was wir Darbringen, das glückselige Verständnis der Leerheit mit dem Geisteszustand des Klaren Lichts und die gleichzeitige Erscheinung unserer selbst als eine Buddha-Gestalt. Das bringen wir dar, und das Ganze steht Verbindung mit der höchsten Tantraklasse. Das sind also die Mandalas, die wir darbringen – vier verschiedene Ebenen der Mandala-Darbringung -, und im Grunde stehen sie in Verbindung mit vier verschiedenen, zunehmend fortschreitenden Ebenen der Tantra-Praxis.

Es gibt auch Mandalas, welche die Grundlage bilden, auf der wir Einweihungen bzw. Ermächtigungen erhalten – ich bevorzuge statt „Einweihung“ das Wort „Ermächtigung“, aber das können Sie halten, wie Sie möchten. Ob es sich bei einer Zeremonie um eine Ermächtigung handelt, kann man daran feststellen, dass in dem Fall der erste Teil auf der Grundlage eines Mandalas erteilt wird. Wenn es sich hingegen um eine nachfolgende Erlaubnis handelt – auf Tibetisch wird das Jenang (rjes-snang) genannt -, wird dafür kein Mandala verwendet, sondern ein Torma (tib. gtor-ma), eine Art Gerstenkuchen, und die Erlaubnis wird erteilt, indem dieser als Grundlage zur Repräsentation einer Buddha-Gestalt dient. Auf diese Weise kann man in einer Zeremonie den Unterschied zwischen einer Ermächtigung tib. dbang und einer anschließenden Erlaubnis (tib. rjes-snang) erkennen.

Es gibt viele verschiedene Arten von Ermächtigungen, aber die so genannte „Ermächtigung mittels der Vase“ findet in allen vier Tantraklassen statt. Sie wird auf der Grundlage einer symbolischen Mandala-Welt erteilt, in der eine Buddha-Gestalt oder eine bestimmte Gruppe von Buddha-Gestalten lebt – etwa das Mandala von Chenresig oder von Vajrabhairava oder von Kalachakra. Das ist ihre Welt, in der sie leben, und die Ermächtigung wird auf der Basis einer Repräsentation dieser Welt erteilt. Ein solches Mandala besteht aus dem so genannten unterstützenden Mandala – das ist der Palast und dessen Umgebung – und dem unterstützten Mandala: das ist die Gruppe aller Gestalten, die darin leben. Ein Mandala besteht aus beidem. Ein Gottheiten-System besteht nicht nur aus einer Gestalt, sondern es gibt viele davon in einem Mandala.

In der „Ermächtigung mittels der Vase“ können vier verschiedene Arten von Mandalas bzw. Grundlagen eine Rolle spielen, die das Weltensystem der Buddha-Gestalt, des Yidam, repräsentieren. Am häufigsten wird dafür ein Stoffmandala verwendet. Ein Stoffmandala – es kann auch eines aus Papier sein – ist ein Stück Stoff oder Papier, auf dem eine zweidimensionale Repräsentation dieses Weltensystems aufgezeichnet ist. Heutzutage verwendet man sogar schon Fotographien des jeweiligen Stoffmandalas.

Der Grundlage mit dieser Zeichnung schreiben wir dann die gesamte dreidimensionale Welt zu und visualisieren sie auf dieser Grundlage. Wenn gesagt wird: „Nun betreten Sie das Mandala“, heißt das nicht, dass man nun ein zweidimensionales Wesen wird und sich auf das Papier begibt. Wir stellen uns vielmehr eine dreidimensionale Welt von riesigem Ausmaß vor – und der Grundlage mit der Zeichnung wird sie lediglich zugeschrieben. Dies ist die Art von Mandala, die wir häufig sehen: diese Zeichnungen. Viele Menschen haben die falsche Vorstellung, dass man tatsächlich diese zweidimensionalen grafischen Darstellungen visualisieren würde. Aber so ist es nicht; niemand visualisiert diese zweidimensionalen Formen, sondern auf dem zweidimensionalen Bild visualisiert man dreidimensionale Gebäude. Das Bild ist lediglich eine Art Architektenzeichnung für das Gebäude.

Für diejenigen, die mit wissenschaftlichen Begriffen vertraut sind, bietet sich der Vergleich mit einem Hologramm an: Bei Hologrammen gibt es eine zweidimensionale Schicht, die alle Informationen für eine dreidimensionale Darstellung enthält, und wenn auf bestimmte Weise Licht darauf fällt, entsteht ein dreidimensionales Hologramm. Das ist eine noch weitaus bessere Analogie zu den Prozessen im Zusammenhang mit Mandalas. Auf der Grundlage einer zweidimensionalen Schicht, die alle Informationen enthält – z.B. die Proportionen und die Gestaltung des dreidimensionalen Gebäudes -, bringt dann der Geist ein mentales Hologramm eines solchen Universums hervor. Ich finde, das ist eine recht hilfreiche Art, dies zu erklären und zu verstehen. Damit wird ziemlich klar, dass das Ganze wie eine Illusion ist, und die Leerheit dieser dreidimensionalen Welt wird deutlicher.

Der Palast im Zentrum eines Mandalas ist viereckig, hat normalerweise zwei, manchmal auch mehr Stockwerke, und in der Mitte einer jeden der vier Seiten befindet sich ein großes Tor und eine Eingangshalle – das alles ist recht kunstvoll ausgearbeitet. An der Außenseite des Gebäudes, außerhalb dieser kunstvollen Tore, ist auf jeder der vier Seiten ein Torbogen angeordnet. Das Gebäude ist mit vielen architektonischen Besonderheiten ausgestattet. All das ist im klassischen indischen Stil gestaltet. Im südindischen Tempeln findet man tatsächlich Anlagen, die so ähnlich aussehen, insbesondere die Torbogen. Doch die Dächer der Tempel in den Mandalas ähneln ein wenig dem chinesischen Stil. Wie so oft in der tibetischen Kultur finden wir also einen gewissen Stilmix, mit indischen, chinesischen und einheimischen tibetischen Stilelementen. Das Universum, das Weltensystem für die Vasen-Ermächtigung, kann durch ein Stoffmandala dargestellt werden; das ist die erste Art von Mandalas, die für Ermächtigungen verwendet werden.

Die zweite Art ist ein Mandala aus fein gemahlenem Sand. Damit wird eine zweidimensionale Darstellung des Weltensystems geschaffen, und anstatt es zu zeichnen, wird es hier aus verschiedenartigen gefärbten und zerriebenen Mineralien hergestellt. Es hat also etwas mehr Tiefe; es ist einige Zentimeter hoch. Sowohl das Stoff- als auch das Sandmandala werden normalerweise für die Zeremonie auf einem Tisch platziert, der ein wenig wie ein Palast hergerichtet ist, mit einem hölzernen Rahmen, einem kleinen Dach darüber und Vorhängen auf den vier Seiten. Daran kann man klar erkennen, dass es sich bei einer Zeremonie um eine Ermächtigung bzw. Einweihung handelt. Bei der Zeremonie einer nachfolgenden Erlaubnis ist all das nicht vorhanden; es befindet sich lediglich ein Torma an einer Seite des Raums.

Die dritte Grundlage, auf der eine Ermächtigung erteilt werden kann, ist ein Körper-Mandala. Dies gilt ausschließlich für einige der Mutter-Tantras im Anuttarayoga, also ausschließlich in der vierten Tantraklasse, und innerhalb dieser nur im Mutter-Tantra und auch davon nur in bestimmten Tantras. In diesem Fall hat der Meister, der die Ermächtigung erteilt, die Energiekanäle usw. verwirklicht – „verwirklicht“ ist ein Fachbegriff und bedeutet hier, dass er bestimmte Teile seines Energiekörpers in das unterstützende und das unterstützte Mandala transformiert hat: in die unterschiedlichen Teile des Gebäudes und die verschiedenen Gestalten darin. Auf dieser Grundlage - mithilfe der Transformation, die der tantrische Meister tatsächlich vorgenommen hat – wird dann die Einweihung erteilt. Sie repräsentiert dann das entsprechende Weltensystem. Diese Vorgehensweise finden wir im Chakrasamvara-, auch Heruka-Tantra genannt, im Chittamani-Tara-Tantra und im Hevajra-Tantra. Das sind die wesentlichen Tantras mit einer Ermächtigung beruhend auf einem Körper-Mandala. Um eine Ermächtigung beruhend auf einem Körper-Mandala zu empfangen, muss man zuvor eine Ermächtigung erhalten haben, die auf einem der anderen Mandalas beruht. Diese Regel wird in der Gelug- und Sakya-Tradition sehr strikt eingehalten.

Die vierte Grundlage für den Empfang einer Vasen-Ermächtigung ist ein so genanntes „Mandala geistiger Beständigkeit“, ein stabiler geistiger Zustand, ein Mandala der Konzentration. Dieses findet sich in allen Tantraklassen. Dabei ist die Grundlage etwas, das der tantrische Meister durch sein Samadhi einem Zustand vertiefter Konzentration hervorgebracht und verwirklicht hat, d.h., er hat sie sich nicht nur vorgestellt, sondern ist tatsächlich imstande, sie durch seine Konzentration hervorzubringen. Wir können sie vielleicht nicht sehen, aber er hat sie aus seiner Konzentration erschaffen. Basierend auf solch einer Grundlage können ganz z.B. besondere Schüler, die völlig mittellos und nichts zum Darbringen haben, auch mitten in der Wildnis in Tibet ein Mandala darbringen.

Einige Meister sind wirklich in der Lage, solch ein lebhaftes Gebilde aufrechtzuerhalten – es ist eigentlich nicht bloß eine Visualisation; es ist tatsächlich vorhanden. Ich erinnere mich daran, dass Ling Rinpoche, der verstorbene Seniortutor Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, der Experte par excellence für Yamantaka- bzw. Vahrabhairava-Tantra war. Einmal hielt er einen Vortrag darüber, dem ich als Zuhörer beiwohnte. Er beschrieb den Mandala-Palast und zeigte dabei einfach auf die architektonischen Besonderheiten: „Dort drüben sieht es so und so aus, und hier so und so.“ Er zeigte einfach in die betreffende Richtung; das alles war für ihn so deutlich vorhanden, dass er darauf zeigen konnte wie auf etwas, das wir an der Wand sehen können. Diese Kraft muss vorhanden sein, um eine Ermächtigung beruhend auf geistiger Beständigkeit zu erteilen. Ich war damals sehr beeindruckt, muss ich sagen.

Manchmal wird auch tatsächlich ein dreidimensionales Mandala hergestellt; das wird jedoch nicht zu den vier Arten der Grundlagen gezählt. Man kann solche Mandalas z.B. in den Räumen der tibetischen Staatsbibliothek in Dharamsala sehen. Sie bestehen aus Holz oder aus Plastik, manchmal auch aus Bronze, und sie sehen aus wie eine Art dreidimensionales Puppenhaus. Solche Mandalas sind eine der großen Besonderheiten, die Tsongkhapa im Kloster Ganden stehen hatte, enorme dreidimensionale Paläste der drei hauptsächlichen Tantras der Gelug-Tradition. Auch auf einer solchen Grundlage kann eine Ermächtigung gegeben werden.

Im Tantra gibt es vier Ermächtigungen, und diejenige mittels der Vase ist nur die erste davon. Es gibt noch drei weitere Ermächtigungen, und sie werden auf der Grundlage anderer, tiefgründigerer Arten von Mandalas erteilt. Wir werden hier nicht näher darauf eingehen, denn das ist ein ziemlich komplexes Thema, und wir haben nicht so viel Zeit. Doch es gibt noch andere Mandalas, auf deren Grundlage Ermächtigungen erteilt werden, z.B. ein rundes Symbol von Tropfen – normalerweise Tropfen von Tee und Yoghurt -, die besondere, subtile Tropfen von Bodhichitta – Tropfen subtiler Energie im Körper – repräsentieren, und dergleichen mehr.

Wenn wir Tantra-Praxis ausüben, spielen dabei verschiedene Ebenen von visualisierten Mandalas eine Rolle. Zum einen finden wir in Mandalas symbolische Scheiben vor. Einige davon sind Symbole, z.B. für Mond und Sonne; sie sehen aus wie runde Sitzkissen, die einem weißen Mond und einer roten Sonne gleichen. Auch sie werden Mandalas genannt: ein Mond-Mandala und ein Sonnen-Mandala. Es handelt sich um Symbole, auf denen man Platz nimmt. Im Falle der meisten Buddha-Gestalten befindet man sich auf einem Lotus, einer Sonne und einem Mond oder auf einem Mond und darüber einer Sonne. Der Lotus ist sowohl Symbol als auch Repräsentation von etwas. Der Lotus steht für Entsagung, der Mond für Bodhichitta und die Sonne für das Verständnis der Leerheit. Das Entstehen einer Buddha-Gestalt findet immer auf der Basis der drei grundlegenden Pfade statt, nämlich Entsagung, Bodhichitta und Leerheit. In diesem Zusammenhang werden Sonne und Mond Mandalas genannt.

Des Weiteren gibt es die Mandalas der Elemente: ein Erd-Mandala, ein Wasser-Mandala, ein Feuer-Mandala, ein Wind-Mandala und ein Raum-Mandala. Das sind Repräsentationen; Erde z.B. wird durch ein gelbes Quadrat dargestellt. Wir visualisieren diese Mandalas an verschiedenen Stellen im Ablauf einer tantrischen Praxis. Oft befinden sie sich unterhalb des Weltensystems, des Palastes und den Gestaltungen, die ihn umgeben. Häufig, wie zum Beispiel in der Praxis des Yamantaka-Tantra, erfolgt diese Visualisierung unmittelbar im Anschluss an die Meditation über die Leerheit im Klaren Licht des Todes – das ist im Grunde eine Meditation über Leerheit, die in Analogie zu den Vorgängen durchgeführt hat, die während des Todes stattfinden. Und wenn wir wiedergeboren werden, verbindet sich der Geisteszustand des Klaren Lichts wieder mit gröberen Ebenen, dem physischen Körper, er verbindet sich also schrittweise mit den Elementen eines grobstofflichen Körpers, und das wird durch die Mandalas der Elemente repräsentiert, die sich unterhalb des Mandalas befinden, in dem wir wie in einer Wiedergeburt entstehen. Dieser Prozess dient dazu, all diese Vorgänge zu reinigen, und dafür visualisiert man diese Elemente unterhalb des jeweiligen Palastes, um aufzuzeigen, dass all das aus dem Klaren Licht hervorgeht.

Im Kalachakra-System gibt es Mandalas verschiedener Himmelskörper. Dabei visualisieren wir z.B. ein Mond- und ein Sonnen-Mandala sowie zwei Planeten namens Rahu und Kalagni, die bei einer Mond- und Sonnenfinsternis eine Rolle spielen. Sie repräsentieren die vier subtilen Tropfen innerhalb des Körpers, die damit zu tun haben, wie der Geist Erscheinungen hervorbringt. Auf dieser Repräsentation davon befinden wir uns in Form von Kalachakra.

Der wesentliche Punkt in all diesen Visualisierungen ist, dass wir uns bzw. der Palast sich auf Mandalas bestimmter Formen befinden – Sonne, Mond, Planeten, Elementen – , die jeweils sehr bedeutsame Aspekte repräsentieren. Sie dienen nicht nur zur Dekoration. Sie werden Mandalas genannt, weil sie etwas repräsentieren. Manchmal visualisieren wir, dass sie sich in unserem Herzen befinden, z.B. Sonne und Mond usw. All das bedeutet etwas, all diese Formen werden Mandalas genannt; am häufigsten werden die Repräsentation für Leerheit und Bodhichitta dargestellt: Sonne und Mond.

Auch die Mandala-Paläste werden in der Tantrapraxis visualisiert. Ich habe sie bereits beschrieben: viereckig, mit vier Toren usw. Jede der baulichen Besonderheiten darin repräsentiert etwas, nämlich eine bestimmte Einsicht, die wir im Verlauf des Pfades brauchen, ebenso wie auch all die Arme und Beine der Buddha-Gestalt bestimmte Einsichten auf dem Pfad repräsentieren. Die vier Seiten des Palastes beispielsweise stehen für die vier Wahrheiten; aus diesem Grund hat der Palast vier Seiten; und er hat fünf Farben: Der Boden ist stets so aufgeteilt, dass jede Seite eine andere Farbe aufweist und die Mitte die fünfte Farbe. Die Farben der Wände bestehen normalerweise aus fünf Schichten derselben fünf Farben. Diese stehen für die fünf Arten tiefen Gewahrseins: das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein, das Gewahrsein der Gleichheit usw. – all die Besonderheiten, die wir entwickeln müssen.

In der Visualisierung unserer selbst stellen wir uns uns selbst sowohl als das unterstützende als auch das unterstützte Mandala vor: Wir sind beides, etwa so, wie wir sowohl Haut als auch das sind, was sich innerhalb des Körpers befindet. Diese Visualisierungen sind ein Mittel, das uns hilft, all diese Aspekte gleichzeitig im Sinn zu behalten, uns ihrer aller bewusst zu sein – „Ach ja, die fünf Farben, die fünf Arten tiefen Gewahrseins, die vier Wahrheiten …“ – all das zur gleichen Zeit. Dazu dient ein Mandala. Das ist eigentlich der hauptsächliche Zweck.

Die letzte Art Mandala, die ich erläutern möchte, ist das Körper-Mandala. Es wurde bereits kurz erwähnt im Zusammenhang damit, dass die Vasen-Ermächtigung auch auf der Grundlage des Körper-Mandalas eines spirituellen Lehrers erteilt werden kann. Aber in einigen Tantra-Praktiken stellen wir uns auch vor, dass wir selbst aus einem Körper-Mandala bestehen. Das ist Bestandteil einiger, doch längst nicht aller Vater-Tantras, z.B. des Guhyasamaja-Tantras, sowie auch einiger der Mutter-Tantras, z.B. des Chakrasamvara- und des Vajra-Yogini-Tantras. Aber nur im Mutter-Tantra können auf der Grundlage eines Körper-Mandalas Ermächtigungen erteilt werden. Im Vater-Tantra ist das nicht möglich. Im Vater-Tantra besteht ein Körper-Mandala aus dem offensichtlichen Körper – den Aggregaten, Elementen, Gliedmaßen, Armen und Beinen. Diese Bestandteile des offensichtlichen Körpers werden als Teile des Gebäudes und als Buddha-Gestalten visualisiert. Im Mutter-Tantra hingegen sind es die verschiedenen Kanäle des feinstofflichen Energiesystems, die in Gottheiten und in den Palast transformiert werden. Die überwiegende Betonung liegt im Mutter-Tantra auf den Gottheiten. Ich habe eigentlich noch in keinem Text gefunden, dass auch der Palast derart hervorgebracht wird. Im Hevajra-Tantra, das in der Sakya-Tradition als nicht-duales Tantra eingestuft wird, besteht das Körper-Mandala aus beidem: aus Teilen des offensichtlichen Körpers und aus Teilen des feinstofflichen Körpers. Deswegen wird dieses Tantra in der Sakya-Tradition als nicht-duales Tantra bezeichnet. In der Gelug-Tradition wird es zum Mutter-Tantra gezählt.

Lassen Sie mich noch eine technische Besonderheit hinzufügen, damit sie eine klare Vorstellung bekommen. Es heißt, dass der Körper, unser gewöhnlicher Körper, in all das transformiert wird. Dabei geht es um den gewöhnlichen Körper – unsere Aggregate, Elemente; lassen Sie uns diese als Beispiel nehmen. Sie sind eine so genannte herbeiführende Ursache (tib. nyer-len-gyi rgyu). Im Buddhismus werden etwa sechs verschiedene Arten von Ursachen erklärt, und die „herbeiführende“ ist diejenige, die das Ergebnis herbeiführt. Ein Samenkorn z.B. ist die herbeiführende Ursache für den Keimling. Mit anderen Worten: Der Same ist das, woraus der Keimling entsteht, und wenn der Keimling da ist, existiert der Same nicht mehr. Das ist eine herbeiführende Ursache. Die Aggregate lassen eine bestimmte Buddha-Gestalt entstehen, und dann haben wir nicht mehr diese gewöhnlichen, unreinen Aggregate, vergleichbar einem Samen, der einen Keimling hervorbringt. Es ist hilfreich, das zu wissen, wenn es darum geht, was mit einem Körper-Mandala eigentlich bewerkstelligt wird.

Es handelt sich um eine ganz andere Art von Ursache als z.B. im Falle von Ton, der zu einem Tonkrug wird, oder des Teigs, der zu Brot wird. In dem Fall ist das Material immer noch der Teig bzw. der Ton, es ist immer noch vorhanden. Aber um solch eine Art von Ursache – bei der das Material weiterhin vorhanden ist und im Ergebnis sozusagen nur seine Form ändert – geht es hier nicht. Im Buddhismus wird sehr sorgfältig zwischen den verschiedenen Arten von Ursachen unterschieden. Im Falle jener Buddha-Gestalten ist es also nicht so, dass die Teile unseres Körpers etwa so umgewandelt werden, wie Ton zu einem Krug wird. Es ist vielmehr so wie im Falle des Samens, der einen Keimling hervorbringt. Es handelt sich dann nicht mehr um die gewöhnlichen Aggregate, sondern nunmehr um das gesamte Weltensystem der jeweiligen Buddha-Gestalt. Das ist es, was wir aus dem Körper machen wollen, in dem Sinne, dass es den bisherigen Körper ersetzt, wenn wir Erleuchtung erlangen.

Das ist also ein Körper-Mandala, und damit arbeiten wir in unserer Visualisierung. Wenn wir verstehen, mit welcher Art von Ursache wir es hier zu tun haben, wird das Ganze ziemlich tiefgründig. Was wir bewirken möchten, ist nicht, dass unser gewöhnlicher Körper der erleuchtete Körper eines Buddha wird, so wie Teig zu Brot wird. Vielmehr verhält es sich quasi wie im Falle des Samens, der einen Keimling hervorbringt: Wenn wir den erleuchteten Körper eines Buddha erlangen, hat der bisherige Körper völlig aufgehört; als Buddha haben wir keineswegs einen solchen gewöhnlichen Körper. Diese Zusammenhänge geben uns viel zum Nachdenken, und die Ausübung der Praxis des Körper-Mandalas trägt sehr viel dazu bei, diese Vorgänge zu verstehen und damit zu arbeiten. All das sind Repräsentationen. Das also ist ein Mandala.

Noch einen weiteren Punkt möchte ich erklären. Wenn man ein Mandala darbringt, spricht man einen bestimmten Vers, und auch dieser Vers enthält vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Der Vers lautet: „Dieser Boden, der gereinigt wurde, besprengt mit duftgesättigtem Wasser“ – das ist Wasser, dass mit Duft von Räucherwerk geweiht wurde – „und mit Blumen bestreut“ – nachdem er gereinigt wurde, werden Blumen darauf ausgestreut – „geschmückt mit dem Berg Meru, den vier Kontinenten, Sonne und Mond“ – d.h. versehen mit den Repräsentation dieser Dinge in dem Weltensystem – „bringe ich dem Buddha-Bereich dar“ – ich bringe dies also den Buddhas in diesem Bereich dar. Und: „Mögen infolgedessen alles Wesen in den Genuss dieses Buddha-Bereiches gelangen.“ „Buddha-Bereich“ ist ein anderer Name für „reines Land“. Dieser Vers wird gesprochen, um Unterweisungen zu erbitten und um positive Kraft („Verdienst“) aufzubauen.

Was in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, sind die Buddha-Bereiche. Warum ist hier von Buddha-Bereichen die Rede? Was ist ein Buddha-Bereich bzw. ein reines Land? Es handelt sich um eine Situation, in der alles vollkommen förderlich dafür ist, intensive Praxis auszuüben – man muss nichts anderes tun, man braucht nicht zu arbeiten, nicht zur Toilette zu gehen, nichts dergleichen. Man sitzt auch nicht einfach herum und ruht sich aus. Entscheidend ist, dass man sich mit keiner der üblichen samsarischen Aktivitäten zu befassen braucht und die ganze Zeit, 24 Stunden am Tag, ganz und gar dem Lernen und der Übung widmen kann – das ist ein reines Land. Es ist ein Ort intensiver Bemühungen, nicht einfach ein Ferienort. Stellen Sie sich vor, wie schön das wäre: Man braucht nicht zu arbeiten, man braucht nicht zu essen, man braucht nicht zu schlafen, all das lästige samsarische Zeug wäre man los.

Und wer befindet sich in diesen reinen Ländern, in den Buddha-Bereichen? Arya-Bodhisattvas. Man muss dort ein Arya-Bodhisattva sein, ein Bodhisattva, der die Leerheit auf unbegriffliche Weise erkennt. Das sind die Schüler in reinen Buddha-Ländern, und sie lernen von Sambhogakaya-Buddhas – bestimmten subtilen Formen der Buddhas. Diese Sambhogakaya-Buddhas lehren stets Mahayana, und sie lehren immer – man muss sie nicht bitten zu lehren; sie lehren immer, so lange, bis jedes Lebewesen erleuchtet und somit frei von Samsara ist.

Wenn wir einem Lehrer so etwas darbringen, damit er uns lehre – „dies bringe ich dem Buddha-Bereich dar“ – so steht das ganz in Übereinstimmung mit dem Stil der Universität Nalanda, nämlich der Einstellung, dass man, um die Lehren zu erlangen, visualieren bzw. sich vorstellen muss, der Lehrer sei ein Buddha, und der Ort des Lernens ein Buddha-Bereich, ein reines Land, und man selbst und jeder dort ein Arya-Bodhisattva. Dieser Vers und die entsprechende Darbringung steht im Einklang mit diesem Stil. Das kann in Zusammenhang mit Tantra sein oder auch mit Sutra – einen Buddha-Bereich zu visualisieren muss nicht unbedingt im Zusammenhang mit Tantra stehen.

Wir bringen also mit dem Mandala-Teller eine Repräsentation dar. Rufen Sie sich ins Gedächtnis, dass diese Repräsentation eine Grundlage für die Zuschreibung ist. Man kann daraus ein Hologramm entstehen lassen, weil sie bestimmte Merkmale hat, die sie charakterisieren, wie etwa die Informationen, die für ein Hologramm erforderlich sind. Beruhend auf der Grundlage, die eine Repräsentation ist, können mehrere Hologramme hervorgebracht werden, je nachdem, wie das Licht einfällt – ganz analog verhält es sich in unserem Fall: Es hängt davon ab, welche Zuschreibung der Geist vornimmt, also von welchem Blickwinkel aus die Grundlage betrachtet wird. Wir können aus dieser Repräsentation ein gewöhnliches samsarisches Weltensystem entstehen lassen oder wir können ihr zuschreiben, dass sie der Berg Meru und die vier Kontinente ist, so, wie diese im Abhidharma beschrieben werden, oder auch in der Art, wie es im Kalachakra-System beschrieben wird, oder so, wie das Sonnensystem in der heutigen Wissenschaft beschrieben wird. Diese Hologramme können wir aus der Repräsentation entstehen lassen.

All das gehört noch zur Ebene unreiner Erscheinungen. Der Begriff „unreine Erscheinung“ bezieht sich nicht nur auf eine samsarische Form, sondern auch auf die Erscheinung wahrhafter Existenz. Es handelt sich nicht nur im Hinblick auf den Inhalt um eine unreine, samsarische Erscheinung, sondern sie ist auch in dem Sinne unrein, dass sie wahrhaft existent zu sein scheint. Wenn von unreinen und reinen Erscheinungen die Rede ist, geht es um beides: um das, was der Inhalt dieser Erscheinung zu sein scheint, sowie auch darum, auf welche Weise dies zu existieren scheint.

Derselben Grundlage können wir aber auch ein Buddha-Land zuschreiben und ein solches Hologramm daraus entstehen lassen – das würde der Ebene des Pfades entsprechen – oder auch, auf der Ebene des Resultats, die Umgebung eines Buddha. Man kann also daraus Erscheinungen hervorbringen, die der grundlegenden Ebene, der Ebene des Pfades oder der Ebene des Resultats entsprechen. Das ist eine überaus interessante Angelegenheit. Und natürlich wird all dies symbolisiert wie es in dem Vers zum Ausdruck kommt: „Gereinigt mit duftgesättigtem Wasser, angefüllt mit Blumen“ usw. – gleichermaßen müssen wir die Buddha-Natur reinigen, denn aus der Buddha-Natur kann man all diese Ebenen von Hologrammen – die grundlegende Ebene sowie die des Pfades und die des Resultats – entstehen lassen. Dasselbe können wir bei der Darbringung des inneren Mandalas machen, wobei wir uns mit den Energie Strömen des Körpers beschäftigen – auch das können die Bestandteile unseres gewöhnlichen Körpers sein oder, im Rahmen von Anuttarayoga-Tantra, so etwas wie der reine Illusionskörper eines Arya-Bodhisattvas in einem reinen Land oder auch der tatsächliche Körper eines Buddha. Ähnliches gilt für das glückselige Gewahrsein, unsere gewöhnliche Glückseligkeit – es geht hier um die natürliche Glückseligkeit des Geisteszustands von Klarem Licht, die Glückseligkeit, frei von allen Makeln zu sein – auch sie kann entsprechend diesen drei Ebenen erscheinen. Das ist das geheime Mandala.

Was das Mandala der Natur der Realität betrifft, so kann es sich dabei um unser gewöhnliches Verständnis der Leerheit handeln, aber auch um den Geisteszustand des klaren Lichts, der mit der Erscheinung der Leerheit einhergeht – er versteht sie nicht, ist jedoch mit einer Erscheinung verbunden, die wie Leerheit aussieht, welche ihm erscheint – auch das kann im Sinne dieser drei Ebenen von Grundlage, Pfad und Ergebnis entwickelt werden. Es gibt also die erwähnten vier Arten von Mandalas, und auf der Ebene des Pfades wären dies die Errungenschaften von Arya-Bodhisattvas im Zusammenhang mit höchstem Tantra, also einschließlich des Illusionskörpers, dem Klaren Licht, des vereinigten Paares und all dessen – darauf bezieht sich das Mandala in dem Fall. Das ist sehr bedeutsam; dies bringen wir dar. Was bringen wir damit dar? Wie es in dem Vers heißt, „indem wir dies darbringen“, indem wir uns darauf konzentrieren, streben wir an: „Möge infolgedessen jeder in den Genuss dieses reinen Landes kommen“, jeder Erleuchtung erlangen. Wir müssen also alles, was ich erklärt habe, in Zusammenhang mit Bodhichitta bringen – all das hängt zusammen.

Bodhichitta ist ein Geisteszustand, der auf etwas ausgerichtet ist, das noch nicht stattfindet: auf unsere eigene, individuelle Erleuchtung. Es handelt sich um etwas, das gegenwärtig nicht vorhanden ist; diese zukünftige Erleuchtung existiert nicht jetzt. Was jetzt existiert, ist ihr Noch-nicht-Stattfinden; dies wird gegenwärtig unserem Geisteskontinuum zugeschrieben, diesem Moment davon, denn stets existiert nur jeweils ein Augenblick des Geisteskontinuums zur Zeit, nämlich der gegenwärtige Moment. Der vergangene Moment existiert nicht mehr und der zukünftige Moment ist noch nicht eingetreten. Aufgrund der Buddha-Natur – all der Faktoren, die diese zukünftige Erleuchtung, die noch nicht stattgefunden hat, ermöglichen -, also aufgrund all der Potenziale für den Zustand eines Buddha und die zukünftige Erleuchtung, die noch nicht stattgefunden hat, erreichen wir Erleuchtung – und mit Bodhichitta richten wir uns darauf aus.

Wir richten uns nicht auf Buddhas Erleuchtung oder auf irgendeine allgemeine Erleuchtung aus, sondern auf unsere eigene Erleuchtung, aber die existiert nicht jetzt. Worauf richten wir uns also aus, wenn wir uns mit Bodhichitta konzentrieren? Das ist eine sehr wichtige Frage. Wir richten uns dabei auf das Noch-nicht-Stattfinden unserer zukünftigen Erleuchtung aus, das Bestandteil unseres gegenwärtigen Geisteskontinuums in diesem Moment ist – das ist wie das Ausrichten auf ein Mandala, auf diese Repräsentation, diesen Teller, und dieser Grundlage schreiben wir, wie ein Hologramm, unsere zukünftige Erleuchtung zu; und diese streben wir an. Das Darbringen des Mandalas steht also ganz und gar in Verbindung mit Bodhichitta.

Auf der Grundlage unseres gegenwärtigen Moments können wir ein Hologramm unseres gewöhnlichen samsarischen Schrotts hervorbringen – auf der grundlegenden Ebene – oder wir können ein Hologramm der Situation als Arya Bodhisattva in einem reinen Land hervorbringen, in der wir teilweise gereinigt sind, oder wir können unsere zukünftige Erleuchtung entstehen lassen. Wir bringen also dieses Mandala dar, und im Grunde bringen wir mit Bodhichitta diese Repräsentation der Buddha-Natur dar und all der Potenziale, die wir haben. Und infolgedessen, dass wir all dies den Buddhas darbringen, erreichen wir ein reines Land, und: „Möge jeder dazu imstande sein“, aufgrund seiner eigenen Buddha-Natur. Die Darbringung von Mandalas hat also eine überaus tiefgründige Bedeutung.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Vortrag auf dem Weg hierher im Flugzeug ausgearbeitet habe. Niemand hat mich all das gelehrt, aber es ist eine Ausarbeitung all der anderen Lehren, die ich erhalten habe. Das alles passt zusammen und liefert eine umfassende Erklärung. Es ist nicht so, dass ich sie in dieser Form von irgendjemandem gehört habe. Die Darbringung des Mandalas ist wirklich, so meine ich, eine Darbringung von Bodhichitta, und deswegen bringt sie so viel positive Kraft hervor. Das ist es, was ich erklären wollte. Da dies noch sehr frisch in meinem Geist ist, bin ich noch ziemlich angeregt davon.

Wir denken nun: Möge jegliches Verständnis, das wir gewonnen haben – und auch hier geht es wieder darum: Welches Hologramm bringen wir auf der Grundlage dieses Verständnisses hervor, welche Zuschreibung nehmen wir vor? Wir können zuschreiben: „Oh, Verwirrung, samsarisches Durcheinander, ich hab überhaupt nichts verstanden“ und ein entsprechendes Hologramm daraus hervorbringen, aber das ist nicht sehr hilfreich. Oder wir können dem Verständnis Folgendes zuschreiben – und auf dieser Grundlage bringt das Licht des Geistes ein anderes Hologramm hervor: Möge all dies eine Menge positive Kraft aufbauen, möge es sich immer weiter vertiefen und als Ursache dafür wirken - und dies ist erst der Anfang, natürlich ist es jetzt noch mit Verwirrung verbunden, aber – möge es tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Erleuchtung zu erlangen, und dann zur Grundlage für das Hologramm eines Buddha werden.

All das entspricht dem Ansatz der Sakya-Tradition hinsichtlich untrennbarem Samsara und Nirvana. Auf dieser Grundlage kann man entweder ein samsarisches Hologramm oder ein nirvanisches Hologramm hervorbringen. Es handelt sich um dieselbe Grundlage, man hat also die Wahl. Daher: Möge all dies als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Erleuchtung zu erreichen. Genau dasselbe würde man auch mit einem Mandala darbringen, und: Mögen wir aufgrund dessen ein reines Land erreichen und sogar tatsächlich das Land eines Buddha, und jeder andere auch. Das ist die Bedeutung des Verses – sehr tiefgründig.

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