Gleichmut in Bezug darauf, wie wir mit uns umgegangen sind

Rückblick

Wir haben die Besprechung damit begonnen, wie wir unsere Einstellung zu uns selbst ausgeglichener machen können. Das Ziel dabei ist, dass uns das hilft, verstörende Emotionen zu überwinden, die auf uns selbst gerichtet sind. Die stärksten verstörenden Emotionen für viele von uns sind ein niedriges Selbstwertgefühl und eine negative Einstellung zu uns selbst. Das kann sich so ausdrücken, dass wir uns selbst nicht leiden können, oder stärker noch, dass wir uns selbst hassen. Aber das ist nicht die einzige verstörende Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen können. Wir können auch übertreiben, wie großartig wir sind (wir sind ganz hingerissen von uns selbst) oder wir können völlig töricht in Bezug auf uns selbst sein (unsere Bedürfnisse ignorieren und sie quasi nicht wahrhaben wollen). Wir haben darüber gesprochen, wie wir ein paar buddhistische Methoden anwenden können, die aus einer Übung namens „geistige Einstellungen ausgleichen und austauschen“ stammen, um mit diesem Problem umzugehen, ausgehend von einer Textzeile, die wir im „Geistestraining in sieben Punkten“ finden, wo es heißt: „In Bezug auf Geben und Nehmen fang bei dir selbst an.“

Einer der Punkte, die wir im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Gefühls von Gleichmut gegenüber uns selbst besprochen haben, hatte mit der Unterscheidung zwischen dem konventionellen „Ich“ und dem falschen „Ich“ zu tun. Bitte ruft euch ins Gedächtnis, dass das, was wir hier zu entwickeln versuchen, eine Einstellung zu uns selbst ist, die ausgeglichen und sanft ist. Das ist es, was Gleichmut hier bedeutet. Er bedeutet, dass wir uns selbst ohne eine negative Einstellung betrachten, desgleichen ohne ein übertrieben positives „Wie großartig ich doch bin“ und auch ohne uns selbst zu ignorieren, also ohne Abneigung, Zurückweisung oder Abscheu, aber auch ohne besondere Anziehung und ohne uns selbst gegenüber so töricht zu sein, dass wir uns ignorieren.

Wir haben uns dies in Verbindung damit angesehen, was wir in unserem Leben getan haben: wenn wir Fehler gemacht oder versagt haben, wenn uns etwas gut gelungen ist und wenn nicht Maßgebliches in unserem Leben geschehen ist außer der gewöhnlichen Alltagsroutine. Wir haben gemerkt, dass jeder Mensch Fehler macht. Und jedem gelingt irgendetwas – das muss nichts Spektakuläres sein; einfach ein leckeres Essen zu kochen ist auch schon ein Erfolg. Es gibt keinen Grund, warum das Leben voller überwältigend wunderbarer oder dramatisch schrecklicher Dinge sein müsste. Tatsache ist, dass das Leben für die meisten von uns ganz gewöhnlich verläuft.

Die Notwendigkeit, das falsche „Ich“ zu negieren

Das Gleiche gilt, wenn wir glücklich oder unglücklich sind: Diese Gefühle müssen nicht dramatisch sein. Wir denken manchmal, es müsste etwas Starkes und Übersteigertes sein müssen, damit wir es überhaupt empfinden. Diese Denkweise treibt Menschen dazu, Extremsport zu machen, sich Body-Piercings zu unterziehen, um wirklich starke Empfindungen zu erleben, sonst haben sie das Gefühl, sie würden eigentlich nicht so richtig was spüren. Aber das beruht auf einer Art Entfremdung von den eigenen Gefühlen. Wenn wir diese Entfremdung tiefer gehend untersuchen, stellt sich heraus, dass es ziemlich verwirrte Vorstellungen in Bezug auf Gefühle gibt – darüber, wer wir sind und was Erfahrung im Leben eigentlich ist. Wir brauchen keine dramatischen Erfahrungen zu machen, um zu beweisen, dass wir existieren. Zu meinen, solche Erfahrungen könnten beweisen, dass wir wahrhaft existieren, ist ein Irrtum. Aus diesem Grund ist die Unterscheidung zwischen dem konventionellen „Ich“ und dem falschen „Ich“ sehr wichtig. Sie ist von entscheidender Bedeutung.

Wir neigen dazu, uns nur mit einem kleinen Teil der Ereignisse in unserem Leben bzw. mit wenigen Aspekten unserer selbst zu identifizieren. Das sind oft sehr gefühlsgeladene, dramatische Vorkommnisse, etwa ein Fehlschlag oder ein Erfolg. Es kann sogar etwas Extremes sein wie zum Beispiel die Erfahrung einer Misshandlung. Man identifiziert sich damit und baut dann darauf beruhend die eigene Identität auf, oder man kann es natürlich auch leugnen und völlig verdrängen. Aber wenn man sich damit identifiziert, so ist das ein klares Beispiel für das falsche „Ich“. Man betrachtet diese Identität als „Ich“, und meint, das wäre das wahre Ich, fest und real und so, wie wir immer sind, in jeder Situation. Aber dieses falsche „Ich“ entspricht nicht etwas Realem. Es ist lediglich eine Projektion unserer Vorstellung.

Das ist das falsche „Ich“, das es zu widerlegen gilt. „Widerlegen“ bedeutet hier: zu verstehen, dass es Unsinn ist; es hat keine reale Entsprechung. Diese falsche Vorstellung müssen wir loswerden; was natürlich kein einfaches Unterfangen ist. Denn wir haben die überaus starke Gewohnheit, solch ein Ich zu projizieren und daran zu glauben. Uns von dieser Vorstellung zu lösen erfordert eine Menge Übung, Disziplin, Konzentration, klares unterscheidendes Gewahrsein in Bezug darauf, was Realität und was bloße Vorstellung ist, usw. Das erfordert ein umfassendes Geistestraining, und man braucht eine starke Motivation, um das alles durchzuführen. Buddhistische Schulung ist auf diese Dinge spezialisiert. Aber es ist nicht so, dass uns, wenn wir das falsche „Ich“ widerlegen, gar nichts mehr bleibt. Was uns bleibt, ist das konventionelle „Ich“. Ich existiere. Du existierst. Ein Zen-Meister würde dir das beweisen, indem er dir einen Schlag mit dem Stock verpasst und du dann Schmerz empfindest. Ganz offensichtlich existierst du also.

Das konventionelle „Ich“ umfasst die ganze Spannweite von allem in unserem Leben, nicht wahr? Es ist nicht so, dass ein feststehendes „Ich“ durchs Leben geht, so als wären wir etwas davon Getrenntes und würden zuschauen, wie unser Leben vor uns abläuft wie in einem Film. Das ist eine gefährliche Einstellung, denn sie führt zu einem Gefühl der Entfremdung, und das kann vielerlei emotionale Probleme mit sich bringen. Das konventionelle „Ich“ ist das „Ich“, das basierend auf den sich ständig ändernden Ereignissen und Erfahrungen unseres Lebens existiert, indem es dieser Gesamtheit zugeschrieben wird. Ich verändere mich dauernd, entwickle mich, werde älter, ändere mich von Augenblick zu Augenblick, und da ist nichts, was immer dasselbe bliebe. Das konventionelle „Ich“ basiert auf der Gesamtheit all dessen.

Die zwei Extreme vermeiden

Wir müssen hier zwei Extreme vermeiden. Das eine Extrem ist Nihilismus, der die Existenz von „ich“ gänzlich leugnet. Wenn wir in dieses Extrem verfallen, werden wir töricht in Bezug auf uns selbst: Wir ignorieren unsere Bedürfnisse. Wir machen nicht geltend, was wir wollen oder brauchen, zum Beispiel Grenzen im Zusammenhang mit unseren Beziehungen oder bei unserer Arbeit usw. Das erste Extrem besteht also darin, das konventionelle „Ich“ zu leugnen. Nihilismus bedeutet zu denken: „Ich zähle nicht; ich bin ein Nichts.“

Das andere Extrem besteht darin, das konventionelle „Ich“ zu einem falschen „Ich“ aufzublähen und sich dann mit dem falschen „Ich“ zu identifizieren. Das resultiert in etwas, das wir im Westen „Narzissmus“ nennen würden: „Ich bin ganz besonders wichtig. Was ich denke und empfinde, ist überaus wichtig, und jeder muss davon erfahren.“ Als ob das wirklich jeden interessieren würde. Solche narzisstische Aufgeblasenheit wird heutzutage durch soziale Netzwerke noch gesteigert, z. B. auf Facebook oder Twitter, wo die Leute das Gefühl haben, sie müssten der Welt verkünden, wie es ihnen bei jeder Lappalie in ihrem Leben geht. Die emotionale Entsprechung davon ist dieses Gefühl „Ich bin ja so wichtig. Ich bin etwas ganz Besonderes. Ich bin einfach wunderbar.“

Wenn wir uns selbst gegenüber eine ärgerliche, negative Haltung haben, kann das zu jedem dieser beiden Extreme führen. Wir können unsere Bedürfnisse und Wünsche als Mensch auf nihilistischen Weise leugnen und ignorieren: „Ich bin so dumm und schlecht, dass ich keine Zuneigung verdiene. Ich habe es nicht verdient, Freunde zu haben oder glücklich zu sein, denn ich tauge nichts.“ Solch eine negative Einstellung zu sich selbst geht ins Extrem des Nihilismus. Im Grunde verneint sie das konventionelle „Ich“: „Ich existiere eigentlich nicht. Ich zähle nicht.“

Das andere Extrem, eine mit Ärger verbundene Übersteigerung von uns selbst¸ bringt enorme Schuldgefühle und das Gefühl mit sich, wir müssten uns bestrafen, weil wir so schlecht sind. Das kann sich psychologisch auf vielerlei Arten äußern, oft unbewusst. Eine davon besteht darin, jede Beziehung, die wir eingehen, unbewusst zu sabotieren und somit sicherzustellen, dass sie nicht gut geht und wir immer wieder in Beziehungen scheitern. In gewisser Weise ist das so, als würden wir uns bestrafen. Wenn wir Schuldgefühle haben, ist das gewissermaßen eine Besessenheit in Bezug auf unser „Ich“, das wir zu einem falschen „Ich“ aufpumpen, und von dem wir meinen, dass es als wahrhaft „schlecht“ existiert. Wir fixieren uns auf die Idee: „Ich bin ein ganz schlechter Mensch. Was ich getan habe, ist so übel“ – und davon lassen wir nicht mehr ab. Ein anderes häufiges Syndrom ist Esssucht, wodurch wir so fettleibig werden und sicherstellen, dass man uns nicht attraktiv findet. Auf solche Weise kann eine negative Einstellung zu sich selbst zu jedem der beiden Extreme führen.

All das ist von Bedeutung für unsere Besprechung des Gleichmuts. Was wir erreichen wollen, ist eine Art Mittelweg – das, was wir im Buddhismus den „mittleren Pfad“ nennen. Mittelweg soll nicht heißen: halb nihilistisch und halb Übertreibung unseres Selbst. Das ist es nicht, was „Mittelweg“ hier bedeutet. Es bedeutet vielmehr, über diese Art von Polarität hinauszugehen, das konventionelle „Ich“ zu bestätigen und aufzuhören, sich mit einem falschen „Ich“ zu identifizieren. Dafür versuchen wir, diese verstörenden geistigen Einstellungen und Emotionen zur Ruhe zu bringen, die wir in Bezug auf Ereignisse in unserem Leben und in Bezug auf „mich“ in Verbindung mit diesen Ereignissen haben.

Gleichmut in Bezug darauf entwickeln, wie wir mit uns selbst umgegangen sind

Lasst uns nun mit dem Teil der Übung fortfahren, der den Gleichmut betrifft. Der nächste Aspekt, den wir untersuchen werden, ist die Betrachtungsweise unserer selbst, die Art, wie wir mit uns umgegangen sind – nicht unbedingt im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis, sondern ganz allgemein –, die geistige Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen. Dabei kann es sich um drei Arten handeln.

Zuerst einmal kann unsere Haltung einfach allgemein von niedrigem Selbstwertgefühl geprägt sein. Das kann sich darin äußern, dass wir innerlich sehr harte Worte für uns selbst verwenden: „Ich bin ja so ein Idiot.“ „Ich bin ein Versager.“ Es kann gut sein, dass wir noch viel heftigere Worte verwenden.

Die zweite Art der inneren Einstellung kann eine übermäßig hohe Meinung von uns selbst sein – „Ich bin einfach wunderbar. Ich bin etwas ganz Besonderes.“ Dann neigen wir dazu, uns selbst alles durchgehen zu lassen. Das kann sich natürlich ebenfalls auf vielerlei Weise äußern, zum Beispiel in der Einstellung, dass wir immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen müssen, immer recht haben usw. Wir sind anderen gegenüber sehr penetrant im Hinblick auf uns selbst.

Die dritte geistige Haltung besteht darin, unsere Bedürfnisse zu ignorieren, und sie äußert sich darin, dass wir nicht fair mit uns selbst umgehen. Oft wird sie hervorgerufen, wenn wir ein Baby oder kleine Kinder haben. Dann wiegen natürlich die Bedürfnisse des Babys schwerer als unsere eigenen, und das kann uns dazu bringen, über die Grenzen unserer Kraft zu gehen, indem wir uns nicht genug Schlaf gönnen usw. Das ist natürlich eine spezielle Situation. Im Zusammenhang mit unserem Thema geht es jedoch um die Einstellung, perfekt sein zu müssen und uns selbst zu überfordern: Wir haben dann keine realistische Einstellung zu uns selbst, unseren Bedürfnissen und Grenzen.

Wir wollen nun dieselben Methoden anwenden, die wir auch gestern im Zusammenhang mit verschiedenen Ereignissen in unserem Leben angewandt haben, um unseren Geist zur Ruhe zu bringen und mehr Gleichmut in Bezug darauf zu entwickeln, wie wir uns selbst betrachtet und behandelt haben.

An eine Situation denken, in der wir ein niedriges Selbstwertgefühl hatten

Zuerst denken wir an eine Situation, in der wir ein niedriges Selbstwertgefühl hatten, und lassen dann dieses Gefühl in uns aufsteigen. „Ich bin ein Versager“, „Ich bin ein Idiot“ – diese Art von Einstellung. Ich bin sicher, die meisten von uns hatten eine solche negative Einstellung ab und zu. Wir versuchen, uns dieses Gefühl in den Sinn zu rufen, sodass wir es untersuchen können. (Es ist nicht so, dass wir hier üben, dieses Gefühl zu haben!) „Niemand mag mich. Warum sollte jemand eine/n wie mich mögen? Ich habe es nicht verdient, geliebt zu werden.“ Es gibt viele Arten, wie sich ein geringes Selbstwertgefühl äußern kann.

Dann untersuchen wir das: „Wenn ich wahrhaftig so wäre – zu nichts nütze, nicht wert, geliebt zu werden –, dann müsste ich für jedes Lebewesen so sein. Mein Hund würde mich nicht mögen, meine Mutter würde mich nicht mögen, niemand hätte mich je geliebt. Aber Moment mal – mein Hund mag mich ja – ganz so schlimm kann es also nicht sein. Meine Mutter liebt mich trotzdem – hoffe ich doch.“ Wir sehen also, dass es eigentlich keinen Grund gibt, immer ein so negatives Gefühl in Bezug auf uns selbst zu haben. Es gibt keine tatsächliche, immerwährende Basis dafür, oder?

Wisst ihr, genau das ist das Problem. Wenn jemand so tief in sein niedriges Selbstwertgefühl versunken ist, kann er sich überhaupt keinen guten Aspekt an sich selbst in den Sinn rufen oder irgendjemanden, der oder die ihn wirklich mag – zum Beispiel einen Hund oder seine Mutter oder irgendjemanden sonst in seinem Leben –, so als hätte er nie einen Freund gehabt, was höchst unwahrscheinlich ist. Diese Haltung versuchen wir auszugleichen und zu erkennen: „Na ja, ich hatte nicht immer diese negative Einstellung zu mir selbst. Manchmal war es ganz O.K.“ Wir werden uns später noch mit der Frage beschäftigen, was überwiegt, die positive oder die negative Einstellung; das ist ein anderes Thema. Aber wenn wir die Sache objektiv betrachten, sehen wir, dass wir manchmal gar nicht so schlecht mit uns umgegangen sind und uns tatsächlich auch Gutes getan haben – selbst wenn das manchmal nur heißt, dass wir uns einen Schokoladenriegel gekauft und ihn gegessen haben, weil wir so gern Schokolade mögen. Wir versuchen, an solche ganz einfachen Beispiele zu denken.

Wir stellen entschieden fest: „Eigentlich gibt es keinen Grund, schlecht von mir zu denken, mich selbst schlecht zu behandeln oder zu beschimpfen. Ich bin ganz gut in der Lage, nett zu mir zu sein, wie in dem Fall, als ich mir die Tafel Schokolade gekauft habe.“ Wir fassen den Entschluss: „Ich will versuchen, innerlich nicht so barsch mit mir zu reden oder so schlecht mit mir umzugehen.“ Wisst ihr, wir müssen erkennen, dass solch ein Umgang mit uns selbst uns unglücklich macht. Warum sollte ich unglücklich sein wollen? In Wirklichkeit will niemand unglücklich sein. Wir sind sowieso oft genug unglücklich. Warum sollten wir uns noch trübsinniger machen, indem wir uns selbst gegenüber eine negative Einstellung hegen?

An eine Situation denken, in der wir eine überhöhte Meinung von uns selbst hatten

Dann rufen wir uns einen Zeitpunkt in den Sinn, zu dem wir eine überhöhte Meinung von uns selbst hatten und uns belohnt haben, indem wir uns zu viel durchgehen ließen, uns mit Schokolade vollstopften oder zu viel Alkohol tranken. Wir überlegen: „Warum fröne ich dem so zügellos? Weil ich meine, ich wäre so super? Nun, der Meinung bin ich nicht immer, oder? Es ist also weder Grund, mich übermäßig zu belohnen oder aber zu darben.“ Das ist der Punkt. Die eine Seite ist, sich gar nichts zu gönnen – „Ich habe das nicht verdient“ –, die andere ist, sich zügellos alles durchgehen zu lassen: „Ich bin so wunderbar, es steht mir zu, den ganzen Kuchen alleine aufzuessen. Es steht mir zu, die ganze Woche freizuhaben.“

[Pause zum Üben]

Wir brauchen nicht in das Extrem zu verfallen, jeden Tag Eiscreme zu essen oder überhaupt kein Eis mehr zu essen. Manchmal ist es in Ordnung; alles in Maßen. Wir müssen weder im Dauerurlaub sein, noch niemals freinehmen. Maßhalten. Natürlich gehen die meisten von uns nicht total ins Extrem, aber viele von uns haben eine Neigung, sich in Richtung dieser Extreme zu bewegen. Kurz gesagt: Es ist nicht sinnvoll, sich ständig zu sagen; „Ich bin ein Idiot. Ich bin bescheuert.“ Und ebenso wenig sinnvoll ist es andererseits, sich dauernd zu sagen. „Ich bin so wunderbar. Ich bin großartig.“

An eine Situation denken, in der wir unsere Bedürfnisse ignoriert haben

Das dritte Beispiel besteht darin, uns an einen Zeitraum zu erinnern, in dem wir unsere eigenen Bedürfnisse ignoriert haben, so als wären wir ein unbedeutender Niemand, der gar nichts zählt, und unfair uns selbst gegenüber waren. Wir können das natürlich immer tiefer gehend untersuchen. Es können viele Gründe dahinterstecken, dass wir etwa unsere Bedürfnisse oder Wünsche nicht zum Ausdruck bringen. Vielleicht befürchten wir, dass wir zurückgewiesen und verlassen werden, wenn wir sie ausdrücken. Es gibt da vielerlei Varianten.

Außerdem treten diese drei Neigungen – zu niedrigem Selbstwertgefühl, Selbstüberschätzung und Ignorieren eigener Bedürfnisse – nicht bloß völlig voneinander getrennt auf. Oft entsteht eine Mischung, wie zum Beispiel folgendermaßen: „Ich werde meine Bedürfnisse ignorieren, den Mund halten und keine Grenzen setzen,“ – das wäre also die törichte Einstellung – „weil ich Angst habe, dass ich sonst zurückgewiesen werde“ – das wäre das niedrige Selbstwertgefühl.

Wir müssen die Sache untersuchen: „Gibt es denn einen Grund dafür, dass ich mich so unfair behandle? Ich bin kein Niemand, oder? Ich habe Bedürfnisse, genau wie jeder andere. Ich habe Grenzen, wie jeder andere auch. Wenn es Kuchen gibt – warum sollte ich nicht ein Stück davon abhaben, wie jeder andere auch?“

[Pause zum Üben]

Es gibt noch einen Punkt zum Überlegen: „Wenn andere mir etwas abschlagen können, warum kann ich ihnen nichts abschlagen?“ Das ist ein viel schwieriger Fall. Natürlich geht es hier darum, Nein zu sagen, wenn es vernünftig ist, und nicht einfach prinzipiell zum Neinsager zu werden. Das wäre ein Extrem. Aber wie gesagt, diese Fragestellung ist ein interessanter Fall und schwierig zu analysieren. „Bin ich so ausgehungert nach Zuneigung, danach, dass andere mich mögen, sodass ich mich nicht traue, Nein zu sagen? Ist das die Mentalität, die dahintersteckt? „Ich bin ausgehungert nach Zuneigung, ich bin ausgehungert danach, gemocht zu werden, und deshalb will ich nicht Nein sagen. Ich will immer wieder mehr Zuneigung bekommen, weil ich das Gefühl habe, dass ich das nie hatte oder nie genug bekommen habe; und ich sehne mich verzweifelt danach, also werde ich nichts ablehnen. Ich werde keine Grenzen setzen.“ Hier geht es um das Thema, in Beziehungen Grenzen zu setzen. Wenn andere uns ausnutzen oder schlecht behandeln, wollen wir dennoch nicht Nein sagen, weil wir so nach Zuneigung hungern, als wären wir ausgehungert nach Nahrung.

Dann denken wir: „Wie wäre es, wenn ich tatsächlich bekäme, was ich wollte? Wenn jemand mich andauernd mit Zuneigung überschütten würde – das wäre ziemlich lästig, oder?“ Einerseits haben wir das Gefühl, dass wir nie genug bekommen haben. Andererseits wird es uns lästig, wenn wir zu viel bekommen. Stellt dir vor, dein Hund würde dir die ganze Zeit begeistert das Gesicht ablecken. Es würde dich verrückt machen. Du würdest ihn wegschieben. Solche Vorstellungen entsprechen übrigens einer buddhistischen Methode: Man verwendet absurde, extreme Beispiele, um zu zeigen: Ist das wirklich das, was ich will – dass der Hund mir die ganze Zeit das Gesicht ableckt? Dass jemand uns immerzu sagt: „Du bist ja so wundervoll“ und uns andauernd umarmt und anfasst? Nach einer Weile werden wir mit Sicherheit sagen: „Jetzt reicht‘s aber.“

Nun könntet ihr einwenden: „Aber könnte ich nicht nur ein bisschen mehr Zuneigung bekommen?“ Doch ein Bisschen ist nie genug. Das ist das Verzwickte daran. Wie viel von unserem Lieblingsessen müssen wir essen, damit wir uns über die Speise freuen können? Das ist eine interessante Frage. Ist ein Löffel voll genug? An dem Beispiel wird ersichtlich, dass wir nie zufrieden sind.

[Pause zum Üben]

An alle drei Situationen denken

Am Ende denken wir an uns selbst in diesen drei Stimmungen und an diese drei Arten, mit uns selbst umzugehen: wenn wir innerlich barsch mit uns reden, weil wir solch eine negative Einstellung zu uns selbst haben („Ich bin ein Idiot. Ich bin zu nichts nütze.“ usw.); und dann, wenn wir übermäßig ausschweifend waren („Ich bin ja so toll. Ich bin einfach großartig. Ich bin eben etwas ganz Besonderes.“), und schließlich die dritte Umgangsweise, mit der wir unsere Bedürfnisse einfach ignoriert haben („Ich bin ein unbedeutendes Nichts“). Dann versuchen wir, alle drei zu betrachten im Sinne von: „Das bin einfach bloß ich, nur das konventionelle ‚Ich‘.“ Es ist unnötig, dem diese negative geistige Einstellung oder die übermäßig positive Einstellung oder die ignorierende Einstellung hinzuzufügen. Die Art, wie wir mit uns selbst umgehen, ist eine Folge davon, ob wir eine solche geistige Haltung hinzufügen oder nicht.

Wenn wir das immer weiter untersuchen, kommen wir zu einer grundlegenderen Ebene. Es geht im Leben auf und ab; das ist völlig normal. Manchmal fühlen wir uns unglücklich, manchmal glücklich – wenn auch vielleicht nicht sensationell glücklich – und manchmal scheint es, als würden wir gar nichts fühlen. Was hier wichtig ist, ist zu erkennen, dass „ich“ dieser Gesamtheit zugeschrieben wird. Dieses Auf und Ab des Lebens ist die Basis für die Bezeichnung „ich“. Das gilt nicht nur für die Ereignisse im Leben, sondern auch für die Stimmungshöhen und -tiefen, in denen wir uns abwechselnd befinden: glücklich, unglücklich, was auch immer. Man braucht sich als nicht mit einer dieser Stimmungen zu identifizieren: „Ich bin unglücklich, also bin ich ein Versager und tauge nichts.“ „Ich bin glücklich, also bin ich ganz wunderbar.“ Oder „Ich fühle nichts, also bin ich bloß ein großes Nichts.“

Wir beschließen: „Ich werde mich weder schlecht behandeln noch es zügellos übertreiben, wenn ich mir etwas gönne, es mir bequem mache; ich muss nicht alles haben, was ich gern hätte, und nicht immer kriegen, was ich grade brauche.“ Wir brauchen uns nicht zu verhätscheln wie ein kleines Kind. Man kann ein Kind auch verziehen, wenn man ihm immer gibt, was es will. Genauso können wir auch uns selbst verhätscheln und verziehen.

Wir fassen außerdem auch den Entschluss: „Ich werde aber meine Bedürfnisse auch nicht ignorieren. Egal, wie ich mich fühle – glücklich, unglücklich oder scheinbar relativ ohne irgendein Gefühl –, ich werde auf ausgewogene Weise mit mir umgehen. Ganz gleich, in welcher Stimmung ich bin, ich werde eine ausgeglichene Haltung mir selbst gegenüber bewahren. Ich werde nicht in eins dieser Extreme verfallen.“

[Pause zum Üben]

Auf der Grundlage solchen Gleichmuts, einem Zustand, in dem wir keine verstörende Einstellung uns selbst gegenüber haben, können wir positivere, gesunde Einstellungen in Bezug auf uns selbst entwickeln. Wir können unsere Potenziale und Fähigkeiten – das, was wir im Buddhismus die verschiedenen Aspekte von „Buddha-Natur“ nennen – anerkennen, ohne sie zu verneinen, aber auch ohne zu übertreiben und zu meinen: „Wie großartig bin ich doch! Ich besitze all diese Aspekte der Buddha-Natur, all das Potenzial!“ Das ist wieder eine krasse Übersteigerung von „Ich, Ich, Ich – was für eine großartige, besondere Person ich doch bin.“ Wir alle haben Fähigkeiten – der ein oder andere hat vielleicht mehr Hindernisse zu überwinden, aber die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten und Potenziale sind vorhanden. Diese Tatsache müssen wir anerkennen, ohne sie zu etwas übermäßig Besonderem zu machen („Ich bin ganz außergewöhnlich – einfach phantastisch!“). Seid gleichmütig demgegenüber. Geht ausgewogen damit um, nicht mit einer störenden Einstellung.

Fragen

Unsere Kinder ermutigen

Müssen wir unser Kind unterstützen, besser zu sein als seine Freunde? Oder ist es besser, sie darin zu unterstützen, ihre Grenzen zu erkennen und klarzumachen, dass es so in Ordnung ist, wie es ist?

Das ist eine schwierige Frage, denn Kinder sind in dieser Hinsicht natürlich unterschiedlich. Andere als Vorbild hinzustellen – „Warum bist du nicht so gut in der Schule wie dein großer Bruder oder deine Schwester?“ – kann manchmal den gegenteiligen Effekt haben und dem Kind das Gefühl geben, es sei wertlos – sogar dann, wenn man den Vergleich nicht explizit ausdrückt.

Ich kenne Beispiele, in denen ein älteres Kind der Familie wie ein Superstar in der Schule war – eine Sportskanone, gute Noten und all das. Dann kam der jüngere Bruder oder die jüngere Schwester und hatten denselben Lehrer. Und selbst wenn die Eltern nichts gesagt haben, zieht der Lehrer doch den Vergleich: „Warum bist du nicht so gut wie dein Bruder oder deine Schwester?“ Das ist eine ausgesprochen schwierige Situation.

Wenn wir unser Kind ermutigen wollen, sich weiterzuentwickeln, indem wir andere als Vorbild anführen, müssen wir sehr vorsichtig sein, um nicht zu viel Druck auszuüben. Wir müssen vermeiden, dass es den Eindruck bekommt, es wäre nicht gut genug. Ich denke, wenn wir das Kind ermutigen wollen, mehr Disziplin zu entwickeln oder intensiver an etwas zu arbeiten, bestimmte Fertigkeiten auszubilden – sei es in der Schule oder in welchem Bereich auch immer – ist es vielleicht hilfreicher zu erklären: „das wird dich glücklich machen“, als zu sagen „dann wirst du erfolgreicher“ und dergleichen. Die Aussicht: „Dadurch wirst du ein glücklicherer Mensch“ kann hilfreicher sein. (Wenn das Kind allerdings noch zu klein ist, wird es das wohl nicht verstehen.) Und verwendet nicht die Begründung „Dann wirst du später mehr Geld verdienen.“ Das kann auch problematisch sein. Bleibt bei etwas Einfacherem: „Du wirst einfach glücklicher sein. Wenn es etwas gibt, das du machen möchtest, musst du auch die Disziplin dafür aufbringen und dich darauf konzentrieren.“

Ob das funktioniert oder nicht, ist sehr schwer zu sagen, denn wenn man sich selbst als Beispiel anführt, kann ein Kind sehr erfolgreicher Eltern sich manchmal auch als völlig unzulänglich empfinden. Auch hier spielt also der Gleichmut bzw. die Ausgewogenheit eine große Rolle. Wenn man ein erfolgreicher Geschäftsmann oder so etwas in der Art ist, sollte man das als Elternteil seinen Kindern gegenüber nicht überbetonen, weil sie sonst das Gefühl bekommen könnten, sie wären nicht gut genug: „Ich muss diesen Erwartungen gerecht werden. Aber ich kann sie unmöglich erfüllen. Ich bin nicht gut genug. Und wenn ich es nicht schaffe, liebt ihr mich nicht mehr. Aber ich kann das nicht.“ Ähnliches gilt, wenn man dem Kind sagt: „Ich bin ein Versager. Also werde du nicht auch so ein Versager.“ Das kann auch merkwürdige Folgen haben: „Wenn ich das Kind eines Versagens bin, muss ich auch einer sein, sonst bin ich der Familie nicht treu.“ Das ist dann auch ziemlich verkorkst.

Für den Gleichmut, von dem wir gesprochen haben, gibt es also viele Anwendungsmöglichkeiten, viele Gelegenheiten, ihn positiv einzusetzen.

Das Problem des Nihilismus

Wenn wir uns selbst gegenüber nihilistisch sind und meinen: „Ich bin nicht existent. Gar nichts existiert“, kann das dann nicht auch zu dem anderen Extrem führen: „Dann ist ja eh alles egal, ich kann tun und lassen, was immer ich will, und mir so viel Eis kaufen, wie ich in mich reinkriege – ist ja alles nicht wirklich existent.“

Ja, sehr richtig. Es gibt viele Folgen der törichten Einstellung. Töricht zu sein in Bezug auf „mich“ – „Ich existiere nicht. Ich zähle nicht“ (das ist die törichte Einstellung in Bezug auf die Realität) – kann dann zu einer naiven Einstellung gegenüber Ursache und Wirkung führen: „Egal, was ich tue, es spielt alles keine Rolle; mein Handeln hat keine Folgen.“

Im Buddhismus identifizieren wir deshalb zwei Arten von Naivität bzw. fehlendem Gewahrsein (der Fachbegriff dafür lautet Nicht-Gewahrsein oder Unwissenheit). Die eine Art bezieht sich auf Ursache und Wirkung – und zwar auf Ursachen und Wirkungen in Verbindung mit unseren Verhaltensweisen, also nicht nur physikalische Gesetze –, und das führt zu destruktivem Verhalten, sei es destruktiv für andere oder selbstzerstörerisch, denn wir sind dann der Meinung, was wir tun, hätte keine Wirkungen und bliebe folgenlos. Und außerdem gibt es fehlendes Gewahrsein oder Verwirrtheit hinsichtlich der Realität – also in Bezug auf die Art und Weise, wie ich existiere, wie jedes Lebewesen existiert, wie die Welt existiert – und diese Verwirrtheit ist es, die hinter der endlosen Fortsetzung der Schwierigkeiten und dem ewigen Auf und Ab im Leben steckt – hinter dem, was wir „Samsara“ nennen.