Gleichmut in Bezug auf das, was wir im Leben getan haben

Einführung

Ich möchte über ein Problem sprechen, das unter Westlern recht typisch ist, nämlich das Problem einer negativen Einstellung gegenüber uns selbst, eines niedrigen Selbstwertgefühls. Das kann im Extremfall so weit gehen, dass wir uns selbst nicht nur nicht mögen, sondern sogar hassen.

Es ist sehr bemerkenswert, dass es sich hier nicht um ein universelles Problem zu handeln scheint, das weltweit auftritt. Tibetern zum Beispiel ist ein geringes Selbstwertgefühl ganz fremd und es kommt ihnen sehr sonderbar vor. Ich habe einmal an einer Konferenz mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und einer Gruppe von Psychologen teilgenommen. Das Thema des niedrigen Selbstwertgefühls und Selbsthasses kam auf, und seine Heiligkeit war sehr überrascht: Davon hatte er noch nie gehört. Er fand es sehr schwer zu glauben, dass westliche Menschen tatsächlich diese Art Einstellung gegenüber sich selbst haben. Wir waren ungefähr 20 Teilnehmer bei dieser Konferenz. Seine Heiligkeit fragte jeden von uns, ob er ein niedriges Selbstwertgefühl habe, und jeder im Raum antwortete mit „Ja“. Seine Heiligkeit war völlig schockiert.

Man kann natürlich Vermutungen darüber anstellen, was die Gründe dafür sind, dass dieses niedrige Selbstwertgefühl bei Tibetern oder auch bei Indern nicht so oft zu finden ist. Ich habe 29 Jahre lang in Indien gelebt, und eine Theorie, die mir dazu einfiel, hat damit zu tun, wie die Kinder dort aufwachsen und erzogen werden, Ich denke, dass das nicht nur auf Tibeter und Inder zutrifft, sondern auch auf die Menschen im mittelalterlichen Europa, und gewiss auch in anderen Teilen Asiens, Afrika und Lateinamerika. In traditionellen Gesellschaften sind Säuglinge und Kleinkinder immer bei ihrer Mutter oder einer älteren Schwester. Sie werden entweder auf den Rücken der Mutter gebunden oder, in Indien, auf der Hüfte getragen – sie haben ständig diesen Körperkontakt. Ich denke, dadurch fühlt sich das Baby, vor allem wenn es noch sehr klein ist, ziemlich sicher.

Denkt daran, wie viele moderne Abendländer mit ihren Babys umgehen: Sie lassen sie allein in ihrem Bettchen liegen und nur wenn sie schreien, werden sie – hoffentlich – hochgehoben und auf diese Weise belohnt. In dem Kinderbett allein liegen gelassen zu werden, erzeugt, so meine ich, ein grundlegendes Gefühl von Verlassenheit und Unsicherheit.

Und denkt an die Kinderwagen oder Buggys, in denen die Menschen im Westen Babys spazieren fahren. Das Baby wird vor der Mutter oder dem Vater hergeschoben. Da sitzt nun das kleine Kind, vielleicht ein Jahr alt, und schaut auf den Straßenverkehr, wo riesige Laster und Fahrzeuge an ihm vorbeidonnern, denen es allein gegenübersitzt. Ich bin sicher, dass das sehr beängstigend ist. In traditionellen Gesellschaften hingegen ist das Baby auf den Rücken der Mutter oder des Vaters gebunden, so fühlt es sich sicher und beschützt. Ich denke daher, dass unsere Art, die Kinder aufwachsen zu lassen, dem Kind schon in einem sehr frühen Alter das Gefühl geben kann: „Mit mir ist was nicht in Ordnung.“ Ich meine, dass das dazu beiträgt, sich selbst gegenüber ein ungutes Gefühl zu entwickeln.

Ob diese Hypothese nun stimmt oder nicht, weiß ich nicht, aber es scheint zumindest ein Faktor zu sein, warum diese Einstellung so verbreitet ist bei modernen Menschen, die auf westliche Weise aufgewachsen sind, und in traditionellen Gesellschaften nicht so oft zu finden ist. Dazu kommt, dass wir in einem System, in dem so viel Konkurrenzkampf und Leistungsdruck herrscht wie in den heutigen westlichen Ländern, häufig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, wenn wir im Konkurrenzkampf nicht als Gewinner dastehen.

Jedenfalls ist dieses niedrige Selbstwertgefühl, dieser Selbsthass, ein Problem, das vielen von uns zu schaffen macht. Wenn wir uns die buddhistischen Lehren anschauen, wird deutlich, dass darin alles darauf abzielt, uns zu helfen Leiden zu überwinden, indem wir die Ursachen für die Leiden loswerden. Wenn also ein niedriges Selbstwertgefühl, eine negative Einstellung gegenüber sich selbst, Leiden und Unglück bewirkt und wir starkes Vertrauen in die buddhistischen Lehren haben, muss es buddhistische Methoden geben, die wir darauf anwenden können und die uns helfen, das zu überwinden.

Methoden aus den Lehren zum Geistestraining heranziehen

Vielleicht kennen einige von euch das Programm namens „Ausgewogene Sensitivität entwickeln“, das ich erarbeitet habe. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, das auf meiner Website zu finden ist. In diesem Programm mit 22 Übungen habe ich verschiedene buddhistische Methoden so zusammengestellt, dass sie auf spezielle Probleme zugeschnitten sind, mit denen wir im Westen stärker zu tun haben, Probleme, die in den traditionellen buddhistischen Lehren nicht so explizit angesprochen werden. In erster Linie sind das Probleme, die damit zusammenhängen, dass wir uns selbst und anderen gegenüber unsensibel sind oder überempfindlich reagieren, uns sehr leicht verletzt fühlen, nicht im Kontakt mit unseren Gefühlen sind, nicht im Kontakt mit unserem Körper sind, Entfremdungsgefühlen usw.

Seit ich dieses Übungsprogramm vor zwölf Jahren entwickelte, habe ich weitere Programme ausgearbeitet, die noch andere Probleme behandeln, welche im ersten Buch nicht zur Sprache kamen. Ich habe zum Beispiel Übungen entwickelt, mit denen wir unser eigenes Leben als ein Ganzes betrachten und all die verschiedenen Aspekte unseres Lebens integrieren können. Mir schien das notwendig, weil unser Leben in der heutigen Zeit oft so fragmentiert ist, dass wir uns nicht mehr als ein Ganzes empfinden. Auch dieses Programm gibt es auf meiner Website.

Nun habe ich noch ein Übungsprogramm entwickelt, das sich speziell damit befasst, wie man mit Selbsthass fertigwerden kann. Dieses Programm habe ich in Anlehnung an eine spezielle Zusammenstellung buddhistischer Unterweisungen gestaltet, nämlich eine Art von Übung, die bekannt ist unter dem Namen „Die geistigen Einstellungen gegenüber uns selbst und anderen gleichsetzen und austauschen“, und darauf abzielt, das zu überwinden, was „Selbstbezogenheit“ heißt – also eine Selbstsucht, die darin besteht, dass man nur an sich selbst denkt und die Bedürfnisse anderer ignoriert. Die Schulung gipfelt in einer Übung, die auf Tibetisch „Tonglen“ genannt wird, das heißt „Geben und Nehmen“. Dabei stellt man sich vor, dass man alle Probleme von anderen übernimmt und akzeptiert, ihnen so viel Bedeutung beimisst, als wären es unsere eigenen Probleme, und dann den anderen eine Lösung dafür schenkt und sie damit glücklich macht. In Bezug auf diese Meditationsübung schrieb Geshe Chekawa im „Geistestraining in sieben Punkten“: „Was die Reihenfolge des Annehmens betrifft, fang bei dir selbst an.“ Mit anderen Worten: Wir beginnen damit, zuerst einmal unsere eigenen Probleme anzunehmen.

Welches sind unsere eigenen Probleme, mit denen wir uns befassen müssen? Dazu gehören Probleme, die mit Altern und Krankheit zu tun haben– nicht nur bei der Pflege kranker Eltern, sondern damit, dass wir selbst alt werden, krank werden, Dinge, von denen wir oft meinen, dass sie uns nicht passieren. Auch darum, wie für unsere Familie gesorgt ist, wenn wir mal nicht mehr sind, müssen wir uns kümmern. Statt solche Dinge von uns zu schieben, nehmen wir sie nun also an. Wir sagen uns: „Gut, ich werde mich damit beschäftigen. Kann ich gefühlsmäßig damit umgehen? Bin ich psychologisch darauf vorbereitet? Habe ich eine Vorstellung, wie ich mit so einer Situation umgehen werde?“ usw. Wir können uns jetzt damit befassen, zumindest im Geist, und das ist natürlich eine sehr hilfreiche Übung.

Uns im Voraus auf Probleme vorzubereiten, die auf uns zukommen können, ist auch im Alltag sehr nützlich, zum Beispiel, wenn wir ein Vorhaben ins Auge fassen. Mein Lehrer, Tsenshab Serkong Rinpoche, betonte, dass man immer einen Plan B und C in petto haben sollte, falls Plan A fehlschlägt. Einer meiner Schüler hatte zum Beispiel ein Visum beantragt, um in einem anderen Land zu studieren, aber für den Fall, dass es abgelehnt würde, hatte er keinen Alternativplan. Das war sehr riskant, denn sein Visum wurde tatsächlich abgelehnt, und die Fristen, anderswo noch ein Studium zu beantragen, wo der Aufenthalt unproblematischer gewesen wäre, waren bereits verstrichen. Allerdings hatte er trotzdem Glück: Er beantragte das Visum erneut und beim dritten Versuch bekam er es schließlich. Aber ich denke, die Strategie, auf den Fall vorbereitet zu sein, dass etwas nicht klappt, ist sehr wichtig, sodass man eine Alternative hat und nicht ganz ohne etwas dasteht.

Ich erwähne das, weil es in der Anleitung zu dieser Übung des Gebens und Nehmens heißt, dass man bei sich selbst anfangen soll, und da es eine ganze Reihe von Schritten in dieser Schulung gibt, die der Übung des Gebens und Nehmens vorangehen, kam ich auf die Idee: Warum nicht gleich von Anfang an damit beginnen, sich mit den eigenen Problemen zu befassen? Davon habe ich diese Methode abgeleitet. Statt all die Schritte des Gleichsetzens und Austauschens unserer Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber so auszuführen, dass sie sich auf andere konzentrieren – was die traditionelle Vorgehensweise ist –, konzentrieren wir die Schritte in diesem neuen Training, das ich entwickelt habe, auf uns selbst in unterschiedlichen Phasen unseres Lebens.

Leider haben wir dieses Wochenende nicht viel Zeit, und es gibt viele Schritte in diesem Programm. Ich denke, um wirklich von diesen Übungen zu profitieren, muss man sie langsam in einer ganzen Reihe von Sitzungen durchführen, eigentlich in einem größeren Zeitraum als wir dieses Wochenende zur Verfügung haben. Aber ich werde das Material einfach mal vorstellen und ihr könnt später damit arbeiten.

Jeder Schritt erfordert, dass man gründlich überlegt, tief in sich geht und verschiedene Aspekte unseres Lebens in Betracht zieht. Und wie bei der Schulung der Sensibilität muss ich euch im Voraus warnen, dass es uns emotional aufwühlen kann, wenn wir uns mit schwierigen Themen in unserem Leben befassen. Wenn jemandem irgendetwas davon zu viel wird, lasst es. Auf jeden Fall haben wir nicht sehr viel Zeit für jeden einzelnen Bestandteil dieses Trainings; wir werden also nur einen kleinen Eindruck davon bekommen. Lasst uns nun anfangen.

Gleichmut gegenüber uns selbst entwickeln

Der erste Schritt in diesem Prozess besteht darin, Gleichmut gegenüber uns selbst zu entwickeln. Es gibt viele verschiedene Arten von Gleichmut. Die Art, um die es hier geht, ist ein Geisteszustand, der vorübergehend frei von Abneigung, Anziehung und Vernachlässigung ist. Sich selbst zu vernachlässigen bzw. zu ignorieren wird traditionell als töricht bzw. naiv bezeichnet. Wenn wir die verschiedenen Aspekte unserer selbst oder unsere Bedürfnisse und Gefühle nicht ernst nehmen, handeln wir töricht in Bezug auf uns selbst. Dem versuchen wir hier entgegenzuwirken, zumindest auf einer anfänglichen Ebene (wir werden diese Einstellungen noch nicht vollständig loswerden) – auf der gröberen Ebene dieser drei Arten von störenden Einstellungen, die wir uns selbst gegenüber haben können. Sobald unser Geist ausgeglichener ist, werden wir offener und können ein positiveres Gefühl zu uns selbst entwickeln.

Wir werden diese Art von Gleichmut hier in drei großen Schritten entwickeln, wobei jeder Schritt aus mehreren Teilen besteht. Wir versuchen Gleichmut zu entwickeln in Bezug darauf

  • was wir in unserem Leben getan haben und unsere Einstellungen dazu,
  • wie wir uns selbst unser Leben lang betrachtet und behandelt haben,
  • und wie wir verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit einschätzen.

Wie ihr seht, wird die Untersuchung etwas sehr Persönliches sein. Es ist nicht so, dass ihr diese persönlichen Gefühle irgendjemandem mitteilen müsst, aber wenn ihr mit diesem Programm ein paar positive Ergebnisse erzielen wollt, müsst ihr in euch gehen und euch selbst aufrichtig erkunden.

Gleichmut gegenüber dem entwickeln, was wir in unserem Leben getan haben

Betrachten wir zuerst unsere Einstellungen dazu, was wir in unserem Leben getan haben. Dafür werden wir der Reihe nach drei verschiedene Situationen in Betracht ziehen: einen Zeitpunkt, an dem wir einen großen Fehler im Leben gemacht haben oder mit etwas gescheitert sind, einen Zeitpunkt, an dem uns etwas gelungen ist, und einen, an dem nichts Maßgebliches in unserem Leben geschehen ist. Untersuchen wir unsere Gefühle hinsichtlich jeder dieser drei Situationen.

An eine Situation denken, in der wir versagt haben

Versucht euch zuerst an eine Situation zu erinnern, in der ihr einen großen Fehler im Leben gemacht oder bei etwas versagt habt – sei es bei der Arbeit oder in der Schule oder in einer Beziehung, was immer es gewesen sein mag, bei dem ihr das Gefühl hattet: „Ach je, das hab ich echt vermasselt.“ Wenn wir genauer darüber nachdenken, fallen uns vielleicht mehrere Vorfälle in unserem Leben ein. Nehmt einfach einen davon als Beispiel, aber nicht gleich einen, der zu schmerzhaft oder gefühlsmäßig zu schwierig ist, um damit umgehen zu können.

Wir denken daran, wie wir in dieser Situation versagt haben, und lassen das Gefühl in uns hochkommen, „wie schrecklich ich doch bin.“ Ich bin sicher, dass wir oft noch viel heftigere Worte uns selbst gegenüber verwenden, wenn wir an Situationen denken, in denen wir einen großen Fehler gemacht oder versagt haben.

Dann überlegen wir: „Warum meine ich, dass ich so schrecklich bin? Weil ich versagt habe. Ich habe einen Fehler gemacht. Deshalb habe ich das Gefühl, dass ich nichts tauge. Vielleicht habe ich die Gefühle von jemandem verletzt oder ich bin vielleicht kein guter Vater oder Mutter oder Sohn oder Tochter oder Freund gewesen; aber dennoch gibt es viele andere Dinge in meinem Leben, die ich gut gemacht habe. Ich habe nicht nur Fehler in meinem Leben gemacht. Deshalb ist es ungerecht, wenn ich mich nur auf diese Fehler und Fehlschläge konzentriere. Das ist nicht fair mir selbst gegenüber. Jeder macht Fehler, aber jedem gelingen auch ein paar Dinge. Ich bin nicht anders als jeder andere; warum erwarte ich denn, dass mir immer alles gelingt? Ich bin nur ein Mensch.“

Dann versuchen wir, an die Situation zu denken, in der wir versagt oder einen Fehler im Leben gemacht haben, und versuchen sie ohne das Gefühl von Selbstvorwürfen und Selbsthass zu betrachten. Natürlich ist es wichtig, unsere Fehlschläge und die Fehler, die wir gemacht haben, einzusehen und den Entschluss zu fassen, unser Bestes zu tun, dass das nicht wieder passiert und wir es künftig besser machen werden. Aber es ist nicht nötig, sich zu hassen, weil man bei etwas gescheitert ist. Das ist es, was wir hier zu erreichen versuchen: imstande zu sein, an diese Fehlschläge zurückzudenken – oder auch dann, wenn uns gegenwärtig etwas fehlschlägt – und dem gegenüber gleichmütig zu bleiben im Sinne von „Na gut, ich versuch‘s besser zu machen.“ Gleichmut bedeutet hier zu denken: „Manchmal gelingt mir etwas, manchmal habe ich keinen Erfolg; genau wie jeder andere. Es ist nichts Besonderes, wenn man im Leben mal Fehler macht. Das passiert jedem.“

[Pause zum Anwenden der Übung]

An eine Situation denken, in der uns etwas gut gelungen ist

Als nächstes betrachten wir einen Zeitpunkt in unserem Leben, an dem wir erfolgreich waren und uns etwas wirklich gut gelungen ist, sei es bei der Arbeit, in der Schule oder bei einer Hilfeleistung – was immer es auch gewesen sein mag, das wir gut hingekriegt haben. Dann lassen wir das Gefühl aufsteigen, „wie klasse ich bin“. Ich stelle mir die Geste vor, die Fußballspieler machen, wenn sie ein Tor geschossen haben und die Arme nach oben werfen und „Jaaa!“ schreien. Sie sind so stolz auf sich.

Dann überlegen wir: „Warum habe ich das Gefühl, dass ich so wunderbar und so etwas Besonderes bin? Weil ich etwas sehr gut gemacht habe. Ich war erfolgreich. Aber ich war nicht in allem erfolgreich. Manchmal ist mir auch etwas missglückt, oder? Dass einem irgendetwas gelingt, ist nichts Besonderes.“

Wir beschließen, ähnlich wie bei dem Fehlschlag, dass wir auch, wenn wir Erfolg haben, wenn uns etwas gelingt, nicht in so ein überdrehtes „Wie bin ich doch großartig!“ verfallen – so als würden wir am liebsten unser Spiegelbild abknutschen. Mit anderen Worten: Wir betrachten unseren Erfolg mit einem ruhigen Geisteszustand.

Wenn hier von Gleichmut die Rede ist, so ist damit ein ruhiger Geisteszustand gemeint. Ganz gleich, ob wir nun Erfolg oder Misserfolg haben – wir bleiben gelassen. Ruhig und gelassen zu sein heißt aber nicht, dass wir nichts empfinden. Was wir hier versuchen, ist, tumultartige Geisteszustände in Bezug auf unsere Erfolge oder Misserfolge so weit wie möglich zu lindern – und hoffentlich zeitweise auch gar nicht zu haben. Auf dieser Grundlage – dass wir nicht im Aufruhr, sondern ruhig sind – können wir dann einen konstruktiveren Geisteszustand entwickeln.

Statt uns schuldig zu fühlen, wenn wir etwas falsch gemacht haben – und uns dann bestrafen zu müssen – empfinden wir einfach nur Bedauern. „Es tut mir leid, dass ich das vermasselt habe, und ich werde mein Bestes tun, dass das nicht wieder vorkommt.“ Das ist nicht dasselbe wie Schuldgefühl: „Wie schrecklich ich bin! Ich bin ein schlechter Mensch.“ Und statt das Gefühl zu haben: „Wie wunderbar ich doch bin, dass mir das gelungen ist!“ – was in Wirklichkeit ein ziemlich verstörender Geisteszustand von Arroganz, Stolz usw. ist, so, als stünde uns eine Belohnung zu – freuen wir uns einfach darüber, was wir getan haben: „Ich bin froh darüber.“

Ein großer buddhistische Meister Indiens hat gesagt: Wenn unsere Hand unserem Mund Nahrung zuführt, müssen wir dann unserer Hand dazu gratulieren und uns bei ihr bedanken? „Alle Achtung, da hast du wirklich gute Arbeit geleistet. Du hast es geschafft, das Essen in meinen Mund zu kriegen!“ Das ist albern, oder? Bitte missversteht das Ganze nicht in dem Sinne, dass der Zustand von Gleichmut bedeuten würde, wie ein Roboter zu sein und überhaupt keine Gefühle zu haben. Das ist damit nicht gemeint. Aber wir wollen gesunde Emotionen haben, nicht überdrehte verstörende Emotionen.

Denkt nun noch einmal an die Situation zurück, in der euch etwas gelungen ist, und versucht die Situation ohne diese Einstellung von „ich bin so großartig, ich bin so fantastisch“ zu betrachten. Versucht ruhiger zu bleiben, wenn ihr euch daran erinnert. Dann lasst auf dieser Grundlage ein Gefühl von Zufriedenheit und Glück darüber aufsteigen, dass die Handlung erfolgreich war – etwas, das im Buddhismus „Erfreuen“ genannt wird.

[Pause für die Übung]

An eine Zeit denken, in der nichts Maßgebliches geschehen ist

Nun denken wir an die dritte Situation: als nichts besonders Wichtiges in unserem Leben geschah. Weder versagten wir bei etwas, noch hatten wir Erfolg, wir führten einfach bloß unser gewöhnliches Leben. Wie fühlen wir uns dabei? „Ach wie langweilig.“ Nicht wahr? „Wie langweilig“, so als könnten wir diese Aspekte unseres Lebens genauso gut gleich beiseite lassen. Wir finden uns und unser Leben langweilig.

Also lassen wir dieses Gefühl „Wie langweilig“ aufsteigen. Dann überlegen wir: „Warum finde ich mich langweilig? Warum bin ich meiner selbst überdrüssig? Naja, weil eigentlich nichts passiert ist – jedenfalls nichts Aufregendes. Ich habe weder etwas geschafft noch versagt, mein Leben war einfach immer dasselbe, ging immer so weiter – wie langweilig!“

Aber das stimmt eigentlich nicht. Zuerst einmal: Warum muss unser Leben denn immerzu aufregend sein? Wo steht, dass es aufregend sein soll? Im Kino, oder wo? Tatsächlich gelingen und misslingen uns die ganze Zeit irgendwelche kleinen Dinge. „Ich habe ein leckeres Essen gekocht.“ Das ist ein Erfolg, nicht wahr? Oder aber: „Das Essen, das ich gekocht habe, war nicht sonderlich schmackhaft.“ Selbst ganz einfache Dinge: „Meine Verdauung hat heute Morgen gut funktioniert.“ Oder? Wenn wir Verstopfung haben, dann ist es schon ein großer Erfolg, wenn die Verdauung wieder normal funktioniert. Das ist sicherlich kein Aufsehen erregender Erfolg; ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir ständig kleine Erfolge erleben: Wir haben beispielsweise einen Parkplatz gefunden. Wir haben es geschafft, nach Hause zu kommen, ohne zwei Stunden im Verkehrsstau zu stecken. Das Leben ist nicht nur öde, öde, öde. Es gibt kleine Höhen und Tiefen. Wir versuchen also, uns diese Phasen in unserem Leben zu vergegenwärtigen, die wir ansonsten meistens übersehen und die wir für so schrecklich langweilig halten, und betrachten diese Lebensphasen, ohne dabei zu denken: „Bah, überhaupt nichts los.“

[Pause für die Übung]

An alle drei Situationen denken

Der nächste Schritt, wenn wir es hinkriegen, besteht darin, alle drei Situationen gleichzeitig im Sinn zu behalten – soweit wir das können. Wir stellen uns gleichzeitig uns selbst in drei Situationen vor: während wir versagen, daneben als erfolgreiche Person und dann daneben, wie wir einfach jeden Tag unser übliches alltägliches Leben führen. Wir versuchen, allen dreien gegenüber gelassen zu sein: nicht abgestoßen von dem „Ich“, dem etwas misslungen ist („Was für ein Versager!“), nicht hingezogen zu dem „Ich“, das erfolgreich ist („Ich wünschte, ich wäre immer so“), und nicht ignorant gegenüber dem anderen („An den Langweiler da brauch ich gar nicht denken“). Wenn es uns hilft, können wir uns vorstellen, dass wir alle vier an einem Esstisch sitzen. Ich weiß, das ist eigentlich sehr dualistisch – sogar gleich doppelt dualistisch. Aber versucht euch vorzustellen, mit all diesen verschiedenen „Ichs“ in einer gefühlsmäßigen Begegnung umzugehen, ohne euch von dem einen abgestoßen, zu dem anderen hingezogen zu fühlen und von dem Dritten nichts wissen zu wollen. Wir sind einfach ihnen allen gegenüber aufgeschlossen, offen für all diese Phasen von uns selbst.

[Pause zum Üben]

Das konventionelle „Ich“ und das falsche „Ich“

Um diese gleichmütige Einstellung tiefer gehend zu verstehen, müssen wir hier einen wichtigen Punkt aus den buddhistischen Lehren einführen, nämlich den Unterschied zwischen dem, was im Buddhismus das konventionelle „Ich“ genannt wird, und dem falschen „Ich“.

Das konventionelle „Ich“ ist das, was der gesamten Kontinuität unseres ganzen Lebens zugeschrieben wird. Jedes Ereignis, das in unserem Leben geschehen ist – Erfolg, Misserfolg und die üblichen alltäglichen Dinge – ist gleichermaßen einfach ein Vorfall in unserem Leben. Das Muster des Lebens besteht darin, dass es ständig auf und ab geht, es beinhaltet ein ganzes Leben und umfasst alle diese Höhen und Tiefen. Das konventionelle „Ich“ existiert; der Begriff bezieht sich auf das ganze Kontinuum. Natürlich existiere ich, doch meine Existenz beruht auf all diesen sich ändernden Ereignissen während meines ganzen Lebens. Das ist das konventionelle „Ich“; es ändert sich dauernd.

Das falsche „Ich“ existiert gar nicht. Es ist etwas, das wir projizieren. Was wir projizieren, ist ein „Ich“, das nur mit einem Teil, einem bestimmten Ereignis gleichgesetzt wird – „ich habe versagt, ich bin zu nichts nütze“ – und sich dann unverändert so bleibt. Wir meinen dann, dass wäre unser ganzes „Ich“: „Ich bin schuldig“ oder „Ich bin einfach großartig. Ich bin ein Geschenk Gottes für die Welt.“ oder „Ich bin so ein Langweiler. Ich bin ein Niemand, ein Nichts. Ich bin bloß ein kleines unbedeutendes Rädchen in der großen Maschinerie dieser Gesellschaft. Wie langweilig!“ Das ist das falsche „Ich“, von dem wir meinen, es sei feststehend und dauerhaft, das aber in Wirklichkeit gar nicht existiert. Und wenn wir von verstörenden Emotionen geplagt werden, so geschieht das deshalb, weil wir uns mit diesem falschen „Ich“ identifizieren.

Was wir erkennen müssen, ist, dass diese Projektion des falschen „Ichs“ nichts Realem entspricht. Und dann müssen wir wieder das konventionelle „Ich“ bestätigen, zu dem all diese verschiedenen Aspekte gehören, all diese verschiedenen Dinge, die in unserem Leben geschehen sind: Mal haben wir unsere Sache gut gemacht, mal nicht, und manchmal ist nichts Besonderes passiert. Das ist alles. Das versuchen wir zu bestätigen. Wenn wir diese falschen Vorstellungen von „Ich“ haben, uns bloß mit einem oder zwei Ereignissen in unserem Leben identifizieren und dann in dieser falschen Sichtweise hängenbleiben, dann sagen wir einfach: „Das ist Unsinn. Das ist nicht die Wirklichkeit.“

Während wir uns diese drei verschiedenen Situationen in unserem Leben vorstellen, versuchen wir zu erkennen, dass wir das Ganze sind: Das konventionelle „Ich“ ist die Bezeichnung für all das, und es ändert sich die ganze Zeit über, während in unserem Leben verschiedene Dinge passieren. Wir bleiben nie bei einem einzigen Ereignis stecken. Und wir versuchen gegenüber all dem ein ruhiges Gefühl zu entwickeln: Wir versuchen, weder abgestoßen noch angezogen noch gleichgültig „mir“ selbst gegenüber zu sein, sondern einfach offen für jeden Moment des Lebens, ohne eine große Sache aus irgendetwas zu machen, das geschieht. Dann sind wir grundsätzlich im Frieden mit uns, wir akzeptieren uns. Auf dieser Grundlage können wir positivere Einstellungen gegenüber uns selbst entwickeln. Und auf dieser Grundlage wiederum können wir auch anderen gegenüber positivere Einstellungen entwickeln; aber zuerst müssen wir mit uns selbst im Reinen sein.

[Pause zum Üben]

Das mag genug sein für unsere erste Sitzung. Habt ihr Fragen oder Anmerkungen?

Fragen

Die Beziehung zwischen Erfolg und Wettbewerb

Was heißt „Erfolg“ und wie messen wir ihn? Handelt es sich um ein inneres subjektives Gefühl oder etwas, das im Sinne sozial festgelegter Kriterien eingestuft wird? Wenn letzteres der Fall ist und Erfolg also relativ ist und nur im Vergleich mit dem gemessen werden kann, was andere geschafft haben, bedeutet das, dass wir immer um Erfolg wetteifern müssen?

Deine Frage reißt das Thema an, ob es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Gesellschaft als Erfolg ansieht, und dem was wir subjektiv als Erfolg empfinden, oder nicht. Der Unterschied ist nicht ganz klar abzugrenzen. Was wir persönlich denken, kann durch das geprägt sein, was unsere Gesellschaft als Erfolg einstuft, und was eine Gesellschaft als Erfolg einstuft, ist natürlich von Ort zu Ort unterschiedlich. In einigen Gesellschaften, wie etwa der westlichen, ist Schlankheit ein Zeichen von Erfolg. In anderen, zum Beispiel in Indien, gilt Fülligkeit als Zeichen von Wohlstand und Erfolg. Was ist also das Kriterium für Erfolg?

Wenn im buddhistischen Sinne von Erfolg gesprochen wird, dann geht es nicht darum, was die Gesellschaft meint oder was wir basierend auf irgendeinem persönlichen Erfolgsbegriff empfinden – das ist etwas anderes. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus bedeutet Erfolg, ein spirituelles Ziel zu erreichen. Spirituelles Ziel heißt hier: eine gewisse Ebene von Selbstvervollkommnung – sich selbst vervollkommnen mit dem Ziel, imstande zu sein, anderen besser zu helfen. Erfolg hängt also nicht davon ab, wie gut wir aussehen, wie viel Geld wir haben oder ob wir nach der neuesten Mode gekleidet sind.

Die angemessene Einstellung in Bezug auf Erfolg ist, sich darüber zu freuen: Man ist froh darüber, aber nicht überdreht. Man macht nicht viel Aufhebens um irgendeinen Erfolg, den man erzielt hat. Man braucht ihn nicht in einer Zeitungsanzeige zu verkünden, und ob andere Leute ihn bestätigen, ist nicht von Belang. Die Freude darüber ist also ein eher ruhiger und sicherer Geisteszustand. Wir haben das Gefühl: „Ich bewege mich in die richtige Richtung, und ich bin froh darüber, und ich werde einfach weitermachen.“ Es beinhaltet eine gewisse Zufriedenheit mit sich und einen inneren Frieden - was ein glücklicher Bewusstseinszustand ist. Man ist sich seiner selbst sicher genug, um zu wissen, dass man im Leben die richtige Richtung eingeschlagen hat. Man hat etwas gut gemacht – so gut, wie man es zu diesem Zeitpunkt konnte. Im „Geistestraining in sieben Punkten“ schrieb Geshe Chekawa, dass wir von den zwei Zeugen, nämlich uns selbst und anderen, uns selbst als den wesentlichen Zeugen dafür ansehen sollten, ob wir ein großherziger Mensch geworden sind, der stets an andere denkt, oder nicht.

Es ist ein großer Unterschied, ob wir froh darüber sind, was wir getan haben, oder ob wir das falsche „Ich“ mit „Ich bin ja so großartig“ gleichsetzen. Der Schwerpunkt liegt nicht auf „Ich, ich, ich.“ Der Schwerpunkt liegt darauf, dass eine immer größere Fähigkeit entsteht, anderen zu helfen. Sie kann darin bestehen, dass ich geduldiger bin und nicht so schnell ärgerlich werde. Das sind die Arten von Erfolg, von denen wir hier reden. „Ich habe es fertiggebracht, die Situation beim Abendessen mit der Familie und all den Tanten und Onkeln zu überstehen, ohne ärgerlich zu werden.“ Das ist schon ganz gut. Das ist ein Erfolg. „Ich bin nicht wütend geworden, als meine Mutter an mir herumgenörgelt hat: ‚Warum hast du das nicht anders gemacht? Wann heiratest du endlich? Warum findest du keine bessere Arbeit??‘“

Erfolg muss nichts etwas Spektakuläres sein, wie etwa einen Preis in einem Wettbewerb zu gewinnen. Was wir erreichen wollen, ist, genügend Selbstsicherheit zu entwickeln und hinreichend mit uns selbst im Frieden zu leben, dass wir uns nicht mehr danach beurteilen, was andere erreicht haben. Die Philosophie des Kapitalismus ist natürlich, dass wir uns durch Wettbewerb mit anderen messen können, denn dann möchten nicht nur genauso gut sein wie die anderen, sondern noch besser. Uns selbst mit anderen zu vergleichen kann uns also anregen, besser zu werden. Das ist gewiss ein positiver Aspekt am Vergleichen.

Ein kleiner Aspekt von Tantra-Praxis ist, eine bestimmte Emotion zu nehmen, die potenziell verstörend sein kann, und sie auf hilfreiche Art zu verwenden. Ein einfaches alltägliches Beispiel hierfür ist Ärger. Angenommen, es geschieht etwas Ungerechtes in der Gesellschaft, und du könntest sehr wütend darüber werden. Dieser Ärger kann einen dazu verleiten, etwas zu zerstören – etwa eine Bombe zu werfen; Ärger kann uns also zu einer sehr destruktiven Handlung führen. Oder der Ärger kann uns dazu bewegen zu empfinden: „Ich bin so erzürnt darüber, so erbost über das Unrecht, dass ich etwas tun werde, damit diese ungerechte Situation sich zum Besseren verändert.“ Mit solchen Gedanken können wir die Energie des Ärgers auf konstruktive Art nutzen, statt sie auf destruktive Art zu verwenden. In ähnlicher Weise kann man auch im Zusammenhang mit Wettbewerb und beim Vergleichen mit anderen die Energien verwenden, um sich anzupeitschen – „Ich bin ganz schrecklich“ – oder diese Energie nutzen, um sich zur Weiterentwicklung zu  motivieren.

Die Beziehung zwischen einer positiven Einstellung zu uns selbst und Selbstbezogenheit

Kann die Entwicklung einer positiven Einstellung zu uns selbst uns dabei helfen, Selbstsucht und Selbstbezogenheit zu beseitigen?

Wie wir besprochen haben, gibt es einen großen Unterschied zwischen dem konventionellen „Ich“, das tatsächlich existiert, und dem falschen „Ich“, das nicht existiert. Eine positive Einstellung in Hinsicht auf das konventionelle „Ich“ ist etwas ganz anderes als eine positive Einstellung in Hinsicht auf das falsche „Ich“. Eine positive Einstellung in Hinsicht auf das falsche „Ich“ – „Ich bin so wunderbar, ich bin einfach großartig“ – kann zur Verstärkung von Selbstbezogenheit und Selbstsucht führen. Eine positive Einstellung in Hinsicht auf das konventionelle „Ich“ hingegen kann dazu führen, dass wir aufgeschlossener und fairer werden, nicht nur uns selbst, sondern auch allen anderen gegenüber.

Es gibt viele Methoden, die im Buddhismus verwendet werden, um dieses falsche „Ich“ zu widerlegen – mit anderen Worten, sich selbst vor Augen zu führen, dass es nichts Realem entspricht. Wenn es wirklich meine wahre Identität ist, dass ich so wunderbar oder so schrecklich bin, dann muss ich immer so gewesen sein, in jeder Situation, das ist eindeutig nicht der Fall. Ich bin also nicht dasselbe wie jenes „Ich“, das ein „Gottesgeschenk für die Welt“ ist. Aber wirklich völlig verschieden davon, völlig getrennt davon? Wenn das der Fall ist, wer ist dann jenes „Ich“, das so wunderbar war? Ist das jemand anderes als ich? Mithilfe von solchen Untersuchungen kommen wir zu dem Schluss, dass diese ganze Vorstellung von einem festgelegten „Ich“ mit einer festgefügten Identität einfach Unsinn ist, sie entspricht nichts Realem.

Die Rolle von Rücksicht auf andere bei der Entwicklung einer positiven Einstellung zu sich selbst

Sie haben erklärt, dass wir eine positive Einstellung zu uns selbst entwickeln müssen, und nur dann können wir sie wirklich aufrichtig auch auf andere richten. Aber ich erlebe es so, dass es für mich im Umgang mit anderen Menschen einfacher ist, mich zu akzeptieren und positive Gefühle und Mitgefühl mir selbst gegenüber zu haben. Steht das im Widerspruch zu dem, was Sie erklärt haben?

Es stimmt, dass eine der besten Arten, Selbstvertrauen und ein besseres Gefühl sich selbst gegenüber aufzubauen, darin besteht, zum Beispiel großzügig zu sein. Wenn wir imstande sind, etwas für jemand anderen zu tun oder zu anderen freundlich zu sein oder liebevoll an andere zu denken, dann zeigt uns das, dass wir etwas zu geben haben. Und wenn wir das Gefühl haben: „Ich habe etwas zu geben; ich kann etwas beitragen“, haben wir nicht das Gefühl, wertlos zu sein. Daher: Ja, das ist eindeutig eine der Methoden, die wir anwenden können, um eine positivere Einstellung uns selbst gegenüber zu entwickeln.

Aber was ich erklärt habe, war, dass wenn wir anfangs eine sehr negative Einstellung gegenüber uns selbst haben, dann mag der Sprung von da zur Großzügigkeit und Hilfe für andere vielleicht für einige Menschen zu schaffen sein, aber ich denke, dass ein Zwischenschritt hilfreich sein kann, der darin besteht, zunächst diesen Selbsthass zu besänftigen. Aber für einige Menschen ist das vielleicht nicht nötig. Dann kann es einfacher sein, gleich mit Großzügigkeit zu arbeiten und ihnen Gelegenheit dazu zu geben.

Woran ich zum Beispiel denke, ist ein Psychiater, mit dem ich befreundet bin und der damit befasst ist, ungebärdigen Teenagern zu helfen, die gewalttätig sind, nicht kooperieren wollen und extrem schwer zu bändigen sind – diejenigen, denen die Gesellschaft sagt: „Du bist ein Versager, du taugst nichts“, und damit identifizieren sie sich dann und entwickeln die Einstellung: „Ich werde euch zeigen, wie schlimm ich wirklich sein kann“. Wenn man nun diese Teenager irgendwie dazu bringen kann, bei etwas mitzuhelfen – selbst wenn sie es ganz schrecklich machen –, dann bekommen sie ein gewisses Gefühl dafür, dass sie etwas Wertvolles beizutragen haben. Eine Therapieform, die dieses Prinzip berücksichtigt, ist zum Beispiel, diese Teenager auf eine lange Wanderung mitzunehmen und jedem von ihnen ein Maultier zu geben, für das sie dann sorgen. Indem sie sich um das Maultier kümmern und es dazu bringen zu kooperieren, tragen sie zum Erfolg des Trecks bei und beweisen sich selbst damit, dass sie etwas Konstruktives tun können. Sie sind keine völligen Versager.

Was du angesprochen hast, ist völlig richtig: Manchmal ist es viel einfacher, positive Gefühle in Bezug auf jemand anderen zu haben als sich selbst gegenüber. Das streite ich nicht ab. Aber das Problem hier besteht darin, wie man sich dazu motiviert, an andere zu denken, freundlich zu ihnen zu sein, etwas für andere zu tun, wenn man vollkommen von Selbsthass zerfressen ist. Wie schafft man den Übergang? Das ist das Problem. Für viele Menschen, die im Widerwillen gegenüber sich selbst festhängen, ist es sehr schwer, diesen Übergang zu finden, und es kann hilfreich sein, wenn sie zuerst ihren Selbsthass zur Ruhe bringen. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum in der üblichen Darstellung der Praxis des Gebens und Nehmens, die ich erwähnt habe, empfohlen wird, mit sich selbst anzufangen. Aber das ist nicht das Ende vom Lied; es ist der allererste Schritt. Dann dehnt man das Gefühl auf Menschen aus, die man mag, dann auf Fremde, und dann sogar auf Menschen, die man nicht mag. Für einige Menschen ist es sogar einfacher, fremden Menschen zu helfen als denjenigen, die sie mögen, weil das nicht mit so viel gefühlsmäßigem Ballast und emotionalen Verstrickungen verbunden ist – es gibt zum Beispiel Menschen, die in sozialen Projekten Hilfe leisten können, aber mit ihrer Familie nicht so recht umgehen können.

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