Das Erkennen der Reinkarnation und Inthronisierungen
Der Erste Tsenshap Serkong Rinpoche, der einer der sieben Debattiermeisterpartner und einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Vierzehnten Dalai Lamas war, starb am 29. August 1983 im Alter von 69 Jahren in Kibber, Spiti. In Spiti, das an der Grenze von Tibet liegt und ein trockenes Hochtal zwischen dem ersten und zweiten Gebirgszug der Himalayas in Indien ist, hatte er den Buddhismus reformiert und wiederbelebt. Seine Reinkarnation, der Zweite Tsenshap Serkong Rinpoche, wurde genau neun Monate später, am 29. Mai 1984 als das vierte von zehn Kindern in einer Bauernfamilie im Lari-Dorf, ebenfalls in Spiti, geboren. Sobald er sprechen konnte, zeigte der kleine Junge auf ein Bild des früheren Serkong Rinpoche, das sich im Haus befand, und erklärte: „Das bin ich“. Als eine Gruppe von Mönchen auf der Suche nach der neuen Inkarnation (dem Tulku) zu diesem Haus in Spiti kam, erkannte er einen von ihnen beim Namen und wollte die Gruppe zurück nach Dharamsala begleiten. Diese Ereignisse wurden als klare Zeichen dafür betrachtet, dass er die authentische Reinkarnation war und später wurde es von Seiner Heiligkeit bestätigt.
Im August 1988 wurde er im Alter von vier Jahren im Tabo-Kloster in Spiti inthronisiert, welches das älteste tibetische Kloster in Indien ist, welches ohne Unterbrechungen in Funktion war. Es wurde im Jahr 996 u. Z. von König Yeshe Öd erbaut, der Atisha nach Tibet eingeladen hatte, und 42 Jahre später, im Jahr 1038 u. Z., von dem Übersetzer Rinchen Zangpo eingeweiht. Kurz nach der Inthronisierung brachten ihn Rinpoches frühere Assistenten, Ngawang Sherpa und Tsedrub, nach Dharamsala, wo er seine erste Audienz mit Seiner Heiligkeit hatte. Der dritte frühere Assistent, Chontzela, war bereits verstorben.
Rinpoche hatte kurz danach eine zweite Audienz mit Seiner Heiligkeit. Sie fand zusammen mit dem kurz zuvor wiedergefundenen zweieinhalbjährigen Tulku Yongdzin Ling Rinpoche, dem Senior Tutor Seiner Heiligkeit und Lehrer des vorangegangenen Tsenshap Serkong Rinpoche statt. Bei dieser Audienz erteilte Seine Heiligkeit beiden ihre erste Lektion im Lesen des tibetischen Alphabets.
Nach einer weiteren Inthronisierung im Oktober 1988 brachten Ngawang und Tsedrub den jungen Tulku zurück zu seinen Eltern in Spiti. Im darauffolgenden Jahr zog Rinpoche in das Haus seines Vorgängers in Dharamsala. Bald darauf traf er die amerikanische Nonne Thubten Chodron, eine ehemalige Schülerin seines Vorgängers, und sie begann ihm einige grundlegende englische Worte beizubringen. Da sie vor ihrer Zeit als Nonne als Grundschullehrerin gearbeitet hatte, fuhr sie fort, den jungen Tulku zu unterrichten und mit ihm zu spielen, wann immer sie Indien besuchte.
Erstes Treffen mit Rinpoche und Seine Erinnerung an mich
Im Mai 1990 kehrte ich nach einer ausgedehnten internationalen Tour, auf der ich mehrere Projekte für Seine Heiligkeit den Dalai Lama organisiert und geleitet hatte, nach Dharamsala zurück. Mit dem früheren Tsenshap Serkong Rinpoche hatte ich neun Jahre als enger Schüler, Dolmetscher und englischer Sekretär verbracht. Weil ich fast jeden Tag mit ihm verbrachte, war ich wie ein Teil seines Hausstandes. Als ich dann den fünfjährigen Tulku traf und Ngawang ihn fragte, ob er mich erkennen würde, sagte Rinpoche: „Was für eine Frage, natürlich weiß ich wer das ist.“ Er hatte sofort eine innige Beziehung zu mir und ist seitdem eng mit mir verbunden geblieben.
Rinpoche hat auch andere Hinweise auf Eindrücke seines früheren Lebens gezeigt. Als ich ihn im Alter von vier Jahren zu einem Besuch bei Ling Rinpoche mitnahm, weigerte er sich, auf dem gleichen Sofa oder genauso hoch zu sitzen, wie Ling Rinpoche, bestand darauf, auf dem Boden zu sitzen und hatte großen Respekt vor ihm und so ist es bis heute geblieben.
Eintritt in das Ganden Jangtse Kloster in Südindien und der Beginn seiner Klosterausbildung
Im darauffolgenden Monat brachte ihn Ngawang nach Mundgod in Karnataka, Südindien, wo er in sein altes Kloster, Ganden Jangste, eintrat und in sein altes Haus zurückkehrte. Es gab dort vier Mönche, die sich um ihn kümmerten. Zwei von ihnen waren 20 Jahre alt und die anderen beiden waren Rinpoches momentane Assistenten Gendun Samdup, der damals 32 Jahre alt war, und Thupten Sherap, damals 30 Jahre alt. Im Alter von etwa 10 Jahren hatte Rinpoches Vorgänger sie als zukünftige Begleiter ausgewählt, wie er es auch vor vielen Jahren mit Ngawang und mir getan hatte.
Kurz nach dem Umzug ins Kloster begann Rinpoche die traditionelle Ausbildung für einen hohen inkarnierten Lama. Morgens lernte er zwei Stunden Gebete auswendig, die er am Abend wiederholte und am Nachmittag übte er sich mit Geshe Sönam im Englischen und der tibetischen Handschrift. Obgleich Rinpoche nie beaufsichtigt werden musste und stets selbstmotiviert und selbstdiszipliniert war, konnte man ihn schwer stimulieren und er langweilte sich schnell. Sein offizieller Lehrer Khen Rinpoche Sonam Gonpa, der Abt von Ganden Jangtse, folgte der traditionellen Richtlinie, den Unterricht im Debattieren erst im Alter von 13 Jahren zu beginnen, doch Rinpoche war erst sechs Jahre, als er im Kloster ankam.
Er durfte auch nicht die Grundschule des Klosters besuchen, da die Jungs dort als zu rau und schmutzig galten. Das bedeutete, dass er niemanden in seinem Alter hatte, mit dem er spielen konnte, außer anderen jungen Tulkus, die ihn gelegentlich besuchen kamen. Aber er hatte zwei Kaninchen.
Als Seine Heiligkeit das Kloster im Dezember 1992 besuchte, ging er zuerst direkt zu Rinpoches Haus, anstatt erst einmal den Haupttempel zu besuchen, wo alle schon aufgereiht dastanden und auf ihn warteten. Das zeigt ganz klar, welche Wertschätzung und Fürsorge er stets ihm gegenüber empfand. Im Laufe von Rinpoches Leben kümmerte sich Seine Heiligkeit persönlich um dessen Ausbildung und nachdem er die dortige momentane Situation erfasst hatte, wies er dessen Begleiter an, dass Rinpoche damit beginnen sollte, Englisch, tibetische Grammatik und die ersten Stufen des Debattierens zu lernen.
Organisieren von Rinpoches moderner Ausbildung und die Leitung seines Hausstands
Als ich Rinpoche einige Monate später, im Februar 1993, in Ganden Jangtse besuchte, war ich erstaunt, was für einen starken Bezug Rinpoche zu mir hatte. Das letzte Mal hatte ich ihn vor fast drei Jahren gesehen und nur etwa einen Monat mit ihm verbracht. Doch seine Begleiter sagten mir, dass er mich gespannt erwartet hatte. Als ich dort war, behandelte er mich fast wie einen Vater. Ich habe nie selbst ein kleines Kind gehabt und nicht einmal meine eigenen Verwandten hatten mir gegenüber eine derartige Verbundenheit gezeigt.
Alle vier Mönche in Rinpoches Gemeinschaft waren seit dem Alter von zehn Jahren im Kloster gewesen und niemand von ihnen hatte eine höhere moderne Ausbildung als die einer vierten Klasse. Sie hatten zwar wirklich gute Absichten, doch ihnen fehlte es an weltlicher Erfahrung, Selbstvertrauen und Entschlossenheit zum Ausarbeiten von Plänen, um die Anweisungen Seiner Heiligkeit in die Tat umzusetzen. Somit wandten sie sich an mich, um ihnen zu helfen und sie anzuleiten und plötzlich fand ich mich in der Position, Rinpoches Situation dort zu organisieren und zu beaufsichtigen. Nachdem ich schon große Projekte für Seine Heiligkeit organisiert hatte, fühlte ich mich zuversichtlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, Rinpoches Situation zu richten und so übernahm ich gerne diese neue Rolle. Tatsächlich fühlte es sich ganz natürlich an.
Zusammen mit Gendun Samdup und Thupten Sherap fanden wir einen 40 Jahre alten Tibetisch-Englisch-Lehrer, der an der Laien-Kinderschule in der tibetischen Siedlung in Mundgod unterrichtete. Er willigte ein, jeden Nachmittag für eine Stunde und auch 20 Minuten am Morgen vorbeizukommen, um Lektionen zu wiederholen. Wir fanden auch einen 57 Jahre alten Lehrer für tibetische Grammatik an der gleichen Schule, der Rinpoche jeden Tag einen einstündigen Unterricht gab. Nachdem wir mit dem Abt gesprochen hatten, willigte er ein, Rinpoche jeden Tag eine Stunde im Debattieren zu unterrichten und wir fanden einen weiteren kleinen Mönch, der mit Rinpoche zusammen studierte und debattierte.
Ich führte auch jeden Abend einen einstündigen Spaziergang ein, da Rinpoche bis jetzt kaum Bewegung bekommen hatte. Er liebte es und rannte meistens. Wann immer ich da war, praktizierten wir während der Spaziergänge Englisch. Leider konnte keiner seiner Begleiter Englisch. Während ich da war, ging ich auch mit Rinpoche zum Zahnarzt, um Plomben machen zu lassen, und ich kaufte ihm dringend benötigte Küchenutensilien und neues Bettzeug. Ich versuchte auch die finanzielle Situation in Ordnung zu bringen und sandte ehemaligen Studenten von Rinpoches Vorgänger Spendenanfragen.
Da ich mir im Klaren darüber war, dass Rinpoche in der Lage sein musste, auch mit den Menschen in Spiti umzugehen, wollte ich ihm helfen sich darauf vorzubereiten. Als ich nach Dharamsala zurückkehrte, sandte ich ihm daher Lehrbücher für Englisch, Mathematik, Hindi, Tibetisch und Wissenschaft: die üblichen englischen, die in indischen Schulen benutzt werden, sowie auch die tibetischen. Einige Monate später schrieb mir Gendun Samdup, dass Rinpoche seine neuen Lektionen liebte und aufblühte.
Aufenthalt in Dharamsala während der heißen Jahreszeit und die ersten Belehrungen
Im Januar jenen Winters 1994 nahm Rinpoche einen Monat an den Belehrungen Seiner Heiligkeit im Lower Tantric College in Hunsur, Karnataka, teil. Seine Heiligkeit empfahl ihm, die heiße südindische Jahreszeit jedes Jahr in Dharamsala zu verbringen und dort seine Studien fortzuführen. Er machte schnelle Fortschritte und war bereits bei den englischen Lehrbüchern der dritten Klasse.
Nach Hunsur kam Rinpoche nach Dharamsala, um an den jährlichen Frühjahrsbelehrungen Seiner Heiligkeit teilzunehmen. Ich traf ihn in Delhi, wo ich ihn zu einer vollständigen ärztlichen Untersuchung mitnahm. Außer einigen Darmwürmern und vergrößerten Mandeln war er vollkommen gesund.
Für sein Alter war Rinpoche ziemlich stark und hatte einen großartigen Sinn für Humor entwickelt, ganz wie sein Vorgänger. Im März gab Rinpoche im Alter von erst neun Jahren seine erste öffentliche Belehrung – die mündliche Übertragung des „Lama Chöpa“, der Guru Puja, im Tushita Meditationszentrum in Dharamsala vor einer Gruppe von Westlern und einigen Tibetern. Dann führte er das gesamte Puja-Ritual selbst an. Ich war wirklich stolz, wie gut er es machte. Damit hatte er seine formellen Aktivitäten als ein Lama begonnen.
Gendun Samdup wird ein Lharampa Geshe
In jenem Oktober 1994 bekam Gendun Samdup seinen Geshe-Lharampa-Titel nach zwanzig Jahren monastischer Studien. Er gehörte zu den Besten seiner Klasse, was sich sehr gut auf Rinpoches Hausgemeinschaft auswirkte.
Es ist ein tibetischer Brauch, dass der Anwärter, nachdem er seine Prüfung im Debattieren vor der gesamten Versammlung von Mönchen abgelegt und den monastischen Titel erhalten hat, jedem der tausend oder mehr Mönche des Klosters einen Kata-Schal zusammen mit einem bestimmten Betrag an indischen Rupien und eine Mahlzeit spendiert. Das kann ziemlich teuer werden, besonders wenn es sich um jemanden der Hausgemeinschaft eines hohen Lamas, wie der des Rinpoches, handelt. Wiederum wandten sie sich an mich, um ihnen zu helfen, die Gelder dafür zu sammeln.
Empfangen von Kalachakra-Initiationen
Der Vater von Rinpoches Vorgänger, der Erste Serkong Dorjechang, war einer der größten Yogis des 19. Jahrunderts und ein Halter der Kalachakra-Übertragungslinie. Rinpoches Vorgänger selbst war ein Experte im Kalachakra und hatte Seiner Heiligkeit zahlreiche Belehrungen gegeben. Kirti Tsenshab Rinpoche hielt beispielsweise die seltene mündliche Übertragung des „Laghu Kalachakra Tantra“, dem großen Kommentar von Kalachakrapada dem Jüngeren zum „Kalachakra Tantra“. Er war zu demütig, um sie Seiner Heiligkeit anzubieten und so hatte er sie Rinpoches Vorgänger übertragen, der die geeignetere Person war, um sie Seiner Heiligkeit anzubieten.
Die mündliche Übertragung erforderte eine ziemliche Anzahl an Sitzungen und obgleich Rinpoches Vorgänger in der Lage war, den ersten Teil der Übertragung Seiner Heiligkeit anzubieten, gab es keine Gelegenheit, ihm den Rest zu übertragen, bevor er verstarb. Eine seiner letzten Handlungen bestand tatsächlich darin, Seine Heiligkeit einzuladen, die Kalachakra-Initiation im Tabo-Kloster in Spiti zu erteilen, was Seine Heiligkeit im August 1983 tat, nur einige Wochen bevor sein Vorgänger verstarb.
Ich hatte das Privileg, an dieser Initiation teilzunehmen und für Seine Heiligkeit zu übersetzen. Am Tag nach der abschließenden Zeremonie stellte ich Rinpoches Vorgänger eine Frage zu dem Ritual. Er sagte: „finde es mit Logik heraus“, und wir haben es zusammen erarbeitet. Das war die letzte Unterweisung, die ich von ihm bekam. Es ist einfach schön zu sehen, dass sein junger Tulku nun, nachdem er erwachsen und wieder ein großer Lehrer geworden ist, damit fortfährt, die Wichtigkeit von Logik und Überlegung als Grundlage für das Verständnis des Dharma zu betonen. Doch dies ist wohl nicht verwunderlich, denn schließlich war sein Vorgänger einer der Meister-Debattierpartner Seiner Heiligkeit.
Im Januar 1995 kam Seine Heiligkeit nach Mundgod, um die Kalachakra-Initiation zu erteilen. Als er ankam, ging er zum Haupttempel des Ganden-Klosters, um eine Tsog-Opferung zu Palden Lhamo darzubringen und dann direkt zum Haus von Rinpoche, bevor er selbst dort eintraf. Rinpoche hatte ein paar Probleme, an dem Sicherheitspersonal vorbeizukommen, doch als er schließlich nach Hause kam, sah er, dass Seine Heiligkeit schon auf ihn wartete. Seine Heiligkeit war wahrscheinlich wegen seiner engen Verbindung zu Rinpoches Vorgänger, wegen dem Kalachakra und wegen ihm selbst dorthin gekommen. Somit erneuerte Rinpoche seine Verbindung mit Kalachakra im Alter von zehn Jahren.
Im darauffolgenden Jahr empfing Rinpoche die Kalachakra-Initiation von Seiner Heiligkeit zwei weitere Male. Das erste Mal im Juni in Tabo, Spiti, zur Feier des 1000. Jahrestages der Gründung des Tabo-Klosters, und das zweite Mal im Dezember in Salugara, Westbengalen.
Geshe Gendun Samdup und Thupten Sherap übernehmen die Leitung der Hausgemeinschaft und ein Rat zur Erziehung von Rinpoche
In den darauffolgenden zehn Jahren setzte Rinpoche seine Studien mit zusätzlichen Lehrern, dem ehemaligen Abt des Gyume Lower Tantric College, Gyume Khenzur Rinpoche Losang Ngawang, und Geshe Tenzin Zangpo, sowie mit seinen tibetischen Laienlehrern fort. Während dieser Zeit lernten Geshe Gendun Samdup und Thupten Sherap allmählich, selbst die Hausgemeinschaft zu führen.
Ich machte beiden mit Nachdruck klar, wie wichtig es wahr, dass ehemalige westliche Schülern Rinpoche nicht in den Westen einladen oder ihm unsinnige Dinge, wie Computerspiele, schenken würden, was sich nachteilig auf ihn auswirken würde. Bei anderen jungen Tulkus hatte ich bereits die Nachteile solcher Erfahrungen gesehen und war sogar eine Zeitlang ein Mitglied des Ausschusses des Privatbüros Seiner Heiligkeit, das sich mit solchen Dingen befasste. Mir war es wirklich wichtig, Rinpoche den kulturellen Konflikt zu ersparen, den andere junge Tulkus durchgingen, wenn sie wieder nach Indien zurückkehrten. Später, wenn er reif genug war, mit den Versuchungen umzugehen, würde es für Rinpoche genug Zeit geben, den Westen zu besuchen.
Die zwei Assistenten befolgten meinen Rat und ich glaube, das Resultat war herausragend. Rinpoche fühlt sich ausgesprochen wohl in seiner Gesellschaft und kann hervorragend mit den Menschen der tibetischen und indischen Gemeinschaft, sowie den Einwohnern von Spiti umgehen.
Das Abfragen von Rinpoche
Zwischen Reisen ins Ausland und dem Organisieren und Betreuen weiterer Projekte für Seine Heiligkeit besuchte ich Rinpoche gelegentlich. Oft fragte ich ihn während unserer Abendspaziergänge in verschiedenen Fächern, besonders in Mathe, ab. Rinpoches Vorgänger hatte mir gestanden, nicht gut darin zu sein, was mathematische Berechnungen betraf, und hatte somit nie das astrologische Kalachakra-System zum Berechnen der Planetenstellungen und des Kalenders studiert, aber darauf bestanden, dass ich es lernte, was ich auch tat. Ungeachtet dessen war er sehr daran interessiert und lernte all die Maße für den Aufbau der zweidimensionalen Sandmandalas und der dreidimensionalen Mandala-Paläste einer großen Bandbreite von Gottheiten-Systemen, nicht nur des Kalachakras. Er versuchte nie, sie mir beizubringen, doch zusammen fanden wir die Berechnungen heraus, wie all die architektonischen Teilchen zusammenpassen könnten.
Rinpoche war zwar ebenso schlecht in Mathe, aber ich dachte, ich könnte zumindest sein Interesse an grundlegender Arithmetik wecken, damit er es in der Zukunft erneut für den Aufbau von Mandalas anwenden könnte. Doch obwohl Rinpoche mit Leichtigkeit viele Seiten tibetischer Texte auswendig lernen konnte, hatte er Schwierigkeiten, einfache Additionstabellen zu lernen. Zweifellos nervten ihn meine ständigen Fragen, aber er wurde nie wütend auf mich, wie auch ich nie wütend auf seinen Vorgänger geworden war, der mich ebenfalls unaufhörlich abfragte, um mein Gedächtnis zu trainieren.
Rinpoche hatte als Teenager auch eine schelmische Seite. Einmal bat er mich, ihm eine Monstermaske zu besorgen. Ich fand zwei professionelle Masken, die über den ganzen Kopf passten und richtig echt aussahen. Rinpoche erfreute sich daran, Mitglieder seiner Hausgemeinschaft nachts im Bett zu erschrecken, sowie einige seiner Schulkameraden, die in der Nähe lebten und Angst vor Dämonen hatten.
Gründen der Serkong-Schule in Tabo, Spiti
Seine Heiligkeit gab Rinpoche zu verstehen, dass er seiner Gemeinschaft in Spiti dienen sollte und auf den Wunsch Seiner Heiligkeit übernahm Rinpoche die Rolle des spirituellen Oberhaupts des Tabo-Klosters. Jedes Jahr verbringt er mindestens einen Monat in Spiti, um Dharma-Lehren zu erteilen. Im Jahr 1999 gründete er die Serkong-Schule in Tabo für die Grund- und Hauptschule bis zur zehnten Klasse. Die elfte und zwölfte Klasse können die Schüler in Dharamsala absolvieren und wenn sie dort sind, kümmert sich Rinpoche um sie und erteilt ihnen buddhistische Lehren, wenn er anwesend ist.
Das Ablegen seiner ersten monastischen Prüfungen und das Widmen der Ganden Jangtse Gebetshalle
Im September 2001 legte Rinpoche seine „Tsoklang“-Prüfung ab, die nur Tulkus am Ende ihres Studiums des Bodhichitta-Abschnitts ihrer Prajnaparamita-Klasse ablegen. „Tsoklang“ bedeutet „vor der Versammlung stehen“. Die jungen Tulkus müssen vor der gesamten Versammlung von Mönchen der Jangtse- und Shartse-Collegs im Ganden-Haupttempel stehen und zum Thema Bodhichitta debattieren. Ich war 1998 von Indien nach Berlin umgezogen, kehrte aber mit Alan Turner nach Indien zurück, um an der Prüfung und der anschließenden Feier teilzunehmen. Ich war wirklich stolz, wie gut Rinpoche das Debattieren meisterte.
Alan war ein recht ernsthafter Praktizierender aus England, dem Rinpoches Vorgänger viele persönliche Belehrungen gegeben hatte, die ich stets für ihn übersetzte. Während diesem Besuch gab Rinpoche Alan eine kurze persönliche Unterweisung, die ich übersetzte. Rinpoche bemerkte, dass dies natürlich etwas war, was wir, wie zuvor, zusammen machen sollten.
Wie sein Vorgänger hatte Rinpoche eine große Vorliebe für Tiere und hatte stets einen Hund als Haustier. Ich war erstaunt über den Hund, denn es gab viele wilde Affen im Dschungel um das Kloster und alle anderen Hunde, die ich in Indien gesehen hatte, bellten und jagten die Affen fort, wenn sie zu nahe kamen, doch Rinpoches Hund spielte mit ihnen, wenn sie in den Hof kamen. Für Rinpoche war das ganz normal, doch weder Alan noch ich hatten so etwas jemals zuvor gesehen.
Mittlerweile hatte sich Geshe Gendun Samdup in zahlreichen Gebieten jenseits seiner monastischen Studien Fertigkeiten angeeignet und ohne eine formelle Architekturausbildung entwarf er die neue Ganden-Jangtse-Gebetshalle. Auf Wunsch Seiner Heiligkeit sollte die Dekoration im Innern nicht verziert sein. Thupten Sherap überwachte seine Konstruktion und Jahre später nutzten beide diese Fertigkeiten für die Konstruktion von Rinpoches neuem Haus in Dharamsala und dem angrenzenden Serkong-Hotel.
Die Gebetshalle war gerade fertig, als ich und Alan dort waren. Ein paar Monate später reiste Seine Heiligkeit im Dezember nach Mundgod und hielt die Widmungszeremonie ab. Dort besuchte Seine Heiligkeit wieder Rinpoche in seinem Haus.
Erster Besuch in Europa, um an der Kalachakra-Initiation in Graz, Österreich, teilzunehmen
Rinpoche kam das erste Mal, begleitet von Thubten Sherap, im Oktober 2002 nach Europa, um an der Kalachakra-Initiation mitzuwirken, die von Seiner Heiligkeit in Graz, Österreich, erteilt wurde. Rinpoche war zu der Zeit 18 Jahre alt. Ich kam aus Berlin, um daran teilzunehmen, sowie um mich für Seine Heiligkeit um die Presse zu kümmern und Rinpoche und Thupten Sherap zu assistieren, besonders in Bezug auf die deutsche Sprache.
Rinpoche, Thupten Sherap und ich kamen in Graz zwei Tage vor Seiner Heiligkeit an und so nutzte ich die freie Zeit, um mit den beiden nach Wien zu fahren, was zwei Stunden mit dem Zug war, um ihnen diese wunderschöne Stadt zu zeigen. Wir machten eine Stadtrundfahrt mit dem Bus und danach fragte ich Rinpoche, ob es etwas gab, was er sich noch einmal etwas genauer ansehen wollte, doch er sagte nein und es sei „nichts Besonderes“, was für mich zu seinem Slogan wurde. Somit fuhren wir danach wieder zurück nach Graz.
Während der zehntägigen Rituale, die nach der Ankunft Seiner Heiligkeit begannen, nahm Rinpoche jeden Morgen von fünf bis zehn Uhr mit Seiner Heiligkeit und den Namgyal-Mönchen an der Kalachakra-Selbst-Initiation teil. Es war schön zu sehen, dass er nun in der Lage dazu war.
Das Erteilen einer mündlichen Übertragung an Rinpoche
Während einem langen Retreat in einer Berghöhle hatte der Erste Serkong Dorjechang eine Vision von Tsongkhapa, der ihm eine besondere Übertragung seines Textes über die interpretativen und letztendlichen Bedeutungen der Leerheit (Leere), Drang-nge Legshe Nyingpo, erteilte. Dorjechang gab diese mündliche Übertragung wiederum an Serkong Rinpoches Vorgänger weiter, der zu der Zeit noch recht jung war. Seine Heiligkeit bat Rinpoches Vorgänger, ihm diese mündliche Übertragung weiterzugeben, doch trotz seiner Vorbereitungen gab es nie die Gelegenheit dazu.
Im Jahr 1982 wurde Rinpoches Vorgänger während seiner zweiten Auslandstour, begleitet von Ngawang, Chondzela und mir, von meinem alten Harvard-Studienkollegen Robert Thurman in sein Haus in Woodstock, New York, eingeladen. Thurman hatte einen Teil des Textes für seine Doktorarbeit übersetzt und während wir da waren, bat er Rinpoches Vorgänger, ihm und mir die Übertragung zu geben. Der Text umfasst in der Ausgabe eines westlichen Buches 300 Seiten und Rinpoches Vorgänger rezitierte ihn jeden Tag als Teil seiner täglichen Praxis aus dem Gedächtnis, was ungefähr zwei Stunden dauerte. Er wird als Tsongkhapas fortgeschrittenste und schwierigste Erklärung der Leerheit in den Lehrsystemen betrachtet.
Der alte Serkong Rinpoche stimmte zu und gab uns die Übertragung auf die klassische Weise, indem er den Text aus dem Gedächtnis rezitierte. Er tat es so schnell, dass meine Augen nicht folgen konnten, als ich versuchte mitzulesen. Er bat Ngawang darauf zu achten, dass er keine Fehler machte, und am Ende gab es nur drei ganz kleine.
Rinpoche wollte diese äußerst seltene Übertragung haben und er wollte sie ausdrücklich von mir haben, also bat er mich, sie ihm wieder zu erteilen. Ich hatte den Text nicht einmal studiert und fühlte mich völlig unqualifiziert. Also fragte ich Seine Heiligkeit, was zu tun war und Seine Heiligkeit sagte, dass ich die Übertragung auf jeden Fall erteilen sollte, da ich sie ja nur durch das aufmerksame Hören von der Quelle empfangen hatte.
Für die nächsten Monate übte ich, den Text laut zu lesen, um nicht ins Stottern zu geraten und damit es nicht ewig lang dauern würde. Sobald ich bereit war, reiste ich im August 2003 nach Indien, ging direkt nach Mundgod und gab Rinpoche die mündliche Übertragung. Es dauerte zwei lange Morgensitzungen. In den darauffolgenden Jahren hat Rinpoche sie wiederum vielen anderen erteilt.
Rinpoches Vorgänger hatte Khyongla Rinpoche gesagt, dass meine Rolle in der Zukunft darin bestehen würde, als Brücke zwischen ihm und der nächsten Inkarnation zu dienen. Rinpoche und ich haben das im Laufe der Jahre sehr ernst genommen und so teilte ich mit Rinpoche Berichte darüber, was er in seinem vergangenen Leben gesagt und getan hatte, sowie spezifische, ungewöhnliche Interpretation von Texten, die sein Vorgänger persönlich mit mir geteilt hatte. Dies war und ist ein großes Privileg, ein Teil der Serkong-Linie sein zu können.
Besichtigungsreise durch die Vereinigten Staaten
Rinpoches nächster Besuch im Westen fand im Dezember 2004 für einen Monat in den Vereinigten Staaten statt, wieder zusammen mit mir und dieses Mal auch mit Thupten Sherap und Geshe Gendun Samdup. Rinpoche wurde von Cate Hunter, einer ehemaligen Schülerin seines Vorgängers, zu einem Urlaub von seinen Studien eingeladen. Sie begleitete uns, mehrere tibetische Familien zu besuchen, die eng mit seinem Vorgänger verbunden waren, und die großen Touristenattraktionen an der Ost- und Westküste anzusehen – Disneyland, die Freiheitsstatue und so weiter. Rinpoche zeigte kein Interesse für diese Dinge und war weder von den Einkaufszentren und riesigen Geschäften beeindruckt, die Cate ihm zeigte, noch von den Spielkasinos, zu denen uns einige der Tibeter brachten. Seine Erwiderung auf all das war: „das ist nichts Besonderes“.
Ich bestand darauf, dass Rinpoche die Gelegenheit bekam, sich an dem zu erfreuen, was jeder 20-jährige gern tun würde, und so ging er in Californien reiten und im Rockefeller-Zentrum in New York Schlittschuhlaufen. Ich versuchte ihm einmal sogar schwimmen beizubringen, leider ganz ohne Erfolg – Rinpoche kann bis heute nicht schwimmen. Sogar der Ausflug auf einem Walbeobachtungsboot war eine kleine Katastrophe, denn obwohl wir nicht nur einen Wal sahen, sondern sogar eine Gruppe von Tümmlern, war Rinpoche so seekrank, dass er diesen seltenen Anblick nicht genießen konnte.
Wie andere junge Leute in seinem Alter hatte Rinpoche nun seine Liebe zu Computerspielen entdeckt, die er noch immer hat. Als ich sah, wie gewalttätig manche davon waren, konnte ich nicht anders, als ihn wie ein tief besorgter Vater vor dem negativen Einfluss zu warnen, den es haben konnte, sich am Erschießen und Töten eines Feindes zu erfreuen. Ich glaube, dass er meine Warnung nicht ernst nahm.
Am Ende des Monats, als ich mich von ihnen allen am Flughafen verabschiedete, sagte mir Rinpoche, dass ihm sein Besuch im Holocaust-Museum in Washington D.C. am meisten gefallen hatte, weil es ihm möglich war, dort sowohl für die Opfer als auch deren Peiniger und Mörder über Mitgefühl zu meditieren, was die Video-Spiele mehr als wettmachte.
Im September 2007 ging ich mit Alan erneut nach Mundgod, um Rinpoche zu besuchen. Mittlerweile hatte Rinpoche einen Computer und ein Mobiltelefon und war geschickt im Umgang mit beiden. Den Computer nutzte er, um zur Hilfe seiner Studienkollegen Übersichten und Lehrmaterial vorzubereiten. Bemerkenswert war auch, wie Rinpoche nun begann, dieselbe Bodenständigkeit und praktischen Veranlagungen zu zeigen, für die sein Vorgänger bekannt gewesen war. So gab er mir einige ziemlich hilfreiche Ratschläge. Er begann auch sich am Kochen zu erfreuen, besonders gern machte er Pfannkuchen zum Frühstück.
Während ich in Ganden war, nutzte ich die Gelegenheit, Geshe Tenzin Zangpo, Rinpoches Hauptlehrer, technische Dharma-Fragen über Karma, Zeit und Negierungsphänomene zu stellen. Er wurde als bester Debattierer aller drei großen Gelug-Klöster betrachtet. Später wurde er zum Abt des Gyume Lower Tantric College ernannt und wartet nun, als ehemaliger Abt, darauf, der Ganden Tripa, das Oberhaupt der Gelug-Schule zu werden. Seine Antworten wurden so schnell und in so formeller Debattiersprache gegeben, dass ich ihm nicht folgen konnte. Wir nahmen sie daher auf und nach den Lektionen hörte ich sie mir mit Rinpoche zusammen an, worauf wir sie im Tibetischen transkribierten, damit ich die Antworten besser verstehen konnte. Rinpoche bat ich um weitere Erklärungen, die er mir gern gab.
Das Ablegen der Roben und sein Beitreten des Instituts für buddhistische Dialektik
Im Jahr 2008 entschied sich Rinpoche, seine Roben abzulegen und Seiner Heiligkeit und den Menschen in Spiti von nun an als Laie zu dienen. Seine Heiligkeit wies ihn an, nach Dharamsala umzuziehen und dort seine Studien am Institut buddhistischer Dialektik fortzusetzen. Er hatte die Prajnaparamita-Klassen in Ganden mit den Jetsünpa-Lehrbüchern abgeschlossen und im Institut würde er die Madhyamaka-Studien mit den Panchen-Texten beginnen. Auf diese Weise hat Rinpoche beide Lehrbuch-Tradition studiert.
Geshe Gendun Samdup und Thupten Sherap zogen zusammen mit Rinpoche nach Dharamsala und kurze Zeit später kam Rinpoches Bruder Losang Ngawang als dritter Assistent mit dazu.
Das Verteilen der Asche von Alan Turner
Im Mai 2009 verstarb Alan plötzlich an einem Herzinfarkt im Alter von 54 Jahren. Er war ein ernsthafter Yamantaka-Praktizierender und hatte sich stets mit dieser kraftvollen Buddha-Gestalt identifiziert. Dummerweise nahm er es zu wörtlich und dachte, er könnte wie Yamantaka, der sich vom Fleisch schädlicher Dämonen ernährte, fettiges Fleisch und sogar Stücke reinen Fettes essen. Doch dies führte zu seinem Tod.
Er wurde in England eingeäschert und im Dezember, nachdem ich seiner Frau Irene geholfen hatte, seinen Meditationsraum zu demontieren, begab ich mich mit zwei Holzurnen seiner Asche nach Indien. Dort traf ich mich mit Rinpoche, Gendun Samdup, Thupten Sherap und Losang Ngawang und zusammen unternahmen wir eine Pilgerreise mit den Urnen nach Bodh Gaya und Sarnath. Gemäß den tibetischen Bräuchen verteilten Rinpoche und ich die Asche von einer Urne im Ganges und Thupten Sherap brachte die andere Urne zurück nach Dharamsala, um deren Asche in der Nähe eines Berggipfels in Spiti zu verteilen.
Private Studien mit Geshe Tenzin Gyurmyi
Rinpoche erhielt seinen Meistertitel in Madhyamaka-Philosophie am Institut buddhistischer Dialektik im Jahr 2011. Seine Heiligkeit meinte, es sei nicht notwendig für ihn, am Institut weiter Abhidharma zu studieren oder in die Klöster anderer tibetischer Traditionen zu gehen, um ihre Nicht-Gelug-Arten des Debattierens kennenzulernen. Er sollte seine Studien persönlich mit Geshe Tenzin Gyurmyi fortsetzen, der ihm in erster Linie Madhyamaka, doch später auch Tantra aus der Gelug- und Nyingma-Sichtweise lehren würde. Rinpoches Vorgänger war in allen vier tibetischen Traditionen, insbesondere Gelug und Nyingma, bewandert.
Obwohl all seine nachfolgenden formellen Studien auf privater Ebene erfolgten, bewahrte Rinpoche eine enge Freundschaft mit seinen Studienkollegen in Ganden Jangtse und dem Institut buddhistischer Dialektik. Oft verkehren hohe Lamas nur mit anderen Tulkus, aber Rinpoche erlaubte niemals, dass sein Titel ihn von anderen distanzierte.
Englisch-Studium in Kanada und Beginn internationaler Lehrtätigkeiten
Im Jahr 2013 bekam Rinpoche von Seiner Heiligkeit die Anweisung nach Kanada zu gehen und sich an einem Kurs in einer Universität dort einzuschreiben, um sein Englisch zu verbessern. Rinpoche ging nach Calgary, wo er drei Semester Englisch als Fremdsprache an der Mount Royal University studierte. Nachdem er sein Programm erfolgreich abgeschlossen hatte, kehrte er 2014 nach Dharamsala zurück, um seine privaten Studien mit Geshe Tenzin Gyurmyi fortzusetzen.
Im Jahr 2016 war Rinpoche bereit, seine Lehrtätigkeit außerhalb Indiens zu beginnen. Wie sein Vorgänger, ging er zuerst nach Pomaia in Italien zum Lama Tsong Khapa Institut. Wie sein Vorgänger liebt er nun italienisches Essen. Seitdem hat er in etwa zehn europäischen Ländern, sowie in Nordamerika, Israel, Vietnam und Singapur gelehrt.
Rinpoche hat die Rolle des Fortsetzens der Arbeit seines Vorgängers sehr ernst genommen. Er sagt, er wisse nicht, ob er wirklich die Reinkarnation des früheren Tsenshap Serkong Rinpoche sei, doch weil er als dieser anerkannt wurde, habe er goldene Möglichkeiten während diesem Leben bekommen – persönliche Anleitung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, die beste Ausbildung mit den herausragendsten Lehrern und eine wunderbare Hausgemeinschaft, die sich um ihn kümmert. Es wäre dumm, aus alledem keinen Nutzen zu ziehen, und Seiner Heiligkeit nicht zu dienen und die Arbeit des ersten Serkong Rinpoche nicht fortzusetzen. Als Teil seiner Entscheidung hat er besondere Bemühungen unternommen, ehemalige Schüler seines Vorgängers zu treffen und diese Verbindung wieder aufzunehmen.
Audienz mit Seiner Heiligkeit über seinen Vorgänger
Rinpoches Vorgänger hatte eine Autobiografie begonnen, die unvollständig war und Thupten Sherap hatte Informationen zusammengetragen, um sie zu vollenden. Ein wichtiger Teil fehlte, in dem es um die Beziehung zu Seiner Heiligkeit als sein Meister-Debattierpartner ging, aber auch als sein so genannter „Leutnant“, der sicherstellte, dass die Kloster den Richtlinien Seiner Heiligkeit folgten. Genau genommen war er einer der Gründer des Konzils für religiöse Angelegenheiten, das Seine Heiligkeit zum Bewahren der tibetisch-buddhistischen Klöster und Kulturen fast unmittelbar nach seiner Ankunft im Exil in Indien ins Leben gerufen hatte.
Rinpoche traute sich nicht, das notwendige Interview mit Seiner Heiligkeit dazu zu führen und so bat mich Seine Heiligkeit, es mit ihm zusammen zu tun. Daher kehrte ich erneut nach Dharamsala zurück, wo Rinpoche und ich eine Reihe von Fragen vorbereiteten. Im Oktober 2017 hatten wir dann eine Privataudienz und ich konnte ihm diese Fragen stellen.
Besuch bei mir in Berlin und Zusammenstellen von Material für Study Buddhism
Als Teil seiner Europatour im Jahr 2019 wohnte Rinpoche im März und April zusammen mit Geshe Gendun Samdup und Thupten Sherap für fast einen Monat bei mir in Berlin. Während sie da waren, kam Matt Linden, der Video-Direktor für unser Study Buddhism Projekt aus Finnland und zusammen arbeiteten wir an kurzen Artikeln und Videos für die Webseite und dessen YouTube-Kanal.
Study Buddhism ist ein Projekt von Berzin Archives e.V., einer deutschen gemeinnützigen Organisation, die ich im Jahr 2005 gegründet habe. Es ist das digitale Fahrzeug zum Bewahren der Lehren der Serkong-Linie – Rinpoches Vorgänger, ich und Rinpoche. In dieser Funktion dient „Berzin Archives“ als Aufbewahrungsort für die Aufnahmen der kontinuierlichen Lehren von Rinpoche. Wir haben sie transkribiert, aus dem Tibetischen übersetzt, redigiert und auf unserer Study Buddhism Webseite veröffentlicht.
Nach Covid setzte Rinpoche seine Besuche bei mir in Berlin fort und kam dieses Mal selbst und dann nochmal im Dezember 2022 und im Juli 2024, um weitere Videos zusammen mit Matt aufzunehmen. Während seinem letzten Besuch begannen wir, 40-minütige informelle Gespräche zwischen Rinpoche, Matt und mir zu Themen wie „zu vieles Nachdenken“ und „Aufschieben von Dingen“ zu führen. Wir begannen auch eine AMA-Funktion (engl. Ask Me Anything – „du kannst mich alles fragen“) mit Rinpoche einzuführen, mit der wir um Fragen bei den Anhängern unserer sozialen Medien baten. Während dem Dreh erklärte ich Rinpoche, wie er verständlichere Antworten geben konnte, um deren Bedeutung besser zu vermitteln. Als ich mir die Aufnahmen der Fragen und Antworten während seiner Vortragsreise im folgenden Jahr anhörte, war ich ausgesprochen beeindruckt, denn es war klar, dass er diese Fertigkeit mehr als gemeistert hatte.
Die Besuche in Berlin sind informell und Rinpoche kann es genießen, als menschliches Wesen behandelt zu werden, anstatt als ein „heiliger Rinpoche“. So kann er beispielsweise auch seiner Leidenschaft nachkommen, Fußball zu schauen und während seinem Besuch im Jahr 2024 ging er mit Matt, um sich das Finalspiel der Fußball-EM mit zehntausenden anderen am Brandenburger Tor anzusehen.
Das Lehren fortgeschrittener Texte über die Leerheit mit meiner Assistenz beim Wiederholen und den Frage-und-Antwort-Sitzungen
Im September 2024 begann ich in Österreich und dann 2025 in Kalifornien und in der Sravasti Abbey in Washington an den Belehrungen von Rinpoche und seinem englischen Übersetzer Simon Houlton zu fortgeschrittenen Texten über die Leerheit (Leere) teilzunehmen. Ich habe ihnen assistiert, indem ich die Sitzungen zum Wiederholen und für Fragen und Antworten abhielt und gelegentlich während den Belehrungen einen Punkt klärte, der für die meisten Zuhörer nicht verständlich war. Es ist eine große Ehre, Serkong Rinpoche erneut assistieren zu dürfen, wenn er seinen Schülern Belehrungen erteilt.
Das Serkong-Institut und die Serkong-Stiftung
Seine Heiligkeit lehrt, dass wir uns, wenn wir keine starken Dharma-Neigungen aus letzten Leben, wie Milarepa, haben, uns auf Texte der großen Nalanda-Meister Indiens stützen sollten, um Fortschritt auf dem Pfad zu machen. Um dieser Nalanda-Tradition bestmöglich folgen zu können, ist es notwendig, Logik und Debatte zu studieren. Gemäß dem Rat Seiner Heiligkeit, der perfekt auf das Ziel des Vorgängers von Rinpoche abgestimmt ist, gründete Rinpoche im Jahr 2024 das Serkong-Institut für buddhistische Studien (SIBS) als eine vertiefende Pilotinitiative mit einem Vierjahresprogramm und drei Monaten in jedem Jahr für intensive Studien der buddhistischen Philosophie durch die traditionelle dialektische Methode des Debattierens. Das erste Mal fand es in Dharamsala statt und wird nun in Bir ausgerichtet.
Im Jahr 2025 wurde die Initiative als eigenständiges Projekt der „Serkong-Stiftung“, einer indischen gemeinnützigen Organisation zum Fördern von pädagogischen und kulturellen Aktivitäten in Verbindung mit der Nalanda-Tradition, festgelegt, in der Rinpoche als dessen „lebender Schutzpatron“ dient. Neben Rinpoche wird das Programm von Geshe Tenzin Gyurmyi, Geshe Kelsang Wangmo und Dr. Atisha Mathur gelehrt.
Ab Juni 2026 wird die Serkong-Stiftung das Programm des Instituts auch in Italien in Zusammenarbeit mit örtlichen Partnern anbieten, um das traditionelle buddhistische dialektische Studium und dessen Übungen zu fördern und in Gang zu bringen und damit europäischen Schülern die gleiche vertiefende Studienerfahrung zu ermöglichen und dessen Reichweite für den Nutzen der Öffentlichkeit auszudehnen.
Abschließende Gedanken zu Rinpoches Weg, ein großer Lehrer zu werden
Rinpoche hat sich zu einem herausragenden Lehrer entwickelt, der in der Lage ist, Schülern aller Ebenen – Anfängern, mittleren und fortgeschrittenen – den Dharma zu erklären. Er kann die kompliziertesten Themen zugänglich und beziehbar machen. Er ist ganz bescheiden und lehrt mit Humor und praktischen Beispielen. Als Laie kann er jungen Leuten Dinge aus seiner eigenen Erfahrung auf eine Weise erklären, mit der sie etwas anfangen können. Ich bin so stolz, was für ein wunderbarer Lehrer aus ihm geworden ist.
Rinpoche und Seine Heiligkeit werden immer meine Wurzelgurus sein. Doch in einigen weltlichen Belangen haben sich die Rollen von Rinpoche und mir vertauscht. Ich bin nun über 80 Jahre alt und während ich Rinpoches Vorgänger früher beispielsweise geholfen habe, ins Auto einzusteigen oder wieder auszusteigen, hilft Rinpoche nun mir, wenn wir zusammen reisen.
Im Grunde sorgen wir weiter füreinander. So kam Rinpoche 2025 zu mir nach Berlin, damit wir zusammen nach Kalifornien zu seinen Belehrungen fliegen konnten. Wenn es Schwierigkeiten mit seiner Einreise in die Vereinigten Staaten gab, half ich ihm, wo ich konnte. Ich kann zwar nach wie vor kurze Distanzen recht gut laufen, doch beim Fliegen habe ich angefangen, Rollstuhlassistenz anzufordern. Als wir dann zusammen in der Schlange für Passagiere standen, die besondere Assistenz benötigen, hatten wir keine Probleme mit den Einreisekontrollen. Tatsächlich war es hilfreich, dass Rinpoche mit mir zusammen in dieser Schlange stand, denn er konnte für einen älteren Punjabi-Herrn übersetzen, der sich vor uns in einem Rollstuhl befand und kein Englisch sprach. Es war eine schöne Weise, diesen Abschnitt von Rinpoches Tour zu beginnen.
Ich betrachte mich selbst als äußerst glücklich, solch engen Kontakt zu Serkong Rinpoche in zwei Leben gehabt zu haben, ihm in diesem Leben beim Erwachsenwerden behilflich zu sein und vielleicht einen Beitrag geleistet zu haben, dass aus ihm erneut ein herausragender großer Lama geworden ist. Lama Zopa Rinpoche sagte einmal über Rinpoches Vorgänger: Wenn man nach einem Beispiel für einen authentischen und echten Lama sucht, so ist es Tsenshap Serkong Rinpoche. Dem würde ich hinzufügen: Wenn man nach einem Beispiel für einen authentischen und echten Tulku sucht, so ist es seine Reinkarnation, der Zweite Tsenshap Serkong Rinpoche.