Die Methode des „Loslassens“ zum Beruhigen des Geistes

Einführung

Als allgemeine Einführung zu unserer Diskussion über die Sensibilität können wir das Problem des Erreichens von Ausgewogenheit untersuchen und uns fragen, wie wir nicht in die Extreme der mangelnden oder übermäßigen Sensibilität fallen können. Das bezieht sich darauf, welche Auswirkungen unser Verhalten auf andere und uns selbst in Situationen hat, die andere und uns selbst betreffen. Die damit verbundenen Faktoren haben etwas damit zu tun, wie wir Aufmerksamkeit schenken und wie wir reagieren. Um die Extreme der mangelnden und übermäßigen Sensibilität in Bezug darauf zu vermeiden, wie wir Aufmerksamkeit schenken und wie wir erwidern, ist es notwendig, zwei grundlegende Zustände als Basis zu entwickeln. Dabei handelt es sich um einen ruhigen Geist und ein fürsorgliches Herz. 

Ein ruhiger Geist und ein fürsorgliches Herz

Ein ruhiger Geist ist ein Geist, der nicht einfach nur keine verbale Gedanken hat, obwohl das ein großer Teil davon ist. Ohne verbale Gedanken zu sein, bedeutet damit aufzuhören, im Innern über irrelevante Dinge hinsichtlich der Situation zu reden oder Geschichten zu wiederholen. Es bedeutet, keine Kommentare über die andere Person oder uns selbst abzugeben und sich nicht damit zu befassen, verbal zu klagen oder zu lamentieren. Es bedeutet auch, den Geist von nicht-verbalen Belanglosigkeiten zu beruhigen. Es geht darum, keine geistigen Filme mehr in sich ablaufen zu lassen und sich nicht alle möglichen Dinge vorzustellen, die man mit anderen Menschen gern machen würde, und auch keine geistigen Filme über die eigenen früheren Interaktionen mit ihnen zu haben. 

Außerdem ist es notwendig, den Geist von störenden Emotionen zu beruhigen, die vielleicht hochkommen. Hier geht es insbesondere um Dinge wie Nervosität, Ängste, Furcht, Unsicherheit und dergleichen, die oftmals stören, wenn wir jemandem unsere Aufmerksamkeit schenken oder erwidern wollen. All diese Dinge sollten beruhigt werden.

Natürlich ist es nicht gerade leicht, Nervosität und Ängste zu beruhigen und auf der wirksamsten Ebene erfordert es äußerst anspruchsvolle Methoden. Zu Beginn werden wir hier ein paar ganz leichte Methoden nutzen. Die anspruchsvollen Methoden werden dann später im Training benutzt, doch für den Moment wollen wir einfach irgendwie anfangen. 

Zusätzlich dazu ist es notwendig, den Geist von Dingen wie Schläfrigkeit, Dumpfheit, ein Gefühl des Missmuts und der Frustration mit unserem Gegenüber zu beruhigen. Wir sollten versuchen, dies loszulassen, während wir unseren Geist beruhigen, auch wenn das Entwickeln eines fürsorglichen Herzens sich spezifischer damit befassen wird. Dieser ruhige Geist ist nur eine Seite dessen, was wir benötigen und es ist äußerst wichtig zu erkennen, dass dies nur eine Hälfte ist, denn es ist nicht so, dass ein ruhiger Geist allein ausreichend für das Entwickeln von Sensibilität ist. Das ist er nicht. Haben wir nur den „ruhigen Geist“, neigen wir dazu, eher unbeteiligt und losgelöst zu sein, was nicht gerade eine sensible Erwiderung ist. 

Die zweite Hälfte dessen, was wir benötigen, ist ein fürsorgliches Herz. In vielen Sprachen, wie Spanisch, gibt es keine genaue Entsprechung für das englische Wort „caring“ und daher ist hier etwas Erklärung erforderlich. Wir sprechen nicht, wie im Spanischen, von einem „warmen Herzen“; das ist etwas anderes. Es geht auch nicht um ein „offenes Herz“ oder darum, sich um jemanden zu sorgen, wie in dem spanischen Wort „preoccupado“. Wir reden hier nicht davon, uns um jemanden zu kümmern, wie eine Krankenschwester oder wie eine Mutter sich um ein Kind kümmert. Vielmehr geht es darum, uns mit uns selbst und anderen zu befassen, sowie die Auswirkungen unserer Handlungen ernst zu nehmen. Wenn wir sie ernst nehmen, interessieren wir uns dafür, jedoch nicht wie ein Wissenschaftler, der sich für einen Käfer unter einem Mikroskop interessiert. Es ist uns wichtig und daher interessieren wir uns dafür. Das ist nicht unbedingt mit einem liebevollen Gefühl verbunden, dieser Ausdruck wäre zu stark. Wir sprechen über die Grundlage der Liebe, nicht über die Liebe selbst. Daher ist der Begriff „warmes Herz“ hier nicht angebracht. 

Vielleicht hilft ein Beispiel, es zu verdeutlichen. Jemand kommt auf der Straße auf uns zu und fragt uns nach dem Weg. Haben wir ein fürsorgliches Herz, nehmen wir den anderen ernst und werden ihm antworten. Ohne ein fürsorgliches Herz würden wir ihn einfach ignorieren. Nehmen wir es jedoch ernst, dass diese Person genauso Empfindungen hat wie wir und sich verlaufen hat, erwidern wir, weil wir sie respektieren. Sie ist ein menschliches Wesen; sie hat sich verlaufen und braucht eine Wegbeschreibung. Es ist nicht einmal so, dass wir die Person als wichtig betrachten, sie lieben oder uns um sie sorgen. Ich bin mir nicht sicher, was die genaue Bedeutung des spanischen Wortes für „seriously“ ist. Sagen wir beispielsweise auf Deutsch, dass wir jemanden ernst nehmen, klingt es irgendwie schwer. Da gibt es keinen Humor, es ist sehr ernst. Aber auch wenn es kein genaues spanisches Wort dafür gibt, ist es egal. Wichtig ist, dass wir verstehen, worum es geht und dann das Wort benutzen, was dem am nächsten kommt. 

Weil wir dieses fürsorgliche Herz haben, beobachten wir das, was geschieht, nicht nur mit einem ruhigen Geist, sondern denken tatsächlich darüber nach. Und auch wenn es angemessener ist, die andere Person allein zu lassen, was in manchen Situationen vielleicht der Fall ist, machen wir mit diesem fürsorglichen Herzen nicht den Fehler, andere um uns herum nur wie einen Film zu betrachten, der nicht real ist, oder zu meinen, es wären keine echten Menschen mit echten Gefühlen. Warum denken wir nicht einmal einen Moment darüber nach? Vielleicht haben wir diese extreme Haltung und denken ganz bewusst, dass alles um uns herum ein Film ist, doch wie betrachten wir andere dann unbewusst? Betrachten wir sie als real in dem Sinne, dass sie, genau wie wir, Gefühle haben, oder behandeln wir andere wie sich bewegende Möbelstücke? 

Wir werden zwar die erste Übung des Trainings nicht ausführen, in der es darum geht zu versuchen, die Unausgeglichenheit, die wir haben, zu identifizieren, aber dies ist es in etwa, worum es dabei geht. Der entscheidende Punkt ist nur, sich nicht schuldig wegen irgendeiner dieser Arten der Unausgeglichenheit zu fühlen. Erkennen wir, dass wir unsensibel oder überempfindlich sind, werden wir das Training als relevant für uns selbst ansehen. Wir werden es nicht als eine kleine Sache betrachten, die wir lernen können, weil sie schön und angenehm ist, wie Körbe zu flechten. 

Für die meisten von uns ist es ziemlich offensichtlich, dass wir keinen ruhigen Geist haben. Die Tatsache, dass wir nicht wirklich ein fürsorgliches Herz haben oder es da eine Unausgeglichenheit gibt, ist nicht so offensichtlich. 

Einen ruhigen Geist entwickeln

Richten wir uns auf die erste Hälfte dieser zwei notwendigen Beine, den ruhigen Geist. Obgleich es im Buddhismus zahlreiche Methoden zum Beruhigen des Geistes gibt, die Teil der Lehren zur Konzentration sind, werden wir uns hier nur auf drei fokussieren. Wir üben uns nicht nur in Selbstbeherrschung, wenn wir merken, dass unser Geist abschweift und wir ihn einfach zurückbringen. Das erfordert jede Menge Reife und Hintergrundwissen. Hier werden wir hingegen drei Methoden nutzen, von denen die erste direkt aus der Gelug/Kagyü-Tradition des Mahamudra stammt. Die zweite ist eine Dzogchen-Methode und sie stammt aus der Karma-Kagyü-Methode des Mahamudra. Vielleicht seid ihr mit diesen Namen nicht vertraut, doch wenn ihr sie kennt, ist es nicht schlecht, eine Vorstellung davon zu haben, woher diese Methoden kommen.

Gelug/Kagyü-Tradition des Mahamudra

Die erste Methode stammt aus der Gelug/Kagyü-Tradition des Mahamudra. Dort wird der Geist als etwas beschrieben, das wie der Himmel oder der Raum ist, und die verschiedenen Gedanken, verbale Gedanken, Bilder usw., wie die vorbeiziehenden Wolken im Himmel. Eine Wolke oder ein Gedanke ist kein festes und beständiges Merkmal des Himmels. Alle Wolken kommen und gehen. Anstatt zu versuchen, an der Wolke festzuhalten, sollten wir sie loslassen und vorbeiziehen lassen. 

Das kann man auf vielerlei Weise tun, doch eine Möglichkeit besteht darin, es zusammen mit dem Atem zu tun. Wenn wir ausatmen, stellen wir uns vor, dass uns die Gedanken mit dem Ausatmen verlassen. Wir atmen normal; der Atem sollte nicht wie ein wilder Sturm oder Hurrikan sein, der den Gedanken mit aller Kraft davonjagt. Es ist nicht so, als hätten wir einen kleinen Käfer in der Nase, den wir loswerden wollen. Vielmehr strömt der Atem aus, wie eine leichte Brise. In dieser traditionellen Methode achten wir darauf, ob es eine Ablenkung gibt und atmen sie aus. Dann gibt es keine kleine Pause und wir atmen wieder ein. Gibt es keine Ablenkungen, keine verbale Gedanken oder ähnliches in unserem Geist, konzentrieren wir uns einfach auf eine andere Person und versuchen das mit einem ruhigen Geist zu tun. An diesem Punkt richten wir uns nicht auf den Atem. Wir atmen einfach mit diesem normalen Zyklus – Ausatmen, Pause und Einatmen – während wir uns auf jemanden richten, und bemerken wir dann eine Ablenkung, atmen wir sie mit diesem Zyklus aus. 

Praxisanleitung für die erste Methode

Zuerst werden wir mit einem „ruhigen Geist“ praktizieren, indem wir uns auf eine andere Person richten und dann werden wir die Praxis mit dem Fokus auf uns selbst ausführen. Wenn wir uns auf andere Menschen richten, werden wir zunächst Bilder oder Gedanken von jemandem benutzen und uns dann direkt auf eine Person vor uns konzentrieren. Bevor wir damit beginnen, solltet ihr euch bewusst sein, dass es keine leichte Sache ist, den Geist zur Ruhe zu bringen und ein hohes Maß an Training erfordert. Diese erste Methode, die wir hier nutzen, ist ganz sanft und mag in manchen Situationen nicht wirklich effektiv sein. Ist sie nicht wirksam, gehen wir zu einer stärkeren Methode, zur zweiten Methode, über. In jeder Situation probieren wir immer erst einmal die sanfte Methode. Wir nehmen beispielsweise nicht gleich Antibiotika, wenn wir Kopfschmerzen haben. 

Wir haben eine Kopie von dem Bild einer Frau verteilt und werden all unsere Übungen in Schritten machen. Genau wie mit der Arbeit am Computer, müssen wir einem bestimmten Vorgang folgen, um ein Programm zu öffnen, und einem bestimmten Vorgang, um es zu schließen. Hier besteht unser Vorgang des Öffnens und Schließens darin, sich auf den Atem zu konzentrieren, während wir nach unten auf den Boden schauen oder mit geschlossenen Augen. 

  • Wir beginnen, indem wir uns auf den Atem ausrichten. Wir können uns einfach darauf fokussieren, wie der Atem durch die Nase ein und wieder ausströmt. Dabei atmen wir normal und halten den Atem beim Einatmen nicht an, sondern folgen der Methode, die in der westlichen Atemtherapie empfohlen wird. Diese Methode besteht darin, eine kleine Pause nach dem Ausatmen zu machen, damit wir ganz natürlich tiefer einatmen, ohne es zu erzwingen. Wir atmen natürlicherweise stärker und tiefer ein, jedoch nicht auf erzwungene Weise.  
  • Dann betrachten wir das Bild der Frau. Wir halten es hoch und lassen es nicht auf dem Boden liegen, denn sonst ist unser Blick nach unten gerichtet, was zu einem Schwindelgefühl führen kann. 
  • Alle Arten von verbalen Gedanken oder geistigen Bildern, die wir vielleicht haben, wie uns eine ganze Szene vorzustellen, diese Frau auf der Straße zu treffen und dergleichen, lassen wir einfach los. Wir atmen sie aus. Jegliche verbale Gedanken, die wir haben mögen, wie: „ich frage mich, was für eine Familie sie wohl hat“, und ähnliches lassen wir ebenfalls los. 
  • In ähnlicher Weise lassen wir auch alle anderen Gedanken los, die wir eventuell haben und die mit dieser Frau gar nichts zu tun haben, wie „ich habe Hunger“ oder was auch immer. 
  • Wir betrachten die Frau mit einem ruhigen offenen Geist. Als Hilfestellung und Erinnerung können wir das Wort „loslassen“ benutzen. Wir wiederholen es nicht wie ein Mantra, sondern nur gelegentlich als Erinnerung daran loszulassen.  
  • Schließlich legen wir das Bild hin und lassen die Erfahrung zur Ruhe kommen.   
  • Nachdem die Erfahrung für ein paar Minuten zur Ruhe gekommen ist, konzentrieren wir uns auf den Atem.

Bemerkungen oder Fragen

Habt ihr irgendwelche Bemerkungen oder Fragen dazu? Oft passiert es, dass es etwas schockierend für uns ist, wenn wir beim ersten Versuch solch einer Übung bemerken, wie viel geistiges Geschwätz und Lärm sich da in unserem Kopf abspielt. Das ist nichts Ungewöhnliches; wir haben es zuvor nur nie bemerkt oder darauf geachtet. Wohnen wir beispielsweise an einer belebten Straße und haben nie wirklich darauf geachtet, wie viele Autos vorbeifahren, denken wir wahrscheinlich, wenn wir uns hinsetzen und sie wirklich zählen, dass es mehr als gewöhnlich sind. Es ist jedoch nicht so, dass es mehr sind; wir haben nur noch nie darauf geachtet.

Wenn ich versuche auszuatmen, scheint es für einen Augenblick, als würde ich meinen Geist beobachten, doch plötzlich wird mir dann bewusst, dass ich ja das Bild betrachten soll. Für einen Moment ist es nur schärfer und geht dann wieder weg, was ziemlich verwirrend ist. Es ist ziemlich viel los in meinem Geist und ich denke ständig an das Ausatmen. Ich richte mich auf den Atem und wenn ich dann plötzlich das Bild ansehe, ist es schärfer. Das ist meine Erfahrung.

Das ist ganz natürlich. Wenn wir an etwas denken, ist unsere Aufmerksamkeit nicht vollständig bei der Person. Sobald wir diesen Gedanken loslassen, wird unsere Aufmerksamkeit größer und das Bild wird heller oder klarer. Während wir daran arbeiten und immer tiefer in diese Erfahrung eintauchen, ist es auch wichtig, die Paranoia über irgendwelche belanglosen Gedanken loszulassen, die aufkommen. All das sollten wir ebenfalls loslassen, denn wenn wir diese Paranoia haben, schenken wir der anderen Person keine Aufmerksamkeit. Das ist ziemlich heikel. Wie schenken wir dem, was gerade stattfindet, Aufmerksamkeit? Wie können wir introspektiv sein, ohne Paranoia zu bekommen? Der entscheidende Punkt ist, sich auf die andere Person zu konzentrieren. Hier geht es um eine Situation, in der wir mit anderen zusammen sind und sie mit uns reden. Das Ziel besteht darin, uns darauf zu konzentrieren, was sie sagen, ohne dass unser Geist an etwas anderes denkt oder einfach woanders ist. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, an dem festzuhalten, was wir hören oder was wir sehen. Kommt dann auf natürliche Weise etwas hoch, wie ein anderer Gedanke, nehmen wir von ihm Notiz und lassen ihn los.

Ich fand es ziemlich schwierig, die Situation nicht zu beurteilen. In dem Moment, in dem ich das Bild der Frau sah, dachte ich, dass sie meine Mutter sein könnte. Es kamen Gedanken hoch, wie: „Wo hat sie sich ihre Haare machen lassen? Wo lebt sie?“ oder ähnliches. Meine Aufmerksamkeit nur auf die Person zu richten war wirklich schwierig. Ich glaube, wenn ich mich ohne all diese Gedanken einfach auf die Person konzentrieren könnte, wäre das der Sinn dieser Übung, aber ich fand es ziemlich schwierig.

Das stimmt genau. Es ist wirklich schwierig, sogar wenn wir es mit dieser einfachsten Situation üben, in der wir jemandem begegnen, den wir nicht kennen. Solche Situationen haben wir ständig. Wenn wir in einer Schlange an der Kasse warten und andere Menschen sehen, was läuft da in unseren Köpfen ab? Beurteilen wir sie, erfinden alle möglichen Geschichten und ähnliches? Lamentieren wir im Innern, weil es so viele Leute in der Schlange gibt und wünschen wir uns, als erster dranzukommen? Haben wir kein Gespür für andere Leute und keine fürsorgliche Haltung, sind wir nicht offen dafür, uns zu beruhigen.

Was mir passiert ist, als ich diese Frau angesehen habe, ist, dass ich plötzlich eine Sanftheit gegenüber ihr empfunden habe. Es fühlte sich so an, als könnte ich meinen Geist beruhigen und dann entstand ganz natürlich dieses sanfte Gefühl. Es kam nicht ganz langsam, sondern plötzlich.

Das ist im Grunde etwas, womit wir in späteren Übungen arbeiten. Wenn wir ruhiger werden und zur Ruhe kommen, werden diese natürlichen Talente und Qualitäten des Geistes zum Vorschein kommen und zugänglich sein. Eine von ihnen ist diese Warmherzigkeit und Sanftheit, doch darauf kommen wir später. Diese Übung des Beruhigens und Loslassen ist lediglich die Basis, die zu dieser Art von Zugang führen kann.

Während dieser Übung war es ziemlich interessant zu sehen, wie mein Geist immer Wege fand, das zu tun, was er wollte. Egal, was gerade passiert, findet er immer einen Weg, die Kontrolle zu übernehmen. In diesem gegenwärtigen Moment meines Lebens sorge ich mich um jemanden und als ich diese Frau ansah, konnte ich mit meinen Gedanken nicht so leicht dabeibleiben. Als ich mir zum Beispiel das Gesicht dieser Frau ansah, kamen ein paar Gedanken hoch und in wenigen Momenten war ich vollkommen von diesen Dingen abgelenkt, die meinen Geist in diesen letzten Tagen beschäftigen. 

Das ist eine wirklich wichtige Sache, die wir versuchen sollten, in unseren Begegnungen und Beziehungen mit anderen zu bemerken und zu korrigieren. Oft wird uns jemand an einen anderen erinnern. Der grobe Aspekt wäre dann, dass wir beginnen, an die andere Person zu denken. Ein subtilerer Aspekt ist, dass wir auf diese Person eine andere projizieren und erwarten, dass sie genauso agieren und erwidern wird, wie die andere Person. Vielleicht hat uns die andere Person im Stich gelassen und enttäuscht, und dann meinen wir, diese Person wird uns auch im Stich lassen und enttäuschen. Das ist eine Projektion und daher ist es notwendig, all das zu dekonstruieren, wie wir es in späteren Übungen lernen werden. Die erste und einfachste Methode besteht darin loszulassen. 

Beim Ausführen der Übung, habe ich, sobald ich begonnen habe, diese Frau anzusehen, gleich angefangen, sie zu beschreiben, wie „was für ein schönes Lächeln“ usw. Ich fand es fast unmöglich, das nicht zu tun. Ich habe mir Sorgen gemacht, wie ich damit aufhören könnte und fragte mich, ob ich eine Person betrachten könnte, ohne sie zu beschreiben und sie praktisch fast so zu betrachten, als wäre sie kein Mensch. Wie können wir es schaffen, die Person nicht durch ihre äußere Erscheinung zu beschreiben?  

Das Problem ist hier die falsche Vorstellung, etwas verbalisieren zu müssen, um es zu verstehen. Wenn ich dich sehe, weiß ich, dass du eine Frau bist. Ich muss es nicht in meinem Kopf sagen und dich als eine Frau beschreiben. Ich muss nicht geistig verbalisieren: „das ist eine Frau“. Du kannst mich ansehen und weißt, dass ich ein Mann bin. Du musst es nicht in deinem Kopf sagen, um es zu wissen, oder? Damit kommen wir natürlich zu einem ausgesprochen tiefgreifenden und hochphilosophischen Punkt. Damit berühren wir die Oberfläche dieses Problems, das darin besteht, dass wir meinen etwas „echt“ zu machen, wenn wir es in Worte fassen oder verbalisieren. Wir denken das Verbalisieren selbst würde etwas real machen. 

Im buddhistischen Training ist das ein Punkt, mit dem wir uns sehr genau befassen. Wir untersuchen, ob es eine Sache wirklich real macht oder nicht. Genauso verhält es sich, wenn wir uns im Spiegel betrachten. Macht uns das real? Die Menschen müssten sich ja dann ständig selbst betrachten. Macht es uns real, wenn uns jemand berührt und wir menschlichen körperlichen Kontakt spüren können? All das ist auch etwas, das man erforschen muss. Das kommt jedoch viel später im Training.

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