Das erste und zweite der fünf umfassenden Merkmale (tib. lnga-bsdus) eines tibetischen Kalenders sind der Mondwochentag (tib. gza’) und das Datum des Mondmonats (tib. tshe). Diese sind an dem Mechanismus beteiligt, durch den Mond- und Solarkalender in Einklang gebracht werden. Um Mondwochentage zu verstehen, ist es notwendig, Monddatentage (tib. tshe-zhag) und deren Unterscheidung von Solartagen (tib. nyin-zhag) zu verstehen.
Monddatentage und Solartage
Monddatentage sind der Zeitraum, den der Mond benötigt, um ein Fünfzehntel des Abstands zwischen der Neumond- und der Vollmondposition bzw. der Vollmond- und der Neumondposition in jedem aufeinanderfolgenden Tierkreiszeichen zurückzulegen. Sie unterteilen die zunehmende und abnehmende Phase des Mondes in 15 Einheiten. Solartage sind der Zeitraum von Morgengrauen zu Morgengrauen.
Westliche Tage sind in 24 Stunden unterteilt. Im tibetischen System sind die meisten Arten von Tagen in 60 astronomische Stunden unterteilt. Genauso wie jeder Solartag in 60 solare astronomische Stunden unterteilt ist, ist jeder Monddatentag in 60 lunare astronomische Stunden unterteilt. Solare und lunare astronomische Stunden sind in ihrer Länge nicht gleich, genau wie sich diese beiden Arten von Tagen in ihrer Länge unterscheiden.
Westliche Tage sind solar und dauern von Mitternacht zu Mitternacht. Sie sind alle von gleicher Länge. Tibetische Solartage reichen von Morgengrauen zu Morgengrauen. Da sich die Zeit des Morgengrauens jeden Tag ändert und am selben Tag umso unterschiedlicher ist, je weiter man vom Äquator entfernt ist, variieren tibetische Solartage in ihrer Länge. Für Kalenderzwecke wird das Morgengrauen jedoch standardmäßig auf 5 Uhr morgens festgelegt. Folglich haben die im Kalender verwendeten tibetischen Solartage eine Standardlänge.
Zwischen Neumonden liegen ungefähr 29,5 Solartage, während es im selben Zeitraum 30 Monddatentage gibt. Ein Mondmonat hat demnach entweder 29 oder 30 Solartage, während er stets 30 Monddatentage umfasst. Aufgrund der Diskrepanz zwischen der Anzahl der Solar- und Monddatentage in einem Mondmonat findet der exakte Neumond in jedem Monat nicht genau zur gleichen Zeit des Solartags statt. Mit anderen Worten: In jedem Monat beginnt der erste Monddatentag zu einer anderen Uhrzeit am ersten Solartag dieses Monats.
Obwohl Solartage zudem alle eine standardisierte, gleiche Länge haben, sind Monddatentage nicht in ähnlicher Weise standardisiert.
Die Bewegung des Mondes ist mit der der Sonne verknüpft. Man stelle sich ein Kind vor, das im Inneren eines riesigen Reifenschlauchs herumläuft und dabei einen Ball vor sich wirft. Jedes Mal, wenn es den Ball wirft, schickt es ihn im Kreis um die Innenseite des Schlauchs. Der Ball holt das Kind von hinten ein, woraufhin es ihn fängt und erneut wirft. Die Bewegung der Sonne durch den Tierkreis gleicht der des Kindes, während die Bewegung des Mondes in seinem Phasenzyklus der des Balles gleicht. Der Neumond entspricht dem Moment, in dem das Kind den Ball fängt und dann wirft. Der Vollmond entspricht dem Moment, in dem sich der Ball genau an dem Punkt im Reifen befindet, der dem Kind gegenüberliegt, sodass er beginnt, zu ihm zurückzukehren, anstatt sich weiter zu entfernen.
Man stelle sich vor, dass das Kind in verschiedenen Teilen des Reifenschlauchs unterschiedlich schnell läuft. Unabhängig davon, wo sich das Kind im Schlauch befindet, stelle man sich zudem vor, dass sich der Ball je nach Entfernung zum Kind mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegt. Daher hängt die Zeitspanne, die der Ball benötigt, um ein Fünfzehntel der Strecke vom Kind weg oder zu ihm zurückzulegen, sowohl davon ab, wie schnell das Kind läuft, als auch davon, wie schnell sich der Ball allein aufgrund seines Wurfes bewegt. Ebenso hängt die Zeitspanne, die der Mond benötigt, um einen Monddatentag zurückzulegen – mit anderen Worten ein Fünfzehntel des Weges von Neu- zu Vollmond oder von Voll- zu Neumond –, davon ab, wo sich die Sonne im Tierkreis befindet und wo sich der Mond in seinem zunehmenden oder abnehmenden Phasenzyklus befindet.
Da der Beginn des ersten Monddatentags einer Mondmonatshälfte also nicht notwendigerweise mit dem Beginn des ersten Solartags dieser Monatshälfte übereinstimmt und da die Längen jedes der 15 Monddatentage während der Monatshälfte unterschiedlich sind, decken sich die Monddatentage der Monatshälfte folglich nicht mit den Solartagen. Während 60 solarer Stunden zwischen dem Morgengrauen zweier aufeinanderfolgender Solartage können 54 bis 64 lunare Stunden vergehen. Entweder ein, zwei oder gar keine Monddatentage können während dieses Solartags beginnen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Monddatentage etwas länger oder kürzer als Solartage sein oder ihnen in der Länge entsprechen können. Jede Stunde eines Monddatentags kann beim Morgengrauen – dem Beginn des Solartags – auftreten. Zwischen dem Morgengrauen zweier aufeinanderfolgender Solartage kann ein variierender Teil eines Monddatentags vergehen.
Mondwochentage und Solartage
Um den Mondkalender und den Solarkalender miteinander in Einklang zu bringen, müssen die Monddatentage den Solartagen zugewiesen werden. Das Kalachakra-System nimmt diese Zuweisung vor, indem es mit Mond- und Solartagen sowie den Daten des Mondmonats arbeitet. Der Kalender ist nach Solartagen angeordnet, von denen jeder ein Datum und einen Wochentag trägt. Die Monddatentage werden in Mondwochentage umgewandelt und darüber gelegt.
Obwohl die Anzahl der Mondphasen- und Solartage in einem Mondmonat unterschiedlich sein kann, ist die Anzahl der Mond- und Solartage der Woche immer gleich. Aber Mondwochentage sind nicht dasselbe wie Solartage der Woche.
- Solare Wochentage sind eine Möglichkeit, Solartage in Zyklen von 7 zu zählen, und sind den Solartagen völlig äquivalent. Sowohl Solartage als auch solare Wochentage beginnen zur gleichen Zeit und dauern 60 Solarstunden.
- Monddatentage erzeugen Mondwochentage. Manchmal sind diese beiden Arten von Mondtagen äquivalent, manchmal nicht. Ein Mondwochentag kann entweder einen, zwei oder keinen Monddatentag abdecken. Daher kann ein Mondwochentag – obwohl ein Monddatentag 60 lunare Astro-Stunden hat – eine unterschiedliche Anzahl an lunaren Astro-Stunden umfassen.
Solare Wochentage beginnen an einem festen Punkt jedes Solartags, nämlich an dessen Beginn. Mondwochentage beginnen nicht notwendigerweise zur gleichen Zeit wie Monddatentage, und beide beginnen nicht jeden Solartag zur gleichen Zeit. Aus diesem Grund stimmen die Mondwochentage, die die Monddatentage zählen, nicht mit den solaren Wochentagen überein, die die Solartage zählen. Sowohl den solaren als auch den lunaren Wochentagen werden jedoch Zahlen von 0 bis 6 zugewiesen, wobei Null für Samstag steht. Auch Monddatentage werden in Zyklen von sieben von 0 bis 6 durchnummeriert.
Daten des Mondmonats
Das zweite umfassende Kalendermerkmal sind die Daten des Mondmonats. Diese sind von eins bis 30 durchnummeriert und dauern nach Art der Solartage von Morgengrauen zu Morgengrauen. Die Daten des Mondmonats nummerieren die Solartage und nummerieren somit auch die solaren Wochentage.
Man stelle sich 30 Solartage vor, durchnummeriert von eins bis 30, die theoretisch für die Verwendung in einem Mondmonat zur Verfügung stehen. Jedem muss ein solarer Wochentag zugewiesen werden. Es gibt in einem Mondmonat immer 30 Monddatentage und folglich 30 Mondwochentage: Eine Mondphase kann nicht übersprungen werden. Der Mondwochentag, der beim Morgengrauen jedes Solartags auftritt, bestimmt den diesem Tag zugewiesenen solaren Wochentag. Wären die Mondwochentage alle von gleicher Länge, wäre die Zuweisung unkompliziert, eins zu eins. Wenn beispielsweise der lunare Sonntag beim Morgengrauen des ersten Solartags aufträte, wäre dieser Tag ein solarer Sonntag und der Erste des Monats. Wenn der lunare Montag irgendwann während dieses ersten Solartags beginnen und beim Morgengrauen des zweiten immer noch stattfinden würde, wäre der zweite Solartag ein solarer Montag und das Datum der zweite. Dieser Vorgang würde sich den ganzen Monat über in symmetrischer Weise fortsetzen.
Die Mondwochentage variieren jedoch in ihrer Länge. Angenommen, der lunare Montag begann fünf Minuten vor dem Morgengrauen des zweiten Solartags und der lunare Dienstag begann fünf Minuten nach dem Morgengrauen des dritten Solartags. Der lunare Montag tritt dann beim Morgengrauen sowohl des zweiten als auch des dritten theoretischen Solartags auf, weshalb sowohl der zweite als auch der dritte ein solarer Montag wären. Dies ist jedoch nicht zulässig. Die Regel besagt, dass solare Wochentage aufeinanderfolgen müssen, ohne dass Wochentage doppelt hintereinander vorkommen oder ausgelassen werden. Würden zwei aufeinanderfolgenden theoretischen Solartagen jeweils derselbe solare Wochentag zugewiesen werden, wird der zweite der beiden weggelassen. Daher wird im obigen Beispiel der theoretische Solartag mit der Nummer drei ausgelassen. Man beachte, dass diese Anpassung weder einen Mond- noch einen solaren Wochentag eliminiert. Sie eliminiert lediglich ein Datum. Der solare Montag ist Datum zwei und der solare Dienstag ist Datum vier.
Angenommen, der lunare Montag begann fünf Minuten nach dem Morgengrauen des zweiten theoretischen Solartags und der lunare Dienstag begann fünf Minuten vor dem Morgengrauen des dritten, würde der lunare Sonntag somit beim Morgengrauen des zweiten und der lunare Dienstag beim Morgengrauen des dritten theoretischen Solartags auftreten. Dies würde den zweiten zu einem solaren Sonntag und den dritten zu einem solaren Dienstag machen. Auch dies ist nicht zulässig. Es muss einen solaren Montag dazwischen geben. Theoretische Solartage sind keine tatsächlichen Solartage, weshalb ein zusätzlicher theoretischer Tag hinzugefügt werden kann. Dieser hinzugefügte Tag wird ein solarer Montag sein, benannt nach dem lunaren Montag. Wann immer ein zusätzlicher solarer Wochentag hinzugefügt wird, erhält er dasselbe Datum wie der Tag nach ihm. Daher gibt es zwei theoretische Solartage mit der Nummer drei. Der erste dieser beiden ist der solare Montag und der zweite der beiden der solare Dienstag. Man beachte, dass diese Anpassung keinen verdoppelten Mond- oder solaren Wochentag hinzufügt. Sie verdoppelt lediglich ein Datum.