Einzelheiten der tibetischen Astrologie 5: Historische Übersicht

Historische Entwicklung der Astrologie in China 

Lassen Sie uns nun ein wenig über die Geschichte der Astrologie sprechen, zunächst in China und wie sie nach Tibet gelangte und sich dort entwickelte. Das System der 10 Himmlischen Stämme und 12 Irdischen Zweige, die zu einem 60er-Zyklus für die Zählung der Tage kombiniert wurden, findet sich auf Orakelknochen der Shang-Dynastie ab dem 16. Jahrhundert v. Chr. Etwa ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. wurden die 12 Zweige für die Nummerierung von Jahren und Monaten verwendet. In den Kalenderreformen der Han-Dynastie von 104 v. Chr. wurden die Namen der 12 Zweige auf die zweistündigen astrologischen Tagesperioden und der 60-Jahre-Zyklus aus Stämmen und Zweigen auf die offizielle Jahreszählung angewendet. Auf inoffizieller Ebene wurden die Jahre jedoch bis in die Gegenwart hinein weiterhin einfach über die 12 Zweige bezeichnet.

Obwohl es Ansprüche auf sein extremes Altertum gibt, stammt die erste tatsächliche textliche Formulierung der Fünf Elemente aus dem Teil „Große Norm“ (Hongfan 洪範 / 洪范) des „Buches der Dokumente“ (Shujing 書經 / 书经; „Klassiker der Geschichte“) zwischen dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. Dort ist die Reihenfolge der Elemente Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr., in einem Kompendium philosophischer Ansichten – insbesondere jener, die mit den zyklischen Historientheorien von Zou Yan (Tsou Yen 鄒衍 / 邹衍) in Verbindung stehen – sowie im Klassiker namens „Monatliche Verordnungen“ (Yueling 月令), findet sich die heutige Reihenfolge von Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Die vollständigen Beziehungen von Mutter-Kind und Feind-Freund werden nicht erwähnt, aber jedes Element wird so beschrieben, dass es das jeweils nächste erzeugt und von dem übernächsten überwunden wird. Jedes Element herrscht über eine Himmelsrichtung und eine Jahreszeit: 

  • Holz über den Osten und den Frühling; 
  • Feuer über den Süden und den Sommer; 
  • Metall über den Westen und den Herbst; 
  • Wasser über den Norden und den Winter; und 
  • Erde über das Zentrum, es unterstützt alle anderen Elemente.  

Verbindung mit den Tier- und Elementen-Zyklen 

Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden die 12 Tiere mit den 12 Zweigen und die 5 Elemente mit den 10 Stämmen verknüpft, wobei jeweils ein Element in Yang- und Yin-Ausprägung für zwei Stämme steht. Obwohl die Tiere als Ersatz für die Zweige verwendet werden können, sind sie jedoch keine exakten Äquivalente, da – wie bereits erwähnt – die Yin/Yang-Zugehörigkeiten unterschiedlich sind. Die Zweige sind abwechselnd Yang und Yin, beginnend mit Yang. Für die Tiere gilt Folgendes: 

  • Ratte und Büffel – Yin; 
  • Tiger – Yang; 
  • Hase – Yin; 
  • Drache, Schlange, Pferd und Ziege – Yang; 
  • Affe – Yin, manchmal aber auch Yang; 
  • Hahn – Yang; sowie 
  • Hund und Schwein – Yin.  

Die Zählung der Element-Tier-60-Jahre-Zyklen begann im Jahr 364 n. Chr., sodass der gegenwärtige 27. chinesische Zyklus 1984 begann.

Es gibt erhebliche wissenschaftliche Debatten darüber, ob die Chinesen den Tierzyklus von ihren zentralasiatischen Nachbarn übernommen und an das einheimische System der 12 Zweige angepasst haben oder ob die Zentralasiaten ihn von den Chinesen übernommen haben, da Tiernamen übersetzt werden können, während die Wörter für die Zweige und Stämme rein phonetisch und unübersetzbar sind. Jedenfalls findet sich der 12-Tiere-Zyklus nicht nur in ganz Zentral-, sondern auch in Südost- und Ostasien. Ab dem Ende des 6. Jahrhunderts findet er sich für die Jahreszählung bei den Osttürken, und innerhalb der folgenden Jahrhunderte tauchte er so weit westlich wie bei den türkischen Protobulgaren auf. Man findet ihn heutzutage sogar in Teilen des Nahen Ostens, etwa bei den Kurden und in der Türkei. 

Im 4. Jahrhundert wurde die Zuordnung der Elemente nicht nur zu den 10 himmlischen Stämmen, sondern auch zu jedem der 12 irdischen Zweige und den 60 Stamm-Zweig-Kombinationen standardisiert. Die 10 Stämme wurden, jeweils zwei der Reihe nach, zuerst mit Holz, dann mit Feuer, Erde, Metall und Wasser verknüpft. Jedes dieser Elemente ist das Kind-Element des vorangegangenen. Die 12 Zweige mit ihren entsprechenden Tieren wurden mit den Elementen der Monate der Jahreszeiten verknüpft, wie sie zuvor in den bereits erwähnten „Monatlichen Verordnungen“ formuliert worden waren. 

  • Frühling – Holz;  
  • Sommer – Feuer; 
  • Herbst – Metall; 
  • Winter – Wasser; und  
  • die Zwischenjahreszeiten – Erde.  

Zwei Monate und somit jeweils zwei Zweige und zwei Tiere wurden mit den vier Hauptjahreszeiten verknüpft, und jeweils einer von beiden mit jeder Zwischenjahreszeit, obwohl in anderen Kontexten die Hauptjahreszeiten jeweils 72 Tage und die Zwischenjahreszeiten nur jeweils 18 Tage umfassen. 

Die Sequenz beginnt Mitte des Winters während des Monats, in dem die Wintersonnenwende stattfindet. Somit gilt Folgendes:

  1. 1. Zweig – Winter, Wasser; 
  2. 2. Zweig – Zwischenjahreszeit, Erde; 
  3. 3. und 4. Zweig – Frühling, Holz; 
  4. 5. Zweig – Zwischenjahreszeit, Erde; 
  5. 6. und 7. Zweig – Sommer, Feuer; 
  6. 8. Zweig – Zwischenjahreszeit, Erde;  
  7. 9. und 10. Zweig – Herbst, Metall; 
  8. 11. Zweig – Zwischenjahreszeit, Erde; und 
  9. 12. Zweig – Winter, Wasser.  

Bei den Stein-Elementen, die den zuvor erwähnten 12 Tieren zugewiesen werden, entsprechen die Lebenskraft-Elemente exakt diesem Satz an Elementen der korrespondierenden irdischen Zweige, beginnend mit der Ratte.

Die den 60 Stamm-Zweig-Kombinationen zugewiesenen Elemente entsprechen den Körper-Stein-Elementen für jedes der 60 Tiere im 60-jährigen Element-Tier-Zyklus. Im tibetischen Schema werden sie wie folgt abgeleitet. Zuerst bestimmt man das Schlüssel-Element für jedes der Tiere. Diese lauten: 

  • Holz für die ersten beiden Tiere in der chinesischen Reihenfolge: Ratte und Büffel; 
  • Wasser für die nächsten beiden; und 
  • Eisen für die darauf folgenden beiden.  
  • Diese Sequenz aus Holz, Wasser und Eisen wiederholt sich dann, jeweils für zwei Tiere der Reihe nach, bis zum Ende.  

Man prüft dann, in welcher Beziehung das befähigende Element zum Schlüssel-Element steht, was sich in diesem Fall auf das Element des himmlischen Stammens bezieht. 

  • Ist es der Feind des Schlüssel-Elements, ist das Körper-Stein-Element Erde; 
  • ist es der Freund, Feuer; 
  • ist es dasselbe, Eisen; 
  • ist es die Mutter, Holz; und 
  • ist es das Kind, Wasser. 

Klassische chinesische Systeme der Astrologie 

In der Sparte der klassischen chinesischen Astrologie, die als „Vier Säulen“ (suzhu 四柱) oder populärer als „Acht Zeichen“ (bazi 八字) bekannt ist, repräsentieren die vier Säulen die Stamm-Zweig-Kombination bzw. das „Binom“ für das Geburtsjahr, den Geburtsmonat, den Geburtstag und die Geburtsstunde. Diese setzen sich aus den acht Zeichen zusammen, nämlich den Zeichen für die vier einzelnen Stämme und die vier einzelnen Zweige. In dieser Form der Astrologie werden diese vier und acht sowie die jedem zugewiesenen Elemente auf Kompatibilität und Ähnliches analysiert, um die grundlegende Persönlichkeit und das Schicksal einer Person zu interpretieren. Dieses System gelangte, ebenso wie das der I-Ging-Astrologie, mit Ausnahme einiger kleinerer Aspekte, tatsächlich in keiner tibetischen Form zur Anwendung. 

Frühe Geschichte in Tibet, der Mongolei und bei den Uiguren 

Chinesische astrologische Texte gelangten vor den indischen nach Tibet. Dies geschah zur Zeit von König Songtsen Gampo, dem Begründer des großen tibetischen Reiches. Unter seinen Gemahlinnen befanden sich sowohl eine chinesische als auch eine nepalesische Prinzessin; Erstere, Kong-jo, brachte im Jahr 649 n. Chr. verschiedene chinesische astrologische sowie medizinische Texte mit. Innerhalb weniger Jahre wurde die Verwendung der 12 Tierbezeichnungen für die Jahre eingeführt. Dies war über die folgenden zwei Jahrhunderte praktisch das ausschließliche System, das in Tibet genutzt wurde. Nur in Ausnahmefällen – wie der Inschrift des sino-tibetischen Vertrags von 821 n. Chr. in Lhasa sowie bestimmten tibetischen Inschriften aus denselben Jahren in den Dunhuang-Höhlen im westlichen Gansu – fand der 60-jährige Element-Tier-Zyklus Anwendung, der zu dieser Zeit in China üblich war.   

In der Mongolei lässt sich der 12-Tiere-Zyklus für die Jahreszählung in türkischen und uigurischen Inschriften ab dem 8. Jahrhundert nachweisen. Da es bereits osttürkische Beispiele hierfür aus dem späten 6. Jahrhundert gab, handelte es sich zweifellos um deren Fortführung. Als die Uiguren 840 n. Chr. aus der Mongolei flohen und sich in der Turfan-Region Ostturkestans sowie im westlichen Gansu – unweit von Dunhuang – niederließen (womit beide Regionen innerhalb weniger Jahre ihre tibetische Vorherrschaft verloren), führten sie diesen Brauch auf Volksebene fort. Im Jahr 1201 n. Chr. übernahm Dschingis Khan das System von den Uiguren, die er friedlich unterworfen hatte, und verbreitete es über das gesamte Mongolische Reich. 

Die Uiguren machten von der Mitte des 9. Jahrhunderts an – ab der Zeit ihrer Migration nach Südwesten – bis mindestens zum Ende des 17. Jahrhunderts auf offizieller staatlicher Ebene sowie in buddhistischen Klöstern ebenfalls Gebrauch vom 60-jährigen Element-Tier-Zyklus. Die von ihnen verwendete Version unterschied sich jedoch von derjenigen Tibets und Chinas. 

In den beiden Letztgenannten entspricht die Reihenfolge, in der die Elemente den Jahrespaaren zugeordnet werden, der Standardsequenz von Holz, Feuer, Erde, Eisen und Wasser. Wie vor kurzem erwähnt, gibt es im 60-jährigen Zyklus für die Stein-Berechnungen fünf Sätze von Elementen, die jedem der 12 Tiere in ihren Kombinationen mit befähigenden Elementen zugeordnet sind. Von diesen fünf entspricht dies dem Satz der Macht-Elemente. Im klassischen chinesischen System ist der Zyklus der 60 Stamm-Zweig-Kombinationen – wie eben ausgeführt – mit einem hiervon abweichenden Satz von Elementen verknüpft, welcher dem der Körper-Stein-Elemente entspricht. 

In den uigurischen Manuskripten und Dokumenten dieser Periode wird der 60-jährige Zyklus durch ein System bestimmt, das ein Hybrid aus beiden zu sein scheint. Die Jahre werden mit Kombinationen aus Tieren und dem Satz der Körper-Elemente benannt, die normalerweise eher in Verbindung mit den bloßen 60 Stamm-Zweig-Paaren auftreten würden. Diese Variante findet sich vereinzelt in tibetischen Dokumenten aus Dunhuang während der Zeit der uigurischen Herrschaft, ist jedoch ansonsten in der tibetischen Tradition nicht vertreten. Merkwürdigerweise taucht sie im 19. und 20. Jahrhundert auch in der chinesischen Tradition auf.

Nach einer Periode des Niedergangs in Tibet im 9. Jahrhundert kam ab dem 10. Jahrhundert eine neue Welle von chinesisch geprägtem astrologischem Einfluss aus der Region Khotan in Ostturkestan. Diese wurde mit den verbliebenen, fragmentierten Überlieferungen der alten Periode verschmolzen. Ein neues, definitives System der Elementen-Berechnungen wurde daraufhin von dem tibetischen Astrologen Dharmakara geschaffen, das nun auch Todes-, Eheschließungs-, Hindernis- und Horoskopberechnungen sowie Geomantie umfasste. Ab dem 11. Jahrhundert wurde der 60-jährige Element-Tier-Zyklus in Tibet standardmäßig in seiner heutigen Form und nicht in der uigurischen Variation verwendet. 

In heutigen tibetischen Kalendern wird zusätzlich die königliche Jahreszahl angegeben. Dies ist die Zählung der Jahre seit der Thronbesteigung des ersten tibetischen Königs Nyatri Tsenpo im Jahr 127 v. Chr. Wann dieses System der königlichen Jahre eingeführt wurde, ist mir nicht bekannt.

Geschichte der Kālacakra-Astrologie-Texte in Indien 

Die indische Seite der astrologischen Texte gelangte mit der Einführung des Kālacakra-Tantra nach Tibet, wovon sie Teil des ersten Kapitels über die äußeren Zeitzyklen bildet. Gemäß der buddhistischen Tradition wurden die Kālacakra-Lehren als Ganzes ursprünglich vom Buddha am Shri Dhanyakataka Stupa nahe dem heutigen Amaravati in Andhra Pradesh, Südindien, dargelegt. Sie wurden in Form des Kālacakra-Wurzel-Tantra (tib. Dus-’khor rtsa-rgyud, Skt. Mulakālacakratantra) in Shambhala bewahrt, einem reinen menschlichen Bereich im Norden, der jedoch kein vollkommen physischer Ort auf dieser Erde ist. Später wurden in Shambhala das Verkürzte Kālacakra-Tantra (tib. bsDus-rgyud, Skt. Laghukālacakratantra) und dessen Kommentar „Makelloses Licht“ (tib. Dri-med ’od, Skt. Vimalaprabha) verfasst. 

Es ist schwer herauszufinden, ob davon etwas in schriftlicher Form vorlag oder nur mündlich überliefert wurde. In jedem Fall ging das Kālacakra-Wurzel-Tantra verloren und nur die beiden letztgenannten Texte wurden überliefert. Sie wurden mit Sicherheit zu Beginn des 11. Jahrhunderts – vielleicht auch bis zu ein Jahrhundert früher, was jedoch schwer zu datieren ist – wieder in Indien eingeführt. Ob man Shambhala und den traditionellen historischen Bericht akzeptiert oder nicht: In jedem Fall erschien das Kālacakra-System zu dieser Zeit in schriftlicher Form in Indien. Es fand sich in den großen Klosteruniversitäten Nordindiens wie Nalanda und verbreitete sich sogar bis nach Myanmar. Atisha berichtete von dessen Präsenz auf Java im frühen 11. Jahrhundert, bevor er nach Tibet kam.

In „Makelloses Licht“ werden vier indische astrologische Lehrsysteme erwähnt, darunter ein „Romaka“-System, das zweifellos griechisch-römischen Ursprungs ist. Im „Makellosen Licht“ wird die Tatsache beklagt, dass diese vier Systeme durch nicht-indischen Einfluss verfälscht worden sind. Es ist nicht leicht festzustellen, was dieser Einfluss war oder woher er stammte. Der Sanskrit-Begriff für nicht-indisch, „mleccha“, wurde für Griechen, Araber, Türken und im Allgemeinen für jeden verwendet, der kein Sanskrit sprach. Im Jahr 1031 n. Chr. besuchte der berühmte arabische Astronom al-Biruni Indien und sah das Kompendium aus dem frühen 6. Jahrhundert, das die fünf gebräuchlichsten indischen astrologischen Systeme umfasste; es ist jedoch schwer zu sagen, ob er sich mit ihnen befasste. Unter diesen fünf befindet sich ebenfalls das „Romaka“- oder römische System. Wie bereits erwähnt, gelangte griechischer astrologischer Einfluss etwa im 1. Jahrhundert n. Chr. über die römischen Händler von Alexandria nach Westindien. Vielleicht war diese Verfälschung auf sie zurückzuführen. Dies sind historische Fragen, die sehr schwer zu lösen sind.    

Einführung des Kalachakra-Astro-Lehrstoffs in Tibet und der Mongolei 

In jedem Fall wurden das „Gekürzte Kalachakra-Tantra“ und sein Kommentar „Makelloses Licht“ zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert von verschiedenen Übersetzern und Meistern mehrfach aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt und nach Tibet übermittelt. Es erlangte in den frühen Sakya- und Kagyü-Traditionen große Bedeutung, wobei verschiedene weitere Kommentare verfasst wurden und Merkmale sowohl der chinesischen als auch der indischen Meister kombiniert und überarbeitet wurden, um die eigenständige tibetische Astro-Tradition abzuleiten.

Das Jahr 806 n. Chr. wird als Beginn des Rechnungs- und Kalendersystems des Kalachakra angeführt, als Aja, der 11. Halter der Kasten von Shambhala, das präzise System der Mathematik kodifizierte. Wie bereits erwähnt, teilt das Kalachakra mit den hinduistischen Systemen die Verwendung des 60-jährigen Jupiterzyklus für die Zählung der Jahre und bezeichnet diesen nach dem Namen des ersten der 60 Jahre als den „prominenten“ Zyklus. Das erste Jahr des ersten „prominenten“ 60-Jahre-Zyklus des tibetischen Kalenders, das als offizielles Datum der Einführung der Kalachakra-Lehren in Tibet gilt, entspricht der berühmten vorhergesagten Zahl von Jahren aus der Kalachakra-Literatur von „Feuer-Raum-Ozean“ nach dem Beginn der muslimischen Ära im Jahr 624 n. Chr., obwohl diese Periode tatsächlich 622 begann. Wie ebenfalls bereits erwähnt, werden Zahlen in Form von Codenamen angegeben, die sich auf gebräuchliche Aufzählungen in der pan-indischen Literatur beziehen und in der Reihenfolge von Einer, Zehner, Hunderter und so weiter aufgelistet werden. Es gibt drei Feuer, der Raum ist leer wie eine Null, und es gibt vier Ozeane. Somit entspricht „Feuer-Raum-Ozean“ 403 Jahren nach 624, also dem Jahr 1027 n. Chr.

Als der „prominente“ 60-Jahre-Zyklus des Kalachakra mit dem chinesischen 60-Jahre-Zyklus der Elemente und Tiere in Verbindung gebracht wurde, entsprach das Jahr 1027 n. Chr. nicht dem Beginn eines chinesischen Zyklus – der stets mit einem Holz-Männlich-Ratte-Jahr beginnt –, sondern vielmehr dessen viertem Jahr. Aus diesem Grund beginnen die tibetischen Zyklen mit einem Feuer-Weiblich-Hase-Jahr. Dies erklärt auch, warum die Zählung der 12 Tiere in den meisten Fällen mit dem Hasen begonnen wird und warum bei der Einteilung eines Tages in 12 Perioden nach den Namen des Tierzyklus die erste Periode – die Morgendämmerung von 5 bis 7 Uhr morgens nach Standarduhrzeit – die des Hasen ist. Zudem entspricht es dem indischen System der Solartage, dass ein Tag mit der Morgendämmerung beginnt. Die erste Periode des klassischen chinesischen Tages hingegen reicht von 23 Uhr bis 1 Uhr nachts und ist die Periode der Ratte, dem ersten Tier der chinesischen Abfolge. Da somit eine Abweichung von drei Jahren besteht, begann der gegenwärtige 17. tibetische Zyklus im Jahr 1987, während der gegenwärtige 27. chinesische Zyklus im Jahr 1984 begann, wie vorhin angemerkt wurde.

Obwohl der Beginn des ersten „prominenten“ 60-Jahre-Zyklus im Jahr 1027 n. Chr. lag, wurde der Kalachakra-Kalender erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Regel in Tibet. Die Jahre wurden jedoch weiterhin regelmäßig nach ihrer Element-Tier-Bezeichnung benannt und nicht nach ihren Namen im „prominenten“ Zyklus. Die mathematischen Berechnungen für den Kalender stammten jedoch aus dem Kalachakra-System.

Einer der bedeutendsten frühen Sakya-Meister und Autoren zu astrologischen Studien war Chögyal Phagpa (tib. Chos-rgyal ’Phags-pa) in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er war der Lehrer des mongolischen Herrschers von China, Kublai Khan, und gilt zusammen mit seinem Onkel Sakya Pandita als derjenige, der den tibetischen Buddhismus in die Mongolei brachte. Zweifellos brachte er auch das vollständige tibetische Astro-System dorthin. Darüber hinaus war es höchstwahrscheinlich der Umstand, dass zunächst sein Onkel und später er und seine Nachfolger von den mongolischen Khans – die ab Kublai die Kaiser der chinesischen Yuan-Dynastie waren – zu den weltlichen Herrschern Tibets gemacht wurden, wodurch der Kalachakra-Kalender zum offiziellen Kalender für Tibet wurde.

Magische-Quadrat-Zahlenzyklen 

Im klassischen chinesischen System wurden die neun magischen Quadratzahlen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, während der frühen Ming-Dynastie, mit dem 60-jährigen Element-Tier-Zyklus verknüpft. Die Zuordnung wurde rückwirkend auf den Beginn des 16. chinesischen 60-Jahre-Zyklus datiert, der 1324 während der mongolischen Yuan-Dynastie begann. Da es 180 Jahre dauert, bis sich die Abfolge von magischen Quadratzahlen und Element-Tieren wiederholt, wurden die Zyklen in Dreiergruppen zusammengefasst und als oberer, mittlerer und unterer Zyklus bezeichnet. Somit ist der gegenwärtige 27. chinesische Zyklus, der 1984 begann, ein unterer Zyklus, und die nächste 180-jährige Periode beginnt mit dem 28. Zyklus im Jahr 2044.

Es ist ungewiss, wann die magischen Quadratzahlen für die Jahre im tibetischen Element-Berechnungssystem mit den Element-Tier-Namen verknüpft wurden, obwohl dies durchaus zur selben Zeit gewesen sein könnte. Wie bereits erwähnt, beginnen die Tibeter diese 180-jährige Periode mit einem Holz-Männlich-Ratte-Jahr, genau wie die Chinesen. Die drei 60-jährigen Zyklen, die die 180-jährigen Perioden bilden, werden als erster, zweiter und dritter Zyklus bezeichnet. Der gegenwärtige 17. tibetische Zyklus, der 1987 begann, ist somit ein dritter Zyklus und wird für die Bestimmung der magischen Quadratzahl des Jahres so gewertet, als hätte er tatsächlich 1984 begonnen.

In der Bön-Variante der tibetischen Astrologie heißt es, dass die erste 180-jährige Periode begann, als der erste Bönpo-Meister sie vor 3900 Jahren (von 1984 aus gerechnet) lehrte. Daher ist im Bön-System das Jahr 1984 das erste Jahr des dritten 60-Jahre-Zyklus der einundzwanzigsten 180-jährigen Periode. Dies würde das Anfangsjahr des Bön-Kalenders auf das Jahr 1916 v. Chr. festlegen.

Astro-Traditionslinien in Tibet  

Derzeit gibt es zwei Hauptgruppen von Traditionslinien der tibetischen Astro-Studien: Tsurphu (tib. Tshur-phu) und Phugpa (tib. Phug-pa). Die erstgenannte leitet sich von den Kommentaren zum „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ ab, die der 3. Karmapa Rangjung Dorje (tib. Kar-ma Rang-’byung rDo-rje) vom Tsurphu-Kloster im frühen 14. Jahrhundert verfasste. Dieses System, das ausschließlich in der Karma-Kagyü-Tradition zu finden ist, nutzte ursprünglich das Präzisionssystem für alle seine Berechnungen. Derzeit verwendet es dieses System nur noch zur Berechnung der Positionen von Sonne und Mond und zieht für die Berechnung der Planetenpositionen das vollständige Lehrsystem heran.

Vom Tsurphu-System leitet sich das Chatuhpitha-Kalachakra-Berechnungssystem ab. Es wurde Ende des 16. Jahrhunderts von Drugchen Pemakarpo (tib. ’Brug-chen Padma dkar-po) ins Leben gerufen und wird von der Drugpa-Kagyü-Tradition sowie in Bhutan befolgt. Aus diesem Grund wird es manchmal auch als bhutanische Berechnung (tib. ’Brug-rtsis) bezeichnet. Es kombiniert Lehrstoff aus dem „Kalachakra-Tantra“ und dem „Chatuhpitha-“ oder „Viersitz-Tantra“ (tib. gDan-bzhi rgyud). Der Hauptunterschied zwischen diesem und dem Tsurphu-System besteht darin, dass der berechnete Mondwochentag als das vergangene und nicht als das aktuelle Datum genommen wird. Wenn beispielsweise ein bestimmter Mittwoch im Tsurphu-System als der 9. des Monats berechnet wird, gilt dieser 9. im bhutanischen System als der vergangene Tag, und der Mittwoch wird als der 10. genommen. Die Drikung-Kagyü-Tradition folgt einem System, das die Tsurphu- und Phugpa-Traditionen kombiniert.

Das Phugpa-System (oder die Phugpa-Traditionslinie) wurde im 15. Jahrhundert von den drei Meistern begründet, die „Gyatso“ als Teil ihres Namens trugen: Phugpa Lhundrub Gyatso (tib. Phug-pa Lhun-grub rgya-mtsho), Khedrub Norzang Gyatso (tib. mKhas-grub Nor-bzang rgya-mtsho) und Tsangchung Chödrag Gyatso (tib. gTsang-chung Chos-grags rgya-mtsho). Basierend auf den Kalachakra-Kommentaren des Sakya-Meisters Butön (tib. Bu-ston Rin-chen grub) aus dem 14. Jahrhundert betont es das vollständige Lehrsystem mathematischer Berechnungen, das aus Fragmenten des „Kalachakra-Wurzeltantras“ rekonstruiert wurde. Dieses System wird derzeit von den Gelug-, Sakya- und Nyingma-Traditionen befolgt und ist das am weitesten verbreitete. Es wurde auch von der kalmückisch-mongolischen Gruppe innerhalb der Sowjetunion befolgt. 

Der Unterschied zwischen den beiden großen tibetischen Systemen, Phugpa und Tsurphu, zeigt sich in der Art und Weise, wie der Mondkalender mit dem Sonnenkalender in Einklang gebracht wird; diese Unterschiede sind jedoch nicht sehr bedeutend. In dem Text „Weißer Aquamarin“ (tib. Bai-dbyur dkar-po) aus dem späten 17. Jahrhundert von Desi Sangye Gyatso (tib. sDe-srid Sangs-rgyas rgya-mtsho) werden das vollständige Lehrsystem und das Präzisionssystem miteinander harmonisiert, und diesem Ansatz wird bis heute gefolgt. Er verwendete das vollständige Lehrsystem für den Kalender und den Almanach, fügte jedoch die Daten des Präzisionssystems zur Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen in den Almanach ein. 

Eine Weiterentwicklung innerhalb des Phugpa-Systems wird als die umfassende Berechnung nach chinesischer Art (tib. rgya-rtsis) oder als Gelbe Berechnung (tib. gser-rtsis) bezeichnet. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Mergan Kachupa (tib. Mer-rgan dKa’-bcu-pa) ins Leben gerufen. „Mergan“ ist ein mongolischer Titel, der „gelehrt“ bedeutet, und „Kachupa“ ist ein Titel für einen Meister der Astrologie, Medizin oder der buddhistischen Lehren, der besonders unter den Mongolen gebräuchlich war. Noch heute wird Absolventen der medizinischen und astrologischen Fakultäten am Tibetan Medical and Astro Institute der Grad „Kachupa“ verliehen. Mergan Kachupa war der Übersetzer für den Fünften Dalai Lama bei dessen Besuch in China im Jahr 1652 auf Einladung des ersten Manchu-Kaisers der Qing-Dynastie, Shunzhi. Ausgehend vom ersten Wort seines Titels war er höchstwahrscheinlich ein Mongole. Sein System wurde unter der Schirmherrschaft des Manchu-Kaisers von China aus dem 18. Jahrhundert, Qianlong, bevorzugt und verbreitet. 

Dieses System der Gelben Berechnung nutzt die grundlegenden Kalachakra-Kalenderberechnungen der Phugpa-Tradition und unterscheidet sich dadurch in seinem Rahmenwerk völlig vom eigentlichen klassischen chinesischen Kalender. Die Art und Weise, wie Schaltmonate hinzugefügt werden, ist jedoch sehr ähnlich, wenn auch nicht immer identisch mit der im chinesischen System verwendeten Methode. Im Gegensatz zu anderen tibetischen und indischen Systemen, die alle verdoppelte und ausgelassene Tage des Mondmonats aufweisen, kennt der Kalender der umfassenden Berechnung nach chinesischer Art – ebenso wie der chinesische Kalender – dieses Merkmal nicht. Die Monate haben entweder 29 oder 30 Tage, die fortlaufend nummeriert und nach verschiedenen Berechnungstraditionen bestimmt werden. Die Daten für den Beginn eines jeden Monats stimmen nicht immer mit denen des klassischen chinesischen Kalenders oder denen des Phugpa-Systems überein, obwohl dies häufig der Fall ist. 

Zusätzlich werden jedem Datum Element-Tier-Kombinationen, magische Quadratzahlen und Trigramme auf eine Weise zugewiesen, die sich vom chinesisch abgeleiteten Elementen- oder Schwarzen System unterscheidet. Dies entspricht den Gegebenheiten im klassischen chinesischen System, wobei die Abfolge mit einem Holz-Ratte-Tag beginnt – ähnlich dem Beginn mit dem ersten Binom aus Stamm eins und Zweig eins. Sie verläuft nach dem üblichen 60-gliedrigen Zyklus, wobei sich die Elemente zweimal hintereinander wiederholen. Die Abfolge der magischen Quadratzahlen und Trigramme für die Tage beginnt an diesem Holz-Ratte-Tag. Da ein Jahr jedoch niemals 360 Tage hat, beginnt die 360-gliedrige Abfolge von Element, Tier, Zahl und Trigramm in jedem Jahr an einem anderen Datum. 

Eine Traditionslinie dieses Systems der Gelben Berechnung wird derzeit in der Inneren Mongolei verwendet. Eine andere Traditionslinie hat ihre Daten im tibetischen Phugpa-Almanach aufgezeichnet und wird manchmal für die Vorhersage des „Erd-Ochsen“ bezüglich der allgemeinen Wettermuster für das Jahr herangezogen. Einige Unterschiede zwischen diesen beiden Traditionslinien werden später aufgezeigt, beispielsweise bei der Erörterung von Schaltmonaten. 

Die Chalcha-Mongolen der Mongolei, die Burjaten und in der Vergangenheit zweifellos auch die Tuwiner der Sowjetunion folgen einer Variante der Phugpa-Tradition, die als die Neue Geden- (tib. dGe-ldan gsar-pa) oder Neue Positive Traditionslinie bekannt ist. Diese wurde 1786 n. Chr. von einem Monguor-mongolischen Meister der Astrologie und Medizin, Sumpa Khenpo Yeshe Paljor (tib. Sum-pa mKhan-po Ye-shes dpal-’byor), den Mongolen als Ischbaldschor bekannt, begründet. Die Monguor sind ein mongolisches Volk, das in der Region des Koko-Nor-Sees in der nordöstlichen tibetischen Provinz Amdo lebt. Dieses System basiert auf den Kommentaren zum „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ aus dem 15. Jahrhundert, die von Khedrub Je (tib. mKhas-grub rJe dGe-legs dpal-bzang) verfasst wurden. Die meisten Berechnungen werden nach denselben Regeln wie die des Phugpa-Systems durchgeführt, und auch die 60-jährigen Zyklen werden auf dieselbe Weise gezählt. Obwohl der 60-jährige „prominente“ Zyklus mit einem Feuer-Weiblich-Hase-Jahr beginnt, wird als Ausgangspunkt für die Berechnungen einer 60-jährigen Periode jedoch ein Feuer-Männlich-Pferd-Jahr – das 40. Jahr des Zyklus – genommen, da Shakyamuni Buddha in einem solchen Jahr geboren wurde. Aufgrund dieses Unterschieds erweist sich der mongolische Kalender als einzigartig.

Das Astrologie-System der Bön-Religion wird als die „reinen Berechnungen der drei Analysen“ (tib. dpyad-gsum dag-rtsis) bezeichnet. Obwohl dieses System von den Bönpos als das älteste angesehen wird, das allen buddhistischen Systemen vorausgeht, erfolgte die textliche Kodifizierung des Systems durch Kyongtrul Jigme Namkhai Dorje (tib. sKyong-sprul ’Jig-med nam-mkha’i rdo-rje), der um 1953 starb und in den 1880er Jahren geboren wurde. Dieses System umfasst äußere, innere, geheime und noch geheimere reine Berechnungen. Die äußeren und inneren entsprechen der Phugpa-Tradition, mit nur geringfügigen Abweichungen und einer etwas anderen Herangehensweise an einige der Berechnungen. Die geheimen und noch geheimeren Berechnungen weisen präzisere Kalkulationen auf als die äußeren und inneren.

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