Die verschiedenen Aspekte unseres Lebens integrieren

Einführung

Seine Heiligkeit der Dalai Lama spricht davon, dass der Buddhismus drei Aspekte hat:

  • Buddhistische Psychologie und Wissenschaft – dies beinhaltet, wie der Geist funktioniert, aber auch Kosmologie.
  • Buddhistische Philosophie – ein sehr hoch entwickeltes System der Logik und eine überaus tiefgehende Analyse der Realität, Ursache und Wirkung und wie die Welt funktioniert.
  • Buddhistische Religion – verschiedene Arten, wie wir uns im Kontext früherer und späterer Leben weiterentwickeln, Rituale, Gebete usw.

Er sagt auch, dass die Felder buddhistischer Wissenschaft und Philosophie der Welt viel anzubieten haben, vollkommen separat von der buddhistischen Religion. Dementsprechend habe ich die Übung „Die verschiedenen Aspekte unseres Lebens integrieren“ entwickelt, welche eine Mischung aus buddhistischer Wissenschaft und Philosophie ist. Diese kann in einem therapeutischen Kontext, entweder einzeln oder in einer Gruppe, eingesetzt werden. Aber die Übung muss und sollte tatsächlich nicht auf Menschen mit emotionalen Problemen begrenzt werden. Sie kann jedem helfen.

Das Selbst in der westlichen Psychologie

In der Psychologie spricht man von einem gesunden Ego und einem übertriebenen Ego, und ich denke, wir alle würden der Aussage zustimmen, dass ein gesundes Ego sehr wichtig ist, um mit den Schwierigkeiten und Anforderungen des täglichen Lebens fertigzuwerden. Ein gesundes Ego zu haben heißt, dass wir eine positive Einstellung zu uns selbst haben (und deshalb für gewöhnlich auch anderen gegenüber), ein Gefühl von Selbstvertrauen und die Fähigkeit, mit allem klarzukommen, was im Leben so geschieht. Ein übertriebenes oder ungesundes Ego heißt, zu denken, dass wir wichtiger als andere sind und dass wir stets recht haben und immer unseren Willen bekommen sollten. Das führt natürlich zu Problemen und Konflikten mit anderen, da dieses Selbstgefühl nicht auf einer realistischen Sicht beruht. Doch es gibt auch viele weitere ungesunde Einstellungen, die wohl nicht in die Kategorie eines übertriebenen Egos fallen, etwa ein sehr negatives Selbstbild, und die ebenfalls dazu führen können, dass wir enorme Schwierigkeiten haben im Leben zurechtzukommen.

Das Selbst im Buddhismus

Im Buddhismus wird natürlich sehr viel über das Selbst gesprochen. Für gewöhnlich verwenden wir nicht das Wort Ego, denn das ist ein Begriff, der von verschiedenen philosophischen und psychologischen Systemen auf spezielle Weise definiert wird, und sie entsprechen nicht wirklich den buddhistischen Ideen.  

Im Buddhismus ist die Rede von dem konventionellen Selbst bzw. dem konventionellen Ich, und dem falschen Ich. Haben wir ein gesundes Ego, dann begreifen wir uns im buddhistischen Sinne eines „konventionellen Ichs“. Wenn wir ein übertriebenes Ego oder wenig Selbstwertgefühl haben, dann denken wir uns als ein „falsches Ich“.

Im Buddhismus verstehen wir unser Selbst durch die Dekonstruktion jedes Augenblicks unserer Erfahrung, welche aus vielen Komponenten besteht:  

  • Sinneserfahrung – in jedem einzelnen Moment sehen, hören, spüren wir physische Empfindungen usw. 
  • Grundlegende Geistesfaktoren – es gibt immer einen gewissen Grad von Aufmerksamkeit, Konzentration, Interesse, Müdigkeit und so weiter.
  • Emotionen – verschiedene Emotionen begleiten jeden Moment. Diese können positiv sein, wie etwa Liebe, Geduld und Mitgefühl, oder negativ, wie Zorn, Gier und Eifersucht.
  • Gefühle – wir empfinden stets ein gewisses Ausmaß von Glücklichsein oder Unglücklichsein. Es muss kein sehr starkes Gefühl sein, aber es ist immer vorhanden.
  • Zwanghaftigkeit – viele von uns erleben eine gewisse Zwanghaftigkeit, die uns veranlasst, auf bestimmte Weise zu handeln oder zu reden. Obwohl wir möglicherweise meinen bewusst zu handeln, sind wir häufig von unseren Gewohnheiten, Erziehung, Umgebung usw. beeinflusst.

All das ändert sich ständig in unterschiedlichem Maße. Es ist das, was in unserer subjektiven Erfahrung von Moment zu Moment abläuft. Dieses Kontinuum setzt sich von der Zeit, als wir geboren wurden, bis hin zu unserem Tod fort.

Wie erfahren wir es? Jeder von uns erfährt es als „ich“. Das heißt, dass wir ein „ich“ dieser sich ständig ändernden Grundlage zuschreiben. Doch wenn wir dieses „ich“ analysieren, wird es sehr interessant. Gibt es daran etwas, das immer gleich bleibt? Du betrachtest dich selbst auf einem Foto, das dich als Baby zeigt, und sagst: „Das bin ich“, dann auf einem Foto von dir als Teenager und sagst wieder: „Das bin ich“, und bei einem Foto von dir als Erwachsener sagst du: „Das bin ich auch“. Was ist es, das du als „ich“ wiedererkennst? Es gibt nichts wirklich Festes an diesem „ich“, das wir auf jedem dieser Fotos identifizieren. Nichtsdestotrotz bin ich es und nicht du. So schreiben wir dieses „ich“ einer langen Kontinuität von Erfahrungsmomenten, einem ganzen Leben zu, genau wie wir einer Kontinuität von 365 Tagen den Begriff „ein Jahr“ zuschreiben.

Wenn wir diese fließenden Vorstellung eines jeden Moments beibehalten - „Nun tue ich dies. Nun tue ich das. Gerade erfahre ich dies. Gerade erfahre ich jenes“ -, dann nennen wir das ein konventionelles „ich“. Dieses ist die Grundlage dafür, dass wir ein gesundes Ichgefühl haben können. Probleme treten auf, wenn wir eine fixierte Vorstellung von einem feststehenden „ich“ haben und uns mit einem bestimmten Bild in dieser langen Reihe von Erfahrungen im Verlauf unseres Lebens identifizieren. In gewisser Weise ist das so, als würden wir den Film unseres Lebens an einer Stelle anhalten und uns mit einer Aufnahme oder einem kleinen Teil identifizieren und dieses Bild von Zeit zu Zeit auswechseln.
Umgangssprachlich ausgedrückt könnten wir sagen, dass wir uns auf eine bestimmte Identität dessen fixieren, was wir zu sein glauben. Das könnte z.B. sein: „Ich bin ein junger Mensch mit einem kräftigen, attraktiven Körper“. Natürlich passt das dann manchmal nicht mit dem zusammen, was wir erleben, und dann entsteht Unzufriedenheit. Man schaut sich im Spiegel an oder stellt sich auf die Waage und meint: „Das bin ich nicht. Ich kann unmöglich so viel wiegen.“ Alternativ könnten wir uns mit unserer Intelligenz, unserem Geld oder mit unserem Beruf identifizieren; die Liste ist lang.

Ein gutes Beispiel dafür ist, dass wenn wir in einer Beziehung sind, wir häufig unsere Identität darauf gründen, ein Teil eines Pärchens zu sein. Das ist eine Szene in dem Film unseres Lebens. Aber dann endet die Beziehung – der Partner macht Schluss mit uns – und wir leiden entsetzlich, weil immer noch unsere Identität von uns als einem Teil dieses Paares beibehalten, auch wenn wir es nicht mehr sind. Die einzige Art, wirklich darüber hinwegzukommen, besteht darin, dass wir nach der Trennung immer mehr Erfahrungen machen, sodass wir etwas Neues haben, dem wir unser Gefühl von „ich“ zuschreiben können: „Jetzt ist es das, was ich bin.“ Bis wir eine gewisse Anzahl an Erfahrungen nach der Beziehung gemacht haben, auf die wir uns als „ich“ und als „mein Leben“ beziehen können, werden wir immer noch daran festhängen, dass wir an uns selbst als Teil eines Paares denken.

Das Ausweiten der Grundlage für eine „ich“-Zuschreibung ist nicht nur eine hilfreiche Methode für uns selbst, sondern auch in Bezug auf andere. Wir neigen dazu, zu denken, dass wir die einzige Person im Leben enger Freunde oder Geliebter usw. seien. Wir denken, sie sollten ständig für uns verfügbar sein und verlieren die Tatsache aus den Augen, dass sie auch andere Freunde haben und andere Dinge machen. Wenn sie uns nicht anrufen, schließen wir also realistischerweise daraus nicht sofort, dass sie uns nicht lieben. Stattdessen begreifen wir, dass auch andere Dinge in ihrem Leben passieren. Wir weiten unsere Zuschreibungsgrundlage aus, sodass sie nicht nur die Beziehung dieser Person zu mir und diesen einen Vorfall, an dem sie nicht angerufen hat, enthält, sondern alles und jeden in ihren Leben umfasst.

Wir könnten in dieser Situation sogar eine buddhistische logische Analyse anwenden. Was sind die Überlappungen zwischen den Sätzen „Mein Freund ruft mich nicht an“ und „Mein Freund liebt mich nicht“?

  • Es könnte sein, dass mein Freund/meine Freundin mich anruft und er oder sie mich liebt.
  • Oder mein Freund/meine Freundin ruft mich an und er oder sie liebt mich nicht.
  • Oder es mein Freund/meine Freundin ruft mich nicht an und liebt mich nicht.
  • Oder mein Freund/Freundin ruft mich nicht an, aber liebt mich trotzdem.

Ruft mein Freund oder meine Freundin mich nicht an, dann besteht also die Möglichkeit, dass er/sie mich trotzdem liebt. Wir untersuchen daher, warum die Person nicht anruft. Es kann sein, dass er oder sie aus anderen Gründen als aus fehlender Liebe nicht bei uns anruft. Vielleicht ist gerade viel los. Vielleicht funktioniert gerade das Handy nicht. Es kann viele Gründe geben. Es ist also unlogisch zu schlussfolgern, dass mein Freund oder die Freundin mich nicht liebt. Nur dass er oder sie mich nicht anruft, beweist nicht, dass er oder sie mich nicht liebt. Das ist eine ungültige Argumentation. – So funktioniert buddhistische Logik.

Ein gesundes Ichgefühl entwickeln

Um ein gesundes Ego bzw. ein gesundes Selbstgefühl zu entwickeln, ist es notwendig, dass wir „ich“ gemäß dem zuschreiben, was gerade passiert, und nicht in der Vergangenheit steckenbleiben oder in irgendeiner Zukunftsvision. Das ist das allgemeine Prinzip. Die Fachbegriffe lauten: das „Selbst“ und „die Basis für die Zuschreibung oder Bezeichnung „ich“. Diese Basis besteht aus den Momenten unserer Erfahrung.

Wenn wir nun das gesamte Kontinuum unseres Lebens betrachten, so ist festzustellen, dass wir alles, was sich im Laufe dieses Kontinuums abgespielt hat, erlebt haben und all das uns beeinflusst hat, ganz gleich, ob wir uns daran erinnern oder nicht. Wir sind also von all den verschiedenen Familienmitgliedern, Freunden und Verwandten beeinflusst worden. Wir sind von unserer Schulbildung beeinflusst, von den Lehrern, von allem, was wir gelernt haben. Wir sind von unseren Berufserfahrungen beeinflusst. Wir sind beeinflusst von den Medien und den Unterhaltungsprogrammen, die wir uns angesehen haben, von den Orten, wo wir gelebt haben, und denen, die wir auf Reisen kennengelernt haben. Unser Leben – jedes Leben – ist gefüllt mit einer enormen Menge an Erfahrungen und Einflüssen, und all diese Erfahrungen wirken sich darauf aus, was wir jetzt empfinden, denken, wie wir uns verhalten und reden. All das übt einen Einfluss aus – vielleicht nicht alles davon in jedem Augenblick, aber es besteht dieses gesamte Ausmaß von Erfahrungen, die zusammenkommen und die Art und Weise formen, wie wir sind.

Eine der Hauptursachen für Probleme tritt auf, wenn wir uns zunächst einmal all dieser Einflüsse nicht bewusst sind, die sich darauf auswirken, wie wir denken und reden und uns verhalten, oder wenn es solche gibt, die uns bewusst sind und mit denen wir uns stark identifizieren, indem wir andere Faktoren dabei ausschließen. Es können unbewusste Einflüsse aktiv sein, die wir uns nicht eingestehen, oder es kann sein, dass wir bestimmte Einflüsse nicht wahrhaben wollen.

In diesem gesamten Prozess, den ich hier im Zusammenhang mit der Integration der verschiedenen Aspekte unseres Lebens ansprechen möchte, geht es um einen ganzheitlichen Ansatz für das Leben. Wir versuchen, uns all dieser Einflüsse bewusst zu sein, die wir erlebt haben, und sie in ein ganzheitliches Bild zu integrieren. Auf diese Weise wird die Basis dafür, was wir im Zusammenhang mit unseren Erfahrungen als „ich“ bezeichnen, weiterwachsen, während mehr und mehr Erfahrungen im Leben stattfinden. Obwohl alles, was geschieht, jeweils ein Augenblick ist – und wir unser „ich“ diesem Moment zuschreiben –, wird doch in diesem Moment der Einfluss unseres gesamten Lebens vorhanden sein.

In einigen Therapien, die ich kennengelernt habe, versucht man nun, die negativen Aspekte, die negativen Einflüsse zu identifizieren, die man, sagen wir von den Eltern, erhalten hat. Man stellt eine Liste auf, welche die Gewohnheiten und Verhaltensweisen sind, die denen meiner Mutter gleichen, welche denen meines Vaters, usw., und versucht, sich dessen bewusst zu werden. Normalerweise liegt dabei der Schwerpunkt auf den negativen Dingen. Oder es kann sich auch einfach um etwas Neutrales handeln, z.B. dass ich gerne meine Wohnung in Ordnung halte oder gerne etwas wegwerfe oder gerne Dinge aufbewahre, dass ich gern zu bestimmten Zeiten esse usw. Das sind neutrale Angelegenheiten, nicht wahr?
Aber die negativen oder neutralen Dinge sind nur ein Teil des Bildes. Sehr wichtig ist, sich auch der positiven Dinge bewusst zu werden, die wir gelernt haben oder als Einflüsse unserer Eltern aufgenommen haben, sowie von anderen Verwandten, Freunden, Schule, Beruf usw.

Es besteht eine natürliche Neigung dazu, dass man loyal sein möchte – loyal gegenüber der eigenen Familie, gegenüber der Beschäftigung, die man ausübt, gegenüber Angehörigen des eigenen Geschlechts, loyal gegenüber vielen verschiedenen Dingen. Und was oft passiert, ist, dass wir uns unbewusst loyal gegenüber den negativen Aspekten verhalten. Wenn unsere Eltern uns dauernd erzählen, dass wir nichts taugen, dann verhalten wir uns mit Sicherheit schrecklich, quasi um dem zu entsprechen und angenommen zu werden: Ja, so ist es, wir taugen nichts. Aber es ist nicht sehr hilfreich, loyal gegenüber den negativen Aspekten zu sein, oder? Es ist natürlich wichtig, diese Einflüsse nicht zu leugnen, aber es nützt nichts, sich darüber zu beklagen. Zwar muss man natürlich einräumen: „Nun ja, ich habe diese negativen Einflüsse erlebt.“ Aber es nützt nichts, den Eltern oder der Schule oder der Gesellschaft usw. für all das die Schuld zu geben, nämlich für die negativen Dinge, die ich von ihnen übernommen habe.

Wir erkennen das an und verstehen es. Gut, aber was dann? Es geht darum, es nicht zu überhöhen und sich damit aufzuhalten. Wir können sehen, dass wir negative Einflüsse hatten, und verstehen, dass dies nicht etwas ist, was wir weiterführen wollen. Stattdessen sollten wir die positiven Aspekte betonen, die wir ererbt haben. Wenn wir das tun, haben wir automatisch eine positive Einstellung, eine der Dankbarkeit, statt eine des Vorwurfs. Wenn wir meinen, unsere Eltern hätten nichts getaugt, nun, was setzen Eltern, die nichts taugen, in die Welt? Sie setzen Kinder in die Welt, die nichts taugen. Das mag eine unbewusste Denkweise sein, aber so denken wir. Ich tauge also auch nichts: „Meine Eltern haben nichts getaugt. Ich tauge nichts.“ Es besteht also eine Neigung dazu, ziemlich wenig Selbstvertrauen zu haben.

Natürlich gibt es Ausnahmen, manche Menschen können sich über so etwas hinwegsetzen, aber ich spreche hier davon, was häufig der Fall ist. Wenn wir hingegen an die positiven Dinge denken, die wir von unseren Eltern, unseren Freunden, aus unserer Schule, unserer Gesellschaft usw. übernommen haben, verleiht uns das eine sehr viel positivere Sichtweise in Bezug auf uns selbst, und das gibt uns ein gewisses Selbstvertrauen. Und mit diesem Selbstvertrauen – solange wir dieses „ich“ nicht aufblasen zu „Ich bin so wundervoll“, solange wir eine realistische Sicht in Bezug auf uns selbst bewahren, haben wir ein gesundes Ego, ein gesundes Selbstgefühl.

Die verschiedenen Aspekte unseres Lebens integrieren

Dieses Gefühl der Selbstachtung, des Selbstvertrauens usw. ist ein sehr wichtiger Faktor. Wir können lernen, dieses Gefühl zu entwickeln, indem wir die verschiedenen Aspekte unseres Lebens, insbesondere die positiven, integrieren.

Betrachtung der verschiedenen einzelnen Bereiche

Eine einfache Methode, dies zu üben, besteht darin, sich die verschiedenen Bereiche einzeln anzuschauen, die uns im Laufe unseres Lebens beeinflusst haben:

  • jedes einzelne Familienmitglied und jeden einzelnen unserer Freunde, angefangen von der Kindheit bis hin zur Gegenwart
  • das Land oder die Region, aus der wir stammen, und die Kultur und Religion (oder die Abwesenheit von Religion) in der wir aufgewachsen sind
  • die wesentlichen Studienbereiche, mit denen wir uns in unserem Leben befasst haben, und die Sportarten, die wir ausgeübt haben
  • unsere Lehrer, d.h. diejenigen, von denen wir etwas Wichtiges im Leben gelernt haben, sei es in spiritueller oder weltlicher Hinsicht
  • die verschiedenen Partner, mit denen wir eine Beziehung eingegangen sind, und unsere Kinder, wenn wir welche haben
  • bedeutsame Vorfälle, die sich in unserem Leben ereignet haben. Vielleicht hatten wir einen schweren Unfall oder haben in der Lotterie gewonnen
  • die verschiedenen Jobs, die wir ausgeübt haben, die verschiedenen Betriebe, in denen wir gearbeitet haben, unsere Kollegen
  • unsere finanzielle Situation, gut und schlecht

Wenn wir genau darüber nachdenken, ergibt sich also eine ganze Liste von Faktoren, die im Laufe unseres Lebens unsere Erfahrung ausgemacht und die Art und Weise beeinflusst haben, wie wir jetzt sind und wie wir nun mit den Dingen umgehen.

Wir gehen sie der Reihe nach durch und denken zuerst an die negativen Aspekte, die durch diese Einflüsse zustande gekommen sind. Wir wollen sie nicht leugnen. Aber dann lassen wir los, wohl wissend, dass es keinen Zweck hat, sich darüber zu beklagen, weil das in überhaupt nicht helfen wird. Anschließend richten wir den Blick auf die positiven Aspekte, die wir gewonnen haben. Im Wissen, dass diese wichtig und hilfreich in unserem Leben sind, entscheiden wir uns ihnen loyal gegenüber zu sein, statt unbewusst gegenüber den negativen Anteilen loyal zu sein.

Den Geist zuerst beruhigen

Bevor wir jedoch dazu kommen, ist es gut, wenn wir einen klaren Kopf haben, um über diese Dinge nachzudenken. Wir müssen uns im Loslassen zwanghafter Gedanken und Gefühle, besonders der auftauchenden negativen, üben. Denn wenn wir die negativen Aspekte ans Licht bringen, die uns von Seiten anderer beeinflusst haben, kann man sehr leicht in den negativen Gedanken darüber steckenbleiben – „Das war so schrecklich. Das war so ein furchtbarer Mensch. Er hat mir so weh getan.“ Diese Art von innerem Dialog hat eine verlockende Kraft. Deshalb ist es notwendig, dies zur Ruhe zu bringen, damit wir die positiven Aspekte ins Blickfeld rücken können.

Die buddhistische Schulung bietet dafür viele Methoden. Aber die einfachste ist eine, die wir „Loslassen“ nennen können. Wir ballen die Hand zur Faust, dann öffnen wir sie und lassen los. Gleichzeitig mit dieser Geste versuchen wir, etwas Ähnliches im Geist zu machen – wir stellen uns vor, dass unser Geist dieser Faust gleicht (er hält die zwanghaften Gedankengänge oder Gefühle fest), und entspannen ihn dann und lassen los. Natürlich können jene verstörenden Gedanken oder Gefühle gleich wiederkommen, also muss man den Vorgang eventuell wiederholen.

Eine andere Methode ist, den eigenen Geist – den gesamten Bereich unserer Gedanken und Emotionen – als ein großes Meer zu betrachten. Die negativen Gedanken gleichen rauen Wellen an der Oberfläche des Meeres. Aber wir sind das gesamte Meer, und diese Wellen rühren nicht die Tiefen des Meeres auf. Wir wollen nicht wie ein Boot an der Oberfläche des Meeres umhergeschleudert werden, aber auch nicht wie ein Uboot in der Tiefe die Wellen meiden. Uns bildlich vorzustellen, dass diese Gedanken nur ein kleiner Teil des gesamten Ozeans sind, kann helfen zur Ruhe zu kommen.

Den Wunsch, glücklich zu sein, bestätigen

Die nächste Überlegung, die im Verlauf der Übung erforderlich ist, lautet: „Ich möchte glücklich sein. Jeder möchte glücklich sein. Niemand möchte unglücklich sein. Ich habe Gefühle, Emotionen, wie jeder andere auch. Und genauso wie die Art und Weise, wie andere Menschen mich behandeln, Einfluss darauf hat, wie ich mich fühle, so hat auch die Art und Weise, wie ich selbst mit mir umgehe, Einfluss darauf, wie ich mich fühle. Warum soll ich denn selbstzerstörerisch sein? Es ist nicht so, dass ich schlecht bin und mich bestrafen muss. Das ist albern. Wer leidet darunter außer mir selbst? Wenn ich glücklich sein möchte, muss ich mich also auf eine positive Art und Weise verhalten, die dazu führt, dass Glück entsteht.“

Der Gedanke, dass „jeder glücklich sein möchte und niemand unglücklich sein möchte“ ist geradezu axiomatisch innerhalb buddhistischer Lehren. Denkt man darüber nach, ergibt dies gewiss Sinn. In buddhistischen Texten ist Glücklichsein ein „Gefühl, von dem man, wenn es auftritt, nicht mehr getrennt sein möchte und das man weiter erleben will.“ Unglücklichsein ist ein „Gefühl, von dem man, sofern man es erlebt, getrennt sein möchte und dessen Ende man will.“ Der ganze Überlebenstrieb, der Instinkt weiterzumachen, die Erhaltung der Arten basiert darauf. Was will man fortsetzen? Du willst weiterhin glücklich sein, und die Tatsache, dass du dies dauerhaft willst, zeigt, dass du Glücklichsein willst, weil Glücklichsein bedeutet, weiterzumachen. Dies ist auch ein grundlegendes Axiom der Biologie.

Es ist interessant. Vielleicht willst du dich selbst bestrafen und dich unglücklich machen, und so streckst du deine Hand ins Feuer. Aber das ist gegen den Instinkt und du müsstest schon wirklich schwer versuchen diesen zu überwinden, was zeigt, dass wir die natürliche Tendenz haben, nicht unglücklich sein zu wollen und glücklich sein zu wollen.

Wenn wir uns das Positive in den Sinn rufen, das wir durch diejenige Person erlangt haben, die gerade Thema der jeweiligen Sitzung ist, denken wir mit Wertschätzung und Dankbarkeit daran. Das kann sich darauf beziehen, wie dieser Mensch uns tatsächlich behandelt hat – etwa unsere Eltern, die uns erzogen haben, oder unsere Lehrer, die uns etwas Hilfreiches beibrachten. Wir stellen diese guten Qualitäten nicht nur in der anderen Person fest, sondern auch, ob wir sie in uns selbst finden.

Die Visualisierung von positiven Einflüssen in der Form von gelbem Licht

Während wir diesen Prozess durchlaufen, kann es hilfreich sein, ein Foto der jeweiligen Person zu betrachten, oder wir können auch einfach an sie denken und sie uns vorstellen. Wir können eine buddhistische Übung in diese Vorstellung mit einbringen, indem wir uns vorstellen, dass von ihnen eine Art gelbes Licht ausgeht, in uns eingeht und uns mit Inspiration erfüllt, diese guten Qualitäten weiterzuentwickeln. Eine Visualisierung trägt dazu bei, dass es uns leichter fällt, einen bestimmten Bewusstseinszustand zu entwickeln. Wenn du damit weitermachen möchtest, kannst du dir dann auch noch vorstellen, dass das gelbe Licht von dir selbst ausgeht und andere inspiriert, diese guten Qualitäten ebenfalls zu entwickeln – deine Kinder, deine Kollegen, deine Freunde oder die ganze Welt, wenn du eine wirklich große Spannweite erreichen möchten.

All diese Einflüsse integrieren

Nachdem wir diesen Prozess mit jeder dieser Kategorien durchgegangen sind, die uns beeinflusst haben, bringen wir alle holistisch zusammen. Wir verbinden die Einflüsse unserer Mutter und unseres Vaters. Wir machen dies ebenfalls mit unseren Brüdern und Schwestern, unseren Freunden, unserer Schule usw. Was haben wir davon gehabt, dass wir in der Schule Mathematik gelernt haben? Es mag sein, dass ich es nicht in meiner gegenwärtigen Berufssituation verwende, aber war es mir im Leben von Nutzen? Wir wollen das Gefühl loswerden, dass irgendetwas in unserem Leben Verschwendung war, dass es vergeudete Zeit war. Nichts war vergeudete Zeit. Es gab immer etwas, aus dem wir Nutzen ziehen konnten. Selbst aus den schwierigsten Vorkommnissen in unserem Leben haben wir etwas gelernt. Wir sind gewachsen, wir haben sie überstanden, und es hat uns gestärkt, sodass wir mit anderen Schwierigkeiten umgehen konnten. Das ist etwas Positives, das wir daraus gewinnen, das wir aus allen gewinnen können.

Ziel dieser Übung ist also, einen ganzheitlichen Blick auf uns selbst zu gewinnen mit einer breiten Basis, der wir den Begriff „ich zuschreiben und die wir zugrunde legen, wenn wir an „ich“ denken. Auf dieser Grundlage, obwohl es auch Negatives gab, das uns beeinflusst hat, sind es nicht diese Einflüsse, die wir hervorheben möchten. Wir entscheiden uns bewusst dafür, das Augenmerk auf die positiven zu richten.

Eine Liste machen

Wenn es hilft, das etwas mehr zu strukturieren, können wir eine List machen, die wir dann durchgehen:

  • Dies sind die positiven Dinge, die ich von meiner Mutter übernommen habe, jene sind die von meinem Vater gelernten Eigenschaften.
  • Dies waren die positiven Einflüsse, unter denen ich aufgewachsen bin – für diejenigen von euch, die alt genug sind, z.B. die der Sowjetunion.
  • Dies ist der positive Einfluss, den die gegenwärtige ökonomische Situation auf mich hat.

Wir überlegen uns diese Punkte im Einzelnen, etwa so wie bei einer Hausaufgabe. All das ist Teil eines Gesamtprozesses, den wir, einfach ausgedrückt, „sich selbst kennenlernen“ nennen. Wenn wir uns wirklich selbst kennen, dann können wir zwischen dem Positiven und dem Negativen unterscheiden. Was möchte ich hervorheben und was möchte ich verringern? So gewinnen wir eine ganzheitliche Sicht von uns selbst.

Die Vorlage eines Mandalas gebrauchen

Ein anderes Modell, das wir verwenden können, um all diese Einflüsse zu vernetzten und zu integrieren, ist eine etwas bildlichere Darstellung, das Mandala. In einem Mandala, in dem es vielerlei Gestalten gibt, sind wir die Gesamtheit all dessen. Wir sind sie alle. Wir sind nicht nur die zentrale Figur, wir sind alle. Das entspricht der Darstellung des Körpers: Unser Körper ist nicht bloß das Verdauungssystem, sondern auch das Kreislaufsystem, das Nervensystem usw. Wir sind all diese Systeme.

Wir beginnen die positiven Einflüsse zu identifizieren, die wir von, sagen wir, acht Lebensbereichen erhalten – zum Beispiel: Familie, Freunde, Partner, Lehrer, Studien, Arbeit, Wohnorte und Religion. Ich bin mir sicher, uns fallen noch viel mehr ein, z.B. die Talente, die wir haben. Wir könnten auch nur einen Bereich ins Auge fassen und diesen in acht Teile aufteilen, etwa die Familie in Mutter, Vater, jedes der Geschwister und wenn wir verheiratet sind und Kinder haben, dann all diese Personen. Du stellst dir jeden dieser Bereiche mit einem geistigen Bild der Person oder von etwas, was diesen Bereich symbolisiert vor. Du ordnest sie dann um dich herum in Form eines Mandalas an. Du bist im Zentrum. Wenn das zu schwierig sein sollte, kannst du sie dir alle vor dir vorstellen. Dann stellst du dir wieder vor, dass der positive Einfluss in Form gelben Lichts dir von ihnen allen zugleich zufließt. Spüre, dass du die gesamte Gruppierung, das gesamte Mandala der guten Einflüsse bist – das bin „ich.“ Schließe die Übung ab, indem du denkst: „Das ist es, was ich weiterbringen will; das ist es, was ich der Welt zu geben habe.“ Diese Methode ist nicht die einfachste der Welt, aber wenn du sie durchführen kannst, dann ist das sehr erhebend.

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