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Vasubandhu wurde im späten 4. Jahrhundert in Purushapura im Land Gandhara, was dem heutigen nördlichen Pakistan entspricht, geboren. Das Jahr seiner Geburt wird mit dem Jahr nach der Ordination seines älteren Halbbruders Asanga angegeben. Er hatte dieselbe Mutter wie Asanga, die äußerst gelehrte Prakashashila (tib. gSal-ba’i tshul-khrims, Skt. Prakāśaśīla), und sein Vater war ein Brahmane, ein Hofpriester, der eine Autorität in Bezug auf die Veden war. 

Seine Mutter schulte ihn in allen grundlegenden Wissensbereichen und trug ihm auf, alle Texte des Tripitaka, der „Drei Körbe“ der Worte Buddhas, zu meistern. Ihrem Rat folgend, empfing er in Nalanda die Mönchsordination und studierte zunächst die wesentlichen Hinayana-Texte. Daraufhin ging er nach Kaschmir, um die Vaibhashika-Lehren zu studieren, insbesondere jene über Abhidharma (die speziellen Themen des Wissens), sowie über Vinaya (die monastischen Regeln der Disziplin). Sein Lehrer war Sanghabhadra (tib. ’Dus-bzang, Skt. Saṅghabhadra). Auf seinem Rückweg nach Indien wurde er von Räubern überfallen, die all seine Texte stahlen. Unverdrossen kehrte er nach Kaschmir zurück, um erneut Texte zusammenzutragen, und wieder wurden sie auf dem Rückweg nach Indien gestohlen. Dies geschah dreimal. Daraufhin fasste er den Entschluss, all die Texte auswendig zu lernen, denn dann konnte sie niemand mehr stehlen. Er vollbrachte diese Meisterleistung und kehrte unversehrt und ohne jeglichen Besitz nach Nalanda zurück, wo er umfangreiche Belehrungen gab.

Dort verfasste er sein Werk „Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“, in Versform (tib. Chos mngon-pa’i mdzod-kyi tshig-le’ur byas-pa, Skt. Abhidharmakośa-kārikā), in dem er die Vaibhashika-Sichtweise des Abhidharma darlegte, und schickte es seinem Lehrer Sanghabhadra, der hoch zufrieden war. Dann schrieb er seinen „Kommentar zu ‚Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens‘“ (tib. Chos mngon-pa’i mdzod-kyi bshad-pa, Skt. Abhidharmakośa-bhāṣyā), in dem er viele der Vaibhashika-Behauptungen vom Sautrantika-Blickwinkel kritisierte. Von diesem Kommentar war Sanghabhadra ganz und gar nicht erfreut und verfasste Gegendarstellungen zu den Sautrantika-Behauptungen seines Schülers in seinem „Umfangreichen Kommentar zu ‚Eine Lampe zu Themen des Wissens‘, Ein Unterkommentar des Lichtes“ (tib. Abhidharmadīpa-vibhāṣāprabhāvṛtti).

Während er in Nalanda war, las Vasubandhu die fünf Mahayana-Texte, die sein Halbbruder Asanga aus den Belehrungen Maitreyas niedergeschrieben hatte und stellte infrage, dass er sie tatsächlich von Maitreya empfangen hatte. Er verleumdete somit die Mahayana-Lehren und sagte sarkastisch, Asanga habe 12 Jahre im Dschungel gelebt, und anstatt Samadhi zu verwirklichen, habe er eine Elefantenladung an Schriften produziert. Da er sich Sorgen machte, Vasubandhu würde seinen großen Intellekt dazu benutzen, die Mahayana-Lehren zu untergraben, beauftragte Asanga einen seiner Schüler „Das Sutra der zehn Ebenen des Geistes des Bodhisattva“ (tib. Sa bcu-pa’i mdo, Skt. Daśabhūmika Sūtra) und einen anderen „Das Sutra, welches von Arya Akshayamati gelehrt wurde“ (tib. Blo-gros mi-zad-pas bstan-pa’i mdo, Skt. Āryākṣayamati-nirdeśa Sūtra) auswendig zu lernen und diese Mahayana-Sutras dort zu rezitieren, wo Vasubandhu lebte. 

Nachdem er das erste davon in der Nacht und das nächste Sutra am darauffolgenden Morgen gehört hatte, erkannte er, wie tiefgründig die Mahayana-Lehren waren und so bedauerte er es sehr, sie verleumdet zu haben. Er bat seinen Assistenten, ihm ein Messer zu bringen, um sich damit die Zunge herauszuschneiden, doch die zwei Schüler Asangas sagten ihm, dass er damit die negativen Potenziale, die er aufgebaut hatte, nicht reinigen könne und er die Angelegenheit am besten mit Asanga besprechen solle. Die zwei Halbbrüder trafen sich und debattierten miteinander, worauf Vasubandhu die Mahayana-Lehren und die Chittamatra-Sichtweise akzeptierte, die Asanga vertrat. Asanga lehrte ihm daraufhin die Mahayana-Sutras und trug ihm auf, sie selbst ausführlich zu lehren, um die Verleumdungen, die er gegenüber diesen Lehren begangen hatte, zu reinigen. 

Vasubandu lernte den gesamten Korpus der Mahayana-Sutras auswendig und machte es zu seiner täglichen Praxis, das Prajnaparamita-Sutra in 8000 Versen zu rezitieren. Normalerweise würde jemand ein ganzes Jahr benötigen, um alle Mahayana-Sutras zu rezitieren, doch Vasubandhu war in der Lage, es in einem Stück – und aus dem Gedächtnis – in 15 Tagen und Nächten zu bewerkstelligen, während er in einer Wanne mit Sesamöl saß, um eine Störung in seinem subtilen Energiesystem zu verhindern. Solche außergewöhnlichen Leistungen im Erteilen der mündlichen Überlieferung der Worte Buddhas brachten ihm den Titel „Der Zweite Allwissende“ (tib. kun-mkhyen gnyis-pa) ein.

Vasubandhu verfasste eine große Anzahl von Texten. Unter ihnen gab es Kommentare zu mehreren Mahayana-Sutras und einige Texte über Maitreya und Asangas Chittamatra, wie:

  • „Erklärender Kommentar zu ‚Das Sutra der zehn Ebenen des Geistes des Bodhisattvas‘“ (tib. ’Phags-pa sa-bcu-pa’i rnam-par bshad-pa, Skt. Ārya-daśabhūmi-vyākhyāna
  • „Kommentar mit Anmerkungen zu ‚Das Sutra, das von Arya Akshayamati gelehrt wurde‘“ (tib. ’Phags-pa blo-gros mi-zad-pas bstan-pa rgya-cher ’grel-pa, Skt. Āryākṣayamatinirdeśa-ṭīkā
  • „Erklärung von (Asangas) ‚Filigranschmuck für die Mahayana Sutras‘“ (tib. mDo-sde’i rgyan-gyi bshad-pa, Skt. Sūtrālaṃkāra-bhāṣya)  
  • „Erklärung zu (Asangas) ‚Die Mitte von den Extremen unterscheiden‘“ (tib. dBus-dang mtha’ rnam-par ’byed-pa’i ’grel-pa, Skt. Madhyāntavibhaṅga-bhāṣya)  
  • „Kommentar zu (Asangas) ‚Unterscheidung der Phänomene von ihrer tatsächlichen Natur‘“ (tib. Chos-dang chos-nyid rnam-par ’byed-pa’i ’grel-pa, Skt. Dharmadharmatāvibhaṅga-vṛtti
  • „Kommentar zu (Asangas) ‚Kompendium des Mahayana‘“ (tib. Theg-pa chen-po bsdus-pa'i 'grel-pa, Skt. Mahāyānasaṃgraha-bhāṣya).

Außerdem verfasste er selbst einige Chittamatra-Texte, wie:

  • „Zwanzig Verse“ (tib. Nyi-shu-pa’i tshig-le’ur byas-pa, Skt. Viṃśatikākārikā)  
  • „Kommentar zu ‚Zwanzig (Verse)‘“ (tib. Nyi-shu-pa’i ’grel-pa, Skt. Viṃśatikā-vṛtti
  • „Dreißig Verse“ (tib. Sum-cu-pa’i tshig-le’ur byas-pa, Skt. Triṃśikākārikā
  • „Eine Darlegung zu den fünf Aggregat-Faktoren“ (tib. Phung-po lnga’i rab-tu byed-pa, Skt. Pañcaskandhaprakaraṇa)  
  • „Eine Darlegung der Begründung von Karma“ (tib. Las grub-pa’i rab-tu byed-pa, Skt. Karmasiddhiprakaraṇa). 

Im späteren Teil seines Lebens übte er sich in kontemplativer Meditation und lehnte es sogar ab, mit würdigen Gegnern zu debattieren. Er starb im Alter von 80 Jahren, während er sich zu Besuch in einem Teil des Landes aufhielt, der heute zu Nepal gehört.

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