Ethische Selbstdisziplin entwickeln

Ethische Selbstdisziplin ist ein grundlegender Bestandteil des buddhistischen Pfades. Aber Ethik ist etwas, das wir in allen spirituellen Traditionen finden; und wir finden sie nicht nur in spirituellen Traditionen, sondern in allen sozialen Systemen. Um zu bestimmen, was die buddhistische Ethik „buddhistisch“ macht, müssen wir sie im Zusammenhang mit den vier edlen Wahrheiten – den grundlegenden Lehren Buddhas – untersuchen.

Ethisches Verhalten im Kontext der Vier Edlen Wahrheiten

Die Erste Edle Wahrheit: Wir alle leiden

Die erste Wahrheit im Leben besteht darin, dass wir alle wahres Leid erfahren. Zuerst einmal gibt es das gewöhnliche Leid von Schmerz und Unglücklichsein. Dann gibt es die Probleme, die mit unserer gewöhnlichen Art von Glück verbunden sind, z.B. die Tatsache, dass Glück nie andauert und nie zufriedenstellend ist. Wir wissen nie, was als nächstes passieren wird und wenn wir tatsächlich einmal den Zustand des Glücklichseins erreichen, verwandelt er sich meist in Unglück. Wenn wir beispielsweise zu viel Eis essen, bekommen wir Magenschmerzen. Schließlich gibt es das alles umfassende Leiden, was die Grundlage der ersten beiden Arten des Leidens ist. Das alles umfassende Leiden ist unsere unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburt (Skt. Samsara), die durch unsere zwanghaften karmischen Handlungen verursacht wurde, die wiederum durch störende Emotionen und Geisteshaltungen motiviert worden sind. Diese störenden Emotionen und Geisteshaltungen entstanden durch Unwissenheit oder Ignoranz über die verhaltensbedingte Ursache und Wirkung und darüber, wie die Dinge existieren. Wegen dieser Unwissenheit werden wir weiterhin auf eine Weise wiedergeboren, durch die wir die ersten beiden Arten des Leidens erfahren werden. Unwissenheit führt also zu störenden Emotionen und Geisteshaltungen, wodurch wir wiederum zwanghaft handeln und dadurch entstehen karmische Potentiale, die für uns zu einer unkontrollierbar sich wiederholenden Wiedergeburt führen. Die unkontrollierbare Wiedergeburt ist die Grundlage dafür, die Höhen und Tiefen der ersten beiden Arten des Leidens zu erfahren: Unglücklichsein und unser gewöhnliches Glücklichsein, das nie andauert und niemals zufriedenstellend ist.

Die Zweite Edle Wahrheit: Die Ursachen des Leidens

Bei der Zweiten Edlen Wahrheit geht es um die wahren Ursachen des Leidens. Die wahren Ursachen des Leidens sind unsere Unwissenheit (die Unwissenheit hinsichtlich Ursache und Wirkung des Verhaltens, und die Unwissenheit hinsichtlich der Realität), die störenden Emotionen (Gier, Lust, Wut, Naivität), die durch diese Unwissenheit verursacht werden und die zwanghaften karmischen Handlungen, welche durch diese Unwissenheit motiviert werden.

Die Dritte Edle Wahrheit: Es ist möglich, das Leiden zu beenden

Die dritte edle Wahrheit besagt, dass es möglich ist eine wahre Beendigung dieser Unwissenheit zu erreichen, so dass keine der drei Arten des Leidens je wieder auftreten werden.

Die Vierte Edle Wahrheit: Der Pfad zur Beendigung der Leiden

Die Vierte Edle Wahrheit ist der wahre Pfadgeist oder der Weg des Verstehens, der die Beendigung des Leidens bewirken wird. Der wahre Pfad ist ein korrektes Verständnis der verhaltensbedingten Ursache und Wirkung, und der Realität. Wenn wir dieses korrekte Verständnis mit der festen Entschlossenheit entwickeln, frei von dieser unkontrollierbar sich wiederholenden Wiedergeburt zu sein, dann sind wir frei von den ersten beiden edlen Wahrheiten (dem wahren Leiden und seiner Ursache) und wir erlangen die sogenannte Befreiung. Aber um anderen bestmöglich helfen zu können, müssen wir tiefer gehen; wir müssen die Hindernisse überwinden, die unseren Geist davon abhalten zu verstehen, wie alles miteinander in Beziehung steht.

Wenn wir verstehen, wie alles miteinander verbunden ist, werden wir die verhaltensbedingte Ursache und Wirkung vollständig verstehen und das bedeutet, dass wir wissen werden, wie wir anderen bestmöglich helfen können; wir werden wissen, wie sich das auswirken wird, was wir sie lehren. Auf der Grundlage von Liebe (dem Wunsch, dass andere glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen mögen) und Mitgefühl (dem Wunsch, dass andere frei von Leiden und seinen Ursachen sein mögen) entwickeln wir den außergewöhnlichen Entschluss, mit dem wir die Verantwortung übernehmen, alle Wesen den ganzen Weg zur Befreiung und Erleuchtung zu führen. Da wir aber erkennen, dass wir in unserem jetzigen Zustand nicht in der Lage dazu sind, entwickeln wir Bodhichitta. Mithilfe von Bodhichitta richten wir unser Ziel darauf aus, selbst Erleuchtung zu erlangen, um tatsächlich das Ziel zu verwirklichen, alle anderen zu einem ähnlichen Zustand zu führen. Wenn wir unser Verständnis der Realität mit dieser Bodhichitta-Motivation verbinden, erlangen wir Erleuchtung – wir werden zu einem Buddha.

Das ist in wenigen Sätzen der buddhistische Pfad. Mit ethischer Selbstdisziplin vermeiden wir es destruktiv zu handeln, damit wir schlechte Wiedergeburtszustände verhindern und stattdessen glückliche Wiedergeburtszustände erlangen. Aber viele andere spirituelle Traditionen lehren ethische Disziplin, um eine höhere Wiedergeburt im Himmel zu erlangen; das Ziel der Erlangung einer höheren Wiedergeburt ist nicht ausschließlich buddhistisch. Im Buddhismus wäre diese Ebene der ethischen Praxis (negatives, destruktives Verhalten zu vermeiden, um eine bessere Wiedergeburt zu erlangen) ein Sprungbrett auf dem Weg zum Erlangen von Befreiung und Erleuchtung. Damit wir die Arbeit tun können, die notwendig ist, um Erleuchtung zu erreichen benötigen wir viele hohe Wiedergeburten – und daher ist es sehr positiv und sinnvoll, sich in ethischem Verhalten zu üben. Wenn wir ethische Disziplin mit einer Bodhichitta-Motivation praktizieren, um letztendlich Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, wird diese Ebene der Praxis zu einer buddhistischen Praxis.

Die Drei Höheren Schulungen

Im Buddhismus sprechen wir von den drei höheren Schulungen, die entweder mit der Motivation praktiziert werden können, individuelle Befreiung zu erlangen oder mit der Motivation, Erleuchtung zu erlangen. Die höchste Schulung ist die Schulung in höherem unterscheidendem Gewahrsein. Es ist die Fähigkeit, zwischen dem, was Realität und dem was Phantasie oder Illusion ist, unterscheiden zu können. Somit ist das unterscheidende Gewahrsein wie eine scharfe Axt, mit der man Verwirrung oder Unwissenheit zerschneiden kann.

Damit wir dieses höhere unterscheidende Gewahrsein anwenden können, brauchen wir höhere Konzentration oder höhere vertiefte Konzentration. Konzentration bedeutet, sich auf ein Objekt, insbesondere auf die Realität der Dinge, konzentrieren zu können, ohne die Aufmerksamkeit an andere Dinge zu verlieren oder träge zu werden – so lange fokussiert bleiben zu können, wie man möchte. Diese Fähigkeit sich konzentrieren zu können lässt sich damit vergleichen, mit der Axt eine gute Treffsicherheit zu haben; mit der Axt müssen wir immer in der Lage sein, die Markierung zu treffen, tatsächlich den Punkt zu treffen, an dem wir die Verwirrung durchtrennen wollen.

Die Grundlage für höhere Konzentration ist höhere ethische Selbstdisziplin und an dieser Stelle kommt unser Thema der Ethik und Disziplin ins Spiel. Damit wir uns konzentrieren können ist Folgendes nötig: wir brauchen die Disziplin, unsere Aufmerksamkeit zu korrigieren, wenn sie abschweift und wir müssen in der Lage sein, unsere Aufmerksamkeit zu korrigieren, wenn wir sehr matt und schläfrig werden. Dafür benötigen wir Disziplin und das lässt sich damit vergleichen, die Kraft zu haben, eine Axt benutzen zu können. Ethische Selbstdisziplin ist also die Grundlage oder Voraussetzung für Konzentration, die wiederum die Grundlage für höchstes unterscheidendes Gewahrsein ist.

Konzentrieren bezieht sich nicht nur darauf, über Leerheit oder über ein anderes Objekt zu meditieren. Es bedeutet, sich in allen Situationen auf nützliche Weise zu fokussieren. Wenn man beispielsweise versucht, jemandem zu helfen, muss man sich darauf konzentrieren was die andere Person sagt. Man muss zuhören; man kann den Geist nicht zu etwas anderem abschweifen lassen, wie z.B.: „Wann gibt es Mittagessen?“ Und es ist wichtig aufmerksam zu sein, um wachsam bleiben zu können und nicht abzuheben. Man muss sich konzentrieren können, um zwischen dem zu unterscheiden (hier haben wir eine weitere Bedeutung des unterscheidenden Gewahrseins), welche Worte richtig und hilfreich sind, welche Taten förderlich sind und was unangemessen und nicht hilfreich wäre. Man braucht also Disziplin, um aufhören zu können daran zu denken, was ich gerade tun möchte (vielleicht will ich Mittagessen gehen) und sich stattdessen damit zu befassen, was für die andere Person am besten wäre.

Ethische Selbstdisziplin ist also sehr wichtig; und im buddhistischen Kontext heißt das, die Fähigkeit zu haben, sich mit unterscheidendem Gewahrsein auf die Realität konzentrieren zu können und darauf, anderen zu helfen.

Wenn wir nun über Konzentration reden, meinen wir damit eine geistige Aktivität und wir benötigen Disziplin – vor allem die Disziplin des Geistes. Natürlich benötigen wir die Disziplin um überhaupt in der Lage zu sein, auf dem Meditationskissen zu sitzen, um Trägheit und Ablenkungen überwinden zu können. Unseren Geist zu disziplinieren ist allerdings viel schwieriger, als das Verhalten unseres Körpers und unsere Rede zu disziplinieren. Woher bekommen wir die Kraft, das Verhalten unseres Geistes disziplinieren zu können? Wir bekommen sie, indem wir zuerst unseren Körper und unsere Rede disziplinieren.

Ethik in einem westlichen Kontext

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen der buddhistischen Herangehensweise zur Ethik und anderer Ansätze zu verstehen. Die meisten von uns sind in einer Kultur des Westens oder des Mittleren Ostens aufgewachsen und in der Kultur des Westens und des Mittleren Ostens geht es bei Ethik im Grunde um Gesetze. Es gibt göttliche Gesetze, die von Gott oder von Allah gegeben wurden und im zivilen Bereich gibt es Gesetze, die entweder von einem König oder einer gesetzgebenden Regierung erlassen werden. In der westlichen Kultur basiert die ganze Idee der Ethik tatsächlich auf Gehorsam – man gehorcht entweder göttlichen Gesetzen, zivilen Gesetzen, oder beiden. Wenn wir gehorchen, werden wir als guter Mensch oder guter Bürger betrachtet; wenn wir nicht gehorchen, werden wir als schlechter Mensch oder schlechter Bürger betrachtet. Im religiösen Bereich wird der Mensch als Sünder gesehen und im zivilen Bereich gilt die Person als kriminell.

Im Kontext des Westens oder des Mittleren Ostens gelten Missetäter als moralisch schlecht und in der Kultur wird das Phänomen der Schuld betont. Wir werden als schuldig verurteilt – Schuld im legalen und im psychologischen Sinne. Im Westen beruht ein Großteil unserer Ethik auf dieser Idee, den Gesetzen zu gehorchen. Einige Mitglieder der Gesellschaft können es verhindern, bestraft zu werden: wenn sie sehr schlau sind und genug Geld haben, nehmen sie sich einen Anwalt um Schlupflöcher in den Gesetzen zu finden und die Gesetze irgendwie zu umgehen.

Ethik im buddhistischen Kontext

Die Einstellung zur Ethik im Westen oder Mittleren Osten unterscheidet sich sehr von der buddhistischen Auffassung. Die Ethik im Buddhismus basiert nicht auf Gehorsam; sie beruht vielmehr auf dem sogenannten „unterscheidenden Gewahrsein“ (tib. shes-rab). Diesen Begriff haben wir schon vorher in Bezug auf das Unterscheiden zwischen Realität und Fantasie betrachtet. Aber hier differenzieren oder unterscheiden wir in erster Linie zwischen dem, was hilfreich und dem, was schädlich ist. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man zwischen dem unterscheidet, was in einem juristischen Sinne legal und dem, was illegal ist. Bitte erinnern Sie sich daran, dass der gesamte buddhistische Kontext darin besteht, dass wir Leiden loswerden oder uns von ihm befreien wollen. Und der Weg dorthin besteht in der Beseitigung der Ursache des Leidens. Das heißt, wir müssen korrekt unterscheiden, worin die Ursache des Leidens besteht. Und dann ist es wichtig, dass wir eine Motivation haben, um uns von dieser Ursache zu befreien oder sie zu überwinden. Natürlich will jeder glücklich sein; das ist ein natürlicher Impuls, der mit dem Überlebensinstinkt verbunden ist und es ist ein sehr ursprünglicher Instinkt. Aber meistens verstehen wir nicht wirklich, was uns dabei helfen wird, eine Abwesenheit von Leiden zu bewirken oder was uns helfen wird, Glück herbeizuführen.

Unterscheidendes Gewahrsein hängt also mit ethischer Selbstdisziplin zusammen. Wir entscheiden auf korrekte Weise: „Wenn ich so handle, werden Probleme entstehen – vielleicht wird es für andere Probleme geben, aber hauptsächlich für mich. Und wenn ich auf konstruktive Weise handle, wird das für mich und vielleicht auch für andere hilfreich sein.“ Und ob wir dann destruktives Verhalten vermeiden oder nicht, liegt wirklich an uns; es hängt davon ab, wie ernst wir uns selbst nehmen und wie sehr uns das Leid kümmert, welches wir in der Zukunft erfahren könnten. Es könnte sein, dass jemand einfach nicht weiß, was hilfreich ist und wenn wir jemandem begegnen, der nur deswegen destruktiv handelt, weil er es nicht besser weiß, können wir versuchen ihm zu helfen, es zu verstehen.

Das häufigste Beispiel sind kleine Kinder. Kleine Kinder wissen nicht, dass man zum Beispiel das Spielzeug anderer Kinder nicht kaputtmacht oder es ihnen wegnimmt; wir müssen es ihnen beibringen. Unsere westliche Indoktrination mag vielleicht dazu führen, dass wir das unartige Kind ein „böses Mädchen“ oder einen „bösen Jungen“ nennen, aber tatsächlich ist es so, dass sie es einfach nicht besser wissen. Es ist also nicht notwendig, beim Kind Schuldgefühle zu verursachen – es geht überhaupt nicht um Schuld – es ist einfach eine Frage der Erziehung. Wenn wir Kindern beibringen können, dass sie aufgrund ihres Verhaltens leiden werden, wenn wir ihnen verständlich machen können, dass andere Kinder sie nicht mögen werden, wenn sie sich schlecht verhalten, dann werden sie es lernen.

Wenn wir jemanden sehen, der auf destruktive Weise handelt, weil er verwirrt ist, dann ist diese Person ein geeignetes Objekt für Mitgefühl – nicht für Wut oder Bestrafung. Das Mitgefühl könnte so aussehen, dass man die Person ins Gefängnis steckt, wenn sie andere Menschen verletzt. Diese Maßnahme sollte jedoch aus Mitleid ergriffen werden – wir stecken die Person ins Gefängnis, um sie daran zu hindern, andere zu verletzen oder gar zu töten und um zu verhindern, dass sie sich selbst noch mehr Probleme schafft. Die buddhistische Herangehensweise gegenüber Gesetzesverstößen ist eine völlig andere Haltung als der gerichtliche Kontext von Schuld und Bestrafung.

Westliche Ethik sollte nicht auf den Buddhismus projiziert werden

Wenn wir Buddhismus praktizieren ist es sehr wichtig, unsere westlichen Vorstellungen von Ethik nicht auf den Buddhismus zu projizieren. Viele Probleme in unserer buddhistischen Praxis entstehen dadurch, dass wir als Westler in unangemessener Weise unsere westliche Vorstellung von Ethik auf unsere buddhistische Praxis projizieren. Manche Menschen glauben, sie müssten ihre Meditationspraxis machen, um „gute“ Buddhisten zu sein. Einige Westler glauben vielleicht, sie müssten ihrem Lehrer gehorchen, aber aus buddhistischer Sicht ist das ein ziemlich merkwürdiges Konzept. Tatsächlich ist es so: wir sollten den Rat des Lehrers annehmen, aber wir sollten auch unser unterscheidendes Gewahrsein benutzen. Manchmal wird der Lehrer uns völlig haarsträubende Dinge sagen, um uns dazu zu bringen, unsere eigene Intelligenz zu nutzen.

Es gibt eine Geschichte aus einem früheren Leben des Buddha, in welcher er als ein Schüler unter vielen anderen bei einem bestimmten Lehrer lernte. Der Lehrer beauftragte alle Schüler damit, in das nächste Dorf zu gehen und etwas für ihn zu stehlen. Alle Schüler gingen, um etwas zu stehlen und es ihrem Lehrer zu bringen, mit Ausnahme der früheren Inkarnation des Buddha – er blieb einfach in seinem Zimmer. Der Lehrer ging in sein Zimmer und fragte ihn: „Warum bist du nicht gegangen, um etwas für mich zu stehlen? Willst du mich nicht erfreuen und glücklich machen?“ Und die frühere Inkarnation des Buddha sagte: „Wie kann das Stehlen jemanden glücklich machen?“ Die Lehre dieser Geschichte ist also, dass der buddhistische Weg nicht darin besteht, dem Lehrer blind zu gehorchen, als wäre der Lehrer ein Polizist oder Armeeoffizier. Vielmehr gibt der Lehrer Ratschläge und Richtlinien. Der Lehrer hilft uns zu lernen, unser eigenes unterscheidendes Gewahrsein zu nutzen, damit wir selbst Buddhas werden können. Unser Ziel besteht nicht darin, ein Diener des Buddha zu werden; wir wollen selbst ein Buddha werden.

Das westliche Konzept, Gesetze wären unveränderlich

Ein weiterer Unterschied zwischen westlicher und buddhistischer Ethik besteht darin, dass man im Westen glaubt, die Gesetze seien heilig – sie hätten geradezu ein Eigenleben. Die Menschen meinen, ein göttliches Gesetz, welches von Gott erlassen wurde, könne nicht geändert werden. Und auch geltende bürgerliche Gesetze werden als ziemlich heilig angesehen, obwohl sie durch das Gesetzgebungsverfahren geändert werden können. Was wir hier erkennen müssen ähnelt dem, was wir in der Leerheitsmeditation tun. Bei der Leerheit geht es um eine Abwesenheit von unmöglichen Existenzweisen. Wenn wir Leerheit verstehen wollen, müssen wir unmögliche Existenzweisen identifizieren und erkennen, dass sie sich auf nichts Wirkliches beziehen. Und eine der wichtigsten unmöglich Existenzweisen ist Folgende: dass es etwas innerhalb eines Objektes gäbe (in diesem Fall, innerhalb eines Gesetzes), durch das aus eigener Kraft, unabhängig von irgendetwas anderem, seine Existenz begründet wird oder bewirkt wird, dass es existiert. Im Rahmen der zivilen Gesetze ist die unmögliche Denkweise: „Dies ist das Gesetz. Es spielt keine Rolle wie die Umstände sind, es spielt keine Rolle wie die bestimmte Situation ist oder wie die Zusammenhänge sind. Das Gesetz wird aus sich selbst heraus begründet und es steht für sich selbst.“

Vor kurzem gab es einen Fall in der Schweiz, bei dem der Regisseur Roman Polanski auf Forderung der Regierung der Vereinigten Staaten festgenommen wurde, um wegen eines Verbrechens von sexuellem Missbrauch, welches er angeblich vor mehr als 30 Jahren begangen hatte, in die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden. Dies ist ein gutes Beispiel der Denkweise: „Es spielt keine Rolle, dass die Beschuldigungen vor 30 Jahren gemacht wurden. Es spielt keine Rolle, dass die beteiligte Frau die juristischen Anklagen gegen ihn zurückziehen möchte. Das Gesetz ist das Gesetz. Niemand steht über dem Gesetz. Er muss bestraft werden.“ Dies ist ein sehr gutes Beispiel der Vorstellung, dass das Gesetz ein Eigenleben habe und dass unabhängig von allen sonstigen Faktoren das Gesetz das Gesetz ist und eingehalten werden müsse. Aus buddhistischer Sicht ist das eine falsche Ansicht.

Die buddhistische Ethik als Richtlinie

Buddha hat in Bezug auf Handlungen, die entweder Leiden hervorrufen oder sich nachteilig auf spirituellen Fortschritt auswirken, verschiedene Richtlinien gegeben. Beispielsweise ist es Mönchen und Nonnen untersagt, nach dem Mittag noch etwas zu essen, da es den Geist für die Meditation am Abend träge macht. Obwohl Buddha viele Richtlinien für das Verhalten gelehrt hat, sind die buddhistischen Verhaltensvorschriften oder die ethischen Richtlinien (zum Beispiel die Verhaltensvorschrift, nicht zu töten) kein Gesetz, welches ein in Stein gemeißeltes Gebot ist. Es ist nicht so, dass die Richtlinie heilig und von der Situation, dem Kontext oder irgendwelcher mildernder Faktoren unabhängig ist. Stattdessen sind buddhistische ethische Richtlinien „abhängig entstehende“ Phänomene. Sie sind abhängig von Ursachen und Bedingungen und im Zusammenhang mit Situationen und Umständen entstanden oder in Erscheinung getreten. .

Wir können das sehr deutlich an der Entwicklung der monastischen Gelübde sehen. Zur Anfangszeit der buddhistischen Gemeinschaft gab es keine Gelübde. Jedoch entstanden in der buddhistischen Gemeinschaft verschiedene Situationen, die Probleme hervorriefen – entweder unter den Mitgliedern der Mönchsgemeinschaft oder es gab Probleme zwischen der Gemeinschaft der Ordinierten und der Laien, welche die Mönche und Nonnen unterstützten. Buddha sagte also: „Um dieses Problem zu vermeiden, solltet ihr das nicht tun“ und daraus entstanden die Gelübde. Wenn man das Vinaya (die Gelübde und Regeln der Disziplin) studiert, sieht man, dass es im Text normalerweise für jede Regel eine Erklärung dazu gibt, wie das Gelübde entstanden ist – welche Situation Buddha dazu bewog, dieses Gelübde festzulegen. Bei all diesen Gelübden gibt es jedoch immer den Vorbehalt, dass man das Gelübde vielleicht brechen muss, wenn andere Faktoren Vorrang haben.

Zum Beispiel wird im Vinaya gesagt, dass ein Mönch keine Frau berühren sollte, um Lust zu vermeiden. Wenn die Frau aber gerade ertrinkt, wird der Mönch nicht einfach nur dastehen und zusehen – der Mönch muss ihr helfen. Es ist völlig klar, dass die Notwendigkeit das Verbot manchmal aufhebt und das wird im Vinaya ausdrücklich erlaubt. Im Buddhismus sind Ethik und Richtlinien relativ – sie sind relativ zur spezifischen Situation. Wenn es notwendig ist, auf schädliche Weise zu handeln und die Handlung Leid hervorrufen wird, gehen wir sehr bewusst vor. Wir sind uns bewusst darüber: „Ich werde das Leid auf mich nehmen, welches durch diese Tat verursacht wird, um anderen zu helfen.“

Eine andere Geschichte aus einem früheren Leben des Buddha veranschaulicht diesen Punkt. In der vorangegangenen Inkarnation war Sakyamuni Buddha der Steuermann auf einem Boot und auf dem Boot befanden sich 500 Händler. Es gab ein Ruderer, der alle Händler töten wollte um sie zu berauben, aber Buddha konnte dies durch seine hellseherischen Fähigkeiten sehen. Und Buddha wusste, dass es keine Möglichkeit gab diesen Morde zu verhindern, außer den Ruderer selbst zu töten. Also nahm er freiwillig und bewusst die karmischen Konsequenzen auf sich, die durch das Töten des Ruderers entstehen würden, um 500 Leben zu retten und auch um zu verhindern, dass der Ruderer die schrecklichen Folgen eines solchen Verhaltens auf sich laden würde.

Ethik und Bodhisattva-Gelübde

Die Bodhisattva-Gelübde umfassen die Wurzelgelübde und die zusätzlichen Gelübde (Nebengelübde). Die meisten der zusätzlichen oder Nebengelübde sind entsprechend den Kategorien der sechs weitreichenden Geisteshaltungen angeordnet, die man auch als die sechs Vollkommenheiten kennt (Skt. Paramitas). (Die sechs Vollkommenheiten sind: Großzügigkeit, ethische Selbstdisziplin, Geduld, freudige Ausdauer, geistige Stabilität und unterscheidendes Gewahrsein.) Die Bodhisattva-Gelübde sind Verpflichtungen, fehlerhafte Handlungen zu unterlassen, die sich nachteilig auf die Entwicklung von Bodhichitta auswirken würden. Zwei dieser Gelübde sind relevant im Hinblick auf die Entwicklung ethischer Selbstdisziplin. Erstens, wir sollten vermeiden, kleinlich oder engstirnig zu sein, wenn es um das Wohlergehen anderer geht. Eine kleinliche Haltung könnte dazu führen, dass wir denken: „Diese Person verdient meine Hilfe nicht. Sie hat so viele Fehler – warum sollte ich mir die Mühe machen und versuchen ihr zu helfen?“ Oder: „Ich muss jetzt meine Meditation machen und daher kann ich Ihnen nicht helfen; was meinen Zeitplan betrifft sollte ich jetzt meditieren und für Sie kann ich keine Ausnahme machen – vielleicht ein andermal.“ Das bedeutet es kleinlich zu sein.

Ein weiteres Beispiel einer engstirnigen Haltung ist Folgendes: Vielleicht gibt es einen Mönch in Ihrem Dharma-Zentrum, der beim Tragen von etwas Schwerem Hilfe benötigt, aber er trägt seine Gewänder nicht richtig. Die engstirnige Haltung ist folgende: Ich werde ihm nicht helfen, bis er seine Gewänder wirklich korrekt angezogen hat. Das bedeutet es, wegen unwichtiger Dinge kleinlich zu sein, anstatt die Aufmerksamkeit darauf zu richten, was am wichtigsten ist, in diesem Fall dem Mönch beim Tragen zu helfen. In einem anderen Beispiel übersetzt vielleicht ein Freiwilliger meinen Vortrag vom Englischen ins Deutsche. Da wäre es sehr kleinlich von mir, damit anzufangen, seine Grammatik oder Aussprache zu korrigieren. Diese Art von Kritik hilft nicht, das eigentliche Ziel zu erreichen: dass die Zuhörer verstehen, was ich sage.

Das zweite wichtige Bodhisattva-Gelübde besteht darin, eine schädliche Handlung nicht zu unterlassen, wenn Liebe und Mitgefühl diese Handlung erfordern. Wenn mein Kind krank ist und Darmparasiten hat, könnte ich die Entscheidung treffen, ihm keine Medizin zum Abtöten der Parasiten zu geben, weil eine der 10 zerstörerischen Handlungen im Buddhismus darin besteht, das Leben anderer zu nehmen; ich könnte meinen, es sei wichtig, den Regeln ohne Ausnahme zu folgen. Es ist jedoch klar, dass es wichtig ist, Liebe und Mitgefühl für das Kind zu haben; ich sollte das Kind zum Arzt bringen und ich sollte ihm die Medizin zum Abtöten der Parasiten geben. Natürlich stimmt es, dass der Wurm in vergangenen Leben meine Mutter war und es stimmt, dass ich die Würmer mit Gleichmut behandeln sollte. Wenn man aber eine solch extreme Entscheidung fällt und die Krankheit des Kindes nicht behandelt, ist es, als würde man in Bezug auf den Dharma wie ein Idiot, wie ein Fanatiker sein. Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Kind im gegenwärtigen Leben anderen von viel größerem Nutzen sein kann, als der Wurm in dessen Magen. Und wir töten den Wurm nicht aus Hass und Wut („Du böser Wurm!“), sondern haben Mitleid gegenüber dem Wurm; wir wünschen ihm Gutes und haben keine Freude am Töten. Aber trotzdem müssen wir manchmal eine schädliche Handlung aus Liebe und Mitgefühl ausführen.

Der Nachteil von Starrheit

Mit dieser Art von Problemen haben wir es zu tun, wenn wir meinen: „Gesetze sind Gesetze, die buddhistische Ethik beruht auf Gesetzen und wenn es geschrieben steht, dann ist es heilig und unabänderlich.“ Uns wird immer beigebracht, die Situation zu analysieren und das wahre Problem zu ermitteln. Wenn wir diese Situation analysieren, bei der wir mit aller Kraft am Wortlaut des Gesetzes festhalten: worin besteht dann das wahre Problem oder die eigentliche Ursache, fanatisch an das Gesetz zu glauben?? Das Problem ist das Greifen nach einem falschen „Ich“. Wir haben eine dualistische Auffassung von uns selbst. Es gibt ein solides „Ich“, welches unartig ist und diszipliniert werden muss; und dann gibt es ein anderes „Ich“, den Zuchtmeister. Wir denken: „Ich muss damit aufhören dies zu tun“, als gäbe es ein „Ich“ auf der einen Seite, welches „mich“ auf der anderen Seite davon abhält, etwas Dummes zu tun. Wenn wir diese Geisteshaltung haben, haben wir einen starken Glauben an zwei solide „Ichs“ – den potenziellen Kriminellen und den Polizisten. Und die Wachsamkeit, mit der wir auf das „Ich“ aufpassen, ist, als hätten wir einen wahrhaft existierenden KGB-Agenten in unserem Geist, der unser eigenes Verhalten ausspioniert. Wir glauben auch, dass das Gesetz als etwas Solides existiert. Und was ist das Resultat davon, das solide „Ich“ als Spion zu sehen? Das Resultat ist, dass wir wirklich sehr starr und unflexibel sind.

Dieses falsche Verständnis von Disziplin könnte dadurch verstärkt werden, dass wir einige Verse des Textes von Shantideva: „ Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ missverstehen. Wenn man dabei ist, etwas Dummes zu tun oder etwas Schädliches zu sagen (im Text gibt es eine lange Liste von negativen Verhaltensweisen), dann sollte man, wie im Text gesagt wird: „wie ein Stück Holz verharren“. Das könnten wir missverstehen und denken, es bedeute, so starr wie ein Stück Holz zu sein, wie ein Roboter zu sein. Wenn wir diese Haltung der Starrheit annehmen, denken wir vielleicht: „Ich werde nicht handeln; Ich werde nicht reagieren; Ich werde gar nichts tun.“ Das ist nicht die richtige Interpretation dieses Ratschlages. Wie ein Stück Holz zu verharren bedeutet: „sei standhaft beim Unterlassen der negativen Handlung“; es bedeutet nicht: „sei starr wie ein Stück Holz“. Wenn wir an dieses falsche „Ich“ denken, werden wir so steif wie ein Roboter; wir denken: „Ich muss diesem unartigen ‚Ich’ Disziplin beibringen, sonst bin ich schlecht.“

Der geschickte Weg, sich der buddhistischen Ethik zu nähern

Wir müssen uns also entspannen. Und es ist wichtig, sich zu entspannen und gleichzeitig die rechte ethische Disziplin zu bewahren. Wie tun wir das? Zunächst einmal müssen wir verstehen, dass es nicht um Gesetze geht – es geht um Richtlinien. Eine Richtlinie besagt: wenn wir Leiden vermeiden oder minimieren wollen, wird empfohlen, wenn möglich, diese Vorgehensweise zu vermeiden. Es ist kein Gesetz, bei dem wir uns gezwungen sehen, es zu befolgen, auch wenn wir keine Vorstellung davon haben, was der Zweck des Gesetzes ist, auch wenn wir denken, dass es ein dummes Gesetz ist. So ist es nicht. Die buddhistische Ethik ist kein dummes Gesetz. Buddha hat aus Mitleid heraus auf bestimmte Dinge hingewiesen, um uns dabei zu helfen, es zu vermeiden, uns selbst Probleme zu schaffen. Die Richtlinien entstanden abhängig vom Mitgefühl, abhängig von einem Verständnis davon, wodurch Probleme verursacht und wodurch sie vermieden werden. Jede Situation, der wir begegnen ist anders; wir müssen unser unterscheidendes Gewahrsein benutzen, um in jeder Situation zu entscheiden, welche Handlungsweise nützlich ist und welche Handlung wir im Gegenzug vermeiden sollten. Dieses Verständnis (zu wissen, was man tun, und was man nicht tun sollte) muss natürlich und spontan sein, nicht im Sinne eines dualistischen Polizisten, der den potenziellen Kriminellen diszipliniert.

Ethische Selbstdisziplin als geistiger Faktor

Was verstehen wir im Buddhismus eigentlich unter ethischer Selbstdisziplin? Im buddhistischen Kontext besteht jeder Moment unserer Erfahrung aus vielen verschiedenen Teilen. Diese Teile können in fünf Gruppen angeordnet werden, die man die fünf Aggregate nennt. Wir erleben einen Moment – gerade in diesem Augenblick. Woraus entsteht in diesem Augenblick, in diesem Moment, meine Erfahrung? Sie besteht aus sehr vielen Dingen. Natürlich ist mein Körper ein Teil meiner Erfahrung; es gibt die verschiedenen sensorischen Systeme, wie die Zellen meiner Augen. Ich nehme Objekte, die es gerade gibt, wahr, indem ich die verschiedenen Arten des Bewusstseins einsetze, wie zum Beispiel das Sehen und das Hören. Verschiedene Gefühle sind daran beteiligt und verschiedene Arten von geistigen Faktoren wie Konzentration, Aufmerksamkeit und Interesse. All diese Phänomene, die jeden Moment unserer Erfahrung ausmachen, können in fünf Gruppen, die sogenannten „fünf Aggregate“ unterteilt werden. Dazu gehören die sogenannten „geistigen Faktoren“. Ethische Selbstdisziplin ist ein geistiger Faktor.

Aber zunächst einmal: was ist ein geistiger Faktor? Wir unterscheiden einen geistigen Faktor von einem sogenannten „Primärbewusstsein“. In jedem Moment erhalten und verarbeiten wir Informationen. Diese Informationen gehen in Form von elektrischen und chemischen Impulsen an das Gehirn. Das Primärbewusstsein ist jenes Bewusstsein, welches dazu in der Lage ist zu wissen, welche Art von Informationen beim Gehirn ankommen. Das Primärbewusstsein ist sich darüber bewusst, dass eine bestimmte Information zum Beispiel visuelle, auditiv oder eine körperliche, wie die Empfindung von Hitze oder Kälte, ist. Wir alle kennen dieses Phänomen des „Wissens“, welches stattfindet – wenn wir kein Primärbewusstsein hätten, gäbe es lediglich reine elektrische Impulse ohne jegliche Interpretation.

Die geistigen Faktoren begleiten das Primärbewusstsein. Sie helfen dem Bewusstsein die eingehenden Informationen zu bewältigen. Bei den geistigen Faktoren könnte es sich darum handeln, Aufmerksamkeit oder Interesse zu zeigen oder über die Information glücklich oder unglücklich zu sein. Die geistigen Faktoren könnten eine Emotion sein, sei es eine positive oder eine negative. Es gibt viele geistige Faktoren. Und jeder Moment unserer Erfahrung wird von einer Vielzahl geistiger Faktoren begleitet. Ethische Selbstdisziplin ist einer dieser geistigen Faktoren.

Ethische Selbstdisziplin ist eine Unterkategorie des geistigen Faktors, der als „geistiger Antrieb (oder geistiger Drang)“ bezeichnet wird. Ein geistiger Antrieb bewirkt, dass unsere geistige Aktivität in eine bestimmte Richtung geht; er bewirkt, dass wir etwas tun. Der geistige Antrieb könnte ein Impuls sein, sich am Kopf zu kratzen; er könnte ein Antrieb dazu sein, etwas zu sagen; oder er könnte ein Antrieb dazu sein, nichts zu sagen, davon abzusehen etwas zu sagen; oder er könnte ein Drang sein, zum Kühlschrank zu gehen.

Der Drang, zum Kühlschrank zu gehen, ist ein geistiger Antrieb, der mit dem Fernsehen zusammenhängen könnte. Während wir fernsehen, erreichen viele Bilder durch den Körper (durch die lichtempfindlichen Zellen der Augen) und durch das Sehbewusstsein (die Sicht) unser Gehirn, aber da ist auch der Drang, zum Kühlschrank zu gehen. Dieser Impuls, aufzustehen, geht mit der Erfahrung des Fernsehens einher. Wir könnten diesem Drang also nachgeben oder uns entscheiden, es nicht zu tun. Wenn der Wunsch zum Kühlschrank zu gehen entsteht, könnten wir die ethische Selbstdisziplin haben, ihm nicht nachzugeben, beruhend auf der Entscheidung: „Nein, ich werde nicht zum Kühlschrank gehen, auch wenn ich es gerne tun würde. Ich möchte zum Kühlschrank gehen und mir ein Stück Kuchen holen, aber ich werde es nicht tun, weil ich auf Diät bin“.

Sehen wir uns nun die Definition ethischer Selbstdisziplin an. Ethische Selbstdisziplin ist der geistige Antrieb, die Aktionen von Körper, Rede und Geist zu schützen. „Schützen“ bedeutet sich davor zu hüten etwas zu tun; der Antrieb zu schützen entsteht dadurch, dass man den Geist von jeglichen Wünschen, anderen zu schaden, abgewendet hat. Weil ich also andere nicht verletzen will, werde ich auf meine Handlungen achtgeben; ich werde es vermeiden, auf schädliche Weise zu handeln. Es ist der Antrieb zu sagen: „Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde meine Tochter nicht schlagen, weil sie ihren Saft verschüttet hat. Ich werde sie nicht anschreien, weil sie diesen Fehler gemacht hat“. Dieser Antrieb kann auch daraus entstehen, dass man seinen Geist von störenden und destruktiven geistigen Faktoren abgewendet hat, durch die man in der Vergangenheit dazu motiviert wurde, anderen zu schaden. Wir könnten den Antrieb haben, nicht aus Wut heraus zu handeln. Basierend darauf, dass ich versuche, meine Wut zu überwinden, habe ich den Antrieb der Selbstdisziplin, der mir dabei helfen wird, nicht wütend zu werden und aus dieser Wut heraus zu handeln.

Ethische Selbstdisziplin ist nicht einfach ein Antrieb, der im Moment auftritt (zum Beispiel in dem Moment wenn ich meine Tochter anschreien will), sondern vielmehr ist es eine allgemeine Form dieses Prinzips, welches in unserem geistigen Kontinuum als generelle Richtlinie vorhanden ist: „ Ich werde eine bestimmte Art von Verhalten meiden. Ich werde Gewahrsein benutzen, das wie ein geistiger Klebstoff wirkt, um mich davon abzuhalten, laut zu werden und ich werde wachsam sein und mich beobachten, falls ich abweiche“.

Neben dem Unterlassen von schädlichem Verhalten, das anderen schaden würde, gibt es zusätzlich viele Unterkategorien der ethischen Selbstdisziplin. Allgemeiner gesagt bedeutet Disziplin, schädliches Verhalten zu meiden, welches für mich, nicht nur für andere, schädlich ist und es bedeutet auch, es zu vermeiden, positiven Handlungen zu unterlassen. Mit anderen Worten: Ich habe die Disziplin, Positives zu tun, wie zu meditieren, zu studieren oder mich verschiedenen spirituellen Praktiken zu widmen. Und außerdem habe ich auch die ethische Disziplin, anderen zu helfen.

Es gibt also drei Arten von ethischer Selbstdisziplin: destruktives Verhalten zu vermeiden, sich in konstruktivem Verhalten zu üben und anderen zu helfen. Ethische Disziplin ist der geistige Faktor, der den Geist in eine bestimmte Richtung lenkt, die unser Verhalten beschützt, indem wir: nicht schädlich handeln, positiv handeln und anderen helfen. Ethische Disziplin schützt unser Verhalten – es wird mit Sorgfalt behütet.

Der geistige Faktor, der als die "sich kümmernde Geisteshaltung" bezeichnet wird

Ein weiterer geistiger Faktor, der zur Selbstdisziplin dazugehört, wird die „sich kümmernde Geisteshaltung“ (oder auch „teilnahmsvolle Geisteshaltung) genannt. Die sich kümmernde Geisteshaltung wird als geistiger Faktor definiert, der die Situationen anderer und die eigenen Situationen ernst nimmt. Durch diese Situation entwickelt die sich kümmernde Geisteshaltung eine Gewohnheit der konstruktiven Geisteshaltungen und des hilfreichen Verhaltens und sie schützt davor, zu destruktiven Einstellungen und schädlichem Verhalten zu neigen. Die sich kümmernde Geisteshaltung kann manchmal als „sorgsam sein“ übersetzt werden. Zum Beispiel nehme ich Folgendes ernst: Sie werden sich schlecht fühlen, wenn ich Sie anschreie; und abgesehen davon, dass Sie sich schlecht fühlen werden, wenn ich Sie anschreie, werde ich mich selbst sehr aufregen. Hinterher werde ich möglicherweise nicht schlafen können und leiden. Nehmen wir das ernst? Die sich kümmernde Geisteshaltung hilft mir, die Folgen meines Verhaltens auf andere und auf mich selbst in Betracht zu ziehen. Sie hilft mir, konstruktive Verhaltensweisen zu entwickeln und destruktive Verhaltensweisen zu vermeiden.

Die sich kümmernde Geisteshaltung ist notwendig, um ethische Selbstdisziplin zu haben. Sie hilft uns, es ernst zu nehmen und zu verstehen, dass es zu Problemen führen wird, wenn wir schädlich handeln, oder dass es auch zu Problemen führt, wenn wir nicht helfen. Stellen wir uns zum Beispiel einmal vor, wir sehen eine Frau mit einem Kinderwagen, der es schwerfällt, den Kinderwagen die Treppe hinauf zu befördern. Durch die sich kümmernde Geisteshaltung denke ich: „Wenn ich ihr nicht dabei helfe, das Baby und den Kinderwagen die Treppe hinauf zu tragen, bin ich sehr egoistisch. Wenn ich derjenige oder diejenige mit dem Baby wäre, würde ich sicherlich wollen, dass mir jemand hilft.“

Mit ethischer Disziplin möchte ich immer die Richtung einschlagen, hilfreich zu sein. Ich bewahre also zu jeder Zeit Disziplin, denn ich habe diese sich kümmernde Geisteshaltung; ich nutze Vergegenwärtigung, um mich an der Disziplin festzuhalten; ich nutze Wachsamkeit, um darauf zu achten, ob es irgendwelche Abweichungen gibt; und ich nutze unterscheidendes Gewahrsein um zu entscheiden, was angemessen und was nicht angemessen ist und was in der Situation passend ist und folge nicht einfach blindlinks einem Gesetz. Wir tun dies, ohne dabei steif zu sein, denn wir haben kein dualistisches Gefühl eines potenziellen kriminellen „Ichs“ auf der einen Seite und eines „Ichs“ auf der anderen Seite, das wie ein Polizist den potenziellen Kriminellen stets bewachen muss.

Wenn wir aus buddhistischer Sicht vom „Ich“ reden, haben wir das sogenannte „konventionelle Ich“ . Wir können uns also auf jeden Moment als „ich“ beziehen – ich tue dies, ich tue das. Und „ich“ ist nicht nur das Wort oder der Begriff; es bezieht sich auf etwas. Es ist kein unabhängiges Etwas, das irgendwo in uns sitzt. Wenn man den Körper oder wenn man das Gehirn auseinandernimmt, kann man dort kein „Ich“ finden. Wir haben all diese Funktionen – Körper, Geist und Emotionen – die funktionieren, wir können also zwischen „mir“ und „anderen“ unterscheiden. Mit einer sich kümmernden Geisteshaltung achten wir auf die Auswirkung unseres Verhaltens auf das konventionelle „ Ich“. Wenn wir nicht irgendein Gefühl eines konventionellen „Ich“ hätten oder wenn wir uns eines konventionellen „Ich“ nicht gewahr wären, würden wir uns um gar nichts kümmern. Ich würde mich nicht darum kümmern, Erleuchtung zu erlangen; ich würde mich nicht darum kümmern, morgens aus dem Bett zu kommen und aufzustehen. Dieses konventionelle „Ich“ sollte also nicht negiert werden. Wenn wir uns jedoch als solides „Ich“ sehen, verfangen wir uns im Dualismus: potenzieller Gefangener und der Polizist, der den Gefangenen behütet; wir werden sehr starr, sehr unflexibel und das führt zu Problemen.

Und zwischen dem konventionellen „Ich“, welches existiert und dem unmöglichen, falschen „Ich“, welches keineswegs existiert, unterscheiden zu können, ist ziemlich schwierig. Es erfordert eine gründliche Erforschung und Selbstbeobachtung. Wenn wir aber ein ethischer Mensch sind und ethische Disziplin haben, und wenn wir in dem Prozess dieser Verhaltensweise sehr starr, unflexibel und angespannt sind – wenn wir uns mit anderen Worten nicht wohl fühlen – dann praktizieren wir vermutlich Disziplin auf der Grundlage eines unmöglichen „Ichs“, eines soliden „Ichs“. Wenn wir entspannter sind, praktizieren wir ethische Disziplin wahrscheinlich in einer gesünderen Weise. „ Entspannter“ bedeutet nicht nachlässig zu sein; es bedeutet in Bezug auf ethische Disziplin flexibler zu sein und sich wohler damit zu fühlen. Wenn wir in der Lage sind, auf eine Weise zu handeln, die in jeder Situation passend ist und berücksichtigen, was anderen von Nutzen und was nützlich oder schädlich für mich selbst ist, dann praktizieren wir wahrscheinlich ethische Selbstdisziplin, wie es in den buddhistischen Lehren über die weitreichenden Geisteshaltungen beabsichtigt ist.

Die sechs weitreichenden Geisteshaltungen

Die weitreichenden Geisteshaltungen, oder paramitas, der ethischen Disziplin, der Geduld, der Großzügigkeit, der freudigen Ausdauer, der geistigen Stabilität und des unterscheidenden Gewahrseins werden weitreichend, wenn sie mit der Bodhichitta-Motivation praktiziert werden. (Auch im Hinayana gibt es paramitas. Hinayana bedeutet, mit der Entschlossenheit zu praktizieren, sich befreien zu wollen, oder mit Entsagung zu praktizieren. Mahayana bedeutet, dass man mit Bodhichitta praktiziert. Die paramitas oder weitreichenden Geisteshaltungen gibt es also sowohl im Hinayana als auch im Mahayana.) Wenn man die weitreichenden Geisteshaltungen, die sechs Vollkommenheiten, praktiziert, empfiehlt es sich auf jeden Fall immer, zusammen mit jeder der sechs Vollkommenheiten auch die anderen fünf zu üben. Wenn wir uns also in ethischer Selbstdisziplin üben, sollten wir unterscheidendes Gewahrsein über das damit verbundene „Ich“, über das damit verbundene „Du“, über die Disziplin selbst haben; es ist wirklich sehr wichtig zu wissen, wie all diese Faktoren existieren.

Zusammenfassung

Das war eine grundlegende Darstellung des Themas ethische Selbstdisziplin im Buddhismus. Ethische Selbstdisziplin ist eine sehr zentrale Praxis. Man praktiziert und entwickelt sie, um Befreiung und Erleuchtung zu erreichen, nicht nur, um ein guter Bürger oder ein guter Mensch zu sein. Sie basiert nicht darauf, Gesetzen zu gehorchen, seien sie entweder von einer göttlichen Macht oder von einer Regierung verordnet worden. Das Konzept, ein guter Mensch oder ein schlechter Mensch zu sein gibt es nicht; es gibt keine Schuld, noch Belohnung oder Bestrafung. Ethische Disziplin ist ein geistiger Faktor, der eine von drei Handlungen beinhaltet: (1) schädliches Verhalten zu vermeiden (schädlich gegenüber anderen und gegenüber mir selbst), (2) konstruktives und positives Verhaltens zu üben (wie Meditation) oder (3) anderen in jeder möglichen Weise zu helfen. Sie ist ein geistiger Antrieb, der unser Verhalten in eine bestimmte Richtung lenkt. Wir sind auf ethische Selbstdisziplin angewiesen, um uns davor zu schützen, schädlich zu handeln, um zu vermeiden, nicht konstruktiv zu handeln und um zu vermeiden, anderen nicht zu helfen. Dieser geistige Faktor der ethischen Disziplin wird von einer sich kümmernden Geisteshaltung, von Gewahrsein, Wachsamkeit und unterscheidendem Gewahrsein begleitet.

Fragen

Wenn wir die Methoden zur Entwicklung diese Zustände kennen, werden wir diese Methode dann immer brauchen, oder werden wir irgendwann in der Lage sein, diese Geisteshaltungen ohne Bemühung und ohne Methoden zu bewahren?

Ja, irgendwann wird es natürlich geschehen. Bei all den positiven Dingen, die wir in unserer buddhistischen Praxis entwickeln wollen, besteht das eigentliche Vorgehen in Folgendem: (1) zuerst hören wir davon und praktizieren dann auf der Basis dessen, dass wir lediglich darüber gehört haben. Aber dann müssen wir: (2) darüber nachdenken, bis wir es verstehen und überzeugt sind, dass es wirklich wahr ist. Wenn man lediglich von ethischer Selbstdisziplin hört, praktiziert man sie vielleicht nicht. Nachdem wir aber davon gehört und darüber nachgedacht haben, müssen wir: (3) es auf der Grundlage von Meditation praktizieren, was bedeutet, dass wir tatsächlich ethische Disziplin durch Ursachen, Vorgänge und Methoden hervorrufen. Indem wir also Gewahrsein, Wachsamkeit und verschiedene andere Methoden nutzen, entwickeln wir die sich kümmernde Geisteshaltung, welche die ethische Disziplin fördern wird. Es gibt viele Methoden, die uns helfen, ethische Selbstdisziplin zu entwickeln. Diese Methoden beinhalten: sich in der Nähe des spirituellen Lehrers zu befinden oder sich den Lehrer immer zu vergegenwärtigen, sich in der richtigen Gemeinschaft zu befinden, die unsere Entwicklung unterstützt, und andere Menschen um sich zu haben, die ebenso handeln wie wir. Dies nennt man eine erarbeitete Entwicklung; es ist wichtig, dass wir uns durch Anstrengung, Arbeit und Bemühung entwickeln. Schließlich wird die Praxis „nicht erarbeitet“ oder mühelos; mühelos bedeutet, dass man sich nicht auf einen Vorgang stützen muss, um sich an das Ziel zu erinnern; es geschieht einfach ganz natürlich.

Bei den Bodhisattva-Gelübden (insbesondere bei den Nebengelübden) gibt es eine Liste von neun Dingen, die es zu vermeiden gilt – Verhaltensweisen, die für die Entwicklung ethischer Selbstdisziplin von Nachteil wären. Einige davon habe ich bereits erwähnt; beispielsweise kleinlich zu sein, wenn es um das Wohl der Anderen geht. Es ist wichtig, sich an diese Dinge zu erinnern. Wir sollten daran denken, sie in die Praxis umzusetzen, denn wir wollen ein negatives Ergebnis vermeiden, welches schädlich für unsere Entwicklung wäre. Wenn unsere ethische Selbstdisziplin mühelos wird, bedeutet das nicht, dass wir die Bodhisattva-Gelübde ignorieren; es bedeutet nicht, dass wir sie nicht mehr brauchen. Es bedeutet lediglich, dass wir uns nicht mehr ständig erinnern müssen, weil wir uns automatisch an das Gelübde erinnern – es ist immer da. Und: „ich erinnere mich daran“ bedeutet nicht einfach nur: „ich erinnere mich an die Worte“ oder „ich kann es auswendig aufsagen“; sondern die Selbstdisziplin ist vielmehr in meinem Verhalten integriert und ist nicht gekünstelt. Zu Beginn werden sich viele dieser Methoden sehr künstlich anfühlen. Nur dadurch, dass man sich wiederholt mit ihnen vertraut macht, werden sie natürlich und sie werden integriert. Wenn wir die Terminologie etwas weniger präzise benutzen, geht es um den Unterschied zwischen begrifflichem und unbegrifflichem Verständnis. (Das ist keine technisch korrekte Verwendung der Worte begrifflich und unbegrifflich, aber im Westen neigen wir dazu, diese Worte auf diese Weise zu benutzen.) Anders ausgedrückt, haben wir zuerst ein begriffliches Verständnis von Selbstdisziplin, aber schließlich erreichen wir ein unbegriffliches Verständnis davon und Selbstdisziplin wird auf natürliche und spontane Weise in unser Verhalten integriert.

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