Was heißt es, etwas zu verstehen?

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Einführung

Etwas verstehen zu können, ist nicht nur wichtig, wenn wir den Dharma studieren und praktizieren wollen, sondern auch im täglichen Leben. Es geht nicht nur darum, die verschiedenen Punkte im Dharma, wie beispielsweise die Leerheit, zu verstehen, sondern auch andere Menschen, ihre Probleme, was sie sagen und auch was sie damit meinen. Es ist notwendig, dass wir uns selbst und unsere Probleme verstehen. Aber was bedeutet es, etwas zu verstehen, im Gegensatz dazu, etwas zu wissen oder es einfach korrekt und entschieden zu begreifen? Unsere Wörter für diese Dinge haben verschiedene Bedeutungen und sind nicht sehr präzise. „Ich kann Französisch“ und „ich verstehe Französisch“ heißt in etwa das gleiche. Sagen wir aber: „Ich habe begriffen, was du gesagt hast,“ „ich weiß, was du gesagt hast,“ und „ich verstehe, was du gesagt hast,“ dann gibt es hier leichte Unterschiede. Auf der anderen Seite kann der Sinn von „ich weiß, was ich lese,“ und „ich verstehe, was ich lese“ etwas anders sein, je nachdem, was man damit ausdrücken möchte.

Im Tibetischen unterscheiden wir:

  • Sems“ – geistige Aktivität, bloße Klarheit und Gewahrsein (tib. gsal-rig-tsam). Das bedeutet, ein geistiges Objekt, ein geistiges Hologramm, einen „geistigen Aspekt“ von etwas – (tib. rnam-pa) erscheinen zu lassen (tib. shar-ba) und eine geistige Beschäftigung (tib. ‘jug-pa) damit zu haben, ohne das ein getrenntes „Ich“ oder ein getrennter Geist dies tun, betrachten oder kontrollieren würde.
  • Shepa,“ (tib. ‘shes-pa) – ein Objekt wahrzunehmen, „Rigpa,“ (tib. ‘rig-pa) – sich über ein Objekt bewusst zu sein, und „Dzinpa,“ (tib. ‘dzin-pa) – ein Objekt anzunehmen, sind alles Synonyme. Sie alle bedeuten, aktiv an einem gültig erkennbaren Objekt auf kognitive Weise kontinuierlich festzuhalten, wann immer und solange das gültig erkennbare Objekt uns als Objekt der Wahrnehmung dient. Es gibt viele Möglichkeiten, ein Objekt wahrzunehmen. Einige sind gültig, also nicht trügerisch (tib. mi-bslu-ba), und andere nicht.
  • Togpa,“ (tib. rtogs-pa) – etwas zu begreifen, bedeutet, ein gültig erkennbares Objekt sowohl korrekt, als auch entschieden, wahrzunehmen.
  • Gowa,“ (tib. go-ba) – etwas zu verstehen. Dieser Begriff wird im Tibetischen nicht klar definiert.

„Begreifen“ und „verstehen“ sind nicht synonym. Wenn wir etwas verstehen, begreifen wir es auch. Wenn wir es aber begreifen, heißt das nicht unbedingt, wir würden es auch verstehen. Um den Unterschied zwischen begreifen und verstehen zu erkennen, werden wir zunächst das Wort „begreifen“ untersuchen.

Begreifen

Etwas zu begreifen heißt, es sowohl korrekt (tib. yang-dag-pa), als auch entschieden (tib. nges-pa) wahrzunehmen. Es gibt vier Möglichkeiten, etwas korrekt und entschieden wahrzunehmen:

  • Korrekt und entschieden – die Person sagt „ja,“ wir haben „ja“ gehört und sind uns sicher.
  • Falsch und entschieden – die Person sagt „ja,“ wir haben „nein“ gehört und sind uns sicher.
  • Korrekt und unschlüssig – die Person sagt „ja,“ wir haben „ja“ gehört und sind uns nicht sicher.
  • Falsch und unschlüssig – die Person sagt „ja,“ wir haben „nein“ gehört und sind uns nicht sicher.

Auch wenn wir es korrekt und entschieden begreifen, mögen wir trotzdem nicht wirklich verstehen, was die Person damit gemeint hat, als sie „ja“ sagte.

Explizites und implizites Begreifen

Begreifen kann entweder explizit (tib. dngos-su rtogs-pa) oder implizit (tib. shugs-la rtogs-pa) sein. Der Unterschied ist, ob ein geistiges Hologramm des beteiligten Objektes (tib. jug-yul) entsteht oder nicht. Wenn wir beispielsweise explizit das Geräusch von Schritten auf der Treppe begreifen, begreifen wir implizit, dass dort jemand ist. In der Wahrnehmung entsteht kein geistiges Hologramm der Person auf der Treppe, aber wir wissen sowohl korrekt, als auch entschieden, dass jemand dort ist.

[Siehe: Das Begreifen gültig erkennbarer Phänomene]

Korrektheit und Entschiedenheit

Was bedeuten eigentlich die Wörter „korrekt“ und „entschieden“ in der Definition des Wortes Begreifen, wenn wir beispielsweise mittels Klangwahrnehmung das Geräusch unseres weinenden Babys wahrnehmen?

„Korrekt“ bedeutet, dass es die drei Kriterien Dharmakirtis für eine gültige Wahrnehmung erfüllt:

  • Es entspricht einer Konvention: Babys weinen.
  • Es steht nicht im Widerspruch zu einem Geist, der konventionelle Wahrheit gültig wahrnimmt: andere können das Geräusch ebenfalls hören.
  • Es steht nicht im Widerspruch zu einem Geist, der die tiefste Wahrheit wahrnimmt: Aryas nehmen das Geräusch eines weinenden Babys nicht als etwas wahr, das unabhängig von Ursachen und Bedingungen und unabhängig davon erscheint, worauf sich die geistige Benennung „weinen“ bezieht.

Nur weil wir das Geräusch des weinenden Babys korrekt hören, heißt das nicht zwingend, wir würden auch verstehen, was es bedeutet. Auch der Hund kann auch das Geräusch des weinenden Babys korrekt hören.

Entschieden heißt, ein charakteristisches Merkmal (tib. mtshan-nyid) eines erscheinenden Objektes (tib. snang-yul) einer Wahrnehmung, mit unterscheidendem Gewahrsein (tib. shes-rab) und ohne unentschlossenem Schwanken (tib. the-tshoms), zu bestimmen (tib. du-shes), sodass später keine Zweifel diesbezüglich aufkommen. Das heißt, wenn wir das Objekt explizit begreifen, also das Geräusch des weinenden Babys hören und das definierende Merkmal des Geräusches als charakteristische Eigenschaft des Weinens bestimmen, begreifen wir implizit die so genannten „Objekt-Auschlüsse“ (tib. don rang-mtshan-gyi gzhan-sel). Damit wird alles andere, außer der konkreten Sache, ausgeschlossen. Sagen wir beispielsweise: „nicht das Geräusch des schlafenden Babys,“ schließen wir damit das charakteristische Merkmal des Geräusches des schlafenden Babys aus. Andere Objekt-Ausschlüsse umfassen: „nichts anderes als (tib. ma-yin-pa-las log-pa) das Geräusch eines weinenden Babys,“ „nichts anderes als das Geräusch meines weinenden Babys“ usw.

[Siehe: Objekte der Wahrnehmung: Die Gelug-Darstellung]

Entschiedenes Begreifen heißt, dass es sich nicht um eine unentschiedene Wahrnehmung (tib. snang-la ma-nges-pa) handelt, bei der wir uns nicht sicher waren, ob wir etwas gehört haben und ob es das Geräusch eines weinenden Babys oder meines weinenden Babys war. Auch ist es kein unentschlossenes Schwanken: „Vielleicht habe ich es gehört, vielleicht aber auch nicht.“ Aber sogar, wenn wir ganz entschieden das Geräusch unseres weinenden Babys hören, heißt das nicht unbedingt, wir würden auch verstehen, was es bedeutet.

Einfache und schlussfolgernde Wahrnehmung

Das Begreifen erfolgt entweder mit gültiger, einfacher Wahrnehmung (tib. mngon-sum tshad-ma) oder mit gültiger, schlussfolgernder Wahrnehmung (tib. rjes-dpag tshad-ma). „Gültig“ (tib. tshad-ma) heißt nicht trügerisch. Im Sautantrika wir der Definition von gültig, „frisch“ (tib. gsar) hinzugefügt, aber im Prasangika wird behauptet, dass alle Momente der Wahrnehmung frisch sind.

Gemäß dem Gelug-Prasangika heißt „einfach,“ dass es sich nicht direkt auf eine Argumentationskette stützt. Einfache Wahrnehmung kann entweder konzeptuell (tib. rtog-bcas) oder nichtkonzeptuell (tib. rtog-med) sein. Konzeptuell heißt, wir nehmen das Objekt durch das Medium einer Kategorie (tib. spyi) als das erscheinende Objekt wahr.

  • Im Sautantrika-System wird der gleiche Begriff (tib. mngon-sum tshad-ma) als „bloße Wahrnehmung“ definiert, also als Wahrnehmung, die nicht durch das Medium einer Kategorie stattfindet. In diesem Lehrsystem ist dann also die bloße Wahrnehmung immer nichtkonzeptuell.

Schlussfolgernde Wahrnehmung ist immer konzeptuell und stützt sich auf eine Argumentationskette (tib. rtags). Es gibt folgende Möglichkeiten:

  • Schlussfolgerung, beruhend auf der Kraft der Evidenz (tib. dngos-stobs rjes-dpag) – deduktive Logik, beruhend auf der Natur der Dinge. Beruhend auf der Tatsache: „wo es Rauch gibt, muss auch Feuer sein,“ leiten wir beispielsweise das Vorhandensein von Feuer ab, wenn wir eine bestimmte Art von Rauch sehen.
  • Schlussfolgerung, beruhend auf Bekanntheit (tib. grags-pa’i rjes-dpag) – zum Beispiel hören wir ein Geräusch und weil es sich laut Konvention um den bekannten Klang eines Wortes handelt, schlussfolgern wir, dass es sich um den Klang eines bestimmten Wortes handelt und leiten die bestimmte Bedeutung für dieses Wort ab, die ihm, ebenfalls laut Konvention, zugewiesen wurde.
  • Schlussfolgerung, beruhend auf Überzeugung (tib. yid-ches rjes-dpag) – weil die Quelle der Information verlässlich ist, leiten wir daraus ab, dass das, was er oder sie sagt, wahr ist. Beispielsweise leiten wir die Genauigkeit des Datums und der Uhrzeit unserer Geburt beruhend auf der Überzeugung ab, dass unsere Mutter eine gültige Quelle von Informationen in Bezug auf diese Tatsache ist.

Begreifen mit konzeptueller Wahrnehmung

Das Beispiel, in dem wir das Geräusch unseres weinenden Babys begreifen, ist ein Beispiel des Begreifens der Kategorie nichtkonzeptueller, einfacher Wahrnehmung. Wie das funktioniert, werden wir anschließend beschreiben. Zunächst fragen wir uns jedoch, wie das Begreifen mit einer konzeptuellen Wahrnehmung, beispielsweise der Schlussfolgerung, beruhend auf Bekanntheit, funktioniert, etwa wenn wir das Wort „Leerheit“ hören oder lesen.

Konzeptuell heißt, etwas durch das Medium einer Kategorie wahrzunehmen, entweder einer Hörkategorie (tib. sgra-spyi) oder einer bedeutungsbezogenen Kategorie (tib. don-spyi). Es findet in Schritten statt:

  1. Zuerst begreifen wir nichtkonzeptuell den Klang des Wortes „Leerheit,“ das wir hören. Wir hören den Klang genau und wir sind uns vollkommen sicher, dass wir dieses und nicht irgendein anderes Geräusch gehört haben.
  2. Durch die Hörkategorie der „Leerheit,“ nehmen wir ihn als den Klang des Wortes „Leerheit“ wahr, egal wie, mit welcher Lautstärke oder Stimme das Wort ausgesprochen wurde. Wenn wir diesen Klang konzeptuell als Klang des Wortes „Leerheit“ begreifen, nehmen wir ihn auch korrekt und entschieden wahr. Es handelt sich nicht um den Klang irgendeines anderen Wortes. Wir sind uns absolut sicher, dass der Klang nichts anderes als das Wort „Leerheit“ war. Meinen wir ein anderes Wort gehört zu haben oder sind uns nicht sicher, welches Wort wir hörten, haben wir das Wort nicht begriffen.

  3. Wir nehmen das Wort „Leerheit“ durch die bedeutungsbezogene Kategorie der „Leerheit“ als etwas wahr, dessen Bedeutung „die völlige Abwesenheit aller unmöglichen Existenzweisen“ ist. Ganz egal, ob wir das Wort „Leere,“ „Leerheit,“ „Shunyata,“ „Tongpa-nyi,“ „Voidness“ oder „Vacuite“ gehört haben: wir nehmen alle als gleichbedeutend wahr.

Wir können die gleichen drei Kriterien für die Gültigkeit dieser Bedeutung anwenden, die wir auch in dem Beispiel mit dem Geräusch des Weinens benutzt haben.

  • Es entspricht der Konvention, dass eine Gruppe von Menschen diesen Klang als den Klang des Wortes „Leerheit“ anerkannt und diesem Wort diese Definition zugewiesen haben.
  • Es steht nicht im Widerspruch zu dem, was in den klassischen Schriften und von qualifizierten Lehrern erklärt wird.
  • Es wird nicht von Aryas bestritten, die erkennen, dass Wörter keine Bedeutungen haben, die, unabhängig von geistigem Zuschreiben, von Natur aus für sie festgelegt sind.

Würden wir dem Wort „Leerheit“ eine fehlerhafte Bedeutung zuschreiben oder wären uns nicht sicher, was es bedeutet, hätten wir die Bedeutung des Wortes „Leerheit“ nicht begriffen. Nur weil wir jedoch den Klang, den wir hören, als Klang des Wortes „Leerheit“ korrekt und entschieden begreifen, und nur weil wir die Bedeutung des Wortes „Leerheit“ als „die völlige Abwesenheit von unmöglichen Existenzweisen“ korrekt und entschieden begreifen, heißt das immer noch nicht unbedingt, wir würden Leerheit verstehen. Oder nehmen wir einmal an, wir würden einen komplexen Satz in einem Text von Tsongkhapa über die Leerheit lesen: wir könnten jedes Wort und die Bedeutung jedes Wortes korrekt und entschieden begreifen, würden den Satz jedoch nicht im entferntesten verstehen. Wir könnten sogar die verschiedenen Ebenen der Bedeutung des Wortes „Leerheit“ begreifen, was es im Chittamatra, im Svatantrika und im Prasangika bedeutet, und trotzdem kein wirkliches Verständnis von Leerheit haben.

Etwas konzeptuell verstehen

Wenn wir etwas, wie die Leerheit, verstehen, begreifen wir es nicht nur, sondern können zusätzlich auch dessen Implikationen ableiten. Je mehr Implikationen wir herausgearbeitet haben, desto größer ist unser Verständnis. Wir können die Leerheit im Zusammenhang mit vielen anderen Lehren betrachten, die wir erhalten haben; beispielsweise wie die Wahrnehmung der Lehrheit uns von störenden Emotionen und Karma befreit. Wir können unser Verständnis von Leerheit nutzen, um auch andere Themen zu analysieren. Dieses Verständnis muss auch korrekt und entschieden sein.

Wenn wir ein korrektes Verständnis von Leerheit haben und unsere Aufmerksamkeit konzeptuell auf die Leerheit richten, werden wir, obwohl wir die Leerheit korrekt und entschieden begreifen, uns nicht aller Implikationen gleichzeitig bewusst sein. Ungeachtet dessen wird unser Begreifen der Leerheit von der Kraft der Latenzen (tib. sa-bon) getragen, da wir bereits durch Schlussfolgerung und Ausschluss die Implikationen herausgearbeitet haben.

Etwas nichtkonzeptuell begreifen und verstehen

Um zu erklären, wie wir etwas nichtkonzeptuell begreifen und verstehen können, ist es notwendig, es anhand fortschreitender Stufen zu beschreiben. Sehen wir uns das zuerst an einem einfach Beispiel an:

Wenn wir etwas nichtkonzeptuell wahrnehmen,wenn beispielsweise ein Baby bei einem Hund vor sich farbige Formen erkennt, was eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung ist, dann sieht es, gemäß dem Gelugpa, nicht nur zusammenhanglose farbige Formen oder zusammenhanglose, kurze Bilder. Es sieht sowohl räumlich, als auch zeitlich, das Ganze, was durch sie dargestellt wird. Ganze Dinge werden als „geistige Sammelsynthese“ (tib. tshogs-spyi) bezeichnet. Mit anderen Worten kann das Baby, wenn farbige Formen im visuellen Sinnesbereich erscheinen, die ungewöhnlichen charakteristischen Merkmale einer Reihe von ihnen erkennen, die zusammengenommen eine einzelne Sache bilden. Diese Art des Erkennens wird bezeichnet als „auseinanderhaltendes Gewahrsein, welches das charakteristische Merkmal eines Gegenstandes erfasst (tib. don-la mtshan-mar ‘dzin-pa’i ‘du-shes). Diese charakteristischen Merkmale, die durch dieses auseinanderhaltende Gewahrsein erfasst werden, werden nicht mit den farbigen Formen geteilt, die den Hintergrund, wie beispielsweise die Wand hinter dem Hund, bilden. Die einzelne, konventionelle Sache, die erkannt wird, ist eine Synthese von farbigen Formen und Bereichen, wie Beinen, einem Kopf, einem Schwanz usw., sowie auch eine Synthese von zumindest einigen Momenten der Wahrnehmung. Das trifft auch zu, wenn sich das Tier bewegt und in diesem Fall sieht das Baby verschiedene farbige Formen.

Wenn es diese farbigen Formen sieht, erkennt das Baby außerdem die ungewöhnlichen charakteristischen Merkmale der Sache – in diesem Fall die charakteristischen Merkmale eines Hundes. Fachlich ausgedrückt, sieht es „geistige Artsynthese” (tib. rigs-spyi).

  • Genau genommen erkennt es die charakteristischen Merkmale (tib. mtshan-nyid, typische Kennzeichen) eines Hundes und etwas, das diese charakteristischen Merkmale aufweist (tib. mtshon-bya), also einen Hund, und es erkennt den Hund als ein konventionell vorhandenes Objekt an. Die charakteristischen Merkmale und das, was diese charakteristischen Merkmale aufweist, können nicht unabhängig voneinander existieren, noch können sie getrennt voneinander erscheinen.
  • Obwohl konventionelle, gültig erkennbare Objekte charakteristische Eigenschaften haben, sind diese Eigenschaften nicht auf Seiten des Objektes auffindbar und sie haben nicht die Kraft, die Existenz des Objektes im Allgemeinen, oder die Existenz der Phänomene im Besonderen, zu begründen. Die Existenz durch einzelne charakteristische Merkmale zu begründen (tib. rang-gi mtshan-nyid-kyis grub-pa), ist eine unmögliche Art, die Existenz von etwas zu begründen.

Zusammengefasst sieht das Baby, wenn es diese farbigen Formen innerhalb des visuellen Sinnesbereiches wahrnimmt, auch nichtkonzeptuell einen Hund als eine einzelne, ganze Sache. Das Baby muss jedoch nicht wissen, was es ist, um einen Hund sehen zu können.

Genauer gesagt sind die farbigen Formen, Teile und charakteristischen Merkmale die Grundlage dafür, es als „Hund“ zu bezeichnen und ein Hund ist das, worauf sich die Bezeichnung „Hund“ im Rahmen dieser Grundlage bezieht. Obwohl die Grundlage des Bezeichnens (tib. gdags-gzhi) und das, worauf sich die Bezeichnung bezieht (tib. btags-chos), nicht unabhängig von einer geistigen Bezeichnung exitieren (tib. btags), kennt das Baby die geistige Bezeichnung „Hund“ nicht. Es sieht das, worauf sich die Bezeichnung „Hund“ bezieht und die Grundlage für diese Bezeichnung, aber es kennt nicht die geistige Bezeichnung. Das Baby muss also nicht wissen, dass man diese Sache als „Hund“ bezeichnet, um einen Hund sehen zu können. Mit anderen Worten muss das Baby nicht die geistige Bezeichnung „Hund“ aussprechen, noch sie im Geiste formulieren und nicht einmal wissen, was das Wort „Hund“ bedeutet, um einen Hund sehen zu können.

Als Babys mussten wir die Kategorie „Hund,“ den Namen „Hund“ und dessen Bedeutung lernen. Das war ein konzeptueller Vorgang. Wenn wir jetzt einen Hund korrekt und entschieden sehen, nehmen wir ihn im nächsten Moment konzeptuell, sowohl korrekt, als auch entschieden, durch die Kategorie namens „Hund“ wahr – aber sogar dann haben wir nicht unbedingt den Klang des Wortes „Hund“ in unserem Kopf. In dieser konzeptuellen Wahrnehmung, erkennen wir ein zusammengesetztes Merkmal (tib. bkra-ba) des erscheinenden Objektes, nämlich das zusammengesetzte Merkmal der bedeutungsbezogenen Kategorie „Hund“ und schreiben dieser Kategorie die Konvention zu, dass es sich um die Bedeutung des Wortes „Hund“ handelt. Das nennt man auseinanderhaltendes Gewahrsein, welches das charakteristische Merkmal einer Konvention erfasst (tib. tha-snyad-la mtshan-mar ‘dzin-pa’i ‘du-shes).

Konzeptuell einen Hund wahrzunehmen ist dann, als würden wir im Geist korrekt und entschieden das, was wir sehen, in die Schublade „Hund“ stecken, als würde die Kategorie „Hund“ wahrhaft in einer Schublade existieren, unabhängig davon, dass es sich nur um etwas handelt, auf das sich die Bezeichnung „Hund“ bezieht. Diese Abschottung erfolgt durch einen zusätzlichen Filter, der in der Wahrnehmung neben der bedeutungsbezogenen Kategorie „Hund“ erscheint, nämlich das konzeptuellen Isolat (tib. ldog-pa) „nichts anderes als ein Hund.“ Das konzeptuelle Isolat ist ein geistiges Ausschließen von allem, was anders ist (tib. blo'i gzhan-sel) als ein Hund und ist ein negierend erkanntes Phänomen (tib. dgag-pa).

Aber wir könnten auch nichtkonzeptuell korrekt und entschieden wissen, dass es ein Hund ist, wenn wir den Hund korrekt und entschieden sehen. In diesem Fall begreifen wir explizit die farbigen Formen, Teile usw. als Grundlage für die Bezeichnung „Hund“ und wir begreifen auch explizit, worauf sich die Bezeichnung „Hund“ bezieht. Das sind die geistigen Hologramme, die in der visuellen Wahrnehmung erscheinen. Gleichzeitig begreifen wir implizit die geistige Bezeichnung „Hund.“ In diesem Fall sind die geistige Bezeichnung und die Kategorie „Hund“ nicht die erscheinenden Objekte unserer visuellen Wahrnehmung. Obwohl wir implizit wissen, dass es sich um einen Hund handelt, nehmen wir es explizit nicht konzeptuell durch das Medium der Kategorie und Bezeichnung „Hund“ wahr. Wir nehmen das Objekt nicht durch den Filter der Schublade „Hunde“ wahr, in die wir es stecken.

  • Mit dem nichtkonzeptuellen expliziten Begreifen eines Hundes, begreifen wir implizit auch den Objekt-Ausschluss „nichts anderes als ein Hund.“ Aber im Gegensatz zum konzeptuellen Isolat, durch das die konzeptuelle Wahrnehmung eines Hundes erfolgt, erscheint der Ojekt-Auschluss nicht in der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung. Obwohl daher ein Objekt-Ausschluss, wie ein konzeptuelles Isolat, auch ein negierend erkanntes Phänomen ist, kennen wir ungeachtet dessen mit nichtkonzeptueller Wahrnehmung des Hundes, das beteiligte Objekt einfach als ein Bestätigungs-Phänomen (tib. sgrub-pa). Wir nehmen das Objekt auf bestätigende Weise, anstatt durch den Ausschluss von allem anderen, wahr. Das ist ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen der nicht-konzeptuellen und der konzeptuellen Wahrnehmung eines Hundes.

Wenn wir ein nichtkonzeptuelles Verständnis von einem Hund haben, begreifen wir den Hund korrekt und entschieden auf nichtkonzeptuelle Weise und wissen implizit, dass es sich hierbei um einen Hund handelt, gestützt durch die Kraft von Latenzen, da wir bereits die Implikation dessen ausgearbeitet haben, was ein Hund ist: er kann beißen, man muss ihn ausführen, man kann ihn nicht allein lassen, wenn man in den Urlaub fährt usw.

Konzeptuelles und nichtkonzeptuelles Begreifen und Verstehen der Leerheit

Sowohl konzeptuelles, als auch nichtkonzeptuelles Begreifen der Leerheit werden in ähnlicher Weise von Verständnis begleitet. In der ersten Phase der Meditation erscheint die Grundlage für die Leerheit (tib. stong-gzhi), beispielsweise die fünf Aggregat-Faktoren, die den gegenwärtigen Augenblick der Erfahrung und das konventionelle „Ich“ umfassen, das auf sie zugeschrieben ist. In der zweiten Phase entsteht die Abwesenheit dieser Erscheinungen wie ein leerer Raum.

Im Fall der schlussfolgernden Wahrnehmung, entsteht diese Abwesenheit durch die Kraft der Argumentationskette, mit der die wahrhaft begründete Existenz widerlegt wird und wir richten uns darauf durch die bedeutungsbezogene Kategorie „Leerheit.“ Im Fall der einfachen Wahrnehmung der Leerheit, entsteht sie ohne direkte Stütze auf eine Argumentationskette, obwohl wir in der Vergangenheit mit diesen Argumentationsketten gearbeitet haben. Die einfache Wahrnehmung kann durch das Medium der bedeutungsbezogenen Kategorie „Leerheit“ erfolgen oder nicht.

Im Fall der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung,werden beim explizitenBegreifen der Leerheit, neben den charakteristischen Merkmalen dieser entstehenden Leere, nicht nur die charakteristischen Merkmale einer Abwesenheit aller Erscheinungen und eine Abwesenheit aller Erscheinungen wahrhaft begründeter Existenzkorrekt und entschieden bestimmt. Wir erkennen auch die charakteristischen Merkmale einer völligen Abwesenheit von wahrhaft begründeter Existenz – so etwas gibt es nicht.

Intellektuelles versus intuitives Verständnis

Was bedeutet es, im Gegensatz zu einem intuitiven Verständnis, etwas einfach nur intellektuell zu verstehen? In der buddhistischen Erkenntnistheorie wird hier kein Unterschied gemacht.

Gemäß der meisten westlichen Definitionen handelt es sich um ein intellektuelles Verständnis, wenn man etwas direkt durch die Kraft logischen Denkens versteht. Dabei kann man sich auch auf empirisches Wissen aus früherer persönlicher Erfahrung (einfache Wahrnehmung) beziehen oder nicht.

Intuitives Verständnis bezieht sich nicht direkt auf logisches Denken. In einigen nicht-buddhistischen, spirituellen Systemen wird erklärt, dass intuitives Verständnis mystischen Ursprungs sein kann und aus einer transzendenten Quelle, wie Gott, herrührt. Im Buddhismus sprechen wir von dem Verständnis durch Inspiration (tib. byin-rlabs, „Segen”), die wir von den Buddhas oder spirituellen Lehrern erhalten oder die auf ein Reifen unseres Netzwerkes positiver Kraft („Ansammlung von Verdiensten“) zurückzuführen ist. Am markantesten finden wir dies in der Praxis von Mahamudra und Dzogchen, in denen uns unser Lehrer dabei hilft, der Natur unseres Geistes buchstäblich von Angesicht zu Angesicht (tib. ngo-sprod) zu begegnen.

Im Dzogchen ist auch von „selbst-entstandenem tiefen Gewahrsein (tib. rang-byung ye-shes) die Rede, die ursprünglich (tib. gnyug-ma) ist und in jedem Moment der Wahrnehmung gleichzeitig auftritt (tib. lhan-skyes, innewohnend). Dieses tiefe Gewahrsein ist Teil der Natur reinen Gewahrseins (tib. rig-pa), der subtilsten Ebene geistiger Aktivität, frei von jeglichem flüchtigen Makel, wie jenem der Unwissenheit. Wenn wir Zugang zu dieser tiefsten Ebene finden, wird das tiefe Gewahrsein der zwei Wahrheiten offenbart. In westlichen Begriffen würden wir dieses tiefe Gewahrsein als intuitiv bezeichnen.

Aber in den meisten Fällen entsteht intuitives Verständnis sinngemäß durch unbewusstes Denken, obwohl wir uns normalerweise nicht bewusst darüber sind, warum wir etwas verstehen. Es könnte lediglich auf empirischem Wissen, von derzeitigen oder früheren persönlichen Erfahrungen in diesem oder früheren Leben, beruhen. Oder es könnte sich auf die Kraft starker Gewohnheiten früherer schlussfolgernder Wahrnehmung beziehen, die in diesem oder früheren Leben aufgebaut wurde. Ein Beispiel wäre, wenn wir intuitiv mit einem neuen Computerprogramm umgehen können, ohne vorher die Anleitungen gelesen zu haben. Wie ist es aber mit einem intuitiven Verständnis von Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta?

Im westlichen Gebrauch dieser zwei Begriffe – dem intuitiven und dem intellektuellen Verständnis – müssen wir zwischen den buddhistischen, erkenntnistheoretischen Kategorien des Begreifens und denen des Verstehens unterscheiden. In Bezug auf das Begreifen:

  • Ein so genanntes „intellektuelles Verständnis“ schließt mit ein, Dinge wie: „was ist Leerheit, Mitgefühl oder Boddhichitta“ korrekt und entschieden zu begreifen.
  • Mit einem intuitiven Verständnis von Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta mögen wir das Objekt begreifen oder auch nicht. Manchmal ist es nicht gerade präzise in Sinne von Korrektheit, Entschiedenheit oder beidem. Vielleicht sind wir überzeugt von der Korrektheit unseres Fokussierens auf Vergänglichkeit oder Leerheit, welches auf Intuition, beruhend auf persönlicher Erfahrung, zurückzuführen ist, jedoch handelt es sich oft einfach nur um eine Vermutung (tib. yid-dpyod): wir vermuten lediglich, es wäre korrekt, während es eher wage ist. Wir mögen unser intuitives Verständnis von etwas in Worte fassen können oder auch nicht, aber dies kann der Fall sein, wenn wir durch unser intuitives Verständnis das Objekt korrekt und entschieden begreifen oder nicht.

In Bezug auf das Verstehen der Implikationen von Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta, mögen wir entweder intellektuell Schlussfolgerungen ableiten, sie also durch logisches Denken ausarbeiten und indem wir Vergänglichkeit, Leerheit usw. mit anderen Facetten des Dharma zusammenfügen. Oder wir können ein intuitives Verständnis der Implikationen haben und davon, wie diese Dinge mit anderen Facetten des Dharma zusammenpassen, ohne es ausarbeiten zu müssen, aber das mag vielleicht auch nicht gerade sehr präzise oder entschieden sein. Normalerweise haben wir eine Erfahrung davon, wenn alles einfach automatisch zusammenpasst und wenn alles klappt.

Gewöhnlicherweise ist es jedoch so, dass wir uns auf eine bestimmte Sache, wie die definierenden Charakteristika der geistigen Aktivität, richten und dann auch auf andere Dinge, wie die Buddhanatur und Bodhichitta, und sie alle, höchstwahrscheinlich mit gleichsetzendem tiefen Gewahrsein (tib. mnyam-nyid ye-shes) zusammensetzen und dann, ohne eine formelle Argumentationskette, verstehen, wie diese drei Dinge zusammenpassen. Es ist schwer zu sagen, ob es sich hierbei um ein intellektuelles oder ein intuitives Verständnis handelt.

Emotionales Verständnis

Ob unser Begreifen oder Verstehen von Dingen, wie Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta intellektuell ist, indem wir uns auf Argumentationsketten beziehen oder intuitiv, indem wir uns auf andere Dinge beziehen, bei beiden handelt es sich um nichtstatische Phänomene (tib. mi-rtag-pa). Bei beiden haben wir die Fähigkeit, Wirkungen (tib. don-byed nus-pa) – in diesem Fall transformierende Wirkungen –zu erzielen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama spricht dies in Bezug auf die Entwicklung von Mitgefühl an, indem er erklärt, dass Mitgefühl auf der Grundlage der Vernunft – „jeder will glücklich und niemand will unglücklich sein“ – beständiger ist, als Mitgefühl, welches lediglich auf Emotionen beruht. Das heißt, dass wir definitiv die konstruktive Emotion des Mitgefühls auf der Grundlage der Vernunft entwickeln können.

Wie wissen wir, dass wir eine konstruktive Emotion wie Mitgefühl entwickelt haben? Wenn die Definition einer störenden Emotion (tib. nyon-mongs) ein Geisteszustand ist, bei dem wir unseren inneren Frieden verlieren, wenn er eintritt, können wir daraus die Definition einer konstruktiven Emotion ableiten. Es ist ein Geisteszustand, der uns inneren Frieden und Selbstbeherrschung verleiht, wenn er auftritt. Ob wir nun intellektuell oder intuitiv Mitgefühl entwickeln, es wird in beiden Fällen unseren Geisteszustand positiv beeinflussen.

Tiefes Verständnis

Ob wir unser Verständnis auf unser Verhalten anwenden oder nicht, ist jedoch eine andere Sache und es macht wiederum keinen Unterschied, ob es direkt in Bezug auf eine Argumentationskette oder auf andere Weise hervorgerufen wurde. Wenn es unser Verhalten auf positive Weise beeinflusst, haben wir ein tiefes Verständnis von Mitgefühl.

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