Die „Woge im Ozean“-Methode zum Beruhigen des Geistes

Die dritte Methode der Mahamudra-Tradition des Karma-Kagyü

Wir haben zwei Methoden zum Beruhigen des Geistes vorgestellt. Die erste war die Methode des Loslassens und die zweite war die Methode des Schreibens auf Wasser. Die dritte ist eine Methode, die von der Mahamudra-Tradition des Karma-Kagyü empfohlen wird. In dieser Tradition wird der Geist mit einem Ozean verglichen. Diese Methode ist besonders geeignet, um mit belanglosen, irrelevanten oder störenden Emotionen umzugehen. In dieser dritten Methode werden die Emotionen wie Wogen im Ozean betrachtet. Hier nutzen wir nicht das Bild einer Welle, die sich am Ufer bricht. Vielmehr reden wir davon, wie das Wasser mitten im Ozean auf und ab geht, also von Wogen im Ozean. Eine Woge im Ozean geht einfach vorbei. Sie stört den Ozean selbst nicht. 

Diese Methode kann auf verschiedene emotionale Erfahrungen angewendet werden. Wenn wir eine Person oder uns selbst betrachten, beschreiben viele alle möglichen Gefühle und Emotionen, die vielleicht hochkommen und aus anderen Beziehungen projiziert werden. Das sollten wir einfach vorbeiziehen lassen, wie eine Woge auf der Oberfläche des Ozeans. Sie stört uns nicht in der Tiefe. 

Wenn wir beginnen den Geist zu beruhigen, passiert es vielen von uns, dass wir beginnen, einige ziemlich tiefsitzende Arten von Emotionen zu empfinden. Manchmal, wenn wir zur Ruhe kommen, beginnen wir zuweilen eine richtig tiefe Traurigkeit, eine bestimmte Art der Furcht oder Existenzangst zu empfinden. Da gibt es diese Art der Angst oder inneren Unruhe. Das trifft oft zu, wenn wir Menschen sind, dessen Emotionen sich auf der Oberfläche abspielen und ständig zum Vorschein kommen. Während wir alle umarmen, sagen wir: „oh, wie wunderbar“, doch das ist vielleicht ein oberflächlicher Mechanismus, der nichts mit dem zu tun hat, was tatsächlich im Innern abläuft. In vielfacher Hinsicht wehren wir uns damit, tiefer zu gehen. Wenn wir so jemand sind und uns beruhigen, kommen wir in Kontakt mit etwas viel tieferem, einer Art Unsicherheit, Angst, Traurigkeit und ähnlichem. Diese Methode, die Woge im Ozean zu betrachten, ist sehr effektiv für den Umgang mit dieser Art von Gefühlen. 

Wir identifizieren uns jedoch nicht mit ihnen. Es ist nicht so, dass wir ein Boot auf der Wasseroberfläche sind, das von ihnen durchgerüttelt wird. Und es ist auch nicht so, dass wir das U-Boot sind, dass sich unter der Wasseroberfläche bewegen muss, um diese Gefühle zu vermeiden. Stattdessen ziehen sie einfach vorbei, wie eine Woge auf dem Ozean. Mir wurde gesagt, dass diese Methode auch hilfreich ist, wenn Frauen ihre Wechseljahre durchgehen und manchmal verschiedene Emotionen hochkommen, die nichts mit dem zu tun haben, was wirklich abläuft, also ein Aufblitzen bestimmter Gefühle. In ähnlicher Weise lassen wir sie einfach vorbeiziehen, wie eine Woge im Ozean. Wie gesagt handelt es sich bei diesen Methoden, mit denen wir arbeiten, nicht um Visualisierungstechniken. Es ist mehr wir eine Art von Gefühl, eine Weise, mit der Erfahrung umzugehen. Auch sollten wir es nicht zu wörtlich nehmen, denn sonst könnten wir seekrank werden. 

Um diese Methode zu praktizieren, gibt es keine getrennte Übung, die wir machen, denn viele Menschen haben keinen Schwall unzusammenhängender Emotionen, die hochkommen. Es ist nicht notwendig, sie künstlich zu erzeugen, um diese Methode zu praktizieren. Wir fügen sie einfach unserem Repertoire an Methoden hinzu, damit wir diese dritte Methode einer Woge im Ozean anwenden können, wenn es nach der sanften Methode des Loslassen und der stärkeren Methode des Schreibens auf Wasser in einer Situation eines Schwalls an Emotionen notwendig ist, die unangemessen, zu stark oder irrelevant in der Situation sind. 

Übung mit dem Foto eines Bekannten

Lasst uns mit dem Objekt der Praxis fortfahren. Wir haben mit einem vollkommen Fremden geübt und nun können wir, wenn ihr eure Bilder mitgebracht habt, uns dem Foto eines Bekannten zuwenden, den wir zwar kennen, aber zu dem wir keine besonders starke emotionale Beziehung haben. Wenn ihr kein solches Bild von jemandem habt, könnt ihr auch weiter die Bilder aus den Zeitschriften benutzen. 

In unserem Training werden wir uns zunehmend mit Menschen befassen, zu denen wir eine immer stärkere Verbindung haben. Wenn wir an sie denken oder sie betrachten, wird es dann immer intensiver. Daher beginnen wir mit etwas einfachem, wie einem Fremden, und arbeiten uns schrittweise zu jenen hin, zu denen wir eine größere Verbindung haben. Wenn es auf dem Foto eine ganze Gruppe von Leuten gibt, fokussieren wir uns nur auf eine Person. Richten wir uns auf eine Gruppe von Leuten, befassen wir uns nicht wirklich mit jedem individuell und haben daher eine größere Distanz zu ihnen. 

Wir werden diese Übung in zwei Schritten durchgehen. Der erste Schritt besteht darin, das Foto der Person anzusehen, und der zweite Schritt, das Bild hinzulegen und nur an die Person zu denken. Wir haben persönliche Begegnungen mit anderen, bei denen wir einen ruhigen Geist haben müssen. Oft denken wir jedoch an jemanden, wenn wir für uns sind, und in dieser Situation sollten wir auch in der Lage sein, mit einem klaren und ruhigen Geist zu denken. Es ist nicht hilfreich, wenn ein Gedanke über jemanden hochkommt, der uns aus der Bahn wirft und wir deswegen auf eine mentale oder emotionale Achterbahn gehen. 

Wie denken wir über eine Person, wenn wir an jemanden denken? Wir reden nicht über eine ganze Abfolge von Gedanken, sondern vielmehr darüber, uns auf das in unserem Geist zu fokussieren, was die Person repräsentiert. Wir können die Person mit einem geistigen Bild repräsentieren, wenn wir eins erzeugen können oder häufig repräsentieren wir die Person nur durch ihren Namen, den Klang ihrer Stimme, durch ein Gefühl, das wir bezüglich der Person haben oder einer Kombination dieser Dinge. Wie gesagt handelt es sich hierbei nicht um eine Übung im Visualisieren. 

Sanitäter-Ebene der Sensibilität: Beruhigen

Wenn wir an jemanden denken, kommen verschiedene Dinge in unseren Geist, welche die Person repräsentieren. Während wir versuchen uns darin zu üben, mit einem ruhigen Geist an jemanden zu denken, würden wir, wenn wir es wörtlich nehmen, gar nicht an die Person denken. Das meinen wir damit nicht. Vielmehr wollen wir in der Lage sein, uns die Person zu vergegenwärtigen, damit wir, wenn wir über sie nachdenken müssen, es auf eine konstruktive Weise tun können. Wir wollen in der Lage sein, das direkt zu tun, ohne dass uns dabei aller möglicher belangloser geistiger Müll in die Quere kommt. Wie beruhigen wir es, wenn wir ein emotionales Problem mit der Person hatten und sie immer wieder automatisch in unserem Geist auftaucht? 

Wir benötigen einen ruhigen Geist, damit wir dann zusätzliche Methoden im Training der ausgewogenen Sensibilität nutzen können, um eine übertriebene Reaktion gegenüber der Person wegen Geschehnissen der Vergangenheit zu überwinden. Es gibt Situationen, in denen wir uns sehr über etwas ärgern, was jemand in der Vergangenheit gesagt oder getan hat und denken immer wieder darüber nach. Wir können es nicht aus unserem Kopf bekommen. Das erste, was wir tun sollten, wenn diese Person in unserem Geist erscheint, ist, uns zu beruhigen. Dafür nutzen wir irgendeine dieser drei Methoden, die wir gelernt haben, um den Geist in dieser Situation zu beruhigen, wenn wir an die Person denken. 

Das ist, wie gesagt, eine Methode für den Anfang und wir werden nicht weiter darauf eingehen, wie man die Situation auf eine ausgewogen sensible Weise bewältigt. Das ist einfach nur die Grundlage dafür. Ein hilfreiches Beispiel ist folgendes: Wenn eine verletzte Person nach einem Unfall mit einem Krankenwagen abgeholt wird, ist diese Methode wie das erste, was getan wird, bis der Patient zum Krankenhaus kommt, um ausführlicher behandelt zu werden. Das lernen wir hier, diese Sanitäter-Ebene der Sensibilität. 

Praxis 

Am Ende einer jeden Übung, wenn wir uns auf den Atem ausrichten, hat dies wiederum eine tiefere Bedeutung. Viele dieser Übungen werden viele Emotionen und Gefühle hochkommen lassen. Um sie zu beruhigen, ist es am hilfreichsten, sich selbst im Körper zu erden und nicht einfach mit Gefühlen und Emotionen im Himmel zu schweben. Am besten lässt sich dies mit dem Ausrichten auf den Atem bewerkstelligen. Es ist eine recht körperliche Methode, die uns zurück auf den Boden bringt. Es gibt zahlreiche Formen der Behandlung, auch nicht-buddhistische, in denen empfohlen wird, sich auf den Atem auszurichten, um in den Körper zurückzukehren, wenn wir emotional aufgewühlt sind und beispielsweise eine Panikattacke haben. 

  • Zuerst beruhigen wir uns, indem wir uns auf den Atem ausrichten. 
  • Wir betrachten das Foto. Es ist, wie gesagt, besser, es in Augenhöhe zu halten. Halten wir es ganz unten im Schoß, ist es notwendig nach unten zu schauen und den Kopf nach vorn zu beugen, doch diese Haltung macht den Geist ganz dumpf und benommen.  
  • Wir betrachten die Person mit einem ruhigen Geist, ohne uns an das letzte Mal zu erinnern, als wir sie gesehen haben und eine ganze Geschichte oder einen ganzen Film mit ihr durchzugehen. 
  • Wir nutzen eine der drei Methoden, die am besten funktioniert: Loslassen, Schreiben auf Wasser oder Woge im Ozean. 
  • Wir legen das Foto beiseite und versuchen, nur an die Person mit einem ruhigen Geist zu denken. Die Augen sind auf den Boden gerichtet oder geschlossen. Wir denken an die Person mit einem geistigen Bild, Gefühl, Namen oder einer Kombination dieser Dinge. 
  • Wir lassen die Erfahrung zur Ruhe kommen und hören auf, an die Person zu denken. 
  • Wir fokussieren uns auf den Atem.

Fragen und Bemerkungen

Fängt es an, etwas einfacher zu werden, einen ruhigen Geist zu haben? Wie mit jeder Übung, ist es notwendig vertraut mit ihr zu werden und sie zu praktizieren.

Als ich das Bild dieser Person betrachtet habe, kehrte immer wieder der Name der Person zurück und ich konnte den Namen der Person nicht loswerden. Ich wollte die Person einfach nur ansehen. Es war eine Ablenkung. Was kann ich dagegen tun?

Hast du die Methode des Schreibens auf Wasser probiert? 

Nein, ich habe die mit den Wogen gemacht.

Alternative Methode

Die stärkste Methode ist die des Schreibens auf Wasser. Haben wir eine Auswahl an Methoden, von denen wir uns eine aussuchen können, sollten wir, wenn eine nicht funktioniert, nicht denken: „oh, es funktioniert nicht“, sondern eine andere Methode benutzen. Es gibt jedoch manche Situationen, in denen keine dieser drei Methoden zu funktionieren scheint und dann gibt es andere Methoden, die wir nutzen können. Es gibt eine, die ausgesprochen hilfreich ist, wenn wir beispielsweise ein Lied in unserem Kopf haben, was einfach nicht weggeht. Wie gehen wir damit um? Ich kenne das von mir selbst. Wenn ich Musik höre, ist es manchmal für viele Tage wirklich schwierig, ein Lied wieder aus dem Kopf zu bekommen. Es fühlt sich an, als wäre ich eine Grille. Das ist eine hilfreiche Vorstellung, sich wie eine Grille zu betrachten, die, wenn die Sonne untergeht, automatisch damit beginnt, dieses Geräusch zu machen und nicht damit aufhören kann.

Übrigens ist es wichtig, es als unfassbar dumm zu betrachten. Wir wollen nicht einfach nur wie eine Grille sein. Diese Art von Bildern zu benutzen, ist nicht die eigentliche Methode, doch sie ist insofern hilfreich, um zu erkennen, wie wir auf wirklich dumme Weise handeln, praktisch wie ein Tier, und dann sind wir angewidert davon, was uns dazu bringt, tatsächlich einige Methoden anzuwenden, um es zu überwinden. 

Die Methode, die hier hilfreich ist, besteht darin, ein Mantra zu benutzen. Ist also die geistige verbale Energie so stark, üben wir uns in einer Art geistigem Judo. Anstatt sie nur zu blockieren, drehen wir sie um und nutzen die Energie, um stattdessen ein Mantra zu rezitieren. Normalerweise wird empfohlen, das Mantra om mani padme hum zu rezitieren, da es mit Mitgefühl und Liebe verbunden ist. Nutzen wir diese Energie, um das Mantra zu rezitieren, merken wir, dass es uns, anstatt uns von der Person oder Situation abzulenken, hilft, uns auf viel positivere Weise damit zu verbinden. 

Hier sollten wir etwas aufpassen, die Methode nicht zu sehr zu beanspruchen und ein Dharma-Freak zu werden. Dieser Ausdruck bezieht sich zum Beispiel darauf, wenn man sich in einer Situation mit jemandem befindet, sofort die Gebetskette oder Mala rausholt und damit anfängt, ein Mantra zu murmeln. Das ist ziemlich nervend und gibt anderen ein wirklich unwohles Gefühl. Tatsächlich bekommen sie dann den Eindruck, als würde man sie abwehren, wie mit dem Kreuz zum Schutz vor Vampiren oder was auch immer. Eine Person, die dies tut, hat gewiss keinen wirklichen Bezug zur anderen Person. Nutzen wir ein Mantra, sollten wir wissen, wann wir es anwenden sollten, wann nicht und wann wir es auf diskrete Weise anwenden. Wir sollten uns nicht davontragen lassen. 

Das stammt direkt aus den Anweisungen von Maitreya, die er dazu gab, wie man Konzentration erlangt. Man sollte die Gegenmittel kennen und wissen, wann man sie anwendet und wann man damit aufhört, sie anzuwenden.

Ich habe zwei Fragen. Die erste ist: Wie kann ich wissen, ob etwas, das mir passiert, eine Ablenkung ist? Bei der ersten Übung, die wir zum Beispiel wir mit dem Foto gemacht haben, fühlte sich mein Geist irgendwann relativ ruhig an. Ich hatte auch diesen Schub von empathischen oder sanften Gefühlen gegenüber der Person. Irgendwann fühlte es sich sogar so an, als würde ich die andere Person am liebsten umarmen. Wie kann ich herausfinden, ob das etwas ist, was aus einem ruhigen Geist entsteht oder nur eine Ablenkung ist?
Die zweite Frage bezieht sich auf diese letzte Übung. Als ich ohne das Foto nur an die Person gedacht habe, fand ich es ziemlich schwierig, mich wirklich mit ihr zu verbinden und bei ihr zu bleiben, als Methode, um beispielsweise nicht das Gefühl für den Klang der Stimme dieser Person zu verlieren. Ich fand es schwierig, weil ich ständig die Vorstellung oder das Bild der Person aus den Augen verlor. Die Frage ist eigentlich, ob ich zum Beispiel den Klang einer Stimme als eine Art Anker nutzen kann, um den Kontakt zu der Person nicht zu verlieren.

Ja, das ist die Antwort auf die zweite Frage. Wir können alles nutzen, um die Person zu repräsentieren. Es kann entweder ein geistiges Bild dessen sein, wie sie aussieht, ein geistiges Bild des Klangs ihrer Stimme, ihres Geruchs, ihres Namens oder ein Gefühl. Das spielt keine Rolle. Das ist keine Übung im Visualisieren und im Grunde auch keine Übung im Konzentrieren, mit der wir uns für 5 Minuten auf die Person konzentrieren, ohne abzuschweifen. Darum geht es ebenfalls nicht. Es ist einfach so, dass wir, wenn wir an die Person denken, in der Lage sein sollten, es mit einem ruhigen Geist zu tun. Wie deine Erfahrung jedoch beispielhaft zeigt, ist es viel leichter damit zu arbeiten, die Person auf einem Bild zu betrachten, weil es einfacher ist, sich darauf zu fokussieren. Oftmals denken wir jedoch an Menschen und regen uns ziemlich auf; daher ist es notwendig, die Übung auch anwenden zu können, wenn wir nur an die Menschen denken. 

In deiner ersten Frage ging es um bestimmte Gefühle, die beim Beruhigen hochkommen. Hier muss ich wiederholen, dass wir hier nur einen ganz grundlegenden Schritt lernen. Grundlagen sind der erste Teil und die Grundlage, an der wir arbeiten, ist ein ruhiger Geist. Der zweite Teil besteht darin, wenn wir uns beruhigt haben, mit den natürlichen Talenten des Geistes und Herzens in Kontakt zu kommen. Es geht nicht einfach nur darum: „Oh, wie wunderbar! Ich möchte dich umarmen!“ Es gibt da auch andere Talente, wie Verständnis und Selbstbeherrschung, die in Betracht gezogen werden sollten. Lernen wir die Grundlagen, sollten wir auch all die Faktoren der ausgewogenen Sensibilität erlernen. Es geht nicht einfach darum, alle anderen umarmen zu wollen. 

Wir sollten auch den dritten Teil integrieren und auf die Erscheinung und die Situation der Person achten, damit wir einschätzen können, ob es angemessen ist, die Person zu umarmen oder nicht. Befinden wir uns in einem Geschäftstermin, gehen wir nicht einfach hinüber und umarmen eine Person mitten in der Besprechung. Vielleicht mag es die Person nicht, umarmt zu werden und sie fühlt sich unwohl dabei. Vielleicht hat sie eine andere kulturelle oder persönliche Herkunft. 

In dem Moment sollten wir die Methode der Woge im Ozean anwenden und diesen Impuls, die Person umarmen zu wollen, vorüberziehen lassen. Das ist es, was wir gerade üben. Später würden wir einschätzen, ob es in der Situation angemessen ist oder nicht. Die Person jedoch jedes Mal, wenn der Impuls in uns aufsteigt, zu umarmen, ist vielleicht wirklich zu viel. 

Vieles beim Sensibilitätstraining ist mit Selbstbeherrschung und dem Wissen verbunden, wann etwas nicht angebracht ist. Ich erkläre all das nur, um euch einen Eindruck zu geben, wie komplex das Training wirklich ist. Außerdem sollte man sensibel gegenüber sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen sein, wenn man jemanden umarmen möchte. Wie gleichen wir das in einer Beziehung aus, wenn die Person einen anderen Standard dafür hat, was sie braucht und was ihr gut tut? 

In der letzten Übung geht es darum, diese Ausgewogenheit zu finden, zu unterscheiden und sensibel dafür zu sein, wozu wir Lust haben, was wir gern tun würden, was wir tun sollten und was die andere Person braucht oder möchte, was sie vielleicht empfindet usw. Diese einfache Situation, ob wir die andere Person in einer Beziehung oder einer Begegnung umarmen sollten, kann eine wirklich ernsthafte Sache sein, besonders wenn die Menschen aus zwei verschiedenen Kulturen kommen. 

In dieser letzten Übung, als ich meinen Geist mehr oder weniger beruhigen und mich auf die Person ohne viele Projektionen konzentrieren und ihr Aufmerksamkeit schenken konnte, entdeckte ich etwas Neues und sehr Starkes. Als die Projektionen nachließen, erkannte ich, dass diese Person so viel mehr ausmacht, als ich jemals zuvor gedacht hatte. Das war eine Überraschung und sie war etwas schockierend. Das wurde dann zu einer neuen Ablenkung, weil ich begann, an all die Qualitäten der Person zu denken, die ich zuvor nicht erkannt hatte.

Den Aussagen der Leute können wir entnehmen, dass sobald wir den Geist beruhigen, bereits beginnen, einige der grundlegenden Qualitäten oder Talente eines ruhigen Zustands zu entdecken. Es ist nicht nur ein Gefühl der Warmherzigkeit, sondern ein viel achtsamer und verständnisvollerer Geisteszustand. 

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