Unser Leben integrieren: Der Wunsch glücklich zu sein & Guru-Yoga

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Kurze Zusammenfassung 

Wir haben uns einige Methoden angesehen, die uns dabei helfen, unser Leben zu integrieren. Außerdem haben wir uns mit dem Hintergrund befasst, aus dem diese Praktiken stammen. Im größeren buddhistischen Kontext streben wir danach, dafür zu sorgen, dass wir in unseren zukünftigen Leben weiterhin eine kostbare menschliche Form, wie wir sie im Moment haben, als Voraussetzung für unsere weitere Entwicklung haben werden, denn wir verstehen, dass unser geistiges Kontinuum weder Anfang noch Ende hat. Unsere Erfahrungen sind von einem Moment zum nächsten sehr stark von störenden Emotionen und Geisteshaltungen beeinflusst, und durch unser impulsives, darauf basierendes Verhalten wird dieses Syndrom einfach nur weiter fortgesetzt.

All das ist auf unsere Verwirrung hinsichtlich Ursache und Wirkung, sowie hinsichtlich der Realität zurückzuführen, und ihr kann mit einem korrekten Verständnis entgegengewirkt werden, das sich gegenseitig ausschließend wirkt. Können wir mit diesem korrekten Verständnis fortwährend konzentriert bleiben, wird dieses Missverständnis niemals wieder auftreten können. Und wenn dieses Missverständnis nicht mehr vorhanden ist, werden auch die störenden Emotionen und das zwanghafte Verhalten, die darauf beruhen, sich nicht wiederholen. Aus diesem Grund werden die verschiedenen Probleme, die mit unserer von einem Moment zum nächsten stattfindenden Erfahrung des Lebens verbunden sind, ebenfalls nicht mehr auftreten. Dann verstehen wir die grundlegende Reinheit des Geistes, dass all diese Unruhestifter so genannte „flüchtige Makel“ sind. Sie verschleiern die reine Natur des Geistes, sind jedoch in dem Sinne flüchtig, als dass sie beseitigt werden können. Das geistige Kontinuum wird sich ewig fortsetzen und weil wir die Möglichkeit des Freiseins unserer Erfahrung von all den Problemen, der Unzufriedenheit und Frustration, die wir momentan haben, erkennen, haben wir den Mut und die Zuversicht, auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Das Ziel nennt man „Befreiung“.

In unserem Verständnis der Wirklichkeit erkennen wir, dass unser geistiges Kontinuum etwas ist, das nicht unabhängig, getrennt von allem anderen existiert und sich aus eigener Kraft selbst begründet. Vielmehr besteht es aus Moment-zu-Moment-Erfahrungen, die durch zahlreiche andere Faktoren beeinflusst werden. Fachlich ausgedrückt entsteht jeder Augenblick in Abhängigkeit von vielen anderen Faktoren, und die äußeren Faktoren, von denen er abhängt, sind nicht nur auf materielle Objekte begrenzt. Jeder Augenblick befindet sich auch unter dem Einfluss von allen anderen – den geistigen Kontinua aller anderen – und den größeren Einheiten, die sich aus ihnen zusammensetzen, wie Familienverbände, Kulturkreise, Nationen und so weiter.

Jeder will glücklich sein und niemand will unglücklich sein 

Untersuchen wir die wesentlichen Eigenschaften unserer Erfahrung, können wir sehen, dass eine der grundlegendsten darin besteht, glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen. Natürlich könnten wir versuchen zu analysieren, warum das so ist. Warum wollen wir alle glücklich und nicht unglücklich sein? Das ist nicht einfach zu beantworten! Normalerweise sagt man einfach: „Nun, so ist es nun einmal.“ Ist diese Antwort für uns jedoch nicht zufriedenstellend, können wir weitere Vermutungen anstellen, die korrekte Erklärungen sein mögen oder auch nicht. Und es ist ein Unterschied, diese Aussage: „Ich möchte glücklich und nicht unglücklich sein“ einfach zu akzeptieren, die wir aufgrund unserer eigenen Erfahrung bestätigen können, oder etwas zu akzeptieren, was über unsere eigene Erfahrung hinausgeht. Die Tatsache, dass ich glücklich und nicht unglücklich, oder gemocht und nicht abgelehnt werden will, und dass alle anderen auch so sein müssen, mögen wir mit anderen Worten vielleicht nicht verstehen, es jedoch aus eigener Erfahrung bestätigen. Es ist nichts, was über unsere Erfahrung hinausgeht.

Wir mögen uns also fragen: „Nun, ist das einfach eine Sache des Glaubens, dass wir alle glücklich sein wollen, oder ist es vielleicht nichts was auf Vernunft gründet, sondern eine Wahrheit, der wir uns aufgrund unserer Erfahrung bewusst sind? In diesem Fall würden wir sagen: „Ja, es basiert auf unserer Erfahrung.“ Haben wir Schmerzen, wollen wir, dass sie aufhören. Jeder will, dass Schmerzen nachlassen. Wir wollen unsere Hand aus dem Feuer ziehen oder wollen der eisigen Kälte entkommen; das ist einfach ein Teil unserer Natur. Auch wenn wir uns selbst bestrafen oder etwas beweisen wollen, indem wir unsere Hand im Feuer lassen, müssen wir dennoch gegen unsere natürliche Tendenz, sie herauszuziehen, ankämpfen. Das wissen wir aus Erfahrung. Fragen wir uns jedoch: „Gibt es eine höhere Autorität im Universum?“, so liegt dies jenseits unserer Erfahrung und ist etwas anderes, denn hierbei geht es um Glaube und Überzeugung und um nichts, was wir erfahren können. Es besteht also ein Unterschied darin, etwas zu glauben, was die Natur von etwas ist, das wir selbst tun und erleben können, oder etwas, das jenseits unserer Erfahrung liegt.

Ich glaube dies ist wirklich ein interessanter und wichtiger Punkt. Wir könnten uns fragen, ob es nicht ein Zirkelschluss wäre zu sagen, etwas ist wahr, weil wir es so erleben. Denn ich kann auch an andere Dinge glauben, die ich erlebe, wie all meine falschen Vorstellungen in Bezug auf die Realität. Wieso kann ich dann nicht akzeptieren, dass es nun einmal einfach so ist, weil ich es so erlebe? Ist es nicht dasselbe, wie zu sagen: „Ich mache die Erfahrung, glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen und daher kann ich glauben, dass es sich um ein grundlegendes Prinzip handelt?“ Könnten wir beruhend darauf nicht sagen: „Die grundlegende Eigenschaft der Realität ist, dass sie unabhängig existiert und sich selbst so begründet, wie wir sie vor uns sehen, denn so erleben wir die Dinge nun einmal?“

Um diese Frage zu lösen, müssten wir uns dem Zirkelschluss zuwenden. Wir würden sagen: „Nun, an diese falschen Vorstellungen in Bezug auf die Realität zu glauben, führt zu einem Gefühl des Unglücklichseins und zu Problemen, wohingegen zu glauben, dass wir glücklich und nicht unglücklich sein wollen, zu Glück führt. Das ist hier der Zirkelschluss. Wir nutzen etwas – dass alle glücklich und nicht unglücklich sein wollen – als Beweis dafür, was wir versuchen zu beweisen. Und weil wir unsere These nur durch einen Zirkelschluss beweisen können, müssen wir schlussfolgern, dass wir keinen logischen Beweis dafür erbringen können, dass alle Wesen glücklich und nicht unglücklich sein wollen. 

Somit müssen wir uns Chandrakirtis Kriterien der Gültigkeit zuwenden. Es gibt das Kriterium, dem man zustimmen kann: „Ich möchte glücklich und nicht unglücklich sein“, und das nicht im Widerspruch zu einem Geist steht, der konventionelle Wahrheit gültig wahrnimmt, noch zu einem Geist, der tiefste Wahrheit gültig wahrnimmt. Demgegenüber entspricht die Weise, wie Dinge zu existieren scheinen, nicht dem, wie sie tatsächlich existieren, wenn man es mit einem gültigen Geist untersucht, der tiefste Wahrheit wahrnimmt. Ich denke, wir können die Gültigkeit dieser Aussage, dass alle Wesen glücklich und niemand unglücklich sein will, so begründen. 

Unsere Suche nach Glück ist natürlich 

Glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen ist also eine Tatsache. Es ist etwas, das immer zutrifft. Aber es gibt einen anderen Ansatz, den wir nutzen könnten, um es zu beweisen. Glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen ist etwas, das ein sich gegenseitig ausschließendes Gegenteil hat – denn würden wir es andersherum betrachten: „Ich möchte unglücklich und nicht glücklich sein“, würde dies das allgemein wirkende Prinzip nicht völlig beseitigen. Ich würde deswegen nicht aufhören, nach wie vor natürlicherweise glücklich sein zu wollen. Der Wunsch glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen, besteht außerdem jederzeit. Unsere Verwirrung hinsichtlich der Erscheinungen ist im Gegensatz dazu nicht etwas, das in jedem einzelnen Moment da ist, und wenn wir uns auf „so etwas gibt es nicht“ als eine Realität fokussieren, die Erscheinungen entspricht, richten wir unseren Fokus auf ein korrektes Verständnis, und dann ist die Verwirrung nicht nur nicht vorhanden, sondern auch beseitigt. Das ist eine Basis dafür zu sagen: „Dass ich glücklich und nicht unglücklich sein will, ist im Grunde Teil der allgemeinen Natur des Geistes, während die Verwirrung dies nicht ist.“ Wir können also den Beweis nicht nur auf die Tatsache aufbauen, dass dies etwas ist, das wir erfahren.

Warum ist es wichtig davon überzeugt zu sein, dass wir glücklich und nicht unglücklich sein wollen, und dass es sich hierbei um die grundlegende Natur des Geistes handelt? Zunächst wird dadurch die Tatsache untermauert, dass wir in unserer allgemeinen Entwicklung dahingehen wollen, uns von unserem Gefühl des Unglücklichseins oder Leidens zu lösen und beständiges und andauerndes Glück zu erlangen. Dieses Streben nach Glück ist sogar etwas Biologisches. Vom biologischen Standpunkt aus könnten wir sagen, dass Pflanzen und Tiere ebenfalls danach streben zu wachsen und sich zu entfalten. Diese Parallele zeigt, dass das Streben nach immer mehr Glück etwas völlig Natürliches und Angemessenes ist.

Oft hören wir, der nächste Schritt nach: „Ich möchte glücklich und nicht unglücklich sein“ bestehe darin, überzeugt zu sein, dass wir das Recht haben, glücklich und nicht unglücklich zu sein. Aber das führt zu der Frage: „Was verstehen wir unter dem Recht? Ist es etwas, das uns jemand gibt, oder müssen wir uns selbst die Erlaubnis geben, glücklich zu sein?“ Das führt dann zu weiteren Fragen, wie: „Habe ich es verdient, glücklich oder unglücklich zu sein?“, was wiederum zu der Frage führt: „Muss ich mir das Recht, glücklich zu sein, verdienen?“ Diese Fragen treten ziemlich häufig auf, besonders, wenn unsere Denkweise durch das begriffliche Bezugssystem westlicher biblischer Religionen geprägt wurde.

Aus buddhistischer Sichtweise gründen diese Vorstellungen, dass wir eine Erlaubnis bekommen oder verdienen müssen, um glücklich zu sein, auf einem Missverständnis. Die einzige Frage, die sich hier aus buddhistischer Sichtweise stellt, ist, ob es tatsächlich möglich ist glücklich zu sein und sich von Unglücklichsein zu lösen oder nicht. Und wenn es möglich ist, wie können wir das bewirken? Die Vorstellungen, dass wir uns das Glücklichsein verdienen oder dass uns jemand die Erlaubnis dazu gibt, glücklich zu sein, beruhen auf der falschen Annahme, es gäbe einen festen Empfänger und einen festen Geber des Glücks. Glück wird somit zu einer Ware und das Erlangen fast zu einer Geschäftstransaktion, als wäre das Glück eine Sache, die man jemandem geben kann und als müsse man sich das Recht verdienen, es zu besitzen. In unserem Streben nach Glück ist es also wirklich wichtig, Missverständnisse in Bezug darauf, um was es tatsächlich geht, zu beseitigen; ansonsten werden diese Missverständnisse und Verwirrungen jede Menge Probleme verursachen.

Es ist nicht möglich, tiefstes Glück unabhängig von anderen zu erlangen 

Darüber hinaus folgt aus diesem Verständnis der grundlegenden Natur des Geistes – glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen –, dass dies für alle zutrifft, wenn es für mich möglich ist, glücklich zu sein, indem ich mich von den Ursachen des Unglücklichseins löse. Diese Möglichkeit ist Teil meines geistigen Kontinuums und sie ist auch Teil des Kontinuums aller anderen. Sie ist Teil der grundlegenden Natur des Geistes.

Wenn sie Teil der grundlegenden Natur des geistigen Kontinuums aller ist und wenn all unsere geistigen Kontinua miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen, ist es nicht wirklich möglich, unabhängig von allen anderen das tiefste Glück zu erlangen. Mit anderen Worten: Unser geistiges Kontinuum ist nicht etwas wie ein Fluss, mit hohen Uferwänden auf beiden Seiten, um dieses Glück unabhängig von allem anderen nachgehen und es erlangen zu können. Die verschiedenen Strömungen dieses geistigen Kontinuums sind keine voneinander getrennten Flüsse mit sie umgebenden Uferwänden, die trotz allem miteinander interagieren. Vielmehr beeinflusst sich alles gegenseitig auf eine sehr fließende und offene Weise. Darauf aufbauend erkennen wir daher schließlich, dass der Wunsch glücklich und nicht unglücklich zu sein, sowie das Streben danach, ein universales Phänomen ist.

Stellt euch ein riesiges System, mit dem Wunsch nach Glück zu streben, vor; wir sind nur ein kleiner Teil dieses gesamten Systems. Hätten wir ein korrektes Verständnis, würden wir erkennen, dass dieses Streben nach dem, was wir „Befreiung“ oder „Erleuchtung“ nennen, etwas ist, was nicht nur auf einer individuellen Ebene, sondern auf der Ebene des gesamten Universums unternommen werden muss. Was wir an anderer Stelle als Mitgefühl hervorgehoben haben, also sich von Unglück und Leid abzuwenden und sich dem Glück zuzuwenden, wird hier als hohes Gewahrsein und große Entschlossenheit betont, der Richtlinie: „ich will glücklich und nicht unglücklich sein“ zu folgen. Das ist die generelle Natur des gesamten Universums. Was bedeutet das? Es bedeutet damit zu beginnen, Mitgefühl zu entwickeln, unterstützt durch Warmherzigkeit und Zuneigung, die darauf zurückzuführen sind, all die positiven Arten der Interaktion zu erkennen, die auf der Grundlage der gegenseitigen Abhängigkeit all der verschiedenen geistigen Kontinua stattgefunden haben. 

Natürlich gab es auch viele Begegnungen zwischen allen, die zu einem Gefühl des Unglücklichseins geführt haben. Wir haben nicht nur miteinander auf Weisen interagiert, die zu Glück führten, sondern auch auf Weisen, die Unglück hervorgerufen haben. Das allgemeine Prinzip, dass wir glücklich und nicht unglücklich sein wollen, ist jedoch dominierend und daher wichtiger. In unserem Streben nach dem Wunsch glücklich zu sein, betonen wir daher die positiven Begegnungen. Das formt eine der Grundlagen für unsere Praxis, die verschiedenen Aspekte unseres Lebens zu integrieren. Aber entwickeln wir das noch weiter.

Auf das Glück aller hinarbeiten 

Wollen wir in der Lage sein, auf das Glück aller hinzuarbeiten – auf das Verständnis, über das wir gerade gesprochen haben – müssen wir „allwissend“ werden. Wir müssen in der Lage sein, die Interaktion und gegenseitige Abhängigkeit von allem in allen Einzelheiten und in seiner ganzen Komplexität zu verstehen. Obwohl es in unserem Geist so scheint, als wäre unser geistiges Kontinuum und das der anderen völlig getrennt voneinander, wie in Plastik eingehüllt oder wie Flüsse mit riesigen, sie umgebenden Uferwänden, handelt es sich hierbei um eine falsche Erscheinung. Weil wir fest daran glauben, dass diese falsche Erscheinung der Realität entspricht, schaffen wir damit die Gewohnheit, immer mehr daran zu glauben. Und die Gewohnheit daran zu glauben, bringt unseren Geist dazu, diese falsche Erscheinung noch stärker entstehen zu lassen. Um allwissend zu sein und zu erkennen, wie alle miteinander verbunden sind, ist es notwendig den Geist dazu zu bringen, damit aufzuhören, diese falschen Erscheinungen zu erschaffen.

Warum wollen wir uns von diesen falschen Erscheinungen lösen? Weil wir aus Mitgefühl heraus in der Lage sein wollen, allen zu helfen; wir sehen, dass dies der einzige und logische Weg ist, der zu Glück führen kann. Dieses große Mitgefühl, das wir für alle haben, treibt uns an, uns immer mehr auf die Tatsache zu konzentrieren, dass es keine Uferwände und keine einhüllende Plastik gibt. Je mehr wir uns darauf ausrichten, desto mehr bröckelt die Gewohnheit des Geistes, diese falschen Erscheinungen zu erschaffen. Auf diese Weise erlangen wir Erleuchtung. Es ist diese Kombination von Mitgefühl und korrektem Verständnis.

Die gesamte Präsentation des buddhistischen Pfades basiert auf diesem allgemeinen Prinzip der Natur des Geistes, glücklich und nicht unglücklich sein zu wollen. Sehen wir uns die buddhistischen Übungen an, die darauf basieren, sprechen wir im Allgemeinen davon, dass sie „aufbauen und reinigen“ oder „ansammeln und reinigen“. Wir wollen die Ursachen für Glück schaffen und die Ursachen für Leid beseitigen. Hier stellt sich die Frage, was wir zuerst tun oder ob wir beides gleichzeitig tun. Nun, es ist ein zweifacher Vorgang. Der Begriff „aufbauen“ ist wie das Aufbauen der Ladung einer elektrischen Batterie, damit sie dann vollkommen funktionsfähig ist.

Wir haben gesehen, dass das, was wir in jedem Augenblick unseres Kontinuums erleben, abhängig von vielen Faktoren entsteht: was alle anderen getan haben, all die Dinge, die in der Welt stattfinden, und so weiter. Das gilt sowohl in Bezug auf das Gefühl des Unglücklichseins, das wir loswerden wollen, als auch in Bezug auf das Glück, das wir schaffen wollen. Häufig konzentrieren wir uns in unseren buddhistischen Übungen, wie auch in westlichen Therapien, auf all die ursächlichen Faktoren, die zu Leiden und Problemen geführt haben, und wenden dann die verschiedenen Methoden an, um sie zu beseitigen. Viel weniger konzentrieren wir uns auf die positiven Dinge, die durch andere, durch die Gesellschaft, die Kultur usw. für uns entstanden sind, und die zu unserem Glück und Wohlergehen beigetragen haben. Werfen wir einen Blick auf die vier edlen Wahrheiten, mögen wir den Eindruck bekommen, dass der buddhistische Ansatz ausschließlich darin besteht, Probleme loszuwerden und sich somit auf all die negativen Dinge richtet, die Probleme hervorrufen können. Gehen wir jedoch in den Lehren etwas tiefer, entdecken wir plötzlich etwas neben der grundlegenden Darstellung der vier edlen Wahrheiten, und das ist das Vertrauen in einen spirituellen Lehrer und die Buddha-Natur.

Buddha-Natur: Die Faktoren, die uns befähigen, Buddhaschaft zu erlangen

Buddha-Natur bezieht sich auf all die Faktoren, die uns befähigen, ein Buddha zu werden. Einer dieser Faktoren ist die grundlegende Natur des Geistes, glücklich oder glückselig zu sein. Das wird nicht von allen vertreten, aber viele tibetische buddhistische Schulen gehen davon aus, dass dies die allgemeine Natur des Geistes ist. Aber dann denken wir vielleicht: „Nun, die glückselige Natur meines Geistes ist die allgemeine Ursache für mein Glück; ich muss mich also nur darauf konzentrieren.“ Wenn wir jedoch so denken, geht es nur um uns und unser geistiges Kontinuum, was vollkommen egoistisch ist. 

Ein anderer Begriff für „Buddha-Natur“ ist „Familien-Eigenschaft“ oder „Kaste“. Die „Familien-Eigenschaft“ befähigt uns, Teil der Familie jener zu sein, die Buddhaschaft erlangen werden. Oder es gibt auch das Wort „Schoß“, in dem wir als ein Buddha heranwachsen. Natürlich wachsen und entwickeln wir uns im Schoß von jemandem, der zu unserer eigenen Spezies gehört und daher passen diese zwei Bilder zusammen.  Teile der Familien-Eigenschaften sind die Leerheit des Geistes, die natürliche Reinheit des Geistes, der tatsächliche glückselige Aspekt des Geistes, die Tatsache, dass es Energie gibt, und die Tatsache, dass Energie ausströmt und kommuniziert, die Tatsache, dass der Geist Erscheinungen hervorbringt, und somit haben wir Geist, Rede und Körper. All dies sind der Schoß und die Eigenschaften, die wir dann als ein Buddha zum vollsten Potenzial entwickeln können. Zusätzlich dazu haben wir die Rolle des Guru, des spirituellen Lehrers.

In der Kadam-Tradition wird im Rahmen der Gelug-Tradition die Rolle des Guru als etwas erklärt, das wie eine Wurzel ist. Sie ist die Wurzel des Pfadgeistes, die uns zu Befreiung und Erleuchtung führen wird; sie ist das, woraus wir unsere Nährstoffe bekommen. Den Nährstoff erhalten wir in Form von „Inspiration“. Inspiration gibt uns Kraft zu Beginn, in der Mitte und am Ende; die Kraft, mit dem spirituellen Pfad zu beginnen, die Kraft dabeizubleiben und die Kraft, in bis zum Ende zu gehen. Der spirituelle Lehrer gibt uns also die Inspiration und dann die Kraft, dieser grundlegenden Natur des Geistes in der vollständigsten Form nachzugehen, also glücklich und nicht unglücklich zu sein.

Diese Praxis, die ich vorstellen möchte, unser Leben zu integrieren, baut auf den Lehren auf, in denen es um den spirituellen Lehrer geht und darum, wie wir Inspiration von ihm bekommen können, um das vollste Potenzial unseres Geistes mit seiner glückseligen Natur zu verwirklichen und somit Buddhaschaft zu erlangen. Das ist die Quelle dessen, was ich unterrichten werde. Wir werden uns ansehen, wie man mit einem spirituellen Lehrer eine möglichst gesunde Beziehung pflegt, um ein Höchstmaß an Inspiration von ihm zu bekommen, und dieses Prinzip dann auf andere Menschen anwendet, die einen großen Einfluss in unserem Leben haben, denn schließlich hat nicht jeder einen spirituellen Lehrer.   

Die Fehler eines spirituellen Lehrers sehen 

Wir alle haben Fehler und wir alle haben positive Aspekte. Wie man in vielen Schriften lesen kann, ist es nahezu unmöglich, einen spirituellen Lehrer zu finden, der nur gute Eigenschaften und keine Fehler oder Mängel hat. Ein Mangel könnte sein, dass unser Lehrer keine Zeit für uns findet, weil er so viele andere Schüler hat. Mängel müssen sich also nicht nur darauf beziehen, ständig wütend zu sein.

Nun gibt es all diese Lehren, in denen es darum geht, den spirituellen Lehrer als einen Buddha zu sehen, und ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, weil es ein riesiges Thema ist. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben! Sehen wir uns jedoch den Kommentar des Fünften Dalai Lama dazu an, seine Darstellung des Stufenpfades, in dem es darum geht, den spirituellen Lehrer als einen Buddha zu betrachten, so sagt er, dass es keinen Nutzen hat, sich auf die Mängel von irgendetwas zu fokussieren und sich deswegen zu beschweren. Es wird uns nur betrüben, und das ist es, was in den Schriften dazu gesagt wird. Es macht keinen Sinn, sich auf die negativen Eigenschaften von irgendetwas oder irgendjemanden zu konzentrieren und deswegen zu lamentieren, denn das macht uns nur betrübt. Richten wir uns stattdessen auf die positiven Eigenschaften, werden wir inspiriert.

In seinem Kommentar dazu verbindet der Fünfte Dalai Lama dies mit der Praxis der Beziehung zu einem spirituellen Lehrer. Wenden wir uns dieser Meditation zu, die wir „Guru-Yoga“ nennen, also die Meditation über den spirituellen Lehrer, so besteht der erste Schritt laut ihm darin, die Mängel des spirituellen Lehrers einzugestehen. Das ist eine völlig andere Herangehensweise, als jene, wie sie in vielen anderen Texten über den Guru-Yoga beschrieben wird. Er fordert uns auf, sich die Mängel des spirituellen Lehrers vor Augen zu führen, welche es auch sein mögen, und sie nicht zu leugnen. Vielmehr betrachten wir sie im Lichte der Worte Buddhas, der sagte, dass es keinen Nutzen hat, an den negativen Eigenschaften hängenzubleiben. Wir erkennen sie und leugnen sie nicht. Wir wissen, dass es uns nicht weiterhelfen wird, uns auf sie zu konzentrieren; tatsächlich wird uns das nur herunterziehen. Schließlich belassen wir es dann dabei und verzichten auf weitere Betrachtungen der Mängel. 

Die guten Eigenschaften des spirituellen Lehrers sehen 

Haben wir uns mit den Mängeln des spirituellen Lehrers auseinandergesetzt, richten wir uns auf die guten Eigenschaften, und hier beginnt die traditionelle Meditation über den spirituellen Lehrer. Gehen wir nicht auf diese Weise vor, fangen wir vielleicht an uns zu fragen, ob dieser ganze Vorgang des Fokussierens auf den Guru naiv ist. An diesem Punkt versuchen wir nun also die guten Eigenschaften des spirituellen Lehrers zu erkennen und sind überzeugt davon, dass er oder sie tatsächlich diese guten Eigenschaften hat und wir uns das nicht nur ausdenken. Der Geisteszustand, den wir hier entwickeln, ist ein überzeugter Glaube, dass es wahr ist.

Haben wir diesen überzeugten Glauben an die guten Eigenschaften des Lehrers, besteht die traditionelle Methode darin, sich auf die Güte des Lehrers zu konzentrieren. Im Wesentlichen richten wir uns auf den Nutzen, den wir von diesen positiven Eigenschaften erlangen. Die Emotion, die wir daraus entwickeln, ist tiefe Wertschätzung und Respekt. Dann stellen wir uns vor, wie Lichter vom spirituellen Lehrer ausgehen und zu uns strömen. Sie inspirieren uns auf der Grundlage des überzeugten Glaubens an die guten Eigenschaften und der Wertschätzung des Nutzens, den wir dadurch erlangt haben. Diese Meditation ist die Wurzel, durch die wir die Kraft und Inspiration erhalten, zu versuchen, mehr von diesen Eigenschaften der Buddha-Natur in uns selbst zu entwickeln. Wir erkennen, dass wir zur gleichen Kaste, zur gleichen Familie, gehören, wie der spirituelle Lehrer und der Buddha.

Wenn unser geistiges Kontinuum von vielen anderen und zahlreichen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wurde, wenden wir auf sie die gleiche Analyse im Sinne von nützlichen und nachteiligen Einflüsse wie beim spirituellen Lehrer an. Und das gilt ebenso für unsere Familie, unsere Kultur, unsere Nation und alles andere. Es gab positive und negative Aspekte, und wir könnten uns auf die negativen Aspekte konzentrieren, die Dinge, die einen negativen Einfluss auf uns hatten oder zu Problemen in unserem Leben führten und dann in die Therapie gehen. Vom buddhistischen Standpunkt aus, macht es jedoch keinen Sinn, sich darüber aufzuregen, obwohl wir uns von all den Problemen lösen müssen, die durch diese Dinge beeinflusst wurden. Stattdessen befassen wir uns mit der anderen Seite, den guten Eigenschaften all dieser Menschen und Dinge, sowie den Nutzen, den wir von ihnen bekommen haben. Wir werden dadurch inspiriert und integrieren alles miteinander, um uns bewusst darüber zu werden, dass das „Ich“ nicht nur ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage all dieser Probleme und der Ursachen dieser Probleme ist, sondern auch ein Zuschreibungsphänomen all dieser nützlichen und positiven Dinge, die wir von anderen erhalten haben.

Schlussfolgerung 

Das ist der Rahmen dieses Programms des Integrierens unseres Lebens, dessen Zuschreibungsphänomen das „Ich“ ist. Geht es darum, unser Leben zu integrieren, trifft der gleiche Rat des Fünften Dalai Lama zu, den er bezüglich des Gurus gegeben hat. Wir räumen bestimmte Dinge ein: „Meine Mutter hat mir dies und mein Vater jenes angetan und mir diese und jene Probleme beschert.“ Wir erkennen es an und leugnen es keinesfalls, aber sehen auch, dass es keinen Nutzen hat, deswegen zu klagen oder daran festzuhalten. Stattdessen richten wir uns dann auf all die positiven Dinge, die wir durch unsere Familie, Freunde und so weiter bekommen haben und haben größte Wertschätzung dafür. Auf diese Weise integrieren wir unser Leben, indem wir sehen, dass das „Ich“ ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage all dessen ist, sowohl der negativen als auch der positiven Einflüsse. Und in unserer Meditation konzentrieren wir uns einfach auf die positiven Aspekte, um Kraft und Inspiration zu erlangen. Diese Kraft und Inspiration wird nicht nur auf eine Dharma-Light-Weise nützlich sein, also nur in Bezug auf dieses Leben, sondern uns auch die Kraft verleihen, auf zukünftige Leben, sowie auf Befreiung und Erleuchtung hinzuarbeiten.

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