Ratschlag zu den vorbereitenden Übungen des Ngöndro

Einführung

Das tibetische Wort „Ngöndro” (sngon-’gro) wird üblicherweise mit „vorbereitenden Übungen“ übersetzt, jedoch hat Tsenshab Serkong Rinpoche, einer meiner wichtigsten Lehrer, immer betont, dass das nicht wirklich die Bedeutung des Wortes trifft. Obwohl es wörtlich „vorausgehend“ bedeutet, sprich, etwas, das einer anderen Sache vorausgeht und dann zu dieser führt, ist die hauptsächliche Bedeutung „Vorbereitung“. Würde man in einer Karawane nach Tibet reisen, müsste man sich für eine solche Reise vorbereiten. Das Gepäck müsste zusammengetragen und auf Lasttiere geladen werden. Ohne anständige Vorbereitung ist eine solche Karawanenreise unmöglich. Jeden Tag tritt man den Weg nach der nächtlichen Ruhepause aufs Neue an und die Lasttiere müssen erneut beladen werden. Jeder Tag bedeutet Vorbereitung, um weitergehen zu können. 

Dies ist der wesentliche Punkt der Ngöndro-Übungen. Sie sind absolut notwendig, um eine „spirituelle Reise“ antreten und aufrechterhalten zu können. Wenn man sie lediglich als etwas Vorbereitendes sieht, könnte man genauso gut auch denken, sie überhaupt nicht zu machen; ganz nach dem Motto: „Ich brauche keine Vorbereitung; ich will direkt mit der Hauptpraxis anfangen.“ Wenn wir die Übungen aber als etwas verstehen, das uns für eine Reise vorbereitet und uns die Energie verleiht, die Reise fortzusetzen, lernen wir, diese wertzuschätzen und uns für sie zu begeistern.

Arten der Durchführung der Ngöndro-Übungen

Die Übungen des Ngöndro bereiten uns so für unsere spirituelle Reise vor, um durch sie positive Kraft oder Energie aufzubauen und negative Kraft oder negatives Potenzial zu reduzieren. Schließlich haben wir seit anfangsloser Zeit die Gewohnheit aufgebaut, auf der Grundlage von Ignoranz und fehlendem Gewahrsein der Realität zu denken und zu handeln. Dadurch haben wir eine enorme Menge an negativer Kraft aufgebaut, welche uns unbewusst dazu treibt, zwanghaft immer wieder auf dieselbe Weise zu handeln. Ungeheure Anstrengung ist nötig, diese innewohnenden Gewohnheiten zu überwinden und schließlich auszumerzen, um dann neue aufzubauen. Die vielen tausend Mantrarezitationen der Ngöndro-Übungen sind dafür ein guter Anfang. Obwohl 100.000 Wiederholungen von etwas Positivem im Vergleich zu der Wiederholung negativer Verhaltensmuster seit anfangsloser Zeit unbedeutend sind, beginnt man nichtsdestotrotz durch das Ngöndro neue, förderliche Strukturen im Geist aufzubauen. 

Es gibt zwei verschiedene Arten, Ngöndro-Übungen durchzuführen: als Vorbereitung am Anfang unserer buddhistischen Ausbildung und Praxis oder als Antrieb, diese beiden auf dem Pfad zu weiterzuentwickeln. 

(1) In vielen tibetischen Traditionen beauftragt der Lehrer die neuen Schüler, von Beginn an Ngöndro zu praktizieren. Wenn der Neuling dem zustimmt, tut er es üblicherweise, weil er zum Lehrer gekommen ist und ihn um Hilfe beim Überwinden von Schwierigkeiten in seinem Leben gebeten hat. Da er Vertrauen und Überzeugung in den spirituellen Lehrer hat, folgt er dessen Ratschlag, Ngöndro zu praktizieren. Die Übungen des Ngöndro zu machen prüft die Verpflichtung des Praktizierenden und steigert dessen Disziplin und Ausdauer.

Es geht darum, den Schülern zu helfen, jegliche geistige Blockade, die sie haben, zu durchbrechen, und sie für die nächsten Schritte ihres Trainings empfänglicher zu machen. Bei diesen nächsten Schritten handelt es sich um tantrische Praxis. Auch wenn die neuen Schüler auf dem Weg weitere grundlegende Sutra-Lehren erhalten mögen, bestehen die Hauptunterweisungen des Ngöndro in den Details der Visualisierung und des Rituals. Während ihrer Ngöndro-Übungen entwickeln die Schüler die Geisteszustände und die Motivation, die zu den physischen und verbalen Praktiken gehören. Das Hauptanliegen sind jedoch die 100.000 Niederwerfungen und dergleichen, um dann mit Tantra fortzufahren.

(2) In der Gelugpa-Tradition werden die Ngöndro-Übungen entlang des Pfades durchgeführt und nicht zum Einstieg in buddhistische Praxis. Sowohl Sutra- als auch Tantrapraxis sollen dadurch weiterentwickelt werden. Der Schwerpunkt liegt zunächst darauf, etwas über die Geisteszustände, welche die physischen und verbalen Praktiken begleiten, zu lernen und diese dann zu einem gewissen Grad auch zu entwickeln. Darüber hinaus geht es auch darum, eine aufrichtige Motivation für diese Praktiken zu entwickeln. Die Schüler widmen sich diesen dann entlang ihres Studienverlaufs entsprechend der Ratschläge ihres Lehrers oder nach eigener Initiative, um ihre Motivation und ihr Verständnis zu festigen. 

Bei beiden Methoden ist die größte zu vermeidende Gefahr, dass die Praxis mechanisch wird, und währenddessen entweder gar nichts in unserem Geist vorgeht, oder man eine negative Einstellung gegenüber der Praxis entwickelt. Bei richtiger Durchführung sind jedoch beide Methoden gleichermaßen effektiv. Das kann man an klassischen Beispielen erkennen. 

Das Beispiel von Milarepa

Der große Kagyü-Yogi Milarepa hatte während seiner jungen Jahre eine Menge negatives Potenzial aufgebaut, indem er schwarze Magie praktizierte, um sich an Verwandten sich rächen, welche ihn und seine Familie betrogen hatten. Offensichtlich musste er viele Hindernisse überwinden, um mit den Lehren erfolgreich zu sein. Als Ngöndro-Übung sagte sein Lehrer Marpa ihm nicht: „Mache hunderttausendmal dies und hunderttausendmal das.“ Stattdessen ließ er ihn Steintürme bauen. Das war unglaublich harte Arbeit, aber Milarepa bereute seine vergangenen Taten sehr und hatte den aufrichtigen Wunsch, dies wiedergutzumachen und dem buddhistischen Pfad zu folgen. Er verfügte über eine starke positive Motivation für diese harte Arbeit, welche Marpa speziell für ihn als Vorbereitung ausgewählt hatte, bevor er ihm jemals irgendwelche tantrischen Initiationen geben würde. Marpa gab nicht nach, bis er der Meinung war, Milarepa habe ausreichend negative karmische Kraft aufgebraucht. Nachdem Milarepa den Turm fertiggestellt hatte, sagte Marpa zu ihm: „Das ist nutzlos. Reiß‘ ihn ab und baue einen neuen!“

Das Beispiel von Tsongkhapa

Ein klassisches Beispiel der anderen Art, Ngöndro zu praktizieren, ist Tsongkhapa, der Gründer der Gelug-Tradition. Tsongkhapa besaß ein enormes Gespür für Dharma aus früheren Leben. Bereits in seinen Zwanzigern hatte er sowohl den Kangyur als auch den Tengyur – die übersetzten Texte der Lehren des Buddha und deren indische Kommentare – studiert und begonnen, zunächst Abhidharma, die besonderen Themen des Wissens, zu lehren. 

Mit zweiunddreißig Jahren schrieb Tsongkhapa sein erstes großes Werk: „Ein goldener Rosenkranz ausgezeichneter Erklärungen“ (tib. Legs-bshad gser-’phreng), ein umfangreicher Kommentar mit Zitaten von überall aus dem Kangyur und Tengyur über den „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ (Skt. Abhisamayālaṃkāra). Sein Werk enthält eine genaue Beschreibung der verschiedenen Stufen der Vollkommenheit der Weisheit (Skt. Prajñāpāramitā) des Pfades zur Befreiung und Erleuchtung. An diesem Punkt begann er auch, tantrische Initiationen zu geben, besonders zur Sarasvati-Praxis, die das weibliche Gegenstück zu Manjushri ist. Ebenso führte er seine eigenen tantrischen Studien, besonders über das Kalachakra, weiter fort. Bevor er irgendwelche formalen Ngöndro-Übungen, wie Niederwerfungen, machte, unternahm er seine erste größere tantrische Klausur, in welcher er sich Chakrasamvara widmete. In derselben Klausur praktizierte und meisterte er auch die sechs Yogas von Naropa und die sechs Yogas von Niguma.

In seinem vierunddreißigsten Lebensjahr widmete er sich dem intensiven Studium der vier Klassen des Tantra, besonders der Vollständigkeitsstufe des Guhyasamaja und des Kalachakra. Danach begab er sich für weitere Studien der Madhyamaka-Lehren der Leerheit zu dem großen Karma-Kagyü Meister Lama Umapa. Dieser Lama hatte täglich Visionen von Manjushri und durch ihn konnte Tsongkhapa Fragen über Madhyamaka an Manjshri richten. Die beiden machten schließlich gemeinsam eine intensive Klausur über Manjushri, nach welcher Tsongkhapa selbst nach und nach direkt Unterweisungen von Manjushri erhielt. 

An diesem Punkt hatte Tsongkhapa immer noch nicht das Gefühl, ein richtiges Verständnis von Madhyamaka und Guhyasamaja zu haben, und so ersuchte er Manjushris Ratschlag, welcher ihm dazu riet, eine lange Klausur über die Übungen des Ngöndro zu machen, um ein vollständiges Verständnis zu erlangen. Tsongkhapa begab sich daraufhin mit acht seiner Schüler in eine vierjährige Klausur. Jeder von ihnen absolvierte fünfunddreißig Mal 100.000 Niederwerfungen für jeden der fünfunddreißig sogenannten Buddhas des Eingestehens und achtzehn Mal 100.000 Mandala-Darbringungen. Außerdem praktizierten sie täglich die Selbst-Initiation des Yamantaka, um ihre Gelübde zu erneuern. Darüber hinaus studierten sie das Avatamsaka-Sutra, ein enorm langes Sutra, welches die verschiedenen Taten von Bodhisattvas beschreibt. Dies ist eines der wenigen Sutras, das aus dem Chinesischen ins Tibetische übersetzt wurde, da das Sanskrit-Original verloren gegangen ist. Tsongkhapa sagte dazu, die Lehren über die Bodhisattva-Aktivität wären dank dieses Sutras vollständig erhalten geblieben. Ohne diesen Text würden sie uns nicht mehr zur Verfügung stehen. 

Am Ende dieser vierjährigen Klausur hatte Tsongkhapa eine Vision von Maitreya. Nachdem er die Klausur verlassen hatte, restaurierte er die Maitreya-Statue in dem Kloster Dzingchi. Maitreya wird der nächste Buddha sein und indem Tsongkhapa die Statue restaurierte, baute er noch mehr positive Kraft auf, da er es anderen ermöglichte, die Statue zu sehen und so eine Verbindung mit Maitreya herzustellen.  

Darauf begab er sich erneut in eine fünfmonatige Klausur mit jenen acht Schülern, um sich weiteren vorbereitenden Übungen zu widmen. Anschließend machte er eine Klausur über die Vollständigkeitsstufe des Kalachakra und ein weiteres Jahr über Madhyamaka. Während dieser Madhymaka-Klausur hatte er dann endlich eine nichtbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit erlangt und revolutionierte daraufhin die Lehren über Leerheit und wie man diese erklärt. 

Tsongkhapas Beispiel ist überaus inspirierend und beispielhaft. Tsongkhapa war kein Dummkopf, sondern wirklich intelligent. Er war der gelehrteste und fortgeschrittenste Praktizierende seiner Zeit und hatte all diese tantrischen Klausuren bereits absolviert, war aber mit seinem Verständnis von Leerheit nicht zufrieden; erst recht nicht mit dem aller anderen. Es war Manjushri, die Verkörperung von Weisheit und Intelligenz, der ihm auftrug, durch intensive Ngöndro-Praxis mehr positive Kraft aufzubauen und sich negativen Potenzials zu entledigen, um den Durchbruch zu einem korrekten, nichtbegrifflichen Verständnis zu erlangen. Auf diese Weise sollte man Ngöndro im Rahmen des Studiums und der Praxis ausführen, um die Effektivität zu steigern. 

Was mich betrifft, so bin ich Tsongkhapas Modell in einer abgewandelten Version gefolgt. Während ich in Indien lebte und dabei war, etwas zu schreiben oder zu übersetzen, hatte ich manchmal eine Blockade. Meine Arbeit ging nicht wirklich voran und deswegen nahm ich in solchen Momenten Einladungen an, die ich aus verschiedenen Ländern bekam, um Dharma-Vorträge in buddhistischen Zentren und an Universitäten zu halten. Ich nannte diese Reisen „Bodhichitta-Klausuren”, da ich lehrte, mein Wissen teilte und versuchte, damit Menschen zu helfen und mehr positive Kraft aufzubauen. Als ich dann nach Indien zurückkam, war mein Geist frischer und ich konnte das, was mich zuvor blockierte, üblicherweise lösen.

Auch jetzt, wenn ich beim Schreiben oder Übersetzen nicht auf die richtige Formulierung komme, oder in dem Moment etwas nicht auf einfache und klare Weise präsentieren kann, höre ich auf und rezitiere für eine Weile Mantras für Manjushri und Sarasvati, während ich bestimmte Visualisierungen dazu mache. Mein Geist wird sogleich klarer und ich bin dann in der Lage, eine Lösung zu finden. 

Allgemeine und spezielle Ngöndro-Übungen

Es gibt zwei Stufen der Ngöndro-Praxis. In der Nyingma-Tradition werden sie als „äußeres Ngöndro“ und „inneres Ngöndro“ bezeichnet, wohingegen andere tibetische Traditionen von „gewöhnlichem“ und „außergewöhnlichem Ngöndro“ reden. „Gewöhnlich“ bedeutet, es bezieht sich sowohl auf Sutra als auch auf Tantra, während „außergewöhnlich“ auf eine Vorbereitung speziell für Tantra hinweist. Vielleicht ist es noch deutlicher, sie als „allgemeine“ und „spezielle“ Ngöndro-Praxis zu übersetzen. Wie sie auch genannt werden, viele der allgemeinen und inneren Praktiken, wie Zuflucht und Bodhichitta, haben Sutra und Tantra gemeinsam. 

Die allgemeinen Übungen sind im Wesentlichen die Lehren des „Lam-rim-Stufenpfades“ der Gelug-Tradition. Bei den Kagyüpas sind es „die vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden“, die den äußeren Ngöndro-Praktiken der Nyingma-Tradition entsprechen. Die Sakya-Tradition lehrt „das Scheiden von den vier Arten des Anklammerns“. Es gibt so viele verschiedene Arten in den unterschiedlichen tibetischen Traditionen, ein und dasselbe Sutra-Thema zu strukturieren. Letztendlich spielt es keine Rolle, mit welcher wir arbeiten. In manchen mag es mehr Details zu bestimmten Punkten geben als in anderen, aber grundsätzlich sind sie alle gleich.

Bezüglich des speziellen Ngöndros gibt es eine große Bandbreite an Praktiken, die jeweils 100.000, 108.000 oder 130.000 Mal wiederholt werden. Das Standard-Ngöndro der Kagyü-Tradition beinhaltet Niederwerfungen, das hundertsilbige Mantra von Vajrasattva, Mandala-Darbringungen und Guru-Yoga. Jeder Schatztext (tib. gter-ma) der Nyingma-Tradition hat sein eigenes Set an Ngöndro-Praktiken, jedoch kann der Lehrer das Standard-Ngöndro abändern und individuelle Praktiken für bestimmte Schüler entwerfen. In meinem Fall riet mir Seine Heiligkeit der Dalai Lama bereits früh in meiner Dharma-Ausbildung je 600.000 Avalokiteshvara- und Manjushri-Mantras zu rezitieren. Später machte ich dann auf eigene Initiative 100.000 Wiederholungen des Mantras von Vajrasattva und ebenso 100.000 Wiederholungen des Guru-Yoga-Verses von Tsongkhapa auf Anweisung von Serkong Rinpoche. Jede dieser Praktiken beinhaltet selbstverständlich nicht nur Visualisierungen, sondern auch das Entwickeln der spezifischen Geisteszustände, die diese begleiten sollen. 

Ich persönlich denke, dass es letztendlich keinen Unterschied macht, welche vorbereitende Übungen man macht. Diejenigen, für die man sich entscheidet, verbinden einen eng mit einer gewissen Traditionslinie, was äußerst nutzbringend und auch notwendig ist. Alle Traditionslinien haben jedoch dasselbe Ziel: Erleuchtung. Im Endeffekt sind sie alle gleich. Man kann nicht sagen, dass eine besser als die andere wäre; ihre Effektivität hängt ausschließlich von der eigenen Motivation, den begleitenden Geisteszuständen und dem Grad an Konzentration, den man entwickelt hat, ab.   

Darüber hinaus – welcher tibetischen Tradition auch immer man folgt – beinhaltet jedes vollständige tantrische Sadhana einen Vorbereitungsteil mit Niederwerfungen, Mandala-Darbringungen, Vajrasattva-Mantras und Guru-Yoga. Dies weist eindeutig darauf hin, dass wir diese Hauptübungen des Ngöndro während des gesamten spirituellen Pfades machen sollten. 

Die neun außergewöhnlichen Ngöndro-Übungen der Gelug-Tradition 

In der Gelug-Tradition gibt es traditionell neun außergewöhnliche Ngöndro-Übungen, welche man jeweils 100.000 Mal wiederholt. Obwohl es neun an der Zahl sind, bedeutet das nicht, dass jeder alle neun durchführen muss. Der eigene Lehrer könnte vorschlagen, nur einige davon oder etwas anderes zu praktizieren. Diese neun werden im Kontext des Gebets „Hunderte von Gottheiten des Tushita-Himmels“ (tib. dGa‘-ldan lha-brgya-ma) durchgeführt.

(1) Niederwerfung: Während man Niederwerfungen macht, nimmt man Zuflucht und rezitiert die Namen der fünfunddreißig Buddhas des Eingestehens und der acht Medizinbuddhas. Laut Serkong Rinpoche sollte man einfach alle Namen der Reihe nach rezitieren. Es geht nicht darum, während jedes Namens eine Niederwerfung zu machen; stattdessen sollte man die Namen einfach der Reihe nach rezitieren und dabei die Niederwerfungen machen. Andernfalls schafft das nur Verwirrung, wenn man ganz versessen darauf ist, jede Niederwerfungen mit einem Namen zu koordinieren. In manchen anderen Traditionen werden die Niederwerfungen mit dem siebengliedrigen Gebet verbunden. In der Tat gibt es verschiedenste Dinge, die man während der Niederwerfungen rezitieren kann, und ich glaube, dass es letztendlich keinen Unterschied macht, welche wir wählen. Man schließt sich einfach der jeweiligen Traditionslinie des Ngöndro an, der man folgt. 

(2 & 3) Mandala-Darbringung mit Zuflucht und Bodhichitta: Diese zweite und dritte Ngöndro-Praxis werden in der Gelug-Tradition gemeinsam ausgeführt. Man bringt ein Mandala dar und rezitiert dabei nicht nur den Standardvers für die Darbringung des Mandalas, sondern auch den Standardvers für Zuflucht und Bodhichitta. In manch anderen Traditionslinien werden diese beiden getrennt gemacht.

(4) Wasserschalen: Man füllt und bringt diese mit klarem, sauberem Wasser 100.000 Mal dar.

(5) Guru-Yoga: In der Gelug-Tradition tut man dies, indem man den „Migtsema“-Vers (tib. mig-brtse-ma) rezitiert, welchen Tsongkhapa seinem Sakya-Lehrer Rendawa widmete, welcher diesen im Gegenzug dann Tsongkhapa widmete. Ich denke, es spielt letztendlich keine Rolle, ob man nun die Version mit fünf oder neun Zeilen rezitiert. Hier gilt ebenso: Man macht das, was einem der Lehrer empfiehlt. 

Es gibt so viele verschiedene Arten des Guru-Yoga, die sich auf die unterschiedlichsten Meister beziehen. Ob man das nun Guru Rinpoche, Karma Pakshi (der zweite Karmapa), Gampopa, Milarepa, Marpa oder Virupa ist, so denke ich auch hier, dass es letzten Endes keine Rolle spielt. Es verbindet einen mit der jeweiligen Linie dieser Meister, aber auf der letztendlichen Ebene sind sie alle Buddhas. Der Punkt ist hier, Körper, Rede und Geist mit denen eines Buddhas, repräsentiert durch einen Meister der jeweiligen Tradition, zu verbinden bzw. zu vereinen. Dabei behält man natürlich trotzdem seine Individualität.

Wenn man eine Guru-Yoga-Praxis durchführt, in der man den Guru in der Form eines Meisters einer gewissen Linie visualisiert, ist es bezüglich der Inspiration sehr hilfreich, etwas über die Lebensgeschichte dieser Person zu wissen. Wenn wir nicht inspiriert sind, wird die Praxis nicht besonders effektiv sein. 

(6) Hundersilbiges Mantra von Vajrasattva: Es gibt verschieden Formen von Vajrasattva – als einzelne Figur oder mit Partnerin. Bezüglich des Mantras gibt es eine Standardversion, die auf dem Guhyasamaja Tantra basiert. Genauso gibt es aber auch Versionen, die auf Yamantaka, Heruka und Padma basieren, in denen jeweils einige Worte unterschiedlich sind und die Zeilen teilweise eine andere Reihenfolge haben. Es spielt schlussendlich keine Rolle, welche Version man rezitiert. Das, was uns der Lehrer entsprechend unserer Traditionslinie empfiehlt, ist in Ordnung; sie sind alle wirkungsvoll. Im Buddhismus gibt es zu fast allem viele verschiedene Varianten.  

(7) Samayavajra-Mantra: Samayavajra (tib. Dam-tshig rdo-rje) ist eine Form von Amoghasiddhi aus dem Guhyasamaja Tantra. Dieses Mantra zu wiederholen reinigt jegliche Übertretungen unserer Samayas (tib. dam-tshig) mit unserem Meister. 

(8) Kleine Weihstatuen (tib. tsa-tsa): Tsa-tsas sind kleine Stellvertreterstatuen von verschiedenen Buddha-Formen aus Ton, die mit einer Gussform hergestellt werden. In Tibet gab es jede Menge offene Flächen, wo man einen kleinen Schrein bauen konnte, um 100.000 dieser Tsa-tsas unterbringen zu können. Im Westen ist das schon schwieriger. Ich glaube es war Lama Zopas Idee, Eiswürfelbehälter als Gussform zu verwenden. Indem man sie mit Wasser befüllt und dann einfriert, kann man ebenso Tsa-tsas herstellen. Danach lässt man sie schmelzen und füllt den Behälter wieder. Durch das Herstellen von Tsa-Tsas baut man die Ursachen dafür auf, zukünftig den physischen Körper eines Buddhas zu erlangen. 

(9) Vajradaka-Brandopfer: Manche Leute kennen diese Figur unter ihrem tibetischen Namen „Zache Khandro“ (tib. Za-byed mkha’-’gro). Dies ist eine Praxis, die – ähnlich wie Vajrasattva – negatives Potenzial verbrennt. Dabei rezitiert man ein Mantra, während man Sesamsaat darbringt, indem man diese in ein Feuer auf rot-glühende Kohle wirft. Diese Praxis ist vielmehr ein optischer und physischer Prozess, um Reinigung zu visualisieren. 

Arten der Durchführung der Ngöndro-Übungen

Wie praktiziert man nun diese Ngöndro-Übungen? In manchen Traditionen, besonders jene, in denen man Ngöndro zu Beginn seiner Dharmapraxis macht, praktiziert man all die vorbereitenden Übungen in einem Stück, als ob man eine dreijährige Klausur machen würde. Oft ist dann auch das erneute Durchführen des Ngöndro der erste Teil einer Dreijahresklausur. 

Manche Leute sind in der Lage, diese Praxis den ganzen Tag lang zu machen. Beispielsweise in Bodhgaya oder Baudhanath sieht man Tibeter, die 100.000 Niederwerfungen – ungefähr 3.000 täglich – durchführen. Für die meisten von uns ist das so gut wie unmöglich. Man kann genauso gut auch eine geringere Menge machen – entweder in vier Sitzungen, morgens und abends jeweils eine oder einfach auch nur eine pro Tag. Wie viele auch immer man macht, es ist sehr wichtig, in der ersten Sitzung am ersten Tag nur drei Rezitationen zu machen und nicht mehr. Das wird nämlich die Mindestanzahl, zu der man sich für jeden Tag verpflichtet. Auf diese Weise kann man sie auch bequem durchführen, wenn man krank ist oder auf Reisen geht. Dasselbe gilt für eine Klausur über eine Gottheit – nur drei Mantras beim ersten Mal. Serkong Rinpoche hat das immer sehr betont, da jeder zwangsläufig mal krank wird und dann wird es schwierig. Die Kontinuität sollte nicht unterbrochen werden. Wenn das doch geschieht, so muss man von vorn beginnen, und wenn man es ganz genau machen möchte, sollte man die Praxis am selben Ort, auf demselben Sitz täglich wiederholen. 

Manchmal gibt es Ausnahmen. Um meine eigene Erfahrung diesbezüglich anzuführen: Ich war in einer Klausur in Dharamsala und wurde angefragt, für eine Initiation und Unterweisungen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama in Manali zu übersetzen. Ich habe zunächst gezögert, worüber Serkong Rinpoche sehr geschimpft hat: „Natürlich sollst du gehen. Das solltest du weder hinterfragen noch anzweifeln. Du machst einfach deine Mindestanzahl täglich, kommst danach zurück und nimmst dann die Klausur wieder auf.“ Dies wäre zum Beispiel eine angemessene Ausnahme. Und wenn man einmal darüber nachdenkt, sind 100.000 gar nicht einmal so viel. Beispielsweise habe ich das Vajrasattva-Mantra ein Jahr lang täglich 300 Mal rezitiert; das ergab dann 100.000. Es ist keine große Sache, etwas dreihundert Mal am Tag zu machen. 

Wie man es vermeidet, mechanisch zu werden

Um zu vermeiden, dass Ngöndro-Übungen mechanisch werden, ist es in erster Linie wichtig, eine richtige Motivation für sie zu haben, welche in Zuflucht und Bodhichitta besteht. Darüber hinaus muss man wissen, wann man eine Auszeit nehmen sollte, um es während einer Sitzung nicht zu übertreiben. Je besser unser Verständnis davon ist, was wir tun und warum wir es tun, und je mehr wir das vor dem Beginn einer Sitzung bestärken, desto weniger Probleme werden wir dabei haben. Dann sagt man nicht mehr so etwas wie: „Ich mache das, weil mein Lehrer es mir aufgetragen hat und ich ein guter Junge oder ein gutes Mädchen sein will, oder weil ich will, dass mein Lehrer mich mag“; oder: „ich will diesen schrecklichen Teil endlich hinter mich bringen“, als wäre es eine Art lästige Steuer, die man zahlen muss, um dann danach an die interessanten Dinge, wie Tantra, zu kommen. 

Gruppenpraxis

Ein letzter Punkt: Einige Leute machen die Ngöndro-Übungen in einer Gruppenklausur. Das ist keine traditionelle Methode, wurde aber speziell für Westler entwickelt. Es mag vielleicht Leute geben, die an dem Stupa in Bodhgaya 100.000 Niederwerfungen machen, aber das ist nicht wie in einer Gruppenklausur, in der alle auf Kommando zusammen praktizieren. Vielmehr macht jeder die Niederwerfungen für sich und in seinem eigenen Tempo. 

Der wesentliche Vorteil einer Gruppenklausur oder Gruppenpraxis – sei es Ngöndro, Gottheitenpraxis oder Meditation über Lam-rim – besteht darin, Disziplin zu bekommen. Wenn es die Gruppe und diese Art Gruppendruck nicht gäbe, würde man es nicht machen, ähnlich wie in einem Fitnessklub oder mit einem Trainer. Man macht für eine Stunde anstrengende Übungen, weil man entweder in einer Gruppe oder mit einem persönlichen Trainer arbeitet. Das sind die Umstände, die einen unterstützen. Die meisten würden es nie allein machen. In dieser Weise macht man sich eine Gruppe zunutze. Auch diejenigen, die für sich mit Gewichten und Geräten trainieren, würden das nicht zuhause tun. Man geht in eine Einrichtung mit einer gewissen Atmosphäre, in der andere Menschen das gleiche tun. Auf diese Weise kann man Disziplin entwickeln und das ist in Ordnung, wenn es hilft. 

Der Nachteil ist, dass man nicht nach seinem eigenen Tempo vorgeht. Entweder ist die Gruppe zu schnell oder zu langsam, was sehr nervend sein kann. Für manche ist es besser, sich ein eigenes Tempo zu setzen, um sich so mit dem, was man tut, besser zu fühlen. Wenn man eine Gruppenklausur macht, sollte man darauf achten, Frustration und Feindseligkeit zu vermeiden, die aufkommen könnten. 

Fazit

Das war eine kurze Einführung in die Ngöndro-Praxis, etwas das man tut, um sich für den nächsten Schritt vorzubereiten. 

Es hilft, den spirituellen Pfad als großes Abenteuer zu betrachten. Natürlich wird es hart – mit einer Karavane von einer Seite bis zur anderen Seite Tibets zu ziehen, ist natürlich nicht leicht – aber es ist ein Abenteuer, eines das sich auszahlt. Unterwegs wird es viele Herausforderungen geben, aber wenn wir die Ngöndro-Übungen als Vorbereitung nehmen und um von Zeit zu Zeit entlang des Weges neue Inspiration zu schöpfen, werden wir unser Ziel am Ende erreichen. 

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