Allgemeine Behauptungen
Im Buddhismus vertritt man keine Schöpfung und keinen Schöpfer. Das Geisteskontinuum aller fühlenden Wesen ist anfangslos. „Fühlende Wesen“ sind Lebewesen, die mit einer Absicht handeln und demzufolge Glücklichsein oder Unglücklichsein erfahren. Wie die Seelen im Islam hat das Geisteskontinuum der fühlenden Wesen kein Ende; doch im Gegensatz zum Islam bleiben sie nicht immer mit der gleichen Lebensform verbunden. Tatsächlich haben sie keine innewohnende Identität als eine spezifische Lebensform. Jedes Geisteskontinuum unterliegt wiederholter Geburt mit dem Körper und Geist eines Höllenwesens, Geistes, Tieres, Menschen, Halbgottes oder Gottes unter dem Einfluss seiner früheren zwanghaften (karmischen) Taten.
Im Buddhismus gibt es keinen Richter oder Tag des Jüngsten Gerichts und auch kein ewiges himmlisches Paradies und keine ewige Hölle. Es ist nicht wie im Islam, dass man nur in diesem einen Leben als ein Mensch die Selbstbezogenheit überwinden kann. Der Pfad des Überwindens der Selbstbezogenheit umfasst vielmehr eine enorme Anzahl von Wiedergeburten und diese kann in jeder der oben genannten Lebensformen auftreten.
Geht man über die Selbstbezogenheit hinaus, überwindet man unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburt (Skt. saṃsāra) und erlangt Erleuchtung, die nicht als eine Wiedergeburt in einem Himmel oder Paradies betrachtet wird. Jenseits der Befreiung kann man sogar noch weiter voranschreiten und ein erleuchteter Buddha werden. Ein Buddha ist kein allwissender Schöpfer, sondern vielmehr ein all-gütiger, allwissender Lehrer mit umfangreichem Wissen darüber, wie er allen anderen helfen kann, ebenfalls Befreiung zu erlangen. Es gibt zahlreiche Buddhas, nicht nur einen.
Befreiung und Erleuchtung sind im Buddhismus dennoch ewige Zustände, wie das Paradies und die Hölle im Islam. Wie im Paradies erfährt man als ein befreites oder erleuchtetes Wesen ewiges Glück, obgleich befreite Wesen zuweilen auch ein neutrales Gefühl erfahren, wenn sie in die tiefen Zustände der Konzentration versunken sind.
Parallel zur muslimischen Behauptung, dass alle Menschen das Paradies erreichen können, wenn sie die Selbstbezogenheit überwinden, vertritt man im Buddhismus, dass alle fühlenden Wesen, in welcher Lebensform sie sich momentan auch befinden, Befreiung und Erleuchtung erlangen können, wenn sie die Selbstbezogenheit überwinden. Doch im Buddhismus vertritt man keine ewige Hölle für jene, die an dieser Aufgabe in ihrem gegenwärtigen menschlichen Leben scheitern. Auch wenn solche Wesen aufgrund ihrer egoistischen, destruktiven Taten eine Wiedergeburt in einem höllischen Bereich erfahren, wird diese höllische Wiedergeburt irgendwann zu einem Ende kommen. Durch weitere fortgesetzte Wiedergeburten werden sie in der Lage sein, auf die Befreiung und Erleuchtung hinzuarbeiten.
Gemäß dem Buddhismus kann man jederzeit sein vergangenes destruktives Verhalten bereuen und wie im Islam gehört zur Reue das Versprechen, die negative Handlung nicht zu wiederholen und dessen Auswirkungen mit positiven Handlungen zu entgegnen. Doch im Gegensatz zum Islam ist die Vergebung kein Teil des Reinigungsvorgangs, auch nicht die des Buddhas. Das liegt daran, dass die Ethik nicht auf Gehorsam gegenüber einer höheren Autorität beruht und Buddha kein Richter ist, der bestraft oder belohnt.
Fehlendes Gewahrsein als Ursache der Selbstbezogenheit
Im Buddhismus vertritt man keine Seele im eigentlichen Sinne, sondern dass ein Selbst (als eine individuelle Person, die konventionell als „Ich“ bezeichnet wird) lediglich ein Zuschreibungsphänomen (tib. btags-pa) eines individuellen Geisteskontinuums sich ständig ändernder Momente von Körper und Geist ist. Ein Zuschreibungsphänomen ist weder die Form eines physischen Phänomens noch eine Weise, sich etwas gewahr zu sein (tib. ldan-min ’du-byed) und ist untrennbar von dessen Grundlage der Zuschreibung (tib. gdags-gzhi). Ein weiteres Beispiel eines Zuschreibungsphänomens auf der Grundlage eines individuellen Kontinuums von Körper und Geist innerhalb eines Lebens ist das Alter. Ein Selbst ist jedoch ein Zuschreibungsphänomen eines solchen Kontinuums, sogar dann, wenn das Individuum befreit oder erleuchtet ist. Wie die Seele im Islam wird eine Person oder ein „Selbst“ jedoch von vielen Ursachen und Bedingungen beeinflusst, hat Teile und kann nicht unabhängig von einem Körper und Geist existieren.
Man beachte, dass weder die Seele im Islam noch das Selbst im Buddhismus mit der Seele (Skt. ātman) vergleichbar ist, wie sie in den meisten nicht-buddhistischen indischen Traditionen vertreten wird. Das Atman ist statisch, unbeeinflusst von irgendetwas, eine teilelose Monade und wenn es von unkontrollierbar sich wiederholender Existenz befreit wird, existiert es unabhängig von einem Körper und Geist.
Alle negativen Emotionen und destruktiven Verhaltensweisen sind auf mangelndes Gewahrsein (Skt. avidyā, tib. ma-rig-pa, Unwissenheit) verhaltensbedingter Ursache und Wirkung zurückzuführen, also tiefgreifender und letztendlich auf das mangelnde Gewahrsein darüber, wie das Selbst existiert. Entweder man ist sich nicht darüber gewahr oder man versteht es falsch. Im Islam führt das Vergessen dazu, dass das Herz mit dunklen Flecken bezüglich der eigenen angeborenen Ausrichtung auf Gott verschleiert wird; im Buddhismus hingegen bewirkt mangelndes Gewahrsein, dass der Geist mit Verdunklungen in Bezug auf Ursache und Wirkung sowie der Existenzweise des Selbst der Menschen verschleiert wird. Mangelndes Gewahrsein ist jedoch kein Vergessen dieser Dinge. Es ist nicht so, dass der Geist eines jeden bei der Geburt rein ist und sich alle dieser Tatsachen bewusst ist und sie später aus Ungehorsam vergisst. Fühlende Wesen waren sich niemals von Natur aus der Realität von Ursache und Wirkung sowie der eigenen Realität gewahr und dieses mangelnde Gewahrsein ist anfangslos.
Im Buddhismus wird das Vergessen in erster Linie als eines der Hindernisse für die Konzentration erwähnt. Zunächst ist es notwendig herauszufinden, wie Ursache und Wirkung funktionieren und auf welche Weise das Selbst existiert. Hat man einmal mit der Meditationspraxis begonnen, sich mit Konzentration und Verständnis auf diese zwei grundlegenden Tatsachen der Realität zu fokussieren, ist das Vergessen ein Hindernis, durch das man das Objekt der Ausrichtung verliert.
Das Vergessen wird durch Vergegenwärtigung (Skt. smṛti, tib. dran-pa) überwunden, ein Begriff, der auch „Erinnern“ bedeutet, sich jedoch in diesem Kontext auf den Geistesfaktor bezieht, der wie ein geistiger „Klebstoff“ funktioniert und die Aufmerksamkeit an einem Objekt hält, damit sie nicht verlorengeht.
Die Wiederholung verschiedener Silben und Ausdrücke in der Form von Mantras wird als Methode genutzt, um die Vergegenwärtigung auf einem Geisteszustand, wie Liebe, den man erzeugt, zu halten. Das Wort „Mantra“ im Sanskrit bedeutet wörtlich „den Geist schützen“. Das Wiederholen von Mantras hilft somit im Buddhismus, vergleichbar mit dem Wiederholen dhikr im Sufismus, das Objekt der Ausrichtung nicht zu vergessen oder zu verlieren.
Ist man sich nicht gewahr, wie man selbst und wie andere existieren, stellt man sich vor und glaubt beispielsweise, man würde auf eine unmögliche Weise existieren, wie zum Beispiel als jemand, der stets im Recht ist, wichtiger ist als andere, und der stets, unabhängig von irgendwelchen Umständen, seinen Willen durchsetzen muss. Identifiziert man sich mit diesem nicht existierenden, so genannten „falschen Selbst“, wird man egozentrisch und selbstsüchtig. Diese Selbstbezogenheit führt nicht nur zu negativen Emotionen und destruktivem Verhalten, sondern eine egozentrische Geisteshaltung kann auch positive Emotionen und konstruktives Verhalten beeinflussen. So kann man zum Beispiel selbstgerecht und unnachgiebig werden, wenn man auf egoistische und selbstsüchtige Weise danach strebt, stets „gut“ und „perfekt“ zu sein. Wie bei der vollkommenen Ergebenheit im Islam gilt es, die Selbstbezogenheit völlig zu beseitigen; ansonsten wird man kein reines und ethisches Leben führen. Es ist notwendig, die Schleier des mangelnden Gewahrseins vollständig zu entfernen.
Mangelndes Gewahrsein wird im Buddhismus nicht als eine angeborene niedere Seele oder ein Selbst betrachtet, das überwunden werden muss, um gewissermaßen seinen Einfluss zu unterdrücken, um Selbstbezogenheit zu beseitigen, sondern muss durch korrektes Verständnis der Wirklichkeit vollständig vernichtet werden. Was die Realität der Menschen betrifft, so besteht die Realität darin, dass man selbst und andere nicht auf diese unmögliche Weise existieren, wie man sich dies vorstellt. Die völlige Abwesenheit dieses falschen Selbst in der Realität – es entspricht nichts Realem – kennt man als „Leerheit“ (Skt. śūnyatā, tib. stong-pa-nyid, Leere), eine Negierung, die in etwa bedeutet: „so etwas gibt es nicht“. So etwas, wie dieses falsche Selbst, gibt es nicht. Das eigentliche Selbst existiert nicht in der Weise eines falschen Selbst.
Ethik, die auf korrektem Verständnis gründet
Um ein korrektes Verständnis der Wirklichkeit oder Leerheit des Selbst zu erlangen, muss man positive Kraft aufbauen, die notwendig ist, um den Schleier des mangelnden Gewahrseins zu durchtrennen. Diese positive Kraft baut man auf, indem man ein ethisches Leben führt. Das mangelnde Gewahrsein verhaltensbedingter Ursache und Wirkung muss überwunden werden, um ein ethisches Leben zu führen und dieses Überwinden des mangelnden Gewahrsein von Ursache und Wirkung muss dem Überwinden des mangelnden Gewahrseins der Realität des Selbst vorangehen.
Buddha lehrte die Prinzipien verhaltensbedingter Ursache und Wirkung mit den Lehren über Karma. „Karma“ bezieht sich auf die Zwanghaftigkeit, die einen dazu bringt, unter dem Einfluss des mangelnden Gewahrseins zu handeln. Man weiß nicht oder missversteht, was das Resultat des eigenen Verhaltens sein wird. Auf einer tieferen Ebene hat man keine Kenntnis oder eine falsche Kenntnis davon, wie man selbst und andere existieren. Wegen dieser tieferen Ebene des mangelnden Gewahrseins handelt, spricht und denkt man dann aus Unsicherheit auf zwanghafte Weise, in dem vergeblichen Versuch, dem falschen Selbst ein Gefühl der Sicherheit zu geben.
Die Lehren über Karma werden in den Texten des Abhidharma präsentiert, was „spezielle Themen des Wissens“ bedeutet. Buddha zeigte auf, welche Weisen des Handelns, Sprechens und Denkens destruktiv sind und zu Unglücklichsein und Leiden führen, und welche konstruktiv sind und zu Glücklichsein führen. Manche Weisen des Handelns, Sprechens und Denkens hat Buddha weder als konstruktiv noch als destruktiv eingeordnet. Obgleich sie ethisch neutral sind, stehen die meisten (wie das Essen und Schlafen) der Befreiung nicht im Wege, während andere (wie konzeptuelles Denken) ein direktes Hindernis bilden und schließlich überwunden werden müssen.
Für die Klostergemeinschaft der Mönche und Nonnen schuf Buddha Verhaltensregeln, die in den Vinaya-Texten kodifiziert wurden. Beruhend auf der Erfahrung des gemeinschaftlichen Lebens im Zölibat, in dem es Probleme entweder innerhalb der Gemeinschaft oder mit den sie umgebenden Haushältern gab, erließ Buddha neue Regeln, um deren Wiederholung zu vermeiden. Ein Mönch sollte beispielsweise nicht allein mit einer Frau in einem Zimmer sein. Solche Regeln gelten jedoch nicht für die allgemeine Gesellschaft. Manche schädlichen Handlungen sind somit von Natur aus destruktiv (wie das Töten oder Stehlen), während andere bestimmten Menschen, wie Mönchen und Nonnen, verboten werden, weil sie sich nachteilig auf ihren spirituellen Pfad oder das Wohl der Klostergemeinschaft auswirken. Sogar für Haushälter empfahlen Buddha und spätere buddhistische Meister bestimmte Handlungen (wie Mäßigung beim Essen und Schlafen) und rieten von anderen ab (wie Verstrickung in geschäftigem Treiben), da sie sich beim Erlangen einsgerichteter Konzentration nachteilig auf die Meditationspraxis auswirken.
Mönche und Nonnen geloben zwar, die Vinaya-Verhaltensregeln nicht zu brechen und sowohl Ordinierten als auch Haushältern wird empfohlen, destruktives Verhalten, wie es in den Abhidharma-Texten ausgelegt wird, zu vermeiden, doch weder die Texte des „Vinaya“ noch jene des „Abhidharma“ werden auf vergleichbare Weise als „heilig“ betrachtet, wie die Muslime den „Koran“ und die „Shari’ah“ als heilig betrachten. Die buddhistischen Texte sind Richtlinien, die studiert und befolgt werden sollten, weil man auf vernünftige Weise überzeugt davon ist, dass sie logisch sind und einen Sinn ergeben. Man wird niemals ermutigt, diesen Richtlinien als Akt der Ergebenheit und des Gehorsams zu befolgen. Doch ob man nun den Traditionen des „Vinaya“ und „Abhidharma“ oder der „Shari’ah“ folgt, führt beides zu einem glücklichen Leben und einer harmonischen Gesellschaft.
Im Buddhismus wird jedoch gelehrt, dass auch das Führen eines ethischen Lebens noch mit Selbstbezogenheit verunreinigt sein kann. Eine egozentrische Praxis der Ethik kann zu höheren Wiedergeburten als Mensch oder in einem göttlichen, himmlischen Bereich führen, doch das Glück solcher Wiedergeburt wird nur vorübergehend oder begrenzt sein. Man kann kein reines ethisches Leben, frei von aller Selbstbezogenheit führen und das ewige unbegrenzte Glück der Befreiung oder Erleuchtung erlangen, bis man auch das mangelnde Gewahrsein bezüglich der Existenzweise des Selbst überwindet.
Die Ethik gründet daher im Buddhismus auf den Tatsachen der Realität, nicht auf Gesetzen, die von einem Schöpfer stammen, auch wenn die Gesetze vom historischen Buddha erlassen wurden. Buddha verstand wahres Leiden und dessen wahre Ursachen und lehrte das wahre Verständnis der Wirklichkeit, welches für immer zum Erlangen der wahren Beendigung führen wird. Diese kennt man als die „vier edlen Wahrheiten“. Versteht man, was Buddha über die Realität lehrte, erlangt man ein Verständnis über verhaltensbedingte Ursache und Wirkung sowie darüber, dass das Selbst nicht auf diese unmögliche Weise existiert, wie man es sich vorstellt und projiziert.
Im Buddhismus den ethischen Grundsätzen zu folgen hat somit nichts mit Ergebenheit und Gehorsam gegenüber dem Willen des Schöpfers zu tun, sondern mit dem Erlangen eines korrekten Verständnisses der Wirklichkeit. Im Islam haben die Menschen jedoch die Wahl, die ethischen Grundsätze zu befolgen oder nicht. Befolgen sie diese nicht, betrachtet der Buddhismus dies als Folge von mangelndem Gewahrsein oder Verwirrung; der Islam hingegen erklärt es als Ungehorsam, der aus der Natur des niederen Selbst entspringt.
Kurzum geht man sowohl im Buddhismus als auch im Islam davon aus, dass das Befolgen von Ethik auf der Akzeptanz von Ursache und Wirkung sowie der Realität beruht. Die Art des Verstehens und Akzeptierens unterscheidet sich jedoch. Im Islam bezieht sich die Realität auf die Einheit Gottes, der aus Liebe den Verhaltenskodex der „Shari’ah“ durch Gottes Gesandten Muhammad offenbart hat. Indem man das Glaubensbekenntnis ablegt – „es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist der Gesandte Gottes“ –, bezeugt man die Realität und gibt in einem Akt der Unterwerfung Gott sein niederes Selbst hin. Durch diese Erklärung, die als „Zeugnis ablegen“ bekannt ist, unterwirft man sich dem gehorsamen Befolgen der Scharia – dem von Gott gegebenen Verhaltenskodex – und überwindet auf diese Weise die eigene Selbstbezogenheit. Im Islam wurde somit die ursächliche Beziehung zwischen der Unterwerfung und dem Überwinden der Selbstbezogenheit von Gott erschaffen.
Im Buddhismus haben im Gegensatz dazu die Gesetze von Ursache und Wirkung keinen Schöpfer; sie sind die natürliche Ordnung der Realität. Die Realität ist, dass nicht nur das Selbst, sondern im Grunde nichts auf unmögliche Weise existiert, und wegen dieser Tatsache wirken verhaltensbezogene Ursache und Wirkung ohne jegliche Behinderung. Daher überwindet man Selbstbezogenheit durch das Verstehen und Akzeptieren der natürlichen Gesetze der Realität in Bezug darauf, wie alles existiert und im Leben stattfindet.
Zuflucht nehmen
Im Buddhismus nimmt man Zuflucht in Buddha, Dharma und Sangha, was sich darauf bezieht, dem eigenen Leben eine sichere Ausrichtung zu geben. Die sichere Ausrichtung des Dharma entspricht der wahren Beendigung aller Ebenen des mangelnden Gewahrseins in einem Geisteskontinuum und dem wahren Verständnis, welches dazu führt. Die Buddhas haben dies vollständig erreicht und andere gelehrt, es ebenfalls zu erreichen; der Sangha ist die Gemeinschaft hochverwirklichter Wesen, die dies teilweise verwirklicht haben. Nimmt man Zuflucht in Buddha, Dharma und Sangha, ergibt man sich ihnen nicht. Die sichere Ausrichtung der Zuflucht im Leben einzuschlagen bedeutet, zu akzeptieren und zu befolgen, was Buddha über verhaltensbedingte Ursache und Wirkung, sowie über die Realität lehrte, indem man anstrebt, diese Dinge korrekt zu verstehen und sein Leben im Einklang mit ihnen zu leben.
Zunächst ist es notwendig, das mangelnde Gewahrsein verhaltensbedingter Ursache und Wirkung, sowie die Selbstbezogenheit, zu der diese Unwissenheit führt, zu überwinden. Man überwindet sie, indem man versteht, dass destruktives Verhalten zu Leiden führt und somit nimmt man Abstand von allen schädlichen Handlungen. Auf diese Weise wird man eine höhere Wiedergeburt als ein Mensch oder in einem göttlichen Himmelsreich erlangen. Das Glück solcher Wiedergeburten ist jedoch nur vorübergehend. Viel wichtiger ist es, das mangelndes Gewahrsein der Realität der eigenen Existenzweise sowie die tief verwurzelte Selbstbezogenheit zu überwinden, zu der dieses mangelnde Gewahrsein führt. Man überwindet sie durch das Erlangen eines korrekten Verständnisses der tiefsten Realität der eigenen Existenzweise. Dadurch erlangt man Befreiung von unkontrollierbar sich wiederholender Wiedergeburt und ewiges wahres Glück.
Das Verstehen und Akzeptieren der konventionellen Realität von Ursache und Wirkung sowie der tiefsten Realität der Leerheit sind somit zwei Schritte im Buddhismus. Im Islam wird das Verstehen und Akzeptieren von ethischen Grundsätzen sowie der Realität in einem Schritt zusammengefasst. Das Verstehen und Akzeptieren der tiefsten Realität der Einheit Gottes bedeutet, die von Gottes Gesandtem Muhammad offenbarten Gesetze von ethischer Ursache und Wirkung zu akzeptieren und zu befolgen.
Die Zufluchtnahme ist daher kein Akt der Ergebenheit oder Unterwerfung der niederen Seele gegenüber Gott und der eigenen höheren Seele. Doch sie erfordert, dem mangelnden Gewahrsein zu entsagen und sich von ihm zu lösen. Sowohl die Ergebenheit als auch die Entsagung sind jedoch Handlungen, durch die man die Ursachen von Unglück und Leiden aufgibt. Im Buddhismus gibt man sie auf, weil man die tiefste Realität und verhaltensbedingte Ursache und Wirkung versteht und akzeptiert.
Buddha-Natur
In der tibetischen Tradition des Buddhismus spricht man von der eigenen Buddha-Natur, die sich auf die innewohnenden Faktoren in allen Wesen bezieht – nicht nur in ihren menschlichen Leben – und durch die sie Buddhaschaft erlangen können. Zu diesen Faktoren gehören (1) das tiefe Gewahrsein (Skt. jñāna, tib. ye-shes), mit dem man in der Lage ist, die gesamte Realität zu verstehen, und (2) die Realität oder Leerheit des Geistes selbst und des Menschen. Jeder ist fähig, Erleuchtung zu erlangen, weil alle Menschen auf der tiefsten Ebene die Fähigkeit des tiefen Gewahrseins haben und sie und ihr Geist nicht auf unmögliche Weise existieren. Diese Faktoren sind wie ein Geheimnis verborgen und durch mangelndes Gewahrsein verschleiert. Man fühlt sich an die Beschreibung im Islam erinnert, wonach die niedere Seele die verborgene höhere Seele verschleiert – welche sowohl den höheren Intellekt als auch die Realität darstellt, den von Gott eingehauchten Atem des Lebens. Die Faktoren der Buddha-Natur werden jedoch nicht als eine Seele verstanden. Vielmehr ist das anfangslose, immerwährende Kontinuum dieser Faktoren die Grundlage, auf der ein Mensch oder Selbst ein Zuschreibungsphänomen ist.
Indem man die gröberen Ebenen des Geistes durch verschiedene Meditationsmethoden (wie dem Fokussieren auf die konventionelle und tiefste Natur des Geistes) beruhigt, bekommt man Zugang zu den eigenen tiefsten Faktoren der Buddha-Natur und aktiviert das ihn ihnen enthaltene tiefe Gewahrsein. Man versteht die Realität der eigenen tiefsten Natur, die immer da war, nicht erschaffen und verborgen, ohne einen Anfang.
Liebe
Liebe ist im Buddhismus notwendig, um die positive Kraft (Skt. puṇya, tib. bsod-nams, „Verdienst“) zum Verstehen der Realität aufzubauen. Sie ist der Wunsch, alle Wesen mögen glücklich sein und die Ursachen für Glück besitzen, begründet in der Erkenntnis der Wirklichkeit, dass alle Wesen in Wechselbeziehung zueinander stehen und im Grunde gleich sind. Alle Wesen sind ebenbürtig, nicht weil sie alle gleichermaßen Schöpfungen Gottes sind, wie im Islam. Alle Wesen sind ebenbürtig, weil sie seit anfangslosen Leben jede nur erdenkliche Beziehung zueinander hatten. Manchmal haben sie uns geholfen, ein anderes Mal haben sie uns verletzt und zuweilen waren sie vollkommen Fremde. Daher besteht kein Grund, gegenüber den verschiedenen Wesen ein Gefühl der Anziehung, Ablehnung oder Gleichgültigkeit zu haben. Aufgrund anfangsloser Wiedergeburten und den gegenseitigen Wechselbeziehungen werden alle als gleich betrachtet.
Auf der Grundlage dieses emotionalen Gleichmuts und der Offenheit gegenüber allen wird im Buddhismus somit eine emotionale und rationale Methode zum Entwickeln von Liebe und Mitgefühl (dem Wunsch, alle anderen mögen frei von Leiden und den Ursachen des Leidens sein) gelehrt.
- Die emotionale Methode besteht darin zu erkennen, dass alle aufgrund anfangsloser Wiedergeburten schon einmal unsere Mutter gewesen sind und besonders gütig gegenüber uns waren. Indem wir uns daran erinnern und anerkennen, dass unser Überleben als hilfloser Säugling von ihrer liebevollen mütterlichen Fürsorge abhing, entwickeln wir aufrichtige Dankbarkeit. Begegnen wir ihnen in diesem Leben wieder, empfinden wir dann ganz natürlich Herzlichkeit und sorgen uns um ihr Wohlergehen. Mit Liebe wünschen wir uns, sie mögen glücklich sein, und mit Mitgefühl, sie mögen frei von Unglück und Leiden sein.
- Die rationale Weise des Entwickelns von Liebe und Mitgefühl besteht darin zu erkennen, dass alle gleichermaßen glücklich und nicht unglücklich sein wollen. Darüber hinaus hat jeder das gleiche Recht, glücklich und frei von Leiden zu sein. Da unser eigener Körper aus Substanzen entstanden ist, die von den Körpern anderer erzeugt wurden – nämlich unseren eigenen Eltern –, ist der Körper eines jeden Menschen gleichermaßen aus den Körpern zweier anderer Personen hervorgegangen. So wie wir uns mit dem liebevollen Wunsch nach dem eigenen Glück um die Bedürfnisse des eigenen Körpers kümmern, können wir gleichermaßen Liebe entwickeln und uns um die Bedürfnisse anderer kümmern. Das liegt daran, dass niemandes Körper einem „Ich“ gehört, das unabhängig von anderen existiert. Leiden und Unglück müssen beseitigt werden – nicht etwa, weil sie „mein“ oder „dein“ sind, sondern schlichtweg weil es Leiden ist. Wie der große buddhistische Meister Shantideva lehrte, haben Leiden keinen Besitzer. Leiden müssen einfach aus dem Grund beseitigt werden, weil sie schmerzhaft sind.
Solche Liebe und solches Mitgefühl – ob sie nun emotional, rational oder durch eine Kombination aus beidem kultiviert wurden – sind nicht vom ethischen Verhalten anderer abhängig. Dennoch schließen sie nicht aus, im Bedarfsfall entschlossene, kraftvolle Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass andere Schaden anrichten. Liebe gegenüber allen Wesen ist somit auf die Liebe gegenüber Buddha zurückzuführen. Vielmehr ist es so, dass unsere Liebe gegenüber allen Wesen rein und unerschütterlich wird, wenn wir die Realität der Existenzweise von uns und anderen erkennen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend kann man sagen, dass sowohl im Islam als auch im Buddhismus wirksame Methoden zum Überwinden von Selbstbezogenheit und dem Entwickeln von Liebe gelehrt werden. Die methodischen Divergenzen beider Religionen erwachsen folgerichtig aus ihren jeweiligen Grundannahmen über das Wesen der Seele bzw. des Selbst, der Ethik, der verhaltensbedingten Ursache und Wirkung, der Natur der Wirklichkeit sowie des höheren Intellekts beziehungsweise des tiefen Gewahrseins. In der Erkenntnis, dass Islam und Buddhismus dieselben existentiellen Grundfragen thematisieren und durch ihre jeweiligen methodischen Ansätze, die sie aus ihren Erklärungen ableiten, den Menschen dabei unterstützen, identische Ziele – die Befreiung von Selbstbezogenheit sowie die Kultivierung von Liebe – zu verwirklichen, vertieft sich unsere gegenseitige Wertschätzung. Die tiefere Einsicht in verbindende Gemeinsamkeiten gepaart mit der Anerkennung verbleibender Differenzen begründen die stabile Grundlage für religiöse Harmonie.