Das Überwinden von Selbstbezogenheit und das Entwickeln von Liebe: Islam

Einführung 

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama betont, dass religiöse Harmonie auf Bildung und einer Kenntnis der Tradition anderer gründen muss. Mit umfangreichem Wissen können wir die gemeinsamen Ziele anerkennen, während wir die Unterschiede respektieren. Vielleicht entdecken wir sogar durch diese Unterschiede einige Aspekte, die unsere eigenen Traditionen bereichern können. Es ist zwar schön, die Ähnlichkeiten verschiedener Religionen aufzuzeigen und zusammen zu beten, doch wir sollten auch ihre Unterschiede ergründen, um ein tieferes Verständnis und Respekt zu entwickeln. Tiefes Verständnis und Respekt bilden eine stabile Basis für anhaltende Harmonie und Kooperation unter den Weltreligionen.

Alle Religionen lehren, dass eine egozentrische Geisteshaltung, mit der man nur an sich selbst denkt, die Quelle aller negativer Emotionen, wie Wut, Eifersucht, Misstrauen, Gier, Arroganz und dergleichen ist. Eine egozentrische Geisteshaltung führt auch zu dem destruktiven Verhalten des Tötens, Stehlens, Schikanierens, Betrügens, Lügens, Fälschens und Ausbeutens, mit dem wir nur unseren eigenen Willen durchsetzen. Kurzum sind extrem selbstbezogene Gefühle die Quelle aller Probleme. Um ihnen entgegenzuwirken, werden in jeder Religion Methoden gelehrt, um Selbstbezogenheit zu mindern und positive Eigenschaften wie Liebe, Mitgefühl, Toleranz und Vergebung zu fördern.

Werfen wir einen Blick darauf, was im Islam und im Buddhismus diesbezüglich gelehrt wird. Sowohl im Islam als auch im Buddhismus gibt es viele verschiedene Schulen und Traditionen, die jeweils eigene spezifische Interpretationen dazu haben. Hier werden wir uns jedoch in erster Linie die Aussagen ansehen, die im Islam und in den indo-tibetischen Traditionen des Buddhismus am weitesten verbreitet sind. Da das Ziel dieses Essays darin besteht, Buddhisten über die grundlegenden Lehren und Glaubensüberzeugungen im Islam aufzuklären und Muslime in gleicher Weise über diejenigen im Buddhismus zu informieren, werden die Darstellungen notwendigerweise Vereinfachungen und Generalisierungen enthalten. Jegliche Missinterpretationen sind nicht beabsichtigt. Nur Gott kennt die volle Bedeutung des Koran und nur ein Buddha kennt die volle Bedeutung der Dharma-Lehren.

Allgemeine Behauptungen bezüglich des spirituellen Pfades 

Im Islam bezieht sich Selbstbezogenheit ganz allgemein darauf, den eigenen Selbstwillen (arabisch: al- iradat al-zat) durchzusetzen, der von Wichtigtuerei, Egoismus und negativen Emotionen beherrscht wird – im Gegensatz zum Befolgen des Willens Gottes (arabisch: iradat Allah). Der Weg zum Überwinden von Selbstbezogenheit führt über die aufrichtige Verehrung Gottes (arabisch: al-ibadah). Die Verehrung ist damit verbunden, die drei Dimensionen der islamischen Religion (arabisch: al-din) zu vollenden. Dazu gehört alles, was Gott liebt und womit er zufrieden ist:

  • Unterwerfung oder Ergebenheit gegenüber Gott (arabisch: al-islam);
  • Glaube (arabisch: al-iman); sowie
  • Vortrefflichkeit (arabisch: al-ihsan), sowohl in den Eigenschaften als auch im Dienste der Schöpfung Gottes.

In verschiedenen islamischen Traditionen werden unterschiedliche Herangehensweisen an das Erlangen eines Zustands völliger Unterwerfung, des Glaubens und der Vortrefflichkeit gelehrt. Diese Ansätze fallen in zwei Hauptkategorien:

  • Methoden, die historisch durch den Propheten Muhammad offenbart wurden, wie sie in den orthodoxen sunnitischen und schiitischen Traditionen gelehrt werden; und 
  • Methoden, die auf der persönlichen, inneren Erfahrung Gottes beruhen, wie sie vor allem in den Sufi-Orden gelehrt werden. 

Beide Ansätze gehen auf die muslimische Behauptung der Schöpfung und der Seele zurück. 

Schöpfung und Geist

Gott formte Adam, indem Er ihm Seinen Geist (arabisch: al-ruh) in etwas Lehm einhauchte. Diesen Schöpfungsakt vollzieht Gott an jedem künftig empfangenen Menschen aufs Neue: Er entsendet einen Engel, der dem Fötus im Mutterleib den göttlichen Geist einhaucht. Gott allein besitzt das vollständige Wissen über den Geist; der Menschheit wurde davon nur wenig Wissen zuteil.

Engel wurden von Gott aus Licht erschaffen. Manche dienen Gott persönlich, beispielsweise jene, die Gottes Thron tragen. Andere wirken als Mittler zur Welt und führen Gottes Willen aus, wie etwa der Engel Jibril, der die Offenbarung des Korans (arabisch: al-Qu’ran) von Gott zum Propheten Muhammad brachte.  Gott erschuf auch unsichtbare Dschinn (arabisch: al-jinn) aus rauchlosem Feuer sowie die Tiere. Obwohl der Koran nicht erwähnt, dass Gott eine dieser nicht-menschlichen Wesenheiten erschuf, indem er ihnen Geist einhauchte, schließt dies die Annahme nicht aus, dass alle Geschöpfe Gottes mit Geist erschaffen wurden.

Die Seele, der Intellekt, das Herz und die angeborene, innerste Natur der Menschheit

Verkörpert im Menschen wird der Geist als Seele (arabisch: al-nafs) bezeichnet. Viele Sufi-Meister, wie al-Ghazali, vertreten jedoch Geist und Seele als einzelne Entitäten, die beide in jedem Wesen gegenwärtig sind. Diese Sufi-Behauptungen werden wir später in dieser Abhandlung besprechen. In unserer allgemeinen Darstellung folgen wir der herrschenden Meinung und verwenden die Begriffe Geist und Seele synonym in Bezug auf den verkörperten Menschen.

Die Seelen von Menschen und unsichtbaren Dschinn können freien Willen (arabisch: al-iradat al-hurah) ausüben. Der freie Wille oder die freie Wahl ist ein Merkmal des Intellekts (arabisch: al-’aql), den Gott ebenfalls im Menschen erschaffen hat. Der Intellekt ist die Fähigkeit des Denkens, besonders des rationalen Denkens und der Logik.

Gott hat die Menschheit ebenfalls mit einem Herzen (arabisch: al-qalb) erschaffen. Im Koran erscheinen auch mehrere Synonyme für das Herz, wie al-fu’ad. Manche Sufi-Meister ordnen diese Begriffe zwar verschiedenen Ebenen oder Aspekten des Herzens zu, aber wir werden uns hier, in dieser generellen Darstellung, nur ganz allgemein auf das Herz beziehen.

Das Herz ist die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden (arabisch: al-’atifah), sowohl positive als auch negative, sowie glücklich und traurig zu sein. Es kann von Zweifeln gegenüber Gott erfüllt und somit blind sein, oder es kann gestärkt und erfüllt von Glauben sein. Es kann verschlossen gegenüber der Wahrheit sein (arabisch: al-Haqq), die Gott und sein Gesandter Muhammad ist, oder es kann geöffnet werden.

Alle Menschen werden jedoch mit einer innewohnenden Natur geboren, die rein ist. Diese innewohnende reine Natur ist eine unveränderliche, innere Veranlagung (arabisch: al-fitrah) – genauer gesagt eine innere Neigung, an Gott zu glauben, sich ihm zu unterwerfen und Gottes Willen zu folgen. Sie ist wie eine angeborene Fähigkeit, welche die Menschheit befähigt, Vertrauen in das Glaubensbekenntnis (arabisch: al-shahada) zu haben: „Es gibt keinen Gott außer Gott; und Muhammad ist der Gesandte Gottes.“

Somit ist die Einheit Gottes (arabisch: al-tawhid) ein fester Bestandteil der ursprünglichen, reinen Natur aller Menschen. Sie muss jedoch zutiefst verstanden und im innersten Kern des eigenen Wesens (arabisch: al-lubb) verinnerlicht werden. Muhammad ist Gottes Gesandter, der uns an diese Natur erinnert. Der Koran bezeichnet jene, die sich ihrer reinen Natur zutiefst gewahr sind, als „Menschen mit innerstem Wesenskern“ (arabisch: ulul-albab).

Wenn das Herz eines Menschen später im Leben aufgrund des freien Willens des Intellekts von negativen Emotionen bewegt wird, die aus dem Ungehorsam gegenüber Gottes Willen resultieren, unterliegt auch die Seele diesen Emotionen. Unter ihrem Einfluss verleitet die Seele den Menschen dann zu verbotenem Verhalten – Verhalten, das von Gott verboten wurde. Infolgedessen lagern sich schwarze Flecken um das Herz herum an. Die angeborene Veranlagung des Menschen zu Gott hin wird von Dunkelheit überdeckt. Zwischen dem Herzen des Menschen und der Botschaft Muhammads entsteht ein Schleier, und das Herz verschließt sich gegenüber der Wahrheit Gottes.

Da das eigenmächtige Handeln von der Seele ausgeht, obliegt es ebenfalls der Seele, den freien Willen des Intellekts einzusetzen, um das Herz von seinen Makeln zu reinigen. Diese Bemühung, das Herz zu öffnen, wird als ein Kampf (Arabic: jihad) beschrieben. Muhammad bezeichnete den Kampf gegen die Seele (arabisch: jihad al-nafs) tatsächlich als den großen Dschihad. Dies ist der Kampf gegen den Ungehorsam gegenüber Gott, dem fehlenden Glauben, sowie gegen Begierde und Zorn.

Im Verlauf dieses Kampfes kann die Seele zwischen drei Zuständen schwanken:

[1] Die triebhafte bzw. zum Bösen drängende Seele (arabisch: al-nafs al-’ammarah) beschreibt jenen Seelenzustand, der den Menschen zu Begierde, Wut und zur Missachtung des göttlichen Willens sowie Seiner Gesetze verleitet.

[2] Die reuevolle bzw. selbstkritische Seele (arabisch: al-nafs al-luwwamah) bezeichnet jene Entwicklungsstufe, auf der die Seele ihre Verfehlungen reflektiert und sich dafür verantwortlich macht, den Versuchungen der triebhaften Seele nachgegeben zu haben. In aufrichtiger Reue über dieses Verhalten wendet sie sich suchend um Vergebung an Gott. In der Folge macht die reuevolle Seele daraufhin von der Fähigkeit der Selbstbeherrschung Gebrauch, die eine weitere Eigenschaft des Intellekts ist.

Der arabische Begriff für Selbstbeherrschung „al-taqwa“ beinhaltet sowohl die Stärkung der eigenen Person zur Vermeidung von Schaden als auch den Aspekt der Frömmigkeit. In dem arabischen Ausdruck „Gottesfurcht“, „ittaqullah“, ist das Verb „ittaqu“ morphologisch mit dem Wort „al-taqwa“ verwandt. Somit ist Selbstbeherrschung eine Form der Gottesfurcht, die als Schutzwall fungiert, um das eigene Selbst vor Handlungen zu bewahren, welche den göttlichen Zorn hervorrufen würden.

  • Hier gilt es zu beachten, dass der Sanskrit-Begriff „Dharma“ im Buddhismus vorbeugende Maßnahme bedeutet, die einen davor bewahrt, sich selbst Leiden zuzufügen.

[3] Die zur Ruhe gekommene Seele (arabisch: al-nafs al-mutma’inna) bezeichnet jenen Seelenzustand, der im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen unerschütterlich verankert ist und sich dadurch in absolutem Frieden befindet.

Liebe

Im Koran erscheinen mehrere verschiedene arabische Wörter für Liebe, die zwei Gruppen morphologisch miteinander verwandter Begriffe entstammen. Eine Gruppe leitet sich von der Wurzel der drei Buchstaben hbb ab, wie etwa al-hubb, und beinhaltet das Gefühl der Nähe zur Vortrefflichkeit. Die andere Gruppe geht auf die Wurzel der drei Buchstaben wdd zurück, wie in al-wadud, und deutet auf ein Gefühl der Nähe hin, das im eigenen Verhalten und Handeln gegenüber anderen zum Ausdruck kommt. Obwohl jeder Begriff in diesen beiden Gruppen eine etwas andere Nuance aufweist, ist es schwierig, sie allein auf der Grundlage des Korans voneinander zu unterscheiden. Daher werden wir hier nur die allgemeinsten Merkmale der Liebe ansprechen, wie sie sich in diesen im Koran verwendeten Begriffen beispielhaft zeigen.

Was Gott betrifft, so ist Er der Schöpfer des gesamten Universums und aller in ihm enthaltenen Wesen. Er erschafft sie mit Vortrefflichkeit (arabisch: al-ihsan) und Seine Liebe ist ein Gefühl der Nähe gegenüber all der Vortrefflichkeit, die er erschaffen hat. Gott hat jedoch die Menschheit gegenüber anderen von Ihm geschaffenen Lebensformen bevorzugt, selbst gegenüber den Engeln. Somit erschuf Gott die Menschheit mit Seinem Geist, in der besten Gestalt, in einem ursprünglichen Zustand der Reinheit und mit Seinem Anvertrauten, Seine Statthalter auf Erden zu sein. Als ein Gnadenakt gewährt oder verleiht Gott einzelnen Menschen auch ihre verschiedenen guten Eigenschaften, wie etwa die Liebe.  

Gott erschuf die Menschheit und die unsichtbaren Dschinn, damit sie Ihn lieben und verehren. Doch Er verlieh ihnen auch den freien Willen, damit sie entscheiden konnten, ihn zu lieben und zu verehren oder nicht. Gott hat allen Menschen Wegweisung in Gestalt ihrer angeborenen Veranlagung angeboten, sich Ihm zu nähern, doch manche ziehen es vor, ihrem blinden Eigenwillen zu folgen. Aufgrund des freien Willens können die Menschen ihre Liebe – nämlich ihr Gefühl der Nähe – somit entweder auf das richten, was tatsächlich vortrefflich ist und mit Gottes Willen übereinstimmt, oder sie können sie auf das lenken, was sie fälschlicherweise für vortrefflich halten, was jedoch gegen Gottes Willen verstößt und dem widerspricht, was tatsächlich vortrefflich ist. Menschliche Liebe kann auch auf andere gerichtet werden, sowie auf die gesamte Schöpfung Gottes.

Gottes Liebe zum Menschen ist folglich Sein Gefühl der Nähe zur Vortrefflichkeit – sowohl im Charakter als auch in den Werken des Dienstes. Vortrefflichkeit im Charakter und in den Werken des Dienstes sind Ausdrücke der eigenen selbstlosen Ergebenheit und des Glaubens. Mit anderen Worten sind sie Ausdrücke der eigenen Verehrung Gottes. Der Koran führt Gottes Liebe zur Vortrefflichkeit näher aus, indem er in verschiedenen Versen diejenigen erwähnt, die Gott liebt. Die Auflistung lässt erkennen, wie jene, die Gott lieben, Ihn richtig verehren:

  • jene, die tugendhaft und gut handeln (arabisch: al-muhasnin);
  • jene, die sich selbst rein und sauber halten (arabisch: al-mutatahharin);
  • jene, die gottesfürchtig sind und somit korrekt handeln, indem sie beispielsweise ihr Wort halten und gemäß dem Gesetz und ihren Verpflichtungen handeln (arabisch: al-mutaqin);
  • jene, die gerecht und fair sind (arabisch: al-muqasitin);
  • jene, die sie auf Gott stützen und Ihm vertrauen (arabisch: al-mutawakilin);
  • jene, die standhaft, beharrlich und geduldig bei der Erfüllung von Gottes Willen sind (arabisch: al-sabrin);
  • jene, die Gott, dem Propheten Muhammad und der Prophetenfamilie in Liebe zugetan sind;
  • jene, die für Gottes Sache kämpfen; sowie
  • jene, die bereuen (arabisch: al-tawwabin).

Es gibt verschiedene Interpretationen dazu, wer zur Prophetenfamilie (arabisch: ahl al-bayt) gehört. Alle Muslime schließen Muhammads unmittelbaren Haushalt ein, bestehend aus seiner Tochter Fatima, ihrem Ehemann Ali, der zugleich Muhammads Vetter war, und ihren beiden Söhnen Hasan und Husain. Die schiitische (arabisch: Shi’ah) Denomination des Islam schließt ebenso die Reihe der Imame ein, die göttlich eingesetzten Nachkommen Muhammads, die wie Muhammads unmittelbarer Haushalt sündenfrei und unfehlbar sind.

Der Koran beschreibt in verschiedenen Versen auch jene, die Gott nicht liebt, wie jene, die ihn ablehnen. Es ist nicht so, dass Gott Ungläubige nicht liebt; vielmehr verweigern sich diejenigen, die sich Gott und Gottes Willen widersetzen, aus freiem Willen der Liebe Gottes und weisen somit Gottes Barmherzigkeit zurück. Obwohl Gott Seine gesamte Schöpfung liebt, bedeutet dies somit nicht, dass Gott mit Seiner gesamten Schöpfung gleichermaßen nachsichtig ist, wie etwa:

  • den Übertretern der göttlich festgelegten Schranken (arabisch: al-mua’tadin);
  • den Unheilstifter (arabisch: al-mufasidin);
  • den Ungläubigen (arabisch: al-kafirin), welche die Wahrheit ablehnen;
  • den Übeltätern und Unterdrückern (arabisch: al-zalimin);
  • den Maßlosen und Verschwendern (arabisch: al-musarifin);
  • Prahlern, die mit den von ihnen vollbrachten guten Taten prahlen (arabisch: kul mukhtal fkhur);
  • den Überheblichen (arabisch: al-mustakibirin), die Vortrefflichkeit heucheln und ihre Unzulänglichkeiten verdecken;
  • den Wohlhabenden, die auf andere herabsehen (arabisch: al-frahin);
  • den Verrätern und Wortbrüchigen (arabisch: al-kha’inin); sowie
  • jenen, die treulos sind (arabisch: khawwanan) und sündhaft handeln (Arabic athiman).

Menschliche Liebe richtet sich auf das, was man als vortrefflich erachtet, was einem selbst fehlt und wonach man sich sehnt. Somit ist die Liebe des Menschen zu Gott ein Streben nach der Erlangung jener Vollkommenheit, die ihm fehlt und die er benötigt. Auf der anderen Seite beinhaltet Gottes Liebe zu Seinen Geschöpfen keinerlei Unvollkommenheit oder Verlangen. Gott mangelt es an nichts, und so bedarf Er weder der Liebe noch der Verehrung der Menschheit.  Dennoch manifestiert sich Gottes Liebe zur Menschheit darin, dass Er sie näher zu Sich zieht. So ist die Liebe, die in die Herzen der Menschen gepflanzt ist, wie ein Samen, der in jenen wächst und sich vervielfältigt, für die Gott es will, und sie immer näher zu Gott führt.

Wenn Menschen auf reinste Weise Liebe zum Universum und zur Menschheit entwickeln, gilt ihre Liebe nicht dem Universum oder der Menschheit an sich, sondern Gott, der die Vortrefflichkeit in ihnen erschaffen hat. Dennoch beinhaltet die menschliche Liebe zueinander das Vollbringen vortrefflicher Taten des Dienstes an jenen, die den Glauben und die Praxis des Islam teilen, indem man sich um sie sorgt als eine Form der Verehrung Gottes, ihres Schöpfers.

Aufrichtigkeit der Verehrung

Die Liebe zu Gott entwickelt sich durch tiefe Dankbarkeit für Seine Barmherzigkeit, einen selbst erschaffen zu haben, Seine Barmherzigkeit der Vergebung, wenn man bereut, Seine Erhörung der eigenen Gebete und Bedürfnisse, Seine Nähe und Gunst sowie Seine Wahrnehmung und Güte gegenüber Seinen Knechten (arabisch: al-’abd).

Ein Knecht Gottes (arabisch: ’abdullah) ist jemand, der dem Willen Gottes vollkommen gehorsam ist und Gott liebt und verehrt, indem er vortreffliche Taten des Dienstes an Gottes Geschöpfen vollbringt. Die Aufrichtigkeit der Liebe der Knechte Gottes zu Gott hängt jedoch von der stufenweisen Entwicklung vierer Eigenschaften ab:

  • Demütig / nachgiebig (arabisch: ’azilah) gegenüber den Edelsten der Gläubigen zu sein. Dies bedeutet, sich angesichts der Gläubigen als gering zu erachten, sie sich selbst vorzuziehen sowie ihnen gegenüber großzügig und gütig zu sein. Es beinhaltet auch, mitfühlend und barmherzig gegenüber den Mitgläubigen zu sein und sich ihnen in der Verehrung Gottes anzuschließen.
  • Strenge (arabisch: ’ashida’) gegenüber den Ungläubigen zu walten. Dies bedeutet, hart gegenüber jenen zu sein, die sich Gott widersetzen oder in ihrem Glauben an Gott Heuchler sind, und gegen ihren Einfluss zu kämpfen.
  • Auf dem Wege Gottes zu dringen (arabisch: yujahiduna). Der höchste Kampf ist das beständige Ringen gegen die negativen Eingebungen des zum Bösen anstiftenden Herzens. Der geringere Kampf richtet sich gegen jene Ungläubigen, die den Muslimen bisweilen Schaden zufügen.
  • Ohne Furcht (arabisch: la yahafuna) vor den Beschuldigungen oder Tadeln der Ungläubigen zu sein. Dies bedeutet, in seinem Glauben an Gott so aufrichtig zu sein, dass man auf nichts außer auf Gott und Gottes Willen achtet.

Die aufrichtige Verehrung Gottes hat drei Hauptmotivationen:

  • Große Furcht (arabisch: khaufan) vor Gottes Bestrafung im Jenseits zu empfinden, was zu ehrfurchtsvoller Scheu und Erfurcht vor Gott führt.
  • Innige Hoffnung (arabisch: tama’an) auf Gottes Barmherzigkeit zu hegen, was zur Sehnsucht der Liebe nach dem führt, worauf man hofft.
  • Volle Überzeugung oder Glauben (arabisch: iman) an Gottes Existenz zu besitzen, verbunden mit fester Erkenntnis (arabisch: al-ma’rifah), dass Gott Gott ist – mit anderen Worten: mit dem festen Wissen, dass Gott der Größte von allen ist und dass der Mensch im Vergleich dazu klein ist. Somit erwächst der Glaube aus Demut (arabisch: tadarru’an) angesichts der gesamten Schöpfung Gottes und aus Verborgenheit (arabisch: khufyatan), indem man diesen Glauben tief im eigenen Herzen verborgen hält. Die Erkenntnis von Gottes Größe muss somit den ersten beiden Motiven vorausgehen: der Furcht vor Gottes Bestrafung und der Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit.

Das Jenseits

Während des Lebens der Menschen zeichnen zwei Engel, bekannt als die edlen Schreibengel (arabisch: kiraman katiban), all ihre Taten in ihrem individuellen „Tatenbuch“ auf, wobei ein Engel die guten Taten und der andere die schlechten festhält. Wenn der Mensch stirbt, nimmt der Todesengel seinen Geist aus dem Körper und bringt ihn vor Gott im höchsten Himmel, wo sein Tatenbuch verlesen wird. Die guten Taten derer, die ins Paradies eingehen, werden sodann im Buch der Tugendhaften eingetragen und im höchsten Himmel verwahrt; die schlechten Taten derer, die in die Hölle eingehen, werden im Buch der Sündhaften eingetragen und in der tiefsten Hölle verwahrt.

Zwei Engel bringen sodann den Geist der Verstorbenen in die Körper im Grab zurück, und als Seelen befragen sie sie nun zu ihrem Glauben an Gott, den Islam, Muhammad und den Koran. Abhängig von den Antworten wird den Seelen der Verstorbenen eine Tür entweder zum Paradies oder zur Hölle geöffnet. Während des gesamten übrigen Zwischenzustands (arabisch: al-barzakh), wörtlich das „Schrankenwerk“ zwischen dem Tod und dem Jüngsten Gericht, erfahren die Verstorbenen durch diese Türen einen Vorgeschmack auf das Glück des Paradieses oder die Qualen der Hölle. Sie erleben dies mit immateriellen Ausprägungskörpern.

Am Tag des Jüngsten Gerichts am Ende der Zeiten werden alle Menschen aus dem Grab auferweckt, ihre zerfallenen Körper werden wiederhergestellt, und sie werden nackt vor Gott versammelt. Ihre Taten werden entweder aus dem Buch der Tugendhaften oder dem Buch der Sündhaften verlesen, und sie empfangen Gottes finales Gericht. Diejenigen, die sich Gott unterworfen, die Selbstbezogenheit ihres Eigenwillens überwunden und Gott aufrichtig mit Liebe verehrt haben, werden die gesamte Ewigkeit im Paradies verbringen und die Seligkeit mit einem reinen, geläuterten Körper genießen. Diejenigen, die Gott ungehorsam waren und sich von Ihm abgewandt haben, indem sie sich der Selbstbezogenheit ihres Eigenwillens hingaben, werden die gesamte Ewigkeit in der Hölle Qualen erleiden.

Am Tag des Jüngsten Gerichts werden auch die gestorbenen Tiere vor Gott versammelt. Da es ihnen jedoch an freiem Willen fehlte, waren sie außerstande, ihren natürlichen Instinkten zu widerstehen, wie sie ihnen durch Gottes Willen eingegeben wurden, und können somit nicht vor Gericht stehen. Der Koran erwähnt nicht, was mit ihnen geschieht, nachdem sie vor Gott versammelt wurden. Einige spätere Kommentatoren sagen, dass sie zu Staub zerfallen, ohne weder ins Paradies noch in die Hölle einzugehen. Andere sagen, dass prächtige Pferde und Kamele im Paradies zu finden sind. Auch den Engeln fehlt der freie Wille, und sie sind außerstande, Unrecht zu tun. Als Boten und Diener Gottes sind sie unsterblich und dienen Gott auch nach dem Tag des Jüngsten Gerichts weiter.

Somit stehen am Ende der Zeiten nur die Menschen und die unsichtbaren Dschinn vor dem Gericht. Die Menschen besitzen jedoch während ihres Lebens die Möglichkeit, sich ihrer angeborenen Ausrichtung auf Gott bewusst zu werden. So haben die Menschen während ihrer Lebenszeit die Möglichkeit, ihre Seele zu einer Seele in Ruhe und Frieden weiterzuentwickeln. Man erlangt diesen Zustand des Friedens durch die Liebe zu Gott und zu Gottes Gesandtem Muhammad sowie durch das Befolgen des vortrefflichen Vorbilds (arabisch: al-uswah hasanah) von Muhammads Charakter und Handeln im eigenen Leben. Dies beinhaltet die Vervollkommnung der drei Dimensionen der islamischen Religion, wie oben erläutert: Gottergebenheit, Glaube und vortreffliche Taten des Dienstes. Die aufrichtige Praxis dieser drei führt sodann am Tag des Jüngsten Gerichts zu einem ewigen Jenseits im Paradies.

Historisch offenbarte Methoden zum Überwinden von Selbstbezogenheit und dem Entwickeln von Liebe 

Ergebenheit

Die „fünf Säulen des Islam“ zeichnen den Pfad der Gottergebenheit vor, den es zu beschreiten gilt, um ins Paradies einzugehen:

  • Die Gottergebenheit selbst erfolgt durch das Bezeugen und das Akzeptieren der Bedeutung dessen als absolute Wahrheit, was man mit der Glaubensformel aufsagt – nämlich dass es keinen Gott gibt außer Gott und Muhammad Gottes Gesandter ist. 

Die nächsten vier Säulen verdeutlichen, was der Zustand der Gottergebenheit beinhaltet:

  • Fünfmal täglich zu beten, indem man sich nach Mekka wendet, sich zuvor wäscht, sich verneigt und das Glaubensbekenntnis aufsagt.
  • Eine Abgabe (arabisch: al-zakah) zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen zu entrichten als ein Akt des Verzichts auf den eigenen Besitz in Gehorsam gegenüber Gottes Willen.
  • Im Monat Ramadan zu fasten, dem Monat, in dem Muhammad die Offenbarung der ersten der 114 Kapitel (arabisch: al-surah) des Korans empfing.  Indem man während dieses Fastenmonats auf die Freuden von Nahrung und Unterhaltung verzichtet, erweist man ebenfalls seinen Gehorsam und seine Ergebenheit gegenüber Gott. 
  • Die Wallfahrt zur Kaaba (arabisch: Ka’bah) in Mekka zu vollziehen, bei der alle lediglich zwei ungenähte Bahnen weißen Tuches sowie Sandalen tragen müssen, was die Gleichheit der gesamten Menschheit versinnbildlicht. 

Ergebenheit bedeutet auch, Gottes Gesetze, die Scharia (arabisch: Shari’ah), zu kennen und zu befolgen. Die „Scharia“ basiert auf dem Koran, der durch Muhammad offenbart wurde, und auf der „Sunna“, den Aufzeichnungen der religiösen Praktiken, die Muhammad unter seinen Gefährten etablierte. Die „Scharia“, was wörtlich „Der Weg“ bedeutet, regelt jeden Aspekt des Lebens. Sie wird unterteilt in Handlungen, die:

  • verpflichtend sind, wie das fünfmalige tägliche Gebet; 
  • empfohlen sind, wie das Spenden von Almosen; 
  • neutral sind, wie die Entscheidung, welche Gemüse man isst; 
  • unerwünscht sind, wie die Scheidung; und 
  • verboten sind, wie Mord, Diebstahl, der Verzehr von Schweinefleisch, das Trinken von Alkohol und so weiter. 

Wenn man die Gesetze der Scharia erlernt, sich ihnen unterwirft und ihnen gehorcht, überwindet man den Eigenwillen, der von der zum Bösen anstiftenden Seele ausgeübt wird und der einen dazu verleitet hatte, egozentrisch zu sein und Gottes Willen zu missachten.

Glaube

Überdies akzeptiert man, wenn man sich Gott durch das Bezeugen unterwirft, die sechs Glaubensartikel:

  • die Einheit Gottes;
  • Muhammad als den letzten, endgültigen Propheten Gottes sowie die Unfehlbarkeit aller Propheten;
  • den Glauben an die Engel;
  • die Unfehlbarkeit des Korans und anderer prophetischer Bücher, wie etwa Teilen der Bibel;
  • den Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts; sowie
  • das Annehmen der Vorherbestimmung (arabisch: al-qadar) weltlicher Angelegenheiten durch Gott, basierend auf Gottes Allwissenheit über alles, was geschehen ist und geschehen wird, einschließlich der Entscheidungen, die jeder Mensch mit seinem freien Willen treffen wird. 

Vortreffliche Taten des Dienstes an Gottes Geschöpfen

Die Liebe zu Gott durch die Ergebenheit in Gottes Willen und durch den Glauben führt dazu, anderen als Zeichen dieser Liebe und Ergebenheit zu helfen – beispielsweise durch das Entrichten einer Abgabe zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen. Diese vortreffliche Tat des Dienstes an Gottes Geschöpfen wird nicht als bloßer Akt der Wohltätigkeit verstanden. Vielmehr ist es die freiwillige Pflicht aller Muslime, eine Vermögensabgabe auf ihre Ersparnisse und ihren Besitz zu entrichten, da dies der rechtmäßige Anspruch ist, den die Armen und Bedürftigen gegenüber den Reichen haben. Die Entrichtung dieser Abgabe ist somit ein Akt der Ergebenheit gegenüber Gott, indem man auf den selbstbezogenen Anspruch auf das eigene Vermögen verzichtet. Da Vermögen als unrein gilt, ist die Entrichtung der Armenabgabe ein Weg, sich von dessen Mängeln zu läutern, und bezeugt die Gleichheit der gesamten Menschheit. Jedes Mitglied der Menschheit ist in gleicher Weise ein Geschöpf Gottes, erfüllt mit Geist und versehen mit einem Herzen, in das das Siegel einer angeborenen Ausrichtung eingeprägt ist, die ihn oder sie zu Gott ziehen kann.

Obwohl Gott jeden Menschen mit Gerechtigkeit richtet, liebt Gott nur jene, die sich Seinem Willen unterwerfen und somit ein ethisches Leben in Übereinstimmung mit der Scharia führen. Um des Wohles der gesamten Gesellschaft willen verabscheut und straft Gott diejenigen, die ungehorsam sind und Schaden verursachen. Daher muss die Menschheit als Dienst an Gott und als Zeichen der Liebe die Gesetze der Scharia durchsetzen. Somit spielen Gesetz und Gerechtigkeit (arabisch: al-’adl) zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Harmonie eine entscheidende Rolle in der muslimischen Gesellschaft. Viele der Unterschiede zwischen den islamischen Traditionen entstammen leicht unterschiedlichen Auslegungssystemen der Gesetze der Scharia.

Vergebung

Wenngleich es Strafen für Unrecht gibt, spielt auch die Vergebung (arabisch: al-qhufran) für jene eine große Rolle im Islam, die sich Gott unterworfen haben, aber aus den Diktaten des Eigenwillens und negativer Emotionen heraus einige der Gesetze der Scharia verletzt haben.  Gott ist stets vergebend, solange man aufrichtig bereut und sich Gott zuwendet. Es gibt jedoch keine Vergebung für diejenigen, die den Islam ablehnen oder aufgeben oder die Gotteslästerung gegen Gott, Muhammad oder den Koran begehen.

Zwei der vortrefflichsten Namen Gottes (arabisch: al-’asma’ al-husna) – der Allerbarmer (arabisch: al-raḥmān) und der Barmherzige (arabisch: al-rahman) – weisen auf diesen Aspekt der göttlichen Vergebung als Teil von Gottes Liebe zur Menschheit hin.  Es gibt drei wesentliche Auslegungen bezüglich des Unterschieds zwischen diesen beiden Aspekten:

  • Gott ist von Seinem Wesen her zu jeder Zeit der Allerbarmer und bedarf hierzu keines Objekts; hingegen ist Gott der Barmherzige gegenüber jenen, die bereuen.
  • Gott ist der Allerbarmer; während Gottes Handeln barmherzig ist.
  • Nur Gott ist von Natur aus der Allerbarmer; wogegen Gott und andere, wie etwa Muhammad, gegenüber jenen barmherzig sind, die bereuen.

Indem Gott in die Herzen jener Übeltäter einkehrt, die die Neigung zur Reue verspüren, hilft Er ihnen zuerst zu bereuen und vergibt ihnen sodann. Reue (arabisch: al-tawba) beinhaltet:

  • Reue zu empfinden;
  • zu bereuen, indem man Gott um Vergebung bittet;
  • Wiedergutmachung für das Unrecht durch eine tugendhafte Tat zu leisten; und
  • den Entschluss zu fassen, die schlechte Tat niemals wieder zu wiederholen.

Wenn man jedoch ohne vollzogene Reue stirbt, drohen am Tag des Jüngsten Gerichts die ewige Verdammnis und die Bestrafung in der Hölle.

Die Rechtspraxis vor islamischen Gerichten kann ebenfalls Vergebung beinhalten. Das Opfer eines Verbrechens oder die Familie des Opfers hat die Wahl, strenge Bestrafung, finanzielle Entschädigung oder eine Begnadigung zu verlangen. Die Praxis der Vergebung in diesem rechtlichen Kontext ist ebenfalls eine vortreffliche Tat des Dienstes an Gott.

Methoden, die sich auf die persönliche, innere Erfahrung Gottes stützen, um Selbstbezogenheit zu überwinden und Liebe zu entfalten 

Schönheit und Liebe zu Gott

Einige Sufi-Meister erklären, dass Gott zwar alle Menschen so erschafft, dass der tiefste Kern ihres Herzens mit einer reinen, unveränderlichen, angeborenen Ausrichtung auf Gott versiegelt ist, die Achtlosigkeit (arabisch: al-qhaflah) jedoch das Bewusstsein dafür getrübt hat. Es ist, als hätte die Menschheit Gott vergessen. Infolgedessen werden die Menschen ichbezogen und folgen den selbstsüchtigen Diktaten ihres Eigenwillens. Als Konsequenz handeln sie aus Habgier und Zorn.

Der Sufismus lehrt einen Pfad der Liebe zu Gott als den Weg zur Überwindung dieser Achtlosigkeit – und somit als den Weg, die Selbstbezogenheit zu überwinden und Gott so nahe wie möglich zu kommen. Liebe, wie sie im Koran beschrieben wird, ist ein Gefühl der Nähe gegenüber dem Vortrefflichen. Der Koran beschreibt jene Dinge, die vortrefflich sind, mit einer Reihe morphologisch verwandter Wörter, die sich von der Wurzel der drei Konsonanten hsn ableiten. In einigen Versen bezieht sich Vortrefflichkeit auf Gott, Seine Namen oder das Paradies. In anderen bezieht sie sich auf die Vortrefflichkeit im Charakter des Menschen und in den Taten des Dienstes an Gottes Geschöpfen als eine Form der Verehrung Gottes. Darüber hinaus erklärt der Koran, dass Gott diejenigen liebt, die das Vortreffliche tun.

Eine andere Variante derselben Wurzel aus drei Konsonanten, hasna’, die im Koran nicht vorkommt, bedeutet jedoch „Schönheit“. Aufgrund dieser sprachlichen Verwandtschaft betonen die Sufis, dass Liebe ein Gefühl der Nähe zur Schönheit und zum Schönen bedeutet. Daher deuten sie die Vortrefflichkeit des Charakters und die vortrefflichen Taten des Dienstes an Gottes Geschöpfen als „Schönheit des Charakters“ und „schöne Taten des Dienstes“. Sie bestätigen dies mit einem Hadith-Zitat, das sich sowohl in sunnitischen als auch in schiitischen Kompendien findet: „Gott ist schön; Er liebt die Schönheit.“

  • Hadithe sind Überlieferungen von Aussprüchen oder Geschichten über Muhammad, wie sie über aufeinanderfolgende Generationen von den Gefährten des Propheten weitergegeben wurden. Sammlungen verschiedener Hadithe sind in unterschiedlichen Kompendien überliefert. Die sunnitische und die schiitische Tradition erkennen jeweils andere Kompendien an und bestreiten mitunter die Authentizität einzelner Hadithe in der Sammlung der jeweils anderen.

Der arabische Begriff für „schön“, jamil, in diesem Zitat erscheint im Koran als ein Adjektiv, das Geduld und Vergebung näher bestimmt – mit der Implikation, gütig und gerecht zu sein. Darüber hinaus verwendet der Koran den Begriff „Schönheit“, al-jamal, nur in Bezug auf Vieh, was dazu passt, dass al-jamal auch das arabische Wort für „Kamel“ ist. Die Sufis legen die beiden Begriffe jedoch in einem weit breiteren Sinne aus, um Schönheit in jedem Aspekt der Vortrefflichkeit zu bezeichnen.

Die Liebe zu Gott, wie sie im Sufismus gelehrt wird, ist somit eine innere, persönliche Erfahrung des Vortrefflichen und Schönen und kann auf vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht werden. Indem Sufi-Praktizierende Gott beispielsweise als eine exquisit schöne, jedoch gestaltlose Geliebte auffassen, drücken sie die Sehnsucht der Liebe zu Gott oft in Poesie und Musik aus. Poesie und Musik sind Mittel für Gebet und Anbetung, die die angeborene Ausrichtung des Herzens auf Gott erwecken und nähren.

Das arabische Wort ‘ashq wird in der Sufi-Poesie oft für diese Art der Liebe verwendet, insbesondere in persischen und Urdu-Dichtungen. Es bezeichnet eine leidenschaftliche, glühende, nicht-sexuelle Liebe. Obwohl der Begriff im Koran nicht vorkommt, verwenden die Sufis ihn in Ausdrücken wie „wahre Liebe“ (persisch: ’ishq-e haqiqi), „Liebe zum Gesandten“ (persisch: ’ishq-e rasul) und „Liebe zu Muhammad“ (persisch: ’ishq-e muhammadi). „Wahre“ Liebe bezieht sich auf die Liebe zur Wahrheit (arabisch: al-haqq), was einer der Namen Gottes ist.

Der persische Begriff ‘ishq erscheint auch im Ausdruck „metaphorische Liebe“ (persisch: ’ishq-i majazi), der sich auf das leidenschaftliche Gefühl eines Liebenden gegenüber seiner Geliebten als Metapher oder Analogie für die Liebe zu Gott bezieht. Einige persische Meister lehren, dass metaphorische Liebe zur wahren Liebe zu Gott führen kann; andere sagen, dass sie dies nicht kann.

Für den Sufi-Praktizierenden werden die Klänge der Poesie und Musik zu den Klängen einer inneren Stimme, die den Schmerz der Trennung von der geliebten Person zum Ausdruck bringt und einen dazu aufruft, sich wieder mit Gott zu vereinen. Somit ist das Rezitieren von Poesie und das Spielen von Musik – oder das Lauschen von beidem – eine tief empfundene Erfahrung leidenschaftlicher, inbrünstiger Liebe zu Gott. Wenn man vollkommen in dieser Liebe aufgeht, verliert man jegliches Gefühl für das Selbst und die Selbstbezogenheit, die sich darum dreht. Eine solche Liebe muss persönlich erfahren und kann durch den Verstand nicht vollständig ausgedrückt werden.

Die sieben Entwicklungsstufen der Seele

Auf der inneren Ebene vollzieht der Sufi-Praktizierende – indem er alle selbstbezogenen weltlichen Sorgen aufgibt – einen Prozess der Enthüllung (arabisch: kashf), bei dem Schicht für Schicht die Schleier gelüftet werden – 70.000 gemäß einem Hadith –, die Gott vor dem eigenen Herzen verbergen. Auf diese Weise legt man seinen innersten Kern frei, die unveränderliche, angeborene Ausrichtung auf Gott, und kommt Gott, dem Objekt der eigenen Liebe, immer näher.

Beim Prozess des Entfernens der Schleier entwickelt sich die Seele des Menschen über sieben Stufen hinweg von der Selbstbezogenheit zur Selbstlosigkeit. Die sieben Stufen sind eine Ausarbeitung der drei Stufen, die bei der Darstellung des historisch offenbarten Zugangs zu Gott beschrieben wurden. Alle sieben leiten sich jedoch aus dem Koran ab:

  • Die zum Bösen drängende Seele (arabisch: al-nafs al-’ammarah) ist die Seele in dem Zustand, in dem sie zu Begierde, Zorn und Ungehorsam gegenüber Gottes Willen und Gesetzen anstiftet. 
  • Die sich selbst anklagende Seele (arabisch: al-nafs al-luwwamah) ist die Seele, die sich selbst prüft und beschuldigt, auf das zum Bösen gebietende Selbst gehört zu haben. In aufrichtiger Reue über dieses Verhalten wendet sie sich suchend um Vergebung an Gott. 
  • Die inspirierte Seele (arabisch: al-nafs al-mulhamah) ist die Seele, die nach vollzogener Reue dazu inspiriert wird, sich mit Zufriedenheit und Demut in schönen Taten des Dienstes an Gottes Geschöpfen zu engagieren. 
  • Die Seele in Ruhe (arabisch: al-mutma’inna) ist die Seele, die fest in ihrem Gehorsam gegenüber Gottes Willen ist und somit völlig in Frieden ruht. 
  • Die zufriedene Seele (arabisch: al-nafs al-radiyyah) ist die Seele, die ihre selbstbezogenen Sorgen loslässt und, indem sie ein einfaches, asketisches Leben führt, mit allem zufrieden ist, was Gott fügt. 
  • Die wohlgefällige Seele (arabisch: al-nafs al-mardiyyah) ist die Seele, die Gott wohlgefällig ist – die Seele, die alles außer Gott und dem Dienst an Gottes Geschöpfen loslässt. 
  • Die vollständige, vollkommene Seele (arabisch: al-nafs kamila) ist die Seele, die vollkommen in Gott aufgeht und zu einem selbstlosen Diener Gottes wird. 

Die vier Stufen der Läuterung

Die Läuterungsmethoden können auch in vier Stufen dargestellt werden:

  • Das Befolgen der Scharia-Gesetze durch Selbstdisziplin. Die Läuterung des äußeren Verhaltens in Übereinstimmung mit Gottes Willen ist die unentbehrliche Grundlage für jede weitere spirituelle Entwicklung. Daher befolgen Sufis im Allgemeinen die historisch offenbarten Methoden der Unterwerfung, des Glaubens und des „schönen“ Dienstes an Gottes Geschöpfen. Der schöne Dienst an Gottes Geschöpfen ist eine Form metaphorischer Liebe. Man sieht die Schönheit, die Gott in all Seinen Geschöpfen erschaffen hat, und indem man Seine schönen Geschöpfe liebt und ihnen dient, liebt man Gott.
  • Das Beschreiten des Pfades eines der Sufi-Orden (arabisch: tariqah). Indem man asketisch in einer Gemeinschaft von Mitstreitern unter der Anleitung eines spirituellen Meisters (arabisch: shaykh) lebt, erlernt und praktiziert man das Gedenken Gottes (arabisch: zikr) und das Nachdenken über Gott (arabisch: fikr). Das Gedenken oder die Vergegenwärtigung Gottes wird aufrechterhalten, indem man immer wieder verschiedene Formeln zur Anrufung Gottes oder die 99 Namen Gottes aus den Hadithen rezitiert. Praktizierende rezitieren diese Formeln und Namen häufig mithilfe einer Gebetskette (arabisch: al-masbaha) aus 33 oder 99 Perlen. Die Gedanken an Gott konzentrieren sich auf bestimmte Aspekte Gottes oder des Propheten Muhammad. Zu den weiteren Praktiken kann in einigen Orden auch der drehende Tanz gehören. Sufi-Gemeinschaften sind nicht wie ein Kloster von der Gesellschaft isoliert, sondern sie bieten der breiteren Gesellschaft soziale Dienste an – Nahrung, Unterkunft, spirituelle Unterweisung und Bildung.
  • Die persönliche Erfahrung einer Schau der wahren Realität Gottes (arabisch: al-haqiqah). Als Ergebnis jahrelanger, tief empfundener Praxis, wie sie in einem der Sufi-Orden gelehrt wird, erlangt man die persönliche, innere Erfahrung des Vergehens der eigenen Seele in Gott (arabisch: fana’ fillah). Über diesen Zustand der Auslöschung der Seele hinaus erfährt man ein Vergehen vom Vergehen (arabisch: fana’ ’an al-fana’) und erlangt ein dauerhaftes Bestehen in Gott (arabisch: baqa’ billah). In diesem Zustand offenbart sich einem die wahre Realität Gottes. Die Wahrheit (arabisch: al-Haqq) ist einer der neunundneunzig Namen Gottes.
  • Die glückselige Erfahrung ekstatischer Gotteserkenntnis (arabisch: al-ma’rifat). Die im Zustand der Entrückung erlangte Erkenntnis Gottes geht über jedes rationale, wissenschaftliche Wissen (arabisch: al-’ilm) hinaus, das durch Studium und Analyse erworben wird, sowie über jede offenbarte Erkenntnis, die durch eine Schau der wahren Realität Gottes gewonnen wird.
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