Überblick über das aus dem Chinesischen stammende Material
Wenden wir uns nun den aus dem Chinesischen stammenden oder schwarzen Berechnungen zu, die auch als Elementen-Berechnungen (tib. ’byung-rtsis) bezeichnet werden. Sie ergänzen den tibetischen Kalender um einige weitere Merkmale, wie Korrelationen mit Tier- und Elementenzyklen, beispielsweise das Jahr des Eisenpferdes. Sie liefern zudem weitere Sätze von Variablen zur Untersuchung, die sowohl für die Analyse der Persönlichkeit als auch für das Erstellen allgemeiner vorausschauender persönlicher Horoskope dienen. Diese müssen anschließend mit den Horoskop-Informationen zusammengeführt werden, die aus dem System der weißen Berechnung abgeleitet wurden.
Dieses System umfasst Berechnungen für fünf Hauptbereiche:
- Jährliche Progressionen – um festzustellen, was in jedem einzelnen Lebensjahr geschehen wird.
- Krankheiten (tib. nad-rtsis) – zur Bestimmung, ob Erkrankungen durch schädliche Geister verursacht wurden, und wenn ja, durch welche Art von Geist und welche Rituale zu deren Sänftigung auszuführen sind; sowie zur Vorhersage der Krankheitsdauer.
- Die Toten (tib. dur-rtsis) – ausgehend vom Todeszeitpunkt werden Berechnungen angestellt, zu welcher Zeit und in welche Richtung der Leichnam von seinem Aufbahrungsort entfernt und zur Beerdigung oder Einäscherung gebracht werden soll. Die klassische chinesische Astrologie betont und interpretiert stets die Richtung, in der verschiedene Aktivitäten beginnen – nicht nur Bestattungen, sondern auch Reisen, die Herkunftsrichtung von Besuchern und Ähnliches. Dies findet sich ebenso in der tibetischen Astrologie, wobei die Richtungen von Monat zu Monat variieren. Der tatsächliche Zeitpunkt der Einäscherung oder Beerdigung wird nicht berechnet. Auch die Art der für die Verstorbenen durchzuführenden Zeremonien wird in diesem System bestimmt, insbesondere wenn schädliche Geister am Tod beteiligt waren.
- Hindernisse (tib. keg-rtsis) – wann diese im Kalender im Allgemeinen sowie im Leben einer bestimmten Person auftreten werden.
- Ehe (tib. bag-rtsis) – insbesondere die Harmonie zwischen den künftigen Eheleuten. Die Elementen-Berechnungen werden somit primär für astrologische Zwecke verwendet.
Wie es auch beim indischstämmigen Zweig der Fall war, gibt es viele Merkmale, die dieses aus dem Chinesischen abgeleitete System mit den klassischen chinesischen Astrologie-Schulen teilt. Die Art und Weise jedoch, wie sie von den Tibetern weiterentwickelt und angewendet werden, weist viele Unterschiede auf.
Der 60-Jahre-Zyklus der Tiere und Elemente
Im System der Elementen-Berechnung ist der Kalender mit 60-jährigen Zyklen verbunden, wobei jedes Jahr nacheinander von einem der 12 Tiere regiert wird. In der klassischen chinesischen Reihenfolge lauten sie – übertragen auf die im tibetischen System verwendeten Tiere:
- Ratte
- Stier / Ochse
- Tiger
- eine Art großer Hase (tib. yos)
- Drache
- Schlange
- Pferd
- Schaf
- Affe
- Vogel
- Hund
- Schwein
Im tibetischen System beginnt die Sequenz jedoch mit dem vierten dieser Tiere, dem Hasen – der Grund hierfür wird in Kürze besprochen. Somit ist die Stelle innerhalb der Abfolge, an der der 60-Jahre-Zyklus anfängt, eine andere. Für Jahre, Tage und Stunden beginnen die Tibeter die Sequenz tatsächlich mit dem Hasen, für Monate hingegen mit dem Tiger. Es ist etwas kompliziert.
In den verschiedenen Kulturen, die diese 12-teilige Tierfolge übernommen haben, gibt es gewisse Abweichungen hinsichtlich der verwendeten Tiere:
- die mongolische Variante des tibetischen Systems – Kuh statt Stier/Ochse, Henne statt Vogel;
- die chinesische – Ochse statt Stier, meist Ziege statt Schaf, Hahn statt Vogel
- die vietnamesische – Katze statt Hase; und
- die turkische – Fisch statt Drache, Wildschwein statt Schwein, wie im Mongolischen Kuh statt Stier, sowie wie im Chinesischen Hahn statt Vogel.
Diese Liste von 12 Tieren wird mit einem ermächtigenden Element für das jeweilige Jahr verknüpft, das aus der klassischen chinesischen Fünfergruppe stammt:
- Holz
- Feuer
- Erde
- Eisen
- Wasser
Nach der chinesischen Weltanschauung sind diese fünf eher treibende Kräfte oder aktive Prinzipien, welche die materielle Substanz der Welt beeinflussen, anstatt selbst die tatsächlichen materiellen Bestandteile des Universums zu sein, wie es bei den griechischen und indischen Elementen der Fall ist.
In der chinesischen Sprache wird Metall anstelle von Eisen aufgeführt. Da das chinesische Wort für „Metall“ zugleich das gewöhnliche Wort für Gold ist, verwendeten die Uiguren Ostturkestans bei ihren Übersetzungen aus dem Chinesischen den Begriff „Gold“ in ihrer Aufzählung der fünf Elemente. Wenn die Uiguren gelegentlich den Begriff „Eisen“ einsetzten, wie etwa im 14. Jahrhundert, ist dies zweifellos auf tibetischen Einfluss zurückzuführen. Im Tibetischen wird das Wort für Eisen zwar in dem Begriff aus zwei Worten verwendet, der im Allgemeinen Metall bedeutet, für sich allein steht das Wort jedoch nur für Eisen. Die mongolische Entsprechung bedeutet ebenfalls Eisen.
Jedes Element regiert zwei Jahre in Folge, wobei das erste ein männliches und das zweite ein weibliches Jahr ist. Somit dauert es 60 Jahre, bis sich eine bestimmte Kombination wiederholt – wie beispielsweise das Holz-Männlich-Ratte-Jahr, das erste in der klassischen chinesischen Aufzählung, oder das Feuer-Weiblich-Hase-Jahr, das erste im tibetischen System.
In der mongolischen Variante des tibetischen Systems, in dem der Name des Jahres zuweilen im Mongolischen wiedergegeben wird, benutzt man die Farbe des ermächtigenden Elements anstatt den Namen des Elements selbst:
- Holz – blau
- Feuer – rot
- Erde – gelb
- Eisen – weiß
- Wasser – schwarz.
Diese Farbzuweisungen unterscheiden sich geringfügig von den tibetischen Zuweisungen, die in anderen Kontexten verwendet werden, in denen Holz grün ist und Wasser entweder schwarz oder blau sein kann. Anstatt die zwei von einem Element regierten Jahre als männliche und weibliche Jahre zu bezeichnen, wird im Mongolischen dem ersten der beiden Jahre die einfache Adjektivform der Farbe und dem zweiten eine abgeleitete Form des Adjektivs zugewiesen, wie etwa blaue Ratte, bläuliche Kuh, roter Tiger, rötlicher Hase und so weiter. Wenn die Mongolen jedoch auf Tibetisch schreiben, verwenden sie die tibetische Nomenklatur.
Vergleich mit den chinesischen Stämmen und Zweigen
Das tibetische astrologische System verwendet nicht das klassische chinesische System der 10 Himmelsstämme und 12 Erdzweige, welches die Chinesen mit dem 60-Jahre-Zyklus verknüpfen und in ihrem Kalender sowie ihrer Astrologie weit stärker betonen. Die 10 Stämme und 12 Zweige rücken jeweils einzeln der Reihe nach vor, um folgendermaßen Paare zu bilden:
- Stamm 1, Zweig 1;
- Stamm 2, Zweig 2; bis hin zu
- Stamm 10, Zweig 10; dann
- Stamm 1, Zweig 11;
- Stamm 2, Zweig 12;
- Stamm 3, Zweig 1; und so weiter.
Die Maya hatten ein ähnliches Schema, bei dem 13 Zahlen und 20 Namen zur Zählung der Tage miteinander verflochten wurden.
Die Stämme sind abwechselnd Yang und Yin, und später wurden sie mit den 5 chinesischen Elementen in der eben erwähnten Reihenfolge in Zusammenhang gebracht, wobei jedes aufeinanderfolgende Yang- und Yin-Paar mit einem Element verknüpft wurde, beginnend mit Holz. Dies stimmt damit überein, dass die tibetischen Jahre paarweise, männlich und weiblich, für jedes Element der Reihe nach verlaufen. Darüber hinaus sind die 12 Zweige ebenfalls abwechselnd Yang und Yin. Für beide Reihen gilt: Die ungeraden Zahlen sind Yang und die geraden Yin.
Wenn diese Stämme und Zweige zu einem 60-Jahre-Zyklus kombiniert werden, ergibt sich, dass Yang-Stämme immer mit Yang-Zweigen und Yin-Stämme mit Yin-Zweigen gepaart werden. Dies bestätigt ebenfalls die Zuweisung von männlichen und weiblichen Jahren im tibetischen System. Die Yang- und Yin-Zugehörigkeiten der 12 Zweige stimmen jedoch nicht mit denen der 12 Tiere im klassischen chinesischen System überein, weshalb keine vollständige Äquivalenz zwischen den beiden Zwölferreihen hergestellt werden kann.
In der klassischen chinesischen Astrologie werden die Stämme und Zweige in Kombination miteinander für Jahre, Monate, Tage und Stunden verwendet, während die 12 Tiere nur für das Jahr und die Stunde und in Kombination mit einem der 5 Elemente nur für das Jahr und auch dann nur manchmal verwendet werden. Im tibetischen System des aus dem Chinesischen abgeleiteten Lehrstoffs wird der Tierzyklus hingegen für Jahre, Monate, Mondwochentage und Stunden verwendet, und zwar stets in Kombination mit einem Element. Man sollte bedenken, dass „Stunde“ hier einen zweistündigen astrologischen Tageszeitraum bedeutet.
Gesar-Wahrsagung
Der einzige Kontext, in dem die Stämme und Zweige in Tibet direkt angewendet werden, ist das Prognostik-System der Gesar-Wahrsagung. Dies ist im Grunde das populäre chinesische System, das in buddhistischen Tempeln in allen chinesisch geprägten Kulturräumen Asiens zu finden ist. 60 Stäbchen, von denen jedes eine der Stamm-und-Zweig-Kombinationen trägt, werden in einen Behälter gegeben und so lange gedreht, bis eines herausfällt. Anschließend bittet man einen Priester, daraus die Antwort auf die eigene Frage zu deuten. Unter den Chinesen war diese Form der Wahrsagung bei weitem populärer als jene des „I Ging“.
In China war dieses Prognostik-System mit Guan Yu (關羽, 关羽) verbunden, auch bekannt als Guan Di (關帝, 关帝), einem General aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., der durch den Roman „Die Geschichte der Drei Reiche“ berühmt wurde. Er wurde von den Chinesen vergöttlicht und während der Ming-Dynastie, insbesondere im 16. Jahrhundert, weitgehend verehrt. Die Mandschus riefen ihn zu ihrem Kriegsgott und zur Schutzgottheit ihrer Qing-Dynastie aus, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts China, die Mongolei und später Ostturkestan regierte sowie den Anspruch erhob, Einfluss auf Tibet auszuüben, wenngleich dieser minimal war.
Unter dem Mandschu-Kaiser Kangxi zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Guan Yu mit Gesar von Ling identifiziert, dem Helden des großen Gesar-Epos der Tibeter, Mongolen und buddhistischen Uiguren. Dies war Teil der mandschurischen Politik, die Gunst dieser drei Völker zu gewinnen, indem man ihre Bräuche und Überzeugungen pflegte und sie an die chinesischen anpasste, um ihren Nationalismus zu neutralisieren und sie alle zu einer im Wesentlichen chinesischen Kultur zu vereinheitlichen. Die Mandschus errichteten viele Gesar-Tempel – manchmal als Chinesische Tempel bezeichnet – in Lhasa, Urga (dem heutigen Ulaanbaatar), Amdo, der Inneren Mongolei und den sino-mongolisch-tibetischen Grenzgebieten, in all denen in der Folge diese Gesar-Wahrsagung praktiziert wurde.
Somit wurde das chinesische System der 10 Stämme und 12 Zweige in Wirklichkeit nie Teil des tibetischen astrologischen Systems, noch wurde es mit anderem aus dem Chinesischen stammenden Material integriert. Die Hauptstütze blieben die 12 Tiere und 5 Elemente. Für die Wahrsagung haben die Tibeter stets ihre eigenen buddhistischen Systeme vorgezogen, die entweder drei Würfel oder die Perlen einer Gebetskette beinhalten. Die tibetische Wahrsagung erfolgt im tantrisch-meditativen Kontext der Visualisierung von sich selbst als Buddha-Gestalt und der Anrufung einer anderen speziellen Buddha-Gestalt, am häufigsten Palden Lhamo oder Tara. Sie kann erst praktiziert werden, nachdem man das formelle Meditationsretreat zu dieser Gestalt mit der Rezitation von Hunderttausenden von Mantras abgeschlossen hat.
Mutter-, Kind-, Feind- und Freund-Beziehungen der Fünf Elemente
Die fünf Elemente stehen in vier verschiedenen Beziehungsformen zueinander: Bestimmte Elemente sind jeweils die Mutter, das Kind, der Feind oder der Freund von bestimmten anderen.
- In der Reihenfolge Holz, Feuer, Erde, Eisen, Wasser ist das Kind eines jeden Elements dasjenige, das ihm unmittelbar folgt. Das Kind von Wasser ist Holz, weshalb die Abfolge als Kreis verstanden werden sollte.
- Die Mutter eines jeden Elements ist das ihm vorangehende; so ist beispielsweise die Mutter von Feuer das Holz.
- Der Freund eines jeden Elements ist das übernächste; so ist zum Beispiel der Freund von Holz die Erde.
- Der Feind eines jeden Elements ist dasjenige, das vor dem vorangehenden Element steht; der Feind von Feuer ist somit das Wasser.
Diese Beziehungen werden in den aus dem Chinesischen stammenden astrologischen Berechnungen sowie in dem ebenfalls chinesischen Material für die medizinische Astrologie innerhalb des tibetischen Medizinsystems ausgiebig genutzt. Ein Beispiel aus dem astrologischen System wird gleich bei der Berechnung der jährlichen Progression des Geburts-Elements einer Person zu sehen sein. Im Medizinsystem gibt es einen jahreszeitlichen Einfluss auf den Puls. Jede Jahreszeit ist mit einem der fünf chinesischen Elemente verbunden, ebenso wie die festen und hohlen Organe und deren Pulse. Infolgedessen können in der medizinischen Astrologie Vorhersagen über den allgemeinen Verlauf der Zukunft während einer bestimmten Jahreszeit getroffen werden, indem der Puls der verschiedenen Organe im Hinblick darauf gedeutet wird, ob die regierenden Elemente Mutter, Kind, Feind oder Freund des Elements sind, das diese Jahreszeit beherrscht.
In der klassischen chinesischen Medizin führt die Verbindung der Organe mit den Elementen dazu, dass eine Erkrankung in einem Organ eines bestimmten Elements wahrscheinlich zu Komplikationen in den Organen führen wird, die dessen Kind-Element entsprechen. Ebenso wirken Arzneimittel, die ein Organ eines bestimmten Elements stärken, auch wohltuend auf die Organe seines Kind-Elements. Dieses Prinzip wird in der tibetischen Medizin nicht vertreten.
Diese vier Beziehungen spielen auch eine Rolle bei den Berechnungen für das Weben spezieller spinnennetzartiger Konstruktionen, wobei jedes Element mit einer andersfarbigen Schnur verknüpft ist. Diese dienen sowohl im tibetischen Buddhismus als auch im Bön-System als Heimstätte für Meditationsgottheiten sowie zur Abwehr von Hindernissen. Im Bön-System werden solche raumharmonisierenden Netze (tib. nam-mkha’) auf ähnliche Weise gewoben, um die verschiedenen Elemente des eigenen Geburtshoroskops auszugleichen.
Fortlaufende Element-Tier-Kombinationen
Zusätzlich zur Geburtskombination aus Tier und Element für das jeweilige Geburtsjahr wird auch eine fortlaufende Kombination für jedes Lebensjahr abgeleitet, die jedoch für Männer und Frauen unterschiedlich berechnet wird. Tatsächlich werden die meisten aus dem Chinesischen stammenden Berechnungen für Männer und Frauen unterschiedlich durchgeführt.
- Für alle Männer wird der Tiger als das Tier für das erste Lebensjahr genommen. Dies entspricht der Abfolge der Monate, die mit dem Tiger beginnt, was etwas später erklärt werden wird. Jedes darauffolgende Jahr wird dem nächsten Tier in aufsteigender Reihenfolge zugewiesen, nach dem Tiger also Hase, Drache, Schlange und so weiter.
- Für alle Frauen ist das erste Lebensjahr der Affe, welcher das siebte darauffolgende Tier ist, mit anderen Worten das gegenüberliegende des Tigers. Jedes darauffolgende Jahr wird vom nächsten Tier in umgekehrter Reihenfolge regiert, als nächstes kommen also Schaf, Pferd, Schlange und so fort.
Somit hat jede Person desselben Geschlechts dasselbe fortlaufende Tier für dasselbe Lebensjahr.
Das fortlaufende ermächtigende Element wird jedoch vom Geburtselement abgeleitet und unterscheidet sich daher je nach Geburtsjahr.
- Für Männer ist das Kind-Element des Geburtselements maßgeblich für das erste und zweite Lebensjahr, danach dessen Kind-Element für das dritte und vierte Lebensjahr und so weiter.
- Für Frauen ist das Mutter-Element des Geburtselements maßgeblich für das erste Lebensjahr, danach dessen Mutter-Element für das zweite und dritte Lebensjahr, dessen Mutter-Element für das vierte und fünfte Lebensjahr und so fort.
Jede Geburtskombination besitzt eine eigene Deutung, und die fortlaufende Kombination wird im Verhältnis zur Geburtskombination analysiert, um vorherzusagen, wie sich dieses spezifische Lebensjahr gestalten wird.
Das Konzept des Alters
Es ist zu beachten, dass sich das eigene Alter sowohl im tibetischen als auch im chinesischen System auf die Anzahl der Kalenderjahre bezieht, in denen man gelebt hat, ungeachtet dessen, wie kurz dieser Zeitraum in einem einzelnen Jahr auch sein mag. In beiden Systemen beginnt das Kalenderjahr, nach dem das Alter berechnet wird, für gewöhnlich am tibetischen oder chinesischen Neujahr, was ungefähr in den Februar fällt, obwohl die beiden Neujahrstage fast nie zusammenfallen. Dies wird später besprochen. Für präzise astrologische Zwecke wird das Alter im tibetisch-chinesischen Elementesystem jedoch ab dem Beginn des elften tibetischen Monats und im klassischen chinesischen System selbst ab der Wintersonnenwende gerechnet. Diese beiden Zeitpunkte liegen ebenfalls ungefähr zusammen, fallen aber wiederum fast nie exakt auf denselben Tag. Das tibetische Alter ist daher kein äquivalentes Konzept zur europäischen Vorstellung vom Alter, welche die Anzahl der vollendeten Jahre seit der Geburt zählt.
Dieses tibetische System lässt sich möglicherweise anhand eines Beispiels aus dem europäischen Kalender leichter verstehen. Ich wurde am 10. Dezember 1944 geboren. Als ich geboren wurde, war ich ein Jahr alt, da ich im Jahr 1944 lebte. Es macht keinen Unterschied, dass ich in diesem Jahr nur für drei Wochen lebte; dennoch lebte ich für eine gewisse Zeit im Jahr 1944. Als der 1. Januar 1945 kam, war ich zwei Jahre alt, da ich nun auch während eines zweiten Jahres, 1945, lebte. Dies ist das Konzept des Alters im tibetischen System, und dies ist der Grund, warum jeder am tibetischen Neujahr ein Jahr älter wird und Tibeter im Allgemeinen Geburtstage nicht auf europäische Weise feiern oder zählen.
Kiesel-Elemente und Berechnungen
Jedes der 12 Tiere in seinen verschiedenen Kombinationen innerhalb eines 60-Jahre-Zyklus besitzt einen Satz von 5 zugeordneten Elementen, die für die sogenannten Kiesel-Berechnungen (tib. rdel) verwendet werden. Dies sind die Elemente für:
- Lebenskraft (tib. srog);
- Körper (tib. lus);
- Macht oder Kapazität (tib. dbang);
- Tal des Glücks (tib. klung); sowie
- Lebensgeist (tib. bla).
Die ersten vier finden sich auch in der klassischen chinesischen Astrologie, wo Macht als Wohlstand bezeichnet wird. Der Lebensgeist oder das organisierende Prinzip im Leben ist eher ein tibetisches Konzept, das sich auch im Bön findet und das im Zusammenhang mit der tibetischen Medizin eine Form von mentaler Erkrankung betrifft.
Im Tibetischen wird „Tal-des-Glücks“ auch „Pferd des Tals-des-Glücks“ (tib. klung-rta) und „Windpferd“ (tib. rlung-rta) genannt. Im Chinesischen wird dies „Postpferd“ genannt – ein frisches Pferd, das an einer Poststation auf den Postboten wartet, damit dieser seine Reise fortsetzen kann, und somit gutes Glück für Reisen und Erfolg bedeutet. Im Tibetischen sind die Wörter für „Tal-des-Glücks“, „Wind“ und das alt-tibetische Wort für „Poststation“ Homonyme und wurden daher austauschbar. Dies ist der Grund, warum Abbildungen von Pferden oft auf tibetische Gebetsfahnen gedruckt werden und die Fahnen selbst häufig als „Windpferd“ bezeichnet werden. Der Brauch der Gebetsfahnen ist ein gemeinsames Merkmal zentralasiatischer Schamanenkulturen und des Bön.
Was die Verwendung der fünf Kiesel-Elemente in der tibetischen Astrologie betrifft, so berechnet man die Geburts-Kiesel-Elemente für das Tier des eigenen Geburtsjahres (tib. lo-rtags) sowie die fünf Elemente für ein bestimmtes Transitjahr, wie etwa das aktuelle. In den Astrologie-Traditionen, denen man in Tibet selbst folgt, wird dies für Männer und Frauen gleich berechnet, während es in den in der Mongolei befolgten tibetischen Tradition für die beiden Geschlechter unterschiedlich ist. Anschließend notiert man, welche Art von Beziehung das Transit-Element zum Geburts-Kiesel-Element hat. Jede der vier Beziehungsarten – Mutter, Kind, Feind und Freund – sowie deren Identität wird dann mit einer spezifischen Kombination von ein bis drei bunten Kieseln, weiß oder schwarz, verknüpft, die in der Schrift durch Kreise beziehungsweise Kreuze dargestellt werden.
Basierend auf der Analyse dieser Kombinationen kann man sagen:
- aus den Kiesel-Elementen der Lebenskraft erkennt man mögliche Gefahren für das Leben in diesem Jahr;
- aus denen des Körpers erkennt man den Zustand von Gesundheit und körperlichen Schäden;
- aus denen der Macht erkennt man den Erfolg, wie etwa im Geschäft;
- aus denen des Tals-des-Glücks erkennt man das allgemeine Glück und Reisen;
- aus denen des Lebensgeistes erkennt man das Wohlbefinden und die Stabilität des grundlegenden organisierenden Prinzips des eigenen Lebens.
Wenn in diesem Jahr schwierige Konstellationen vorliegen, werden religiöse Zeremonien oder Pujas empfohlen, um diesen Unstimmigkeiten entgegenzuwirken.
Wochentage und Konstellationen, die mit den 12 Tierzeichen verbunden sind
Zu jedem der 12 Tiere gehören auch drei Wochentage:
- einer der Lebenskraft (tib. srog-bza’);
- einer des Lebensprinzips (tib. bla-gza’); und
- ein tödlicher (gshed-bza’).
Außerdem sind jedem sechs Mondkonstellationen zugeordnet:
- eine der Lebenskraft (tib. srog-skar);
- eine des Lebensprinzips (tib. bla-skar);
- eine der Kraft (tib. dbang-skar);
- eine des Hindernisses (tib. skeg-skar);
- eine schädliche (tib. btub-skar); und
- eine tödliche (tib. gshed-skar).
Indem man im Almanach den Mondwochentag und die Mondkonstellation nachschlägt – welche nach dem Kalachakra-System abgeleitet und etwas später erklärt werden – und diese mit den Sätzen von Wochentagen und Konstellationen vergleicht, die dem Tier des Geburtsjahres eines Individuums zugeordnet sind, bestimmt man, welche Arten von Handlungen an diesem Datum günstig sind und unternommen werden können oder nicht.
Dies ist ein Aspekt der medizinischen Astrologie und wird von tibetischen Ärzten besonders dann konsultiert, wenn sie den besten Tag für eine spezielle medizinische Behandlung eines Patienten bestimmen, wie etwa Moxibustion oder Goldnadel-Akupunktur. Die Entscheidung basiert primär auf dem Wochentag. Hier würde man die Wochentage der Lebenskraft und des Lebensgeistes wählen und die tödlichen meiden.