Einzelheiten der tibetischen Heilkunde 4: Behandlung der Krankheit

Allgemeine Herangehensweise der Behandlung 

Nachdem wir die Klassifizierung der Krankheit und dessen Diagnose erörtert haben, werden wir als nächstes auf dessen Behandlung eingehen. Die Behandlung erfolgt durch Empfehlungen an die Patienten, ihre Ernährung und Lebensweise anzupassen, gefolgt von der Verschreibung pflanzlicher Heilmittel sowie gelegentlich von Akupunktur, Moxibustion oder anderen äußeren Verfahren.

Hier gilt es zu beachten, dass es zwar bestimmte standardmäßige Behandlungen spezifischer Krankheiten gibt, diese aber stets an die grundlegende körperliche Verfassung des Patienten sowie an die Jahreszeit angepasst werden. Während einer Behandlung werden die Medikamente oft modifiziert, beispielsweise von schwächeren hin zu stärkeren. Zuweilen besteht die Herangehensweise darin, die Krankheit in einem Teil des Körpers mit einer Reihe von Medikamenten zu sammeln und zu konzentrieren und sie dann danach mit einer anderen Reihe von Medikamenten, durch Moxibustion oder etwas anderes zu beseitigen. Aus diesem Grund scheint es oft, dass eine tibetische Behandlung die Symptome einer Krankheit erst einmal verstärkt.

Im Gegensatz dazu neigt der schulmedizinische (allopathische) Ansatz mitunter dazu, eine Erkrankung lediglich zu verdünnen und im gesamten Organismus zu zerstreuen, um so eine reine Symptomunterdrückung zu erreichen. In dieser Hinsicht deckt sich die tibetische Medizin mit dem Behandlungsansatz der Homöopathie. Somit ist es für einen tibetischen Arzt unerlässlich, den Behandlungsverlauf kontinuierlich zu überwachen. Hier gilt es auch zu beachten, dass die Inhaltsstoffe der tibetischen Medizin während ihrer Zubereitung entgiftet werden und somit keine nachteiligen Nebenwirkungen haben.

Medizin und Ernährung 

Um zu verdeutlichen, wie die Ernährung angepasst und die Medizin verschrieben wird, ist es notwendig, auf das tibetisch-buddhistische System der Geschmacks-Klassifizierung einzugehen. Nahrungsmittel und Heilkräuter werden nicht wie im hinduistischen System des Ayurveda in die drei Qualitäten von Rajas, Sattva und Tamas eingeteilt. Sie werden auch nicht gemäß den fünf chinesischen Elementen oder nach Yin und Yang klassifiziert, wie in der chinesischen Medizin oder der japanischen Makrobiotik. Vielmehr werden Nahrungsmittel und medizinische Inhaltsstoffe nach sechs Geschmacksrichtungen und sechs nachverdaulichen Geschmäckern sowie acht inhärenten Qualitäten und siebzehn sekundären Eigenschaften angeordnet. Das findet sich mit einigen geringfügigen Abweichungen auch im ayurvedischen System wieder, ist dort jedoch dem Klassifikationsschema von Rajas, Sattva und Tamas untergeordnet. 

Somit hat die Umgebung, in der ein bestimmtes Nahrungsmittel angebaut wird, einen Einfluss auf dessen Eigenschaften. Manchmal werden die sechs Geschmacksrichtungen im tibetischen System jedoch im Sinne der fünf indischen Elemente analysiert: 

  • süße Nahrungsmittel sind eine Kombination von Erde und Wasser;
  • sauer – Feuer und Erde;
  • salzig – Wasser und Feuer;
  • bitter – Wasser und Luft;
  • scharf – Feuer und Luft;
  • zusammenziehend – Erde und Luft. 

Das Raumelement bezieht sich auf alle Geschmacksrichtungen.

Tibetische Medizin wird aus verschiedenen Heilkräutern und Blumen zubereitet, sowie aus trockenen Früchten, Nüssen, Wurzeln, Baumrinde, verschiedenen tierischen Produkten, metallischen und mineralischen Substanzen, Edelsteinen und dergleichen. Jedes Medikament besteht aus vielen verschiedenen Inhaltsstoffen, manchmal aus 35 oder mehr, von denen keiner ausgelassen werden darf. Die Zutaten werden kombiniert und gemahlen, nachdem jede einzeln auf eine ihrer jeweiligen Eigenschaft angemessene Weise gereinigt und getrocknet worden ist.

Die Bestandteile der Arzneien sowie die Ernährungsempfehlungen werden gemäß ihren Geschmäckern und Qualitäten ausgewählt. Bestimmte Geschmacksrichtungen und Qualitäten bewirken, dass ein Überschuss eines spezifischen Körpersaftes abgebaut wird. Das gleiche Prinzip gilt beim Bestimmen, welche Nahrungsmittel und Getränke dazu führen, dass die Störung eines Körpersaftes hervortritt oder sich verschlimmert. Einige Besonderheiten in Bezug auf die Ernährung wurden bereits in dieser Vortragsreihe erwähnt und es ist nicht notwendig, sie hier zu wiederholen.

Tibetische Ärzte werden daher auch in Pharmakologie ausgebildet. Sie lernen, die verschiedenen medizinischen Rohstoffe zu identifizieren und die Arzneien herzustellen. Sie begeben sich auf Expeditionen in die Berge, um medizinische Heilpflanzen zu sammeln und die Fachkundigen können sie blind identifizieren, nur durch ihren Geruch und Geschmack. Die idealen Fundorte für Heilpflanzen der tibetischen Medizin befinden sich in den hochalpinen Lagen schneebedeckter Massive oberhalb der Waldgrenze: in der Übergangszone direkt unterhalb des Felsgürtels, wo auf steinigem Geröllboden spärliche Vegetation einsetzt. Verschiedene Teile derselben Pflanze besitzen unterschiedliche Geschmacksrichtungen und werden häufig zur Behandlung verschiedener Störungen eingesetzt. 

Die kombinierten, vermahlenen Arzneizutaten können entweder als Tee aufgebrüht, als Pulver eingenommen oder zu kleinen Pillen verarbeitet werden, die in der Regel einen Durchmesser von etwa einem Zentimeter haben, mitunter jedoch nur etwa ein Fünftel dieser Größe aufweisen. Tees wirken unmittelbarer, etwa bei Halsschmerzen oder Asthma; Pulver hingegen dienen einer raschen, tieferen Wirkung, wie beispielsweise bei der Verabreichung eines Diuretikums. Pillen werden jedoch für langfristige und tiefgreifende Heilkuren eingesetzt. Sie konzentrieren die Essenz der Medizin und halten länger frisch.

Die heutige mongolische Behandlung folgt dem älteren tibetischen Brauch, Pulver ausschließlich aus einzelnen medizinischen Inhaltsstoffen zuzubereiten und sie später für jeden Patienten beim Verordnen zu vermischen. Seit der Zerstörung der medizinischen Klöster in den späten 1930igern wurden keine Pillen mehr hergestellt, da das gesamte System versteckt gehalten werden musste. Die Tradition der Herstellung von Pillen wird es jedoch höchstwahrscheinlich bald wieder geben.

Gegenwärtig werden in der Mongolei drei Feinheitsgrade von medizinischen Pulvern in der Mongolei hergestellt: 

  • Das gröbste Pulver wird für Tees benutzt. Bei den Tibetern werden Arzneitees nur durch das Aufkochen von Heilpulvern mit Wasser zubereitet. In der Mongolei wird ein Teil der Arzneien auf diese Weise aufgebrüht; bei bestimmten Krankheiten können die Heilpulver jedoch auch mit schwarzem Tee, Milchtee, Milch-Butter-Tee oder einfach mit reiner Milch aufgekocht werden – beispielsweise bei Schlafstörungen. 
  • Das mittelgrobe Heilpulver wird mit heißem abgekochten Wasser geschluckt.
  • Das feinste Pulver wird entweder auch mit heißem Wasser oder einer Mischung fermentierter Molke von Schafs- und Kuhmilch oder sogar mit Wodka eingenommen. Die „Vier Medizin-Tantras“ sprechen davon, bei bestimmten Wind-Störungen Medizin mit Alkohol einzunehmen. Obwohl die Mongolen dies praktizieren, tun die Tibeter es momentan nicht, weil viele von ihnen Gelübde abgelegt haben, keinen Alkohol zu trinken.

Die Mongolen nehmen auch manche Heilpulver mit Pferdemilch ein und Pferdemilch selbst wird in großen Mengen zu medizinischen Zwecken getrunken, besonders bei Tuberkulose und anderen Lungenkrankheiten, sowie für die allgemeine Reinigung des Körpers. Tatsächlich ist es bei den Mongolen üblich, sich jeden Sommer einen Monat lang ausschließlich von Stutenmilch zu ernähren, was als allgemeines stärkendes Reinigungsmittel dient. Es ist kein tibetischer Brauch, Pferdemilch zu sammeln oder zu trinken und daher wird sie bei ihnen nicht therapeutisch genutzt.

In der chinesischen Medizin werden die verschiedenen medizinischen Inhaltsstoffe nicht gemahlen und miteinander verbunden, sondern als Ganzes zusammen mit Wasser für Tee aufgebrüht.

Tibetische Medizin wird mindestens eine halbe Stunde vor oder nach den Mahlzeiten, nicht zusammen mit dem Essen, eingenommen und handelt es sich um Pulver oder Pillen, wird sie in der tibetischen Tradition nur mit einem Glas heißem, abgekochten Wasser genommen, damit sie besser verdaut werden kann. Die Pillen müssen vor dem Schlucken zerteilt oder gut zerkaut werden. Kostbare Pillen, die aus pulverisierten Edelsteinen in Kombination mit weiteren Zutaten hergestellt werden, sind lichtempfindlich. Sie werden in Seide gewickelt und müssen im Dunkeln zubereitet und eingenommen werden, wobei an diesem Tag eine spezielle Diät einzuhalten ist. Arzneibutter-Präparate werden durch das Auskochen von Butter, Milch und Honig in Kombination mit unterschiedlichen Heilkräutermischungen gewonnen. Diese werden dann eingenommen und helfen beispielsweise bei der Regeneration.

Gelegentlich werden Pulver geschnupft, wie bei Sinus-Problemen oder Heuschnupfen. Sei können auch mit verschiedenen Ölen oder Butter vermischt und als Salben bei Hautkrankheiten aufgetragen werden. Manche Pulver werden auch im trockenen Zustand benutzt, wie eine Art Puder.

Die Zeiten für die Einnahme von Medikamenten sind wichtig, da bestimmte Körpersäfte zu bestimmten Tageszeiten dominanter sind. Wind ist am frühen Morgen und frühen Abend am stärksten, Galle mittags und nachts, und Schleim am Vormittag. Für eine Krankheit werden auch zwei, drei oder sogar vier Medikamente auf einmal verschrieben, die zu verschiedenen Tageszeiten eingenommen werden. Heutzutage wird in der Mongolei jedoch meist immer nur ein Medikament verschrieben.

Astrologische Betrachtungen für die zeitliche Einnahme von Medikamenten 

Im gelben Berechnungssystem der tibetischen Astrologie gibt es ein Diagramm, das für jedes der zwölf Geburtsjahre im Tierkreis die günstigsten und ungünstigsten Zeiten unter den zwölf Doppelstunden des Tages für die Verabreichung von Arzneien ausweist. Somit sind für Menschen, die beispielsweise im Jahr des Affen geboren wurden, bestimmte zweistündige Perioden am Morgen, Nachmittag und Abend wirksamer, während es für Menschen, die im Jahr des Drachen oder der Schlange geboren wurden, andere sind.

Auch gibt es bestimmte zweistündige Perioden des Tages, an denen Arzneien für jedes der Hauptorgane am wirksamsten sind. Man versucht, die Medizin für das spezifische Organ eine Stunde vor diesem Zeitraum einzunehmen, damit es dann in diesem Zeitraum seine volle Wirkung entfalten kann. Sollte die für das betroffene Organ optimale Zweistundenperiode ausgerechnet für Personen mit dem eigenen Tierkreiszeichen ungünstig sein, wählt man jene günstige Zeitspanne für das eigene Geburtszeichen, die dem Zeitraum für dieses Organ am nächsten liegt. Konzepte der Astromedizin sind zwar im tibetischen Schrifttum verankert, besaßen jedoch in der mongolischen Praxis einen noch höheren Stellenwert – wenngleich sie auch dort in der gegenwärtigen Praxis kaum mehr Berücksichtigung finden.

Im chinesischen System der Akupunktur, wie sie im chinesischen Krankenhaus in Ulan Bator gelehrt werden, folgt man einem abgeänderten Vorgang, um die Zeit der Behandlung zu bestimmen. Die optimale Stunde wird unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren bestimmt: ob die Patienten männlich oder weiblich sind; falls weiblich, ob sie bereits Kinder geboren haben oder nicht; ob die Patienten jünger als zwanzig Jahre alt sind, zwischen zwanzig und achtundvierzig oder älter sind; sowie ob es sich bei der Erkrankung um eine Yin- oder Yang-Krankheit handelt – mit anderen Worten um eine Kälte- oder Hitze-Störung. Kann die Behandlung nicht zu dieser Stunde durchgeführt werden, so werden die Verweildauer der Nadeln sowie das Ausmaß ihres Drehens während der Sitzung entsprechend angepasst.

Geschmacksrichtungen und Qualitäten von Arzneien und Nahrungsmitteln 

Ein Teil der Theorie der Behandlung einer Krankheit befasst sich somit mit dem Geschmack der Arzneien. Dies stimuliert zusammen mit dem nachverdaulichen Geschmack oftmals den Körper zu einer Reaktion, wie dem Absondern bestimmter Substanzen. Somit ist es wichtig, die Medizin tatsächlich zu schmecken und dessen Geschmack nicht mit angenehmeren Speisen oder Getränken zu überdecken. Darüber hinaus haben verschiedene Geschmacksrichtungen je nach Dosierung – ob mittelmäßig oder hoch – unterschiedliche Auswirkungen.

Die sechs Geschmacksrichtungen sind:  

  • süß – wie Honig;
  • sauer – wie Zitrone; 
  • salzig – wie Salz; 
  • bitter – wie Chinin;  
  • scharf oder würzig – wie Pfeffer;  und
  • zusammenziehend – vergleichbar mit der Wirkung der Betelnuss.  

Die sechs nachverdaulichen Geschmacksrichtungen und ihre Auswirkungen sind: 

  • süß – regt Schleim an, beruhigt Wind und Galle;  
  • sauer – regt Galle an, beruhigt Wind und Schleim;
  • salzig – regt Galle an, beruhigt Wind und Schleim;  
  • bitter – regt Wind und Schleim an, beruhigt Galle;  
  • scharf – regt Galle an, beruhigt Wind und Schleim; sowie
  • zusammenziehend – regt Wind und Schleim an, beruhigt Galle. 

Nahrungsmittel und Arzneien besitzen auch grundsätzliche und zweitrangige Qualitäten, die ebenfalls einen Einfluss auf ein mangelndes Gleichgewicht im Körper haben. Die acht grundsätzlichen Qualitäten sind schwer oder leicht, rau oder weich, ölig, scharf und entweder wärmend oder kühlend. Wärmende und kühlende Nahrungsmittel beziehen sich dabei nicht auf die Temperatur oder ihren Grad an Schärfe, sondern auf ihre Fähigkeit, eine wärmende oder kühlende Auswirkung auf den Körper zu haben. Blumenkohl und Kohl sind zum Beispiel kühlende Nahrungsmittel und recht schädlich oder schwerverdaulich, wenn man wenig Verdauungsfeuer hat. 

Hier gibt es eine vollständige Auflistung der acht grundsätzlichen Qualitäten von Nahrungsmittel mit Beispielen: 

  • schwer – Kartoffeln, Mais, Weizen;  
  • ölig – Eier, Fisch, Mango, Banane, Granatapfel; 
  • kühlend – Blumenkohl, Kohl, Schweinefleisch; 
  • beruhigend oder weich – Spinat;
  • leicht – Geflügel;
  • rau – Kaffee, Kaninchenfleisch, fleischfressende Tiere;  
  • wärmend – Büffelfleisch, Granatapfel;
  • scharf – scharfe Chilis.  

Die zweitrangigen Qualitäten sind ebenfalls, schwer oder leicht, rau oder weich, ölig oder trocken, sowie wärmend oder kühlend. Doch sie werden durch das Klima oder den Ort bestimmt, an dem die Nahrungsmittel oder Heilpflanzen wachsen. Nahrung, die beispielsweise in einer feuchten, windigen Umgebung wächst, ist weich, und rau in einer trockenen und windigen. Wächst sie in einer kalten, windigen Gegend, ist sie generell kühlend, und an einem heißen, trockenen Ort wärmend. Aus diesem Grund besitzen Heilpflanzen, die künstlich in einer von ihrer natürlichen Heimat abweichenden Umgebung kultiviert werden, nicht dieselben Heilkräfte wie jene, die an ihrem ursprünglichen Standort wachsen. Das Aufbewahren in einem Kühlschrank, Gefrierschrank, sowie das erneute Aufwärmen und Haltbarmachen scheint auch die zweitrangigen Qualitäten von Nahrungsmittel zu verändern.

Hier ist eine vollständige Liste der siebzehn zweitrangigen Qualitäten von Nahrungsmittel mit Beispielen:  

  • sanft – Nahrungsmittel, die in einer feuchten, windigen Umgebung wachsen; 
  • schwer – Knochenmark, Kartoffeln, Kohl;
  • wärmend – Chilis, Granatapfel;  
  • ölig – Sesamöl, Getreideöle, Yak-Fleisch;  
  • festigend – Kaninchenhirn und andere Nahrungsmittel gegen Durchfall;  
  • kühlend – Nahrungsmittel, die in einer windigen Umgebung wachsen;
  • weich – Spinat und andere Nahrungsmittel, die in Umgebungen wachsen, in denen das Element Erde ausgeprägt ist;  
  • kühlend – Apfelsine, generell Gemüse;
  • geschmeidig – Nahrungsmittel, die in Wasser wachsen;
  • dünnflüssig – Nahrungsmittel, die in Wasser wachsen;  
  • trocken – Nahrungsmittel, die an heißen, trockenen Orten wachsen;
  • fettlos – Hülsenfrüchte ohne Fett;
  • heiß – Nahrungsmittel, die an sonnigen, heißen Orten wachsen;  
  • leicht – Nahrungsmittel, die an kühlen, windigen Orten wachsen; 
  • scharf – Nahrungsmittel, die an sonnigen, trockenen Orten wachsen;
  • rau – Nahrungsmittel, die an windigen Orten wachsen; sowie
  • beweglich – Nahrungsmittel, die an windigen Orten wachsen.  

Für das Behandeln einer bestimmten Krankheit empfiehlt der tibetische Arzt somit bestimmte Nahrungsmittel und Getränke, die hilfreich sind, und andere, die vermieden werden sollten. Obwohl dies schon erwähnt wurde, sollte noch ein weiterer Punkt angesprochen werden. Eine der allgemeinsten Ernährungsregeln besteht darin, keine wärmenden Nahrungsmittel oder Getränke mit kühlenden zu vermischen. Eiskaltes Wasser zu einer heißen Mahlzeit zu trinken, zerstört das Verdauungsfeuer und kann zu Verdauungsproblemen führen.      

Es wird auch empfohlen, die Verhaltensweise zu ändern. Die Arten von Handlungen, welche allgemeine Störungen der drei Körpersäfte verschlimmern oder mindern können, wurden bereits erwähnt. Bei Galle-Störungen solle man beispielsweise nicht in die Sonne gehen und so weiter; es ist nicht notwendig, das hier zu wiederholen.

Derzeitige amerikanische Forschungen zur Verhaltensmedizin 

In den Vereinigten Staaten hat sich in der Medizin ein neues Feld entwickelt, die so genannte Verhaltensmedizin. Hierbei geht es um den Einsatz von Achtsamkeitsmeditation in Stressbewältigungskliniken als Ergänzung zu Medikamenten, um die Heilung zu fördern und die Schmerzbewältigung zu unterstützen.

In der tibetischen Tradition wird in den medizinischen Texten nicht spezifisch und ausdrücklich Meditation zum Verbessern der Gesundheit empfohlen. Aus der Erkenntnis, dass die tiefere Ursache von Krankheiten in der Verwirrung hinsichtlich der Wirklichkeit sowie in störenden Emotionen gründet, ergibt sich jedoch implizit der therapeutische Wert meditativer Verfahren zu deren Überwindung.

Mit der Achtsamkeitsmeditation richtet man sich auf die Empfindungen im Körper, indem man jeden Teil langsam mit einem Bodyscan durchgeht. Man erkennt, dass der Schmerz nichts Solides, Beständiges und Unwandelbares ist, sondern sich ständig ändert. Auf diese Weise verliert der Schmerz seinen bedrohlichen Charakter und mit dem Nachlassen der Angstgefühle gelingt es den Patienten deutlich effektiver, ihr Schmerzerleben zu reduzieren oder gänzlich aufzulösen. Man kann sich auch auf das Kommen und Gehen von Gedanken fokussieren und muss nicht unbedingt an die negativen Gedanken, die entstehen, glauben, wie: „diese Schmerzen bringen mich um“, „ich halte es nicht mehr aus“, „ich werde Kopfschmerzen bekommen“ usw. Diese Techniken waren ausgesprochen erfolgreich bei Patienten, die unter chronischen Schmerzen, Kopfschmerzen, Asthma, Arthritis, Krebs, Bluthochdruck, AIDS und so weiter litten. Achtsamkeitsmeditation mag jemanden mit Krebs oder AIDS nicht zu heilen vermögen, aber sie scheint ihr Leben zu verlängern und die Qualität ihres Lebens zu verbessern, sodass die Patienten besser mit ihrer Krankheit umgehen können.  

Moxibustion 

Neben Veränderungen in der Ernährung, den Verhaltensweisen und dem Einnehmen von Medikamenten gibt es weitere Arten der Behandlung. An erster Stelle steht die Moxibustion, bei der verschiedene Hitzegrade an spezifischen Energiepunkten entlang der Kanäle des feinstofflichen Energiesystems des Körpers angewendet werden. Das Wort „Moxi“, wie es im Deutschen und anderen Sprachen benutzt wird, stammt aus dem tibetischen Wort „metsa“ (me-btsa’), was sich darauf bezieht, Hitze anzuwenden. Dabei handelt es sich um eine Technik, die in Tibet und Zentralasien entwickelt wurde und sich dann auf andere medizinische Systeme, wie dem chinesischen, ausweitete.

In der tibetischen Darstellung der Physiologie gibt es eine ausführliche Beschreibung der subtilen Energiekanäle, durch welche die verschiedenen Arten von Winden oder subtilen Energien fließen. Diese nicht-materiellen Kanäle, die nicht bei chirurgischen Eingriffen zu finden sind, haben spezifische Punkte, an denen Blockaden auftreten können und an denen Moxibustion und Akupunktur ausgeführt werden. Diese Kanäle und Punkte unterscheiden sich von den subtilen Energiemeridianen und Akupunkturpunkten, die in der chinesischen Medizin benutzt werden. Darüber hinaus gibt es auch einen kleinen Unterschied zu jenen Kanälen, die in den buddhistischen Tantras dargelegt und in der fortgeschrittenen Meditationspraxis genutzt werden, um Kontrolle über die subtilen Energien und damit verbundenen Bewusstseinszustände zu erlangen. Dies ist kein Widerspruch, da zahlreiche Ebenen subtiler Systeme innerhalb jedes Menschen nebeneinander existieren können.

Die mildeste Form der Moxibustion wird entweder mit einem Stück Sandelholz oder – häufiger – mit einer speziellen Onyx-Art durchgeführt, die nur in Tibet und Zentralasien vorkommt und als „Zebra-Stein“ bezeichnet wird, auf Tibetisch „Zi“ (gzi), der in einen Holzgriff gefasst ist. Der Zebra-Stein oder das Sandelholz wird durch Reibung aufgeheizt, indem es mit großem Druck an einem Holzbrett hin und her gerieben wird. Anschließend werden sie auf die entsprechenden Moxibustionspunkte aufgelegt, die häufig durch präzise Vermessung des Körpers unter Berücksichtigung der individuellen Körperproportionen lokalisiert werden. Meist entsteht dadurch eine Blase auf der Haut, die nicht viel schlimmer ist, als die Verbrennung mit einer Zigarette.

Mit dieser Art der Zebra-Stein-Moxibustion habe ich selbst Erfahrungen gesammelt und es bestimmt mehr als hundert Mal durchführen lassen. Es hat mir sehr bei einer Gelenkstörung geholfen, die ich hatte. Der tibetische Arzt sagte mir, dass ich ein Syndrom hätte, welches sich zu einer Arthritis oder zu Rheuma entwickeln würde. Die genaue europäische medizinische Erklärung ist mir nicht geläufig, daher bitte ich meine Unwissenheit und Naivität zu entschuldigen. Ich hatte eine Steifheit in meiner Schulter und den Hüftgelenken. Unter der Haut gab es weiche Knoten, die schmerzhaft waren, wenn man sie drückte. Vielleicht waren es entzündete Lymphknoten oder so etwas, ich weiß es nicht genau. Die Hitze wurde direkt auf der Stelle dieser Knoten angewendet und es bildete sich dann dort eine Blase. Nach meinem Verständnis – und ich mag damit völlig falsch liegen – würde die Flüssigkeit, die im Lymphbereich um das Gelenk herum die Beschwerden verursacht hat, aus der Schwellung abfließen und die Blase füllen, die sich durch die Brandwunde gebildet hat. Ich weiß nicht, ob dies medizinisch korrekt ist oder nicht. Das Brennen minderte jedenfalls umgehend den Druck und die Knoten in meinen Gelenken wurden beseitigt. Durch die wiederholte Durchführung dieser Behandlung über mehrere Jahre hinweg, kombiniert mit der Einnahme pflanzlicher Medizin, bildeten sich die Knoten schließlich nicht mehr und ich habe nun keinerlei Beschwerden an meinen Gelenken. Ich habe das Gefühl, die Moxibustion war wirklich effektiv und erfolgreich.

Zu einem anderen Zeitpunkt litt ich an einem iliotibialen Bandsyndrom (Läuferknie), bei dem der Sehnenstrang im Kniebereich über den Knochen rieb, was das Gehen bergab sowie über längere Distanzen äußerst schmerzhaft machte. Das ist ziemlich unangenehm, wenn man wie ich in den Bergen lebt. Als dies passierte, war ich gerade nicht in Indien und versuchte es mit Massage, chinesischer Akupunktur und ähnlichem, aber es wurde nicht besser. Die westlichen Schulmediziner hatten keine Abhilfe und empfahlen mir lediglich, beim Wandern eine elastische Bandage um mein Knie zu tragen und zu lernen, damit zu leben. Sobald ich wieder in Indien war, lies ich jedoch eine Moxibustion mit einem Zebra-Stein durchführen und wurde vollständig geheilt. Das war ziemlich beeindruckend.

Die nächststärkere Form der Moxibustion wird mit einem kleinköpfigen, hammerförmigen Instrument aus Eisen, Kupfer, Silber oder Gold durchgeführt, dessen Spitze in einem Kohlefeuer erhitzt und anschließend auf die verschiedenen Moxa-Punkte aufgesetzt wird. Sie kann beispielsweise sehr effektiv bei der Korrektur einer Wirbelsäulenkrümmung oder eines Bandscheibenproblems sein, wenn sie an mehreren Punkten entlang der Wirbel angewendet wird.

Die intensivste Form wird durchgeführt, indem ein kleines Kegelchen aus Kräuter-Moxapaste direkt auf einem Punkt der Haut langsam abgebrannt wird, was etwa zehn Minuten dauert. Eine Variation hiervon führt man in Kombination mit einer Goldnadel durch, die in einen Punkt eingestochen wird – am häufigsten in den weichen Knorpelbereich auf dem Scheitel der Schädeldecke. Der Kegel aus Moxapaste wird am äußeren Ende der Goldnadel abgebrannt, sodass die Wärme direkt auf den Punkt übertragen wird. Diese intensiveren Formate der Moxibustion werden am häufigsten bei Lähmungen angewendet – insbesondere im Zusammenhang mit einem Schlaganfall – sowie bei Epilepsie, Migräne, schweren Depressionen und verschiedenen anderen ausgeprägten Wind-Störungen. In allen Fällen besteht die Wirkung darin, Blockaden in den subtilen Energiekanälen zu beseitigen und den Energiefluss anzuregen.

In den Kalachakra-Texten wird auch über den „Lebensgeist“ gesprochen, auf Tibetisch „La“ (bla). Dabei handelt es sich um die Art von Energie, die es einem ermöglicht, sein Leben zu organisieren und aufrechtzuerhalten. Bei einem gesunden Menschen kreist der Punkt, an dem diese Energie der Lebenskraft am stärksten aktiviert werden kann, einmal pro Mondmonat parallel zu den Mondphasen durch den Körper, sodass er sich an jedem Tag des Mondkalenders an einer ganz bestimmten Stelle des Körpers befindet. Am Vollmondtag befindet er sich zum Beispiel oben auf dem Kopf. In der medizinischen Astrologie wird er manchmal berücksichtigt, um den besten Tag für das Ausführen einer Moxibustion an einem bestimmten Punkt im Körper zu bestimmen.

In der chinesischen Tradition der Moxibustion wird die Kräuter-Moxapaste am Ende einer Stahl- oder Silbernadel abgebrannt, die in einen der chinesischen – nicht tibetischen – Akupunkturpunkte eingestochen ist, oder sie wird angewendet, indem man die brennende Paste mit einem Instrument nahe an die Haut hält.  In der Regel wird sie nicht direkt auf die Haut gegeben und es werden keine goldenen Nadeln, Hammer oder Zebra-Steine verwendet.

Die moderne amerikanische Medizinrecherche lässt – obgleich noch nicht unumstritten – auf ein blitzschnelles, energie-basiertes Informationsübertragungssystem schließen. Dieses vor allem in der Haut verankerte System leitet Signale weit schneller weiter als die gewohnte neuronale oder chemische Reizleitung, um das Immunsystem zielgerichtet zu steuern. Obwohl Unterschiede im Gewebe und in den Zellen unter dem Mikroskop nicht erkennbar sind, gibt es in der Haut dennoch bestimmte Zellen mit höheren Konzentrationen spezieller supraleitender chemischer Substanzen, die einen Hochgeschwindigkeitsfluss von Energie ermöglichen könnten. Es ist bislang noch unklar, um welche Form von Energie es sich dabei genau handelt, doch diese Bereiche höherer Konzentration scheinen exakt den Moxibustions- und Akupunkturpunkten zu entsprechen. Diese Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

Akupunktur, Akupressur und Massage 

Die Akupunktur wird ebenfalls auf den Moxa-Punkten ausgeführt. Die Nadeln werden oft eine halbe Stunde steckengelassen, was normalerweise länger ist, als in der Technik, wie sie im chinesischen System ausgeführt wird. Außerdem werden von den Tibetern, im Gegensatz zur chinesischen Form, für die verschiedenen Störungen Nadeln aus Eisen, Kupfer, Silber oder Gold benutzt. Die Chinesen nutzen hingegen meist nur Nadeln aus Stahl. Darüber hinaus sind die tibetischen Nadeln dicker als die chinesischen. Laut der tibetischen Geschichtsschreibung verbreitete sich die Akupunktur von Tibet aus in die Mongolei ab Mitte des 13. Jahrhunderts, zur Zeit von Kublai Khan. Von der Mongolei gelangte sie nach China, wo sie die bereits existierende chinesische Form der Akupunktur, die stark zurückgegangen war, ergänzte. Es müssen weitere Forschungen angestellt werden, um herauszufinden, wie dieser tibetische Einfluss genau aussah.

Auch Akupressur wird als eine Form der Massage ausgeführt. Die Stimulation der Moxibustionspunkte erfolgt in der Regel mittels der flachen Daumenkuppe durch kreisende Reibung im Uhrzeigersinn. Bei spezifischen Indikationen oder an ausgewählten Punkten kommen jedoch gezielte vertikale oder horizontale Massagetechniken zum Einsatz. Zuweilen werden andere Finger, mehrere Finger zusammen oder sogar die Handfläche benutzt. Je nach Krankheit und dessen Ursache macht man die Akupressur trocken oder mit einer Art Öl oder Butter. Bei der chinesischen Akupressur scheint es nicht all diese Varianten zu geben und es werden Bewegungen mit und gegen den Uhrzeigersinn ausgeführt.

Zur Zeit wird die tibetische Tradition der Akupressur von den tibetischen Ärzten selbst nicht wirklich umfangreich praktiziert, außer beim Massieren bestimmter Wirbel zum Erleichtern und Beschleunigen der Geburt, sowie bei bestimmten Nervenstörungen. Eine Variante davon findet sich in der Mongolei, wo sie einfach als mongolische Massage weit verbreitet ist. Bei der mongolischen Technik wird der Puls mehrere Male während einer Behandlung gemessen, um den Energiefluss zu überprüfen. Bestimmte Punkte des Körpers, die manchmal, aber nicht immer, mit den tibetischen Moxa-Punkten übereinstimmen, werden mit stetigem Druck nach innen gedrückt. Der Punkt wird nicht, wie in der tibetischen oder chinesischen Akupressur, im Kreis bewegt. Mit dem Drücken von Punkten folgt man einer Reihe entlang der Strömungslinien von Wind und Blut, vom Zentrum des Körpers nach außen.

Die Massage wird heutzutage zwar nicht so häufig praktiziert, findet aber ebenfalls im tibetischen System statt. Verschiedene Arten von Ölen kommen bei bestimmten Arten von Störungen zum Einsatz. So massiert man beispielsweise den gesamten Körper mit Sesamöl, um gegen Wind-Störungen vorzugehen. Damit werden zudem die Poren geöffnet und hier kann Kichererbsenmehl eingerieben werden, was besonders wirksam ist, um Schleim zu absorbieren und Fette aufzunehmen, um das Gewicht zu reduzieren. Für gewöhnlich wird die Massage nicht bei Galle-Störungen angewendet.

In den tibetischen Medizintexten gibt es keine Art der Massage, die vergleichbar mit der japanischen Reiki-Technik wäre, bei der man durch das Halten der Hände über dem Körper ohne ihn wirklich zu berühren mit den Energiefeldern und Auras arbeitet. In der mongolischen Massagetechnik, die in der tibetischen Medizin genutzt wird, werden jedoch manchmal die Hände des Arztes über dem kranken Bereich des Patienten gehalten. Der Arzt sendet mit dem Wiederholen von Mantras und bestimmten Visualisierungen heilende Energie in Form von Hitze in diesen Bereich und nimmt den Schmerz der Störung an, den er dann oft in seinen Armen oder woanders fühlt. Manche mongolischen Ärzte lokalisieren den Bereich der Krankheit auf diese Weise, indem sie ihre Handfläche über einen Bereich halten und Hitze spüren. Die tibetischen Ärzte bedienen sich nicht solcher Techniken.

Es gibt jedoch eine tibetisch-buddhistische Meditationspraxis, die als „Geben und Nehmen“ (tib. gtong-len, Tonglen) bezeichnet wird und in der man die Krankheit einer anderen Person auf sich nimmt und ihr Gesundheit schenkt, was jedoch ausschließlich durch Visualisierung und Vorstellungskraft geschieht. Dies funktioniert nur, wenn eine besondere karmische Verbindung zum Patienten besteht und wenn es sie gibt, sind keine Handgesten notwendig. Es funktioniert nicht beruhend darauf, dass die Energie des Heilers einen Einfluss auf die Energie des Patienten ausübt. In der tibetisch-buddhistischen Tradition geht es bei den spirituellen Methoden meist um geistige Übungen und nur um wenig körperliche. Somit wird die Kraft des Visualisierens, Vorstellens und Betens für die spirituelle Heilung genutzt, anstatt irgendwelcher körperlichen Gesten, wie das Auflegen der Hände.

Andere Behandlungen 

Es gibt auch eine Tradition der Anwendung von Kräutereinläufen, Brechmitteln und Abführmitteln. Verschiedene Öle mit Kräutermischungen werden entweder als Kräutereinlauf in den Rektum geschoben oder oral eingenommen, um Erbrechen oder Durchfall zum Reinigen der Därme herbeizuführen. Das Baden in verschiedenen Arten heißer Mineralquellen wird heutzutage als Ersatz speziell zubereiteter Kräuterbäder genutzt, obwohl beides durchgeführt werden kann. Schröpfen mit einem Metallschröpfkopf, in dem ein Feuer entzündet wurde, um den Unterdruck zu erzeugen, oder durch Saugen mithilfe eines ausgehöhlten Ziegenhorns – kombiniert mit Aderlass und Lymphausleitung – wird manchmal ebenfalls durchgeführt, beispielsweise bei manchen Fällen von hohem Cholesterinspiegel, Bluthochdruck und Arthritis. Diese Verfahren kommen allerdings nur dann zur Anwendung, wenn der Patient über eine kräftige Konstitution verfügt und durch eine gehaltvolle Ernährung ausreichend gestärkt ist. Aus diesem Grund werden sie heutzutage von den tibetischen Ärzten in Indien nicht so häufig durchgeführt. In der Mongolei sind sie recht üblich, aber dort wird kein Ziegenhorn benutzt.

In den alten Texten wird auch ein chirurgisches System erwähnt. Im späten 8. Jahrhundert, zur Zeit von Kaiser Tri Songdetsen, wurde bei einer Königin eine Herzoperation durchgeführt, die nicht erfolgreich war. Die Königin starb und daraufhin wurden operative Eingriffe verboten. Alle Krankheiten und Störungen wurden mit Arzneien und den anderen erwähnten Vorgehensweisen wie Akupunktur, Moxibustion und dergleichen behandelt. So gibt es beispielsweise sehr wirksame Kräutermedizin gegen Blinddarmentzündung, Mandelentzündung, Kropf und andere Schilddrüsenerkrankungen sowie gegen Nieren- und Gallensteine, sodass eine Operation in diesen Fällen unnötig ist.

Darüber hinaus werden manchmal spezielles Wasser, Butter oder sogar winzige Pillen zubereitet. Ein großer spiritueller Meister – oder manchmal sogar hunderte von Mönchen – rezitieren dann Millionen von Mantras und pusten dann auf diese Substanzen, die gelegentlich von Patienten eingenommen werden und bei bestimmten schwierigen Situationen helfen sollen. Ich habe miterlebt, wie eine solche geweihte Butter von einer Frau während einer besonders lang andauernden Geburt eingenommen wurde, und sie hat die Entbindung erleichtert. Ich habe gesehen, wie solch ein Wasser von jemandem eingenommen wurde, der nach einem Schlaganfall gelähmt war, und es schien wirksam zu sein. Bestimmte Pillen dieser Art sind sogar hilfreich bei einer gewöhnlichen Erkältung. Hierzu gibt es viele Fälle.

Behandlung von Verrücktheit und geistigen Störungen 

Verrücktheit kann auf verschiedene Weise beschrieben werden. Meist wird sie als ein Ungleichgewicht der Körpersäfte, insbesondere des Windes, betrachtet. In solchen Fällen wird sie mit pflanzlichen Heilmitteln behandelt, um die Körpersäfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Psychische Störungen können auch durch schädliche Geister hervorgerufen werden. Ob man diese nun als tatsächliche Geister versteht, die Schaden anrichten oder von jemandem Besitz ergreifen, oder schlicht als Wesen im Allgemeinen, die Unheil stiften, um jemanden in den Wahnsinn zu treiben – der Behandlungsansatz ist ähnlich. Dieses Leid wird als Resultat eigener destruktiver oder grausamer Handlungen der Vergangenheit angesehen. Man würde Mönche bestimmte Rituale durchführen lassen, die darauf abzielen, diese Geister zu besänftigen und zu vertreiben, mit der Kraft der Liebe und des Mitgefühls gegenüber ihnen, sowie der Anteilnahme an ihrem eigenen elenden Zustand. Solche Rituale werden auch oft zusätzlich zur medizinischen Behandlung rein körperlicher Leiden ausgeführt. Dem Patienten rät man, wenn er dafür empfänglich ist, liebevoller und mitfühlender zu sein und wenn möglich spirituelle Praktiken auszuführen, wie das Wiederholen von Mantras mit dieser altruistischen Motivation.

Verrücktheit kann auch wegen dem Verlust der eigenen zuvor erwähnten Energie der Lebenskraft (tib. bla) auftreten, die eine Art organisierende Energie des Lebens ist. Beispielsweise können Menschen, die schreckliche Kämpfe und Blutvergießen in Schlachten erleben – mit vielen verstümmelten und getöteten Menschen – oder eine furchtbare Naturkatastrophe mit enormem Verlust von Menschenleben, diese organisierende Energie verlieren, die ihr Leben zusammenhält. Sie geben einfach auf zu versuchen, mit ihren Leben klarzukommen und tun nichts dagegen. Dies ist ein häufig beobachtetes Syndrom unter Soldaten, bekannt als „Kriegstrauma“ oder posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, sowie bei Personen mit einem Nervenzusammenbruch und Überlebenden von Konzentrationslagern. Ich glaube, es hat etwas mit dem Autoimmunsystem zu tun, jedoch mehr auf einer psychologischen Ebene. Ist jemand also nicht in der Lage, mit den Situationen im Leben klarzukommen, würden die Tibeter dies als Verlust ihrer Lebenskraft diagnostizieren. Im tibetischen Medizinsystem gibt es verschiedene Rituale, die durchgeführt werden können und die man als „Zurückholen der Energie der Lebenskraft“ (tib. bla-‘gugs) kennt. Außerdem kann Moxibustion durch geführt werden und der Patient kann sich in Meditationstechniken üben. 

Es kann also viele verschiedene Ursachen für psychische Schwierigkeiten und zahlreiche Behandlungen dafür geben. Doch die tiefste Ebene der Behandlung besteht darin zu versuchen, die Realität zu erkennen, um Verwirrung zu überwinden.

Ich habe keine bestimmte medizinische Behandlung für Alkohol- oder Drogenmissbrauch gefunden. Meist wird Patienten geraten zu versuchen, ihr Verhalten zu ändern, indem sie daran denken, welche negativen Auswirkungen dies auf andere haben kann und wie es sie selbst ernsthaft daran hindert, ihre eigenen Potenziale erkennen und anderen helfen zu können. Schließlich würde man sie dazu führen, die Verwirrung zu durchschauen, welche das Problem verursacht. Sobald sie mit dem Trinken oder den Drogen aufgehört haben, gibt es tibetische Medizin zum Entgiften des Körpers, besonders zum Reinigen des Blutes.

Behandlung von Krankheiten in der Bön-Tradition 

Ich war noch nicht in der Lage, Informationen über die Bön-Tradition der Medizin zu bekommen, die heutzutage in den Bön-Klöstern studiert wird. Es gibt jedoch bestimmte Elemente aus der alten medizinischen Tradition des Bön, die in das gegenwärtige tibetische System übertragen wurden und dies bezieht sich im Grunde auf bestimmte Fachausdrücke, die in den modernen Texten überlebt haben.

Dennoch besitzt die Bön-Tradition einen eigenständigen Ansatz im Umgang mit Krankheiten, der in ihr spezifisches rituelles System eingebettet ist. Eines der Grundprinzipien des Bön besagt, dass man, um ein Gleichgewicht im Körper herbeizuführen, die Umwelt und die Elementarkräfte um sich herum ins Gleichgewicht bringen muss. Indem man die Umgebung heilt, kann man den Patienten heilen.

Dies kann auf verschiedene Weise passieren, wie durch Rituale zum Besänftigen der Naturgeister und dergleichen. Doch eine der gängigsten Techniken ist mit der Astrologie verbunden. Bestimmte Elemente, meist die chinesischen fünf, also Erde, Wasser, Feuer, Holz und Eisen, werden dem astrologischen Horoskop eines jeden Menschen zugeordnet. Jedes Element hat eine Farbe und Fäden dieser Farben werden miteinander verwoben, um ein sogenanntes „Raum-harmonisierendes Netz“ zu bilden, dessen Muster und Farbauswahl anhand des Horoskops des Patienten berechnet werden. Wird solch ein Netz außerhalb des Hauses des Patienten aufgehangen, dient es dazu, die Elementarkräfte um den Patienten wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dadurch schafft es die förderlicheren äußeren Bedingungen, die zur Genesung des Patienten beitragen. Solche Methoden sind jedoch kein Ersatz für das Benutzen von Medikamenten.

Zusammenfassung 

Die Tibetische Medizin – insbesondere ihre Kräuterheilmittel, Moxibustion und Akupunktur – ist sehr wirksam bei vielen Krankheiten, die mit europäischen allopathischen Mitteln sehr schwer zu heilen sind, wie beispielsweise Hepatitis, Rheuma, Arthritis, Ischias, Bluthochdruck, Diabetes, Multiple Sklerose, Asthma, Allergien und so weiter. Liegen jedoch voll ausgeprägte Krankheitsbilder vor, insbesondere bei erblicher oder genetischer Disposition, stößt auch die tibetische Heilkunde an ihre Grenzen und kann nicht in jedem Fall eine Heilung garantieren.

Bei vielen Krebsarten ist sie jedoch effektiv und auch wenn sie den Krebs nicht heilen kann, mindert sie häufig die Schmerzen, verlängert das Leben und hilft, bis zum Tod einen klaren Geist und klare Sinne zu haben. Zum Zeitpunkt der Katastrophe durch toxische chemische Vergiftungen im indischen Bhopal erwies sich die Tibetische Medizin als äußerst wirksam, um den Folgen entgegenzuwirken und Todesfälle zu verhindern. Auch für die übliche Erkältung gibt es ziemlich gute Medizin, mit der man den Erkältungszyklus sehr schnell zu durchlaufen scheint und die Sache dann erledigt ist.

Kein Medizinsystem kann eine makellose Heilungsbilanz bei irgendeiner Krankheit für sich in Anspruch nehmen. Dies gilt in besonderem Maße für den tibetischen Ansatz, bei dem jeder Patient im Rahmen einer ganzheitlichen Behandlung als individueller Fall betrachtet wird und eine maßgeschneiderte Medikation erhält. Die Erfahrung der Menschen, was die tibetische Behandlung betrifft, ist allerdings beeindruckend. Aber man sollte keine Wunderheilungen für alles erwarten. Für manche Krankheiten gibt es bessere allopathische Medikamente und Vorbeugungsmaßnahmen, wie beispielsweise gegen Pocken. Doch selbst bei Unfällen gibt es eine tibetische Tradition des Knocheneinrichtens sowie der Verabreichung von Medikamenten, die dazu beitragen, den Heilungsprozess zu beschleunigen und einen Schockzustand zu lindern oder abzuwenden. Außerdem behandeln tibetische Ärzte auch Tiere, wie das Richten eines gebrochenen Beins bei einem Pferd. In Tibet und der Mongolei werden Pferde wegen einem gebrochenen Bein nicht erschossen!

Man kann also sehen, dass die Ausbildung eines tibetischen Arztes ziemlich weitreichend und ausführlich ist. Sie basiert auf einer starken moralischen Ethik, den Patienten zu nützen und niemals Gebühren für Untersuchungen zu erheben, sondern ausschließlich für die Medikamente. Diese Ausbildung umfasst nicht nur Human- und Tiermedizin sowie Pharmakologie, sondern ebenso die tibetische Astrologie. In tibetischen Medizinschulen gibt es immer auch eine astrologische Abteilung, in der nicht nur Astrologen ausgebildet, sondern auch spezialisierte Kurse für die Ärzte angeboten werden. Abhängig vom Tierzeichen des Geburtsjahres einer Person gibt es beispielsweise bestimmte Wochentage, die für die Lebenskraft und Lebensenergie förderlich sind, und andere, die als äußerst unheilvoll gelten. Ein Arzt zieht sie in Betracht, wenn er einen Wochentag wählt, an dem er eine Moxibustion für einen bestimmten Patienten durchführt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das tibetisch-buddhistische Medizinsystem auf eine lange Tradition der Praxis zurückblickt – nicht nur in Tibet, sondern auch in der Mongolei, den mongolischen und turkstämmigen buddhistischen Regionen der Sowjetunion und Chinas sowie in Teilen Nepals und den verschiedenen Abschnitten des Himalaya-Raums. Sie hat den europäischen allopathischen, alternativen und anderen traditionellen Medizinformen viel zu bieten und kann ihnen wertvolle Impulse liefern. Heutzutage werden an medizinischen Universitäten und Kliniken, insbesondere in den USA und Westeuropa, verschiedene Programme durchgeführt, um bestimmte tibetische Medikamente zu testen, beispielsweise gegen Krebs und AIDS. Umgekehrt zeigen sich auch die Tibeter aufgeschlossen für den Erwerb schulmedizinischer Verfahren, insbesondere in den Bereichen der Pockenprophylaxe, Notfallmedizin und Erstversorgung. Somit können durch gegenseitige Forschung, Respekt und das Teilen von Ressourcen alle Beteiligten profitieren.

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