Asangas Chittamatra-Darstellung des Karmas

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Heute Abend beginnen wir mit einem Seminar darüber, was eigentlich die Bedeutung von Karma in Bezug auf die Gelug-Prasangika-Darstellung ist. Das ist ein außerordentlich wichtiges Thema, da es sich beim Karma um eins der Dinge handelt, die es zu überwinden gilt. Es ist notwendig sich vollständig von ihm zu befreien und es nie wieder auftreten zu lassen, denn es ist die Ursache von Leiden. Daher ist es dringend erforderlich herauszufinden, was Karma genau ist. Wie sollten wir uns sonst davon befreien können, wenn wir nicht einmal wissen, was es ist? Es befindet sich im Innern unseres eigenen geistigen Kontinuums und so müssen wir in der Lage sein, Karma in uns identifizieren zu können.

Karma im Rahmen der vier edlen Wahrheiten 

Der Kontext, in dem wir das tun, ist natürlich der, dem alle Lehren Buddhas zugeordnet werden: die vier edlen Wahrheiten. Die erste edle Wahrheit ist, wahre Leiden zu erfahren und hier gibt es drei Arten. Das erste ist das so genannte Leid des Leidens, was sich auf das Unglücklichsein bezieht. Dann haben wir das Leid der Veränderung und hier geht es um unsere gewöhnliche Art von Glück, das nie anhält oder zufriedenstellend ist. Wir wollen immer noch mehr und wenn wir zu viel haben, verwandelt es sich in Unbehagen – wenn wir beispielsweise zu viel von unserer Lieblingsspeise auf einmal essen. Die dritte Art ist das alles umfassende Leiden, was sich auf unsere unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburt bezieht. Das Wort dafür ist „Samsara“: also mit einer Art von Körper und Geist wiedergeboren zu werden, die eine Stütze oder Grundlage dafür sind, Unglück oder gewöhnliches Glück zu erfahren. Hätten wir weder Körper noch Geist, würden wir ganz offensichtlich kein Glück oder Unglück erfahren. Wir sind auf unkontrollierte Weise mit der Art von Körper und Geist geboren wurden, durch die wir diese Art des Unglücklichseins oder des gewöhnlichen Glücklichseins erfahren können. Mit dem Körper und Geist eines Buddhas ist das nicht möglich.

Durch die zweite edle Wahrheit – die wahren Ursachen dieser drei Arten von Leid – können wir erkennen, dass Unglück durch destruktives Karma, gewöhnliches Glück durch konstruktives Karma und unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburten durch Karma im Allgemeinen entstehen. Allerdings wird Karma in diesen drei Fällen von störenden Emotionen und Geisteshaltungen begleitet. Beide beruhen auf unserem fehlenden Gewahrsein in Bezug darauf, wie wir und wie alles existiert. In gewisser Weise ist Karma in diesem Netzwerk der Ursachen des Leidens recht prominent und daher müssen wir es identifizieren.

Die dritte edle Wahrheit ist die wahre Beendigung und das bezieht sich darauf, sich vollständig davon zu lösen, sodass es nie wiederkehrt. Wovon wollen wir uns für immer lösen? Wir wollen dem fehlenden Gewahrsein, dem Karma, sowie den störenden Emotionen und Geisteshaltungen ein Ende setzen. 

Die vierte edle Wahrheit ist der wahre Pfadgeist und hier geht es um die Ebenen der Verwirklichung, durch die wir uns von den wahren Ursachen des Leidens lösen können. Der so genannte wahre Pfad bezieht sich im Grunde auf die wahre Art des Verstehens. 

Die verschiedenen Darstellungen des Karmas 

Was ist Karma? In den buddhistischen Lehren gibt es diesbezüglich zwei grundlegende Darstellungen, die von den Tibetern akzeptiert werden. In der Theravada-Tradition gibt es noch eine weitere Erklärung des Karmas, aber von den Tibetern wird sie nicht gelernt und wir werden heute Abend nicht darüber reden. Wir sollten uns jedoch bewusst darüber sein, dass es sich um eine völlig andere Darstellung des Karmas handelt – obwohl die allgemeine Vorstellung in Bezug auf das Karma nicht so viel anders ist. Ungeachtet dessen ist aber die Erklärung der Wirkungsweise recht unterschiedlich. Bei den zwei aus Indien stammenden Traditionen, die von den Tibetern studiert werden, handelt es sich erstens um die Darstellung von Vasubandhu, der sie in seiner Abhandlung: „Abhidharmakosha, Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“ erklärt hat. Sie wird in der Vaibhashika-Schule der indischen buddhistischen Lehrsysteme akzeptiert, bei der es sich um eines der Hinayana-Lehrsysteme handelt. 

Tsongkapa stimmt in seinem Prasangika-System grundsätzlich vielen Punkten Vasubandhus zu, jedoch modifiziert er sie gemäß dem Prasangika-Verständnis. Somit haben wir eine Gelugpa-Version der Prasangika-Version des Karmas. Wir sollten uns auch darüber bewusst sein, dass es in jeder der tibetischen Traditionen eine eigene Version des Prasangika gibt und daher ist Tsongkapas Version in der Gelug-Tradition einzigartig. In den anderen Traditionen des tibetischen Buddhismus folgt man ihr nicht. Im Sautrantika-Lehrsystem, das auch ein Hinayana-System ist, kann man nicht so genau sagen, welcher Version sie folgen. Dort gibt es viele Einwände gegen Vasubandhus System und Vasubandhu spricht selbst in seinem eigenen Kommentar zu diesem Text darüber.

Bei der anderen handelt es sich um eine Mahayana-Darstellung des Karmas, die wir in der Abhandlung von Asanga, in seiner Abhidharma-Schrift „Abhidharmasamuccaya, Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“ finden. Sie wurde im Chittamatra-Sytem, dem rein-geistigen System, verfasst und wird auch von der Svatantrika-Abteilung des Madhyamika anerkannt. In den meisten Systemen des tibetischen Buddhismus, die nicht der Gelugpa-Tradition angehören, stützt man sich auf Asangas Behauptungen, obwohl natürlich auch jene von Vasubandhu untersucht werden. Im Gelug-Prasangika-System werden bestimmte Dinge von Asanga akzeptiert, aber im Wesentlichen hält man sich an Tsongkapas neue Formulierung des Vaibhashika-Systems. 

Wahrscheinlich sind diese Informationen einfach nur interessant, aber nicht sehr nützlich. Allerdings können sie uns helfen zu verstehen, dass es zahlreiche verschiedene Sichtweisen in Bezug auf das Karma gibt. Nichts existiert in den buddhistischen Lehren nur für sich selbst und eigentlich existiert auch im gesamten Universum nichts nur für sich. Wir können Karma nur im Kontext eines bestimmten Lehrsystems verstehen und mit all den verschiedenen Behauptungen dieses Systems und der Weise, wie Karma in dieses ganze philosophische System passt, arbeiten. 

Wenn wir den Dharma studieren, ist es von großer Wichtigkeit, ein breites Verständnis und Wissen zu haben, damit jedes einzelne Thema in den Rahmen und das größere Bild all dieser Lehren passt. Daher widmen sich die Tibeter für zwanzig oder dreißig Jahre dem Studium, um jeden einzelnen Punkt der Lehren innerhalb eines größtmöglichen Kontextes verstehen zu können. 

Asangas System 

Heute Abend würde ich gern Asangas System präsentieren, in dem Karma auf eine einfachere Weise erklärt wird. „Einfach“ ist ein sehr relativer Begriff und bezieht sich hier auf eine weniger komplizierte Version, als die des Prasangika, die jedoch trotzdem noch außerordentlich kompliziert, aber etwas verständlicher ist. Im Wesentlichen möchte ich jedoch an diesem Wochenende auf das Gelug-Prasangika-System eingehen, da es nicht so oft erklärt wird. Wir sollten uns wiederum bewusst sein, dass Asangas System aus der Chittamatra-Schule – der rein-geistigen Schule – stammt und das ist in der gesamten Darstellung des Karmas von Bedeutung. Nach Ansicht von Asanga ist Karma ein Geistesfaktor, und zwar der eines Dranges. Ein Drang ist einer der fünf immer arbeitenden geistigen Faktoren, die jeden Augenblick unserer Wahrnehmung begleiten. Um irgendetwas in den buddhistischen Lehren verstehen zu können, ist es notwendig, die Definitionen der Fachbegriffe zu kennen. Die monastische Schulung des Erlernens dieser Begriffe bezeichnet man für gewöhnlich als Tradition des Debattierens, aber das eigentliche tibetische Wort dafür ist „Definieren“. Definitionen sind das, womit im Studium hauptsächlich gearbeitet wird. 

Definition von Fachbegriffen: Der Geistesfaktor eines Dranges 

Ein Drang ist also ein Geistesfaktor. Das heißt, er ist ein kleiner Teil eines jeden Augenblickes unserer Wahrnehmung und führt dazu, dass sich die geistige Aktivität einem Objekt zuwendet oder sich auf sie richtet. Im Allgemeinen wird durch ihn das geistige Kontinuum dazu gebracht, ein Objekt kognitiv aufzunehmen. Ein Drang, oder ein Bedürfnis – ich weiß nicht, wie das Wort im Deutschen benutzt wird, aber im Englischen sagen wir beispielsweise: „ich habe ein Bedürfnis, mir die Wand anzusehen“, „ich verspüre den Drang, mir den Kopf zu kratzen“; „ich habe das Bedürfnis, dich anzusehen“ oder „ich verspüre den Drang, dir etwas zu sagen“.

Ein Drang ist ein Geistesfaktor, der in Erscheinung tritt und demzufolge man dann etwas tut. Ein Drang kann konstruktiv, destruktiv oder unspezifisch sein. „Unspezifisch“ heißt, es kann in beide Richtungen gehen; oder „unspezifisch“ kann auch einfach etwas Neutrales sein. Beispielsweise ist es weder konstruktiv, noch destruktiv, sich den Kopf zu kratzen – es sei denn, man übertreibt es. Karmische Dränge haben eine zwanghafte Eigenschaft, als hätten wir keine Kontrolle über sie. Ich denke, das ist das Wichtigste, was es in Bezug auf das Karma zu verstehen gilt. Da gibt es diese Zwanghaftigkeit und sie ist es, die wir im Grunde überwinden müssen – die Zwanghaftigkeit, die uns fast zu kontrollieren scheint. 

Geistiges Karma 

Um mit dem Definieren von Begriffen fortzufahren, bezieht sich „geistiges Karma“ auf das, was eine Abfolge von Gedanken hervorruft und hier ist die Rede von einer Abfolge destruktiver Gedanken. Vielleicht denken wir darüber nach, wie wir etwas bekommen können oder was wir begehren; zum Beispiel: „Wie könnte ich dieses Geld an mich bringen?“ Andere destruktive Gedanken wären, jemanden zu verletzen oder etwas zu widerlegen, was eine Person sagt, obwohl es wahr und korrekt ist. Das geistige Karma ist dieser zwingende oder zwanghafte Drang, zu beginnen so etwas zu planen oder zu denken. Es gibt auch schwächere Arten von zwanghaften geistigen Drängen, wie der zwanghafte Drang, sich ein Lied im Kopf vorzusingen. Auf Deutsch nennt man das einen Ohrwurm, wenn man ständig irgendein Lied im Kopf hat. Das ist ein Zwang, nicht wahr? Es ist das, was zu dieser Abfolge von Gedanken führt. Ein anderes Beispiel wäre, wenn wir vor dem Einschlafen diesen geistigen Drang haben, nachzugrübeln und uns Sorgen zu machen, ohne den Geist zur Ruhe bringen zu können. 

Hier geht es also um den Zwang – diesen zwanghaften Drang, der zu einer Abfolge von Gedanken führt. Die Rede ist nicht von den Gedankenketten selbst, sondern von dem Zwang, der dazu führt, die Kontrolle zu verlieren. Den eigentlichen Gedankengang bezeichnet man als Pfad des geistigen Karmas. Es ist nicht das Karma selbst. 

Physisches und verbales Karma: Zwingende Dränge 

In diesem System sind physisches und verbales Karma ebenfalls Geistesfaktoren. Obwohl es sich um zwingende Dränge handelt, werden sie hier nicht so bezeichnet. Vielmehr nennt man sie „erzwungene Dränge“ und das heißt, sie können von den geistigen Drängen erzwungen werden. Es geht um den Drang, der uns auf den Pfad physischen und verbalen Verhaltens führt. Beispielsweise gibt es diesen zwingenden Drang darüber nachzudenken, wie ich etwas an mich bringen kann, was ich haben möchte. Es könnte darum gehen, etwas zu stehlen, sich eine Arbeit zu suchen, oder sich etwas aus dem Kühlschrank zu holen. Es könnte alles sein. Ich werde mir etwas holen und der Drang zielt darauf ab. Was nun durch diesen Drang erzwungen wird, ist der Drang, der uns in Bewegung setzt und zur tatsächlichen Handlung führt. Das ist wiederum etwas Zwanghaftes, wie in dem Beispiel: „Ich denke, ich werde zum Kühlschrank gehen und mir etwas zu essen holen“ und dann gehen wir los und tun es, wie unter Zwang. Oder ein anderes Beispiel: „Ich werde dorthin gehen und mit ihm reden“ und zwanghaft beginne ich dann etwas zu sagen.

Karma ist also nicht die Handlung selbst. Es ist der Zwang, der zu der Handlung führt. Das Problem ist, dass im Tibetischen das Wort für Karma auch das umgangssprachliche tibetische Wort für Handlung ist. Wenn die Menschen daher das tibetische Wort „Lä“ sehen, übersetzen sie es für gewöhnlich mit „Handlung“, denn das ist die Bedeutung des Wortes in der Umgangssprache. Das führt dann zu einer vollkommen falschen Vorstellung. Wenn wir Karma analysieren, sehen wir, dass es sich auf etwas bezieht, von dem wir uns trennen und dem wir ein Ende setzen müssen. Würde Karma nun Handlung bedeuten, könnten wir einfach aufhören, irgendetwas zu tun und schon wären wir von allen Leiden befreit. Offensichtlich bedeutet es also nicht Handlung, zumindest nicht in unserem gewöhnlichen Verständnis und ganz gewiss nicht in Asangas System. 

Karma ist eine wahre Ursache des Leidens und muss daher etwas sein, dass wirkliche Probleme verursacht. Nur etwas zu tun oder zu sagen, ist nicht das Problem, oder? Vielmehr geht es um die Zwanghaftigkeit und die Handlungen werden in diesem System als die „Pfade des Karmas“ bezeichnet. Mit anderen Worten ist es das, zu dem der zwanghafte Drang führt oder was daraus folgt. Dann haben wir eine zwanghafte Abfolge von Gedanken, zwanghafte Rede oder zwanghafte Taten. 

Sowohl der daraus folgende Drang, als auch das Verhalten, könnten destruktiv sein, also mit störenden Emotionen, wie Wut, Gier und Ähnlichem einhergehen. Es könnte auch „befleckt konstruktiv“ sein und das wäre etwas Konstruktives ohne eine störende Emotion, aber in Verbindung mit dem Greifen nach einem soliden „Ich“. Zum Beispiel sehen wir uns als ein solides „Ich“, das immer gut ist, das anderen hilft, um ein guter Mensch, ein richtig guter Dharma-Praktizierender zu sein; oder als ein zwanghafter Weltverbesserer, der nie nein sagen kann. Drang und Verhalten können auch unspezifisch sein. Beispielsweise könnte ich einfach über Politik reden und das könnte in beide Richtungen gehen: ich könnte mich voller Wut hineinsteigern oder versuchen, eine Lösung für ein politisches Problem zu finden. Es könnte in beide Richtungen gehen und ist daher unspezifisch.

Pfad des Karmas 

Was ist nun ein Pfad des Karmas? Bevor wir damit beginnen, sollten wir uns einen Moment Zeit nehmen, um diese Dinge einwirken zu lassen. In diesem System des Karmas geht es um den zwanghaften Drang. Es geht nicht um die Handlung, sondern um den zwingenden Drang etwas zu denken, zu sagen oder zu tun. Es ist der Zwang, der durch störende Emotionen wie Wut oder Anhaftung gesteuert wird, oder auch einfach auf eine egoistische Haltung zurückzuführen ist, mit der wir denken: „ich muss gut sein“, „ich muss perfekt sein“ oder „ich muss alles unter Kontrolle haben und alles muss nach meinem Kopf gehen“. Wenn wir meinen, alles kontrollieren zu müssen, weist das auf ein aufgeblasenes Ego hin. Alles muss sauber und perfekt sein und das ist wie eine Art Zwang. Es ist nichts verkehrt daran, wenn Dinge sauber sind, aber die Zwanghaftigkeit ist das Problem. Wir haben Angst die Kontrolle zu verlieren und machen daher ständig alles sauber. Das Leid besteht darin, einen Augenblick glücklich zu sein, weil alles sauber ist, aber dann plötzlich wieder Unzufriedenheit zu spüren und von Neuem mit dem Saubermachen anzufangen. Ich glaube, das ist wirklich ein gutes Beispiel.

Lass das einen Moment einwirken und damit sollten wir versuchen, es in uns selbst zu erkennen. Es geht darum, diese Zwanghaftigkeit, die die wesentliche Quelle aller Probleme ist und von der wir uns wirklich gern lösen würden, in uns selbst zu erkennen. Und wir wollen nicht nur deswegen davon frei werden, weil sie Probleme verursacht und uns neurotisch macht, sondern auch weil sie uns davon abhält, anderen zu helfen. Vielleicht sagen wir zwanghaft das Falsche, wir hängen zwanghaft an etwas oder verlieren unsere Geduld. Diese Probleme treten auf, wenn wir anderen helfen wollen. 

Denken wir etwas tiefgründiger darüber nach, können wir in der Tat erkennen, dass es mehr als nur Selbstbeherrschung erfordert. Es ist ein Anfang, an dem wir Selbstbeherrschung nutzen können, um nicht so zwanghaft zu sein, aber wir müssen tiefer gehen und untersuchen, was diesen Zwang antreibt und woher er kommt, um uns davon befreien zu können. Darüber werden wir nicht so viel an diesem Wochenende reden, denn wie wir uns von Karma befreien können, ist ein anderes Thema. Jetzt wollen wir zunächst einmal verstehen, wie Karma funktioniert. Zunächst gilt es erst einmal zu erkennen, auf welche Weise durch Karma ein Netz entsteht, das uns gefangennimmt. Dann können wir verstehen, wie wir es dekonstruieren und uns daraus befreien können. 

Wie bereits gesagt, sind Denken, Sprechen, Handeln und Tun die Pfade des Karmas und nicht das Karma selbst. Es ist notwendig, den Pfad des Karmas zu verstehen Ein Pfad des Karmas ist nicht nur die Handlung. Mann könnte es als ein Wort für das Ganze benutzen, aber es ist viel komplexer als das. Es ist schwer ein gutes Wort dafür zu finden und daher benutze ich den Begriff „Pfad“. Hier sollten wir uns wiederum die Definition ansehen. Es handelt sich um eine Ansammlung von vier Faktoren und diese vier Faktoren müssen für einen Pfad des Karmas zusammenkommen, um vollständig zu sein und um möglichst vollständige Resultate hervorzubringen. Fehlen ein oder mehrere Faktoren, ist es etwas anderes und nicht der gleiche Pfad des Karmas. 

Vier Faktoren für einen vollständigen Pfad des Karmas 

(1) Zunächst muss es eine Basis geben: jemand, den ich verletze oder helfe; jemand, dem ich etwas stehle oder gebe; jemand, den ich belüge oder dem ich immer die Wahrheit sage. Das ist unsere Basis. 

(2) Dann muss es einen motivierenden geistigen Rahmen geben, der sich aus drei Faktoren zusammensetzt. 

  • Der erste dieser drei ist das Unterscheiden. Unterscheiden wird für gewöhnlich mit „Erkennen“ übersetzt, was jedoch nicht so passend ist. Am einfachsten kann man das so erklären: Wenn ich etwas betrachte, geht es darum, diese farbigen Formen einer Person oder eines Körpers von jenen der Wand im Hintergrund zu unterscheiden. Sind wir nicht in der Lage, eine Sache von einer anderen zu unterscheiden, können wir uns nicht damit auseinandersetzen. Wir müssen wissen, was es ist. Hier geht es darum, die Grundlage zu bestimmen, also diese Person, zu der man etwas sagen will, von jener anderen zu unterscheiden; oder diese Person, auf die man schießen will, von jener oder von der Wand zu unterscheiden. Es ist notwendig, die Grundlage von allem anderen zu unterscheiden. 
  • Dann geht es um das motivierende Ziel und das bezieht sich auf die Absicht. Die Absicht ist das, was ich beabsichtige zu tun oder zu sagen. Ich beabsichtige beispielsweise, diesen Job zu bekommen und denke nun darüber nach, was ich sagen könnte. Es gibt also eine Absicht. 
  • Und wir haben einen damit einhergehenden emotionalen Zustand, der ihn steuert und entweder destruktiv oder konstruktiv sein kann. Es ist die Kombination dieser drei Dinge, die den Überbegriff „motivierender Rahmen“ trägt, aber meist einfach als Motivation bezeichnet wird. 

Sehen wir uns das beispielsweise an dem Besuch dieses Seminars an. Wir erkennen und unterscheiden, dass wir etwas über Karma lernen wollen und nicht über Lehrheit, Vergänglichkeit oder etwas anderes. Wir unterscheiden es auf korrekte Weise. Die Absicht ist, nicht einfach nur gut zuzuhören, sondern etwas zu lernen, das uns in unserem Leben hilfreich sein kann, um Probleme zu überwinden und anderen von Nutzen zu sein. Das ist die Absicht oder das Ziel. Warum wollen wir dieses Ziel erreichen? Welche Emotion liegt dem zugrunde? Es ist das Mitgefühl für andere. Wenn im Buddhismus die Rede von Motivation ist, geht es darum, diese drei Faktoren zusammenzubringen. Wollen wir unsere Motivation prüfen und korrigieren, ist es daher notwendig, diese drei Faktoren zu untersuchen. Warum sind wir hierher gekommen? Bestand unser Grund darin, sozialen Austausch zu haben? Was erwarten wir, was ist das Ziel? Welche Emotion steckt dahinter? Ist es Neugier, Mitgefühl, Einsamkeit oder der Wunsch Freunde zu treffen? All diese Dinge kommen für die Motivation zusammen.

Um es noch einmal zu wiederholen: wir haben die Basis, den motivierenden geistigen Rahmen und dann haben wir (3) die Anwendung all dessen. Die Wahl der tibetischen Wörter ist hier recht interessant. Es geht nicht um das Wort „Handlung“, sondern um die „Anwendung“ dieser Motivation, etwas tun zu wollen. Es geschieht dadurch, indem wir etwas zusammenbringen und das eigentliche Wort ist hier „verbinden“. Wir wenden diese Motivation an, um die Handlung tatsächlich auszuführen. Vielleicht haben wir die Absicht hierher zu kommen, wir kennen den Ort und die Adresse, aber wir sind im Verkehr steckengeblieben und konnten nicht kommen. Wir müssen tatsächlich ankommen. Es kann auch sein, dass wir gar nicht erst losgefahren sind, weil das Telefon geklingelt hat und etwas passiert ist; wir sind also nie angekommen. Die Absicht muss in die eigentliche Tat umgesetzt werden. (4) Schließlich muss das eigentliche Endziel erreicht werden. Wir müssen wirklich angekommen sein.

Ein anderes Beispiel wäre, auf jemanden zu schießen und wenn er nicht wirklich stirbt, haben wir ihn lediglich verwundet und nicht getötet. In diesem Fall ist daraus eine vollkommen andere Handlung geworden. Oder wir sagen jemandem etwas wirklich Furchtbares und wollen seine Gefühle verletzen und er hört uns gar nicht. Die Handlung hatte also keine Wirkung und hat ihr Ziel verfehlt. Vielleicht war die Telefonverbindung unterbrochen und der andere hat nie gehört, was wir gesagt haben. Oder wir haben eine furchtbare E-mail geschickt, aber sie ist im Spam-Filter gelandet und wurde nie gelesen. Solche Dinge passieren. 

Sprechen wir vom Pfad des Karmas, sind diese vier Faktoren immer vorhanden und auch wenn das eigentliche Ziel erst am Ende eintritt, gibt es doch eine ganze Abfolge von Dingen. Zuerst haben wir den Drang, um es in Gang zu setzen. Dann gibt es da den Drang, durch den es entweder fortgesetzt oder mittendrin beendet wird, wenn wir meinen, der Handlung ein Ende zu setzen. Der Pfad umfasst die gesamte Abfolge und das ist, wenn man einmal darüber nachdenkt, im Grunde sehr gut so. Vielleicht hat man den Drang, eine Person anzurufen, sich bei ihr zu beschweren und sie anzuschreien. Es gibt einen Zwang, darüber nachzudenken, es zu tun. Das ist der zwingende Drang, mit der Handlung des Sprechens zu beginnen und dann ruft man sie an, nachdem man darüber nachgedacht hat, es zu tun. 

Genau genommen haben wir den Zwang, die Nummer zu wählen und dann den Zwang, mit dem Sprechen anzufangen. Wir fühlen uns gezwungen, die Nummer zu wählen, aber vielleicht haben wir die Nummer nicht richtig erkannt und wählen eine falsche Nummer. Auch das kann passieren. Wir müssen sie korrekt unterscheiden. Das ist interessant, denn unsere Erregung könnte sich etwas legen, wenn wir uns erst einmal verwählen. Schließlich beginnen wir dann zu sprechen und das habt ihr sicher alle schon erlebt, wenn man einfach nicht mehr aufhören kann und immer weitermacht. Da gibt es diesen Zwang, jeden Moment einfach immer weiter zu machen und ohne nachzudenken immer noch mehr zu sagen. Es geschieht einfach zwanghaft und schließlich hören wir dann irgendwann auf. Wir verspüren ein zwingendes Gefühl, das Gespräch zu beenden – es reicht. Natürlich könnte sich während unseres Monologs einiges, wie beispielsweise unser Gefühlszustand, ändern. Vielleicht hören wir die Person am anderen Ende weinen und sind ein bisschen traurig, weil wir sie zum Weinen gebracht haben; oder aber sie schreit zurück, was uns dann noch wütender macht. All diese Dinge sind an diesem Pfad beteiligt und jeder dieser Faktoren kann sich ändern. 

In Asangas System unterscheiden wir zwischen dem Zwang – dem zwanghaften Drang, der diese ganze Sache antreibt – und der Handlung, die daraus folgt. Wie nennen wir sie genau? Bezeichnen wir sie als Handlung, die daraus folgt, oder als daraus folgendes Ereignis? Es geht um das Zusammenspiel all dieser Teile und ihre gesamte Abfolge, während sie sich ändern. Das Ganze ist der Pfad des Karmas. In Asangas System ist der gesamte Pfad des Karmas selbst ein eigenständig existierendes Ereignis oder eine Sache. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die gesamte Konversation eine Sache ist, ein Ereignis, das mich wirklich verärgert hat. Und was hat mich verärgert? Da gibt es all diese kleinen Details usw., aber das Gespräch als Ganzes ist das Ereignis. Erinnere ich mich an das Gespräch? An was erinnere ich mich? Laut diesem System ist es ein eigenständig erkennbares Ding, das für sich als dieses Gespräch existiert. Das bezieht sich auf das Chittamatra-System und auch im Svatantrika-System stimmt man dem zu. 

Der Fachbegriff dafür ist: „eigenständige Entität“ und wird manchmal auch als „Substanz“ übersetzt, was in dieser Situation jedoch ohne Bedeutung ist. Eine eigenständige Sache wird als etwas definiert, das eine Funktion ausübt. Das Gespräch hat die Funktion ausgeübt, mich zu verärgern. Worauf bezog sich das Gespräch? Auf all diese Worte, die Emotionen dahinter, das Ziel, die Absicht und die Basis. All das gehört dazu, aber das Gespräch, als eine Sache für sich, hat die Funktion gehabt, mich zu verärgern. Das ist Asangas System und es ergibt einen Sinn.

Ein Pfad des Karmas ist nicht nur die Ausführung der Handlung. Das ist nur ein kleiner Teil dessen. Wir nennt man das Ganze? Nun, das ist schwer zu sagen, nicht wahr? Wenn man irgendetwas, was man selbst oder was ein anderer tut oder sagt, analysiert, dann ist das ziemlich komplex. Dieses Wort trifft es ziemlich gut: Es ist ein Komplex all dieser verschiedenen Faktoren, aber für uns übt er eine Funktion als Entität für sich aus. Denkt einmal darüber nach. Zum Beispiel sagen wir: „Ich erinnere mich an das Gespräch“, „ich erinnere mich an die Reise nach Indien“ oder „ich erinnere mich, als ich diesen Job hatte“. An was erinnern wir uns genau? Scheint es nicht so, als würde es sich um eine Sache handeln, an die wir uns erinnern? Tatsächlich besteht diese Sache jedoch aus einem Komplex unglaublich vieler verschiedener Dinge, die passiert sind. Wir sagen: „Die Reise nach Indien hat einen großen Eindruck in mir hinterlassen.“ Aber was genau hat diesen Eindruck bei mir hinterlassen? 

In unserem Thema geht es nicht darum, Leerheit zu analysieren, aber obwohl es offenbar so scheint, als würde es sich um eine solide Sache handeln, sagt man in der Prasangika-Schule, es gäbe nichts Solides auf Seiten all dieser Dinge, die es von sich aus zu einem Ereignis machen würden. Man könnte es natürlich als ein Ereignis bezeichnen, aber da gibt es nichts Solides. In anderen Schulen würde man jedoch behaupten, es gäbe etwas Solides, es würde funktionieren. Zum Beispiel sagen wir: „Ich habe viel durch diese Beziehung gelernt“. Aber woraus haben wir etwas gelernt? Aus diesem oder jenem Wort? Woraus genau? 

In Asangas Darstellung schließen sich zwanghafte Dränge und Pfade des Karmas gegenseitig aus. Das passt ziemlich gut in das rein geistige System, nicht wahr? 

Destruktive, befleckte konstruktive und unspezifische karmische Dränge oder Pfade des Karmas 

Da nun Karma und auch die Pfade des Karmas entweder destruktiv, befleckt konstruktiv oder unspezifisch sein können, sollten wir uns die Definitionen davon ansehen. Als „befleckt“ bezeichnet man etwas, das auf eine störende Emotion oder Geisteshaltung zurückzuführen ist oder in irgendeiner Weise damit zusammenhängt. Es ist notwendig zu verstehen, was diese störenden Emotionen und störenden Geisteshaltungen sind. Es ist schwer ein Wort dafür zu finden. Auf Sanskrit nennt man es „Klesha“, aber wie kann man das bloß übersetzen? Vielleicht mit Verblendung? Es gibt wirklich kein gutes Wort dafür. Diese Emotionen können mit einer Auffassung verbunden sein oder nicht. Jene, die mit einer Auffassung verbunden sind, bezeichnen wir als „störende Emotion“, obwohl das Wort Emotion nicht alle fünf Dinge umfasst, die damit einhergehen. Die andere bezeichnen wir als „störende Geisteshaltung“. Um es noch einmal zu wiederholen: es gibt keine gute Übersetzung dafür, Wir sollten uns bewusst darüber sein, dass wir im Westen die Geistesfaktoren nicht in diese Kategorien unterteilen, wie das im Buddhismus der Fall ist. Es gibt wirklich keine Worte, die sie alle umfassen und wir ordnen sie nicht in der gleichen Weise an. 

Aber die Definition einer störenden Emotion oder Geisteshaltung ist sehr hilfreich, wie eigentlich alle Definitionen. Eine störende Emotion oder Geisteshaltung ist ein Geisteszustand, bei dem wir unseren geistigen Frieden und unsere Selbstbeherrschung verlieren, wenn er auftritt. Wenn man feinfühlig genug ist, kann man ihn für gewöhnlich einfach an dem Gefühl der inneren Nervosität erkennen, an einer Störung der inneren Energie. 

Das Wort „destruktiv“ wird als karmischer Drang oder Pfad des Karmas definiert, der durch fehlendes Gewahrsein verhaltensbedingter Ursache und Wirkung ausgelöst oder begleitet wird und auch mit anderen störenden Emotionen einhergeht. Mit anderen Worten sind wir uns nicht bewusst darüber, was die Konsequenz dessen sein wird, was wir fühlen und was wir sagen oder tun werden. Wir sind verwirrt. Wenn ich jemanden anschreie, mangelt es mir im Grunde an Gewahrsein, obwohl ich den Drang habe zu schreien und etwas Hässliches zu sagen. Ich bin mir nicht bewusst darüber, welche Wirkung das auf mich haben wird, dass ich meinen inneren Frieden verlieren und mich nicht wirklich besser fühlen werde. Ich bin mir auch nicht bewusst darüber, welche Wirkung das auf den anderen haben wird. Ich habe überhaupt keinen Sinn dafür und mir ist es egal, ob es seine Gefühle verletzen wird. Das ist fehlendes Gewahrsein in Bezug auf Ursache und Wirkung. 

Bei einem destruktiven Drang oder Pfad des Karmas gibt es dieses mangelnde Gewahrsein und auch eine störende Emotion – insbesondere Verlangen, Anhaftung oder Gier. Verlangen heißt, etwas zu begehren, das man nicht hat; mit Anhaftung will man das, was man hat, nicht loslassen; und mit Gier will man von dem, was man hat, noch mehr. Dann gibt es da die störende Emotion der Wut oder einfach ein fehlendes Feingefühl und Naivität in Bezug auf die zwanghaften Dränge oder das zwanghafte Verhalten und die Auswirkungen. 

Zusätzlich fehlt es an moralischer Selbstachtung, an Selbstwürde und dann ist es uns egal, was wir tun und welches Licht unsere Taten auf andere werfen. Im Grunde ist das ein ausgesprochen asiatisches Konzept. Wenn ich unangemessen handle, wird das Schande über meine Familie bringen. Genauso wäre es, wenn wir losgehen, um uns zu betrinken: es würde ein schlechtes Licht auf Buddhisten werfen, wenn wir selbst Buddhisten sind. Dann kann es passieren, dass die Menschen vielleicht schlecht über Buddhisten denken. Oder nehmen wir einmal ein, ich wäre eine Frau und würde auf bestimmte Weise handeln: vielleicht würden dann die anderen schlecht über Frauen denken und es könnte ein schlechtes Licht auf alle anderen Frauen werfen. Handelt es sich um destruktives Karma, ist es uns schlichtweg egal.

Ein karmischer Drang oder Pfad des Karmas ist konstruktiv, wenn er durch Loslösung herbeigeführt wird oder damit einhergeht. Man ist losgelöst, wenn man nichts von dem anderen haben möchte. Man will nicht an dem festhalten, was man hat. Wenn man jedoch nicht bereit ist zu teilen und einfach immer mehr haben will, dann ist das Anhaftung. Loslösung heißt nicht, wir wären völlig frei von Anhaftung, aber es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. In diesem Moment will ich einfach nur helfen und nichts dafür haben. Vielleicht habe ich einen Hang für Schokolade, aber das ist etwas anderes. In diesem Moment halte ich nichts zurück und ich möchte auch nicht immer noch mehr von eurer Zeit und Aufmerksamkeit. Die begleitende Emotion könnte das Gegenteil von Ärger sein; ich will euch also nicht zurückweisen und ich will niemandem wehtun oder schaden. Es könnte auch sein, dass ich nicht naiv in Bezug auf die Wirkung meines Verhaltens auf mich und andere bin. Außerdem ist da moralische Selbstachtung und Anteil daran, welches Licht meine Handlungen auf andere werfen. 

Es ist interessant, diese Dinge in sich selbst zu identifizieren. Es gibt jede Menge Worte, aber um wirklich zu wissen, worum es hier geht, ist es notwendig, all diese verschiedenen Dinge, über die wir im Buddhismus reden, in uns selbst zu erkennen, ansonsten macht es nicht viel Sinn. Da könnte man genauso gut die Namen von Insekten lernen. Einmal habe ich meine Schüler in Berlin gefragt, warum sie nicht betrügen oder lügen. Warum eigentlich? Habt ihr wirklich Angst davor in die Hölle zu kommen? Nun, niemand hatte Angst, deswegen in die Hölle zu kommen. Warum lügen und betrügen wir also nicht? 

Um nicht diese Gewohnheit zu schaffen.

Um nicht diese Gewohnheit zu schaffen. Ihr sollt jetzt nicht alle darauf eine Antwort geben, weil wir nicht die Zeit dafür haben. Denkt einfach einmal darüber nach. Es wäre interessant, dieses Thema einmal miteinander zu besprechen, wenn wir die Zeit dafür haben. Leider haben wir sie aber nicht und das tut mir leid. 

Die Schlussfolgerung der meisten von uns war, dass es sich einfach nicht richtig anfühlt. Der Grund war für uns nicht, weil es gesetzlich verboten wäre oder wir auf tiefe philosophische Weise darüber nachdachten. Es fühlt sich einfach nicht gut an. Das ist der Sinn der moralischen Selbstachtung. Wir denken: „Das würde ich nicht tun. Ich halte mehr von mir selbst, als das ich so handeln würde.“ Ist es nicht so? Warum mache ich beispielsweise keine große Szene und schreie vor allen anderen herum, wenn ich wütend bin? Weil ich mehr von mir selbst halte, als so etwas zu tun, andere dazu zu bringen, schlecht über mich zu denken. Es fühlt sich einfach nicht richtig an und daher werde ich mich beherrschen. Wenn jemand in der U-Bahn die Person, die neben ihm sitzt, anschreit und eine große Szene macht, verursacht er damit eine Störung für alle anderen. Ihm ist es egal, was alle anderen denken, wenn er sich so aufführt. Er ist außer Kontrolle. Außer Kontrolle zu sein ist die Definition einer störenden Emotion. Es ist wichtig, diese Dinge in sich zu erkennen und zu wissen, worum es dabei wirklich geht.

Sowohl befleckte kontruktive, als auch destruktive karmische Dränge und Pfade des Karmas werden durch die zweite Art von Unwissenheit hervorgebracht und begleitet. Hierbei handelt es sich um die Unwissenheit darüber, wie wir und wie andere als Personen existieren und es betrifft das Konstruktive und das Destruktive. Worum geht es hier? Sehen wir uns befleckte konstruktive karmische Dränge an. Auch wenn sie von Mitgefühl getragen werden, sind sie zwanghaft in dem Sinne, dass sie auf eine Weise ausgeführt werden, die uns selbst Sicherheit geben und unsere Existenz bestätigen soll. Hier gibt es auch eine störende Geisteshaltung und sie wird als verblendete Auffassung in Bezug auf ein vergängliches Netzwerk bezeichnet. Im Grunde handelt es sich um eine verblendete Auffassung in Bezug auf unsere Aggregate.

Mit dieser Geisteshaltung suchen wir nach etwas in unseren Aggregaten, in dem was wir erfahren, um uns daran wie an einer Basis für das Greifen nach einem wahren „Ich“ einzuklinken. Wir projizieren auf diese Basis „ich“ oder „mein“ und das wird von dieser Auffassung begleitet. Wir streben danach, es zu einer Basis zu machen, auf die wir durch das Greifen nach einer unmöglichen Art des „Ichs“, ein „Ich“ oder „Mein“, also ein wahres, solides „Ich“ projizieren. Das Projizieren geht nicht von der Geisteshaltung selbst, sondern von dem Greifen aus. Die Geisteshaltung ist einfach etwas, das sich an Dinge wie mein Haus und meins einklinkt und durch das Greifen findet das Projizieren statt. Daher wird sie von einer Auffassung begleitet und von der Unwissenheit darüber, wie wir existieren. 

Es handelt sich um eine Kombination dieser drei Unruhestifter: diese verblendete Auffassung in Bezug auf ein vergängliches Netzwerk, das Greifen nach einem „Ich“ und die Unwissenheit darüber, wie wir existieren – sie alle kommen zusammen. Jeder hat eine etwas andere Funktion und sie arbeiten zusammen. Im Fall einer physischen Handlung gibt es den zwanghaften konstruktiven Drang, etwas Konstruktives zu tun, beispielsweise das Haus sauberzumachen und alles in Ordnung zu halten. Warum tun wir das? Um uns sicher und geborgen zu fühlen und das Gefühl zu haben, wir hätten alles unter Kontrolle. Wir klammern uns an das saubere Haus. Das bin ich; ich bin ein guter Haushälter; ich bin dieses solide „Ich“, das sich sicher und gut fühlt, weil dieses schöne und saubere Haus meins ist. Alles ist gut. Tatsächlich fühlen wir uns jedoch unsicher und auf diese Weise drückt sich die Unwissenheit darüber, wie wir existieren, aus. Wenn ein Blatt Papier vom Tisch fällt ist das eine kleine Katastrophe, denn wir müssen zwanghaft sauber und gut sein. Wir müssen von Neuem alles saubermachen und das geschieht zwanghaft. Es ist nichts Falsches daran, das Haus sauber zu halten, aber wir tun es mit der Vorstellung, nur so zu existieren und ein guter und sauberer Mensch zu sein, wenn unser Haus sauber ist. Könnt ihr diese Faktoren hier erkennen? 

Ein anderes Beispiel wäre der zwanghafte Drang anderen zu helfen. Vielleicht wollen wir unserer Tochter, die bereits verheiratet ist, helfen, ihre Kinder großzuziehen. Sie will es eigentlich gar nicht, aber auf zwanghafte Weise haben wir das Gefühl, unsere Ratschläge geben zu müssen. Warum tun wir das? Wir tun es, um uns nützlich und gebraucht zu fühlen und einfach ein gutes Gefühl zu haben, weil wir hilfreich sind. Wir meinen: „Das ist mein guter Ratschlag und diese nützliche Hilfe kommt von mir“. Was gewissermaßen dahinter steckt, ist eine aus Unsicherheit hervorgehende Bestätigung unserer Existenz. Wir sind unsicher, weil wir denken, da gäbe es dieses solide „Ich“, das Sicherheit braucht, indem es gut ist. Das verstehen wir unter einem befleckten konstruktiven zwanghaften Verhalten. Warum ist es zwanghaft? Es ist zwanghaft, weil es mit diesem Missverständnis befleckt ist. Wir tun es, um uns selbst gut zu fühlen, zu merken, dass es uns gibt und wir uns nützlich fühlen können. 

Es gibt zwanghaft konstruktive verbale Handlungen und dabei handelt es sich beispielsweise um das Rezitieren von Mantras und solcher Dinge, um ein guter Praktizierender zu sein. Wir denken: „Die Rezitation und Ansammlung von 100.000 Mantras habe ich vollbracht; ich bin gut und habe bewiesen, dass ich ein guter Praktizierender bin, weil ich 100.000 Stück davon ausgeführt habe.“ Das gibt mir, diesem soliden „Ich“, ein Gefühl der Sicherheit, als ob man Sicherheit dadurch bekäme, etwas 100.000 Mal zu rezitieren. Das Gleiche würde auf eine geistige Aktivität zutreffen, bei der wir beispielsweise die Mantras im Geist rezitieren. Die Handlung selbst ist nicht das Problem, sondern die Zwanghaftigkeit, die ihr zugrunde liegt und dieser ganze Mechanismus von „ich“ und „mein“. Zu denken, es würde „mich“ sicher machen und „mir“ ein gutes Gefühl geben, das ist das Problem. Das macht es zu etwas Zwanghaftem oder Neurotischem, wie man es im Westen ausdrücken würde. 

Das ist die grundlegende Betrachtungsweise des Karmas und seiner Bedeutung in dem weniger komplizierten System Asangas. Bei all diesen Dingen gilt es, sich an das Wichtigste zu erinnern: der größte Unruhestifter in uns ist die Zwanghaftigkeit, die uns dazu bring, auf zwanghafte und neurotische Weise entweder destruktiv oder konstruktiv zu handeln. Dieser Zwang, der von diesen störenden Emotionen begleitet wird, führt im Grunde dazu, unglücklich zu sein, wenn man auf destruktive Weise handelt. Er führt dazu, dass ich unglücklich bin, weil ich zwanghaft den Drang verspüre zu schreien; ich verspüre zwanghaft den Drang, selbstsüchtig oder fordernd zu sein. Es geschieht unkontrolliert und führt dazu, unglücklich zu sein. Es gibt auch das zwanghafte konstruktive Verhalten, wie beispielsweise ständig das Haus aufräumen zu müssen, immer zu versuchen perfekt zu sein usw. Es gibt mir das Gefühl glücklich zu sein, aber dieses Glück ist nicht von Dauer, weil ich nie zufrieden bin. Dann muss ich etwas anderes tun, um zu beweisen, wie perfekt ich bin, aber ich bin nie perfekt genug und daher ist es vollkommen neurotisch. Jedes Mal, wenn die Dinge ein wenig perfekt zu sein scheinen, fühlt es sich gut an, aber es ist nicht gut. Ich denke, der Perfektionismus ist das perfekte Beispiel dafür, worum es hier in Bezug auf dieses zwanghafte konstruktive Verhalten geht. Ein Perfektionist zu sein, kann einen verrückt machen, besonders wenn wir es hier in unserer Dharma-Praxis anwenden. Wir meinen, wir müssen perfekt sein, eine richtige Sitzhaltung haben und all diese Dinge, aber auf diese Weise sind wir einfach nie entspannt.

Das alles umfassende Leiden 

Durch all diese Dinge erfahren wir dann das alles umfassende Leiden. Aus dieser Zwanghaftigkeit heraus werden wir zwanghaft wiedergeboren und haben einen Körper und einen Geist, mit denen wir dann noch mehr zwanghafte Dränge erleben können. Das folgende Beispiel ist vielleicht nicht wirklich passend, aber es ist eine schöne Analogie. Wir befinden uns mit jemandem in einer ungesunden Beziehung, in der es jede Menge zwanghafte Verhaltensmuster gibt. Wenn die Beziehung endet und wir uns von ihr lösen, lässt sich das mit dem Ende eines Lebens vergleichen. Dann sehen wir uns auf zwanghafte Weise nach einer anderen Beziehung um und gehen sie ein. Aus dem Zwang heraus müssen wir wieder eine Beziehung haben und dann gehen wir sie ein und haben abermals die gleichen zwanghaften Gewohnheiten. Es wiederholt sich einfach und wir lernen nie etwas daraus. Wir gehen einfach nur zwanghaft von einer Beziehung in die nächste und all diese Beziehungen sind ungesund. Das ist das alles umfassende Leiden. Solange wir nichts daraus lernen, wird diese Gewohnheit immer zwanghafter und stärker, je mehr wir ungesunde und unglückliche Beziehungen eingehen. Das ist bedauerlich, aber das ist Samsara. Wir sollten uns daraus befreien, denn es macht uns einfach nur verrückt und betrübt, besonders weil es uns wirklich davon abhält, anderen konstruktiv helfen zu können.

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