Ursachen geistigen Abschweifens von Bodhichitta vermeiden

Verse 2 und 3

Rückblick

Verbeugung und Buddha-Natur

Wir haben über die ersten Verse des Textes „Ein Juwelenkranz des Bodhisattva“ gesprochen, in denen es allgemein darum ging, wie man meditiert, und insbesondere darum, wie man über Bodhichitta meditiert.

Das Thema wurde eingeleitet durch einen Vers, der eine Verbeugung bzw. Ehrung zum Ausdruck bringt, nämlich die Verbeugung vor dem großen Mitgefühl, vor den höchsten Lehrern – d.h. den spirituellen Meistern, die großes Mitgefühl verkörpern – und vor den Buddha-Formen, die untrennbar von den Lehrern sind: vor den Yidams, die die Buddha-Natur der Lehrer repräsentieren. Vor diesen dreien verbeugen wir uns in der Überzeugung, dass sie untrennbar miteinander verbunden sind.

Wenn wir uns verbeugen, z.B. zu Beginn buddhistischer Unterweisungen, zeigen wir damit eine Geste der Verehrung gegenüber den Buddhas und den nachfolgenden erleuchteten Meistern sowie auch unserer eigenen zukünftigen Erleuchtung, die wir anstreben – dem Ziel von Bodhichitta -, und den Faktoren der Buddha-Natur in uns, die es uns, genauso wie auch jedem anderen, ermöglichen, Erleuchtung zu erlangen. Wir ehren also nicht nur unsere eigene, individuelle zukünftige Erleuchtung, sondern auch die zukünftige Erleuchtung aller anderen und die Faktoren der Buddha-Natur in ihnen.

Die Verbeugung, die wir zu Beginn der Unterweisungen machen, gleicht also dem, was hier in diesem Vers der Ehrung zum Ausdruck gebracht wird, insofern, als wir dabei an alle Wesen in Gestalt einer Buddha-Form und mit allen Qualitäten der Buddha-Natur ausgestattet denken können - Qualitäten, die allesamt mit großem Mitgefühl und Bodhichitta verbunden sind -, so wie man es auch im Tantra tut, wo man sich jeden als Chenrezig usw. vorstellt. Wenn man nach Erleuchtung strebt, ist die Überzeugung von Bedeutung, dass es nicht nur uns möglich ist, Erleuchtung zu erreichen, sondern auch jedem anderen. Wie könnten wir darauf hinarbeiten, allen zur Erleuchtung zu verhelfen, wenn wir dies nicht für möglich hielten?

Wir können auch dem Betrunkenen, der auf der Straße liegt, Respekt und Ehre erweisen, nämlich der zukünftigen Erleuchtung und der Buddha-Natur dieses Betrunkenen, oder sogar noch weiter gehen und uns vor der zukünftigen Erleuchtung und Buddha-Natur einer Kakerlake verbeugen.

Und was, so könnte man fragen, ist z.B. mit Amöben – haben auch sie Buddha-Natur? Zunächst einmal müssen wir überlegen, ob es dabei um etwas geht, was bewusste Empfindungsfähigkeit hat. Es ist sehr schwierig, eine Grenzlinie zu ziehen zwischen dem, was bewusst empfindungsfähig ist, und etwas, bei dem das nicht der Fall ist. Das ist eine überaus knifflige Unterscheidung. Im Buddhismus werden Geister und Höllenwesen als bewusste, fühlende Wesen betrachtet, Pflanzen und vegetative Existenzformen wie beispielsweise Hautpilze hingegen nicht. Es ist durchaus nicht leicht zu erkennen, welche Lebensformen tatsächlich fühlende Wesen in dem Sinne sind, dass sie eine Art Gewahrsein haben und imstande sind, angenehme oder schmerzhafte Empfindungen zu erfahren, die Resultat ihrer karmischen Handlungen in früheren Leben sind.

Wie dem auch sei, hier im Zusammenhang mit unserem Vers geht es in erster Linie um Folgendes: Wenn wir sogar der Erleuchtung und Buddha-Natur einer Kakerlake Ehre erweisen können, in der Überzeugung, dass auch sie Erleuchtung erlangen kann – wie könnten wir dann entmutigt sein hinsichtlich der Möglichkeit unserer eigenen Erleuchtung? Shantideva bringt das in einem sehr schönen Vers zum Ausdruck: Wenn Erleuchtung sogar für Fliegen, Mücken, und Würmern möglich ist, warum sollte sie dann nicht auch für mich möglich sein?

(VII.17) Man sollte nie den Mut verlieren und denken: „Ich werde es nie schaffen Erleuchtung zu erlangen.” Denn der Wahrheit-Verkündende, der So-Gegangene (Buddha), hat die Wahrheit auf diese Weise kundgetan:
VII.18) „Sogar jene, die als Mücken, Moskitos, Hornissen und Würmer geboren wurden, sollen ebenso durch das Entwickeln der Kraft des schwungvollen Elans die so schwer zu erreichende unübertreffliche Erleuchtung erlangen.”
(VII.19) (Wieviel mehr trifft dies zu für) jemanden wie mich, der über die (Buddha-) natur verfügt, als Mensch geboren wurde und erkennen kann, was nützlich und was schädlich ist! Warum sollte ich keine Erleuchtung erlangen, solange ich mich nicht dem Bodhisattva-Verhalten verwehre?

Wenn wir wirklich Bodhichitta haben, sind wir – in Verbindung mit dem Verständnis der Leerheit - mit dem stärksten Gegenmittel gegen Entmutigung gerüstet. Schon Bodhichitta allein ist ein sehr wirksames Gegenmittel gegen Geisteszustände, die beispielsweise auf der lähmenden Trägheit beruhen, die mit dem Gedanken einhergeht: „Ich kann das nicht; ich bin zu dumm dafür; das ist zuviel für mich“ usw. Diese Denkweise zu überwinden ist sehr wichtig. Andernfalls ist es aussichtslos, wirklich mit Bodhichitta tätig zu sein. Leerheit hilft uns, diese Hindernisse zu überwinden, indem sie klarmacht: „Es ist keineswegs so, dass meine Natur von sich aus darin besteht, grundsätzlich unfähig zu sein. Um Erleuchtung zu erlangen, kommt es lediglich darauf an, entsprechende Ursachen zu schaffen und für passende Bedingungen, Einflüsse und Inspiration zu sorgen.“

Der erforderliche Geisteszustand, um über Bodhichitta zu meditieren

Im Hinblick auf die Meditation über Bodhichitta erwähnt Atisha zunächst, dass es notwendig ist, unentschlossenen Wankelmut aufzugeben müssen. Das hat nicht nur mit Unentschlossenheit in Bezug darauf zu tun, was Bodhichitta ist, wie man darüber meditiert und welches die gültigen Methoden dafür sind, sondern auch in Bezug darauf, ob wir selbst Bodhichitta entwickeln können, und insbesondere, ob wir selbst Erleuchtung erreichen können und alle anderen auch. Wenn wir Zweifel haben, ob wir diese Ziele überhaupt erreichen können, werden wir nicht mit ganzem Herzen bei der Sache sein können, um einspitzige Konzentration zu entwickeln und uns auf Bodhichitta auszurichten.

Wir arbeiten daran, solche Zweifel zu klären und unentschlossenen Wankelmut bezüglich dieser Punkte im Verlauf unserer Beschäftigung mit der Lehre und mittels Nachdenkens darüber loszuwerden. Dann können wir von ganzem Herzen mit Ernsthaftigkeit praktizieren, sagt Atisha – in dem Sinne, dass wir uns dann mit ganzem Herzen auf die Praxis einlassen können. Das bezieht sich hier vor allem auf die Meditation über Bodhichitta. Wir verstehen, was Bodhichitta ist, und sind überzeugt, dass wir diesen Geisteszustand entwickeln und Erleuchtung erreichen können. Dann können wir uns voll und ganz darauf ausrichten und uns diese Einstellung wirklich geistig und gefühlsmäßig zur förderlichen Gewohnheit machen – das ist es, was das Wort „Meditation“ eigentlich bedeutet.

Was ich noch hinzufügen möchte, ist, dass wir Klarheit auch in der Hinsicht brauchen, dass wir Unentschlossenheit darüber beseitigen, wie wir anderen helfen können, Erleuchtung zu erlangen – nämlich nicht in der Art eines allmächtigen Gottes, der bloß den Finger zu rühren braucht und dadurch jemanden augenblicklich zur Erleuchtung bringen könnte. Auch in Bezug darauf dürfen wir nicht unentschieden sein: Wir brauchen eine klare Vorstellung, wie wir anderen wirklich zur Erleuchtung verhelfen könnten, und die Überzeugung, dass die Art, wie wir darauf hinarbeiten, wirksam ist. Ein alter Scherz besagt: „Wenn man ein allmächtiger Gott wäre, warum müsste man dann jemandem die Hand auflegen, um ihn zur Erleuchtung zu bringen? Nur damit es überzeugender aussieht?“

Als Nächstes müssen wir die Hindernisse beseitigen, die in der Meditation selbst auftreten. Was hinderliche Trägheit betrifft, so sagt Atisha, dass wir uns von Schläfrigkeit, Dumpfheit und Faulheit befreien müssen. Sobald wir diese Arten von Trägheit losgeworden sind, sind wir in der Lage, uns stets mit Tatkraft zu bemühen. Tatkraft ist der beherzte Mut, nie aufzugeben, sich mit aller Kraft konstruktiver Aktivität zu widmen, und zwar konstant, mit Selbstvertrauen und Freude daran. Das ist eine Energie, die in die Welt hinausstrahlt.

In vielen Texten wird „Tatkraft” als „freudig” beschrieben und sogar oft als „freudige Tatkraft” übersetzt. Das Wort „freudig“ wurde auf bemerkenswerte Weise aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt. Das tibetische Wort spro-ba beinhaltet zwei Bedeutungen. Die Bedeutung, die normalerweise im Vordergrund steht, ist „freudig“, doch die andere Bedeutung, die dem Sanskritwort utsaha näher steht, ist „ausstrahlende Energie“. Es ist das gleiche Wort, das für „ausstrahlen“ (z.B. im Zusammenhang mit „Emanationen“) verwendet wird. Es handelt sich also um eine Energie, die auf freudvolle Weise nach außen geht – wie bei einem Buddha: Das Spiel von Buddhas Geist besteht darin, mühelos Emanationen und erleuchtenden Einfluss auszustrahlen. Das ist die Bedeutung des Wortes, das in diesem Zusammenhang verwendet wird. Es bringt genau das Gegenteil von Trägheit zum Ausdruck.

Wenn wir also auf die Übersetzung freudige Tatkraft stoßen, erinnern wir uns, dass es nicht einfach darum geht, pfeifend seiner Arbeit nachzugehen oder überglücklich zu sein, etwas zu tun. „Ich bin so glücklich, mich in die tiefsten Höllen zu stürzen, um dir von Nutzen zu sein“ – das trifft nicht so ganz die richtige Bedeutung.

Vers 2: Die erforderlichen Geistesfaktoren für die Überwindung der Flatterhaftigkeit des Geistes

Ich will die Pforten meiner Sinne zu jeder Zeit mit Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und Sorgsamkeit hüten. Daher werde ich wiederholt den Fluss meines Geistes prüfen, und zwar dreimal jeden Tag und dreimal pro Nacht.

Dieser Vers beschäftigt sich weiterhin damit, wie wir uns konzentrieren und über Bodhichitta meditieren. Erforderlich ist, die Pforten der Sinne jederzeit zu hüten. Dabei geht es um die Flatterhaftigkeit des Geistes. Diese Flatterhaftigkeit tritt dann auf, wenn der Geist von etwas Angenehmem angezogen wird, an dem wir hängen oder das wir begehren. Das sind die beiden hauptsächlichen Hindernisse dafür, einspitzige Konzentration zu erlangen.

Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und die Einstellung, für etwas zu sorgen

Wir wirken diesen Hindernissen entgegen, indem wir die Kraft von Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und der Einstellung, für etwas zu sorgen, einsetzen. Auch das ist etwas, was Shantideva ausführlich erläutert. Er widmet diesem Thema zwei Kapitel. Wir können uns die Stelle in Erinnerung rufen, wo er rät, „wie ein Holzklotz zu verharren“ , wenn wir merken, dass wir im Begriff sind, etwas Schädliches zu tun oder uns ablenken zu lassen. Denken Sie an die Titel der beiden Kapitel „Sich um die (Bodhichitta-Ausrichtung) kümmern“ und „Sich durch Wachsamkeit schützen“. Shantideva verwendet hier dieselben Wörter. Dies sind die beiden Kapitel, in denen es um die weit reichende Einstellung ethischer Disziplin geht – die wir als erstes in unserem Verhalten entwickeln müssen. Wenn wir gelernt haben, uns davon zurückzuhalten, auf destruktive Weise zu sprechen und zu handeln, können wir diese ethische Selbstdisziplin auch auf unseren Geist in der Meditation anwenden.

Das Wort „hüten“ hat auch eine Konnotation von „aufpassen auf“ bzw. „schützen“, nämlich in diesem Zusammenhang vor dem geistigen Abschweifen, welches dadurch verursacht ist, dass der Geist durch verlockende Sinnesobjekte abgelenkt wird. Wir behüten unseren Geist, wir schützen ihn vor etwas, das schadet. Auch ein Beiklang von „sichern“ mag dabei mitschwingen: Wir retten unsere Aufmerksamkeit und holen sie zurück, wenn sie abgeirrt ist. All diese Bedeutungen sind in dem Wort „hüten“ enthalten.

Tsenshab Serkong Rinpoche sagte immer, dass jedes Wort in den Texten enorm bedeutungsträchtig ist. Um die gesamte Bedeutung zu extrahieren, können wir es melken wie eine Kuh – die Wunsch erfüllende Kuh, wie es in der indischen Weltanschauung heißt.

Worum es hier geht, ist Aufmerksamkeit. Wir richten die Aufmerksamkeit auf ein Objekt, um uns darauf zu konzentrieren. Dafür brauchen wir die Vergegenwärtigung, die wie eine Art geistiger Klebstoff wirkt und die Aufmerksamkeit bei dem Objekt hält, damit es ihr nicht entgleitet. Es handelt sich um das gleiche Wort wie für „erinnern“. Wachsamkeit ist das, was darauf Acht gibt. Sie achtet auf die Qualitätskontrolle für die Vergegenwärtigung, den geistigen Klebstoff, um sicherzustellen, dass sie nicht zu fest und nicht zu locker ist oder gar ganz verlorengeht.

All das beruht auf einer Geisteshaltung, der daran gelegen ist – wir kümmern uns darum. Es ist uns wichtig, wie wir uns konzentrieren und wie die Meditation verläuft, weil uns wirklich daran liegt, Bodhichitta zu entwickeln: Wir wollen wirklich Erleuchtung erreichen und anderen helfen. All das beruht also auf einer Geisteshaltung, der daran liegt und die dafür sorgt.

Wir brauchen Wachsamkeit nicht nur für die Meditationspraxis, sondern Tag und Nacht. Es ist wichtig zu überprüfen, was mit unserem Geisteszustand los ist. Sind wir selbstsüchtig? Handeln wir unter dem Einfluss störender Emotionen?

Und sogar im Schlaf ist es möglich, gewahr zu bleiben, was abläuft. Manche Menschen haben einen recht leichten Schlaf und sind sich ihrer Träume bewusst. Wenn wir mitten in der Nacht aufwachen und uns daran erinnern können, was wir geträumt haben, können wir darauf achten. Wenn es ein schlechter Traum war, können wir versuchen, statt uns davon aufwühlen zu lassen, die Absicht auf etwas Positives zu richten. Wir können z.B. versuchen, mit dem Gedanken an unseren Lehrer oder an etwas anderes Positives wieder einzuschlafen.

Die Notwendigkeit, nach innen zu schauen und sich selbst zu beobachten

Das Wesentliche ist das Gewahrsein: Es kommt darauf an, zu überprüfen, was in unserem Geist vor sich geht. Ist es negativ, können wir entweder versuchen, es zu korrigieren, oder zu „verharren wie ein Holzklotz“, d.h. nicht der negativen Anwandlung entsprechend zu handeln. Wenn wir im Begriff sind, ärgerlich oder gierig zu werden, oder anfangen, selbstsüchtig zu handeln oder etwas wirklich Dummes oder Abscheuliches zu sagen, versuchen wir, uns rechtzeitig dabei zu erwischen und davon abzuhalten. Auch wenn wir merken, dass wir dabei sind, deprimiert und entmutigt zu werden, versuchen wir, das zum Aufhören zu bringen. Das ist es, was mit „Wachsamkeit“ gemeint ist.

Drei Mal“ bedeutet nicht, dass wir auf die Uhr schauen – „Ah, es ist drei Uhr und jetzt muss ich 30 Sekunden lang prüfen, was in mir vor sich geht“ – und dann den Wecker auf vier Stunden später stellen und die Überprüfung wiederholen. So ist das nicht gemeint. Die wesentliche Dharma-Praxis besteht darin, den Geisteszustand ständig zu überprüfen – allerdings nicht auf paranoide Weise oder wie ein Polizist, denn dann verkrampften wir uns und bereiten uns eine Menge Schwierigkeiten, insbesondere wenn wir unsere abendländischen Schuldgefühle mit einbringen, die hier gar nicht von Bedeutung sind.

Es geht darum, dass wir uns dessen gewahr sind, wie wir uns verhalten, nach innen schauen und uns davor hüten bzw. schützen, dass negative Geisteszustände unsere Handlungen bestimmen. Das ist es, was das Wort „Dharma“ bedeutet. Es ist eine „vorbeugende Maßnahme“, die uns davon abhält, uns weiteres Leiden zu schaffen. Das ist die Herleitung der Bedeutung des Begriffs „Dharma“. Er geht auf das Sanskrit-Wort „dhr“ zurück, was bedeutet: „sich zurückhalten“.

Wenn wir irgendwelche Fortschritte im Dharma machen wollen, ist es unerlässlich, es im Alltagsleben anwenden zu können. Um das tun zu können, müssen wir uns dessen gewahr sein, was in unserem Geist abläuft, und natürlich, wie wir uns körperlich und sprachlich verhalten. Körperliche und sprachliche Aktivitäten sind davon beeinflusst, was in unserem Geist vor sich geht. Aber nochmals: Wir versuchen, uns dessen gewahr zu sein, ohne zu einer Art Polizist oder Richter oder strafender Instanz zu werden – so etwas stammt aus der westlichen Mythologie.

Während wir studieren und mehr und mehr über Dharma lernen, lernen wir immer mehr Gegenmittel kennen – Methoden, wie man mit auftretenden negativen oder unnützen Geisteszuständen umgehen kann. Es ist sehr hilfreich, ein großes Repertoire von Methoden zu haben, denn in manchen Situationen sind bestimmte Methoden wirksamer oder zweckmäßiger als andere. Ganz allgemein ist es im Leben sehr von Vorteil, mehr als eine Lösung zur Hand zu haben. Dann können wir, wenn die eine nicht passt, eine andere zum Einsatz bringen. Dies gilt ganz besonders für die Dharmapraxis.

Vers 3: Die Ursachen für geistiges Abschweifen vermeiden

Ich will meine Fehler offen darlegen und es vermeiden, bei anderen Fehler zu suchen. Meine eigenen guten Eigenschaften werde ich verborgen halten und die guten Eigenschaften der anderen bekannt machen.

Vermeiden, dass der Geist zu eigenen Missetaten und den Fehlern von anderen abschweift

Auch dieser Vers befasst sich mit Ursachen für geistiges Abschweifen, das in der Meditation auftreten kann – obwohl dies natürlich der Fall sein kann, wenn wir nicht meditieren. Wenn wir unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten verbergen, haben wir oft Schuldgefühle. Das zehrt an unserem Inneren. Wenn wir jedoch unsere Fehler offen darlegen, uns entschuldigen oder was sonst angemessen sein mag, wird uns leichter ums Herz und die Last der Schuldgefühle hebt sich. Im Englischen sagt man, man schafft sich etwas „vom Herzen“. Das hilft, geistiges Abschweifen zu verringern, welches entsteht, wenn wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten verbergen.

Und es vermeiden, bei anderen Fehler zu suchen“ – auch Letzteres ist eine erhebliche Ursache für geistiges Abschweifen: Wir sitzen da und denken, dass diese oder jene Person nichts taugt – „Da sieht man mal wieder, wie der sich verhalten hat“- – - -, bemängelt sie usw. Das kann erheblich dazu beitragen, dass der Geist abschweift.

Was im Allgemeinen auch oft vorkommt, ist, dass wir unsere eigenen Fehler in anderen gespiegelt sehen. Wenn beispielsweise noch ein Stück Kuchen auf dem Teller übrig ist und jemand anderes es sich nimmt, neigen wir dazu, dieser Person Gier vorzuwerfen – „Du Gierschlund, du hast das letzte Stück Kuchen genommen!“ Der einzige Grund, warum uns das etwas ausmachen würde, ist, dass wir selbst gierig auf dieses Stück Kuchen sind. Wenn wir es nicht wollten, was würde es dann für eine Rolle spielen, wer es sich nimmt? Oft, wenn wir die Fehler und Mängel anderer in den Vordergrund stellen, sehen wir unsere eigenen Fehler darin widergespiegelt. Wir könnten unsere Energie besser dafür verwenden, an uns zu arbeiten.

Außerdem ist es im Allgemeinen so, dass andere einen schlechten Eindruck von uns bekommen, wenn wir dauernd jemanden kritisieren. Wenn wir immerzu Fehler finden und meinen, niemand wäre gut genug usw., beginnen die Leute uns misstrauisch zu betrachten und sich über unsere eigenen Qualitäten Gedanken zu machen. Deswegen besagt das erste Bodhisattva-Gelübde, sich davon zurückzuhalten, andere herabzusetzen und sich selbst zu rühmen. Unglücklicherweise tun die Wahlkandidaten im Westen genau das, weil sie sich davon Vorteile versprechen und eine Machtposition erlangen wollen. Das lässt so manchen bedachtsamen Menschen an ihren Motiven zweifeln. Aber hier geht es darum, dass dies insbesondere in der Meditation ein großes Hindernis sein kann.

Dromtönpa, Atishas wichtigster Schüler in Tibet, sagte: „Wenn man die eigenen Fehler erkennen kann und nicht bei anderen Fehler sucht, ist man weise, selbst wenn man keine anderen guten Qualitäten hat.“ Das gibt uns allerlei zu denken. Wir meinen manchmal, weise zu sein wäre etwas Unerreichbares, das enorme Intelligenz erfordern würde. Aber das ist mit „weise“ eigentlich nicht gemeint. Jemand kann ziemlich ungebildet und dennoch ein sehr weiser Mensch sein, auch wenn er nicht übermäßig intelligent ist und zehn Sprachen gelernt hat. „Weise“ bedeutet, unterscheidendes Gewahrsein zu haben, d.h. unterscheiden zu können, was hilfreich ist und was schadet, was förderlich ist und was nicht. Wenn man das kann, ist man weise.

Die Denkweise vermeiden, sich rühmen zu wollen und zu prahlen

Weiter sagt Atisha in diesem Vers: Meine eigenen guten Eigenschaften werde ich verborgen halten. Denn sonst besteht die Gefahr, stolz und arrogant zu werden und mit den eigenen Qualitäten zu prahlen. Auch das kann zu einem großen Hindernis in der Meditation werden, nämlich indem man denkt, wie gut man doch ist, wie hervorragend man meditiert und dass man diese oder jene außerordentlichen Qualitäten hat. Die eigenen Errungenschaften und Qualitäten in den Vordergrund zu stellen und überall herumzuerzählen kann zudem in anderen Neid hervorrufen. Bewahren Sie die Flamme der Qualitäten im Innern – „innerhalb der Vase“, wie es heißt“ – und posaunen Sie sie nicht in die Welt hinaus.

Demut

Demut wird in der Kadam-Tradition sehr stark betont. Es geht in erster Linie darum, seine Qualitäten dafür einzusetzen, anderen zu helfen. Dafür brauchen wir nicht damit anzugeben, etwa indem wir anderen erzählen, dass wir diesen oder jenen akademischen Rang haben, alle unsere Zertifikate an die Wand hängen usw.

Demütig zu sein bedeutet, die eigene Wichtigkeit eher bescheiden bzw. gering einzuschätzen, den eigenen Bedarf schlicht und einfach zu halten usw.

Wenn Sie die Biografie von Kunu Lama Rinpoche lesen, bekommen Sie einen Eindruck, was es heißt, ganz einfach und demütig zu sein. Er ist das beste Beispiel dafür.

Die Meister der Kadam-Tradition werden oft Kadampa-Geshes genannt und wurden als sehr demütig beschrieben. Schon das Wort „Geshe“ bedeutet ursprünglich im Sanskrit einfach „spiritueller Freund“ (kalyana-mitra). Die Kadampa-Geshes waren große, aber demütige Meister, wahre spirituelle Freunde. Als spirituelle Freunde halfen sie anderen, konstruktiv zu handeln und wirkten als positiver Einfluss auf sie. Doch taten sie das ohne große Thronsessel, Brokatüberwürfe und all das.

Einige Lamas kleiden sich in Brokat und sprechen öffentlich über die Fähigkeiten, die sie erlangt haben. Wir mögen uns fragen, was ihre Motivation ist, über ihre Errungenschaften zu reden. Es kann sich um zweierlei Arten von Motivation handeln: entweder um die negative Motivation, sich selbst hervorzutun, oder aber z.B. um die Notwendigkeit, in anderen Respekt hervorzurufen, um sie zum Zuhören zu bewegen. Wenn man es mit einer sehr urtümlichen Gesellschaftsform zu tun hat – wie sie in Tibet und der Mongolei früher herrschte -, muss man die Leute erst einmal zur Ruhe bringen und sich Respekt verschaffen. Menschen aus einer solchen Kultur, in einer sehr ungezügelten Gesellschaft, sind im Allgemeinen sehr beeindruckt von solchen Dingen und würden sich folglich hinsetzen und zuhören. Buddha selbst berührte die Erde und sagte: „Möge die Erde mein Zeuge sein für das, was ich erreicht habe.“

In bestimmten Fällen ist es erforderlich, darauf hinzuweisen, dass man dies oder jenes erreicht hat, damit Menschen zu der Überzeugung kommen, dass es möglich ist, Erleuchtung zu erlangen usw. Aber wir müssen mit solchen Hinweisen sehr vorsichtig, sehr feinfühlig gegenüber den Zuhörern sein, denn sonst könnten die Leute denken: „Ach, das ist doch nicht möglich; das hat er sich bloß ausgedacht.“ Der Buddha prahlte nicht, als er jene Aussage machte und dabei die Erde berührte. Er sagte nicht: „Ich bin eben einfach wunderbar.“ Seine Heiligkeit der Dalai Lama spricht manchmal auch ein wenig darüber, was er erreicht hat. Meistens sagt er: „Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mönch“, aber manchmal erwähnt er, dass er tatsächlich einen Eindruck davon gewonnen hat, was Bodhichitta und Leerheit eigentlich sind. Er sagt nicht: „Ich habe das vollkommen verwirklicht“, sondern er sagt, dass er wirklich einen Eindruck davon gewonnen hat.

Vorgetäuschte Demut

Es gibt zwei Arten von Stolz: den Stolz, der in der Einstellung besteht: „Ich bin der Beste“, aber auch den umgekehrten Stolz, nämlich zu denken: „Ich bin der Geringste“. Es gibt Menschen, die eine große Schau daraus machen, wie demütig sie sind – „Ach, ich bin alles andere als gut“ usw. Das ist eine Pose, die ebenso gestört ist wie die Prahlerei, wie großartig man doch ist. Demut muss aufrichtig sein. Wenn andere Menschen auch nur ein klein wenig feinfühlig sind, merken sie, ob Demut aufrichtig oder vorgetäuscht ist. Es hat in erster Linie etwas damit zu tun, wie viel Festhalten an einem Ich daran beteiligt ist: wie sehr wir uns mit einem besonders demütigen Ich identifizieren.

Kennen Sie das Beispiel, das man von Atisha berichtet? Niemand wusste, dass er Tantra praktizierte. Erst nachdem er gestorben war, fand man in einer Tasche seiner Roben versteckt eine kleine Ausfertigung von Vajra und Glocke. Niemand hatte sie zuvor entdeckt oder ihn je praktizieren sehen. Er praktizierte stets in seinen persönlichen Gemächern und blieb bescheiden. Es gab keinerlei Zurschaustellen einer Praxis mit Trommeln und Glocke, die jeder hätte hören können.

Neidische Gedanken vermeiden

In der letzten Zeile des Verses ist davon die Rede, die guten Eigenschaften der anderen bekannt zu machen. Denn auch an die guten Qualitäten anderer zu denken und darauf neidisch zu sein kann ein großes Hindernis in der Meditation sein und beträchtliches geistiges Abschweifen bewirken. Wenn wir uns stattdessen an den guten Qualitäten anderer erfreuen und sie anderen gegenüber freimütig loben können, werden wir weder von unseren eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten noch von denen anderer oder von unseren eigenen oder anderer Menschen guten Eigenschaften in Unruhe versetzt.

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