Wie Aryas die Leerheit erkennen: Vier tibetische Traditionen

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Wenn Shravakas, Pratyekabuddhas oder Bodhisattvas eine unbegriffliche Wahrnehmung der vier edlen Wahrheiten erlangen, werden sie zu Aryas (hoch verwirklichte Wesen, Edle). Sie erlangen einen Pfadgeist des Sehens (Pfad des Sehens). Nach der Madhyamaka-Lehre – innerhalb des Kontextes der vier Edlen Wahrheiten – erlangen alle drei Aryas nicht nur die unbegriffliche Wahrnehmung des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“ von Personen (tib. gang-zag-gi bdag-med, Selbstlosigkeit von Personen); sie erlangen auch eine unbegriffliche Wahrnehmung des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“ aller Phänomene (tib. chos-kyi bdag-med, Selbstlosigkeit der Phänomene). Dieses zweite Nichtvorhandensein wird normalerweise als Leerheit (Leere) bezeichnet. Die verschiedenen tibetisch-buddhistischen Tradition unterscheiden sich allerdings in ihrer Meinung, worin das Verstehen von Leerheit besteht, das die drei Arten von Übenden verwirklichen, wenn sie Aryas werden.

Gelug und Karma-Kagyü

Nach Tsongkhapas (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa) Darstellung der Gelug-Prasangika-Sicht und nach der Darstellung der Karma-Kagyü-Prasangika-Sicht durch den achten Karmapa Mikiö Dorje (tib. Kar-ma-pa brgyad-pa Mi-bskyod rdo-rje) haben Shravaka-, Pratyekabuddha- und Bodhisattva-Aryas die selbe unbegriffliche Wahrnehmung von Leerheit: es ist die Leerheit aller Phänomene – nämlich die nichtimplizierende Negation (tib. med-dgag, absolute Abwesenheit) von wahrhaft begründeter Existenz. Hier umschließt wahrhaft begründete Existenz alle vier Extreme, die extreme Sichtweise der wahrhaft etablierten Existenz, der Nichtexistenz, beides oder keines von beiden.

Sakya

Nach Gorampas (tib. Go-ram-pa bSod-nams seng-ge) Darstellung der Sakya-Madhyamaka-sicht haben Shravaka-Aryas unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit von wahrhaft begründeter Existenz nur im Hinblick auf ihre eigenen Aggregate. Hier ist die wahrhaft begründete Existenz nur das erste der vier Extreme.

Pratyekabuddha-Aryas haben zusätzlich die unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit der Phänomene in den Begriffen der Chittamatra-Behauptung. Diese Behauptung bezieht sich darauf, dass die Formen physischer Phänomene leer davon sind, aus anderen Ursprungsquellen zu entstehen als das Bewusstsein, das sie wahrnimmt.

Bodhisattva-Aryas haben die volle unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit aller Phänomene, die eine Leerheit jenseits von Worten und Begriffen ist, jenseits aller vier Extreme. Außerdem sind entsprechend der Sakya-Lehre die unbegrifflichen Wahrnehmungen eines Nichtvorhandenseins von unmöglichen „Seelen“ und der Leerheit, die die Shravaka- und Pratyekabuddha-Aryas verwirklichen, nicht vollständig unbegrifflich, da nur Formen von Leerheit die jenseits aller Worte und Begriffe liegen, in unbegrifflicher Weise gekannt werden.

Nyingma

Nach Miphams (tib. 'Ju Mi-pham ‘Jam-dbyangs rnam-rgyal rgya-mtsho) Darstellung der Nyingma-Madhyamaka-Sicht haben Shravaka-Aryas die unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit ihrer fünf Aggregate davon als Monolith, dem zeitliche und zusammensetzenden Teile fehlen, begründet zu sein.

Zusätzlich hierzu haben Pratyekabuddha-Aryas die Hälfte der unbegrifflichen Wahrnehmung von Leerheit der wahren Existenz aller Phänomene, nämlich nur in Hinblick auf die Objekte der Wahrnehmung. Sie haben dies nicht bezüglich des Bewusstseins.

Bodhisattva-Aryas haben die volle unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit aller Phänomene, bei der es sich um eine Leerheit jenseits von Worten und Begriffen handelt.