Die Natur von Erscheinungen: Sautrantika & Chittamatra

Wir haben ausführlich über geistige Erscheinung oder Hologramme gesprochen, die sowohl in nicht-konzeptueller als auch in konzeptueller Wahrnehmung entstehen und gesehen, dass es ziemlich komplex ist. Bevor wir damit weitermachen, wäre es vielleicht gut zu fragen, ob ihr zumindest etwas davon verstanden und irgendwelche Fragen dazu habt, besonders zu dem, was wir besprochen haben. 

Transparenz 

Was die Transparenz des geistigen Hologramms in nicht-konzeptueller Sinneswahrnehmung betrifft, wird die Tatsache der Transparenz durch den Fakt demonstriert, dass wir, wenn wir beispielsweise einen Hund sehen, alle Teile gleichzeitig sehen können, wenn wir die Gesamtheit betrachten?

Ich weiß nicht, ob das unbedingt die Transparenz demonstriert oder beweist. Es ist ein Teil des gesamten Vorgangs der Sinneswahrnehmung, dass man die Teile und das Ganze gleichzeitig sieht. Sprechen wir davon, dass diese verschiedenen geistigen Hologramme transparent, halb-transparent oder undurchsichtig sind, geht es nicht darum, dass die obere Hälfte transparent und die unter Hälfte nicht transparent ist, was uns daran hindern würde, alle Teile zu sehen. Darum geht es nicht, sondern vielmehr in jedem Fall um das Hologramm als ein Ganzes.

Was bedeutet es dann, transparent zu sein?

„Transparent“ bedeutet, dass man ohne einen Verlust an Klarheit oder Lebendigkeit durch es hindurchsehen, riechen oder hören kann. Der Unterschied zwischen einer konzeptuellen und einer nicht-konzeptuellen Wahrnehmung in Bezug auf die subjektive Erfahrung wird für gewöhnlich im Zusammenhang mit der Variable der Lebendigkeit beschrieben. Sprechen wir beispielsweise von Träumen, so sind sie eine geistige Wahrnehmung und im Traum können wir eine nicht-konzeptuelle geistige Wahrnehmung haben, die eine Form, einen Klang, einen Geruch, einen Geschmack oder eine körperliche Empfindung als Objekt annehmen kann und im Traum scheint es dann, als würden wir jemanden sehen. Das ist, wie gesagt, nicht-konzeptuell. Natürlich kann man im Traum auch denken, das ist etwas anderes, denn das wäre konzeptuell. Doch was wir in einem Traum sehen, ist viel lebendiger als wenn wir wach sind und an jemanden denken. Wenn wir an jemanden denken, ist das konzeptuell. Es ist ein großer Unterschied, was die Lebendigkeit betrifft, ob wir an unsere Mutter denken oder ob wir unsere Mutter sehen. Lebendigkeit heißt, dass die Mutter im Traum recht lebendig erscheint, doch wenn wir an unsere Mutter denken, fühlt sich das nicht wirklich so an, als wäre sie lebendig. 

Was sehen wir durch das geistige Hologramm?

Bezieht sich die Frage auf die nicht-konzeptuelle oder auf die konzeptuelle Wahrnehmung? In beiden sehen wir das eigentliche Objekt – im Sautrantika – die objektive Entität, sowohl in der konzeptuellen als auch in der nicht-konzeptuellen Wahrnehmung. Das ist gar nicht so einfach. Wenn wir unsere Mutter sehen, befindet sie sich offensichtlich direkt vor uns. Mit dem geistigen Hologramm der Mutter sehen wir die Mutter direkt vor uns. Wenn wir nun unsere Mutter sehen und dann, im nächsten Moment, „Mutter“ denken, gibt es zu dieser Zeit, in der wir innerhalb der konzeptuellen Wahrnehmung, innerhalb dieser Erscheinung, analysieren, zahlreiche Komponenten. 

Wir haben die Kategorie „Mutter“ und dann ein konzeptuell isoliertes Element „nichts anderes als die Mutter“, das auch eine metaphysische Sache ist und meine Mutter repräsentiert. Unsere Mutter befindet sich vor uns. Dann haben wir einen tatsächlichen geistigen Aspekt, ein tatsächliches Bild, mit farbigen Formen und der Gestalt unserer Mutter, denn es gibt hier zwei statische Phänomene, die keine Gestalt oder Form haben, statisch sind und keine physischen Eigenschaften haben. Und dann könnte unsere tatsächliche Mutter entweder vor uns stehen oder nicht, wenn wir nur an sie denken und sie nicht hier ist. 

Was sind die verschiedenen Ebenen der Transparenz all dieser Komponenten? Die Kategorie ist halb-transparent. Natürlich ist das verwirrend, weil sie ein statisches Phänomen ist und keine physischen Eigenschaften hat. Man fragt sich also: Kann etwas ohne physische Eigenschaften transparent oder nicht transparent sein? Das mag niemanden mit dieser Analyse stören, obgleich es uns stören mag. Aber dennoch versuchen wir dies auf eine eher metaphysische Weise zu verstehen und nicht im Sinne einer tatsächlichen physischen Durchsichtigkeit, Undurchsichtigkeit oder Halb-Durchsichtigkeit. 

Die Kategorie ist halb-transparent und so ist die isolierte metaphysische Entität „nichts anderes als meine Mutter“, die eine Repräsentation meiner Mutter festlegt, durch die Kategorie halb-verschleiert, weil die Kategorie halb-transparent ist. Was bedeutet es, dass sie halb-verschleiert ist? Zunächst findet hinsichtlich einer Eigenschaft ein Verlust der Lebendigkeit statt und wenn wir es hinsichtlich unseres Verständnisses beschreiben, kommt hier eine Ebene der Verwirrung hinzu. Sie wird als eine „trügerische Erscheinung“ bezeichnet und sie ist trügerisch wegen dieser Halb-Transparenz, dieser Verschleierung. 

Eine andere Weise, wie es in den Texten beschrieben wird, ist, dass diese zwei metaphysischen Entitäten miteinander vermischt sind. Hier können wir fragen, worin dann unsere Verwirrung besteht, wenn sie miteinander vermischt sind? Warum verwirrt uns diese Vermischung? Sie verwirrt uns, weil wir die Kategorie „Mutter“ mit diesem einen Beispiel verwechseln, das unsere Mutter repräsentiert und dann denken wir natürlich immer, das wäre unsere Mutter. Dann fragen wir uns, wie sie existiert, doch das ist die Verwirrung. 

Ich zeige es euch an einem Beispiel. Meine Mutter ist an Alzheimer gestorben und für die letzten 4 Jahre ihres Lebens litt sie ernsthaft darunter. Die meiste Zeit erkannte sie niemanden und wusste nicht einmal, wie man sich hinlegt, wenn man sie auf ihr Bett setzte. Sie sprach zwar Worte aus, aber sie waren völlig zusammenhanglos und somit konnte sie nicht kommunizieren. Meine Schwester sagte mehrere Male: „Das ist nicht unsere Mutter“. Warum? Weil sie eine „Vorstellung“ davon hatte, wer und was unsere Mutter ist, um einmal unsere westliche Terminologie zu benutzen. 

Sie isolierte konzeptuell ein Bild unserer Mutter aus der Zeit, als sie gesund und jünger war und meinte, das sei wirklich unsere Mutter und nicht diese Frau, die hier im Bett liegt und nicht einmal weiß, wie man sich hinlegt. Natürlich war das eine emotionale Abwehrreaktion, die verständlich ist, denn es war gar nicht leicht, sie in diesem Zustand zu sehen, doch das zeigt, was ich hier versuche zu erklären, nämlich dass es eine Verwirrung hinsichtlich der Kategorie gibt, wenn sie mit einem bestimmten Beispiel verwechselt wird, das sie repräsentiert. 

Gehen wir noch tiefer, ist dieses konzeptuelle Isolat „nichts anderes als meine Mutter“, das ein Beispiel der „Mutter“ festlegt, transparent. Ich nutze hier diese physische Metapher in der Erscheinung und durch dieses Isolat haben wir ein geistiges Bild mit physischen Eigenschaften, wie Form, Farben und so weiter, das die Mutter repräsentiert. Befindet sich unsere Mutter vor uns, verschleiert es die Mutter nicht, wenn wir sie durch das Isolat ansehen und „Mutter“ sagen. Betrachten wir unsere Mutter, repräsentiert das, was tatsächlich vor unseren Augen erscheint, unsere Mutter. Das ist es also, was für gewöhnlich in diesem Moment konzeptuell isoliert wird. 

Nutzen wir nun die Terminologie, die André angeführt hat, könnten wir sagen, dass dieser geistige Aspekt, sozusagen dieses geistige Bild, äußerlich ein „Modell“ der eigentlichen objektiven Mutter ist, die sich vor unseren Augen befinden mag. Ist unsere Mutter nicht zugegen, ist dieses geistige Bild, durch das die tatsächliche objektive Form unserer Mutter erscheint, dennoch vollkommen transparent. Sie mag nicht gegenwärtig sein, doch es bildet sie ab und verschleiert sie nicht. Mit anderen Worten: Es gibt ein geistiges Bild unserer Mutter und das tatsächliche Bild, das sie abbildet, mag momentan nicht da sein und nicht einmal genauso stattgefunden haben, wie wir es uns vorstellen. Es könnte eine Zusammensetzung verschiedener Aspekte dessen sein, wie meine Mutter vor zehn Jahren ausgesehen hat und vielleicht erinnere ich mich nicht einmal genau daran. Hier gibt es also keine Verschleierung, das geistige Bild ist transparent. 

Was geschieht nun in diesem Beispiel mit meiner Schwester, wenn sie unsere Mutter sieht und sagt: „Das ist nicht meine Mutter“. Sie hat ein geistiges Bild von dem Modell, auf dem sie das Bild basiert, das nach wie vor vollkommen transparent ist. Es entspricht vielleicht nicht dem, was sich vor ihren Augen befindet. Das bedeutet, es ist gewissermaßen ein falsches Hologramm. Es ist in dem Sinne falsch, was sich vor ihren Augen befindet. 

Oder betrachten wir es an einem Beispiel mit einem Objekt mit Eigenschaften, über das wir gesprochen haben und das sogar noch gängiger ist. Wir sagen: „Das ist ein furchtbares Essen“, „das ist ein furchtbares Restaurant“ oder „das ist ein leckeres Essen“. Es bildet etwas ab und ist somit vollkommen transparent in Bezug darauf, was es abbildet, doch projizieren wir es auf etwas, das sich vor uns befindet oder an das wir uns erinnern? Hier ist es notwendig, diese zwei Aspekte zu unterscheiden. 

Wenn etwas transparent ist, bedeutet dies, dass das geistige Bild nicht die Erscheinung des Objektes verändert?

Die Transparenz macht das Modell korrekt. In diesem Beispiel des geistigen Bildes versus der objektiven Entität bedeutet es, dass das Modell korrekt ist. Sagen wir, dass die Kategorie dieses konzeptuelle Isolat überlagert, ist es korrekt wenn wir verstehen, dass es nur ein Beispiel der Kategorie ist. Identifizieren wir jedoch die gesamte Kategorie mit diesem Beispiel, ist es nicht korrekt. 

Natürlich können wir etwas konzeptuell isolieren, das nicht in die Kategorie gehört. Das ist eine andere Klassifizierung, wie wenn man eine Vogelscheuche sieht und sie konzeptuell als einen Mann, als ein menschliches Wesen bezeichnet. Hier gibt es zahlreiche Variablen. 

Ursprungsquellen 

Können sie etwas mehr über Ursprungsquellen sagen.

Im Sautrantika gibt es, wenn wir über das geistige Hologramm wie einen Tisch vor uns reden, zwei verschiedene Ursprungsquellen. Die Ursprungsquelle der Gestalt und Form des Tisches stammt vom äußeren Objekt und die Ursprungsquelle des Bewusstseins stammt von all den daran beteiligten Geistesfaktoren und Tendenzen, die dem Bewusstsein zugeschrieben sind. Erinnert ihr euch daran, was wir über die geistige Aktivität gesagt haben? Es gibt ein Entstehen eines geistigen Hologramms und der kognitiven Beschäftigung. Wir haben hier also zwei Aspekte. Das geistige Hologramm, die Form, der ursprüngliche Same oder die Quelle ist das äußere Objekt und der ursprüngliche Same des Bewusstseins, das Beschäftigen, der kognitive Aspekt stammt von einem Samen des Karma, einer karmischen Tendenz. 

In der Chittamatra-Erklärung wird gesagt, dass beide dieser Aspekte – die physische Form, die Gestalt des Hologramms, zum Beispiel eines Tisches, und die bewussten Aspekte –  alle vom gleichen karmischen Samen oder der karmischen Tendenz als Ursprungsquelle stammen. Und es gibt einen sehr guten Grund, dies zu sagen. Kommen wir zurück zu unserer Definition eines äußeren Phänomens, dann handelt es sich um ein existierendes Phänomen, das in dem Moment unmittelbar vor seiner Wahrnehmung existiert. Die Frage ist natürlich, wie wir wissen, dass es in dem Moment vor unserer Wahrnehmung existiert. Wie können wir begründen oder beweisen, dass es in dem Moment existiert, bevor wir es wahrnehmen, darüber reden oder daran denken? Es gibt keine Möglichkeit zu begründen, dass es in dem Moment existiert, bevor es ein Objekt einer Art der Wahrnehmung ist. Wie können wir dann sagen, die Ursprungsquelle der physischen Form des Hologramms stamme von einem äußeren Objekt, welches im Moment vor unserer Wahrnehmung existiert? 

Das ergibt eine Menge Sinn. Wir können nicht sagen, dass diese buddhistischen Lehrsysteme dumm sind oder keinen Sinn ergeben. Tatsächlich ergeben sie jede Menge Sinn. 

Die Relevanz des Verstehens der zwei Wahrheiten im Sautrantika 

Sprechen wir also über die Leerheit, ein Fehlen oder eine Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen in Bezug auf Phänomene im Allgemeinen, nicht nur in Bezug auf eine Person, wird dies nur in den Mahayana-Schulen, Chittamatra und Madhyamaka, diskutiert und präsentiert, und innerhalb des Madhyamaka in den Unterteilungen des Svatantrika und Prasangika. Im Sautrantika müssen wir ungeachtet dessen die zwei Wahrheiten verstehen, um Buddhaschaft zu erlangen. Und im Sautrantika – und auch im Vaibhashika – geht es um „zwei Arten wahrer Phänomene“, wenn wir von zwei Wahrheiten sprechen. Im Sautrantika haben wir also objektive Entitäten und metaphysische Entitäten. Beides sind wahre Phänomene. In diesem System sind die objektiven Phänomene die „tiefsten“ wahren Phänomene und die metaphysischen Entitäten sind die „oberflächlichen“ wahren Phänomene, was glaube ich ein besserer Ausdruck dafür ist. Wir könnten sie auch als „konventionell“ oder „relativ“ bezeichnen, aber durch den Begriff „oberflächlich“ bekommt man ein besseres Verständnis, weil das tatsächliche Wort kunzob (kun-rzob) bedeutet, dass etwas verschleiert wird, was uns zu unserer ganzen Diskussion darüber führt, wie die Kategorie das spezifische Element verschleiert. 

Im Sautrantika müssen wir keine Leerheit, keine Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen in Bezug auf Phänomene, verstehen, sondern eine klare Unterscheidung zwischen den zwei Arten von Phänomenen, die man nicht verwechseln sollte. Das ist ziemlich sinnvoll, denn das bedeutet bezüglich unserer Praxis und unseres praktischen Lebens, unsere Projektionen von der objektiven Realität zu unterscheiden. Es gibt die Kategorie „nette Person“ oder „furchtbare Person“ und ich veranschauliche oder „verbildliche“ sie aufgrund einer Sache und projiziere sie dann auf jemanden, den ich als eine furchtbare Person verurteile. Daraus entsteht dann die Verwirrung und es kommt zu Problemen. Können wir also bestimmte Elemente und metaphysische Entitäten unterscheiden und verwechseln sie nicht miteinander, werden wir nicht so viele Probleme haben. 

Die grobe Leerheit aller Phänomene gemäß Chittamatra 

Kommen wir zum Chittamatra und hier haben wir eine Diskussion über die Leerheit von Phänomenen, die Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen aller Phänomene. Bei den zwei Wahrheiten geht es hier um die zwei Wahrheiten hinsichtlich einer spezifischen Sache und nicht um zwei verschiedene Phänomene oder zwei verschiedene Dinge; es sind zwei Wahrheiten bezüglich derselben Sache. Im Madhyamaka ist es genauso. Hier werden wir nicht weiter auf die Definition der zwei Wahrheiten, der zwei wahren Tatsachen, im Chittamatra eingehen. Ich möchte es nicht zu kompliziert machen, denn es ist schon kompliziert genug. Was hier also in Bezug darauf unmöglich ist, wie etwas existiert, ist, dass die Form eines physischen Phänomens – und hier kann es wirklich nur in einer Wahrnehmung auftreten – sowie die kognitiven Aspekte, die es als sein Objekt erfasst, von verschiedenen Ursprungsquellen stammen. 

Das ist eine unmögliche Existenzweise und es ist notwendig, die Leerheit, die völlige Abwesenheit dessen zu verstehen. Können wir verstehen, dass es niemals so etwas gab, ist auch das äußerst hilfreich. Es ist hilfreich, weil wir dann verstehen, dass die Weise, wie wir etwas wahrnehmen und wie uns etwas erscheint, nicht unbedingt die Weise ist, wie es allen erscheinen wird. 

Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass ich gestern einen Punkt zum Unterschied zwischen „Abhidharmakosha“ und Abhidharmasamuccaya“, den zwei Abhidharma-Systemen, hinsichtlich der Ursprungsquellen des Primärbewusstseins und der verschiedenen Geistesfaktoren innerhalb eines Momentes der Wahrnehmung gemacht habe. Das Sautrantika-System folgt der Abhidharmakosha-Tradition und es gibt Geistesfaktoren, das Bewusstsein, das tatsächliche physische Bild und dergleichen, die alle aus getrennten Ursprungsquellen stammen. Jedes Ereignis besteht aus einem Konglomerat all dieser Faktoren, welche die fünf Aggregat-Faktoren der Erfahrung genannt werden. Es gibt also in einem Moment der Erfahrung all diese verschiedenen Teile und sie stammen aus verschiedenen Ursprungsquellen. Das bedeutet, dass man gewissermaßen verschiedene Teile davon korrigieren kann, wenn etwas falsch läuft. Manches mag in Ordnung sein und anderes nicht. 

Aus der Sicht des Chittamatra-Systems, das dem „Abhidharmasamuccaya“ folgt, heißt es hingegen, dass alles in der Wahrnehmung, all die nicht-statischen Phänomene in der Wahrnehmung, also das Bild, das Primärbewusstsein und all die Geistesfaktoren von ein und demselben karmischen Samen als Gesamtpaket abstammen – statische Phänomene kommen ja nicht aus einer Ursprungsquelle, weil sie nicht erzeugt werden. 

Wir können also fragen, welchen Einfluss das darauf hat, wie wir Probleme im praktischen Leben angehen. Und wenn wir einmal darüber nachdenken, bin ich mir sicher, dass wir verschiedene Antworten dazu finden. Ich habe bestimmt nicht all die Antworten darauf, aber wenn ich beispielsweise ein Problem in einer Beziehung analysiere, ist das erste, was mir dazu einfällt, dass alles, was ich erfahre, ja in meinem Kopf abläuft und somit auf eine einzige Wurzel zurückzuführen ist und ich dorthin gehen muss, um das Problem zu beseitigen, da sich die ganze Verwirrung dort befindet. 

Hier noch eine Sache vor unserer Pause, die wirklich äußerst wichtig ist: Man sollte nicht die falsche Vorstellung haben, dass man im Chittamatra vertritt, alles existiere nur im Kopf und es gäbe nichts außer mir und meinem Geist. Es gibt individuelle Phänomene und auch andere Wesen. Gäbe es keine anderen Wesen und würden sie alle nur in meinem Kopf existieren, wie könnte man dann Mitgefühl entwickeln, um ihnen zu helfen? Das wäre absurd. Und warum sollte ich dann Erleuchtung anstreben, um ihnen zur Befreiung zu verhelfen? 

Aber wie wissen wir, dass andere Wesen existieren? Wir wissen es nur im Kontext darauf, sie wahrzunehmen, über sie zu reden oder an sie zu denken. Man kann nicht außerhalb des Geistes begründen, dass sie existieren. Und das heißt nicht, außerhalb davon, dass sie in meinem Geist existieren. Es bedeutet außerhalb davon, wenn ein Geist sie wahrnimmt. Es heißt nicht, dass man die Existenz außerhalb des eigenen Kopfes begründen kann. Man kann also nicht begründen, dass sie außerhalb des Rahmens ihrer Wahrnehmung existieren. 

Das ist ein Schritt in Richtung des Prasangika-Verständnisses, dass man ihre Existenz nicht außerhalb dessen begründen kann, worauf sich eine geistige Bezeichnung bezieht. Nun, diese geistige Bezeichnung ist Teil eines geistigen Prozesses. Das ist ein Schritt auf dem Weg zu diesem Verständnis. 

Das ist die grobe Leerheit aller Phänomene im Chittamatra.

Einführende Kommentare zur subtilen Leerheit aller Phänomene im Chittamatra 

Wir haben über die Leerheit aller Phänomene gesprochen und gesehen, dass sie von den Mahayana-Schulen, Chittamatra und Madhyamaka, vertreten wird. Und wir haben gesehen, dass im Chittamatra die grobe Leerheit aller Phänomene darin besteht, dass Formen physischer Phänomene und deren Wahrnehmung, also deren kognitiver Aspekte, Primärbewusstsein und Geistesfaktoren, frei davon sind, von getrennten oder verschiedenen Ursprungsquellen zu stammen. Das widerlegt direkt die Sautrantika-Behauptung. 

Um nun die subtile Leerheit aller Phänomene im Chittamatra zu verstehen, ist es, denke ich, notwendig, zum Sautrantika zurückzukehren und zu ihrer Behauptung, wie Dinge existieren. 

Die Sautrantika-Behauptung der Weise des Begründens der Existenz von Phänomenen 

Gemäß dem Sautrantika teilen alle existierenden Phänomene – also alle gültig erkennbaren Phänomene, sowohl metaphysische Entitäten als auch objektive Entitäten oder einfach ausgedrückt: Kategorien und objektive Entitäten, die in diese Kategorien passen – bestimmte Existenzweisen. 

Zunächst begründen alle die Existenz durch ihre eigene Selbstnatur (tib. rang-bzhin-gyis grub-pa) oder „selbst-begründete“ Existenz, die man nicht als „inhärent“ bezeichnen sollte. Etwas begründet also seine eigene Existenz. Das heißt, das die eigene Existenz durch die Tatsache begründet wird, dass man, wenn man nach dem „Bezugs-Ding“ – tagdon (btags-don) wie man es im Tibetischen nennt – das dem Namen oder Konzept von etwas entspricht, sucht, es tatsächlich finden kann. Mit anderen Worten haben wir einen Namen oder ein Konzept für etwas, aber worauf bezieht es sich? Und wenn man danach sucht, worauf es sich bezieht, kann man es auf Seiten des Objektes finden, das bezeichnet oder benannt wird. Das entspricht der von sich aus begründeten Existenz (tib. rang-ngos-nas grub-pa) und begründet im Grunde seine eigene Existenz. Das sind auch die Kategorien. 

Zusätzlich dazu wird die Existenz von allem durch individuelle definierende Eigenschaften (tib. rang-gi mtshan-nyid-kyis grub-pa) begründet. Von diesen individuellen definierenden Eigenschaften, mit denen wir uns befassen werden, gibt es zwei Arten: 

Eine ist nur eine definierende Eigenschaft, die es als etwas Existierendes definiert. Auf sie beziehe ich mich immer mit der Analogie einer Plastikhülle. Es gibt eine definierende Sache auf Seiten des Objektes, die es als ein „Ding“ existieren lässt, das als ein individuelles Ding getrennt von allem anderen ist. Betrachten wir diesen visuellen Sinnesbereich, sind es nicht nur Pixel oder farbige Formen, sondern tatsächliche konventionelle Elemente oder Dinge. Damit wird gesagt, dass es gewissermaßen etwas auf Seiten dieser Elemente oder Dinge gibt, das sie von dem trennt, was sich um sie herum befindet, und die Tatsache begründet, dass sie als ein Ding existieren. Wenn wir darüber nachdenken, ergibt das einen Sinn. Und sie behaupten, dass man dies auf Seiten des Objektes finden kann. Es ist nicht nur mein Geist, der eine Linie um eine bestimmte Gruppe farbiger Formen zieht. Dann könnte man eine Linie um irgendeine Gruppe farbiger Formen ziehen und sie als ein Objekt bezeichnen. Das funktioniert nicht und daher muss es das auf Seiten des Objektes geben. 

Dann gibt es individuelle definierende Eigenschaften, die spezifischer sind und etwas beispielsweise zu einem Hund und nicht zu einer Katze machen. Wir reden also nicht nur darüber, was dessen Existenz im Allgemeinen als gültig erkennbares Phänomen begründet, sondern was dessen Existenz als dieses oder als jenes begründet. Und diese zweite Art der individuellen definierenden Eigenschaften ist auch die Grundlage für die Eigenschaften des Objektes, wie Größe, Farbe und diese Dinge. Eine Erbse ist zum Beispiel rund und damit gibt es eine definierende Eigenschaft auf Seiten des Objektes, die man dann der Kategorie „rund“ zuschreiben kann. Es gibt eine definierende Eigenschaft der „Rundheit“ oder wie immer man sie nennen will. Die definierende Eigenschaft selbst ist nicht rund, es ist ein so genanntes definierendes charakteristisches Merkmal, das als Grundlage dafür dienen kann, als „rund“ oder als „Erbse“ anstatt als „existierend“  bezeichnet zu werden. 

Gemäß dem Sautrantika trifft das auch für Kategorien zu. All das ist nicht nur für objektive Entitäten wahr, sondern auch für Kategorien. Es gibt etwas wie eine Plastikhülle, das sie zu einer Kategorie eines Hundes oder einer Kategorie einer Katze macht und die Kategorie hat definierende Eigenschaften. 

Wie definiert man eine Kategorie? Was ist der Unterschied zwischen einer objektiven Entität und einer metaphysischen Entität, einer Kategorie? Der Unterschied liegt nicht in dem worüber wir gesprochen haben, sondern bezieht sich darauf, ob sie eine Funktion ausüben kann oder nicht. Die objektiven Entitäten können eine Funktion ausüben und das wird als substantiell begründete Existenz (tib. rdzas-su grub-pa) bezeichnet. Es bedeutet nur, dass sie eine Funktion ausüben können, also substantiell existierend sind; man kann sehen, dass sie etwas tun. Im Gegensatz dazu können metaphysische Entitäten ihre Existenz nicht substantiell begründen, weil sie nichts tun; sie üben keine Funktion aus. 

Die Existenz objektiver Entitäten wird „durch ihre eigene individuelle Existenzweise begründet, ohne davon abhängig zu sein, durch Worte oder konzeptuelle Wahrnehmung zugeschrieben zu werden“, was eine komplizierte Formulierung ist. Metaphysische Entitäten begründen hingegen ihre Existenz „lediglich dadurch, durch konzeptuelle Wahrnehmung zugeschrieben zu sein“. Was bedeutet das nun? Es bedeutet, dass objektive Entitäten ihre Existenz außerhalb einer konzeptuellen Wahrnehmung begründen, während metaphysische Entitäten nur innerhalb des Rahmens einer konzeptuellen Wahrnehmung existieren können. Ihre Existenz kann nicht außerhalb des Rahmen begründet werden, in dem man sich gedanklich auf sie mit einer Kategorie bezieht. 

Mein Hund existiert auch, wenn ich nicht an ihn denke. Er ist ein objektives, substantiell begründetes, existierendes „Ding“. Die Kategorie „Hund“ kann seine Existenz nur begründen, wenn ich denke. Sie existiert nur, wenn ich an die Kategorie „Hund“ denke. Sie existiert nicht für sich, irgendwo außerhalb des konzeptuellen Gedankens. Versteht ihr das? Das ist also Sautrantika. 

Wie gesagt ist das Wichtigste, was wir bezüglich unseres Umgangs mit Erscheinungen überwinden wollen, unsere Projektionen nicht mit objektiver Realität zu verwechseln, um es einmal mit einfachen Worten auszudrücken. Wenn wir also etwas durch Sinneswahrnehmung wahrnehmen, fragen wir uns, ob das geistige Hologramm korrekt ist oder nicht. Ist es eine Halluzination oder ist es keine Halluzination? Und beziehen wir uns dann gedanklich auf eine Kategorie, geht es im Grunde darum, die Kategorie nicht mit dem zu verwechseln, was wir durch die Kategorie repräsentieren, und zu meinen, alles in dieser Kategorie wäre wie dieses Beispiel. 

Aus diesem Grund halten wir diese Art der konzeptuellen Wahrnehmung, über die hier gesprochen wird, zuweilen für unsere persönlichen Konzepte, wie mein persönliches Konzept davon, was ich für gut, für schmackhaft, für schlecht und so weiter, halte. Natürlich muss man uns Sprache und Worte beibringen, aber ungeachtet dessen bilden gewissermaßen wir unser eigenes persönliches Isolat dessen, was es repräsentiert: wie eine gute Mahlzeit schmecken sollte oder wie eine hübsche Person aussehen sollte. 

[Siehe: Die zwei Wahrheiten im Vaibhashika und Sautrantika]

Die Chittamatra-Behauptung der Weise, die Existenz von Phänomenen zu begründen 

Kommen wir zum Chittamatra. Im Chittamatra benutzen sie nicht unbedingt diese Worte „objektive Entität“ und „metaphysische Entität“, sondern andere Fachausdrücke. Sie nennen sie also nicht objektive Entitäten, was auf eine äußere Existenz hindeutet, sondern einfach abhängige Phänomene, zhenwang (gzhan-dbang), die von etwas anderem, von Ursachen und Bedingungen, abhängig und daher nicht-statisch sind und sich von einem Augenblick zum nächsten ändern. Zhenwang bedeutet, von etwas anderem abhängig zu sein, unter der Macht von etwas anderem zu stehen; es bedeutet Abhängigkeit. 

Was statische Phänomene betrifft, die im Sautrantika alle in einer Kategorie als metaphysisch zusammengefasst werden, so unterscheidet man hier Leerheit von der anderen Art statischer Phänomene. Leerheit wird „vollkommen begründet“ (tib. yongs-grub), wie sie es ausdrücken; sie ist ein vollkommen begründetes Phänomen, wohingegen Kategorien vollkommen konzeptuell (tib. kun-brtags) sind; sie existieren nur in konzeptueller Wahrnehmung. Zuweilen übersetzen Leute sie als „vollkommen imaginäres Phänomen“. Ich habe sie früher auch so übersetzt, aber denke, dass es irreführend ist, denn man bekommt den Eindruck, als wären sie nicht real. Sie sind also vollkommen konzeptuell. 

Sie alle begründen ihre Existenz durch ihre eigene Selbstnatur, haben also eine selbst-begründete Existenz, eine Existenz, die von sich aus begründet ist. Im Chittamatra geht man davon aus, dass all diese Phänomene, diese drei Arten, sie haben. Suchen wir also nach dem „Bezugs-Ding“, das dem Namen oder Konzept dafür entspricht, kann man es auf Seiten des Objektes finden. Man kann ein „Bezugs-Ding“ der Bezeichnung „Hund“ finden; man findet einen Hund. 

Allerdings findet man keinen Hund außerhalb einer Wahrnehmung. Wo findet man den Hund, das „Bezugs-Ding“? Nun, man findet es im geistigen Hologramm! Ich kann darauf hindeuten, meine Kategorie „Hund“ bezieht sich auf dieses Ding, das in meinem geistigen Hologramm erscheint. Hier ist es. Man kann es finden. Ich kann darauf hindeuten und es erscheint mir. Es ist, als würde ich darauf zeigen. Ich sehe, was mir äußerlich zu sein scheint. Was ich durch meine Augen sehe, ist tatsächlich ein projiziertes geistiges Hologramm. Die geistige Aktivität erzeugt ein geistiges Hologramm. 

Wie kann ich wissen, ob du in dem Moment dort gesessen hast, bevor ich dich gesehen habe? Wie weiß ich es? Hier denke ich immer an die Lampe im Kühlschrank. Ist sie an oder nicht? Gibt es Nahrungsmittel im Kühlschrank oder nicht? Man weiß es nicht, bis man ihn öffnet. Wie begründet man die Existenz von Nahrungsmitteln im Kühlschrank, wenn man nicht gerade eine Kamera oder so etwas im Kühlschrank hat? Nur, indem man sie sieht oder indem man sich daran erinnert, sie in den Kühlschrank getan zu haben, aber das ist auch ein Gedanke. Gut, aber ich sage: „Nahrung im Kühlschrank“. Was sehe ich, wenn ich die Tür des Kühlschranks öffne? Ich sehe ein geistiges Hologramm und ich kann im geistigen Hologramm darauf hindeuten, es gibt dort Nahrung. 

Das Konzept oder Wort „Nahrung“ kann ich also seitens des Objektes im geistigen Hologramm finden: dort ist es, von sich aus selbst-begründet. Dasselbe gilt für die Kategorie „Hund“ oder „Nahrung“. In meiner konzeptuellen Wahrnehmung, in der ich an Nahrung denke und die Kategorie nutze, kann ich nicht nur auf die Nahrung hindeuten, die erscheint, sondern es gibt auch die Kategorie. Und die Kategorie ist von sich aus selbst-begründet. Dort ist sie in meiner Wahrnehmung. 

Nun die individuellen definierenden Eigenschaften: die Existenz von allem wird durch individuelle definierende Eigenschaften begründet, die es ganz allgemein zu einer Sache machen. Es handelt sich um eine gemeinsame Existenzweise. An diesem Punkt ist man sich mit dem Sautrantika einig. Im Kontext des geistigen Hologramms ist alles, einschließlich der Kategorien, wie ein Ding in Plastik gehüllt. Und wenn wir von Dingen reden, die wir in der Sinneswahrnehmung sehen und wahrnehmen, so haben sie die individuellen definierenden Eigenschaften, die sie zu einem spezifischen Ding machen. Hier muss man vorsichtig sein, denn es ist ziemlich subtil. Dinge haben im Allgemeinen die individuellen definierenden Eigenschaften, sie zu der einen oder anderen Kategorie oder dem einen oder anderen Ding machen. 

Wir müssen jedoch noch auf einen anderen Punkt kommen, der als ein konzeptuell impliziertes Objekt (tib. zhen-yul) bezeichnet wird. Im Sautrantika ist das konzeptuell implizierte Objekt meines geistigen Hologramms, wenn ich konzeptuell an meinen Hund denke, mein eigentlicher, äußerer Hund, der objektiv existiert. Das ist ein schwieriger Begriff – zhen von zhenyul, und er bedeutet „zu klammern“. Im Sakya spricht man beispielsweise davon, sich von den vier Arten des Klammerns zu lösen. Gewissermaßen geht es um ein Objekt, an dem unser konzeptuelles Hologramm klammert oder klammern will, aber ich denke, der Ausdruck „konzeptuell impliziert“ ist hier etwas klarer. Er deutet auf ein äußeres Objekt, auf ein tatsächliches Ding, hin. 

Die Chittamatra-Behauptung der subtilen Leerheit aller Phänomene 

Bei der subtilen Leerheit von Phänomenen geht es im Chittamatra um Folgendes: haben wir in einem konzeptuellen Gedanken ein geistiges Hologramm, sind die individuellen definierenden Eigenschaften der Form, die in dem konzeptuellen Gedanken erscheint, frei davon, eine Grundlage für ein konzeptuell impliziertes Objekt zu sein; sie sind keine Grundlage für ein konzeptuell impliziertes Objekt. Ich werde es erklären. 

Hier ist die Sautrantika-Sicht: Ich denke an meinen Hund und mein Hund hat diese verschiedenen definierenden Eigenschaften, die ihn individuell zu meinem Hund machen – wie er aussieht und so weiter – und auf der Grundlage dieser individuellen definierenden Eigenschaften impliziere ich, dass es äußerlich existierend das konzeptuell implizierte Objekt mit diesen definierenden Eigenschaften gibt. Kenne ich all die Eigenschaften – worüber man nachdenken muss – und kann ich mich erinnern, wie mein Hund aussieht, kann ich ihn finden, wenn ich ihn verloren habe, denn diese definierenden Eigenschaften seines Aussehens implizieren, dass es einen echten Hund gibt, der so aussieht. 

Wenn ich an meinen Hund denke, gibt es definierende Eigenschaften seines Aussehens – Größe, Form, Farbe usw. – und wenn ich mich erinnern kann, wie mein Hund aussieht und es korrekt ist, impliziert das, dass ich das, wie der Hund aussieht und den Hund finden kann, wenn ich ihn verloren habe. Das ergibt doch einen Sinn, nicht wahr? Wenn Menschen ihren Hund verlieren, hängen sie einen Zettel mit einem Bild des Hundes an Bäume und Laternenpfähle. Und die definierenden Eigenschaften dessen, wie der Hund aussieht, implizieren, dass es irgendwo da draußen einen tatsächlichen, echten, objektiven Hund gibt, zu dem man eine Verbindung herstellen und tatsächlich als den Hund identifizieren kann. Er hat dieselben definierenden Eigenschaften. 

Aus der Chittamatra-Sicht ist es hingegen so: denke ich an meinen Hund, erscheinen diese individuellen definierenden Eigenschaften in meinen Gedanken – nun, da gibt es kein äußeres Objekt, das durch sie impliziert wird. Sie sind keine Grundlage für ein konzeptuell impliziertes Objekt, das äußerlich existiert. Es hat also nicht wirklich diese Art von definierenden Eigenschaften. Ob das implizierte Objekt meines Denkens an den Hund tatsächlich einen Hund impliziert, den ich auch in einer Wahrnehmung sehen kann oder nicht, ist mir ehrlich gesagt nicht ganz klar. Dazu müsste ich mich weiter informieren. Ist das implizierte Objekt meines Denkens an meinen Hund, meines Erinnerns an meinen Hund, ein äußerlich existierender Hund? Nein. Ist das implizierte Objekt gemäß Chittamatra jedoch der Hund, den ich sehen kann? Ich bin mir nicht sicher. Das müssen wir analysieren und ich hatte noch keine Möglichkeit, mich tiefgründiger zu diesem bestimmten Punkt zu informieren. 

Welcher Zusammenhang besteht aus der Chittamatra-Sicht zwischen dem Denken an meinen Hund, dem Sich-Erinnern, und dem tatsächlichen Sehen des Hundes, also zwischen diesen zwei Hologrammen? Geht es, anders ausgedrückt, bei definierenden Eigenschaften nur um Dinge, die man sehen und wahrnehmen kann und haben die Dinge, an die man nur denkt, nicht wirklich definierende Eigenschaften von etwas, das lebendig oder wahrnehmbar ist? Was ist also der Unterschied, ob ich Sascha sehe und über ihn nachdenke? Das ist Chittamatra und man weiß nicht, ob irgendetwas äußerlich existiert. Es muss ja einen Unterschied geben und das ist die Frage. 

Es ist klar, dass das, was ich denke, nichts äußerlich impliziert. Es hat nicht dieselben Eigenschaften wie etwas Äußeres, denn die äußeren Dinge existieren gar nicht, da nichts äußerlich existiert. Wir können nicht begründen, dass etwas äußerlich existiert. Aber wenn ich an dich denke, hat dann das, was ich denke, die Art der definierenden Eigenschaften, die implizieren, dass ich dich tatsächlich sehen könnte? Oder hat es nur die definierenden Eigenschaften einer Erinnerung? Das ist eine interessante Frage. 

Denkt einmal an jemanden. Normalerweise hat man ein geistiges Bild. Denkt an eure Mutter. Könnt ihr denn tatsächlich eure Mutter genauso sehen und sieht sie genauso aus, wenn ihr an sie denkt? Trägt sie die gleiche Kleidung und sitzt sie mit ihrem Körper genau in derselben Position? Ich denke, wahrscheinlich nicht. Das ist ein eher subtiler Punkt, der hier im Chittamatra gemacht wird. Wenn man beginnt, geistige Erscheinungen, diese geistigen Hologramme, zu analysieren, sind dies einige der Faktoren. 

Studiert man die verschiedenen philosophischen Schulen, würde man in Betracht ziehen, wie korrekt die Erinnerung ist. Kann man von der Erinnerung ableiten, dass etwas genauso war? Es ist schwer zu sagen und das ist eine interessante Frage. Oder verstehen wir, dass es sich im Grunde nur um eine Erscheinung in einer Erinnerung handelt und sie nicht dasselbe ist, wie tatsächlich die Mutter zu sehen? Es ist also nicht dasselbe und daher passt es zu der Beschreibung, dass an jemanden zu denken nicht so lebendig ist, wie jemanden zu sehen. Das würde es aus einer anderen, tiefgründigeren Sicht erklären. 

Offensichtlich handelt es sich hierbei um höchst schwierige Punkte, aber der Schlüssel ist, diese Fachbegriffe zu verstehen. Das ist es, was im Tibetischen an diesem Wort zhenzhi (zhen-gzhi), einer Grundlage für ein konzeptuell impliziertes Objekt, so schwierig ist.

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