Rückblick
Wir haben über Erscheinungen in konzeptueller und nicht-konzeptueller Wahrnehmung gesprochen. Den grundlegenden Mechanismus haben wir in der Sautrantika-Darstellung bekommen und in der Chittamatra-Variation gab es nur ein paar wenige Dinge, die anders waren, insbesondere in Bezug auf Ursprungsquellen der verschiedenen Komponenten innerhalb des geistigen Hologramms. Und wir haben im Sautrantika gesehen, dass wir zumindest zwischen unseren Projektionen und der objektiven Realität, um es einmal einfach auszudrücken, unterscheiden müssen, um unsere Probleme und Leiden überwinden zu können.
Im Chittamatra haben wir begonnen, die Leerheit aller Phänomene zu analysieren. Wir haben erkannt, dass wir Probleme bekommen, wenn wir gewissermaßen meinen, diese Erscheinungen würden auf unmögliche Weise existieren. Es ist also notwendig, die Leerheit oder Abwesenheit bestimmter unmöglicher Existenzweisen dieser geistigen Erscheinungen zu verstehen.
Erscheinungen sind wie im Chittamatra illusionsgleich
Oftmals hören wir, dass wir zusätzlich zur Abwesenheit von unmöglichen Existenzweisen auch verstehen müssen, dass Erscheinungen illusionsgleich sind. Das wird häufig als die „Periode der Nachmeditation“ (engl. post-meditation period) bezeichnet, was, zumindest im Englischen, eine furchtbare Übersetzung ist. „Nachmeditationsweisheit“ (engl. post-meditation wisdom) ist sogar noch schlimmer. Das, was als das Wort „post“ oder „nach“ übersetzt wird, bedeutet eigentlich „nachfolgend“. Und es folgt einer völligen Vertiefung in Leerheit; es kommt danach und kann nur direkt darauf folgen. Haben wir verstanden, dass es so etwas, wie diese unmöglichen Existenzweisen nicht gibt, folgt darauf, dass wir zu der Erkenntnis gelangen (tib. rjes-thob) oder verstehen – entweder noch während der Meditation oder außerhalb der Meditation – dass das, was erscheint, mit anderen Worten: diese geistigen Hologramme über die wir gesprochen haben, illusionsgleich sind. Das bedeutet, dass sie nicht dasselbe wie eine Illusion sind – das ist das Gelugpa-Verständnis – denn obwohl sie zu existieren scheinen oder eine unmögliche Existenzweise implizieren, tun sie es nicht. Es handelt sich bloß um so eine Erscheinung, die wie wie eine Illusion ist und sie scheint auf eine Weise zu existieren, in der sie nicht existiert.
In Shantidevas Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (Skt. Bodhicaryāvatāra) ist es ganz klar, dass eine Illusion nicht dasselbe wie das echte Leben ist. Jemanden in einem Traum oder in einer Illusion zu töten, ist nicht dasselbe, wie jemanden im echten Leben zu töten. Hier müssen wir also in unserem Verständnis sehr sorgfältig sein.
Sprechen wir aus einer Chittamatra-Sicht nur ganz allgemein über grobe Leerheit, verstehen wir, dass das Illusionsgleiche das ist, was uns in einem geistigen Hologramm erscheint, als würde es von einer äußeren Quelle kommen, als würde das Bild von einer äußeren Quelle kommen, das sich vor jeder Wahrnehmung von außen selbst begründet.
Dieses Verständnis kann uns in vielfacher Hinsicht helfen. Zum Beispiel erscheinst du mir wie die attraktivste Person oder der größte Idiot der Welt. Es scheint jedoch, als wärst du unabhängig davon, dass ich dich auf diese Weise sehe, als würdest du schon ewig so existieren, schon bevor ich vorbeikam, dich gesehen und so bezeichnet habe. Und das ist natürlich falsch.
An dieser ganzen Projektion eines Hologramms, durch das ich dich wahrnehme, mit dem ich dich sehe oder an dich denke, ist nichts wirklich falsch, wenn es dich erscheinen lässt, als würdest du schon ewig so existieren, als wärst du der schönste oder furchtbarste Mensch, außerhalb von so einer Wahrnehmung von dir – einem geistigen Hologramm, einer Projektion von so jemandem. Doch obwohl es mir so erscheint, glaube ich nicht daran. Ich glaube nicht, dass es das implizierte Objekt dazu gibt, dass das, was es impliziert, etwas ist, das wirklich existiert und real ist.
Mit dieser ganzen karmischen Tendenz, die immer wieder hochkommt und dich auf diese Weise wahrnehmen lässt, stimmt etwas nicht und dagegen müssen wir etwas unternehmen. Ein Teil dieses Gesamtpaketes dessen, dass du als die schönste oder wunderbarste Person im Universum erscheinst, ist Anziehung, Verlangen und Anhaftung, oder Wut, Abneigung und Hass gegenüber dir, der du die furchtbarste Person im Universum zu sein scheinst.
Klassifizierungsschemen mit Kategorien
Gehen wir zur Madhyamaka-Sicht, haben wir Svatantrika und Prasangika innerhalb des Madhyamaka. Und innerhalb des Svatantrika haben wir Yogachara Svatantrika und Sautrantika Svatantrika.
Dies sind Klassifizierungen, die von den Tibetern erfunden wurden. Tibeter sind recht gut darin, das Material zu organisieren, dass vor langer Zeit aus Indien auf eine ziemlich chaotische Weise zu ihnen kam. Es handelt sich um nützliche Klassifizierungen, doch wir sollten nicht denken, dass alle tibetischen Schulen und alle tibetischen Meister in der Geschichte diese gleichen Kategorien benutzt haben. Hier kommen wir zu den Kategorien zurück, um die verschiedenen indischen Autoren, die indischen Meister und ihre Texte zu klassifizieren. Doch im Grunde ist es ein ziemlich gutes Beispiel, denn die verschiedenen tibetischen Schulen und verschiedenen tibetischen Meister legen in jeder dieser Schulen andere definierende Eigenschaften fest. Das illustriert recht gut diesen Punkt: Wo existieren die definierenden Eigenschaften? Existieren sie auf Seiten der Kategorie oder auf Seiten des Geistes, der die Kategorie erfindet, der die Kategorie bezeichnet?
Wir sollten nicht denken, dass jemand eine Kategorie erfindet. Eine Kategorie wird nicht durch etwas organisch gebaut; sie ist eine metaphysische Entität, die wir in unserem Denken nutzen. Doch der Vorgang des Definierens ist ein organischer Prozess. Eine Kategorie selbst ist statisch, sie wächst nicht wie eine Pflanze und wird nicht wie ein Computer zusammengebaut. Wir erlernen Kategorien, wie auch ein Kleinkind lernt, was zur Kategorie Nahrung gehört und was nicht. Doch die Kategorie „Nahrung“ selbst ist nicht etwas, das erschaffen wird.
Das ist genau genommen ein interessanter Punkt. Woher kam denn die Kategorie „Computer“? Oder ist sie nur etwas, mit dem eine Ansammlung individueller Elemente bezeichnet wird und ist somit auf eine Bezeichnung zurückzuführen, wird jedoch nicht durch die individuellen Elemente erschaffen, welche die Kategorie ausmachen? Hätten wir viel Zeit, könnten wir diese Dinge natürlich weiter erforschen: Handelt es sich bei dem Vorgang des Erschaffens der Kategorie „Computer“ um einen ähnlichen Vorgang, wie dem Erschaffen der Kategorie „gut“, „schlecht“, „gelb“, „orange“, „Hund“ oder „Wolf“?
Die Buddhisten unterscheiden die Kategorie selbst von dem so genannten „Erlangen einer Kategorie“. Es gibt eine ganze Menge Tiere und wenn man an all die verschiedenen Arten von Tieren denkt, die zur Kategorie „Hund“ gehören, ist es im Grunde ziemlich bemerkenswert, dass jemand eine Kategorie erschuf, die sie alle umfasst, die großen Hunde mit langen Haaren, die kleinen nackten Hunde und so weiter. Man betrachtet sie alle und die Ableitung kann auf einem Vorgang beruhen, doch die Kategorie „Hund“ selbst tut nichts. Jemand kommt vorbei, betrachtet all diese Wesen und sagt: Wir werden sie alle so nennen, wir werden eine Kategorie daraus machen.“ Die Ableitung entsteht durch Ursachen und Bedingungen. Doch wenn man plötzlich eine Kategorie beginnen will, ist sie statisch. Das Erlangen (tib. thob-pa) kommt also durch einen gewissen Vorgang zu Stande, nicht durch die Kategorie selbst.
Svatantrika-Madhyamaka
Im Svatantrika stimmten die Yogacharas mit dem Chittamatra überein, dass es keine äußeren Phänomene gibt, wie wir sie definiert haben. Und die Sautrantika-Svatantrikas und Prasangikas vertreten, dass es äußere Phänomene gibt. Das bezieht sich auf eine Ursprungsquelle des Bildes eines physischen Phänomens in einem geistigen Hologramm, dass dessen Existenz vor dessen tatsächlicher Wahrnehmung begründet werden kann. Im Yogachara Svatantrika ist man in diesem Punkt mit dem Chittamatra einverstanden, dass es keine äußeren Ursprungsquellen dieser Bilder gibt.
Der Hauptpunkt im Madhyamaka ist im Allgemeinen, dass die Existenz von etwas durch das begründet wird, worauf sich eine geistige Bezeichnung, ein Konzept oder Wort für etwas bezieht. Im Svatantrika sagt man jedoch, dass die Existenz nicht nur dadurch begründet wird, der Bezug dafür zu sein, worauf sich ein Wort oder Konzept bezieht, sondern auch durch die passenden definierenden Eigenschaften auf Seiten des Objektes.
Ein klassisches Beispiel ist, dass es etwas auf Seiten eines Königs geben muss, das ihn zusammen mit dem Bezeichnen als König zu einem König macht, denn sonst könnte auch ein Bauer als „König“ bezeichnet werden. Offensichtlich gab es politische Gründe dafür, denn dies ist das klassische Beispiel, das immer angeführt wird.
Die Svatantrikas stimmten mit dem Sautrantika und Chittamatra überein, dass das „Bezugs-Ding“ eines Namens oder Konzeptes für etwas auf Seiten des Objektes gefunden werden kann. Es ist auffindbar. Die Existenz aller Objekte wird also von sich aus durch ihre Selbstnatur begründet. Und ihre Existenz wird durch die definierenden Eigenschaften in Verbindung mit geistigem Bezeichnen begründet, nicht allein.
Denkt man darüber im Sinne des Sautrantika Svatantrika nach, in dem äußere Existenz vertreten wird, gibt es hier einen großen Unterschied zwischen der Weise, wie das Begründen der Existenzweise hier im Sautrantika Svatantrika und wie eine ähnliche Sache im Sautrantika erklärt wird.
Als wir im Sautrantika über metaphysische Entitäten, diese Kategorien, gesprochen haben, konnte ihre Existenz nur in dem Kontext begründet werden, wenn jemand tatsächlich konzeptuell an sie dachte. Die Kategorie existiert nicht irgendwo dort draußen in Platos Höhle, im Himmel, von sich aus, außerhalb des Kontextes von jemanden, der mit dieser Kategorie denkt.
Im Sautrantika Svatantrika wird hier ein ganz subtiler Unterschied gemacht, nämlich dass man die Existenz von etwas nur im Kontext dessen begründen kann, worauf sich ein Name oder eine Bezeichnung auf der Basis der definierenden Eigenschaften bezieht. So begründet man sie. Das bedeutet nicht, dass sie nur existiert, wenn jemand sie bezeichnet. Das ist ein riesengroßer Unterschied. Im Chittamatra wird etwas Ähnliches gesagt, dass man nur die Existenz von etwas begründen kann, wenn man es wahrnimmt oder darüber nachdenkt. Hier sagen wir etwas ganz anderes.
Das ist ein Punkt, an dem es häufig zu großen Missverständnissen kommt. Sprechen wir über geistiges Bezeichnen und darüber, dass Dinge durch geistiges Bezeichnen existieren, bedeutet das, und ich kann es nicht genug wiederholen, dass dessen Existenz durch geistiges Bezeichnen begründet wird; sie wird nicht durch geistiges Bezeichnen erschaffen. Die einzige Sache, die begründet, dass es da einen Hund gibt, ist, dass es ein Wort für Hund gibt und es das ist, was das Wort oder Konzept „Hund“ bedeutet. Das heißt nicht, dass es keine Hunde gibt, bevor jemand vorbeikommt und sagt: „Oh, ein Hund“. Was ist ein Hund? Ein Hund ist das, worauf sich das Wort „Hund“ bezieht.
Verstehen wir diesen subtilen Unterschied, können wir erkennen, dass es äußerlich existierende Phänomene geben kann, die von einer äußeren Ursprungsquelle stammen. Dazu ist es erforderlich, viel darüber nachzudenken und es zu analysieren, um diesen Punkt zu verinnerlichen. Doch es ist wichtig, unseren konzeptuellen Vorgang nicht zu überschätzen und zu sagen, er würde die Realität erschaffen. Glauben wir, dass er der Realität entspricht und dass das, was uns erscheint, unmöglich ist, haben wir ein Problem. Es ist auch ein Problem, wenn es nicht zutreffend ist. Es ist nicht wie bei einem Schizophrenen, der eine merkwürdige Erscheinung von Dingen hat und wirklich die Realität um sich herum erschafft. Es scheint nur so zu sein, doch das ist nicht die tatsächliche äußere Realität. Mit unserer Erfahrung hat es insoweit etwas zu tun, dass wir nicht die Macht unserer geistigen Hologramme überschätzen sollten.
Momentan haben wir nicht so viel Zeit, um ausführlich darauf einzugehen, wie Dinge existieren, denn das ist ein großes Thema. Wir haben auch schon vorher ein wenig darüber gesprochen. Hier ist mein Punkt jedoch, dass sogar wenn es mir so scheint, als wärst du der schönste Mensch oder der größte Idiot der Welt, es dich nicht zum schönsten Menschen oder größten Idioten macht oder erschafft, bevor ich dir begegnet bin. Meine Glaubensvorstellung, dass diese Erscheinung des schönsten oder furchtbarsten Menschen der Realität entspricht, kann dazu führen, alle möglichen störenden Emotionen zu haben und auf alle möglichen störenden Weisen zu handeln, aber es macht dich nicht zu dieser Art von Mensch. Es ist nur wie eine Illusion und erscheint so.
Im Svatantrika wird jedoch gesagt, dass es etwas auf Seiten des anderen geben muss, eine Eigenschaft, welche die Grundlage ist und auf der Seite des anderen gefunden werden kann, um den anderen für den schönsten oder furchtbarsten Menschen halten zu können. Es könnte etwas hinsichtlich des Verhaltens sein, des Aussehens usw.
Prasangika-Madhyamaka
Im Prasangika sagt man: nein, es gibt keine individuellen definierenden Eigenschaften seitens des Objektes. Alles hat seine Individualität, es gibt individuelle Eigenschaften, aber man kann sie nicht seitens des Objektes finden. Tatsächlich gibt es nichts auf Seiten des Objektes, das dessen Existenz seitens des Objektes begründet. Man kann also dessen Existenz nicht von einer Selbstnatur begründen; sie ist nicht selbst-begründend. Sie wird nicht von sich aus begründet. Sie wird nicht von den individuellen definierenden Eigenschaften begründet, die man auf Seiten des „Bezugs-Dings“ findet, auf das sich das Wort bezieht. Man kann dort nichts finden, auf das es sich bezieht, das sich selbst begründet.
Das bedeutet im Wesentlichen, dass ich die Definition dessen, was wirklich schön oder wirklich furchtbar ist, in meinem eigenen Geist erschaffe. Ich bezeichne also geistig nicht nur die Kategorie, sondern bezeichne geistig auch die Definition der Kategorie.
Das ist ausgesprochen wichtig. Sprechen wir von äußeren Phänomenen, sollten wir nicht meinen, dass alles wie eine leere Kassette, eine leere Leinwand oder ein einheitliches elektromagnetisches Feld existiert und sollten auch nicht denken, individuelle Objekte würden wie leere Kassetten oder leere CDs existieren und wir könnten ihnen jede Bezeichnung geben, ihnen alles zuschreiben, sie benennen, wie wir wollen und es würde sie dann zu dem machen. Es ist auch nicht so, dass alles mit diesen individuellen definierenden Eigenschaften, wie Wasser für Menschen, Eiter für Geister, Nektar für Götter und ein Zuhause für Fische angefüllt ist und dann voller definierender Eigenschaften seitens der Objekte ist.
Denn nicht einmal diese Plastikhülle, über die wir gesprochen haben, welche die Existenz von etwas als individuelles Phänomen, als gültig erkennbare Sache, begründet, existiert auf Seiten des Objektes. Was ist ein gültig erkennbares Objekt? Es ist das, worauf sich das Wort „gültig erkennbares Objekt“ bezieht. Es gibt also konventionell existierende Dinge, doch sie sind nicht von einer Linie oder einer Plastikhülle umgeben, welche ihre Atome oder ihr elektromagnetisches Feld von dem trennt, was sie umgibt.
Denn es gibt keine Plastikhülle, die sie zu einem individuellen Ding macht und daher ist alles miteinander verbunden und kann miteinander interagieren. Wäre alles in Plastik gehüllt, könnte nichts miteinander in Wechselwirkung treten. Doch wenn wir das verstehen, ist es ausgesprochen wichtig, dass wir nicht die konventionelle Wahrheit von Dingen, die konventionelle Realität negieren. Obgleich für mich also Dinge mit diesen geistigen Hologrammen auf alle möglichen verrückten Weisen zu existieren scheinen, existieren sie (1) nicht auf diese Weise, was (2) nicht heißt, sie würden gar nicht existieren.
Innerhalb unseres geistigen Hologramms, der Erscheinungen, müssen wir unterscheiden, was korrekt ist und was nicht korrekt ist. Außerdem müssen wir uns fragen, wie sich das darauf bezieht, wie Dinge existieren und was Dinge sind. Alle, außer den Vaibhashikas, sagen: „ja, wir kennen die Welt, wir kennen alles durch geistige Hologramme, doch es ist illusionsgleich.“ Aber was bedeutet das? Was ist eine Illusion und welcher Aspekt davon ist illusionsgleich? Es ist wichtig, diese Hologramme zu verstehen, angesichts der Tatsache, dass es Hologramme gibt, sogar für einen Buddha.
Zwei Aspekte der geistigen Aktivität in Bezug auf die zwei Wahrheiten
Es gibt noch einen weiteren Punkt im Prasangika, Madhyamaka, in der Gelug-Version. Wenn wir von einem Geist sprechen, was sich wie gesagt auf die geistige Aktivität des Hervorbringens von Erscheinungen und das Wahrnehmen bezieht, gibt es diesbezüglich zwei Aspekte. Ein Aspekt ist das Hervorbringen von Erscheinungen dessen, was etwas ist. Das ist gültig für das Wahrnehmen der oberflächlichen oder relativen Wahrheit. Und dann gibt es den Aspekt, der die Erscheinung dessen hervorbringt, wie etwas existiert und das ist der Aspekt, der gültig für das Wahrnehmen der tiefsten Wahrheit von Dingen ist. Ich wiederhole: es gibt zwei Aspekte. Einer ist gültig für das Wahrnehmen der konventionellen Wahrheit und einer für das Wahrnehmen der tiefsten Wahrheit. Der Aspekt, der gültig für das Wahrnehmen der konventionellen Wahrheit ist, bringt Erscheinungen der konventionellen Wahrheit hervor und der Aspekt, der gültig für das Wahrnehmen der tiefsten Wahrheit ist, bringt die Erscheinung hervor, wie Dinge existieren, die tiefste Wahrheit.
Sprechen wir über die konventionelle Erscheinung dessen, was etwas ist, kann es entweder ein korrektes Hervorbringen von Erscheinungen geben oder ein nicht korrektes. Das kann mit dem Geist festgelegt werden. Man kann es nicht seitens des Objektes begründen. Nichts kann im Prasangika von Seiten des Objektes begründet werden. Mit dem Geist kann es festgelegt werden.
Ich sehe etwas und nehme es als einen Hund, als ein Haustier, wahr. Es muss zur Konvention der Gruppe passen, der ich angehöre. Es muss die Kategorie „Hunde als Haustiere“ geben, nicht nur die Kategorie „Hunde als Nahrungsmittel“. Es wird also durch eine Konvention für gültig erklärt. Nun, die Konvention ist etwas im Geist. Wir könnten festlegen, dass es korrekt ist, wenn es eine Konvention gibt und wenn es nicht im Widerspruch zu anderen Aspekten des Geistes steht, die gültig für das Wahrnehmen der konventionellen Wahrheit sind. Wir fragen andere Leute in unserer Gemeinschaft: „Ist das ein Hund oder ist das eine Kakerlake?“ Und wenn alle zustimmen, dass es keine Kakerlake, sondern ein Hund, ein Haustier, ist, gibt es keinen Widerspruch. Sagen alle anderen, dass es eine Kakerlake ist, hat etwas mit unserer Wahrnehmung des Wesens als ein Hund nicht gestimmt.
Sprechen wir nun über den Aspekt des Geistes, der hervorbringt, wie etwas existiert, gibt es hier ebenfalls zwei Aspekte, zwei Möglichkeiten. Und was hier korrekt wäre, ist, dass alles allein im Sinne von Namen und geistigem Bezeichnen existiert. Anders ausgedrückt sind alle Dinge das, worauf sich Worte und Konzepte beziehen. Das nennt man „abhängiges Entstehen“. Es gibt abhängig entstehende Phänomene. Was nicht korrekt wäre, ist, dass sie von sich aus als wahrhaft begründet existieren, was man als wahrhaft begründete Existenz bezeichnet.
Gemäß dem Gelug-Prasangika bringt unser Geist Erscheinungen von Dingen hervor, die auf diese unmögliche Weise existieren, als wären sie von sich aus begründet, sowohl in konzeptueller als auch in nicht-konzeptueller Wahrnehmung. Unser geistiges Hologramm gibt uns diese Erscheinung bezüglich darauf, wie es existiert, also dass dessen Erscheinung von sich aus generell oder als dieses und jenes begründet werden kann. Wie existieren Dinge tatsächlich? Sie existieren abhängig entstehend von geistigem Bezeichnen. Das stimmt. Das ist die tiefste Wahrheit über Dinge. Sie existieren frei von einer Existenz, die von sich aus begründet wird.
Wenn wir etwas wahrnehmen, als wäre dessen Existenz von sich aus begründet, oder einfacher ausgedrückt: als wäre dessen Existenz wahrhaft begründet, hindert uns das daran erkennen zu können, dass es nicht von sich aus wahrhaft begründet ist. Jedes Mal, wenn wir etwas wahrnehmen und unser Geist gleichzeitig eine Erscheinung wahrhaft begründeter Existenz hervorbringt, können wir nicht die eigentliche Erscheinung dessen wahrnehmen, was es ist, sowie dessen Leerheit, also dass es nicht wahrhaft begründet ist und in Abhängigkeit entsteht.
Solange es eine Erscheinung wahrhaft begründeter Existenz gibt, können wir nicht gleichzeitig auch die zwei Wahrheiten oder Tatsachen über etwas wahrnehmen: dessen Erscheinung, was es ist und dessen Leerheit davon wahrhaft begründet zu existieren. Können wir unseren Geist dazu bringen mit dem Projizieren wahrhaft begründeter Existenz aufzuhören, ist es möglich, die zwei Wahrheiten gleichzeitig zu haben: dessen Leerheit oder Abwesenheit, wahrhaft zu existieren, also dessen abhängiges Entstehen, und was es ist. Wir müssen also den Geist dazu bringen, damit aufzuhören, diese falsche Erscheinung dessen hervorzubringen, wie Dinge existieren.
Der Geist des klaren Lichts gemäß dem Anuttarayoga-Tantra
Nun kommen wir zum Bereich des Anuttarayoga-Tantra, der höchsten Tantra-Klasse und den dazugehörigen Erklärungen. Hier gibt es eine Unterscheidung von drei Ebenen der geistigen Aktivität. Es gibt die grobe Ebene, die auf der Grundlage der physischen Sensoren unserer Sinnesorgane entsteht und sie ist die Ebene, die verantwortlich für unsere Sinneswahrnehmung, die nicht-konzeptuelle Sinneswahrnehmung, ist. Sie hat eine grobe physische Grundlage und ist somit ein grobes Bewusstsein.
Dann gibt es geistiges Bewusstsein. Geistiges Bewusstsein kann entweder konzeptuell oder nicht-konzeptuell sein. Es ist das, was wir als subtiles Bewusstsein bezeichnen würden. Und es hängt nicht von einem groben physischen Sensor, von sensorischen Zellen, ab. Es stützt sich lediglich auf so genannte „Winde“, auf die subtilen Energien des subtilen Körpers. Das war nur eine ganz grobe Erklärung. In Bezug auf die Energiewinde kann man noch viel subtiler werden, aber hier werden wir nicht weiter darauf eingehen.
Die subtilste Ebene der geistigen Aktivität ist dann der so genannte „Geist des klaren Lichts“ und er stützt sich auf den subtilsten Energiewind. Es ist diese Ebene, die eine ungebrochene Kontinuität hat, ohne Anfang und ohne Ende, über den Tod hinaus geht, von einem Leben zum nächsten, und sich auch in der Buddhaschaft fortsetzt. Gewissermaßen ist sie verantwortlich für eine Kontinuität der geistigen Aktivität. Alle anderen Ebenen, subtilen Ebenen usw., sind abhängig davon, eine Art gröberen Körper zu haben, auch wenn es sich um einen sehr subtilen Körper handelt.
Wir sprechen hier nicht von dem Körper eines Buddhas, sondern von dem Körper eines begrenzten Wesens, das auch als „fühlendes Wesen“ bezeichnet wird. Dieses Wort, das als „fühlendes Wesen“ übersetzt wird, bezieht sich im Grunde darauf, begrenzt zu sein. Hier gibt es zwei Begriffe: semchen (sems-can), etwas mit einem begrenzten Geist – was sich nicht auf einen Buddha bezieht – oder luchen (lus-can), etwas mit einem begrenzten Körper – was sich ebenfalls nicht auf einen Buddha bezieht. Worin besteht die Begrenztheit? Die Begrenztheit besteht darin, eine begrenzte Hardware zu haben – wenn wir die Analogie eines Computers benutzen wollen – die begrenzte Hardware eines gewöhnlichen Körpers, auch wenn es sich um einen ganz subtilen handelt, der begrenzt ist. Er bringt das Bewusstsein oder die geistige Aktivität, die mit ihm verbunden ist, ebenfalls dazu begrenzt zu sein, begrenzt in dem Sinne, dass sie ständig eine Erscheinung wahrhaft begründeter Existenz hervorbringt.
Sprechen wir nur über den Geist des klaren Lichts, so hat diese geistige Aktivität des klaren Lichts, diese Aktivität des klaren Lichts, nicht nur keine störenden Emotionen, Unwissenheit und Glauben an diese Erscheinungen unmöglicher Existenzweisen, glaubt also nicht an sie und ist nicht durch sie gestört, sondern erzeugt sie auch nicht. Das ist ziemlich interessant, wenn man es hier analysiert. Nur der Geist des klaren Lichts ist in der Lage, die zwei Wahrheiten gleichzeitig wahrzunehmen – eine Erscheinung dessen, was etwas ist und wie es existiert, also als abhängig entstehend.
Fragt nun jemand hinsichtlich dieses Aspektes des Hervorbringens von Erscheinungen, woraus das geistige Hologramm besteht, der Aspekt des geistigen Hologramms dessen, was es ist oder zu sein scheint, müsste man sagen, dass er aus diesem subtilsten Energiewind des Geistes klaren Lichts besteht. Die falsche Erscheinung dessen, wie Dinge existieren, also auf unmögliche Weise, besteht hingegen aus den gröberen Energiewinden, welche die Stütze dieser gröberen Ebenen der geistigen Aktivität ist.
Das ist die Gelugpa-Version und bei ihr geht es um diesen Punkt, zu dem es leicht unterschiedliche Variationen gibt, auf die ich jedoch nicht näher eingehen werde. Zum Klassifizieren dessen, was hier geschieht, gibt es die Erklärung des „untrennbaren Samsara und Nirvana“ im Sakya, die ganze Mahamudra-Darstellung im Karma-Kagyü und die Dzogchen-Präsentation – diese verschiedenen Weisen, die Erscheinungen des Geistes klaren Lichts zu erklären. Sie alle befassen sich mit dieser Frage, woraus die Erscheinungen bestehen. Sie diskutieren darüber, ob die Erscheinung dessen, was etwas ist und wie es existiert, in einem Gesamtpaket kommt oder von getrennten Dingen. Auf diese Weise kommen die Unterschiede zustande.
Hervorbringen von Erscheinungen durch den Geist des klaren Lichts
Hier werden wir uns nur die Gelug-Erklärung ansehen. Und es gibt eine Reihenfolge, die in all den tibetischen Traditionen erklärt wird, aber hier werde ich nur die Gelugpa-Version beschreiben, den so genannten Auflösungsvorgang und Wiederaustrittsvorgang der gröberen Ebenen geistiger Aktivität in und aus dem Geist des klaren Lichts.
Im System des Anuttarayoga-Tantra, das aus dem „Guhyasamaja-Tantra“ kommt, gibt es eine Erklärung in sieben Stufen, wobei der Geist des klaren Lichts die achte Stufe ist und es sieben Stufen nach unten und sieben Stufen nach oben gibt. Im Kalachakra wird es in einem zehnstufigen Vorgang beschrieben. All die Anuttarayoga-Tantras außer dem Kalachakra akzeptieren die Darstellung im Guhyasamaja. Die Darstellung, die aus dem Guhyasamaja kommt, gilt auch für das Chakrasamvara-System, für das Yamantaka-System und all diese anderen Systeme. Das einzige System, in dem es anders erklärt wird, ist das Kalachakra.
Diese Ebenen sind mit dem Hervorbringen von Erscheinungen verbunden und somit kann man nicht sagen, dass sie tatsächlich etwas mit dem Hervorbringen der äußeren Objekte zu tun haben. Man kann zwar eine Chittamatra-Erklärung des Anuttarayoga-Tantra haben und auch eine Svatantrika-Erklärung, doch aus der Gelugpa-Sicht kann man nur mit dem Prasangika-Verständnis den ganzen Weg bis hin zur Erleuchtung gelangen. Daher bleiben wir einfach beim Prasangika-Verständnis.
Bevor ich mit dieser Erklärung beginne, sollte ich euch informieren, dass ich es lediglich beruhend auf meinem eigenen Verständnis beschreibe und euch nicht schwören kann, dass sie vollkommen korrekt ist. Ich bin nicht wie ein Buddha, dass ich den Boden berühren und ihn bitten kann, Zeuge dafür zu sein, ein korrektes Verständnis zu haben. Aber ich habe ziemlich lange darüber nachgedacht und versucht, die vielen verschiedenen Teilchen zusammenzufügen und bin dann zu diesem Schluss gekommen.
Im Nicht-Gelugpa gibt es diese sieben Stufen bezüglich dem Hervorbringen von Erscheinungen dessen, was etwas ist und wie es zusammen existiert. Es ist in einem Gesamtpaket vermischt. Im Gelugpa wird es nicht auf diese Weise beschrieben, denn der Geist des klaren Lichts kann eine Erscheinung dessen, was etwas ist, als abhängig entstehend hervorbringen. Und wenn er es tut, bringt er diese Erscheinung nicht in Bezug auf diese gröberen Ebenen des Energiewindes und Bewusstseins hervor. Man muss also sagen, dass hinter dem Vorgang der geistigen Konstruktion der Erscheinung wahrer Existenz durch diese sieben Stufen eine grundlegende Erscheinung dessen zugrunde liegt, was etwas ist.
Anders ausgedrückt bringt der Geist des klaren Lichts, der subtilste Energiewind die Erscheinung dessen hervor, was etwas ist – das ist mein Verständnis. Außerdem überlagert er von diesen gröberen Ebenen die Erscheinung wahrhaft begründeter Existenz, doch wenn man davon frei wird, kann man die Erscheinung dessen, was etwas ist, als abhängig entstehend erkennen. Ist der Geist des klaren Lichts für die Erscheinung dessen verantwortlich, was etwas ist, wie farbige Formen usw., dann ist diese Ebene verantwortlich für diesen Aspekt unseres geistigen Hologramms, ob wir begrenzte Wesen oder ein Buddha sind.
Zusätzlich dazu gibt es eine Projektion der Erscheinung einer falschen Existenzweise und dafür sind diese gröberen Ebenen des Geistes verantwortlich, welche diese gröberen Ebenen der subtilen Energie nutzen oder auf ihr reiten. Innerhalb der subtilen Energie gibt es gröbere subtile Energien, die mit dem Hologramm dessen zu tun haben, was wir sehen, und subtile Energien, die mit dem Hologramm dessen zu tun haben, was wir denken. Daher habe ich gesagt, dass ich nicht auf all die verschiedenen Unterteilungen dieser subtilen Energien eingehen möchte, da es ziemlich kompliziert ist.
Welche soll man als erstes darlegen? Ich glaube, dass es einfacher ist, diese Reihenfolge des Auftretens von der subtilsten bis hin zur gröbsten Ebene zu präsentieren. Und hier ist es notwendig, über die verschiedenen Ebenen der konzeptuellen Wahrnehmung zu sprechen.
Wir haben ja schon über die persönliche konzeptuelle Erfahrung gesprochen und ich würde sagen, die westliche Formulierung dafür wäre „bewusste persönliche konzeptuelle Wahrnehmung“. Wir haben unsere eigene persönliche Vorstellung davon, was schön ist und das ist uns ziemlich bewusst. Dann gibt es die so genannten „achtzig vorbewussten primitiven konzeptuellen Wahrnehmungen“ (tib. rang-bzhin kun-rtog brgad-cu). Sie sind ziemlich schwer zu verstehen und dies ist mein persönliches Verständnis.
Die erste Ebene, die persönlichen bewussten Wahrnehmungen, haben mit Worten zu tun. Es gibt sie bei den Menschen und ihnen muss eine Sprache beigebracht werden. Diese achtzig sind primitiver; Tiere haben diese Wahrnehmungen. Gewissermaßen sind sie eine Kategorie, die aus einer Art der Gewohnheit oder so etwas in der Art stammt. Sie sind eine Art Mechanismus, wie der Geist für begrenzte Wesen funktioniert und zum Beispiel eine Kategorie „Küssen“, „Umarmen“ oder „Säugen“ für ein Säugetier ist. Wie weiß denn ein Tier, wie man das tut? Es gibt ein Konzept, eine Kategorie dafür und sie muss einem nicht beigebracht werden. Es ist etwas, das ich als „vorbewusst“ bezeichne.
Ähnlich verhält es sich mit „Wut“ oder „Verlangen“. „Ich zeige dir Zuneigung“ – es gibt also ein Konzept dafür, wie man durch Küssen oder Umarmen Zuneigung zeigt. „Ich werde mich ernähren“ – es gibt also ein Konzept dafür, wie man sich ernährt, dass man an der Brust einer Mutter saugt. „Ich werde Wut zeigen“ – es gibt also eine bestimmte Kategorie dafür, wie man wütend ist. Das Gesicht nimmt eine bestimmte Mimik an, die Stimme wird laut, man knurrt wie ein Hund oder ähnliches. Es gibt also eine Kategorie, wie es sich manifestiert und jedes Mal kann es sich etwas anders manifestieren, doch es gibt ein allgemeines Konzept dafür, wie man es tut. Darum geht es meiner Meinung nach, wenn wir uns die Liste dieser Achtzig ansehen. Das ist diese vorbewusste primitive konzeptuelle Wahrnehmung.
Und dann haben wir die „vollkommen unbewusste, subtilste Erscheinungen hervorbringende konzeptuelle Wahrnehmung“. Sie bringt die Erscheinung wahrer Existenz hervor und sie ist ein höchst subtiler konzeptueller Geist. Es handelt sich dabei um den subtilsten konzeptuellen Geist, der unbewusst da ist und fortwährend wirkt. Sogar auf unseren gröberen Ebenen der nicht-konzeptuellen Wahrnehmung läuft zugrunde liegend diese subtilste konzeptuelle geistige Aktivität ab. Sie bringt eine Erscheinung wahrer Existenz hervor und das implizierte Objekt – tatsächliche wahre Existenz – gibt es nicht.
Hier gibt es drei Ebenen. Diese drei Ebenen werden für gewöhnlich als „schwarze Erscheinung, rote Erscheinung und weiße Erscheinung“ übersetzt. Das sagt uns nicht viel, doch es hat etwas damit zu tun, was tatsächlich zu erscheinen scheint, wie es aussieht, wenn man sich auf dieser Ebene befindet und alle anderen Ebenen geblockt hat. Es hat etwas mit den subtilen Energietropfen zu tun, dem so genannten weißen Tropfen und dem roten Tropfen. Wir haben keine Zeit, hier näher darauf einzugehen, doch es gibt einen Grund, warum sie weiß, rot und schwarz sind. Der weiße Tropfen bewegt sich nach unten ins Herz und es gibt die weiße Erscheinung; wenn der rote Tropfen ins Herz gelangt, gibt es die rote Erscheinung und wenn sie sich beide verbinden, gibt es die schwarze Erscheinung.
Doch wir können uns, was das Hervorbringen von Erscheinungen betrifft, auch eine andere Ebene ansehen; nicht nur in Bezug auf die Erscheinung, sondern in Bezug auf die Aktivität des Hervorbringens von Erscheinungen. Wir haben ja über geistige Aktivität gesprochen. Hier sollten wir uns die tibetischen Namen dafür ansehen, denn sie geben uns einen Hinweis darauf, was es bedeutet. Der Schwarze heißt nyertob (nyer-thob) und bedeutet „fast erlangt“. Es bezieht sich darauf, dass es wie eine Schwelle ist. Betrachten wir das Bewusstsein als etwas, das aus dem Geist des klaren Lichts kommt, ist dies die Schwellenebene. Es ist die Schwelle, an der wir nun beginnen, die Erscheinung wahrer Existenz hervorzubringen.
Es gibt zwei Phasen, eine mit Vergegenwärtigung und eine ohne Vergegenwärtigung. Was ist Vergegenwärtigung? Vergegenwärtigung ist wie ein geistiger Klebstoff. Zunächst haben wir keine Vergegenwärtigung und es gibt keinen geistigen Klebstoff, der an einer Erscheinung wahrer Existenz festhält, und dann gibt es die nächste Phase, auf der es nun den geistigen Klebstoff gibt, der sich an die Erscheinung wahrer Existenz binden und daran festhalten würde.
Die nächste Phase ist die rote Erscheinung, cheypa (mched-pa) auf Tibetisch und ich bezeichne sie als Licht-Streuung. Das tatsächliche tibetische Wort bedeutet, dass es eine Streuung gibt, die „nach außen geht“, wörtlich „zunimmt“, und wenn wir Licht als etwas betrachten, was eine Erscheinung wahrer Existenz von dieser Schwelle erzeugt, gibt es nun eine Licht-Streuung, die ausstrahlt und eine Erscheinung wahrer Existenz hervorbringt.
Und dann gibt es die weiße Erscheinung, die auf Tibetisch nangwa (snang-ba) heißt und wörtlich „erscheinen“ bedeutet. Es ist ein „Erstarren von Licht“. Das Licht des Hervorbringens einer Erscheinung wahrer Existenz ist ausgestrahlt und erstarrt nun zu einer Erscheinung wahrer Existenz. Denn eine Erscheinung wahrer Existenz ist wie eine Erscheinung von Solidität, Festigkeit oder Kompaktheit. Und auf dieser Stufe tauchen nach der weißen die achtzig primitiven vorkonzeptuellen bewussten Arten des Geistes auf.
Danach gibt es vier weitere und nun gibt es subtile Elemente innerhalb des Körpers. Äußerlich gibt es die groben Elemente und im Körper die subtilen Elemente: Wind, Feuer, Wasser und Erde.
Was zuerst erscheint, ist wie ein Lichtpunkt. Dann verbinden sich die subtilen Winde, der subtilste Energiewind, mit dem inneren Windelement. Der Wind wird hier also immer gröber. Das Windelement eines Körpers kann die Stütze für diese „Punkterfahrung“ oder „die Kerze am Grund eines Brunnens“ sein. Wie es erscheint, wird auf vielerlei Weise beschrieben. Nun reden wir darüber, wie eine Erscheinung erstarrend sein kann. Zu was erstarrt es also? Der nächste Schritt nach dem Auftauchen der primitiven Arten des konzeptuellen Geistes ist die Erscheinung wie ein Lichtpunkt.
Was passiert, ist, dass nun die subtilen Elemente des Körpers die Basis für diese Winde sein können, zu was sie erstarren, wie sie aussehen, sowie dessen Qualität, die Qualität der Erscheinung der Solidität wahrer Existenz. Stellen wir uns dies als ein Bild vor, das auf dem Bildschirm eines Computers erscheint, dann gibt es zunächst einen Lichtpunkt. Zunächst tritt es aus dem Off-Modus heraus und übertritt die Schwelle, dann erscheinen die Elektronen über dem gesamten Bildschirm verteilt, es gibt also eine Licht-Streuung, und schließlich erstarrt es und hat somit die Fähigkeit, eine Art konkreter Form hervorzubringen; es beginnt also mit einem Lichtpunkt.
Das, was wir ja besprochen haben, ist nicht die Erscheinung dessen, wie es aussieht, sondern die Erscheinung, wie es zu existieren scheint. Wir sprachen über die Bildung einer Qualität der soliden Existenz, der wahren Existenz, auch wenn wir die Analogie von Licht benutzen.
Zusätzlich zum subtilen Windelement kann dann das subtile Feuerelement als eine Stütze dieser geistigen Aktivität dienen und dann ist die Erscheinung wie eine Streuung vieler Lichtpunkte – man vergleicht es mit „Glühwürmchen im Himmel“ – die Lichtpunkte befinden sich nun also auf dem gesamten Bildschirm.
Auf der nächsten Ebene, dem Hervorbringen von Erscheinungen wie es existiert, wir das Bewusstsein von dem subtilen Wasserelement des Körpers gestützt und die Erscheinung ist nun „wie Rauch“. Sie ist noch nicht ganz solide, doch sie scheint solider zu sein, wie auch Rauch solider als Lichtpunkte zu sein scheint.
Und das Erdelement kann es ebenfalls stützen, sodass es nun „wie eine Luftspiegelung“ ist. Danach haben wir eine voll entfaltete Erscheinung der Solidität wahrer Existenz bezüglich der Erscheinung dessen, was es ist. Dem allen liegt gleichzeitig, jedoch nur auf der Grundlage des Geistes klaren Lichts, die Erscheinung was es ist zugrunde. Wir haben davon gesprochen, wie es zu existieren scheint. In unserer gewöhnlichen Erfahrung können wir diese beiden nicht voneinander trennen, doch wenn wir bei der Ebene des klaren Lichts bleiben können, findet dieses ganze Hervorbringen von Erscheinungen wahrer Existenz nicht statt.
Im Kalachakra, das eine etwas andere Reihenfolge von zehn Stufen anstatt dieser sieben – oder wenn man den Geist des klaren Lichts mit hinzunimmt, acht – hat, gibt es zusätzlich vier kreative Energietropfen. Und diese Energiewinde, über die wir gesprochen haben, welche diese Erscheinungen wahrer Existenz hervorbringen, werden „karmische Winde“ genannt.
Handelt es sich also um ein geistiges Hologramm, wenn wir wach sind, projiziert es – im Sinne der „Projektion“ – durch den kreativen Tropfen des Wachzustands. Handelt es sich um eine Erscheinung während eines Traumes, geschieht es durch den kreativen Tropfen des Traumereignisses. Handelt es sich um das geistige Hologramm, wenn wir uns im Tiefschlaf ohne Träume befinden – ein geistiges Hologramm der Dunkelheit – geschieht es durch den kreativen Tropfen des Tiefschlafs. Und ist es eine Erfahrung des so genannten vierten Ereignisses, bei dem es um die Erfahrungen von großer Glückseligkeit und Glücklichsein geht, geschieht es durch diesen vierten Tropfen. Wir haben ja auch über eine Erscheinung eines Glücksgefühls gesprochen, nicht nur über eine Erscheinung farbiger Bereiche.
Doch wir sollten daran denken, dass all diese subtilen Winde und im Kalachakra diese kreativen Energietropfen der vier verschiedenen Ereignisse, über die wir gesprochen haben, Teil eines samsarischen begrenzten Körpers sind. Ein Buddha hat sie nicht; ein Buddha hat nicht diese begrenzte Hardware mit diesen Funktionen der geistigen Aktivität. Bei einem Buddha funktioniert alles nur auf der Basis des Geistes klaren Lichts und des subtilsten Energiewindes.
Können wir auf dieser Ebene des klaren Lichts bleiben, ohne jemals zu den gröberen Ebenen zurückzukehren, bringt die Ebene des klaren Lichts diese Erscheinungen wahrhaft begründeter Existenz nicht hervor, weil dafür ein gröberer Körper notwendig ist. Wir haben noch immer geistige Hologramme, doch das geistige Hologramm bezieht sich dann darauf, was etwas ist, und wie es existiert ist durch abhängiges Entstehen. Dann können wir erkennen, wie wirklich alles miteinander verbunden ist, besonders was Ursache und Wirkung betrifft. Und dann kennen wir all die Ursachen für die Probleme eines bestimmten Wesens und wissen, welche Auswirkungen es haben wird, wenn wir ihm etwas beibringen. So erlangen wir Buddhaschaft und das ist es, was ein Buddha tut. Das ist es, was wir anstreben.