Ein bloßes Hervorbringen von Erscheinungen und ihr Wahrnehmen

Die Bedeutung von „Geist“ im Buddhismus 

Ich wurde gebeten, dieses Wochenende herzukommen und Belehrungen zu Erscheinungen (tib. snang-ba) zu geben, sowie dazu, wie der Geist Erscheinungen hervorbringt und welche verschiedenen Probleme damit verbunden sind. Das ist kein sehr einfaches Thema, weil im Grunde all unsere Probleme auf eine Verwirrung in Bezug auf Erscheinungen zurückzuführen sind und daher ist es wirklich wichtig, dass wir versuchen zu verstehen, was Erscheinungen sind, wie sie existieren und ob sie der Realität entsprechen oder nicht. 

Sprechen wir über Erscheinungen, können wir uns fragen was es denn eigentlich bedeutet, wenn etwas erscheint? Denken wir einmal darüber nach, erkennen wir, dass ein Geist daran beteiligt ist. Wenn etwas erscheint, muss es einem Geist erscheinen. Es erscheint nicht einfach für sich. Daher ist es notwendig zunächst zu verstehen, was wir mit Geist meinen und welche Beziehung er zu Erscheinungen hat. 

Was verstehen wir im Buddhismus unter „Geist“ (tib. sems)? Das ist eine wirklich entscheidende Frage. Sprechen wir über den Geist, meinen wir grundsätzlich geistige Aktivität. Natürlich können wir über das Gehirn und solche Dinge sprechen, die geistige Aktivität ausführen, doch das ist im Buddhismus nicht das Hauptanliegen. Ist die Rede von geistiger Aktivität, geht es auch nicht um die chemische oder elektrische Aktivität der Wahrnehmung, auch wenn sie in der buddhistischen Analyse nicht negiert wird. Es heißt nicht, dass die physische Seite nicht existiert; natürlich existiert sie. Wir können geistige Aktivität jedoch von vielen Gesichtspunkten aus beschreiben und die Sicht, die im Buddhismus diskutiert wird, ist die Sicht des individuellen, subjektiven Erfahrens. 

Wir reden also immer von der individuellen geistigen Aktivität und nicht von einer Art kollektiven Sache. Und wenn die Rede von individuellem subjektiven Erfahren ist, geht es um das Erfahren von etwas; es muss einen Inhalt geben. Was ist also der Inhalt dieses Erfahrens, dieser geistigen Aktivität? Hier beginnt die Diskussion über Erscheinungen. 

Es ist wichtig, dass wir uns die Definition der geistigen Aktivität oder des Geistes ansehen. Für gewöhnlich wird sie mit drei Worten als Klarheit (tib. gsal-ba), Gewahrsein (tib. rig-pa) und dem Wort „bloße“ (tib. tsam) übersetzt. Wir sollten verstehen, was diese Worte bedeuten, denn wir können hier ein ziemlich verwirrtes Verständnis haben. Mit „Klarheit“ meinen wir nicht die Eigenschaft von etwas, wie fokussiert oder nicht fokussiert zu sein. Darum geht es ganz und gar nicht. Vielmehr wird es als ein Auftreten oder Auftauchen (tib. ‘char-ba) erklärt und dabei handelt es sich um dasselbe Wort wie beim Aufgehen der Sonne, einem Sonnenaufgang. Die Aktivität besteht somit darin, eine Erscheinung hervorzubringen. Es gibt also das „Hervorbringen“ einer geistigen Erscheinung und das ist eine Weise der Erklärung, was da stattfindet. Wir reden von einem Ereignis. 

Dasselbe kann man jedoch auch als eine „kognitive Beschäftigung“ (tib. ‘jug-pa) beschreiben. Es findet eine Beschäftigung mit dieser Erscheinung auf eine kognitive Weise statt und somit handelt es sich dabei um das Hervorbringen eines „Gewahrseins“. Nun haben wir eine Aktivität. Es wird nicht zuerst eine geistige Erscheinung hervorgebracht und danach dessen Gewahrsein. Wir können es anhand eines einfachen Beispiels verstehen: es ist nicht so, dass zuerst ein Gedanke entsteht und wir ihn dann denken. Das Auftauchen eines Gedankens und das Denken des Gedankens ist dieselbe Sache, auf zwei unterschiedliche Weisen beschrieben. Genauso verhält es sich mit dem Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen einer körperlichen Empfindung, dem Träumen und so weiter. 

Dieses dritte Wort „bloße“ bedeutet, dass die Aktivität ohne eine getrennte Sache oder Person stattfindet, die sie ausführt. Es gibt keinen Ausführenden, der getrennt von ihr ist und sie ausführt.. Mit anderen Worten: Es handelt sich nur um diese Aktivität. Es gibt kein getrenntes „Ich“ oder keine getrennte Sache namens „Geist“, die sie ausführt. Das führt uns natürlich tief in die buddhistische Philosophie, aber für den Moment werden wir nicht weiter darauf eingehen. 

Allerdings gibt es viele Praktiken, die damit verbunden sind zu versuchen, diese bloße geistige Aktivität zu erkennen. Wir finden sie in Methoden, die man als Mahamudra und Dzogchen kennt und es gibt viele weitere Praktiken, die wir ausführen können, um in der Lage zu sein, einfach nur die geistige Aktivität selbst zu erkennen und zu identifizieren. Tatsächlich ist es gar nicht so leicht, nur die Aktivität selbst zu identifizieren. Doch wenn wir etwas über diese Thematik lesen, sollten wir darauf achten, die gewöhnlichen Worte für „Klarheit und Gewahrsein“ nicht misszuverstehen. 

Es geht nicht um eine Art Licht und auch nicht darum, ob sich etwas im Fokus befindet oder wir unsere Brille abnehmen und dann etwas Verschwommenes auftaucht. In manchen Sprachen kann man „klar“ auch so verstehen, dass „alles klar ist“, was es ganz und gar nicht bedeutet, denn auch hier entsteht Verwirrung. Und wenn wir über das Gewahrsein von etwas reden, meinen wir nicht, volle Aufmerksamkeit oder Gewissheit darüber zu haben, was etwas ist. Es muss nicht einmal das sein, was wir im Westen als „bewusst“ bezeichnen, denn es umfasst das Bewusste, das Unterbewusste, das Unbewusste und so weiter. 

Diverse Erklärungen 

Erscheinungen kommen in dieser Diskussion ins Spiel, wenn wir darüber reden was es ist, das in geistiger Aktivität entsteht und ausgeführt wird. Im Buddhismus gibt es ja viele verschiedene Erklärungen, nicht nur eine, und daher werde ich versuchen, all die möglichen Erklärungen auf eine vertretbare Anzahl zu begrenzen, damit es nicht zu verwirrend wird. 

Wie ihr wisst, gibt es zwei Herangehensweisen etwas zu verstehen oder etwas zu erklären. Es gibt eine Herangehensweise, in der man davon ausgeht, dass es nur eine Erklärung gibt und sie definitiv zutrifft. Und es gibt eine andere Herangehensweise, die, wie man sagt, etwas dienlicher ist und in der es heißt, dass es viele Erklärungen geben kann, die alle gleichermaßen gut funktionieren. Es gibt nicht nur eine, die korrekter ist als eine andere. 

Wir finden das in der Mathematik: wenn man ein sehr komplexes Problem hat, kann es viele Lösungswege geben und sie alle können gleichermaßen korrekt sein, nicht nur einer. Dasselbe gilt in Bezug auf die Technik: bei den Computern gibt es PCs und es gibt Macs. Es gibt zwei Wege, dasselbe Problem zu lösen und man kann nicht sagen, dass einer korrekter ist als der andere. Sie beide funktionieren. Wir ziehen vielleicht einen dem anderen vor, das ist etwas anderes. Doch man kann nicht sagen, der eine wäre richtiger als der andere. Das gilt auch für diese verschiedenen Erklärungen darüber, wie der Geist funktioniert, wie Erscheinungen funktionieren usw. 

In unseren Erklärungen gibt es im Allgemeinen eine Weise, etwas gemäß der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus zu erklären und eine Weise, die in den anderen Schulen – also Kagyü, Nyingma und Sakya – geläufig ist. Unter ihnen gibt ein paar Unterschiede, doch in diesen Schulen werden Dinge auf eine ähnliche Weise erklärt, die sich von der Gelug-Weise des Erklärens unterscheidet. Beschränken wir uns also vorwiegend auf die Gelug-Tradition und ich werde euch darauf hinweisen, wo die Unterschiede zwischen den Gelug- und Nicht-Gelug-Erklärungen beginnen, denn da gibt es bestimmte Punkte, an denen die Variationen anfangen. 

Innerhalb jeder dieser tibetischen Traditionen gibt es eine eigene Erklärungsweise der verschiedenen indischen philosophischen Standpunkte. Sie bilden die Sutra-Seite der Erklärung. Und dann gibt es eine weiterführende Erklärung, insbesondere die höchsten Tantra-Klasse, und weitere Einzelheiten von den Kalachakra-Lehren, die ebenfalls zur höchsten Tantra-Klasse gehören. In der Gelug-Erklärung und auch in der Nicht-Gelug-Erklärung gibt es diese verschiedenen Ebenen. Bleiben wir also bei der Gelug-Seite. 

Und da wir nicht so viel Zeit haben und es sich um ein wirklich kompliziertes Thema handelt, das zahlreiche andere Fragen aufwirft, werden wir versuchen, es so allgemein wie möglich zu halten und nur bezüglich gewisser Aspekte ins Detail zu gehen, die maßgebend sind. Sie können uns helfen zu analysieren, was uns erscheint. Was erscheint eigentlich, wenn wir jemanden sehen? Wie viel davon ist korrekt und wie viel davon ist eine Projektion? Entspricht es der Realität oder nicht? Worauf reagiere ich emotional? Reagiere ich emotional auf eine korrekte Erscheinung oder auf die Projektion von etwas, das vollkommen unzutreffend ist? Solange wir nicht verstehen, was Erscheinungen wirklich sind und was vor sich geht, ist es schwer zu unterscheiden und all den Müll loszuwerden, der uns Probleme bereitet. 

Wir sollten immer daran denken, dass es nicht um diese Vorstellung von einem Geist geht, der sich in unserem Kopf befindet und Erscheinungen projiziert, und um dieses „Ich“, das hinter dem Projektor sitzt und sie sich ansieht. Es ist wirklich schwer, dies zu verinnerlichen. .. Wir denken: „Wenn es da ein Problem gibt, muss ich nur von meinem Sitz in meinem Kopf aufstehen, zum Projektor gehen und ihn reparieren.“ So funktioniert es jedoch nicht, obwohl das natürlich die Lösung ist, die wir gern hätten. 

Es gibt da nur geistige Aktivität, sie findet von einem Augenblick zum nächsten statt und sie ist individuell und subjektiv. Es gibt diese grundlegende Funktionsweise, die ständig stattfindet und sich nie ändert. In jedem Moment ist der Inhalt natürlich anders, doch die grundlegende Funktionsweise bleibt dieselbe. Was wir also wirklich untersuchen müssen, ist der Inhalt unseres Erfahrens. Was ist es, das da auftaucht? 

Vaibhashika 

Die verschiedenen buddhistischen philosophischen Standpunkte werden auf eine stufenweise Reihenfolge präsentiert, was bedeutet, dass wir die erste Erklärung verstehen und sie dann die Grundlage dafür bildet, die nächste Erklärung zu verstehen. In der Vaibhashika-Schule, mit der wir beginnen würden, wird dieser ganze Vorgang der Wahrnehmung, der geistigen Aktivität, nicht gerade ausführlich diskutiert. Einzigartig an dieser Darstellung ist die Aussage, dass durch nicht-konzeptuelle Sinneswahrnehmung – also Sehen, Hören usw. – äußere Objekte (tib. phyi-don) direkt wahrgenommen werden und so eine Verbindung zu ihnen aufgebaut wird. Mit anderen Worten gibt es keine geistige Erscheinung, diese geistige Aktivität erzeugt keinen geistigen Aspekt (tib. rnam-pa), der dem äußeren Objekt ähnelt. Doch darüber hinaus gibt es nicht viele Einzelheiten und es wird von keiner der anderen Schulen in der indischen buddhistischen Philosophie akzeptiert. Sie stimmen dem nicht zu. 

Sautrantika 

Ursprungsquellen und Geistige Hologramme

Hier müssen wir mit der nächsten Schule beginnen, die Sautrantika genannt wird. Im Sautrantika vertritt und akzeptiert man, dass es so etwas, wie ein äußeres Objekt, gibt. Was ist nun also ein äußeres Objekt? Was meinen wir damit? Es ist ein Objekt, das vor dessen Wahrnehmung existiert und als Ursprungsquelle (tib. rdzas) eines geistigen Aspektes dient, der in dessen Wahrnehmung entsteht. Das heißt, wir müssen verstehen, was wir mit „Ursprungsquelle“ meinen. Eine Ursprungsquelle ist wie der Ursprung von etwas. Hier sprechen wir davon, dass sie einen geistigen Aspekt hervorbringt. 

Welche Beispiele gibt es von einer Ursprungsquelle, damit wir verstehen können, worum es dabei geht? Ein Ofen ist die Ursprungsquelle eines Brotlaibes. Wir sprechen also nicht von dem Teig, der zum Brotlaib wird. Davon ist hier nicht die Rede und auch nicht von der Person, die den Brotlaib herstellt. Wir sprechen über den Ofen. Ein anderes Beispiel ist die Töpferscheibe, welche die Ursprungsquelle eines Tonkruges ist. Es ist ziemlich interessant, wenn man einmal darüber nachdenkt. Die Rede ist nicht vom Ton und auch nicht vom Töpfer, sondern von der Töpferscheibe. 

Wenn das die Beispiele dafür sind, was eine Ursprungsquelle von etwas ist, was bedeutet es dann, dass das äußere Objekt die Ursprungsquelle des geistigen Aspektes ist, der ihm ähnelt und es in dessen Wahrnehmung repräsentiert. Denkt einmal darüber nach. Ich sehe diese Tasse. Die geistige Erscheinung der Tasse – ist das etwas, das aus der Tasse entsteht? Nein. Das Brot entsteht nicht aus dem Metall des Ofens. Und befindet sich die Tasse dort, erzeugt ein geistiges Bild und wirft es meinem Geist zu? Nein. Woher kommt es dann also? Das ist eine interessante Frage. 

Man muss es wirklich analysieren und darüber nachdenken. Ich Chittamatra und im Tantra gibt es mehr Details über die Ursprungsquelle von Dingen und woraus der geistige Aspekt erzeugt wird. Doch zunächst müssen wir die Ursprungsquelle verstehen und um sie genauer zu verstehen, müssen wir uns fragen: Nun, was ist ein geistiger Aspekt? Worum geht es hier eigentlich? Er wird als ein geistiges Erscheinungsbild (tib. rnam-pa) erklärt, als etwas, das dem Objekt, einer objektiven Entität, ähnelt. Er ist das geistige Erscheinungsbild einer objektiven Entität, das mit einem bestimmten Sinnesbewusstsein wahrgenommen werden kann, wie ein Anblick oder ein Klang. 

Ich denke, die einfachste Analogie für uns Westler, mit der Herangehensweise an diese ganze Thematik zu arbeiten, besteht darin, es als „geistige Hologramme“ zu betrachten. Damit beginnt die Sache meiner Meinung nach etwas verständlich zu werden. 

In der westlichen Wissenschaft spricht man von der Wahrnehmung und wenn wir zum Beispiel etwas sehen, trifft Licht, treffen Photonen von dem Objekt auf die Augensensoren, die kognitiven Sensoren in der Retina, kleine Stäbchen und Zapfen, und das wird dann in elektrische Impulse und chemische Prozesses übertragen, die mit den Neuronen zu tun haben. Ich bin kein Wissenschaftler, entschuldigt also, wenn ich es zu einfach oder simpel formuliere. Gelangen sie dann zu einem bestimmten Teil des Gehirns, findet das statt, was wir als „Sehen“ bezeichnen, wobei viel darüber diskutiert wird, wo sich dieser Teil genau befindet und ob es sich nur um einen Teil des Gehirns oder auch um andere Teile handelt. 

Was sehen wir also? Sehen wir elektrische Impulse und Chemikalien? Nun, wir sagen: „ich sehe die Tasse“ oder „ich sehe den Anblick der Tasse.“ Im Vaibhashika geht man davon aus, dass dies passiert, ohne dass ein geistiges Hologramm geformt wird. Und im Sautrantika und in allen anderen Schulen sagt man, dass diese elektrischen Impulse im Grunde irgendwie in ein geistiges Hologramm übertragen werden. Nicht jeder kann es sehen, denn es ist individuell und subjektiv. Und es ist das, was wir sehen, was in unserem Blickfeld erscheint. 

Was ist es, das wir sehen? Wir sehen elektrische Impulse, wir sehen ein geistiges Hologramm. Außer im Vaibhashika ist im Buddhismus also die Rede von geistigen Hologrammen. Das Fachwort dafür ist ein „geistiger Aspekt“ (tib. rnam-pa). Es geht um einen Aspekt des äußeren Objektes und das äußere Objekt ist die Ursprungsquelle dessen, wie der Ofen. Vielleicht können wir es uns so vorstellen: Wie ein Brotlaib aus einem Ofen kommt, kommen Photonen und diese Dinge aus dem Objekt, die dann in kleine elektrische Impulse, Chemikalien und schließlich in das geistige Hologramm übertragen werden. Diese Sicht mag etwas simpel sein, aber sie kann uns erst einmal helfen, es zu verstehen. 

Wir reden hier nur über Sinneswahrnehmung – Sehen, Hören usw. – was nicht-konzeptuell ist und nicht über die Erscheinungen, Hologramme und all diese Dinge im konzeptuellen Denken. Das ist etwas anderes. Befassen wir uns mit dem Bereich von Konzepten, sprechen wir im Westen von Gedanken, Vorstellungen und solchen Dingen. Das ist eine kompliziertere Diskussion und dazu werden wir noch kommen, keine Angst. 

Begreifen

Jetzt möchte ich hier etwas einbringen, was im Grunde die Tür für viele andere Diskussionen öffnet. Ich möchte beginnen über etwas zu reden, was man als „Begreifen (tib. rtogs-pa) eines Objektes“ bezeichnet und das bezieht sich darauf, es wahrzunehmen, sowohl korrekt als auch mit entschiedener Bestimmung. „Entschiedene Bestimmung“ (tib. nges-pa) bedeutet, jegliche verfälschende Hinzufügung (tib. sgro-‘dogs) oder Projektion entschieden zu unterbinden, wenn wir beispielsweise etwas sehen und das Objekt begreifen. „Ich sehe einen Hund. Ich bestimme entschieden, dass es ein Hund ist.“ Damit unterbinden wir alle anderen Möglichkeiten, dass es sich um etwas anderes als einen Hund handelt. Und es erlaubt uns, dieses Objekt später ins Bewusstsein zurückzurufen. Wir begreifen also etwas als eine spezifische Sache, nicht als etwas anderes. 

Dieses Wort öffnet eine Tür zu einer großen Diskussion, die tatsächlich recht wichtig ist. All das ist nicht-konzeptuell (tib. rtog-med). Gibt es eine entschiedene Bestimmung eines Objektes, eines Hundes, den ich sehe, heißt das nicht: ich weiß, dass es „ein Hund“ ist, dass ich weiß was es ist, dass es dies, also „ein Hund“, ist. Es wird nur entschieden bestimmt, dass es ein spezifisches Objekt ist, damit ich mich später daran erinnern kann. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Zu wissen, was es ist, ist konzeptuell. Doch ich kann mich erinnern, dass ich dies gesehen habe. Hier werden wir nicht darauf eingehen, wie der eigentliche Moment des Erinnerns stattfindet, denn das ist zu kompliziert. Und natürlich muss es „korrekt“ (tib. yang-dag-pa) sein, denn sonst werden wir uns nicht korrekt daran erinnern. 

Es gibt immer dieses Problem, zu verstehen, worauf sich bestimmte Geistesfaktoren beziehen. Wir haben einen Geistesfaktor, den manche Menschen, die meisten Menschen, als „Erkennen“ übersetzen, was meiner Meinung nach ziemlich irreführend ist. „Erkennen“ bedeutet, dass man es schon vorher kannte, sich daran erinnert und es dann wiedererkennt. Davon ist hier nicht die Rede. Dieser Geistesfaktor ist das Auseinanderhalten (tib. ‘ du-shes, Skt. samjna). Wir unterscheiden beispielsweise hell und dunkel. 

Wenn ich nach vorn schaue, was ist dann das geistige Hologramm? Es besteht aus allen möglichen farbigen Formen; es geht also um farbige Formen. Wir werden uns damit befassen, ob wir nur farbige Formen sehen oder was wir eigentlich sehen. Doch das Auseinanderhalten erlaubt uns, diese Ansammlung farbiger Formen von den anderen farbigen Formen der Umgebung zu unterscheiden. Andernfalls könnten wir nichts wahrnehmen. Das ist das Auseinanderhalten. Wenn wir also etwas auseinanderhalten – und das geschieht in jedem Augenblick – kann es mit entschiedener Bestimmung geschehen oder nicht. Es muss nicht entschieden sein, es kann auch unschlüssig sein: „ich erinnere mich nicht“, „ich erinnere mich nicht, ob ich dieses Gesicht schon einmal gesehen habe“, es war also keine entschiedene Bestimmung. Und wenn es nicht korrekt war, habe ich mich auch nicht richtig erinnert. 

Es gibt noch einen weiteren Geistesfaktor, denn wir unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajñā) nennen. Er wird manchmal einfach nur mit „Weisheit“ übersetzt, doch damit hat er rein gar nichts zu tun. Unterscheidendes Gewahrsein wird als der Geistesfaktor definiert, der Gewissheit hinzufügt. Hier geht es darum, dass dem Auseinanderhalten mit einer entschiedenen Bestimmung Gewissheit hinzugefügt wird, was natürlich dann stark oder schwach sein kann. Das ist in dieser ganzen Diskussion hier relevant, denn wir müssen verstehen, dass wir in einer nicht-konzeptuellen Wahrnehmung keinen Namen anwenden; wir wissen nicht, was etwas ist, aber dennoch gibt es eine entschiedene Bestimmung und ein geistiges Hologramm. 

In unserer Diskussion über geistige Hologramme oder Erscheinungen wird es hauptsächlich darum gehen, etwas zu begreifen, aber nicht immer. Hier müssen wir also etwas auseinanderhalten, aber beim Begreifen ist es ziemlich interessant, dass man etwas entweder explizit begreifen (tib. dngos-su rtogs-pa) oder implizit begreifen (tib. shugs-la rtogs-pa) kann. Wenn wir etwas explizit begreifen, wird das geistige Hologramm tatsächlich hervorgebracht. Ich bestimme also entschieden „dieses Objekt“. Es ist ein Hund – ich weiß nicht, dass es ein Hund ist, aber ich bestimme entschieden „dieses spezielle Ding.“ Implizites Begreifen ist, wenn zur gleichen Zeit kein geistiger Aspekt, kein Hologramm dessen, entsteht. Begreife ich also explizit, dass es „dieses Objekt“ ist, begreife ich implizit, dass es „nicht jenes Objekt“ ist. 

Betrachten wir es am Beispiel eines Hundes. Ein geistiges Hologramm eines Hundes entsteht, wenn ich einen Hund sehe. Ich begreife „Hund“. Wir sprechen hier nicht von dem Wort, sondern von „diesem Objekt“, an das ich mich erinnern kann. Nun, zur gleichen Zeit weiß ich, dass es keine Katze ist. Erscheint „keine Katze“? Gibt es ein Hologramm von „keine Katze“? 

Ich betrachte diesen Tisch und ein geistiges Hologramm von diesem Tisch entsteht, ich begreife ihn explizit. Zur gleichen Zeit begreife ich auch „kein Apfel auf dem Tisch“. Das ist implizit. Gibt es ein geistiges Hologramm von „kein Apfel auf dem Tisch“? Denkt einmal darüber nach. Wie wissen wir, dass es keinen Apfel auf dem Tisch gibt? Nun, wir sagen: „Ich sehe, dass es keinen Apfel auf dem Tisch gibt“, doch was sehen wir eigentlich? Sprechen wir also über Erscheinungen, können wir etwas entweder mit einer expliziten Erscheinung verstehen oder es durch diese explizite Erscheinung auch implizit kennen. Implizit bedeutet, dass es irgendwo darin impliziert ist. Versteht ihr? Man muss einen Tisch sehen, um auch zu verstehen „es befindet sich kein Apfel auf dem Tisch“. Der Punkt ist, dass es ein geistiges Hologramm gibt, das hervorgebracht wird, wir jedoch mehr kennen können, als nur das geistige Hologramm. 

Wenn ich eine entschiedene Bestimmung, das geistige Hologramm eines Hundes, habe, weiß ich damit auch, dass es keine Katze ist. Manche Dinge kennen wir also durch eine Erscheinung und manche ohne eine Erscheinung. Und mit einer entschiedenen Bestimmung gibt es eine Entscheidung: „Ja, es ist dies und nicht das“. Hier reden wir einfach davon, dass es sich um ein bestimmtes Objekt handelt, was nicht unbedingt darauf hindeutet zu wissen, dass es ein Hund oder eine Katze ist. Ein kleines Kind sieht seinen Teddybären. Weiß es, dass es ein Teddybär ist? Kennt es das Wort „Teddybär“? Es weiß noch nichts, doch hier kommt das Erkennen ins Spiel. Das Kind kann sich an dieses bestimmte Objekt erinnern. Es hatte eine entschiedene Bestimmung und weiß, dass es kein anderes Objekt ist, denn wenn man ihm ein anderes Objekt gibt, wird es das ablehnen. Versteht ihr das? Wir reden hier von etwas wirklich sehr Grundlegendem. 

Allgemein verständliche Objekte

Kommen wir zu einem weiteren Punkt an diesem Abend. Was sehen wir, wenn wir sehen? Sehen wir nur farbige Formen oder sehen wir auch so genannte „allgemein verständliche Objekte“ (tib. ‘jig-rten-la grags-pa)? Allgemein verständliche Objekte sind konventionelle Objekte der Erfahrung (tib. tha-snyad spyod-yul), was ein anderes Wort dafür ist. Betrachte ich dieses Ding hier, sehe ich dann nur farbige Formen oder sehe ich auch einen Hund? Ein allgemein verständliches Objekt, wie ein Hund, ist eine Konvention, der wir alle zustimmen. 

Ein allgemein verständliches Objekt ist ein Objekt, das sich räumlich auf eine Ansammlung von Molekülen ähnlicher Klasse erstreckt. Es besteht also aus vielen Teilen und es erstreckt sich auch auf verschiedene Sinnesdaten. Besteht ein Hund nur aus farbigen Formen? Wenn wir einen Hund streicheln, gibt es eine körperliche Empfindung. Ist ein Hund eine körperliche Empfindung? Es gibt auch Geruch. Ein allgemein verständliches Objekt erstreckt sich also auf all diese Informationen. Und es erstreckt sich auch auf einen Zeitraum. Was sehe ich nun in einem Moment? Sehe ich in einem Moment nur einen Moment farbiger Formen oder sehe ich auch den Hund? Im nächsten Moment hat sich der Hund bewegt und damit befinden sich die farbigen Formen in einer etwas anderen Konfiguration. Sehe ich trotz allem einen Hund? 

Was ist also die geistige Erscheinung? Was ist das geistige Hologramm? Ist es ein geistiges Hologramm, das nur aus farbigen Formen besteht oder ist es auch das geistige Hologramm eines Hundes? Was denkt ihr? Seht ihr einen Hund oder seht ihr nur farbige Formen? 

Wir sehen das konventionelle Objekt, denn sogar wenn wir nicht wissen, was es ist, welchen Namen es hat und so weiter, können wir konventionell doch sagen, dass wir von einem Augenblick zum nächsten dieselbe Sache sehen.

Hier gibt es zwischen dem Gelugpa und dem Nicht-Gelugpa einen großen Unterschied. Laut dem Gelugpa sehen wir allgemein verständliche Objekte nicht-konzeptuell. Wir sehen nicht nur farbige Formen, sondern auch das konventionelle Objekt; wir sehen den Hund. Hier ist nicht die Rede davon zu wissen, was es ist. Es geht nicht darum zu wissen, dass es „ein Hund“ ist, ihn der Kategorie „Hund“ zuzuordnen und ihn „einen Hund“ zu nennen. Wir sehen aber ein konventionelles Objekt, das sich über all die Sinnesdaten, über alle seine Teile und über einen Zeitraum erstreckt. Wir reden nur von einem Objekt und nicht davon zu wissen, was es ist. 

Im Gelugpa heißt es, dass es nicht nur ein geistiges Hologramm farbiger Formen gibt, sondern auch ein geistiges Hologramm eines Objektes, eines allgemein verständlichen Objektes, einer Sache, die sich auf die Sinne und die Zeit erstreckt, wenn wir es sehen. In den anderen tibetischen Traditionen, Nyingma, Sakya und Kagyü, geht man davon aus, dass man in der Sinneswahrnehmung nicht-konzeptuell kein allgemein verständliches Objekt sehen oder hören kann. Sie sagen es sei konzeptuell, ein allgemein verständliches Objekt wahrzunehmen. 

Hier gibt es zwei Arten der konzeptuellen Wahrnehmung. Eine kennt man als eine „Sammelsynthese“ (tib. tshogs-spyi). Durch das Medium einer Sammelsynthese fügen wir Sinnesinformationen von verschiedenen Sinnen zusammen und konstruieren daraus ein allgemein verständliches Objekt – auch fortwährende Momente. Wir fügen sie zu einem Objekt zusammen. Diese Nicht-Gelugpas sagen also, dass dies eine geistige Synthese, ein konzeptueller Vorgang, ist. Zusätzlich ist es auch ein konzeptueller Vorgang dessen, was es ist, doch das ist getrennt davon. Die geistige Synthese fügt es als ein Objekt zusammen, das sich auf Sinnesinformationen und Zeit erstreckt, und dann gibt es noch eine andere Art der konzeptuellen Wahrnehmung durch das Medium einer Artsynthese (tib. rigs-spyi), die dem Ganzen hinzufügt, was es ist, also ein „Hund“; „dieses Objekt ist ein Hund“. 

Wenn wir einmal darüber nachdenken, ist das wirklich spannend, nicht nur in Bezug auf Anblicke, sondern auch auf den Klang der Sprache. Hören wir denn tatsächlich Worte und Sätze? Wir hören ja immer nur einen Moment auf einmal. Was ist also das geistige Hologramm eines Satzes? Ist es eine geistige Synthese all dieser Momente individueller Laute? Das ist eine äußerst spannende Frage. Wie um alles in der Welt verstehen wir Sprache, wenn jemand spricht? Wir hören ja immer nur einen Moment auf einmal. Handelt es sich also um eine geistige Synthese, die nur konzeptuell ist, oder hören wir tatsächlich Worte und Sprache? 

Dazu gibt es natürlich zwei Erklärungen. Es gibt uns jedoch etwas, worüber wir wirklich nachdenken können, denn ich glaube mit der Sprache ist es recht klar, dass wir keinen ganzen Satz auf einmal hören und doch die Bedeutung des Ganzen verstehen, was unglaublich und ziemlich bemerkenswert ist. Offensichtlich gibt es also ein geistiges Hologramm von Lauten, von all diesen Lauten, das hervorgebracht wird. Doch werden sie künstlich zu Worten gebildet oder wie werden sie zusammengefügt? 

Je mehr man das analysiert, um so interessanter wird das. Habt ihr schon einmal eine Sprache gehört, die ihr überhaupt nicht kennt und bei der ihr nicht einmal die Laute, die ihr hört, in Worte aufteilen könnt? Hören wir Worte oder hören wir nur Laute? Was hören wir eigentlich? Das sind die Arten von Fragen, die wir analysieren müssen, wenn wir versuchen zu verstehen, was diese geistigen Erscheinungen, was geistige Hologramme, was die verschiedenen Arten sind. 

Man kann sehen, dass von diesem Ausgangspunkt in der Philosophie bei einer grundsätzlich unterschiedlichen Erklärung dazu, ob man allgemein verständliche Objekte sieht und hört oder nicht, fast alles darauf beruht und sie aufgrund dessen unterschiedlich sein wird. Sind allgemein verständliche Objekte nur geistige Synthesen, denkt man ganz anders über diese unterschiedliche Existenzweise nach, als wenn man sagt, dass man tatsächlich ein allgemein verständliches Objekt sieht. 

Doch wir belassen es hier dabei und untersuchen es nicht weiter, weil es ein wirklich umfangreiches Thema ist und wenn wir auf jeder Stufe Gelugpa mit Nicht-Gelugpa vergleichen, wird es viel zu verwirrend. Daher bleiben wir einfach bei einer Erklärung und werden uns nur mit der des Gelugpa befassen, in der wir konventionelle Objekte tatsächlich nicht-konzeptuell wahrnehmen. 

Wahrnehmung allgemein verständlicher Objekte und deren Teile und Qualitäten

Reden wir also von einem geistigen Hologramm farbiger Formen und einem geistigen Hologramm eines Objektes, handelt es sich um die gleiche Art eines geistigen Hologramms. 

Ist es ein geistiges Hologramm oder sind es verschiedene? 

In den Gelugpa-Lehrbüchern gibt es dazu unterschiedliche Interpretationen. Die verschiedenen Kollegs in den wichtigsten Gelugpa-Klöstern nutzen unterschiedliche Lehrbücher. Jetsünpa gehört zum Ganden Jangtse und Sera Je. Gemäß dieser Interpretation verhält es sich so: Wenn man ein konventionelles Objekt von derselben Wesensnatur (tib. ngo-bo gcig) oder, um es einfacher auszudrücken, in der gleichen Art von Gesamtpaket sieht, nimmt man auch alle Teile und die Qualitäten in einem Paket wahr. Denn wäre das nicht der Fall und wären sie voneinander getrennt, könnte man die Größe wahrnehmen, ohne das Objekt wahrzunehmen, also einen Teil ohne das Ganze sehen. 

Doch in den Panchen-Lehrbüchern, die in Ganden Shartse und Drepung Loseling benutzt werden, wird gesagt, dass sie getrennt voneinander sind, dass das konventionelle Objekt und die verschiedenen Qualitäten, Teile und Sinnesdaten nicht miteinander verbunden sind. Es sind voneinander getrennte Dinge, getrennte Gesamtpakete, denn würde man eines sehen, wie die Größe, müsste man gleichzeitig auch die Farbe sehen. Oder wenn man eine Eigenschaft sieht, sie vielleicht auch mit den Sinnen wahrnimmt, müsste man sie gleichzeitig auch riechen können. Berühre ich den Hund mit geschlossenen Augen, müsste ich auch ein Bild von den farbigen Formen eines Hundes haben. Doch aus der anderen Sicht heißt es, dass dieser Panchen-Standpunkt darauf hindeutet, dass es ein allgemein verständliches Objekt getrennt von einer farbigen Form und einem Geruch oder einer Tastempfindung geben muss. 

Beide Standpunkte können also folgerichtig argumentiert werden. Zu schwierigen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Hier stellt sich jedoch die große Frage, wie man die Eigenschaften von Dingen wahrnimmt und nicht nur den Geruch von etwas, den Geschmack von etwas, die Tastempfindung, den Anblick, den Klang und so weiter, sondern auch die Größe, die Form und die Farbe. Es gibt alle möglichen Eigenschaften, wie die Temperatur. Befinden sie sich in einem Paket oder in voneinander getrennten Paketen? 

Hierzu gibt es drei Standpunkte. Nehmen wir einmal an, wir sehen etwas, das viele verschiedene Farben hat, wie einen gescheckten Hund. Ein Standpunkt der Vertreter einer gleichen Anzahl wahrgenommener Objekte und wahrnehmender Arten von Bewusstsein (tib. gzung-’dzin grangs-mnyam-pa) ist, dass es für jede der farbigen Formen und getrennten Wahrnehmungen jeder farbigen Form getrennte Hologramme gibt – eine gleiche Anzahl farbiger Formen und getrennter geistiger Aktivität für jedes. Der zweite Standpunkt der Halb-Befürworter (tib. sgo-nga phyed-tshal-pa) ist, dass es viele kleine Hologramme jeder farbigen Form gibt, aber nur ein Bewusstsein, das sie kennt. Und der dritte Standpunkt der Vertreter der nicht-dualen Vielfalt (tib. sna-tshogs gnyis-med-pa) ist, dass all die farbigen Bereiche und das Bewusstsein all der individuellen Komponenten Teile der gleichen Wahrnehmung sind. Das Beispiel dafür ist: in einem Ei gibt es sowohl Weiß als auch Gelb, doch sie bilden in einer Wahrnehmung untrennbar voneinander ein Ei. In dem Ei gibt es untrennbar voneinander sowohl Weiß als auch Gelb. In einer Wahrnehmung gibt es somit all diese kleinen Teilchen und die Wahrnehmung von jedem dieser Teilchen. 

Hier beginnt es ziemlich kompliziert zu werden. Wie nimmt man ein geistiges Hologramm wahr? Nimmt man die Gesamtheit wahr, alle Teile? Hat man getrennte Wahrnehmungen jedes dieser Teile? Wo wird alles zusammengefügt? Betrachtet hier einmal die westliche Analogie: man sieht etwas und die Photonen der verschiedenfarbigen Bereiche des Hundes treffen auf die verschiedenen kleinen Sinneszellen. Wir haben also eine ganze Ansammlung von elektrischen Impulsen der Neuronen, die von jeder dieser Zellen kommen. Werden sie alle auf einmal in einer Wahrnehmung erkannt? Werden sie von kleinen gesonderten Teilen des Gehirns erkannt? Und wie werden sie zusammengefügt? 

Darum geht es hier und ich bin mir sicher, dass Wissenschaftler viel dazu zu sagen haben, wie man tatsächlich ein ganzes Objekt sieht, das viele verschiedene Farben oder viele verschiedene Teile hat. Wie sieht man die ganze Sache? Muss sie zusammengefügt werden oder nicht? Obwohl es klingen mag, als würden wir über höchst philosophische Themen sprechen, geht es um Dinge, die auch von Wissenschaftlern untersucht werden. Und Menschen wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama, der sich mit diesen kognitiven Wissenschaftlern, diesen Hirnforschern trifft, ist sehr daran interessiert, die buddhistische Erklärung mit der wissenschaftlichen Erklärung in Beziehung zu setzen, denn es geht um dieselbe Aktivität, dasselbe Phänomen, doch die eine Seite beschreibt sie in Bezug auf den physischen Prozess, der stattfindet, und die andere, die buddhistische Seite bezüglich der subjektiven Erfahrung. 

Wahrnehmung nicht-existierender Objekte

Ein anderer Punkt ist folgender: Kommen wir zurück zum Begreifen, reden wir von etwas, das korrekt oder nicht korrekt sein kann. Können wir ein geistiges Hologramm von etwas haben, das nicht existiert, wie ein geistiges Hologramm eines kleinen grünen Mannes vom Mars oder eines kleinen Marsmenschen, der in einer Untertasse angeflogen kommt? Ich kann vielleicht ein geistiges Hologramm davon haben und ziemlich paranoid sein, aber entspricht es der Realität oder etwas, das wir mit unseren eigenen Augen sehen können? Nein. Es ist also etwas, das einen kleinen grünen Mann vom Mars darstellt, doch es ist nicht wirklich ein Hologramm eines kleinen grünen Mannes vom Mars, das dort draußen als ein äußeres Objekt existiert und die Ursprungsquelle dieses Hologramms ist. 

Oft haben wir solche geistigen Hologramme, die wir zuweilen sogar auf Menschen projizieren. Vielleicht sagen wir: „Du bist ein Monster!“, doch was ist das? Diese geistigen Hologramme von Dingen, die nicht existieren, können sogar nicht-konzeptuell sein, wie beispielsweise eine Halluzination. Haben wir zum Beispiel eine Augenkrankheit wie einen Katarakt, sehen wir Dinge ganz verschwommen. Wir sehen tatsächlich etwas Verschwommenes, doch dieses Verschwommene existiert nicht dort draußen. Es kommt nicht von etwas äußerlich Verschwommenem, das Photonen aussendet. 

[Siehe: Die Erscheinung und Wahrnehmung nicht-existierender Phänomene]

Was diese Erscheinungen, diese geistigen Hologramme betrifft, gibt es viele unterschiedliche Arten. doch das Wichtigste, was wir zumindest an diesem Abend verstehen sollten, ist, dass wir von geistiger Aktivität reden. Die geistige Aktivität bringt diese Dinge hervor. Geistige Aktivität bringt geistige Erscheinungen hervor. Das ist eine definierende Eigenschaft. Doch sie ist nicht nur wie ein Spiegel, der ebenfalls Bilder hervorbringt, sondern auch eine kognitive Beschäftigung. Und laut dem Sautrantika – der Gelugpa-Version des Sautrantika – gibt es tatsächliche äußere Objekte, konventionelle Objekte. Es gibt nicht nur farbige Bereiche dort draußen, sondern tatsächliche konventionelle Objekte, welche die Ursprungsquelle für diese geistigen Hologramme sind. 

Hier muss ich eine interessante Sache aus der Diskussion des Gelug oder Nicht-Gelug einbringen: Was existiert äußerlich „dort draußen“? Sind es nur Photonen und Elektronen oder handelt es sich um tatsächliche Objekte? Gibt es dort draußen nur ein elektromagnetisches Feld oder sind es tatsächliche konventionelle allgemein verständliche Objekte? Die Diskussion führt uns zu der Frage, was tatsächlich dort draußen in der physischen Welt existiert. Ich weiß nicht, was die Wissenschaft dazu sagt. Geht sie davon aus, dass es nur ein elektromagnetisches Feld und dessen geistige Aktivität ist, die es in Objekte unterteilt und zu allgemein verständlichen Objekten macht? Oder gibt es tatsächliche Objekte? Oder ist es beides? 

Gut. Das sind also einige Dinge, über die man nachdenken kann und die im Grunde wichtige Fragen sind. Habt ihr irgendwelche Fragen dazu? 

Fragen 

Wenn es äußere Objekte, allgemein verständliche Objekte, gibt, ist es schwer, die Gelug-Erklärung der Leerheit zu verstehen. Mit der anderen, der Nicht-Gelug-Erklärung, in der allgemein verständliche Objekte eine geistige Synthese sind, ist es etwas leichter Leerheit zu verstehen.

Nun, ich denke es ist notwendig zu erkennen, dass es, wenn wir von Leerheit reden, um die Abwesenheit von unmöglichen Existenzweisen geht. Und die Erklärung dessen, was eine unmögliche Existenzweise ist, unterscheidet sich in jeder der indischen philosophischen Schulen. Mit dem Leerheitsverständnis sollten wir verstehen, dass es so etwas, wie diese unmögliche Existenzweise, nicht gibt. Dinge mögen so zu existieren scheinen, doch sie tun es nicht. 

Das ist etwas, was wir im Gelugpa finden und mit dem wir uns noch befassen werden, nämlich dass es zwei Aspekte der geistigen Aktivität gibt. Der eine bringt ein geistiges Hologramm dessen hervor, was etwas ist, also ein konventionelles Objekt, ein Hund oder eine Katze, und der andere bringt eine geistige Erscheinung oder ein Hologramm dessen hervor, wie es existiert, und sie tun es zusammen. Der Aspekt des Hologramms, wie es existiert, könnte sich auf nichts Reales beziehen, während die Erscheinung des konventionellen Objektes sich auf etwas beziehen könnte, das konventionell real ist. 

Natürlich kann man immer noch mehr dazu sagen, was die unmögliche Existenzweise ist und wie sie im Chittamatra, Svatantrika und Prasangika erklärt wird, doch es ist ziemlich klar, dass man im Gelugpa diese Unterscheidung macht: was etwas zu sein scheint und wie es zu existieren scheint. Im Nicht-Gelug werden diese zwei zusammengefasst, sie werden nicht wirklich unterschieden, doch im Gelug unterscheidet man zwischen ihnen. Aus diesem grundlegenden Unterschied, ob ein konventionelles Objekt nur ein konzeptuelles Konstrukt ist oder nicht, folgt dann so viel mehr. Die Erklärung des Leerheitsverständnisses in jeder dieser tibetischen Traditionen hängt sehr von dem Verständnis dieser Unterscheidung in Bezug auf allgemein verständliche Objekte ab. 

Wir können einen Hund von der Seite, also aus einem Blickwinkel, betrachten und sehen vier Beine im geistigen Hologramm. Und wir können ihn von einem anderen Blickwinkel, von vorn, betrachten und sehen vielleicht nur zwei Beine. Welche Sicht ist nun korrekt?

In Berlin, wo ich lebe, gibt es im Museum eine wunderschöne Statue, die dies anhand eines perfekten Beispiels zeigt. Es handelt sich um eine Statue aus einer alten Dynastie und sie hat fünf Beine. Betrachtet man sie von der Seite, sieht man nur vier, und wenn man sie von vorn betrachtet, gibt es da ein weiteres Bein, aber es ist so angeordnet, dass man auch von vorn nur vier sieht. Doch wenn man um sie herumgeht und zählt, hat sie tatsächlich fünf Beine. Das ist ein Beispiel. 

Doch damit kommen wir zu einer ganz anderen Sache, dem Thema einer definierenden Eigenschaft (tib. mtshan-nyid). In jeder der indischen philosophischen Schulen wird das eingehend und mit ganz verschiedenen Meinungen behandelt. Gibt es eine individuelle definierende Eigenschaft, die sich auf Seiten des Objektes befindet und es zu dem macht, was es ist? Vier Beine zu haben, macht etwas zu einem Hund, und zwei Beine zu haben nicht? Oder ist die definierende Eigenschaft ein geistiges Konstrukt? Wo befindet sich diese definierende Eigenschaft und wie festgelegt ist sie? Oder ist sie etwas, das nur eine Konvention ist? Da gibt es also diese ganze Diskussion. 

In unserer Besprechung werden wir hier noch nicht über die konzeptuelle Wahrnehmung einer definierenden Eigenschaft eines Hundes reden. Jetzt beginnen wir uns mit Sinneswahrnehmung zu befassen und da gibt es eine individuelle definierende Eigenschaft, welche die Existenz dieses Objektes als ein bestimmtes individuelles Objekt seitens des Objektes begründet. Das ist die Frage. Und im Gelugpa sagen alle Schulen außer der Prasangika, dass es diese Art einer individuellen definierenden Eigenschaft gibt. 

Die Analogie, die man nutzen kann und die hilft, dies zu verstehen, ist eine Plastikhülle. Dieses konventionelle Objekt ist in Plastik gehüllt, was es nicht zu einem anderen konventionellen Objekt macht. Oder diese farbigen Formen sind in Plastik gehüllt oder von einer dunklen Linie umzogen, die es von einem Objekt abgrenzt. Die Nicht-Prasangikas würden sagen: „Ja, das gibt es auf Seiten des Objektes“ und die Prasangikas würden sagen: „nein, das ist ein geistiges Konstrukt“, das gibt es nicht auf Seiten des Objektes, sondern auf Seiten des Geistes, der es geistig bezeichnet. 

Warum sieht man, gemäß den Gelugpas, ein konventionelles Objekt? 

Die Gelugpas sagen im Wesentlichen: Wenn man es nicht sehen würde, wäre es fast wie im Chittamatra, also dass alles im Geist abläuft. Sie erklären es nicht auf diese Weise, doch wenn man einmal darüber nachdenkt, dann wird damit das Mitgefühl widerlegt. Gäbe es konventionell keine Menschen und wäre alles nur eine geistige Synthese farbiger Formen und physischer Eindrücke, wäre es ziemlich schwierig, Mitgefühl für diese Wesen zu entwickeln. 

Die Gelugpas argumentieren nicht zwangsläufig auf diese Weise, doch ich denke, dass dies eines der Argumente zugunsten des Gelugpa-Standpunktes ist. Ich habe nie eine Debatte gelesen, die davon handelt, denn dann ist es auch recht schwierig. Es ist eher das, was die Gelugpas selbst sagen würden. Wenn man keine allgemein verständlichen Objekte hat, die tatsächlich nicht-konzeptuell gesehen werden, ist es recht schwierig, die zwei Wahrheiten, die konventionelle und die tiefste Wahrheit, zu präsentieren. Das wird dann viel schwieriger.

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