Verdienstfeld, das siebengliedrige Gebet, Mandala und Bittgebete

Die vierte Praxis: ein reichhaltiges Feld für spirituelles Wachstum visualisieren

Die vierte der sechs vorbereitenden Praktiken besteht darin, das sogenannte „reichhaltige Feld“ (tib. tshogs-zhing, Skt. puṇyakṣetra) für spirituelles Wachstum zu visualisieren; oft wird es auch Verdienstfeld genannt. Der Begriff weist darauf hin, dass es ein Feld darstellt, in dem wir die Samen unserer positiven Kraft zum Wachsen aussähen, und es ist ein ertragreiches, ein reichhaltiges Feld – es wird uns eine reiche Ernte einbringen. Auch dies kann wieder eine sehr komplexe Visualisierung sein oder eine einfachere mit unserem Wurzelguru in der Form eines Buddha auf einem Thron, wie wir es auch zuvor besprochen haben. 

Ich werde hier nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern nur auf eine kleine Sache eingehen. Die Haltung des Buddha ist dabei so, dass seine rechte Hand die sogenannte „die Erde berührende Geste“ macht – sie zeigt also nach unten und berührt den Boden. Dadurch ruft Buddha die Erde auf, Zeuge seines Sieges über Mara zu sein. Diese Maras, die Nachkommen der Götter, könnte man in gewisser Weise auch Dämonen nennen. Jedenfalls stellen sie störende Behinderungen dar. Das Wort „māra“ kommt eigentlich von dem Sanskritwort „mta“, was „tot“ bedeutet. 

Auf der einen Seite gibt es also Mara, der sich dem Buddha in Form von störenden Behinderungen entgegenstellte, als dieser unter dem Bodhi-Baum Erleuchtung erlangte, was übrigens ein wunderbares Beispiel darstellt. Man könnte meinen, dass Buddha zu dem Zeitpunkt keinen so großen Störungen mehr ausgesetzt war, als er kraft seines enormen positiven Potenzials bereit zur Erleuchtung war, wie in jenen Darstellungen Maras, mit all den tanzenden Mädchen usw. Je stärker jedoch das Positive ist, das man zu erreichen versucht, desto größer ist auch die Tendenz, solche Behinderungen zu erfahren. Der wirkliche Bodhisattva ist dann derjenige, der auch das überwinden kann. Wenn wir also versuchen, etwas Gutes zu tun und sich uns solche störenden Behinderungen in den Weg stellen, ist das nichts Besonderes. Betrachtet nur einmal das Beispiel von Buddha unter dem Bodhi-Baum oder wie zum Beispiel Seine Heiligkeit der Dalai Lama mit der Haltung der chinesischen Führung ihm gegenüber und den damit einhergehenden Schwierigkeiten umgeht, ohne sich deprimieren zu lassen. Denkt also niemals: „Oh, ich Armer. Ich habe so viele Probleme.“ Im Vergleich zu Seiner Heiligkeit sind unsere Schwierigkeiten banal. 

Der Buddha hält mit seiner linken Hand eine Bettelschale auf seinem Schoß, die drei Nektare enthält. Auch hier ist es wieder interessant, die Bedeutung des Wortes Nektar (tib. bdud-rtsi, Skt. amṛta) zu kennen, denn im Deutschen gehen die Konnotationen des Wortes ein wenig verloren. Erinnert euch, wie Serkong Rinpoche immer sagte, man solle jedes Wort wie eine Kuh melken, um die Bedeutung zu erhalten – wie bei der indischen Metapher der wunscherfüllenden Kuh. Das Sanskritwort „amṛta“ besteht aus dem Wort „mṛta“, das wie gerade eben „tot“ bedeutet, und dem Präfix „a-“, was darauf hindeutet, dass etwas zu überwinden ist: Es handelt sich als um „Dämonen vernichtende Nektare“. Die Tibeter übersetzen es mit einem zweisilbigen Wort, wobei die erste Silbe (bdud) das Wort „māra“ übersetzt.

Die Nektare sind:

  • Medizin, um den Mara der Aggregate (also Krankheit) zu überwinden
  • Nektar des langen Lebens, um den Mara des Todes zu überwinden
  • Nektar des tiefen Gewahrseins, um den Mara der störenden Emotionen zu überwinden

Je tiefgründiger man die Bedeutungsebenen dieser ganzen Konzepte analysiert, desto mehr sieht man, wie viele Ebenen des Pfades bereits in all diesen kleinen Aspekten enthalten sind. 

Die fünfte Praxis: Das siebengliedrige Gebet und die Mandala-Darbringung

Es gibt viele Versionen dieses siebengliedrigen Gebets. Die vielleicht älteste findet sich im „Gebet des Samantabhadra“ am Ende des Gandavyuha-Sutras. Dann gibt es noch die Version aus der „Kostbaren Girlande“ von Nagarjuna und jene aus Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“, welche sehr häufig praktiziert wird.

Niederwerfung

Man stellt sich vor, wie unser Körper sich enorm vervielfacht und wie sich all diese Vervielfachungen niederwerfen. Jedes der sieben Glieder des Gebets ist dafür da, eine bestimmte störende Emotion zu überwinden; bei der Niederwerfung sind es Stolz und Eitelkeit, um einer Einstellung entgegenzuwirken, bei der wir meinen: „Ich bin so wunderbar – verbeugen werde ich mich sicher nicht“.

Darbringung von Gaben

Dies versuchen wir nach der Art von Samantabhadra zu machen. Wir visualisieren, wie Samantabhadra sich aus unserem Herzen manifestiert und ein Juwel hält. Aus seinem Herz manifestieren sich dann zwei weitere Samantabhadras, die beide auch ein Juwel halten, und diese strahlen dann erneut je zwei Samantabhadras aus – da wird das Ganze dann sehr umfangreich, wie im subtilen Yoga der Erzeugungsstufe des Anuttarayoga-Tantra. Wir strahlen die Samantabhadras so der Reihe nach aus und lösen sie dann auch wieder der Reihe nach auf. Tsenshab Serkong Rinpoche hat solche Dinge immer auf einer äußerst komplexen Ebene erklärt, immer im Hinterkopf behaltend, das jeweilige Thema mit fortgeschritteneren Praktiken verbinden zu können. So wird also die Visualisierung für die Samantabhadra-Darbringung durchgeführt.

Ich denke dies kann sehr hilfreich bei einer gewissen Arroganz sein, mit der man denkt: „Das wird ein Kinderspiel. Ich bekomme das locker hin.“ Serkong Rinpoche präsentierte es als etwas Schwieriges, das nicht einfach nur eine Herausforderung für uns ist, sondern etwas, das unser ganzes Leben in Anspruch nehmen wird, um es zu vervollkommnen. Die Tatsache, dass wir es jeden Tag praktizieren werden, ist also keineswegs dumm, da es schwierig ist und Übung braucht, um sich immer weiter entwickeln zu können. So entwickelt man Ausdauer, die sogenannte freudige Ausdauer, die – wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama immer sagt – uns die Kraft gibt, das Ganze in der Perspektive von drei unzählbaren Äonen zu betrachten, die es benötigt, um das erforderliche positive Potenzial aufzubauen. Er nennt es „buddhistische Propaganda“, wenn wir denken, Erleuchtung in nur einem Leben oder innerhalb von drei Jahren erlangen zu können. Auf diese Weise macht man es sich ziemlich leicht, einfach nur nach einem guten Deal zu suchen, ohne hart dafür arbeiten zu wollen. Es ist in der Tat möglich, in drei Jahren Erleuchtung zu erlangen – völliger Unsinn ist das nicht –, aber es kann ziemlich leicht als Propaganda verwendet werden, um Menschen anzuziehen, die vielleicht denken, es sei einfach – das ist es nämlich überhaupt nicht. Das Wort Propaganda kommt von Seiner Heiligkeit, nicht von mir. 

Eine etwas einfachere Visualisierung für die Samantabhadra-Darbringung besteht darin, nur einen Samantabhadra auszustrahlen. Dieser hält ein Juwel in den Händen, von dem unendlich viele Lichtstrahlen ausgehen. All diese Lichtstrahlen beinhalten dabei die verschiedenen Opfergaben: Wasser, Blumen, Räucherwerk, etc. Das ist die etwas einfachere Variante.

Gaben darzubringen hilft dabei, unserem Geiz entgegenzuwirken. 

Unzulänglichkeiten eingestehen

Als nächstes gestehen wir unsere Mängel und Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, ein – sprich, unser früheres destruktives Verhalten – und wenden die vier Gegenkräfte an. Es ist sehr wichtig, sich diese immer wieder vor Augen zu führen:

1. Reue – bezüglich unseres destruktiven Verhaltens in der Vergangenheit. Wir sprechen hier allerdings nicht von Schuldgefühlen, sondern von Bedauern: „Ich wünschte, ich hätte das nicht getan.“ Schuldgefühle sollten wir dabei unbedingt vermeiden, denn dadurch machen wir aus dem, was wir getan haben, eine riesige, unveränderliche Sache und urteilen dann über uns: „Es ist so schlimm, was ich getan habe. Ich bin so schlecht“, und können nicht loslassen. 

2. Der feste Entschluss, destruktive Handlungen nicht zu wiederholen – dabei sollten wir besser kein Versprechen ablegen, eine gewisse Handlung für den Rest unseres Lebens nicht zu wiederholen, denn wahrscheinlich werden wir das nicht einhalten können. Gehen wir es lieber langsam an: „Bis nächste Woche werde ich das definitiv nicht wieder tun.“ Ist einem das gelungen, verlängert man die Dauer schrittweise auf einen Monat, auf ein Jahr etc., und bemüht sich dann wirklich aktiv darum, die vergangene destruktive Handlung nicht zu wiederholen.  

3. Bekräftigung der positiven Richtung in unserem Leben und der Bodhichitta-Motivation

4. Destruktives Verhalten mit positivem ausgleichen – hier gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die wir tun können. 

Dies hilft uns dabei, die drei schädlichen Geisteshaltungen zu überwinden:

  • Sehnsüchtiges Verlangen – nach etwas, das wir nicht haben; Anhaftung – etwas, das wir besitzen, nicht loslassen können; und Gier – immer mehr haben wollen
  • Ärger und Feindseligkeit
  • Naivität – in Bezug auf Ursache und Wirkung oder auf die Realität; nicht darüber, wie spät es gerade ist. 

Sie sind die Grundlage dafür, warum wir destruktiv handeln. Wir handeln unter dem Einfluss dieser drei schädlichen Geisteshaltungen. Sie vergiften unseren Geist. 

Freude

Das vierte der sieben Glieder besteht darin, sich über die positiven Dinge, die andere und wir selbst getan haben, zu freuen. „Andere“ heißt hier gewöhnliche Wesen, Shravakas, Pratyekabuddhas, Bodhisattvas und Buddhas. Dadurch überwinden wir Eifersucht und Neid. 

Nun, da wir über die Überwindung störender Emotionen sprechen – versucht, euch wirklich selbst zu untersuchen und zu fragen: „Habe ich diese Art von Emotionen?“ Versucht, euch dieser bewusst zu werden und damit zu arbeiten; und das nicht nur hier in unserer gemeinsamen Meditation. Wenn ihr davon hört, dass jemand erfolgreich ist, versucht zu spüren, ob ihr dazu tendiert, neidisch zu sein und zu denken: „Oh, ich wünschte, das wäre mir passiert.“ Das wäre der Moment, an dem wir diesen Gedanken mit Freude entgegenwirken können: Freut euch für andere. Shantideva sagte: Warum haben wir ein Problem damit, wenn jemand in irgendeiner weltlichen Sache erfolgreich ist, wo wir doch jedem wünschen, Erleuchtung zu erlangen?

Um Unterweisungen bitten

Das fünfte Glied besteht darin, die Buddhas und spirituellen Lehrer darum zu bitten, Unterweisungen zu geben. Das hilft uns, die Tendenz zu überwinden, die Lehren aufzugeben, zu verwerfen oder zu denken: „Das brauche ich gar nicht. Ich weiß doch sowieso schon alles.“

Die Lehrer ersuchen, nicht dahinzuscheiden

Dann bitten wir die spirituellen Lehrer, nicht von uns zu gehen. Das hilft uns dabei, die Unzulänglichkeit zu überwinden, unsere Lehrer zu schmähen oder sie geringzuschätzen. Natürlich würden unsere Lehrer gehen, wenn wir denken: „Ich mag sie und die Art, wie sie unterrichten, nicht. Ich brauche sie nicht.“

Widmung

Nun folgt die Widmung für die Erleuchtung aller Wesen. Dies hilft uns, unserer Wut entgegenzuwirken, denn diese vernichtet die positive Kraft, die wir aufgebaut haben. Man setzt es sich also zum Ziel, die aufgebaute positive Kraft nicht durch Wut zu schwächen und sie gewissermaßen im Befreiungs- oder Erleuchtungsordner zu speichern, und nicht im samsarischen Ordner zu bewahren. 

Dazu gibt es zwei Aussagen in den Texten der großen indischen Meister:

  • In Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ heißt es, dass Wut gegenüber einem Bodhisattva die positive Kraft aus Tausenden von Zeitaltern zerstört. Die Kommentare dazu erklären uns, dass dies speziell den Ärger betrifft, der auf einen Bodhisattva gerichtet ist, welcher eine höhere Stufe der Verwirklichung erreicht hat als wir selbst. 
  • Chandrakirti spricht in seinem „Eintritt in den Madhyamaka“ davon, dass Wut die positive Kraft aus Hunderten von Zeitaltern zunichte macht. Den Kommentaren zufolge bezieht sich das darauf, dass man selbst bereits ein Bodhisattva ist und unsere Wut auf einen anderen Bodhisattva mit demselben Grad an Verwirklichung wie wir gerichtet ist.

Es sind also Tausende Zeitalter in Bezug auf einen höheren Bodhisattva und Hunderte, wenn sich das Objekt unserer Wut auf gleicher Ebene befindet, wie wir selbst – deshalb die Diskrepanz in diesen beiden Texten. 

Das ganze Thema wird dann tatsächlich zu einer ziemlich schwierigen Sache. Zunächst scheint es sich in den Texten nur um Wut zu handeln, die auf Bodhisattvas gerichtet ist. Dabei stellt sich dann die Frage: Wird dadurch die positive Kraft, die wir aufgebaut haben, vollständig vernichtet? Dazu habe ich eine Erklärung gehört, in der es hieß, dass nur die positive Kraft verloren geht, die in Verbindung mit diesem bestimmten Bodhisattva aufgebaut wurde, auf den man wütend war. Angesichts anfangsloser Wiedergeburten und der begrenzten Zahl von Wesen haben wir in Verbindung mit jedem ein gewisses Karma aufgebaut. Hier ist Karma dann ziemlich spezifisch. 

Es gilt also, zwischen den Erläuterungen einer bestimmten Textstelle der Kommentare und den allgemeinen Ratschlägen zu dieser Textstelle zu unterscheiden. Mein allgemeiner Rat: Vermeidet es, über andere wütend zu werden, denn das wird euer positives Potenzial im Allgemeinen zunichte machen. Wenn in den Texten solche unglaublichen Zahlen vorkommen, bezieht sich das auf einen ganz bestimmten Fall. Besser ist es also, diese beiden Fälle zu unterscheiden; ansonsten macht man sich nur verrückt und denkt: „Oh Gott, ich habe mich über meinen Hund geärgert; jetzt ist alles dahin. Mein positives Potenzial aus Tausenden von Äonen ist ruiniert.“ Damit würden wir ganz sicher nicht unsere hervorragende menschliche Intelligenz benutzen, mit der wir unterscheiden können, wann etwas zutrifft und wann nicht. Man sollte sich fragen, in welchem Kontext ein bestimmter Lehrsatz zutrifft und wann nicht. Es ist wichtig, diesen Kontext zu kennen, um die Lehren anwenden zu können. Fallt nicht in ein fanatisches Extrem und denkt, dass allein unsere Wut auf einen Moskito tausende Äonen positiver Kraft völlig zerstören wird. Wäre das der Fall, wären wir sowieso schon alle längst verloren. 

Das tibetische Wort, das hier verwendet wird, impliziert, dass die positive Kraft „bezwungen“ (tib. bcom) wird, was jedoch nicht heißt, dass diese dann vollständig ausgelöscht ist. Es beutet lediglich, dass es eine sehr viel längere Zeit dauern wird, bis das Potenzial reift, und wenn es dann reift, wird dieser Prozess eine viel geringere Kraft haben. Man sollte sich also immer wieder die wörtliche Bedeutung der verwendeten Worte ansehen, denn sie werden oft in einer Weise übersetzt, die nicht ganz die richtige Bedeutung vermittelt. Wenn ihr also einmal nicht weiterkommt, fragt euren Lehrer immer nach der wörtlichen Bedeutung des Begriffes. Tibetische Geshes sind stets in der Lage, euch die Begriffsdefinitionen zu geben, insofern sie eine Ausbildung im Debattieren gemacht haben, denn sie müssen diese darin alle auswendig lernen. 

Darbringung des Mandala

Als nächstes folgt die Darbringung des Mandalas, mit dem man um etwas bittet [siehe auch: Was ist ein Mandala]. Es gibt eine Menge Anleitungen für diese Praxis, aber dafür haben wir an dieser Stelle leider keine Zeit. Auf einer Ebene bringen wir das gesamte Universum dar und denken: „Ich möchte all dies darbringen, um anderen helfen zu können.“ Dies repräsentiert das Mandala. Ob wir uns das Universum in der Form des Berges Meru und der Kontinente oder in der Form der Erde, des Sonnensystems, der Galaxie oder was auch immer vorstellen, spielt keine Rolle. Der Punkt ist, alles darzubringen. 

Erinnert euch an Tsongkhapas wunderbare Belehrung über weitreichende Großzügigkeit aus seinem Lam-rim chen-mo („Große Darstellung der aufeinander folgenden Stufen des Pfades“). Wenn wir als angehender Bodhisattva eine kleine Gabe darbringen, soll dies repräsentieren, dass wir jedem alles darbringen. Wenn ich in diesem Kontext also meinem Hund eine Schüssel Wasser darbiete, steht dieser eine Gegenstand, den ich darbringe, stellvertretend für alle Dinge und der Hund für alle Wesen. So üben wir uns darin, in größeren Rahmen zu denken, um dies dann bei der Mandala-Darbringung umzusetzen, bei der es eigentlich das ganze Universum ist, das wir allen darbringen. 

Auf einer anderen Ebene, wenn man sich den Vers in den Texten über die Mandala-Darbringung anschaut, stellt man sich vor, dass alles ein reines Land ist und wir all die herausragenden Umstände dieses reinen Landes darbringen – wie das Umfeld der Arya-Bodhisattvas, wenn sie Belehrungen von Buddhas in ihrer Sambhogakaya-Form erhalten. Wir beten: „Möge jeder solche optimalen Umstände für Studium und Praxis haben.“

Die sechste Praxis: Unser geistiges Kontinuum von Inspiration durch die Meister der Linie durchdringen lassen

Die sechste Vorbereitungspraxis besteht darin, unser geistiges Kontinuum von Inspiration durch die Linienmeister durchdringen zu lassen, und das in Übereinstimmung mit den Belehrungen über Bittgebete. Wir ersuchen unseren spirituellen Meister, den Buddha, nicht nur während unserer Meditationssitzung, sondern fortwährend bei uns zu bleiben. 

Es gibt unzählige Verse, in denen wir um etwas bitten, sowie die dazugehörigen Praktiken, in denen der tibetische Begriff leider so oft mit „segne mich für dieses oder jenes“ übersetzt wird, was äußerst irreführend ist. Vielmehr geht es darum, Inspiration zu erhalten und sich zu öffnen: „inspiriere mich, bestärke mich, erhelle mich“ – all dies sind treffendere Konnotationen der tibetischen Phrase byin-gyis rlobs

Die Buddhas inspirieren uns aufgrund ihrer erleuchtenden Aktivität (tib. ’phrin-las). Aktivität bedeutet hier eigentlich eher „Einfluss”. In den Texten heißt es immer, dass die Buddhas dafür nichts tun müssen – ihre Art zu sein an sich inspiriert und bestärkt jeden. Aus diesem Grund bevorzuge ich die Übersetzung „erleuchtender Einfluss” eines Buddhas, denn es geht nicht darum, dass ein Buddha in diesem Zusammenhang aktiv jemandem hilft – auch wenn es natürlich auch Emanationen gibt, die so etwas tun –, sondern vielmehr um den mühelosen Einfluss eines Buddhas. 

Es ist also nicht so, dass wir die Buddhas ersuchen müssten, da sie diesen Einfluss sonst nicht ausüben würden. Erleuchtender Einfluss ist wie die Sonne: Sie scheint die ganze Zeit. Durch unser Bittgebet öffnen wir uns lediglich dafür, diesen Einfluss zu empfangen. In Bezug auf das Geben von Unterweisungen hört man immer wieder, dass man den Lehrer immer darum bitten muss, zu lehren, da er dies von seiner Seite aus nicht tun würde. Es ist wichtig, das richtig zu verstehen. Ein spiritueller Lehrer gibt immer Unterweisungen, so wie auch Buddha immer erleuchtenden Einfluss ausübt und die Sonne immer scheint. Wir werden die Unterweisung aber nicht erhalten, wenn wir nicht in gewisser Weise darum bitten – und uns dafür öffnen. 

Wir ersuchen nun den Guru, zu uns zu kommen und auf dem Lotus und der Mondscheibe auf unserem Scheitel Platz zu nehmen – das ist nur figurativ, denn Buddhas sind überall. Wir öffnen uns für ihn und bitten darum, dass er bei uns ist, sich mit seiner großen Güte um uns kümmert und uns seine tatsächlichen Errungenschaften von Körper, Rede und Geist zuteilwerden lässt, damit wir wie er werden können. Nun visualisieren wir, wie eine Kopie des Buddhas vor uns – klein, aus Licht und transparent, also nicht wirklich schwer – auf unserem Scheitel Platz nimmt. Wir bitten ihn darum, uns Wellen der Inspiration in Form von Lichtstrahlen zuzusenden, die dann in unser Herz fließen, unseren Körper mit Licht ausfüllen und die Dunkelheit all unserer unempfänglichen Geisteshaltungen und geistiger Hindernisse erhellen. Dann lassen wir den Buddha vor uns sich in den Buddha auf unserem Scheitel auflösen – in den Ritualtexten macht man an dieser Stelle nochmal eine kurze siebengliedrige Praxis und eine Mandala-Darbringung – und dann verweilt er während des restlichen Teils der Meditationssitzung auf unserem Scheitel, um uns daran zu erinnern, nicht die Konzentration zu verlieren oder geistig umherzuschweifen und stattdessen offen und empfänglich zu sein für das Erlangen von Einsicht und dafür, die verschiedenen Geisteszustände zu erzeugen, mit denen wir in unserer Meditation oder in unserer Ngöndro-Praxis, den vorbereitenden Übungen, arbeiten wollen.

Wenn man im Anschlass daran meditiert, spricht man dann normalerweise das „Gebet an Manjushri: Lobpreis an den mit herausragender Intelligenz“, was man im Tibetischen „Gangloma“ (Gang blo-ma) nennt, um sich inspirieren zu lassen und den Geist zu schärfen, wofür es dann auch verschiedene Visualisierungen gibt. 

Während des restlichen Tages können wir auch weiterhin den Guru auf unserem Kopf visualisieren. Wenn wir viele Ngöndro-Niederwerfungen machen, sollte man das nicht zu wörtlich nehmen: der Guru wird nicht vom Kopf fallen, wenn wir uns verbeugen – eure Haare fallen euch dabei ja schließlich auch nicht vom Kopf, oder?

Serkong Rinpoche hatte damals immer wunderbare Beispiele parat, wenn die Leute besorgt waren und fragten: „Wie kann ich mir vorstellen, dass ich mich den ganzen Tag über in der Form dieser Gottheit befinde, mit all diesen Armen, Beinen und so weiter?“ Er sagte dann so etwas wie: „Ihr tragt doch auch den ganzen Tag lang eure Kleidung, nicht wahr?“ Ob wir uns also bewusst sind oder nicht, wie unsere Kleider und wir selbst darin aussehen, wir tragen unsere Kleider trotzdem während des gesamten Tages. Genauso ist es, wenn wir dann den ganzen Tag über die Form dieser Buddha-Gestalt annehmen.

Wie dem auch sei, es gibt auch eine alternative Visualisierung, bei der man sich vorstellt, wie der Guru auf dem Scheitel in unser Herzen herabkommt und dort verweilt. 

Fazit

Dies war also die sechsteilige Vorbereitung, eine äußerst nützliche Praxis, die man in ihren verschiedenen Varianten zu Beginn der Meditationssitzung, der vorbereitenden Ngöndro-Praxis oder manchmal auch vor langen tantrischen Sadhanas durchführt. Zuflucht, Bodhichitta, das Gebet der jeweiligen Überlieferungslinie und das Bitten um Inspiration sind dabei immer fester Bestandteil, denn diese sind ein essenzielles Element all unserer Praktiken.

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