Die fünf Buddhaweisheiten in unser Leben integrieren

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Übung, um die verschiedenen Aspekte unserer Persönlichkeit in Einklang zu bringen 

Eine weitere Anwendung dieser Meditationsübung der fünf Arten des tiefen Gewahrseins besteht darin, sich über die verschiedenen Aspekte der eigenen Persönlichkeit bewusster zu werden und zu versuchen, sie zu integrieren und in Einklang zu bringen. Wir tun dies ohne voreingenommen zu sein und erkennen stattdessen objektiv die Vor- und Nachteile eines jeden Aspektes, um sie in Einklang zu bringen. Dafür ist es erforderlich, sich ganz spezifisch auf diese Aspekte auszurichten, die wir gern vernachlässigen oder jene, die wir überbewerten und die uns oft überfordern. Lasst uns mit der Übung folgendermaßen beginnen:

  • Um all die Aspekte unserer Persönlichkeit in Einklang zu bringen, beginnen wir uns mit spiegelgleichem tiefen Gewahrsein so viele Aspekte unseres Charakters wie möglich in Erinnerung zu rufen.
  • Mit dem gleichsetzenden tiefen Gewahrsein betrachten wir dann all die verschiedenen Aspekte als ebenbürtig, also als nicht wichtiger als andere.
  • Mit dem individualisierenden tiefen Gewahrsein konzentrieren wir uns auf einen bestimmten Aspekt, den wir vielleicht für nicht wichtig halten oder vernachlässigt haben, oder dem wir auf der anderen Seite übermäßig viel Beachtung geschenkt haben.
  • Mit dem vollbringenden tiefen Gewahrsein dehnen wir unsere Energie und Bereitschaft auf diesen Aspekt unserer Persönlichkeit aus, um uns um ihn zu kümmern, ihn nicht zu ignorieren oder dessen Wichtigkeit nicht überzubewerten.
  • Mit dem tiefen Gewahrsein der Realität sind wir uns darüber bewusst, was dieser Aspekt ist und wie wir ihn in unserem Leben in Einklang bringen können, indem wir dessen gute Eigenschaften erkennen und verstärken, und die schlechten verringern.
  • Dann kommen wir zur Ruhe, richten uns auf den Atem und lassen die Erfahrung wirken. Langsam öffnen wir unsere Augen und kommen wieder in den gegenwärtigen Moment zurück.

Fragen zum Anwenden dieser Methode in unserem Leben 

Während der Übung erschienen mir die verschiedenen Aspekte meiner Persönlichkeit ganz von selbst fast wie in tabellarischer Form, von den groben bis hin zu den feinen. Auch habe ich entdeckt, dass ich sogar, wenn ich mich auf die unangenehmen oder negativen Aspekte konzentriert habe, etwas Positives finden konnte, das für sich betrachtet steigerungsfähig war. Nun habe ich folgende Frage: Ist es empfehlenswert im täglichen Leben und in unserer Dharma-Praxis mit diesen Aspekten unserer Persönlichkeit einzeln oder als Ganzes zu arbeiten?

Das System, welches ich nutze, stammt aus der Karma-Kagyü-Tradition und untersucht unseren Charakter mit dem so genannten „grundlegenden Gewahrsein“, dem „allgemeinen Gewahrsein“ und dem „spezifischen Gewahrsein“. Diese drei Arten des Gewahrseins hängen jeweils mit dem spiegelgleichen, dem gleichsetzenden und dem individualisierenden tiefen Gewahrsein zusammen. In jedem Augenblick lässt unsere geistige Aktivität das kognitive Feld der Erscheinungen entstehen, dem wir uns mit grundlegendem Gewahrsein bewusst sind, das allgemeine Bild dessen, was in dem Feld erscheint, dem wir uns mit allgemeinem Gewahrsein bewusst sind, sowie die diversen Einzelheiten, welches die Objekte sind, die wir mit spezifischem Gewahrsein kennen. Im Grunde wirken sie alle zusammen, aber hier in dieser Übung betrachten wir sie in Stufen. Innerhalb unseres Lebens betrachten wir den gesamten Wirkungsbereich unserer Persönlichkeit, aber dann arbeiten wir daran, jeden Aspekt einzeln im Kontext des ganzen Bereiches in Einklang zu bringen.

Wir alle verfügen über viele verschiedene Facetten oder Aspekte unserer Persönlichkeit. Das sind die Grundvoraussetzungen, mit denen wir in diesem Leben arbeiten müssen. Vielleicht haben wir einen guten Sinn für Humor oder sind ziemlich leicht reizbar; wir mögen langsam oder äußerst schnell sein. Wir könnten recht ernsthaft oder eher zwanglos, athletisch oder intellektuell sein; wir mögen sozial oder eher zurückgezogen sein. Das sind alles Charakterzüge, die wir haben, die wir erkennen und mit denen wir uns in unserem Leben auseinandersetzen müssen. Wie tun wir dies? Wie bringen wir sie in Einklang und minimieren die Negativen und maximieren die Positiven? Darum geht es in dieser Übung, die uns dabei helfen soll.

Nun fragen wir uns natürlich, ob es tatsächlich möglich ist unsere Persönlichkeit zu ändern. Ich denke hier muss man einen Unterschied zwischen Charaktereigenschaften und störenden Emotionen machen, obwohl diese Unterscheidung künstlich sein mag. Störende Emotionen sind nicht unbedingt ein fester Bestandteil unserer Persönlichkeit in diesem spezifischen Leben.

Einen guten Sinn für Humor zu haben oder ernsthaft zu sein ist beispielsweise etwas ganz anderes als ausgesprochen gierig oder wütend zu sein. Was die störenden Emotionen betrifft, können wir natürlich mit den Dharma-Methoden arbeiten, um Gier, Selbstbezogenheit, Wut, Eifersucht Arroganz usw. zu beseitigen. Innerhalb dieser Unterscheidung zwischen störenden Emotionen und Eigenschaften, wäre jedoch der Hang zu viel Gemeinschaft oder dem Alleinsein eher ein Charakterzug. Keiner dieser beiden Vorlieben ist zwangsläufig ein Problem.

Manche Dinge, wie zum Beispiel die Ebene unserer Intelligenz, sind nicht so leicht zu ändern. Natürlich kann man die Intelligenz mit verschiedenen Methoden steigern, aber sie ist eine Art grundlegende Eigenschaft, die wir haben. Wir mögen eine wirklich ausgeprägte Vorstellungskraft besitzen oder auch nicht, und auch hier können wir diese Fähigkeit schulen, aber wir verfügen über eine grundlegende Ebene, mit der wir in dieses Leben starten. Andere Eigenschaften unserer Persönlichkeit sind vielleicht kreativ zu sein oder nicht sonderlich kreativ zu sein, ein großes oder weniger großes Bedürfnis nach Zuneigung zu haben, oder über ein enormes oder eher schwaches sexuelles Verlangen zu verfügen. Wir können versuchen, Dinge bestmöglich in Einklang zu bringen, indem wir unsere Stärken dieser Aspekte fördern und die Schwächen minimieren.

Ungeachtet dessen welche Voraussetzungen wir haben ist es jedoch wichtig zu versuchen, sie auf harmonische und gut-integrierte Weise wie die verschiedenen Instrumente in einem Orchester miteinander zu verbinden. Wir wollen, dass sie auf harmonische Weise eine wunderschöne Symphonie ergeben und nicht miteinander konkurrieren oder sich gegenseitig stören. Um diese Herangehensweise zu nutzen ist es notwendig, mit jedem Aspekt unserer Persönlichkeit zu arbeiten; zunächst mit jedem für sich und schließlich, indem wir immer mehr miteinander harmonisch verbinden.

Anwendung dieser Methode, um die verschiedenen Beziehungen in unserem Leben in Einklang zu bringen 

Diese Methode kann auch auf andere Dimensionen in unserem Leben ausgeweitet werden. Zum Beispiel können wir einen Blick auf all die verschiedenen Beziehungen werfen, die wir haben. Da gibt es die Beziehungen zu den verschiedenen Familienmitgliedern, Freunden, Lehrern, Arbeitskollegen und den Verkäufern der Geschäfte, in denen wir einkaufen. Wir können all diese Beziehungen untersuchen und die gleichen Schritte anwenden, um die positiven Aspekte jeder Beziehung zu maximieren und die negativen Eigenschaften oder ungesunden Aspekte dieser Verbindungen zu minimieren. Wir können versuchen, all die verschiedenartigen Beziehungen, die wir in unserem Leben haben, in Einklang zu bringen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass all unsere Freunde und Bekannten miteinander klarkommen müssen oder dass wir mit ihnen allen gleich viel Zeit verbringen. Der entscheidende Punkt ist nur, wie jede Beziehung in unser Leben passt. Messen wir der Wichtigkeit einer Beziehung zu viel Bedeutung bei und vernachlässigen eine andere? Wird durch eine Beziehung eine andere verhindert? Diesen Bereich zu untersuchen ist recht interessant und die fünf Arten des tiefen Gewahrseins können uns dabei helfen.

Manchmal erkennen wir nicht die Bedeutung einer bestimmten Beziehung in unserem Leben. So könnten wir beispielsweise ziemlich viel mit unserer Familie involviert sein und nicht erkennen wie wichtig es ist, unabhängige Freundschaften außerhalb der Familie oder noch andere Freunde als die unseres Partners zu haben. Für eine Frau ist es wichtig weibliche Freunde zu haben und ein Mann braucht männliche Freunde, ob man sich nun in einer Beziehung oder in einer Ehe befindet. Vernachlässigt man dies, kann das zu Schwierigkeiten in unserem Leben führen und ein Gefühl hervorrufen, als würde uns etwas fehlen.

Andere Aspekte in unser Leben integrieren 

Eine andere Dimension der Anwendung dieser Methode besteht darin, die verschiedenen Kapitel unseres Lebens zu analysieren und zu versuchen, sie alle zu integrieren. Oft neigen wir dazu, bestimmten Aspekte unserer Vergangenheit zu große Bedeutung beizumessen. Vielleicht wurden wir irgendwann in unserem Leben schikaniert oder missbraucht und das wird dann zum wichtigsten Ereignis in unserem gesamten Leben. Es mag auch andere Kapitel geben, die wir am liebsten ganz vergessen würden, wie eine Zeit, in der wir uns in einer nicht so gesunden Beziehung befunden haben. Wir könnten auch die diversen Themen betrachten, die wir während unserer Ausbildung gelernt haben und uns fragen, wie wir all diese Elemente integrieren? Was haben wir von schlechten Erfahrungen gelernt, wenn es sie gab? Welche positiven Dinge kann man aus diesen negativen Erfahrungen ziehen? Hier versuchen wir wieder, eine Ausgewogenheit hinsichtlich unseres gesamten Lebens zu erreichen.

Denkt an das, worüber wir im Sinne des konventionellen „Ichs“ gesprochen haben und wie dieses konventionelle „Ich“ als eine Person eine Zuschreibung auf einer Grundlage für die Zuschreibung ist. In unserer letzten Sitzung ging es im Allgemeinen darum, dass die Grundlage für die Zuschreibung des „Ichs“ die fünf Aggregate sind, also Körper, Geist usw. Tatsächlich umfasst die Grundlage für die Zuschreibung jedoch alles von uns: alle Aspekte unserer Persönlichkeit, all die Beziehungen, die wir zu anderen haben oder hatten, sowie all die Dinge, die uns in der Vergangenheit zugestoßen sind. Das ist die Grundlage für die Zuschreibung des „Ichs“. Je breiter diese Grundlage ist, der wir uns zuwenden, desto gesünder ist unsere Sichtweise des konventionellen „Ichs“, die wir haben können. Zusätzlich dazu sollten wir stets offen dafür sein, diese Grundlage auf neue Beziehungen auszuweiten, sowie auf neue Dinge, die wir lernen und neue Aspekte, die wir entwickeln.

Das falsche „Ich“ entsteht, wenn wir das „Ich“ mit nur einem oder zwei Aspekten als das wahre „Ich“ identifizieren und all diese anderen Aspekte vergessen, die auch zur Grundlage für die Zuschreibung gehören. Dann bekommen wir jede Menge Probleme. Lasst uns für einen Augenblick darüber nachdenken.

Der Zusammenhang zwischen den Übungen und dem Verständnis der Leerheit 

Im Hinblick auf die Übungen mit den fünf Aggregaten und den fünf Arten des tiefen Gewahrseins habe ich entdeckt, dass es in jedem einzelnen Moment eine Vielzahl von Gedanken, Emotionen und Gefühlen gibt und ich die Fähigkeit habe, sie auf positive oder negative Weise zum Reifen zu bringen. Auch habe ich bemerkt, dass es einen kurzen Moment gibt, bevor jeder dieser Gedanken oder Gefühle stattfindet, und dass dieses Denken und Fühlen ein Vorgang des Entstehens und Vergehens ist. Mit all diesen Dingen habe ich die Möglichkeit, mit den Aspekten konstruktiv oder destruktiv zu arbeiten. Werden mir diese neuen Entdeckungen helfen, mich dem Verständnis der Leerheit, der Wiedergeburt und der Bardo-Erfahrung zu nähern?

All diese Entdeckungen sind in der Tat ausgesprochen hilfreich, um Leerheit zu verstehen. Wie gerade erwähnt ist eine Person, das konventionelle „Ich“, ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage der fünf Aggregate. Die Faktoren, die unsere fünf Aggregate in jedem Augenblick ausmachen, ändern sich ständig; es gibt nichts Statisches, was jeden Moment gleich bleibt. Die fünf Arten des tiefen Gewahrseins, die uns helfen Dinge wahrzunehmen und zu erkennen, nehmen ebenfalls ständig andere Objekte auf und ändern sich von einem Augenblick zum nächsten. Das konventionelle „Ich“ ist lediglich ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage all dessen, und auf Seiten dieser Grundlage gibt es nichts wie ein auffindbares, statisches, unveränderliches, monolithisches „Ich“.

Aber was macht mich zu „mir“? Das ist eine sehr wichtige Frage. Wenn die Grundlage für das „Ich“ das ist, was wir erfahren, sowie all die verschiedenen Faktoren unserer Persönlichkeit, unserer Beziehungen und unserer Vergangenheit, die sich alle ständig ändern, was macht dann mich zu „mir“? Aus der Sichtweise des Gelug-Prasangika-Systems gibt es, wie bereits erwähnt, nichts Auffindbares auf Seiten des konventionellen „Ichs“, wie ein individuell definierendes charakteristisches Merkmal, das mich aus eigener Kraft zu „mir“ macht, so wie auch das konventionelle „Ich“ nicht auf Seiten der Aggregate gefunden werden kann. Da man weder eine Person noch das individuelle charakteristische Merkmal einer Person seitens deren Grundlage für die Zuschreibung finden kann, besteht die einzige Möglichkeit, die Existenz der Person oder des definierenden Merkmals zu begründen, darin, sie lediglich als das zu sehen, worauf sich das Wort „Person“, der Ausdruck „charakteristisches Merkmal einer Person“, das Konzept einer Person oder das Konzept des charakteristischen Merkmals einer Person bezieht, wenn es auf der Grundlage einer Reihe von Aggregaten benannt oder geistig bezeichnet wird.

Und wenn es kein auffindbares charakteristisches Merkmal auf Seiten der Person gibt, das mich zu „mir“ machen kann, gibt es auch keinen Haken seitens der Grundlage, dem wir das Wort „Ich“ oder unseren Namen wie die Öse an einen Haken anhängen können. Es gibt keine Öse auf Seiten der Grundlage, der wir den Haken des Wortes „Ich“ anhängen können.

Wenn wir kein „Ich“ finden können, heißt das nicht, dass ich nicht existiere und ich keine Person bin. Aber was beweist oder begründet, dass ich als eine gültig erkennbare Person, ein konventionelles „Ich“ existiere? Das ist die Frage, auf die in den diversen buddhistischen Lehrsystemen eingegangen wird. Man könnte sagen, unsere Existenz wird dadurch bewiesen, dass wir Dinge tun und erfahren. Das wäre eine Betrachtungsweise; aber im Prasangika-System wird diese Frage von einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Wir alle haben das Konzept vom „Ich“ und das Wort „Ich“. Im Gelug-Prasangika-System wird gesagt, das Selbst, das konventionelle „Ich“ als eine Person, ist lediglich oder ausschließlich das, worauf sich das Konzept und das Wort auf der Grundlage der sich ständig ändernden fünf Aggregate bezieht. Es gibt nichts, was man auf Seiten des Selbst oder auf Seiten der Aggregate finden kann, das die Existenz des „Ichs“ begründet, nicht einmal wenn wir die Aggregate mit dem Konzept „Ich“ geistig bezeichnen oder sie mit dem Wort „Ich“ benennen. Es gibt keine auffindbare definierende Eigenschaft auf Seiten der Aggregate oder auf Seiten eines auffindbaren „Ichs“, das die Kraft hat, mich zu „mir“ zu machen und das eine Öse bietet, an die man das Konzept und Wort „Ich“ hängen könnte. 

Wir alle gehen davon aus, dass es die Konvention und das Wort „Ich“ gibt. Jeder, der meinen Körper sieht, wie er sich über die Straße bewegt, sieht mich. Niemand mit fehlerfreier Wahrnehmung würde dem widersprechen. Aber das „Ich“ und etwas, das mich zu „mir“ macht, kann nicht auf Seiten des Körpers gefunden werden, da es so etwas nicht gibt und niemand, der ein korrektes Verständnis der Leerheit hat, würde das bestreiten. Diese drei Punkte sind ein Beleg dafür, dass es so etwas wie das konventionelle „Ich“ nur als das gibt, worauf sich die Konvention, das Konzept oder Wort „Ich“ auf der Grundlage der Aggregate bezieht.

Allerdings wird dadurch, indem wir durch geistiges Bezeichnen das Konzept „Ich“ den Aggregaten zuweisen und es mit dem Wort „Ich“ benennen, das „Ich“ nicht erschaffen und es ist auch nicht so, dass es ohne das geistige Bezeichnen und Benennen nicht existieren würde. Das konventionelle „Ich“, die Person, ist ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage der Aggregate und das ist eine Tatsache. Aber das „Ich“ ist wie eine Illusion, weil es solide zu sein scheint; es fühlt an als wäre es solide und als könnte es ganz für sich erkannt werden, aber dem ist nicht so. Es ändert sich von einem Augenblick zum nächsten, da sich unser Erleben von einem Augenblick zum nächsten ändert. Das heißt jedoch nicht, das „Ich“ als eine Person ist eine solide Sache, die sich jederzeit in eine etwas andere solide Sache ändert, aber im Grunde gleich bleibt. Das ist ebenfalls nicht der Fall.

Es ist schwer zu verstehen, dass es nichts auf Seiten des „Ichs“ oder auf Seiten der Grundlage des „Ichs“ gibt, das mich zu „mir“ macht. Es gibt kein auffindbares definierendes charakteristisches Merkmal; aber dennoch sind wir alle individuelle Personen und können eine Person auf korrekte Weise von einer anderen unterscheiden, so wie auch Pinguine in der Antarktis einen Pinguin von einem anderen in der ganzen Schar korrekt unterscheiden können.

Es gibt also definierende charakteristische Merkmale, die unserem Aggregat des auseinanderhaltenden Gewahrseins erlauben, eine Sache korrekt von einer anderen zu unterscheiden. Wenn es so ein Merkmal jedoch auf Seiten eines Objektes gäbe und wir die Kraft hätten, dieses Objekt als eine gültig erkennbare Sache festzulegen, wäre es, als würde es sich innerhalb des Objektes befinden und eine Plastikhülle erzeugen, durch die es eine Sache, getrennt von allem anderen ist.

Ein einfaches Beispiel, warum definierende charakteristische Merkmale so nicht funktionieren, ist das Lichtspektrum mit seinen Farbtönen. Gibt es irgendetwas auf Seiten des Lichtspektrums, wodurch es in bestimmte Farben wie Rot, Orange und Gelb abgegrenzt wird? Gibt es eine Abtrennung zwischen jeder Farbe, die einen Bereich kennzeichnet und alles außerhalb dieses Bereiches als eine andere Farbe festlegt? Existiert da so etwas wie eine Kunststoffummantelung, die einen bestimmten Lichtbereich in dem Spektrum einschließt und ihn zu einer spezifischen Farbe macht, den die Menschen dann später mit einem Namen versehen? So etwas ist unmöglich. Es gibt keine abgrenzenden Linien auf Seiten des Lichtspektrums und die verschiedenen Farben sind lediglich konzeptuelle Konventionen. Einige Menschen sind zusammengekommen und haben entschieden, dass sie den Bereich von dieser bis zu jener Wellenlänge Rot oder Orange nennen werden; sie haben sich einfach Wörter dafür ausgedacht. Betrachten wir es einmal aus der Sicht der Höhlenmenschen, so haben sie einfach Laute und Geräusche zusammengefügt und entschieden, dass eine bedeutungslose Kombination von Klängen ein Wort ist, also ein Klang, der etwas bedeutet.

Was begründet nun, dass es solch eine konventionelle Sache wie die Farbe Rot gibt? Wir können nur sagen, dass das, was etwas als Rot begründet, lediglich das ist, worauf sich das Konzept und Wort „Rot“ auf der Grundlage bestimmter vordefinierter Bereiche des Lichtspektrums bezieht und dass sich eine Gruppe von Menschen auf diese Konvention geeinigt hat. Der konzeptuelle Geist unterteilt das Lichtspektrum in bestimmte Farben und nicht in irgendetwas Auffindbares auf Seiten des Lichtes.

Trotzdem sehe ich rot und nicht blau; Farben sind ganz individuell und nicht einfach ein Einheitsbrei. Wie halten wir die Farben auseinander? Wir tun es mit dem Geist, indem wir den Geistesfaktor des Auseinanderhaltens und das Aggregat des auseinanderhaltenden Gewahrseins nutzen. Wir tun es abhängig von konventionell definierenden Charakteristika, die vollends erdacht sind.

Was ist mit dem Objekt, das unser konzeptueller Geist mit einem Konzept bezeichnet und mit einem Wort benennt? Ist das Objekt nur eine solide existierende leere Tafel, auf die wir alles projizieren können? Nein, denn sonst könnten wir jeder Sache irgendeinen Namen geben. Worte und Namen sind einfach durch die Kraft der Konventionen, die eine Gruppe von Menschen annehmen, gültig. Würden wir nicht über die Konventionen einer Sprache verfügen, wären wir nicht in der Lage miteinander zu kommunizieren. Wir müssen uns darin einig sein, wie wir Dinge benennen. 

Obwohl man nichts auf Seiten von irgendetwas finden kann, das die Kraft hat, die Existenz von etwas als gültig erkennbares Objekt zu begründen, das von anderen Objekten differenziert werden kann, funktionieren Dinge dennoch. Sie rufen Wirkungen hervor, sie erfüllen Funktionen. Der Tisch erfüllt die Funktion ein Glas zu tragen, wobei es egal ist, wie wir dieses Objekt nennen. Es gibt so viele unterschiedliche Wörter in den zahlreichen Sprachen, die das bedeuten, was wir im Englischen unter dem Wort „table“ oder im Deutschen unter dem Wort „Tisch“ verstehen, aber dennoch erfüllt dieses Objekt vor mir eine Funktion.

Was Objekte betrifft, die etwas tun können, geht man in einigen buddhistischen Lehrsystemen davon aus, dass die Funktion eines Tisches zu erfüllen das ist, was etwas wahrhaft als einen Tisch begründet. Das, worauf sich das Wort „Tisch“ bezieht, kann jedoch mehr als nur eine Funktion erfüllen, und außerdem gibt es viele andere Arten von Objekten, die ebenfalls „die Funktion eines Tisches“ erfüllen können.

Kann man die Fähigkeit eine Funktion zu erfüllen auf Seiten eines Objektes finden? Das wird im Prasangika-System wiederum verneint. Sogar die Funktion eines Tisches kann nur als existierend in Bezug darauf festgelegt werden, worauf sich das Konzept und der Ausdruck „Funktion eines Tisches“ per Konvention bezieht, wenn es durch geistige Bezeichnung und Benennung diesem Objekt zugeschrieben ist.

Was unser Beispiel dieses Tisches betrifft, so kann er viele Dinge tun. Er trägt das Glas, den Wasserkrug, das Aufnahmegerät und die Tischdecke. Er schmückt den Raum und lässt ihn schön aussehen. Außerdem erfüllt er die Funktion, einen Hintergrund für die Blumen davor zu bilden. Und er wirft einen Schatten. Er kann also viele verschiedene Dinge tun. Sind all diese Funktionen als Dinge wie in Plastik eingehüllt und auf Seiten dieses Objektes auffindbar, wie abgetrennte und in Plastik gehüllte Farben, die man auf Seiten des Lichtspektrums finden kann? Nein. Oder handelt es sich auf der anderen Seite nur um ein leeres Objekt, dem wir geistig jede Funktion zuschreiben können, die es dann erfüllt? Nein, dieses Objekt hält beispielsweise keine Diebe von unserem Haus fern oder verhindert, dass der Himmel auf die Erde herabfällt. Wir können ihm also nicht durch geistiges Bezeichnen irgendeine Funktion zuschreiben.

Wodurch wird denn festgelegt, dass dieses Objekt tatsächlich irgendeine Funktion erfüllt? Es geschieht durch gültige Wahrnehmung, die durch den Geist entsteht. Das Objekt erfüllt eine Funktion im Sinne von Ursache und Wirkung entsprechend überprüfbaren Resultaten. Jeder, der über einen gültigen, unbeeinträchtigten Geist verfügt, kann sehen, dass der Tisch ein Glas trägt und nicht verhindert, dass der Himmel auf die Erde herabfällt. Das können wir ganz klar erkennen. Würde der Himmel herunterfallen, wenn wir dieses Objekt entfernen würden? Nein. Der Himmel ist nicht auf die Erde herabgefallen. Es hat also nicht diese Funktion erfüllt.

Im System des Gelug Prasangika würde man sagen, dass wir nicht einmal etwas auf Seiten des Objektes finden können, das dessen Existenz als ein gültig erkennbares Objekt begründet. Würden wir es genau untersuchen, ob es eine Art Plastikhülle oder eine imaginäre Linie gibt, die es zu einer Sache oder zu einem Objekt macht, das ganz für sich steht, könnten wir so etwas finden? Wo ist denn genau die festgelegte Grenze zwischen den Atomen des Tisches und jenen der Luft? Da gibt es keine Linie, nicht wahr?

Betrachten wir es in Bezug auf das Spektrum all der Emotionen und Gefühle, über die wir gesprochen haben und die Teile unserer Aggregate sind. Ist es möglich, irgendwo in unserem Körper oder Geist diese eingekapselten Dinge, wie einen Sinn für Humor, Intelligenz oder andere dieser Charakterzüge oder Emotionen zu finden, über die wir gesprochen haben? Es ist wie in dem Beispiel mit den Farben. Ihre Existenz als diese oder jene Charaktereigenschaft oder Emotion kann lediglich als das festgelegt werden, worauf sich die Konzepte oder Worte für sie auf der Basis von Momenten der Erfahrung beziehen.

Sogar die Definitionen einer jeden Eigenschaft und Emotion werden ausschließlich per Konvention und durch geistiges Bezeichnen allein festgelegt. In verschiedenen Kulturen würde man zum Beispiel das Wort, was wir im Deutschen als „Loyalität“ bezeichnen, unterschiedlich definieren. In Japan, in Amerika und im mittelalterlichen Frankreich hat man ganz unterschiedliche Konzepte diesbezüglich.

Auch innerhalb einer Kultur behalten verschiedene Emotionen ihre Individualität: Wut ist nicht Gier. Nur weil es keine festen Trennlinien gibt, durch welche Dinge einzeln abgetrennt werden, heißt das nicht, dass alles eine einheitliche Suppe ist. Dinge sind individuell, aber es gibt nichts wie eine Plastikhaut seitens dieser Dinge, die es zu etwas machen.

Das gleiche trifft auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen zu. Gibt es eine Plastikhülle, die irgendeine unserer Beziehungen zu einer anderen Person umhüllt und sie von allem anderen in unserem Leben und all den anderen Menschen isoliert und abtrennt, mit denen wir und die anderen zu tun haben? Nein, natürlich nicht. Die Grundlage für das Zuschreibungsphänomen „Ich“ ist so, dass es keine festen Trennlinien auf Seiten der Grundlage gibt, und auch nichts, was dieses und jenes als eine Beziehung, Charaktereigenschaft oder Emotion abgrenzt, die wir haben. Und sogar „ich“ als eine Person, als ein Zuschreibungsphänomen auf der Basis dieser Charakterzüge und Emotionen ist nichts, was auffindbar oder wie in Plastik gehüllt wäre.  

Sich des Beispiels von Tischtennisbällen zu bedienen ist hier recht hilfreich: wären unsere Charaktereigenschaften, Emotionen und anderen Geistesfaktoren, die unsere Aggregate ausmachen, wie Tischtennisbälle und unser „Ich“ als eine Person wie ein großes Glas als Behälter, würde sich keiner von ihnen je wandeln und wir könnten nie wachsen und uns verändern. Nichts würde sie beeinflussen, da sie nur wie eine Ansammlung von Bällen in einem großen Glas wären. Sie könnten nicht aufeinander einwirken; die Bälle würden sich einfach nur nebeneinander befinden. Sie könnten sich nicht aufeinander beziehen und würden nur eine Ansammlung von Tischtennisbällen in einem großen Glas bleiben.

Sie existieren jedoch nicht wie Tischtennisbälle. Es gibt nichts auf Seiten irgendeines dieser Dinge, das es zu einem festgelegten Tischtennisball macht und daher können sie aufeinander einwirken und sich ändern. Aus diesem Grund ist das „Ich“, das ein Zuschreibungsphänomen auf dessen Grundlage ist, nicht wie ein Glas als Behälter, sondern kann sich ebenfalls ändern und wachsen.

Um deine Frage zu beantworten: ja, unser Studium der fünf Aggregate und unser Studium dieser fünf Arten des tiefen Gewahrseins kann uns zu einem immer tieferen Verständnis der vielen Aspekte des Dharmas und insbesondere zum Aspekt der Leerheit führen.

Widmung 

Um unsere Widmung sinnvoller zu gestalten, nehmen wir uns ein oder zwei Minuten Zeit, um diesen letzten Teil unserer Diskussion, sowie das, was wir in dieser Reihe gelernt oder erlebt haben, einwirken zu lassen. Mit anderen Worten untersuchen wir die positive Kraft und das Verständnis, das daraus entstanden ist. Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese positive Kraft und das Verständnis nicht wie Tischtennisbälle sind, die wir angesammelt haben und unsere Widmung ist nicht so, als würden wir sie in den Korb der Erleuchtung werfen.

Möge alles Verständnis und alle positive Kraft, die durch unser Zusammensein entstanden sind, als Ursache dienen, Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen... und nicht nur für meine Erleuchtung, sondern für die Erleuchtung aller. Vielen Dank.

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