Entwicklung der anderen vier Arten von Buddha-Weisheiten

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Rückblick 

Wir haben die letzte Sitzung mit einer Übung abgeschlossen, in der wir geübt haben, unser spiegelgleiches tiefes Gewahrsein zu steigern. Es ist wichtig daran zu denken, dass diese Art des tiefen Gewahrseins nicht wie ein Spiegel oder ein Fotoapparat ist, sondern eher wie eine Video-Kamera. Wir nehmen Informationen auf, die sich ständig ändern, und zwar nicht nur visuelle, sondern auch hörbare und andere Informationen. Mit unserem spiegelgleichen tiefen Gewahrsein nehmen wir wie mit der Video-Kamera all die momentanen Informationen auf, ohne sie zu kommentieren oder zu beurteilen. Um dieses spiegelgleiche tiefe Gewahrsein weiter zu entwickeln, müssen wir Interesse haben und mit einem ruhigen Geist und einer fürsorglichen Geisteshaltung Aufmerksamkeit schenken können. Nutzen wir dieses tiefe Gewahrsein, wenn wir mit anderen zusammen sind, achten wir auf deren Gesichtsausdrücke, Körpersprache und den Klang ihrer Stimmen.

Um diese Art des spiegelgleichen tiefen Gewahrseins erfolgreich steigern zu können, müssen wir natürlich viel üben. Vielleicht ist euch das klar geworden, wenn ihr die Übung das erste Mal ausgeführt habt. Sie ist nicht so einfach, besonders weil wir dazu neigen im Innern viel in Bezug auf die anderen zu kommentieren und zu urteilen. Um dies zu üben, brauchen wir allerdings keine Meditationsgruppe, sondern können es jederzeit üben, wenn wir uns mit jemandem unterhalten, mit jemandem zusammen sind oder uns in einem Geschäft befinden.

Jeder unserer Sinnesöffnungen oder Sinneskanäle nimmt all die Informationen des jeweiligen Sinnes, unabhängig von der Ebene unserer Aufmerksamkeit, auf; der entscheidende Punkt ist nur, dass wir uns weiter steigern und immer mehr voneinander lernen können. Dies Fähigkeit zeigt sich, wenn wir einen unserer Sinne verlieren. Sind wir beispielsweise blind, entwickelt sich unser Gehör viel besser und es scheint, dass wir nun viel mehr Informationen von unserem Gehörsinn bekommen, als vorher. Verlieren wir hingegen unser Gehör, ist es, als würden wir viel mehr Informationen durch unser Sehen bekommen. Es ist also nur eine Sache des Übens, um dieses gegenwärtige spiegelgleiche Gewahrsein zu steigern, um mit mehr Aufmerksamkeit, Sorgfalt und ruhigem Geist immer mehr wahrzunehmen.

Fragen 

Du hast darüber gesprochen, dass all diese Wahrnehmungen gleichzeitig stattfinden. Bezieht sich das nur auf eine geistige Ebene? Physiologisch gesehen wissen wir zum Beispiel, dass für das Sehen bestimmte Wellenlängen, verschiedene Farben und Helligkeiten notwendig sind, oder es für das Hören eine gewisse Zeit dauert, bis der Klang das Gehirn erreicht. Jeder Sinnesreiz braucht physiologisch gesehen seine Zeit, um zum Gehirn zu gelangen, wenn wir ihn wahrnehmen. Findet es daher physiologisch oder nur geistig alles gleichzeitig statt?

Ich glaube, dir geht es nicht nur um die verschiedenen Sinne, sondern auch um all die verschiedenen Geistesfaktoren und die verschiedenen Arten des tiefen Gewahrseins, die damit verbunden sind. Finden sie gleichzeitig statt oder nicht?

Nun, hier gibt es ein Problem mit der Übersetzung; es ist schwer, Worte in einer anderen Sprache zu finden, welche die gleiche Definition und die gleiche Bedeutung wie das Original haben. Sagen wir im Tibetischen „gleichzeitig“, meinen wir wörtlich „zu einer Zeit“. Die Frage stellt sich nun, wie man „eine Zeit“ definiert? In diesem Zusammenhang wird „eine Zeit“ als eine Phase der Zeit definiert. Sie treten alle innerhalb einer kurzen Zeitspanne auf. Würden wir diese kurze Periode in Mikrosekunden aufteilen, fänden manche Aspekte wahrscheinlich kurz nacheinander statt, während manche genau gleichzeitig auftreten würden und andere nicht. Trotzdem hängen sie innerhalb eine ganz kurzen Zeitspanne zusammen. Definitionen gilt es stets etwas eingehender zu betrachten.

Es ist nicht so, dass sich diese kognitiven Aspekte in völlig unterschiedlichen Phasen ereignen; sie hängen zusammen. Anders ausgedrückt reden wir von einer äußerst kleinen Zeitspanne, so klein, wie wir sie wahrnehmen können. Würden wir beispielsweise die Zeitspanne eines Fingerschnipsens definieren, wären wir wahrscheinlich nicht in der Lage, die Mikrosekunden wahrzunehmen, aus denen sich die Abfolge eines Fingerschnipsens zusammensetzt, Wir würden sagen, dass es auf einmal geschieht, denn es ist schwer für uns, dies wahrzunehmen; im Grunde könnte man es natürlich in Mikrosekunden aufteilen.

Hören, Sehen, Riechen, Fühlen – all das geschieht jedoch buchstäblich zur gleichen Zeit. Es gibt einige buddhistische Theorien, in denen angedeutet wird, dass sie in einem schnellen Wechsel stattfinden, während andere besagen, dass sie alle gleichzeitig stattfinden. Es hängt einfach davon ab, wie viel Aufmerksamkeit wir jedem dieser Sinne schenken. Das kennen wir sicherlich aus Erfahrung. Während wir mit jemandem reden, sehen und hören wir ihn oder sie zur gleichen Zeit, wenn wir über alle Sinne verfügen.

Welchen Einfluss oder welche Auswirkung kann es karmisch gesehen auf unsere Beziehung oder unser Fortschreiten im Dharma haben, wenn wir in unserem Geist Urteile fällen oder etwas kommentieren?

Urteile oder Geisteshaltungen, die wir in der Gemeinschaft mit anderen haben oder beim Lesen in unserem Geist, können durchaus ein karmisches Resultat haben. Es sind geistige Handlungen. Haben wir beispielsweise beim Hören von Belehrungen oder beim Lesen eines Dharma-Buches eine verzerrte, feindselige Geisteshaltung und Gedanken, wie „das ist ja wirklich albern“, oder „wie lächerlich!“ und so weiter – dann hat solch eine Haltung zweifellos karmische Auswirkungen.

In ähnlicher Weise werden auch unsere geistigen Kommentare in der Gemeinschaft mit jemandem, wie unserem Rivalen oder Feind, den wir als eine schlechte Person verurteilen, eine karmische Auswirkung haben. Während wir ihm zuhören, denken wir darüber nach, was wir sagen oder tun können, um ihn wirklich zu verletzen. Dies ist die destruktive geistige Handlung des boshaften Denkens, und sie hat mit Sicherheit ebenfalls karmische Konsequenzen. Oder wenn wir jemanden als ziemlich anziehend und attraktiv betrachten, und in unserem Gespräch nur daran denken, wie wir ihn oder sie herumkriegen können, dann ist das begehrliches Denken, was ganz offensichtlich auch karmische Auswirkungen haben wird. Ein anderes Beispiel besteht darin zu überlegen, wie wir jemandem etwas verkaufen können. Diese Art des begehrlichen Denkens hat karmische Auswirkungen.

Besteht ein Unterschied darin, etwas über sich selbst oder über andere zu kommentieren? Und kann es nicht auch irgendwie hilfreich sein, Kommentare über sich selbst zu machen?

Was das Kommentieren in Bezug auf uns selbst betrifft, so ist das ein Punkt, zu dem wir noch nicht gekommen sind, auf den ich jedoch eingehen werde, wenn es darum geht wie wir diese fünf Arten des tiefen Gewahrseins auf uns selbst anwenden können. Aber grundsätzlich ist es notwendig, sich auch um sich selbst zu kümmern. Schließlich sind auch wir Menschen, wie alle anderen, und haben ebenfalls Gefühle. Die Einstellung, die wir gegenüber uns selbst haben, sowie die Weise, wie wir mit uns umgehen, wird unsere Erfahrung im Leben beeinflussen, so wie sie auch das Leben von anderen beeinflussen würde.

Fällen wir negative Kommentare und Urteile über uns selbst, während wir mit anderen zusammen sind, und sagen uns ständig, was für Versager wir doch sind und dass uns die anderen nicht mögen werden, wird das ganz gewiss eine Auswirkung auf unseren Austausch mit der Person haben. Durch unsere negativen Geisteshaltungen werden wir gewohnheitsmäßig ein niedriges Selbstwertgefühl und mangelndes Selbstvertrauen entwickeln und verstärken.

Es stimmt, dass wir uns darüber bewusst sein müssen, wie wir sprechen und handeln, um unser fehlerhaftes Verhalten zu korrigieren. Aber sich ständig selbst zurechtzuweisen, nachdem man etwas Dummes gesagt hat und sich einzureden, wie töricht es war, und was für Idioten wir doch sind, mag nicht unbedingt die beste Strategie sein. Es ist wichtig zuzugeben, dass wir etwas Dummes gesagt haben, und am besten ist es, sich einfach zu entscheiden, nicht mehr so zu reden, ohne sich jedoch zu maßregeln . Manchmal ist es hilfreich, sich selbst Einhalt zu gebieten, besonders bevor man etwas Dummes sagen wird. Aber sich selbst zu tadeln, nachdem man es gesagt hat, hilft nicht viel, sondern gibt uns nur ein schlechtes Gefühl.

Es ist wichtig, eine törichte Sache einfach loszulassen. Wenn es angebracht ist, könnten wir uns bei der anderen Person entschuldigen, indem wir sagen: „es tut mir leid, es war dumm das zu sagen.“ Machen wir jedoch eine große Sache daraus und reiten darauf herum, fühlen wir uns nicht nur schuldig, sondern erschweren uns weiteren Umgang mit anderen in unserem Leben. Dieser Punkt ist wirklich ausgesprochen wichtig. Machen wir einen Fehler, gestehen wir ihn ein, entschuldigen uns, versuchen ihn nicht zu wiederholen und gehen weiter. Wir lassen ihn los und machen keine große Sache daraus. Wenn wir beispielsweise mit jemandem tanzen und aus Versehen auf den Fuß unseres Tanzpartners treten, sagen wir „oh, tut mir leid“ und tanzen weiter. Würden wir uns jedoch fünf oder zehn Minuten lang entschuldigen, wäre das wirklich töricht.

Gratulieren wir uns andererseits selbst, indem wir sagen: „das habe ich wirklich gut gesagt, ich bin wirklich clever, wie ich das wieder angestellt habe“, dann führt das zu Arroganz und Stolz. Etwas gut zu tun oder Fehler zu machen ist nichts Besonderes. So ist das Leben und im Leben geht es auf und ab. Machen wir jedoch eine große Sache daraus, wenn etwas gut läuft, dann ist es so, als würden wir in einer Begegnung mit jemandem sagen: „ach, was für einen schönen Austausch wir doch miteinander haben!“ Das würde die ganze Situation völlig ruinieren, nicht wahr?

Hier geht es um etwas anderes, als in diesem Beispiel, nämlich darum, sich zu erfreuen. Wir können uns an den positiven Dingen, die wir getan haben, erfreuen. Das ist jedoch nicht dasselbe, als wenn wir auf einer Sache verweilen, etwas ganz Besonders daraus machen oder es in unserem Kopf kommentieren.

Kommen wir zur nächsten Art des tiefen Gewahrseins.  

Gleichsetzendes tiefes Gewahrsein 

Wir haben darüber gesprochen, dass wir mit dem gleichsetzenden Gewahrsein Dinge in Bezug darauf zusammenfügen, was sie miteinander teilen. Befinden wir uns beispielsweise in der Gemeinschaft mehrerer Leute, können wir sie und uns hinsichtlich einer Verhaltensweise gleichsetzen, die wir alle miteinander teilen. Wir scheinen allerdings sehr begrenzt zu sein, was diese Fähigkeit betrifft. Auf der einen Seite sind wir begrenzt im Hinblick darauf, wie viele Menschen wir einer Gruppe zuordnen. Geht es zum Beispiel darum, Menschen denen wir gern helfen würden in einer Gruppe zusammenzustellen, ordnen wir vielleicht nicht alle dieser Gruppe zu.

Auf der anderen Seite mag die Sichtweise, mit der wir andere als gleich betrachten, begrenzt sein. Dann sehen wir sie nur in einer Hinsicht als gleich, aber nicht in einer andern. Das bringt natürlich auch das tiefe Gewahrsein der Realität mit ins Spiel. Vielleicht sind wir in einem Geschäft und müssen in einer langen Schlange an der Kasse warten. Wir mögen alle in dem Sinne als gleich betrachten können, dass sie ebenfalls anstehen, jedoch mögen wir eine begrenzte Sichtweise der Gleichheit aller in Bezug darauf haben, dass sie alle in Eile sind, nicht gern anstehen und schnell drankommen wollen. Wegen dieser Begrenztheit werden wir ungeduldig und nerven uns wegen den Menschen, die vor uns stehen.

Diese Begrenztheit betrifft nicht nur das Zusammenfügen anderer in einer Gruppe oder theoretisch ein Gewahrsein der Gleichheit anderer und uns selbst. Schenken wir allen gleichermaßen Aufmerksamkeit, wenn wir uns in einer Gruppe von Menschen befinden? Richten wir als Lehrer in einem Klassenzimmer unsere Aufmerksamkeit auf alle oder nur auf unsere Lieblingsschüler? Geht es uns nur um jene, die wir gern mögen, handelt es sich um einen Mangel in unserem gleichsetzenden tiefen Gewahrsein.

Wenn wir dieses gleichsetzende tiefe Gewahrsein immer mehr entwickeln bis wir schließlich Buddhaschaft erlangen, betrachten wir alle gleichwertig. Wir würden sie alle zusammen als Wesen sehen, die immer glücklich und nie unglücklich sein wollen, und so würden wir gleiche Liebe und gleiches Mitgefühl gegenüber jeden empfinden. Auch würden wir verstehen, dass alle gleichermaßen frei von unmöglichen Existenzweisen sind. Wir würden niemanden auslassen, ignorieren oder vergessen, nicht einmal den kleinen Käfer unter dem Stein.

Das ist die Ebene des tiefen Gewahrseins, die wir anstreben, die Ergebnis-Ebene dieses gleichsetzenden tiefen Gewahrseins. Mit etwas Übung können wir unsere grundlegende Ebene dieses Gewahrseins stärken, sodass wir sie schließlich bis zur Ebene eines Buddhas entwickeln können. Befinden wir uns innerhalb einer Gruppe, könnten wir versuchen, jedem ebenbürtige Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken. Wir müssen nicht festlegen, auf welche Weise jeder gleich ist, denn damit würden wir einen Schritt weitergehen. Hier geht es uns lediglich darum, die Grundlagen zu schaffen und einfach jeden als ebenbürtig zu sehen.

Lasst uns das mit unserer Gruppe hier üben. Dieses gleichsetzende Gewahrsein ist übrigens der wichtigste Faktor, wenn es darum geht herauszuheben, was eine wirklich intelligente Person definiert. Es ist die Fähigkeit Muster zu erkennen und immer mehr Dinge zusammenzufügen, sowie deren Gleichstellung zu entdecken. Betrachten wir zum Beispiel jemanden wie Einstein, so war er in der Lage eine mathematische Formel für etwas zu entwickeln, das niemand zuvor auf diese Weise in Zusammenhang bringen konnte. Welcher Faktor ist es, der ihn so intelligent macht? Es ist die Fähigkeit, dieses sehr ausgeprägte gleichsetzende tiefe Gewahrsein zu haben. Solche Leute entwickeln auch neue psychologische und soziale Theorien. Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich hierbei um gleichsetzendes tiefes Gewahrsein handelt – Dinge zusammenfügen und Muster erkennen zu können, die sie gemeinsam haben.

In dieser Übung, in der wir gleichsetzendes tiefes Gewahrsein entwickeln, beginnen wir natürlich mit der wesentlichen Grundlage eines ruhigen Geistes und der fürsorglichen Geisteshaltung. Dann lassen wir unseren Blick kreisen und betrachten alle Menschen, die sich in unserem Blickfeld befinden, als ebenbürtig. Es geht nicht darum festzulegen, auf welche Weise sie gleich sind – ob sie alle Frauen, Menschen oder Mexikaner sind, und auch nicht ob sie alle glücklich und nicht unglücklich sein wollen. So weit müssen wir nicht gehen, sondern sie einfach nur als ebenbürtig betrachten.

Dieses gleichsetzende Gewahrsein könnte auf der visuellen Information des Sehens von Menschen beruhen, aber auch auf dem Hören von Informationen, wenn wir mit mehreren Leuten an einer Diskussion teilnehmen. Wir hören allen gleichermaßen zu und nicht nur denen, die wir mögen. Letztlich hören wir nur den Klang von Stimmen und alle sind gleichermaßen Geräusche. In ähnlicher Weise sind die Menschen, die beim Sprechen diese Geräusche produzieren, alle gleichermaßen Menschen, die sprechen.

Lasst uns mit der Übung beginnen:

  • Am Anfang senken wir unseren Blick nach unten und kommen zur Ruhe, indem wir uns auf den Atem ausrichten. Wenn wir mit Menschen zusammen sind, können wir uns natürlich nicht wie in einem Fußballspiel eine Auszeit nehmen, um uns auf den Atem zu konzentrieren; in so einer Übung ist es jedoch hilfreich.
  • Mit einem ruhigen Geist und einer fürsorglichen Geisteshaltung sehen wir uns im Kreis um.
  • Wir versuchen die zwei oder drei Menschen, die sich in unserem Blickfeld befinden – oder, falls wir einer Gruppe von Menschen zuhören, die zwei oder drei Stimmen, die wir hören – als ebenbürtig zu betrachten. Selbstverständlich ist es effektiver, wenn es Vielfalt in der Gruppe gibt, aber wir nehmen das, was uns momentan zur Verfügung steht.
  • Wir können uns an das Beispiel, den „Marsch der Pinguine“, an die hunderttausende Pinguine auf dem Eis erinnern. Wenn wir sie betrachten, würden wir sie alle als ebenbürtig sehen und in ähnlicher Weise betrachten wir auch all diese Menschen, die wir im Kreis sehen, als ebenbürtig. So wie die Pinguine, sehen sie für uns alle vollkommen gleich aus und hören sich vollkommen gleich an. Kein Pinguin sticht heraus, aber wenn wir einen von ihnen mit nach Hause nehmen könnten, würden wir uns um ihn in gleicher Weise mit fürsorglicher Liebe kümmern, nicht wahr. Für die Pinguine sehen wahrscheinlich alle Menschen gleich aus.
  • Auf diese Weise könnten wir alle gleichermaßen lieben und uns um sie kümmern. Wir könnten jeden helfen. Welchen Unterschied gibt es da? Wir sind alle gleich.
  • Dann senken wir den Blick, richten uns auf den Atem und lassen die Erfahrung zur Ruhe gekommen.

Diese Art des gleichsetzenden tiefen Gewahrseins ist etwas, das wir ganz einfach üben können, wenn wir uns in einem überfüllten Geschäft, in einem Kino, einem Bus, Zug oder Flugzeug befinden – an einem Ort, an dem sich viele Menschen befinden. Stecken wir zum Beispiel im Stau, können wir uns bewusst machen, dass alle gleichermaßen im Stau stecken und jeder lieber nicht hier wäre.

Individualisierendes tiefes Gewahrsein 

Mit dem individualisierenden tiefen Gewahrsein sind wir uns einer Person oder einem Objekt im Unterschied zu anderen Objekten innerhalb einer Gruppe gewahr. Das geschieht auf einer grundlegenden Ebene oft auf sehr begrenzte Weise. Beispielsweise gehen wir in ein Restaurant und betrachten den Kellner, der uns bedient, einfach nur als einen weiteren Kellner oder eine weitere Kellnerin einer Gruppe und nicht wirklich als individuelle Person. Die Person ist jedoch nicht nur ein weiterer Kellner, sondern ein Mensch, der eine Familie, ein Leben und all diese Dinge hat, wie wir auch. Es ist eine individuelle Person und nicht nur ein Kellner.

Das individualisierende tiefe Gewahrsein formt die Basis, um Respekt gegenüber einer anderen Person zu haben. Ohne dieses Gewahrsein respektieren wir niemanden als Individuum. Arbeiten wir in einem Geschäft, sehen wir die Menschen nicht nur als Kunden, sondern als Individuen. Sind wir als Ärzte tätig, betrachten wir andere nicht nur als Patienten, sondern als Individuen. Erhalten wir eine Email von jemandem, sehen wir sie nicht nur als noch eine Email, sondern als die Mail einer individuellen Person, die wir respektieren müssen. Auf der Basis dieses individualisierenden tiefen Gewahrseins können wir zusammen mit dem gleichsetzenden und dem spiegelgleichen tiefen Gewahrsein angemessen erwidern.

Auf der Ergebnis-Ebene wären wir dann als ein Buddha fähig, die Individualität eines jeden zu sehen und zu respektieren. Ein Buddha hat gleichermaßen Liebe, Mitgefühl und Fürsorge für alle. Außerdem belehrt ein Buddha jede Person individuell, entsprechend der Ebene ihres Verständnisses, ihrer Voraussetzungen usw.

Kommen wir wieder zurück zu unseren Kreisen und üben das miteinander.

  • Wir fangen erneut damit an, den Blick zum Boden zu senken und uns zu beruhigen, indem wir uns auf den Atem ausrichten.
  • Mit einem ruhigen Geist und einer fürsorglichen Geisteshaltung lassen wir unseren Blick im Kreise schweifen, betrachten jede Person und versuchen, jede als ein Individuum zu sehen und zu respektieren.
  • Obwohl wir sie alle als gleichwertig betrachten, individualisieren wir sie mit Respekt. Das trifft genauso auf das Hören zu. Es handelt sich nicht nur um einen weiteren Anruf, eine weitere Stimme oder eine weitere Nachricht. Mit dem individualisierenden Gewahrsein würden wir jede Nachricht und jeden Anruf – jede Stimme, die wir hören – vielmehr mit Blick auf den Einzelnen respektieren. Es ist nicht notwendig zu wissen, wer derjenige ist, doch sollten wir jede Person respektieren, ob es sich nun um eine Stimme von jemandem handelt oder ob wir jemanden sehen.
  • Dann senken wir den Blick, richten uns auf den Atem und lassen die Erfahrung zur Ruhe gekommen.

Hattet ihr das Gefühl, dass ihr dazu in der Lage wart? Habt ihr eine allgemeine Vorstellung davon bekommen, worum es hier ging?

Sollte man ein charakteristisches Merkmal der Person in Betracht ziehen, um sie zu individualisieren, oder sollte es unabhängig davon geschehen?

Diese Frage bringt uns zu der tiefgründigen philosophischen Diskussion über die Existenz von markanten charakteristischen Merkmalen auf Seiten einer Person, die uns erlauben, eine Person von einer anderen zu unterscheiden. Ist jemand auf Seiten einer Person auffindbar und hat er die Kraft, die Existenz dieser Person als ein einzigartiges Individuum zu begründen? Die Gelug-Prasangika-Antwort auf beide diese Fragen ist „nein“.

Eine Person, du oder ich, ist etwas Nichtstatisches: als eine Person wachsen wir und ändern uns ständig. Aber wir sind als eine Person weder ein physisches Phänomen, noch eine Weise, sich etwas gewahr zu sein. Eine Person ist das, was im buddhistischen Fachjargon als ein „Zuschreibungsphänomen“ bezeichnet wird, etwas, das nicht getrennt von einer Grundlage existieren oder gekannt werden kann. Die Grundlage der Zuschreibung ist im Fall einer Person ein individuelles Kontinuum einer Reihe von sich ständig ändernden fünf Aggregat-Faktoren. Das sind die Faktoren, die jeden Augenblick unserer Erfahrung ausmachen: ein Körper, Geist, Emotionen und so weiter.  

Darüber hinaus kann man eine Person nur kennen, wenn zusammen mit ihr gleichzeitig auch ihre Grundlage erscheint und erkannt wird. Um eine Person sehen zu können, müssen wir auch einige Teile ihres Körpers sehen. Wir können nicht einfach nur eine Person sehen. Stellen wir jedoch Nachforschungen an, können wir die „Person“ nirgends auf Seiten des Körpers finden. Ungeachtet dessen gibt es da eine Person, die wir sehen können.

In ähnlicher Weise sind individualisierende charakteristische Merkmale Zuschreibungsphänomene, die nur zusammen mit ihrer Grundlage, der Person, erkannt werden können, die gleichzeitig erscheint und erkannt wird. Das definierende charakteristische Merkmal einer Person, das es uns erlaubt zwischen einer Person und einer anderen zu unterscheiden, kann weder auf Seiten der Person, noch auf Seiten des Körpers der Person, den wir sehen, wenn wir die Person sehen, gefunden werden.

Ich gebe zu, dass dies nicht so einfach zu verstehen ist. Dennoch ist diese Prasangika-Sichtweise nicht nur eine clevere metaphysische Unterscheidung, sondern deutet auf eine ganz andere Umgangsweise mit Menschen hin. Gäbe es spezifische, auffindbare, bestimmende Eigenschaften auf Seiten der Person, die sie zu einem Individuum machten, würden wir stets danach suchen, was diese Person so einzigartig oder so besonders macht. Betrachten wir die definierende Eigenschaft auf der anderen Seite als reines Zuschreibungsphänomen, das man nicht auf Seiten von Personen finden kann, könnte man nichts Außergewöhnliches an irgendjemandem finden. Egal wen wir sehen oder mit wem wir zusammen sind, wir können eine ausgeglichene Geisteshaltung gegenüber jedem haben.

Deine Frage weist hier auf einen äußerst wichtigen Punkt hin. Oft lernen wir in all den Lehrsystemen innerhalb des Buddhismus all diese subtilen Unterschiede in metaphysischen Systemen. Wir mögen uns fragen, wofür sie gut sind und ob sie nur dazu da sind, unseren Intellekt zu schärfen. Die Konsequenzen jeder Sichtweise in Bezug auf unsere Geisteshaltung gegenüber andern und wie wir mit ihnen umgehen, ist tatsächlich von maßgeblicher Bedeutung. Wir müssen mit unseren Studien einfach einen Schritt weiter gehen und sie in unserem Leben praktisch anwenden. Im Wesentlichen sollten wir uns in Bezug auf diese spezifische metaphysische Sichtweise fragen, welchen Einfluss unsere Wechselbeziehung mit anderen hat.

Das ist eine ausgesprochen interessante und aufregende Herausforderung, wenn wir diese verschiedenen Lehrsysteme durchgehen. Es geht nicht einfach nur darum, eine Prüfung zu bestehen und Fragen beantworten zu können. Der entscheidende Punkt ist, dass wir, wenn wir erst einmal einen bedeutenden Teil eines der buddhistischen Lehrsysteme verstanden haben, den nächsten Schritt unternehmen zu können, um zu erforschen und zu sehen wie es wäre, die Welt auf diese Weise zu betrachten, und welchen Einfluss das auf unseren Austausch mit anderen sowie auf unsere Einstellung gegenüber uns selbst haben würde. Diese Art des Erforschens ist der wirklich interessante Teil dieser Studien. Es ist wichtig, diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen und unsere Studien auf einer intellektuellen Ebene zu belassen.

Vollbringendes tiefes Gewahrsein 

Beim nächsten, dem vollbringenden tiefen Gewahrsein, geht es um das Gewahrsein, mit dem wir uns mit jemandem auseinandersetzen. Es ist das tiefe Gewahrsein, etwas mit oder gegenüber anderen in Erwiderung auf das zu tun, was wir mit dem spiegelgleichen, gleichsetzenden und individualisierenden tiefen Gewahrsein wahrnehmen.

Wie setzen wir uns mit jemandem auseinander? Wir tun es, indem wir Informationen durch das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein aufnehmen und diese Informationen mit dem gleichsetzenden tiefen Gewahrsein einer Gruppe mit gleichen Merkmalen oder Mustern zuzuordnen, während wir die Individualität der Person mit dem individualisierenden tiefen Gewahrsein respektieren. Auf der Grundlage dieser drei Arten des tiefen Gewahrseins, sind wir dann mit dem vollbringenden tiefen Gewahrsein bereit zu erwidern. Zusätzlich dazu werden wir durch das tiefe Gewahrsein der Realität informiert, wie wir zu erwidern haben.

Wir alle haben diese Fähigkeit des Erwiderns und wissen, zumindest zu einem gewissen Grad, wie wir erwidern sollen. Kommen wir beispielsweise in Kontakt mit einem Baby, wissen wir, dass wir mit dem Baby auf eine bestimmte Weise umgehen müssen. Handelt es sich um einen Erwachsenen, sprechen wir mit ihm nicht auf die gleiche Weise, wie mit einem Baby und auch nicht so, wie wir mit einem Hund sprechen würden. Treffen wir auf einen Polizisten oder einen Regierungsbeamten, reden wir mit ihm auf eine bestimmte Weise und somit sind wir in der Lage, mit jeder Person auf angemessene Art umzugehen.

Das individualisierende tiefe Gewahrsein ist hier von hoher Bedeutung. Mit dem gleichsetzenden Gewahrsein wissen wir durch den Kontakt mit anderen Kindern, wie man mit einem Kind spricht, aber wir verstehen auch, dass jedes Kind unterschiedlich ist. Es ist nicht so, dass wir mit jedem Kind auf eine gleiche Weise reden. Wenn jemand verärgert ist, können wir nicht in unseren Computer nachschauen und dort die Lösung Nr. 233 finden, die besagt, wie man mit verärgerten Leuten umgehen soll, und dann jedes Mal diese Worte nutzen, wenn jemand wütend ist. So funktioniert das nicht.

Vielmehr ist es notwendig, unsere Erwiderung hinsichtlich des individualisierenden tiefen Gewahrseins anzupassen und somit unser vollbringendes tiefes Gewahrsein zu nutzen, das Gewahrsein, mit dem wir uns auseinandersetzen. In Bezug auf dieses tiefe Gewahrsein ist es wirklich notwendig zu betonen, wie wichtig es ist, bereit dazu zu sein, mit jedem so umzugehen, wie es für diese Person angebracht ist. Das erfordert wiederum Interesse und einen fürsorglichen und ruhigen Geist. Verfügen wir über dieses vollbringende tiefe Gewahrsein, fühlt es sich so an, als würden wir unsere Energie gegenüber jeder Person auf angemessene Weise nutzen.

Auf der Ebene eines Buddhas ist man dann befähigt Belehrungen zu geben, die auf jeden zugeschnitten sind, und mit ihnen entsprechend umzugehen. Auf diese Weise lehrt ein Buddha mit so genannten geschickten Mitteln. Der Ausdruck „geschickte Mittel“ ist keine besonders hilfreiche Übersetzung, denn die Betonung liegt auf den Methoden und nicht auf dem Geistesfaktor, mit dem man angebrachte Methoden auf geschickte Weise einsetzt, was die eigentliche Bedeutung dieses Begriffes ist.

Lasst uns eine Übung zum vollbringenden tiefen Gewahrsein machen:

  • Wir stellen unsere Stühle wieder in einem Kreis auf und beginnen damit, zunächst den Blick auf den Boden zu richten, uns auf den Atem zu konzentrieren und uns zu beruhigen.
  • Sind wir zur Ruhe gekommen, lassen wir unseren Blick mit einer fürsorglichen Geisteshaltung und der Bereitschaft, mit jeder Person auf angemessene Weise umzugehen, kreisen. Vielleicht wissen wir nicht, was angemessen ist – das ist etwas, was wir mit dem tiefen Gewahrsein der Realität erlangen, worauf wir als nächstes eingehen werden. Hier geht es vielmehr um die Bereitschaft dafür, was das Wichtigste ist. Setzen wir uns mit der Person auseinander, werden wir herausfinden, was zu tun ist.
  • Dann richten wir den Blick nach unten, richten uns auf den Atem und lassen alles zur Ruhe gekommen.

Bei großen Lamas kann man sehen, dass sie auf jede Person, die sie treffen, anders reagieren. Mit manchen Schülern müssen sie sehr sanft umgehen, mit manchen recht strikt, gegenüber anderen sind sie freundschaftlich und wieder andere behandeln sie sehr formell. Auf jeden reagieren sie auf angemessene Weise. Es ist ziemlich bemerkenswert, wie leicht sie in der Lage sind, unmittelbar von einer Umgangsweise zur anderen zu wechseln.

Wir können das auch. Wenn wir beispielsweise mit dem Auto unterwegs sind, ändert sich die Situation ständig und wir reagieren entsprechend dem Verkehr. Die Bereitschaft muss jedoch da sein, auf angebrachte Weise auf das zu reagieren, was geschieht. Besteht unsere Erwiderung auf alles nur darin, auf die Hupe zu drücken und so schnell zu fahren, wie wir können, wird es nicht funktionieren.

Das tiefe Gewahrsein der Realität 

Die letzte Art des tiefen Gewahrseins ist das tiefe Gewahrsein der Realität. Mit dieser Art des Gewahrseins ist es ausgesprochen nützlich an der Tatsache zu arbeiten, dass sich Dinge ständig ändern. Wie sieht das praktisch aus? Es handelt sich hierbei um eine Ebene der Offenheit.

Wenn wir fahren, verfügen wir natürlich darüber, denn wir müssen offen gegenüber den verschiedenen Kurven auf der Straße und den Verkehrsbedingungen sein und reagieren dann dementsprechend. Oft ist diese Art des tiefen Gewahrseins in uns jedoch sehr begrenzt. Viele von uns neigen zum Beispiel dazu, die eigenen Kinder, auch wenn sie älter werden, wie Kleinkinder zu behandeln. Obwohl sie vielleicht 24 Jahre alt sind, behandeln wir sie immer noch als wären sie 12 und das führt dann zu vielen Problemen. Mit dem tiefen Gewahrsein der Realität geht es darum sich bewusst über die Veränderungen des eigenen Kindes zu sein, zu sehen, dass es sich verändert und dann offen im eigenen Verhalten gegenüber diesen Änderungen zu sein.

In unseren Begegnungen mit Menschen ist es wichtig zu bemerken, wie sich ihre Stimmung ändert. Wir müssen uns bewusst darüber sein, dass diese Person, abhängig von der Begegnung und vielen anderen Faktoren, Stimmungsänderungen unterliegt. Außerdem gilt es offen dafür zu sein, wie wir auf die sich ändernden Situationen reagieren. Diese Ebene der Offenheit ist wirklich wichtig.

Ich habe beispielsweise einen Freund, der mir in verschiedenen Dingen bezüglich meiner Webseite behilflich ist. Er macht mir einen Vorschlag und gibt mir mehrere Gründe, warum dies eine gute Sache ist. Dann sage ich ihm, dass ich damit einverstanden bin und seinen Rat befolgen werde; aber dann versucht er mich weitere fünfzehn Minuten zu überzeugen und egal wie oft ich sage, dass ich damit einverstanden bin, gibt er nicht auf. Er ist nicht offen gegenüber der Tatsache, dass ich den Ratschlag akzeptiert habe und versucht mich weiter zu überzeugen.

Wir selbst verfallen vielleicht dem gleichen Syndrom, indem wir etwas erklären und es immer wieder von Neuem beleuchten, obwohl jemand es schon verstanden hat. Ein anderes Beispiel ist, wenn unser Gastgeber darauf besteht, uns noch mehr zu essen zu geben, obwohl wir bereits satt sind.

Mit dem tiefen Gewahrsein der Realität sind wir offen gegenüber sich ändernden Situationen sowie gegenüber Änderungen von Personen denen wir begegnen, und sind auch flexibel und offen gegenüber Änderungen in uns selbst. Würden wir es als ein Buddha perfektionieren, wären wir in jedem Augenblick unmittelbar frisch und offen gegenüber Veränderung und somit in der Lage, angemessen zu reagieren.

Hier mag man einwenden und fragen, ob uns das nicht einfach nur zu einer Art Spiegel macht. „Ist das alles was ich bin, einfach nur ein Spiegel, der auf alles reagiert und alles reflektiert? Was ist mit mir selbst? Muss ich nicht gegenüber mir selbst aufrichtig und gegenüber allen anderen ich selbst sein?“ Das führt uns dann zu der großen Diskussion über das konventionelle „Ich“, wie es existiert und was es bedeutet, ich selbst zu sein.

Gibt es ein echtes „Ich“ als eine Person, die getrennt von all dem ist, was ich tue und der gegenüber ich nicht aufrichtig bin? Sind wir ein anderes „Ich“, wenn wir freundlich anstatt strikt gegenüber anderen sind? Ist das konventionelle „Ich“ nur eine Zuschreibung dessen, wie wir in jedem Augenblick der Erfahrung reagieren? Bin das ich? Nun ja, es gibt tatsächlich kein getrenntes „Ich“, dem gegenüber wir aufrichtig sein müssen und das getrennt von diesem „Ich“ ist, das eine Zuschreibung der Aggregat-Faktoren eines jeden Augenblicks unserer Erfahrung ist. Es gilt all die verschiedenen Themen innerhalb des Dharmas miteinander in Beziehung zu setzen. All die Puzzleteile passen auf verschiedenartigste Weise zusammen.

Lasst uns wieder einen Kreis bilden und uns gegenseitig mit diesem tiefen Gewahrsein der Realität, dieser Offenheit, ansehen. Es handelt sich um eine Geisteshaltung, mit der wir offen gegenüber der Realität der anderen Personen sind, die sich ändern, sowie offen bezüglich unserer Flexibilität was unsere Erwiderung betrifft.

  • Wir beginnen immer damit nach unten zu schauen und uns auf den Atem auszurichten.
  • Dann lassen wir den Blick mit dieser Geisteshaltung der Offenheit – diesem tiefen Gewahrsein der Realität – im Kreis schweifen und betrachten jede Person, während wir einen ruhigen Geist und eine fürsorgliche Geisteshaltung bewahren.
  • Während wir dies tun, werden wir ganz und gar entspannt, wenn wir es richtig machen. Sind wir dagegen angespannt und denken: „oh, ich weiß nicht was ich tun soll“, klammern wir uns an irgendeine feste Vorstellung. Sind wir aber wirklich offen, macht sich völlige Entspannung breit.
  • Dann senken wir den Blick wieder, richten uns auf den Atem und lassen die Erfahrung zur Ruhe kommen.

Alle fünf Arten des tiefen Gewahrsein im Zusammenhang 

Was diese fünf Arten des tiefen Gewahrseins betrifft, so müssen sie alle zusammenarbeiten. Sie alle sind gemeinsam wie eine einzelne Geisteshaltung aktiv, die wir gegenüber anderen haben. In der nächsten Sitzung werden wir mehr dazu herausfinden, wie sie auch auf uns selbst gerichtet werden können. Verfügen wir jedoch über diese Geisteshaltung, in der alle fünf Arten des tiefen Gewahrseins zusammenwirken, wird dies selbst zu einer Geisteshaltung und einer Weise, sich anderer gewahr zu sein. Es ist nicht leicht dies in Worte zu fassen. Mit dieser facettenreichen und umfassenden Geisteshaltung wenden wir uns der Welt zu, indem wir all die Informationen aufnehmen und dabei ein ebenbürtiges Interesse und eine gleichwertige Wertschätzung gegenüber allen haben. Außerdem haben wir Respekt gegenüber jedem Einzelnen und eine Bereitschaft, auf respektvolle Weise zu erwidern. Auch sind wir offen gegenüber anderen und der gesamten Situation.

Begegnen wir jemandem, ist es natürlich notwendig, einen ruhigen und urteilsfreien Geist sowie eine fürsorgliche Geisteshaltung zu haben. Wir sind offen, um all die Informationen aufzunehmen, während sie sich ändern. Uns ist gleichermaßen an der Person gelegen, wie an allen anderen auch, und das heißt, dass wir uns ernsthaft interessieren und kümmern. Wir erkennen ihre Individualität an, respektieren sie und erwidern dementsprechend. All das passt tatsächlich zusammen in einem einzigen Geisteszustand. Das ist die Ebene des tiefen Gewahrseins, die wir in unserer Übung anstreben.

Denkt daran, dass wir bereits über die Arbeitsgrundlage all dessen verfügen, denn wir haben die grundlegende Ebene all dieser fünf Arten des tiefen Gewahrseins. Je mehr wir üben und praktizieren, desto mehr werden wir uns auf dem spirituellen Pfad zur Buddhaschaft immer weiter entwickeln. Als ein Buddha sind wir dann in der Lage, sie alle vollkommen miteinander zu verbinden.

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