Karmische Potenziale, Tendenzen und ständige Gewohnheiten

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Kurzer Rückblick auf das System des Karmas gemäß Vasubandhu und Nagarjuna

Zuletzt haben wir über die wesentlichen Bestandteile des Karmas bzw. karmischer Impulse gemäß der Darstellung von Vasubandhu und Nagarjuna gesprochen. Wir haben gesehen, dass sich geistiges Karma auf den Geistesfaktor eines zwingenden Drangs bezieht, der das Bewusstsein und dessen begleitende Geistesfaktoren dazu bringt, einen karmischen Pfad für eine physische, verbale oder geistige Handlung mit einem Objekt bzw. auf ein Objekt gerichtet einzuleiten. Die karmischen Impulse für physische und verbale Handlungen beziehen sich auf deren offenbarende und nichtoffenbarende Formen, die durch diese karmischen geistigen Dränge erzwungen werden.    

Die offenbarende Form einer körperlichen Handlung bezieht sich auf die Bewegung des Körpers bei der Durchführung einer Methode zur Ausführung einer physischen Handlung. Die offenbarende Form einer verbalen Handlung ist die Äußerung von Sprachlauten, die an der Durchführung einer Methode zur Ausführung einer Verbalhandlung beteiligt sind. Die offenbarende Form währt nur so lange, wie die körperliche bzw. verbale Handlung selbst andauert. Offenbarende Formen können konstruktiv, destruktiv oder nicht spezifiziert – also weder konstruktiv noch destruktiv – sein. Sie offenbaren, dass sie durch einen konstruktiven, destruktiven oder nicht spezifizierten zwingenden geistigen Drang hervorgerufen wurden. 

Darüber hinaus haben einige körperliche und verbale Handlungen nichtoffenbarende Formen. Dazu gehören nur konstruktive und destruktive körperliche bzw. verbale Handlungen, und unter diesen nur solche, die stark von einer konstruktiven oder störenden Emotion motiviert sind. Diese nichtoffenbarenden Formen werden ebenfalls durch den geistigen Drang erzwungen, der sie in Verbindung mit der offenbarenden Form hervorbringt, jedoch offenbaren sie diesen Drang nicht. Außerdem sind sie selbst zwingende karmische Impulse, die unser physisches und verbales Verhalten weiterhin beeinflussen, nachdem die Handlung, mit der sie begonnen haben, aufgehört hat. Die nichtoffenbarenden Formen einer Handlung entstehen also zusammen mit deren offenbarender Form, bestehen aber auch nach dem Aufhören der Handlung weiter, solange wir sie nicht aufgeben. 

Eine Besonderheit karmischer Impulse ist, dass sie aktiv etwas tun; sie führen aktiv eine Funktion aus. Geistiges Karma drängt das Bewusstsein und dessen begleitende Geistesfaktoren aktiv zu einer Handlung mit oder in Richtung eines bestimmten Objekts. Offenbarende Formen führen aktiv eine Methode zur Ausführung einer physischen oder verbalen Handlung aus. Nichtoffenbarende Formen hingegen beeinflussen unser Geisteskontinuum entweder direkt, indem sie Verhalten regulieren (wie im Fall von Gelübden), oder indirekt, indem sie an Kraft zunehmen, um dadurch, dass andere entweder unsere Befehle befolgen oder etwas nutzen, das wir für sie gemacht oder ihnen gegeben haben, stärkere Resultate herbeizuführen.

Einfach ausgedrückt gibt es drei verschiedene Arten von karmischen Impulsen: geistige, offenbarende und nichtoffenbarende. Im Falle von geistigen Handlungen beziehen sich die geistigen karmischen Impulse nur auf das, was die Handlung auslöst. 

Was einen karmischen geistigen Drang antreibt: die Absicht

Um unser Bild von Karma zu vervollständigen, gilt es zu verstehen, wie karmische geistige Dränge entstehen bzw. was sie auslöst. Aufgrund äußerer und innerer Umstände ist uns danach, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken. So könnte uns zum Beispiel danach sein, jemanden zu besuchen, mit jemandem zu sprechen oder einen Urlaub zu planen. Dieses Gefühl, etwas tun zu wollen, entsteht aufgrund von äußeren und inneren Umständen in einem bestimmten Moment und ähnelt dem, was wir in der Vergangenheit getan haben. Anders ausgedrückt, wollen wir gern eine Handlung wiederholen, die wir vorher ausgeführt haben.

Der Drang, etwas tun zu wollen, ist, was man in der buddhistischen Terminologie einen Geistesfaktor nennt. Manchmal ist uns vielleicht danach, etwas mit jemandem zu tun, aber wir wissen nicht, was wir genau bzw. mit wem wir es machen möchten. In diesem Kontext ist das Gefühl jedoch sehr spezifisch: Es ist definiert als der Wunsch, eine beabsichtigte Handlung in Richtung oder zusammen mit einer gewählten Person bzw. einem Objekt auszuführen. Dieser Geistesfaktor wird als „Absicht“ bezeichnet, und er geht mit dem Unterscheiden einer bestimmten Handlung und eines bestimmten Objekts für diese Handlung einher, nicht jedoch notwendigerweise mit Anhaftung oder sehnsüchtigem Verlangen nach der Handlung, der Person oder dem Objekt – obgleich das natürlich manchmal der Fall ist. Anders als das deutsche Wort „Absicht“ ist hier nicht impliziert, dass man bereits eine Entscheidung getroffen hat, das, was man tun möchte, tatsächlich auch umzusetzen. Wir sind zunächst nur darauf bedacht, etwas zu tun.

Aus verschiedenen Gründen wollen wir also gern etwas tun, sagen oder an etwas denken; wir haben den Wunsch, etwas zu tun, und sind darauf bedacht, es zu tun – es ist unsere Absicht. Damit eine solche Absicht entstehen kann, muss es die Umstände dafür geben, die dazu führen, eine Sache in diesem Moment tun zu wollen. Diese Umstände können sich auf eine bestimmte Zeit, einen Ort und die Gemeinschaft beziehen, in der wir uns befinden. Es kann etwas sein, das in dem Moment gerade in unserem Leben passiert, oder dadurch beeinflusst werden, dass wir glücklich oder unglücklich sind. Außerdem hängt es von vergangenen Tendenzen ab, auf bestimmte Weise zu handeln, zu sprechen oder zu denken. Wir könnten auch aus einer falschen Betrachtung dessen, was vor sich geht, heraus handeln oder aus einer motivierenden Emotion heraus etwas tun wollen, weil wir vielleicht wütend sind oder Mitgefühl empfinden, oder auf einer ganz grundlegenden Ebene einfach nach einer unmöglichen Art des „Ichs“ greifen. Vielleicht meinen wir beweisen zu müssen, wie stark oder wie gut wir in diesem oder jenem sind.

Geistiges Karma und Pfade geistigen Karmas

Im Anschluss an die erste Phase der Absicht und zeitgleich mit der Kontinuität der Absicht gibt es den Geistesfaktor eines zwingenden karmischen Drangs, der das Bewusstsein, zusammen mit der Absicht und anderen begleitenden Geistesfaktoren, dazu bringt, eine geistige, körperliche oder verbale Handlung zu begehen. Die geistige Handlung kann darin bestehen, zu überlegen, ob man die Absicht als körperliche oder verbale Handlung umsetzen möchte oder nicht, und ein solcher Gedankengang kann dann letztendlich zu dem Entschluss führen, zu handeln, oder auch nicht. Selbst wenn die geistige Handlung mit dem Entschluss endet, die Absicht umzusetzen, muss es nicht unbedingt sein, dass eine körperliche bzw. verbale Handlung tatsächlich erfolgt; und selbst wenn sie erfolgt, kann das direkt oder auch erst nach gewisser Zeit passieren. Es kann auch vorkommen, dass der zwingende geistige Drang das Bewusstsein, die Absicht und andere begleitende Geistesfaktoren direkt dazu bringt, die körperliche bzw. verbale Handlung auszuführen, ohne dass vorher ein geistiges Abwägen des Entschlusses stattfand.  

Betrachten wir zunächst den Fall, dass ein zwingender Drang eine geistige Handlung hervorruft, unabhängig davon, ob diese abgewogen wurde oder nicht, und wenn ja, ob sie mit einem Entschluss endet oder nicht. Erinnert euch daran, dass ein zwingender karmischer Drang ein geistiger karmischer Impuls ist und dass jede geistige Handlung, die daraus folgt und von diesem erzwungen wird, zwar der Pfad dieses Impulses, aber selbst kein solcher karmischer Impuls ist. Ist der zwingende karmische Drang destruktiv, so ist es auch die geistige Handlung, welche den Pfad dieses Impulses darstellt, und beide wirken als negative karmische Kraft. Ist der karmische Drang konstruktiv, also befleckt-konstrukt, dann ist die geistige Handlung – der Pfad dieses Impulses – ebenfalls konstruktiv. In diesem Fall wirken beide als positive karmische Kraft, was gewöhnlich mit „Verdienst“ übersetzt wird. Negative karmische Kraft wird manchmal irreführend mit „Sünde” wiedergegeben, was aus einem völlig anderen konzeptuellen Rahmen stammt. 

Wir könnten zum Beispiel den Wunsch oder die Absicht haben, jemandem zu helfen oder zu schaden. Während wir noch die Absicht haben, dies zu tun, könnte der zwingende geistige Drang entstehen, darüber nachzudenken, um zu entscheiden, ob überhaupt und wie genau wir es tun sollten. Am Ende des Denkprozesses kommen wir dann vielleicht zu dem Schluss, unsere Absicht in die Tat umzusetzen. Im Falle des Wunsches, jemandem zu helfen, wirken sowohl der geistige Drang, darüber nachzudenken, als auch der Pfad dieses Dranges – die Handlung des Nachdenkens – als positive karmische Kräfte. Zielt man jedoch darauf ab, jemandem zu schaden, wirken der geistige Drang und der Pfad dieses Dranges als negative karmische Kräfte. 

Physisches und verbales Karma und deren Pfade

Die Pfade physischer und verbaler karmischer Handlungen werden durch den geistigen karmischen Impuls eines zwingenden Dranges ausgelöst bzw. erzwungen. Dies ist der Fall, unabhängig davon, ob diesen Pfaden für die körperlichen bzw. verbalen Handlungen der Pfad einer geistigen Handlung vorausgeht, bei der man abwägt, ob man die körperliche bzw. verbale Handlung begehen soll oder nicht. Wenn die Handlungen, genauer gesagt die Pfade dieser Handlungen, befleck-konstruktiv sind, dann sind es auch die offenbarenden und nichtoffenbarenden Formen der jeweiligen Handlung. Sind die Pfade destruktiv, sind es auch ihre offenbarenden und nichtoffenbarenden Formen. Wie bei den geistigen Handlungen wirken die befleckt-konstruktiven Phänomene, die mit physischen und verbalen Handlungen verbunden sind, als positive karmische Kräfte, während die destruktiven Phänomene als negative Kraft wirken. 

Karmische Kräfte und Potenziale 

Was ich als „karmische Kraft“ bezeichnet habe, entweder positiv oder negativ, kann, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel analysiert, auch mit „karmisches Potenzial“ übersetzt werden. Sie hat das Potenzial, ein Resultat hervorzubringen. Da es mehrere Phasen und Arten von karmischer Kraft gibt, wollen wir eine künstliche Unterscheidung treffen zwischen den karmischen Kräften – karmische Impulse und Pfade –, die wir von hier an „karmische Potenziale“ nennen werden, und dem, was darauf folgt, was wir als „karmische Kraft“ bezeichnen werden.  

Im Fall des geistigen Karmas ist der karmische Impuls der zwingende Geistesfaktor eines Dranges, während der karmische Pfad eine nichtkongruente beeinflussende Variable (tib. ldan-min ’du byed) ist, ein Zuschreibungsphänomen auf Grundlage einer Basis für die Handlung, eines motivierenden Rahmens, der Durchführung einer Methode zur Ausführung der Handlung und eines Abschlusses. Die karmischen Potenziale sind in diesem Fall also entweder eine Weise, sich etwas gewahr zu sein, oder eine nichtkongruente beeinflussende Variable. Im Fall des erzwungenen Karmas von körperlichen und verbalen Handlungen sind die karmischen Impulse – sowohl die offenbarenden also auch die nichtoffenbarenden Formen – Formen physischer Phänomene, wohingegen die karmischen Pfade nichtkongruente beeinflussende Variablen sind. 

Lasst uns auch hier eine künstliche Unterscheidung treffen, um Verwirrung zu vermeiden. Verwenden wir den Begriff „offensichtliches karmisches Potenzial“ für das karmische Potenzial, das unmittelbar vor einem karmischen Pfad und während dieses Pfades auftritt, und nennen wir das karmische Potenzial, das auftritt, nachdem der karmische Pfad zu einem Ende gekommen ist, „nichtoffensichtliches karmisches Potenzial“. Das bedeutet, dass geistige Karma, Pfade körperlichen, verbalen und geistigen Karmas, offenbarende Formen und die Phase der nichtoffenbarenden Formen, die während des karmischen Pfades auftritt, offensichtliche karmische Potenziale sind, während die Phase der nichtoffenbarenden Formen, die nach dem Ende des Pfades weitergeht, nichtoffensichtliche karmische Potenziale sind.

Im Falle der offensichtlichen karmischen Potenziale, die in geistigem Karma, karmischen Pfaden und offenbarenden Formen bestehen, machen diese, wenn sie aufhören, eine Phasenumwandlung durch und setzen sich als karmische Kraft fort. Bei dieser Phasenumwandlung ist es wie bei Wasser, das sich in Eis oder Dampf verwandelt. Bei karmischen Potenzialen, die nichtoffenbarende Formen sind, ist es so, dass diese zunächst eine Phase als offensichtliches karmisches Potenzial haben, dann als nichtoffenbarendes karmisches Potenzial, und wenn die nichtoffenbarende Form zu einem Ende kommt, macht auch sie eine Phasenumwandlung durch und wird ebenfalls zu einer karmischen Kraft. Karmische Kraft ist eine nichtkongruente beeinflussende Variable, die ein Zuschreibungsphänomen auf der Grundlage des konventionellen Ichs ist, das gemäß dem Prasangika-System selbst eine nichtkongruente beeinflussende Variable auf der Grundlage eines individuellen Kontinuums der fünf Aggregate ist. 

Das ist alles wahnsinnig kompliziert und verwirrend, ich weiß. Zusammengefasst, für konstruktives oder destruktives geistiges Karma, offenbarende Formen und alle Pfade des körperlichen, verbalen oder geistigen Karmas gibt es eine Phase als offensichtliches karmisches Potenzial und dann eine Phase als karmische Kraft. Für konstruktive oder destruktive nichtoffenbarende Formen gibt es eine Phase als offensichtliches karmisches Potenzial, dann eine als nichtoffensichtliches karmisches Potenzial und, wenn die nichtoffenbarende Form zu einem Ende gekommen ist, eine Phase als karmische Kraft. 

Geistiges Karma, als geistiger Drang, ist eine Art, sich etwas gewahr zu sein, während offenbarende und nichtoffenbarende Formen Formen physischer Phänomene sind. Karmische Pfade jedoch, die gleichbedeutend mit karmischen Handlungen sind, und auch karmische Kraft, sind nichtkongruente beeinflussende Variablen. Vielleicht sollten wir noch ein wenig mehr klären, was eine nichtkongruente beeinflussende Variable überhaupt ist.

Nichtkongruente beeinflussende Variablen

Eine nichtkongruente beeinflussende Variable ist ein nichtstatisches Phänomen, das weder die Form eines physischen Phänomens noch eine Weise ist, sich etwas gewahr zu sein. Das ist ganz schön viel. Gehen wir es einmal Wort für Wort durch. Es handelt sich also um eine Variable und das heißt, sie ist nicht statisch und ändert sich von einem Augenblick zum nächsten. Sie ist beeinflussend, was bedeutet, dass sie einen Einfluss auf das hat, was wir erfahren. Sie ist nicht wie die anderen Arten nichtstatischer Phänomene, die  Formen physischer Phänomene sind, wie ein Anblick, ein Klang, ein Geruch, ein Geschmack oder eine körperliche Empfindung. Sie ist nicht ein Teil unseres physischen Körpers und ist keine Weise, sich etwas gewahr zu sein, wie Bewusstsein, Emotion, Konzentration oder andere Geistesfaktoren. Sie begleitet die verschiedenen Momente der Erfahrung, aber sie sind nicht kongruent miteinander. 

Das Bewusstsein und dessen begleitende Geistesfaktoren sind kongruent und das heißt, dass sie fünf Dinge miteinander teilen. Das ist ähnlich, wie bei kongruenten oder gleichseitigen Dreiecken, falls ihr euch an das Fach Geometrie in der Schule erinnern könnt. Das Bewusstsein, die Emotionen und all die anderen begleitenden Geistesfaktoren teilen (1) die gleichen Sensoren der Wahrnehmung miteinander, wie die lichtempfindlichen Zellen der Augen oder die geräuschempfindlichen Zellen der Ohren. Dann teilen sie auch das gleiche Objekt der Ausrichtung miteinander. Wenn man beispielsweise ein Gemälde betrachtet, sind sowohl das Bewusstsein als auch das Interesse und die Ebene des Glücklichseins auf das Gemälde gerichtet. All diese Dinge teilen (2) das gleiche Objekt der Ausrichtung miteinander und alle stützen sich dabei auf die lichtempfindlichen Zellen der Augen. Diese Zellen dominieren die Art der Erfahrung und hier ist es eine visuelle. 

Außerdem teilen sie alle (3) das gleiche geistige Hologramm. Das wird normalerweise mit „Aspekt“ übersetzt, aber diese Übersetzung hat keine genaue Bedeutung. Wenn wir etwas sehen, trifft das Licht auf unsere Augen und wird in elektrische und chemische Signale umgewandelt, und was wir dann tatsächlich wahrnehmen, ist wie ein geistiges Hologramm, das eine Entschlüsselung dieser neuronalen und chemischen Informationen ist. 

Sie teilen auch (4) die gleiche Zeit miteinander; mit anderen Worten treten sie alle gleichzeitig auf. Schließlich haben sie alle (5) dieselbe Neigung, was bedeutet, dass sie alle harmonisch zusammenwirken. Nichtkongruente beeinflussende Variablen haben diese fünf Dinge nicht mit dem Bewusstsein und den Geistesfaktoren gemeinsam, die sie begleiten.  

Ein gutes Beispiel für eine nichtkongruente beeinflussende Variable ist unser Alter. Das Altern tritt in jedem Augenblick unserer Erfahrung auf. Wir werden älter und das ändert sich von einem Augenblick zum nächsten. Es ist eine Variable und beeinflusst uns zweifellos. Es ist weder eine Weise, sich etwas gewahr zu sein, noch die Form eines physischen Phänomens, und es hat auch nicht die fünf zuvor genannten Punkte mit unserem Bewusstsein und den begleitenden Geistesfaktoren gemeinsam. Unser Älterwerden richtet sich beispielsweise nicht auf das Gemälde, wenn wir es betrachten, nicht wahr? Es ist nicht abhängig von den lichtempfindlichen Zellen unserer Augen. Es ist nicht kongruent mit jedem Moment unserer Erfahrung, aber es begleitet sie. Es findet statt und ist daher ein Beispiel dieser nichtkongruenten beeinflussenden Variablen. Es ist ein Zuschreibungsphänomen auf der Basis eines individuellen Kontinuums von fünf Aggregaten während einer bestimmten Lebenszeit. Als Zuschreibungsphänomen ist es an diese Basis gebunden und kann nicht getrennt davon existieren bzw. erkannt werden. Ich denke, das ist ein sehr klares Beispiel.

Das konventionelle „Ich“ ist die gleiche Art von Phänomen: eine nichtkongruente beeinflussende Variable. „Ich“ ist ein Zuschreibungsphänomen eines individuellen Kontinuums von fünf Aggregaten, die jeden Moment der Erfahrung von jemandem ausmachen. Da einige der Aggregat-Faktoren Formen physischer Phänomene, einige Formen sich etwas gewahr zu sein und manche sogar andere nichtkongruente beeinflussende Variablen sind, kann das „Ich“, ein Zuschreibungsphänomen auf Basis des Kontinuums all dieser Dinge, selbst weder die Form eines physischen Phänomens noch eine Weise, sich etwas gewahr zu sein, sein. Es kann nicht getrennt von seiner Basis, den Aggregaten, existieren oder erkannt werden; es ist jedoch auch nicht kongruent mit dem Bewusstsein und den Geistesfaktoren jedes Moments der Aggregate.    

In ähnlicher Weise sind karmische Pfade ebenfalls nichtkongruente beeinflussende Variablen. Sie sind Zuschreibungsphänomene auf der Grundlage aller Komponenten des Pfades – eine Basis, auf die die jeweilige Handlung abzielt, ein motivierender Rahmen, die Umsetzung einer Methode zur Durchführung der Handlung und das Erreichen des Abschlusses. Die Basis ist in der Regel eine Person, die auf der Grundlage ihrer fünf Aggregate eine nichtkongruente beeinflussende Variable ist, und der motivierende Rahmen besteht aus den Geistesfaktoren einer bestimmten Absicht, des Unterscheidens und einer Emotion, die allesamt Weisen sind, sich etwas gewahr zu sein. Die Durchführung einer Methode zur Ausführung einer körperlichen oder verbalen Handlung beinhaltet eine Bewegung des Körpers oder eine Lautäußerung, die beide Formen physischer Phänomene sind, und im Falle des Pfades einer geistigen Handlung beinhaltet es begriffliches Denken. Das Erreichen des Abschlusses – zum Beispiel, dass jemand stirbt, oder dass jemand die Lüge glaubt, die wir erzählen, oder dass wir eine Entscheidung über etwas treffen, das wir zuvor abgewogen haben – besteht aus einer Vielzahl verschiedener Arten von nichtstatischen Phänomenen. Der Pfad dieser karmischen Handlungen, welcher in den Handlungen selbst besteht und ein Zuschreibungsphänomen auf Grundlage des Kontinuums all dieser Dinge ist, kann also selbst weder die Form eines physischen Phänomens noch eine Art, sich etwas gewahr zu sein, sein. Die karmische Handlung bzw. der Pfad der karmischen Handlung kann darüber hinaus nicht getrennt von all diesen Komponenten existieren oder erkannt werden und hat die zuvor erwähnten fünf Dinge nicht mit dem Bewusstsein und den Geistesfaktoren gemeinsam, die am Fluss dieses Pfades beteiligt sind. 

Karmische Kraft – die karmische Hinterlassenschaft, welche in der Phasenumwandlung der offensichtlichen und nichtoffensichtlichen Phasen des karmischen Potenzials besteht – ist hier dieselbe Art von Phänomen: eine nichtkongruente beeinflussende Variable. Gemäß dem Gelug-Prasangika-System ist sie ein Zuschreibungsphänomen auf Grundlage des Kontinuums des konventionellen Ichs, und sie kann nicht getrennt davon existieren bzw. erkannt werden. Wie das konventionelle Ich, auf dessen Basis sie eine Zuschreibung ist, hat die karmische Kraft nicht die fünf Dinge mit dem Bewusstsein und den Geistesfaktoren der Aggregate gemeinsam, denen das konventionelle Ich zugeschrieben ist. 

Ich hoffe, ihr könnt dem folgen. Es ist wirklich essenziell, ein Verständnis von nichtkongruenten beeinflussenden Variablen und Zuschreibungsphänomenen zu bekommen, um die gesamte buddhistische Betrachtungsweise des Selbst, aber auch des Karmas verstehen zu können. Die karmischen Kräfte – das Ergebnis der Phasenumwandlungen von offensichtlichen und nichtoffensichtlichen positiven karmischen Potenzialen – vernetzen sich miteinander und bilden als Zuschreibungsphänomen auf Grundlage des Kontinuums aller positiven karmischen Kräfte ein Netzwerk positiver karmischer Kraft. Dieses Netzwerk wird üblicherweise als „Verdienstansammlung” übersetzt und ist, wie die karmische Kraft selbst, eine nichtkongruente beeinflussende Variable. Daraus können wir schließen, dass es ebenfalls ein Netzwerk negativer karmischer Kraft gibt, wofür es jedoch keinen spezifischen Fachbegriff gibt. 

Das konzeptuelle „Ich“ setzt sich von einem Leben zum nächsten fort, mit den Netzwerken der karmischen Kraft, die gewissenmaßen huckepack als Zuschreibungsphänomene von ihm getragen werden. Vom Sutra-Standpunkt aus gesehen gibt es zum Zeitpunkt des Todes nur das subtile geistige Bewusstsein mit den anderen Aggregaten als Potenziale, die Zuschreibungsphänomene auf dessen Grundlage sind. Aus der Sicht des Anuttarayoga-Tantra gibt es zum Todeszeitpunkt nur das subtilste Bewusstsein klaren Lichts, mit den Aggregaten, die nun Geistesfaktoren als Potenziale und Zuschreibungsphänomene auf dessen Grundlage sind, und ebenso den subtilsten Energiewind. Von welchem System auch immer wir es betrachten, da ist immer das „Ich“ als Zuschreibungsphänomen, sogar zum Zeitpunkt des Todes,  und so behalten wir stets unsere Individualität bei. Die karmische Kraft ist ebenfalls ein Zuschreibungsphänomen, das auf diesem „Ich“ reitet. 

Es ist nichts wirklich Ungewöhnliches, karmische Kraft bzw. karmisches Potenzial als mit dem konventionellen Ich verbunden zu betrachten. In unserer gewöhnlichen Sprache reden wir beispielsweise davon, potenziell erfolgreich sein oder potenziell krank werden zu können, nicht wahr? Ein Potenzial ist eine Zuschreibung auf Basis des „Ichs“. Wir sagen nicht, der Körper hätte dieses Potenzial krank zu werden, sondern wir haben es. Und wir sagen auch nicht, der Geist hätte das Potenzial erfolgreich zu sein, sondern wir haben es. Das „Ich“ ist ein Zuschreibungsphänomen auf Grundlage des Kontinuums unserer gesamten Erfahrung, und somit hat das „Ich“ das Potenzial, erfolgreich zu sein. 

Karmische Tendenzen und ständige karmische Gewohnheiten

Um es noch einmal zu wiederholen: Karmisches Potenzial und karmische Kraft sind entweder befleckt-konstruktiv oder destruktiv. „Befleckt“ bedeutet, dass diese in Erscheinung treten, während der Geist eine Erscheinung von in sich selbst begründeter Existenz entstehen lässt. Genau genommen wird das karmische Potenzial, wenn es eine karmische Kraft – eine Art von karmischer Hinterlassenschaft – geworden ist, als „karmisches Potenzial, das die wesentliche Natur einer karmischen Tendenz angenommen hat“, bezeichnet. Eine karmische Tendenz ist meine Übersetzung des Wortes „Samen“, was die wörtliche Bedeutung des Begriffes ist. Dieser ist jedoch wie eine karmische Kraft eine nichtkongruente beeinflussende Variable und keine Form eines physischen Phänomens, was das Wort „Same“ eventuell implizieren könnte.

Nachdem ein karmischer Pfad einer körperlichen, verbalen oder geistigen Handlung beendet ist, entsteht nicht nur eine karmische Kraft – das Ergebnis der Phasenumwandlung des karmischen Potenzials dieses Pfades –, sondern auch zwei andere Arten von karmischen Hinterlassenschaften. Dabei handelt es sich um eine karmische Tendenz und eine ständige karmische Gewohnheit. „Karmische Tendenz“ ist hier ein allgemeiner Begriff, der sowohl das einschließt, was wir als „eigentliche“ karmischen Tendenzen bezeichnen können, als auch karmische Potenziale, welche die wesentliche Natur einer karmischen Tendenz angenommen haben. Diese Terminologie kann natürlich sehr verwirrend sein; lassen wir also den Begriff „karmisches Potenzial, das die wesentliche Natur einer karmischen Tendenz angenommen hat“ lieber beiseite und nennen es einfach „karmische Kraft“.

Sowohl karmische Tendenzen als auch ständige karmische Gewohnheiten sind nicht spezifizierte Phänomene, also weder konstruktiv noch destruktiv. Das bedeutet, dass sie die karmische Hinterlassenschaft nicht nur von befleckt-konstruktiven und destruktiven Handlungen sind, sondern auch von nicht spezifizierten Handlungen. Dies steht im Gegensatz zur karmischen Kraft, welche entweder positiv oder negativ ist und die karmische Hinterlassenschaft allein von befleckt-konstruktiven oder destruktiven karmischen Handlungen ist. 

Manchmal hören oder lesen wir vielleicht den Ausdruck „negative karmische Tendenzen“. Lasst euch von dieser Terminologie nicht verwirren. Damit sind die nicht spezifizierten karmischen Tendenzen gemeint, die karmische Hinterlassenschaft destruktiver karmischer Handlungen sind. Karmische Tendenzen sind immer nicht spezifizierte Phänomene. 

Karmische Tendenzen, wie auch die karmische Kraft, lassen ihre Resultate intermittierend entstehen – mit anderen Worten, sie bewirken nur von Zeit zu Zeit Resultate. Genauso verhält es sich mit den Tendenzen von störenden Emotionen; wir sind schließlich nicht in jedem Moment unserer Existenz wütend. Das Wort „intermittierend” bedeutet „manchmal”. Karmische Tendenzen und karmische Kräfte lassen ihre Resultate also nur in zeitlichen Abständen entstehen. 

Ständige karmische Gewohnheiten hingegen lassen ihre Resultate kontinuierlich entstehen – sie tun dies in jedem Moment. Das Resultat, das sie hervorbringen, ist begrenztes Gewahrsein und die Unfähigkeit, die beiden Wahrheiten gleichzeitig zu erkennen, sprich, was existiert und wie alle Phänomene existieren. Aus diesem Grund behindern ständige karmische Gewohnheiten unser Erlangen der Erleuchtung. Sie verhindern unser gleichzeitiges Erkennen der beiden Wahrheiten und schränken auf diese Weise unser Gewahrsein ein, indem sie zu jedem Zeitpunkt den falschen Anschein einer in sich selbst begründeten Existenz hervorrufen, außer wenn wir völlig in der nichtbegrifflichen Wahrnehmung der Leerheit versunken sind. 

Das ist also eine ständige karmische Gewohnheit. Die ständigen Gewohnheiten der störenden Emotionen, der Unwissenheit bzw. Ignoranz und des Greifens nach in sich selbst begründeter Existenz schränken unseren Geist auf die gleiche Weise ein. 

Die ständige Gewohnheit, nach in sich selbst begründeter Existenz zu Greifen

Könnten Sie klarstellen, was unser Greifen nach in sich selbst begründeter Existenz auslöst?

Aufgrund dieser drei Arten von automatisch entstehenden ständigen Gewohnheiten lässt unser Geist den Anschein in sich selbst begründeter Existenz entstehen. Es gibt also zwei Ebenen des Greifens nach in sich selbst begründeter Existenz. Danach zu greifen bedeutet, sie wahrzunehmen und aufgrund unserer Unwissenheit bzgl. der Tatsache, dass diese Erscheinung nicht dem entspricht, wie die Dinge tatsächlich existieren, und bzgl. der Tatsache, dass die eigentliche Existenzweise genau das Gegenteil davon ist, nach der falschen Erscheinung in dem Sinne zu greifen, dass wir sie für die Realität halten. 

Wenn wir Befreiung erlangen, führen diese ständigen Gewohnheiten nicht länger dazu, nach diesen Erscheinungen als der Realität entsprechend zu greifen; wir glauben nicht mehr, dass sie wahr sind. Bis wir jedoch Erleuchtung erlangt haben, rufen diese ständigen Gewohnheiten weiterhin diese Erscheinung in sich selbst begründeter Existenz hervor, außer wenn wir auf nichtkonzeptuelle Weise völlig in die Leerheit vertieft sind. Dabei glauben wir nicht länger, dass diese falschen Erscheinungen der Realität entsprechen. Da diese ständigen Gewohnheiten jedoch dazu führen, dass unser Geist weiterhin trügerische Erscheinungen hervorbringt, sind wir nicht in der Lage, die beiden Wahrheiten gleichzeitig zu erkennen. Das ist es, was uns zu fühlenden bzw. begrenzten Wesen macht. Erst mit dem Erreichen der Erleuchtung erlangen wir eine wahre Beendigung dieser falschen Erscheinungen und der ständigen Gewohnheiten in unserem Geisteskontinuum. 

Wenn wir über ständige Gewohnheiten sprechen, umfassen diese die ständigen Gewohnheiten des Karmas, der störenden Emotionen, des Greifens nach in sich begründeter Existenz und der Unwissenheit bzw. Ignoranz, und alle tun das gleiche. 

Der Unterschied zwischen intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften und nichtoffenbarenden Formen

Es besteht ein großer Unterschied zwischen karmischen Tendenzen und karmischer Kraft auf der einen Seite und nichtoffenbarenden Formen auf der anderen. Lediglich karmische Tendenzen und karmische Kraft sind karmische Hinterlassenschaften; nichtoffenbarende Formen hingegen sind karmische Impulse. Karmische Tendenzen und karmische Kraft lassen durch das, was als „Reifen“ bezeichnet wird, Resultate entstehen. „Reifen“ bedeutet entweder, dass sie sich wie eine Frucht, die an einem Baum wächst, im Laufe der Zeit bis zu dem Punkt entwickeln und wachsen müssen, an dem sie ihr Resultat hervorbringen können, oder es bezieht sich auf das was an dem Zeitpunkt geschieht, an dem sie ihr Resultat hervorbringen. In diesem zweiten Sinn können sie ihr Resultat intermittierend hervorbringen, bis sie schließlich erschöpft sind. 

Nichtoffenbarende Formen hingegen reifen nicht. Auch wenn sie gestärkt oder geschwächt werden können, müssen sie sich nicht erst mit der Zeit entwickeln und wachsen, um einen Effekt hervorzubringen. Wie beim Beispiel der Gelübde beginnen nichtoffenbarende Formen jedoch sofort, unser Verhalten zu beeinflussen, direkt nachdem sie entstehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es etwas wie „Instant-Karma“ gibt, wie es manche Leute nennen – also dass wir eine Lüge erzählen und uns sofort danach etwas Schlechtes zustößt. So funktioniert Karma nicht. 

Es gibt einige weitere wichtige Punkte über nichtoffenbarende Formen, die für unser Verständnis wichtig sind und die sie von karmischen Kräften und Tendenzen unterscheiden. Gelübde regulieren unser Verhalten kontinuierlich, während mittlere Gelübde dies in regelmäßigen und nicht in unregelmäßigen Abständen tun. Die nichtoffenbarenden Formen, die man dadurch erhält, dass andere unsere Befehle befolgen oder von etwas Gebrauch machen, das wir für sie gemacht oder ihnen gegeben haben, nehmen regelmäßig an Stärke zu, wann immer jemand anders diese Dinge ausführt. Außerdem erschöpfen sich nichtoffenbarende Formen nicht und hören nicht einfach irgendwann auf, unser Verhalten zu beeinflussen. Sie hören erst dann damit auf, wenn wir uns bewusst entscheiden, sie nicht weiter zu würdigen und stattdessen aufzugeben. Keines dieser Merkmale kennzeichnet karmische Kraft oder karmische Tendenzen. 

Es ist also nur die karmische Hinterlassenschaft, die reift. Und so reifen karmische Tendenzen und die karmische Kraft weiter, um so lange in unregelmäßigen Abständen ihre Resultate hervorzubringen, bis sie tatsächlich zu einem Ende kommen und damit fertig sind, ihre Resultate hervorzubringen. Dann werden sie zu dem, was zuweilen als „verbrannte Samen“ bezeichnet wird, wobei sich das Wort „Samen“ auf die Tendenz bezieht.

Verbrannte Samen

Eine von Tsongkhapas besonderen Behauptungen in seinem Prasangika-System besteht jedoch darin, dass karmische Tendenzen und die karmische Kraft weiterhin als erschöpfte, verbrannte Samen dem konventionellen „Ich“ zugeschrieben werden. Sie sind nicht vollkommen beseitigt, auch wenn sie nicht mehr reifen und ihre üblichen Resultate hervorbringen. Vielmehr machen sie eine Phasenumwandlung durch und werden zu ständigen karmischen Gewohnheiten oder funktionieren als solche. Man kann also nur mit der Erleuchtung eine wahre Beendigung von ihnen erlangen. Vasubandhu stellt keine solche Behauptung auf.

Wir haben bereits über eine Art der Phasenumwandlung gesprochen, bei der das karmische Potenzial eines karmischen Impulses sich von einer Weise, sich etwas gewahr zu sein, oder von der Form eines physischen Phänomens zu einer karmischen Kraft, die eine nichtkongruente beeinflussende Variable ist, umwandelt. Hier haben wir nun eine weitere Art der Phasenumwandlung. Die verbrannten Samen der karmischen Kraft und die karmischen Tendenzen sind als ständige karmische Gewohnheiten immer noch nichtkongruente beeinflussende Variablen, die Zuschreibungsphänomene auf Basis des konventionellen Ichs sind. Die Wirkung, die sie hervorrufen, und die Art und Weise, wie sie sie hervorrufen, haben sich jedoch völlig verändert.

Nicht nur die positive karmische Kraft setzt sich als verbrannter Samen fort, nachdem sie ihre Resultate hervorgebracht hat, sondern auch die negative karmische Kraft. Das bedeutet, dass, wenn wir uns mit den vier Gegenkräften und der Vajrasattva-Meditation von negativer karmischer Kraft und den karmischen Tendenzen, die von unserem destruktiven Verhalten stammen, reinigen, wir dadurch nicht diese Arten von karmischen Hinterlassenschaften aus unserem Geisteskontinuum beseitigen. Sie gehen eine Phasenumwandlung durch und wirken dann als eine ständige karmische Gewohnheit, durch die Allwissenheit verhindert wird. 

Das bedeutet nicht, dass wir, nur weil wir diese Störenfriede losgeworden sind und sie sich nun in ständige karmische Gewohnheiten verwandelt haben, nie wieder destruktive karmische Impulse und destruktives Verhalten haben werden. Denkt daran: Solange wir nicht Befreiung erlangt haben, werden die ständigen karmischen Gewohnheiten Erscheinungen in sich selbst begründeter Existenz hervorbringen – es sei denn, wir sind nichtkonzeptuell in Leerheit versunken – und wir werden nach diesen falschen Erscheinungen greifen und denken, sie entsprechen der Realität. Auf der Grundlage von Unwissenheit, Ignoranz und unserem Greifen werden wir weiterhin störende Emotionen und Geisteshaltungen erleben, die zum erneuten Aufkommen von destruktiven karmischen Impulsen und destruktivem Verhalten führen werden. 

Die Schemata des Karma-Prozesses visualisieren

Da all das ziemlich komplex ist, halte ich es für sehr hilfreich, sich Diagramme zu erstellen, um den Überblick zu behalten. Wenn man das selbst macht, lernt man den Stoff viel besser, als wenn jemand anders sie einem zur Verfügung stellt. Wenn man gut darin ist, Dinge zu visualisieren, muss man es nicht auf Papier festhalten. Dann kann man die Tabelle einfach im Geist visualisieren und zusammenstellen. Das ist einer der Vorzüge, sich im Visualisieren zu schulen. 

Nun gut, lasst es uns also versuchen, uns das vorzustellen. Im Fall von geistigen Handlungen gibt es das geistige Karma eines karmischen Drangs, gefolgt von dem Pfad des geistigen Karmas. Das geistige Karma ist eine Art, sich etwas gewahr zu sein, wohingegen der Pfad eine nichtkongruente beeinflussende Variable ist. Wenn sowohl das geistige Karma als auch sein Pfad entweder befleckt-konstruktive oder destruktive Phänomene sind, sind beide positive oder negative karmische Potenziale. Wenn der Pfad beendet ist, durchläuft dieses Potenzial eine Phasenumwandlung. Als karmische Hinterlassenschaft wird es zu einer positiven oder negativen karmischen Kraft, bleibt aber trotzdem eine nichtkongruente beeinflussende Variable. Betrachten wir unsere imaginäre Tabelle: eine Phase ist der Drang und der Denkvorgang und die andere die karmische Hinterlassenschaft. In beiden Phasen sind sie alle entweder befleckt-konstruktiv oder destruktiv. 

Nachdem nun der Pfad des geistigen Karmas zu einem Ende gekommen ist, entsteht als karmische Hinterlassenschaft nicht nur eine positive oder negative karmische Kraft, sondern auch eine nichtspezifizierte karmische Tendenz und eine nichtspezifizierte ständige karmische Gewohnheit. Beide sind ebenfalls nichtkongruente beeinflussende Variablen. Stellt euch nun diese drei Arten von karmischen Hinterlassenschaften vor, eine unter der anderen, die aus dem karmischen Pfad des Denkvorgangs folgen. Wenn die karmische Kraft und die karmische Tendenz nicht länger Resultate hervorbringen, durchlaufen sie eine weitere Phasenumwandlung und werden zu ständigen karmischen Gewohnheiten. Obwohl das mit allen negativen karmischen Kräften und karmischen Tendenzen aus destruktivem Verhalten geschieht, geschieht es nur mit den positiven karmischen Kräften und karmischen Tendenzen aus befleckt-konstruktivem Verhalten, wenn sie nicht mit mühelosem Bodhichitta der Erleuchtung gewidmet worden sind. Wurden sie auf diese Weise gewidmet, setzen sie sich bis zur Erlangung der Erleuchtung fort. Die ständigen karmischen Gewohnheiten kommen dann mit der Erlangung der Erleuchtung zu einem Ende. 

Versucht, die gesamte Sequenz in einer Linie zu visualisieren. Ihr macht alle möglichen Visualisierungs-Praktiken und jetzt könnt ihr diese Fähigkeit nutzen. Im Fall von befleckt-konstruktiven oder destruktiven geistigen Handlungen gibt es also geistiges Karma, gefolgt von einem Pfad des geistigen Karmas, gefolgt von drei Arten von karmischen Hinterlassenschaften: karmische Kraft, karmische Tendenzen und ständige karmische Gewohnheiten. Auf die karmische Kraft und die karmischen Tendenzen folgt entweder direkt die Erlangung der Erleuchtung oder die ständigen karmischen Gewohnheiten. Auf die ständigen karmischen Gewohnheiten folgt ebenfalls die Erleuchtung. 

Geistiges Karma ist eine Art, sich etwas gewahr zu sein, und alles andere im Diagramm sind nichtkongruente beeinflussende Variablen, welche Zuschreibungsphänomene sind. Das geistige Karma und sein Pfad sind karmische Potenziale, und sowohl die karmischen Potenziale als auch die nachfolgende karmische Kraft sind entweder befleckt-konstruktive oder destruktive Phänomene. Karmische Tendenzen und ständige karmische Gewohnheiten sind ihrerseits nicht spezifiziert. Erleuchtung ist konstruktiv, ohne dabei in irgendeiner Weise befleckt zu sein.  

Ich schätze, das ist für die meisten von uns ziemlich schwierig zu visualisieren, aber wenn ihr dem folgen konntet, ohne ein Diagramm zu zeichnen, dann versucht nun, ein Schema für befleckt-konstruktive und destruktive physische bzw. verbale Handlungen zu visualisieren, und zwar eines, dem die geistige Handlung des Abwägens vorausgeht, ob man die körperliche oder verbale Handlung ausführen soll oder nicht. 

Die geistige Handlung des Abwägens hat ihre eigene Abfolge von karmischen Hinterlassenschaften, so wie wir sie bereits visualisiert haben. Es gibt jedoch eine weitere Linie, die am Ende des Pfades des geistigen Karmas folgt. Sie beginnt mit einem weiteren geistigen karmischen Impuls eines karmischen Drangs und wird von einem Pfad einer physischen oder verbalen Handlung gefolgt. Dieser Pfad beinhaltet eine offenbarende Form und eine nichtoffenbarende Form. Erstere beginnt und endet mit dem Pfad, und Letztere beginnt mit dem Pfad und geht über das Ende des Pfades hinaus, wo die Periode der karmischen Hinterlassenschaft folgt. Auf die offenbarende Form folgt die gleiche Abfolge von karmischen Hinterlassenschaften wie auf den Pfad des geistigen Karmas – als karmische Kraft, karmische Tendenzen und ständige karmische Gewohnheiten. Für die nichtoffenbarende Form gibt es zwei Möglichkeiten: (1) Wenn sie nie aufgegeben wird, folgt auf sie die Erlangung der Erleuchtung, und (2) wenn sie aufgegeben wird, folgt ein karmisches Potenzial, welches wiederum von denselben Sequenzen wie bei den anderen karmischen Potenzialen gefolgt wird. 

Wir zuvor ist geistiges Karma eine Art, sich etwas gewahr zu sein, und die Pfade der geistigen, körperlichen und verbalen karmischen Impulse sowie die karmische Kraft, die karmischen Tendenzen und die ständigen karmischen Gewohnheiten sind wieder nichtkongruente beeinflussende Variablen. Die offenbarenden und nichtoffenbarenden Formen sind Formen physischer Phänomene. Auch diese sind entweder befleckt-konstruktive oder destruktive Phänomene und werden ebenfalls als positive oder negative karmische Potenziale miteinbezogen. Alles andere im Schema ist wie zuvor. 

Nachdem wir all das hier durchgegangen sind, ist es wahrscheinlich viel zu kompliziert, das Ganze auf einmal zu visualisieren. Wenn ihr euch mehr mit diesen Inhalten beschäftigen wollt, macht also bitte Diagramme auf Papier. 

Nur eine Sache muss noch hinzugefügt werden: das Netzwerk positiver karmischer Kraft. Dieses Netzwerk umfasst nur die konstruktiven karmischen Hinterlassenschaften, nämlich die positive karmische Kraft. Es schließt nicht die karmischen Tendenzen und die ständigen karmischen Gewohnheiten mit ein, die aus konstruktiven karmischen Handlungen entstehen, ob sie nun mit Bodhichitta gewidmet werden oder nicht. Das liegt daran, dass karmische Tendenzen und ständige karmische Gewohnheiten nichtspezifizierte Phänomene sind, und keine konstruktiven. 

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