Projektionen

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Leerheit ist in den buddhistischen Lehren ein äußerst wichtiges und zentrales Thema. Leerheit bedeutet: eine Abwesenheit. Etwas ist abwesend, nicht vorhanden. Das, was nicht vorhanden ist, ist eine unmögliche Existenzweise – etwas, das nie existiert hat. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen und auch die Begründung dafür zu verstehen. Das Ganze hat mit dem Problem der Projektion zu tun. Wir alle erleben ein großes Ausmaß an Verwirrung; einiges davon ist sehr grob und umfassend. Vielleicht sind wir uns dessen bewusst, dass wir verwirrt sind, aber es gibt auch sehr subtile Arten davon.

Wir projizieren alle möglichen Dinge, die nichts als Fantasievorstellungen sind. Wir glauben: „ Das ist die Realität“, und dann reagieren wir auf diese Projektionen – etwa wenn jemand, den wir lieben und an dem wir sehr hängen, aufgrund eines Verkehrsstaus zu spät zu einer Verabredung kommt, und unser Geist projiziert auf diese Situation die Vorstellung: „Du kommst zu spät, weil du mich nicht mehr liebst“, „Er hat mich sitzengelassen“; „Sie wird gar nicht mehr kommen“ usw. Aufgrund unserer Unsicherheit und Anhaftung werden wir ganz unglücklich. Wenn die Person endlich auftaucht, sind wir sehr ärgerlich auf sie – „Warum kommst du erst jetzt?“ – und geben ihr nicht einmal die Chance, den Grund ihrer Verspätung zu erklären.

So etwas passiert in der ein oder anderen Form immerzu. Wir übertragen alle möglichen Projektionen auf uns selbst, auf andere Menschen, auf Situationen in der Welt usw. Weil wir dann glauben, dass das der Realität entspricht, schaffen wir immer mehr Leiden und Probleme für uns selbst und andere. Der ganze Sinn des Verstehens der Leerheit besteht darin, zu erkennen, dass das, was wir projizieren, sich nicht auf etwas Reales bezieht. Was abwesend ist, was nicht vorhanden ist, ist ein reales Bezugsobjekt für unsere Projektionen. Sie beziehen sich auf etwas, das es nicht gibt. Was ist also abwesend? Ein reales Bezugsobjekt unserer Projektionen hat es nie gegeben – es ist etwas, das es nicht geben kann.

Es gibt natürlich zahlreiche verschiedene Ebenen von Subtilität dessen, was unmöglich ist. In unserer Bemühung, die Leerheit zu verstehen, müssen wir unsere Projektionen sowie unsere persönlichen und sozialen Mythen zerlegen, denn wir, genauso wie die ganze Gesellschaft, projizieren vielerlei Mythen, nicht nur unsere persönlichen Märchen. Bei ihrer Auflösung müssen wir Schritt für Schritt vorgehen und versuchen zu erkennen, dass es sich dabei schlichtweg um Unsinn handelt.

Es ist wirklich wichtig zu erkennen, dass wir nicht nur unsere eigenen persönlichen Mythen und Projektionen haben, sondern dass es auch solche gibt, die eine ganze Gesellschaft gemeinsam hat. „Feinde unseres Landes, die da, sie sind alle schlecht“ usw. Das ist die gröbste Art solcher Projektionen, aber es gibt auch viel subtilere.

Worum es hier geht, ist der Versuch zu verstehen, dass dies die Ursache für Leiden ist, die Ursache unserer Probleme und die Ursache der Probleme aller: die Projektionen von etwas, das unmöglich existieren kann. Weil wir unsere Probleme und unser Leiden überwinden wollen, ist es notwendig, dass wir das verstehen und jeder andere auch. Wenn wir unsere eigenen Probleme und unser eigenes Leiden loswerden und Befreiung erreichen wollen, müssen wir gründlich verstehen, dass diese Projektionen sich auf nichts Reales beziehen; im Grunde müssten wir also aufhören, an das zu glauben, was wir da projizieren – grundlegend erkennen: „Das ist Unsinn“ und dem keinen Glauben schenken.

Ein Beispiel: Mein Geist lässt etwas als „diesen Skorpion“ erscheinen, den ich gerade auf dem Fußboden entdeckt habe – „Aaah, was für ein Monster, schrecklich.“ Wenn ich das denke, empfinde ich eine Menge Angst – kein sehr angenehmer Geisteszustand. Zu verstehen, dass es sich bei dem Tier nicht um ein Monster handelt, heißt nicht, dass es nicht existiert oder nicht gefährlich ist. Das ist natürlich der Fall. Ich versuche sorgfältig, es aus dem Zimmer zu entfernen; ich stülpe ein Gefäß darüber, schiebe ein Stück Papier darunter und trage es hinaus. Leerheit zu verstehen bedeutet nicht, dass ich mich nicht mehr vor dem Skorpion in Acht nehme. Natürlich muss ich aufpassen. Aber wenn ich erkenne, dass dieses Wesen nicht als Monster existiert, kann ich unerschrocken damit umgehen. Ich bin nicht bestürzt darüber. – Ich beschreibe das jetzt auf einer sehr oberflächlichen Ebene; Leerheit ist natürlich sehr viel subtiler als das; ich habe jetzt bloß ein sehr vereinfachtes Beispiel verwendet.

Wir können uns unzählige Beispiele einfallen lassen, in denen solch ein Verständnis – selbst auf sehr oberflächlicher Ebene – überaus hilfreich ist. Etwa: Wir lieben jemanden und hängen ziemlich an ihm, und dann ruft er uns nicht an und kommt auch nicht vorbei. Die Zeit vergeht, und er ruft immer noch nicht an, und wir regen uns furchtbar auf. Was projizieren wir da? Das ist es, was wir untersuchen müssen. „Was stimmt nicht an der Art und Weise, wie mir dies erscheint?“ Es stimmt eine ganze Menge daran nicht, aber etwas, was sehr häufig vorkommt, ist die Einstellung: „Ich bin das Wichtigste auf der Welt“ und insbesondere: „Ich bin das Allerwichtigste im Leben dieser Person, und außer mir gibt es in ihrem Leben nichts von Bedeutung. Alles, was sie tut, hat also mit mir zu tun.“ Und wenn sie nicht anruft, ist es natürlich deshalb, weil „sie mich nicht mehr mag“ oder so etwas.

Das entspricht nicht der Realität. Die Menschen haben ihr eigenes Leben und wir sind nicht das Einzige, was darin eine Rolle spielt. Es gibt auch noch andere Menschen in ihrem Leben, mit denen sie zu tun haben, und vielerlei, was in ihrem Leben passiert. Selbst wenn ich mit jemandem verheiratet bin, gibt es außer mir noch andere Dinge in dessen Leben. Diese Denkweise bringt uns ein bisschen mehr auf den Boden der Tatsachen hinsichtlich unserer Beziehung zu dieser Person und wir stellen fest: „Nun, sie muss wohl gerade viel zu tun haben oder irgendetwas ist dazwischen gekommen“, und können dann, ohne uns aufzuregen, fragen: „Was ist denn passiert?“ Um nicht selbst darunter leiden zu müssen und uns wegen so etwas nicht elend zu fühlen, sagen wir uns – auch wenn unser Geist uns vorgaukelt, dass der einzige Grund für alles, was sich im Leben dieses Menschen abspielt, nur ich sein kann – statt dessen ganz vernünftig: „Ach komm, das ist doch lächerlich“ und schenken der Projektion keinen Glauben.

Wenn wir wirklich imstande sein möchten, jedem zu helfen, müssen wir dahin kommen, dass unser Geist aufhört, solches Zeug zu projizieren. Denn selbst wenn wir nicht an den Mist glauben, denn unsere Projektionen erscheinen lassen, hindert uns die Tatsache, dass unser Geist so etwas projiziert, daran, die Realität völlig klar sehen zu können. Deshalb müssen wir uns immer wieder mit der Leerheit vertraut machen. Denn was tun wir, wenn wir uns auf die Leerheit konzentrieren? Wir konzentrieren uns auf die Tatsache „So etwas ist nicht vorhanden; das, was mein Geist projiziert, bezieht sich nicht auf ein reales Objekt.“

Wenn wir uns nun konzentrieren auf „so etwas nicht“, erscheint nichts, es ist nichts da. Wenn wir uns zum Beispiel auf die Tatsache konzentrieren: „Es gibt keine Schokolade hier auf dem Fußboden“ – worauf konzentrieren wir uns dabei? Auf das, was nicht da ist. Es kann sein, dass erst einmal der Fußboden erscheint, aber es geht ja nicht darum, dass die Schokolade nicht auf dem Fußboden liegt. Es geht um die Tatsache: „Es ist keine Schokolade da.“ Was geschieht, je mehr wir uns in diese Tatsache vertiefen? Der Geist erzeugt keine Projektion von Schokolade mehr auf den Fußboden. Vielleicht haben wir immer noch große Hoffnung, dass Schokolade da ist, aber es ist nicht der Fall. Wir gehen zum Kühlschrank – auch keine Schokolade. Wir gehen zum Wohnzimmerschrank – keine Schokolade da. Wir setzen uns hin, und allmählich begreifen wir: Es ist keine da. Was dem Geist erscheint, ist: keine da. Nichts. Wir verstehen, dass das bedeutet: nicht vorhanden; es gibt keine Schokolade. Der Geist hat aufgehört, „Schokolade“ oder „Hoffnung auf Schokolade“ zu projizieren. Wenn wir uns immer weiter daran gewöhnen, wird der Geist schließlich aufhören, „Schokolade“ zu projizieren.

Noch ein Beispiel, das ich gern verwende, weil es so häufig vorkommt: Genauso projizieren wir einen Traumprinzen – den Traumprinzen auf dem weißen Pferd, den perfekten Partner, nach dem wir uns alle sehnen, auf dass wir leben können wie im Märchen, glücklich bis an unser seliges Ende. Wir alle hoffen darauf, oder haben zumindest mal darauf gehofft, und hoffen vielleicht immer noch, dass wir den Prinzen oder die Prinzessin auf dem weißen Pferd finden werden: den vollkommenen Partner. Natürlich projizieren wir das dann auf jemanden, den wir kennenlernen, in der Hoffnung, dass diese Person das ist. Wenn sie dem dann nicht entsprechen kann, sind wir enttäuscht und werden ärgerlich.

So traurig es auch ist – wir müssen verstehen, dass es so etwas nicht gibt. Niemand existiert als Traumprinz oder -prinzessin aus dem Märchenland. Schließlich gewöhnen wir uns hinreichend daran und können wirklich auch gefühlsmäßig davon überzeugt sein: „So etwas gibt es wirklich nicht“; es ist nicht nur so, dass „alle anderen einen finden, nur ich nicht, ich Armer, ich bin ein Versager“, sondern: „So etwas gibt es nicht, es ist unmöglich“. Dann wird unser Geist allmählich aufhören, danach zu suchen. Anfangs jammern wir vielleicht „Ach wie traurig, dass es so etwas nicht gibt.“ Der große indische Meister Shantideva sagte, es sei wie wenn ein kleines Kind weint, weil seine Sandburg am Strand zerfällt, wenn die Flut kommt.

Eigentlich ist es eine Erleichterung, dass es „so etwas“ nicht gibt. Denn es ist ungemein erleichternd, tatsächlich sogar eine frohe Angelegenheit, wenn wir erkennen, dass wir sozusagen ins Leere rennen, wenn wir versuchen, etwas zu finden, das es nicht gibt. Es ist nicht nur so, dass wir aufhören wollen zu glauben, unser Partner sei der Traumprinz oder die Traumprinzessin, damit wir endlich aufhören zu leiden, sondern dazu kommt: Wenn wir aufhören können, das auf unseren Partner zu projizieren, können wir ihn so sehen, wie er tatsächlich ist und sind dadurch viel besser imstande, ihm beizustehen. – Ich vereinfache hier zwar sehr, aber das ist das Grundprinzip, um das es geht. Wenn wir Befreiung erlangen wollen, müssen wir aufhören, an diese Fantasie-Projektionen zu glauben; und wenn wir Erleuchtung erlangen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass unser Geist aufhört, so etwas zu projizieren.

Deswegen müssen wir die Leerheit verstehen: die völlige Abwesenheit eines realen Bezugsobjekts für jede dieser Fantasien, die unser Geist projiziert, und uns daran gewöhnen – immer und immer wieder -, damit der Geist aufhört zu projizieren, indem wir uns konzentrieren auf „so etwas nicht“, wie in dem obigen Beispiel: „Keine Schokolade vorhanden.“ Dann arbeiten wir Schritt für Schritt daran, die Projektion zu zerlegen und dafür zu sorgen, dass unser Geist auch subtilere – und noch subtilere und noch subtilere – Ebenen von etwas, das unmöglich ist, nicht mehr projiziert. Natürlich ist die Auflösung einer jeden dieser Schichten von großem Nutzen, doch es ist wichtig, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Genau das ist es eigentlich, was ziemlich schwierig ist. Es gibt im Zusammenhang mit dem Verständnis der Leerheit Vieles, was schwierig ist. Niemand hat je behauptet, es wäre einfach. Doch wir müssen unsere Projektionen identifizieren, denn wir glauben wirklich, sie wären real. Wir haben keine Ahnung – nicht einmal das – von der Tatsache: „Das ist nur Unsinn, den mein Geist projiziert“ , und deswegen müssen wir uns sehr bemühen und sehr aufgeschlossen sein. Wir müssen lernen, wir müssen studieren: „Was ist dieser Unsinn, den unser Geist projiziert?“ Jemand muss es aufzeigen, sei es ein Lehrer oder ein Buch, denn es ist nicht so offensichtlich, und wir müssen darüber nachdenken, versuchen zu verstehen: „Was läuft da ab?“, und wirklich in uns selbst nachforschen und die Art und Weise untersuchen, wie uns die Welt erscheint, wie uns andere Menschen erscheinen, und wie wir selbst uns erscheinen. Das erfordert eine Menge Überlegungen, und zwar aktives Nachdenken in dem Versuch zu verstehen und zu erkennen: „Was erscheint da eigentlich?“

Im Buddhismus gibt es zahlreiche Übungen, die damit zu tun haben, wie Dinge erscheinen, und die uns tatsächlich helfen, die Projektion zu erkennen – einige davon sind wirklich sehr nützlich. Ich sitze hier vor Ihnen und ich könnte z.B. befürchten: „Diese Leute schauen mich alle an und bilden sich ein Urteil über mich“ und „Was werden sie von mir denken?“, und ich könnte ganz nervös werden und das Ganze würde zu einer sehr unangenehmen Situation für mich. Was ist in dem Fall das Problem? Das Problem ist, dass ich nur im Hinblick auf „mich, mich, mich“ denke und sich alles um mich dreht und darum, was Sie von mir denken.

Es stimmt, dass ich hier sitze und dass die meisten von ihnen mich ansehen – na und? Und jetzt reden wir über die Projektion. Statt Sie als Leute zu betrachten, die ein Urteil über mich treffen, mich vermutlich nicht mögen und mich für einen Blödmann halten, kann ich auch meine Einstellung ändern – im Buddhismus ist immer die Rede davon, die Einstellung zu ändern, eine hilfreichere Einstellung zu gewinnen -, und ich könnte sie als gute Freunde betrachten, als meine Brüder und Schwestern, als meine Eltern, als meine Kinder, und ich erkläre Ihnen etwas mit so viel Anteilnahme, wie ich sie für meine besten Freunde habe. Dann ist mir wirklich daran gelegen, dass Sie verstehen, es ist viel Freundlichkeit dabei – zumindest das, wenn nicht sogar Liebe. Und ich werde Ihnen nichts vormachen. Wie könnte man seinem Bruder, seiner Schwester oder dem besten Freund etwas vormachen? Wenn ich so denke, mit dieser Einstellung, bin ich ganz entspannt und es ist ein sehr angenehmer Abend.

Was spielt dabei eine Rolle? Die Projektion, nicht wahr? Ich meine – eigentlich kenne ich ja niemanden von Ihnen; einen oder zwei von ihnen habe ich kurz kennengelernt und Claudia kenne ich von früher, aber die meisten von Ihnen habe ich vor heute Abend noch nie gesehen. Was ich projiziere, ist also nicht wahr, zumindest nicht im Hinblick auf dieses Leben. Im Buddhismus ist auch von früheren Leben die Rede; in irgendeinem längst vergangenen Leben könnten Sie also meine besten Freunde gewesen sein – sind es sogar mit Sicherheit gewesen -; das ist die Grundlage dafür, so zu denken. Was ich projiziere, ist nicht ganz unvernünftig. Im Buddhismus heißt es, dass jeder irgendwann in früheren Leben unsere Mutter gewesen ist – oder, wenn uns dabei nicht wohl ist, dann: dass jeder ein guter Freund gewesen ist. Nach der gleichen Logik ist jeder in irgendeinem früheren Leben auch schon unser schlimmster Feind gewesen, aber das hilft uns nicht.

Möglicherweise sitzen Sie hier und fällen ein Urteil über mich. Na und? Wenn Sie mich beurteilen wollen, beurteilen Sie mich. Das Problem ist nicht, ob Sie mich beurteilen oder nicht. Das ist nicht entscheidend. Das Problem besteht in der Konzentration auf mich und in der Sorge um mich – „Was denken die von mir?“ Ich bin besorgt um mich, weil ich will, dass jeder mich liebt. Jeder will, dass jeder ihn liebt, nicht wahr?

Dann denken Sie daran, dass nicht jeder den Buddha mochte, und: „Wenn nicht jeder den Buddha mochte, warum sollte dann jeder mich mögen?“ Solch ein Gedanke ist sehr hilfreich, doch wenn uns das ein bisschen zu weit weg ist, können wir auch denken: „Nicht jeder mag Seine Heiligkeit den Dalai Lama – die Chinesen zum Beispiel mögen ihn nicht. Was erwarte ich denn für mich – dass jeder mich mag? Wenn jemand mich nicht mag, mich negativ beurteilt – nun, das ist schon in Ordnung.“ Das ist der Punkt: Zuerst verstehen wir, dass Vieles von dem, was wir erleben, auf Projektion beruht; und wenn wir das verstehen, können wir die Projektion ändern. Statt etwas zu projizieren, das bewirkt, dass wir uns elend fühlen – z.B. „Uaah, die fällen alle ein Urteil über mich!“ - projizieren wir etwas, das hilfreich ist, z.B. „Das sind alles gute Freunde.“

Irgendwann können wir jedoch aufhören, überhaupt irgendetwas zu projizieren. Jeder von Ihnen ist ein Individuum, Sie mögen mich verurteilen, Sie mögen ein enger Freund sein, Sie mögen ein Feind sein, was auch immer. Doch wie Seine Heiligkeit immer sagt: Wir alle sind Menschen – na gut, vielleicht nicht alle, ein Hund ist ja kein Mensch -, aber jedenfalls möchte jeder glücklich sein und niemand möchte unglücklich sein, man spricht einfach mit jedem, ganz gleich, mit wem – kein Problem.

Ich denke, das veranschaulicht die Tatsache, dass wir schrittweise an Projektionen arbeiten können, um alles Leiden, jedes Problem zu verringern und schließlich zum Aufhören zu bringen. Aber bei beiden Schritten muss man verstehen, dass die Ursache dafür, dass ich mich elend fühlte, der Gedanke „ ich, ich, ich“ ist – „Alles hat etwas mit mir zu tun“ und „Was denkt jeder von mir?“ Das ist das Problem. Aber ich befinde mich in einer zwischenmenschlichen Situation, und wenn ich verstehe, dass diese Projektion – „Sie urteilen über mich“ und „Sie mögen mich nicht“ und „Ich werde unbeliebt sein“ usw. – Unsinn ist, schenke ich ihr keinen Glauben mehr. Der Geist projiziert allerdings immer noch. Das ist die Art und Weise, wie mein Geist funktioniert – er projiziert -, also kann ich genauso gut etwas projizieren, das förderlicher ist, etwa: „Sie sind alle gute Freunde.“ Das ermöglicht es mir, Ihnen in gewissem Maße zu nützen, aber nicht im höchstmöglichen Maße. Warum? Nun, vielleicht beurteilen Sie mich ja tatsächlich negativ und vielleicht mögen Sie mich nicht.

Um Ihnen wirklich zu nutzen, muss ich imstande sein, mit solch einer Realität zurechtzukommen und nicht nur zu projizieren: „Alle mögen mich, jeder ist mein bester Freund.“ Wenn ich keine Angst mehr vor Ihnen habe und meine Gedanken nicht mehr um „mich, mich, mich“ kreisen, dann bin ich so weit, dass ich diese netteren Projektionen weglassen kann, einfach ganz offen sein kann und mit der Realität einer jeden Person individuell umgehen kann. Vielleicht mögen einige mich nicht, andere mögen mich vielleicht, einige mögen gute Freunde sein, jemand mag distanziert sein, was auch immer – man geht eben einfach damit um, egal, was es sein mag.

Das war nur eine Einführung in die allgemeine Art und Weise, sich mit Leerheit zu beschäftigen – im Grunde geht es um die Projektionen von Unsinn, die unser Geist erzeugt. Manchmal sind sie alles andere als hilfreich; es ist keineswegs hilfreicher Unsinn. Zu anderen Zeiten, nun, da projizieren wir etwas, das hilfreich ist, aber letztendlich wollen wir aufhören, überhaupt etwas zu projizieren. Diese Zusammenfassung gibt uns einen kleinen Eindruck davon, worum es hier geht. Ich denke, für heute Abend mag das genügen. Sie können jetzt noch einige Fragen stellen, und morgen werden wir dann beginnen, etwas genauer darüber zu sprechen, was der Unsinn ist, den unser Geist projiziert, und wie wir ihn erkennen und auflösen können.

Fragen

Wenn wir so viel auflösen, werden wir dann nicht auch unsere guten Ansichten und Gefühle auflösen?

Nicht unbedingt. Leerheit ist nicht Nihilismus. Wir behaupten nicht, dass gar nichts existiert, dass es nichts gibt. Was wir loswerden wollen, ist die Projektion von unseren Fantasievorstellungen und Übertreibungen. Bei Gier bzw. Anhaftung und Ärger handelt es sich es im Grunde um Übertreibungen entweder der guten Eigenschaften oder der schlechten Eigenschaften von etwas.

Aber es gibt bestimmte Energieströme, die diesen beiden störenden Emotionen zugrunde liegen und die hilfreich sein können. Wenn wir in unserem Wunsch nach etwas, sagen wir, Eiscreme oder Geld, dessen Qualitäten übertreiben, dann ist das ein sehr störender Geisteszustand. Aber wenn wir die Übertreibung beseitigen, können wir diese Energie, die besagt „Ich will etwas erreichen“ – z.B. jemandem helfen – gebrauchen. Es handelt sich um ein Streben nach etwas; das ist in Ordnung, es ist etwas Positives, und wir brauchen das. Das, was wir auflösen, ist die Übertreibung, nämlich in diesem Fall: „Ob es gelingt oder nicht und ob es Ihnen hilft oder nicht, hängt ganz und gar von mir ab. Ich allein bin die Ursache dafür, dass Sie ihr Problem überwinden und glücklich werden. Wenn es gelingt, bin ich der Größte, und wenn das scheitert, ist das mein Fehler und ich bin der Schuldige.“ Diese Einstellung wollen wir loswerden. Das ist die Übertreibung.

Wenn wir sie auflösen, bleibt trotzdem der Wunsch, anderen zu helfen, bestehen: Liebe, d.h. der Wunsch, dass sie glücklich sind, und Mitgefühl, d.h. der Wunsch, dass sie frei von Leiden sind. Das bleibt übrig, jedoch mit einer realistischen Einstellung in Bezug darauf. Es ist wie bei einem Stück Fleisch – bitte entschuldigen Sie, wenn Sie Vegetarier sind, aber wenn ich dieses Beispiel verwenden darf: – Man möchte das Fett am Rande abschneiden und beseitigen, so dass nur der nährstoffreiche Teil übrig bleibt.

Verstehen Sie, was ich sagen will? Man hat Mitgefühl für jemanden, aber dann dreht man durch - das ist all das Fett am Rande. Wenn z.B. unser Kind verletzt ist und wir rasten aus und fangen an zu schreien und zu heulen, hören gar nicht mehr auf damit und tun nichts, um dem Kind zu helfen. Das ist die Haltung: „Ach ich Arme, ich kann damit überhaupt nicht umgehen“ usw. Beseitigt man all den Unsinn, so bleibt übrig: „Oh, mein Kind ist verletzt“ – und dann kümmert man sich darum -, und natürlich Mitgefühl. Ohne das Fett am Rande: „Aaaah, was für eine Katastrophe!“ und das Geschrei und Geheul. Gefühle müssen nicht dramatisch oder melodramatisch sein, um positiv sein zu können.

Es scheint sehr schwierig zu sein, zwischen Realität und Übertreibung zu unterscheiden.

Das ist richtig. Es ist sehr schwierig, dazwischen zu unterscheiden. Deswegen braucht man einen Lehrer. Das hilft. Bloß ein Buch zu lesen, bringt vielleicht nicht so viel Klarheit. Man braucht jemanden, der einem Fragen beantwortet und bestimmte Zusammenhänge aufzeigt. Doch auch wenn wir einen Lehrer haben, der sich mit uns persönlich befassen kann – was selten ist -, muss unser Geist offen sein. Wenn wir nicht offen sind, müssen wir etwas tun, was im Buddhismus „Reinigung“ genannt wird, also positive Kraft aufbauen. Es gibt viele Übungen, die man machen kann und die uns helfen, aufgeschlossen zu werden und mentale und emotionale Blockaden abzubauen. Dann können Lehrer einem helfen.

Ich kann Ihnen ein paar Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Geshe Wangyal, der große kalmückische Lehrer aus der Mongolei, war ein großartiger Meister. Mongolen sind ziemlich anders als Tibeter – Geshe Wangyal war jedenfalls mehr, wie man sich einen klassischen Zen-Meister vorstellt. Geshe Wangyal ließ die Leute immer etwas bauen, und er beaufsichtigte das genau. Ein Freund von mir war ein Schüler von ihm und half dabei, ein Haus zu bauen, in dem die Schüler und Geshe-la wohnen konnten. Er befand sich auf dem Dach, und Geshe Wangyal kletterte aufs Dach, ging zu ihm hin und fing an, ihn anzuschreien: „Sie machen das völlig verkehrt – Sie ruinieren das alles, verschwinden Sie von hier!“ Mein Freund erwiderte jammernd: „Wieso sagen Sie, dass ich das falsch mache – ich mache es doch genau so, wie Sie es mir gesagt haben.“ Und Geshe-la sagte: „Siehst du, das ist das Ich, das ‚falsche Ich‘. Das ist die Projektion, die du loswerden musst.“

Noch ein Beispiel – denn Geshe Wangyal war ein Meister in solchen Dingen. Er ist vor langer Zeit verstorben. Er war schon ein alter Mann, und ein paar von uns saßen in seinem Wohnzimmer, und dann kam eine Frau herein, die ganz aufgeregt war und mit Geshe-la vertraulich über ein persönliches Problem sprechen wollte. Und Geshe-la sagte: „Das ist schon in Ordnung, wir sind hier alle gute Freunde, Sie können ganz offen reden.“ Sie erzählte also ihre Geschichte, und es fiel ihr gefühlsmäßig sehr schwer, das alles zu erzählen, und als sie fertig war, legte Geshe-la die Hand hinter das Ohr und sagte: „Was haben Sie gesagt? Ich konnte Sie nicht gut hören. Erzählen Sie es nochmal, aber lauter. Ich kann schlecht hören.“ Also musste sie es wiederholen und Wort für Wort laut in Geshe-las Ohr rufen. Manchmal ließ er sie ein paar Worte drei oder vier Mal wiederholen, und als sie dann fertig war, merkte sie, ohne dass Geshe-la irgendetwas sagen musste, dass sie eine zu große Sache daraus gemacht hatte, übertrieben und sich zu sehr aufgeregt hatte, und dann konnte sie sich etwas beruhigen.

Aber man muss wirklich ein großer Meister sein, um zu so etwas fähig zu sein und zu wissen, mit wem man das machen kann und mit wem nicht. Für manche Menschen wäre es hilfreich, andere wären sehr aufgebracht. Man muss also sehr offen und bereit sein und dann mit Hilfe eines geschickten Lehrers selbst erkennen, was die Übertreibung bzw. die Projektion ist. Es ist sehr schwierig für einen Lehrer, wirklich zu wissen, wer für eine bestimmte Methode bereit ist und wer nicht. Dafür muss man die Projektionen loswerden. Aber es ist ausgesprochen schwierig, zwischen Projektion und Realität zu unterscheiden, weil sich die Projektion so real anfühlt, und nicht nur das – wir reagieren auch sehr emotional darauf.

Wenn ich denken würde, das alles eine Projektion ist, könnte das doch vielleicht gefährlich sein. Ich könnte leichtsinnig werden und mögliche Gefahren für Projektionen halten.

Deswegen habe ich das Beispiel mit dem Skorpion angeführt. Man hört auf zu projizieren, dass das ein Monster ist, aber das Tier ist gefährlich und deswegen sieht man sich gut vor. Wie gesagt – und ich denke, es ist wichtig, dass immer wieder zu betonen -: Leerheit negiert nicht alles bzw. macht nicht alles ungültig. Was wir beseitigen, ist nur die Projektion dessen, was nicht real ist – die Projektion von etwas, das es unmöglich geben kann.

Wenn ich all die Probleme erkenne, die mit Projektionen verbunden sind, insbesondere in Beziehungen, kann ich versuchen, sie meinerseits zu verringern, aber die Projektionen der anderen Menschen sind immer noch vorhanden. Jemand könnte zu mir sagen: „Sie sind die schlimmste Person, die ich kenne“, aber selbst wenn ich dann nicht projiziere „ich Armer“ und erkenne: „Das ist eine Projektion des anderen“ – wie soll ich damit umgehen?

Ich denke, es war der Buddha, der einmal gesagt hat: „Wenn jemand Ihnen ein Geschenk geben möchte und Sie es nicht akzeptieren – wer hat dann das Geschenk?“ Die Person, die es vergeben möchte, hat es immer noch in ihrer eigenen Hand; niemand hat es angenommen. Wenn jemand etwas auf Sie projiziert, ist es natürlich sehr schwierig, ihn dazu zu bringen, mit der Projektion aufzuhören, aber zumindest von ihrer Seite aus nehmen Sie es nicht an und reagieren nicht entsprechend.

Worum es geht, ist – lassen Sie uns ein Beispiel verwenden, statt theoretisch darüber zu sprechen: Nehmen wir an, wir seien in einer Beziehung und die andere Person sagt. „Du liebst mich nicht.“ Möglicherweise stimmt das, vielleicht lieben Sie sie nicht, aber lassen Sie uns annehmen, das wäre nicht wahr. Nun können Sie sagen: „Aber das stimmt nicht.“ Doch sie können das sagen, indem Sie sich mächtig aufregen, oder Sie können das sagen, indem sie recht gelassen bleiben. Den Vorwurf anzunehmen bedeutet nicht, dass wir meinen: „Ja, du hast recht, ich liebe dich nicht.“ Annehmen heißt in diesem Fall vielmehr, sich aufzuregen, sich zu ärgern, sich unsicher zu fühlen oder irgendetwas in der Art. Das ist es, was wir loswerden wollen.

Etwas nicht zu akzeptieren bedeutet hier also, sich nicht emotional darin verwickeln zu lassen und darüber aufzuregen. Jemand sagt etwas, und es gibt viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Wenn man ganz ruhig dabei bleibt, kann man untersuchen: „Gibt es eine Grundlage für diese Aussage? Schenke ich ihm oder ihr nicht genügend Beachtung, oder was ist los?“ Wenn man meint, dass die andere Person vernünftig ist, kann man mit ihr darüber reden und eventuell überlegen, ob es vielleicht einen wahren Anteil daran gibt und einen Anteil, der nicht wahr ist.

Nur als Randbemerkung, die aber in solchen Situationen recht hilfreich sein kann, sei es wenn jemand etwas auf uns projiziert oder wir etwas auf jemand anderen projizieren: Es kann nützlich sein, sich das so ähnlich wie verschiedene Geldwährungen vorzustellen. Jemand möchte in einer bestimmten Währung bezahlt werden, z.B. in Euro, und wir sagen: „Tut mir leid, ich habe keine Euros, aber ich kann dir Dollars geben.“ Wichtig ist, dass beide erkennen, dass man Liebe auf verschiedene Arten zum Ausdruck bringen kann. „Vielleicht kann ich sie nicht so zeigen, wie Du es gern hättest, aber ich kann sie dir in einer anderen Währung geben: Das ist die Art, wie ich meine Liebe und Zuneigung zum Ausdruck bringe.“ Man zeigt auf: „Doch, ich liebe dich, ich habe dies, das und jenes getan – das ist meine Art, Liebe zu zeigen.“ Oder umgekehrt: Wenn die andere Person uns nicht die Dollars gibt, die wir möchten, sondern uns Euros gibt, müssen wir erkennen, dass sie eine andere Währung verwendet. Das ist sehr hilfreich. Es können auch Rupien oder Lira sein, die keine gültige Währung mehr sind, aber sie sind das, was die andere Person zur Verfügung hat.

Worauf es ankommt, ist, sich nicht pathetisch aufzuregen über ihre Projektionen – auf dieser Ebene akzeptiert man sie also nicht -, aber man befasst sich damit, weil es das ist, was die andere Person projiziert. Das ist es, was sie empfindet, also beschäftigen wir uns damit, jedoch auf vernünftige Weise. Manchmal muss man allerdings mit einer anderen Person umgehen wie mit einem kleinen Kind – das, wenn man ihm sagt, es ist Schlafenszeit, schreit: „Ich hasse dich, ich hasse dich!“

Das ist natürlich eine Projektion – aber nehmen wir das ernst und glauben: „Oooh, es hasst mich“ ? Eher nicht, wir denken vielmehr: „Wird wirklich Zeit, das Kind ins Bett zu bringen.“ Manchmal ist es nicht die richtige Zeit, mit der anderen Person weiter darüber zu reden und man wartet besser bis zum nächsten Tag. In solchen Situationen kann man sagen: „Schau, das ist jetzt eine gefühlsmäßig sehr explosive Stimmung und momentan stark aufgeladen. Vielleicht ist das nicht der beste Zeitpunkt, darüber zu reden. Lass uns damit bis morgen warten.“ In diesem Sinne bringt man sozusagen das Kind zu Bett und redet über die Angelegenheit, wenn die andere Person sich etwas beruhigt hat.

Wenn durch das Verständnis der Leerheit das „Ich“ auseinanderfällt, wer versteht dann die Leerheit?

Es ist nicht so, dass das „Ich“ auseinanderfällt. Was auseinanderfällt, ist die Übertreibung der Art und Weise, wie das „Ich“ existiert.

Es gibt also eine innewohnende Existenz des „Ich“?

Da besteht jetzt ein Problem mit der Fachterminologie, deswegen bin ich nicht ganz sicher, was sie mit einer „innewohnenden Existenz des ‚Ich‘“ meinen. Wenn es sich um den Glauben an eine unmögliche Existenzweise des „Ich“ handelt, so gilt: Wenn der verschwunden ist, bleibt das übrig, was „das konventionelle Ich“ genannt wird. Ich sitze hier, ich rede mit Ihnen, Sie stellen eine Frage – all das geschieht weiterhin. Ich höre Ihnen zu; es ist ja nicht so, dass derjenige, der ihnen zuhört, jemand anders wäre. Und Sie sind es, der die Frage gestellt hat, und nicht jemand anders.

Wenn das Problem darin besteht, dass man an dem „Ich“ hängt, und ich dann an dieses „konventionelle Ich“ glaube, kann es passieren, dass ich dann an dem konventionellen Ich wiederum hänge?

Wer hängt denn dann an dem „konventionellen Ich“? Ist das jemand anders? Gibt es da zwei Leute: „mich“ und „das konventionelle Ich“?

Wenn es ein „Ich“ gibt, kann ich Angst haben zu sterben.

Wissen Sie, was ich in dieser Einführung ein bisschen aufzeigen wollte, ist, dass es ganz wichtig ist, zu studieren, Anweisungen zu erhalten, eine Menge nachzudenken und uns hinreichend zu öffnen, um verstehen zu können, worin eigentlich die Projektion besteht; was es ist, das unmöglich ist, und was es ist, das möglich ist. Wenn wir keine ganz klare und präzise Vorstellung davon haben, was möglich und was unmöglich ist, dann besteht die Gefahr, dass wir entweder zu viel oder zu wenig negieren.

Wir haben es hier mit sehr subtilen Themen zu tun, mit höchst subtilen Angelegenheiten. Wenn man sich einfach hinsetzt und ohne Anleitung selbst versucht, so etwas zu erkennen, erkennt man es vielleicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass man ziemlich lange dasitzen wird und es nicht richtig erfasst. Doch wenn man das konventionelle „Ich“ und die Art und Weise, wie es tatsächlich existiert, korrekt erkennt und das ganze „Fett“ der Übertreibung, d.h. das, was nicht existiert, was unmöglich existieren kann, wegschneidet, dann gibt es keinen Grund, Angst vor dem Tod zu haben. Es gibt keinen Grund, an etwas zu hängen. Das Problem ist verschwunden. Die Ursache des Problems ist verschwunden, deswegen ist das Problem verschwunden. Wenn man sich immer noch vor dem Tod fürchtet, hat man die Leerheit nicht tiefgehend genug verstanden.

Deswegen bin ich ja hier.

Das ist ausgezeichnet – das heißt, Sie fürchten sich vor dem Tod. Das ist eine ganz ernstzunehmende Furcht, die die meisten Menschen haben, und es ist sehr wichtig, sich damit zu befassen. Es ist also sehr gut, sich damit auseinanderzusetzen und zu versuchen, sich damit zu beschäftigen, denn viele Leute verdrängen den Tod und wollen nicht daran denken, wollen sich überhaupt nicht damit befassen, und dann sind sie am Ende ihres Lebens völlig entsetzt.

Sie sagten, dass negative Projektionen in positive Projektionen umgewandelt werden können. Aber dann sind es immer noch Projektionen. Ist es dann nicht besser, sich auf die Absicht und die Motivation zu konzentrieren?

Die Absicht und die Motivation sind ungeachtet dessen wichtig, welche Methode wir benutzen, um mit dem Problem umzugehen. Intention und Motivation sind das, womit wir beginnen, wenn wir uns mit einem Problem befassen, aber dann müssen wir eine Methode verwenden. Wenn wir zum Beispiel auf jemanden treffen, der einen Unfall hatte und auf der Straße liegt, können wir die Motivation, das Mitgefühl und die Absicht haben, ihm zu helfen, aber das reicht nicht. Wir könnten die Einstellung haben zu projizieren: „Das ist zu entsetzlich und ich kann damit nicht umgehen – soviel Blut, das ist so schrecklich“ und ziemlich ausrasten. Obwohl wir helfen möchten, können wir es nicht, weil wir zu emotional aufgeladen und aufgeregt sind und Angst haben.

Aber wenn wir die Projektion verändern: „Wie wäre es, wenn ich da liegen würde? Ich würde mir natürlich wünschen, dass jemand mir hilft und nicht einfach ausrastet“, oder: „Wenn das jetzt mein Kind wäre, wäre es ganz egal, wie das aussieht – ich würde etwas tun.“ Aber wie gesagt, das ist nicht die am tiefsten greifende Lösung. Das Beste ist, überhaupt nichts zu projizieren. Wir haben die Motivation, wir haben die Absicht, und dann gehen wir mit der Situation um. Wir schauen, was wir tun können und was nicht, und vielleicht ist es am besten, einen Arzt zu holen.

Lassen Sie uns nun mit einer Widmung schließen. Die Widmung am Ende ist sehr wichtig. Ich führe dafür oft das Beispiel eines Computers an – Sie sind ja gewohnt, mit Computern umzugehen. Wir schreiben einen Text und anschließend wollen wir ihn abspeichern. Wenn wir nichts anderes eingeben, tritt die Standardeinstellung in Funktion – und die Standardeinstellung ist, dass alles Verständnis bzw. alle positive Kraft, die entstanden ist, in den Ordner „Samsara“ gelangt, d.h. Samsara verbessert. Sie wird automatisch dorthin geleitet, wenn wir am Ende nichts anderes angeben – keine Widmung anschließen.

Was wir möchten, ist, dass die positive Kraft nicht in den Ordner „Samsara“ geleitet wird, und deshalb drücken wir die Taste mit der Widmung und leiten die entstandene Kraft in den Ordner „Erleuchtung“: „Möge sie als Ursache dafür wirken, Erleuchtung zu erreichen“ – und das wird nur geschehen, wenn wir sie widmen. Wenn nicht, wird sie bloß dazu führen dass wir, sagen wir, eine nette, interessante Unterhaltung über all das führen, wenn wir z.B. mit jemandem Kaffee trinken. Sie bewirkt eine nette samsarische Situation, aber sie führt nicht zu Befreiung oder Erleuchtung. Mit der Widmung leiten wie sie in den Ordner „Erleuchtung“ und sichern sie dort.

Unser Computer arbeitet jedoch nicht einfach mittels Sprachbefehlen – wir können nicht einfach die Worte „Möge das als Ursache dafür wirken, Erleuchtung zum Wohle aller zu erlangen“ rezitieren, sondern wir müssen tatsächlich die Tasten bedienen, d.h. es innerlich wirklich ganz stark beabsichtigen und wünschen, sodass eine gewisse Energiebewegung stattfindet und nicht nur Wörter.

Also in diesem Sinne: Möge jegliche positive Kraft – das ist übrigens die Übersetzung, die ich statt „Verdienst“ verwende; Verdienst klingt immer so wie bei den Pfadfindern, wo man eine Ehrennadel bekommt, wenn man genügend Punkte erreicht hat, deswegen gefällt mir das Wort „Verdienst“ nicht – also: Möge jegliche positive Kraft und jegliches Verständnis, die aus all dem entstanden sind, als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Erleuchtung zu erlangen.

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